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„Bindungen“ – Der Orden: Buch 2

Kapitel 1

Pläne

Tyront warf dem jüngeren Mann gegenüber einen Blick zu und brachte die volle, leicht ergrauende Mähne mit seinem nachsichtigen Kopfschütteln zum Tanzen. “Du warst in den letzten Tagen sehr gut gelaunt. Das hat nicht zufällig etwas mit der Abreise eines gewissen Botschafters zu tun?”, lachte er leise.

Enric lächelte schwach und streckte seine langen Beine aus, bevor er seine Knöchel überkreuzte. “Willst du damit andeuten, ich würde die großartigen Chancen, die der Besuch der Delegation dem Königreich eröffnet, nicht schätzen? Das würde bedeuten, dass meine Gesinnung eher unpatriotisch wäre.”

“Nein, mein Junge, ich will damit nur sagen, dass du erleichtert bist, dass er nicht länger versuchen kann, deine Gefährtin von dir wegzulocken.”

Die durchdringenden blauen Augen des jüngeren Mannes verengten sich missbilligend. “Du denkst also, ich hätte befürchtet, er wäre schlussendlich erfolgreich gewesen?”

“Vielleicht hätte er es nicht geschafft, sie wegzulocken, aber womöglich sehr wohl, sie von hier wegzubringen. Ich bezweifle, dass sie freiwillig von hier fortgegangen wäre. Du scheinst ihr ans Herz gewachsen zu sein. Mir ist aufgefallen, dass sie jetzt wesentlich entspannter ist, wenn du sie berührst.”

“Ja, das ist sie. Und das war harte Arbeit. Ich habe sie mehr oder weniger mürbe gemacht”, antwortete Enric mit einem trägen Lächeln, froh darüber, dass sich die Unterhaltung nicht länger um den Botschafter drehte.

Tyront grinste. “Wie hinterhältig. Was führt sie derzeit im Schilde? Das Heilergebäude ist noch nicht fertig, also kann sie dort derzeit weder heilen noch unterrichten. Weißt du, ob sie den jungen Rolan bereits kontaktiert hat?”

“Sie hat erwähnt, dass sie über eine Expedition zum Unterweisen der Kräutersammler nachdenkt. Sie will ihnen beibringen, nach welchen Pflanzen sie suchen sollen, wo sie zu finden sind und wie man damit umgeht, nachdem man sie gefunden hat. Sie wird ihren Assistenten womöglich anweisen, sich diesbezüglich um ein paar organisatorische Angelegenheiten zu kümmern.”

“Du wirkst von dieser Idee nicht allzu begeistert. Ich persönlich denke, dass es eine sinnvolle Verwendung ihrer Zeit wäre, bis sie mit der Nutzung des Gebäudes beginnen kann.”

Enric seufzte. “Ja, ich weiß. Allerdings passt mir der Gedanke, dass sie die Stadt mit einem Haufen Fremder für einige Tage verlässt, ganz und gar nicht. Ich habe angedeutet, dass ich sie begleiten könnte, aber sie hat es als Scherz abgetan und nur gelacht.” Er schüttelte den Kopf. “Könnte ich mit einer offiziellen Anordnung dafür sorgen, dass sie hierbleibt? Würdest du mich dabei unterstützen? Es würde immerhin bedeuten, dass sie ihr Kampftraining und ihre Studien für einige Zeit vernachlässigt.”

Tyront sah ihn ungläubig an. “Soll das dein Ernst sein? Ich kann dich bei so einer Sache nicht unterstützen. Und ich würde sagen, es ist gut, wenn du sie zur Abwechslung etwas allein machen lässt. Sie ist eine fähige junge Frau. Es wird Zeit für sie, etwas anzupacken, ohne dass du ständig bereitstehst, um alles geradezubiegen, das schiefgeht. Oder du sogar von vorneherein verhinderst, dass etwas schiefläuft.”

“Ich tue nichts dergleichen”, erwiderte Enric in dem vollen Bewusstsein, dass er es doch tat.

“Ach nein? Und was ist mit den Magiern, die du zur Baustelle ihres Gebäudes geschickt hast, um sicherzugehen, dass es rechtzeitig fertig wird? Und mit den Verhandlungen mit den Apothekern, zu denen du sie begleiten wolltest?” Tyronts Augen verengten sich. “Ist es möglich, dass du versuchst, ihr zu zeigen, dass sich ihre Erfolgschancen erhöhen, wenn du in der Nähe bist? Kann es sein, dass du tatsächlich so verzweifelt bist?”

Der jüngere Magier wirkte leicht gereizt. “Warst nicht du derjenige, der gepredigt hat, dass ein Anführer auch gleichzeitig ein Mentor sein sollte?”

“Was du betreibst, hat nichts mit der Aufgabe eines Mentors zu tun. Es dient lediglich deinen eigenen persönlichen Zielen anstatt denen deines Protegés”, antwortete der ältere Mann mit hochgezogenen Brauen.

“Das klingt für mich, als wärst du dafür, dass sie etwas ohne meine Hilfe zuwege bringt. Und du wirst ihr somit auch die Erlaubnis für ihre Kräutersammlerexpedition erteilen.”

“Ja. Wenn die Details halbwegs vernünftig sind, werde ich ihr keine Steine in den Weg legen”, sagte er. “Auch wenn es dir fast das Herz bricht, ein paar Tage auf sie verzichten zu müssen.”

“Wie nett. Zuerst drangsalierst du mich jahrelang, damit ich mir endlich ein nettes Mädchen suche, und wenn ich es dann tue, verspottest du mich, weil ich an ihr hänge.” Enric schüttelte den Kopf. “Mir hätte klar sein sollen, dass man es dir nicht recht machen kann.”

Tyront lächelte. “Ich bin sehr zufrieden, glaube mir. Dass du dich in sie verliebt hast, war ein Glücksfall für uns alle. Aber es tröstet mich zu sehen, dass sie dich auf Trab hält. Ein Mann in deiner Position hat eine Menge gefügiger Frauen zur Auswahl. Somit ist die Versuchung, eine auszuwählen, die dir jeden Wunsch von den Augen abliest, auf jeden Fall da. Aber auf lange Sicht ist eine weniger fügsame Partnerin stimulierender.”

“Ja, ich wette, das ist die eine Sache, an der es mir wahrscheinlich niemals mangeln wird: Stimulation”, sagte Enric mit einem schiefen Grinsen. Dann wurde er wieder ernst. “Wie sieht es mit dem Bericht über die Ergebnisse der Verhandlungen mit der Delegation aus? Hat Marrin ihn schon übermittelt? Ich freue mich schon darauf, ihn zu lesen. Ich bin neugierig, worauf man sich geeinigt hat. Warum genau nochmal war der Orden nicht an den Gesprächen beteiligt?”

“Weil es vorwiegend um Handelsangelegenheiten ging, und das ist keiner der Fach- oder Verantwortungsbereiche des Ordens.”

“Ah ja, die Krieger werden nur eingeladen, wenn die Handelsgespräche fehlschlagen und wir ihnen die Köpfe einschlagen sollen”, erwiderte Enric säuerlich.

“Sieh dich nur an… Es steckt also doch ein wenig von deinem Vater in dir. Verspürst du den Drang, zu deinen Wurzeln zurückzukehren – ein Kaufmann zu sein und Verträge auszuhandeln?”

Der jüngere Mann verzog das Gesicht bei der Erwähnung seines Vaters. “Kaum. Sag mir bloß nicht, dass du glücklich darüber bist, dass wir außen vor gelassen wurden? Es gibt wertvolles Wissen über Magie in den Westlichen Territorien, also sehe ich nicht ein, warum wir nicht berechtigt waren, an den Verhandlungen teilzunehmen.”

“Ich denke, du überschätzt den Fortschritt und die Tiefe der Gespräche. Es ging größtenteils darum, eine vorläufige Handels- und Nachrichtenstruktur zu etablieren, Informationen über verfügbare Handelsgüter auszutauschen sowie einen Wechselkurs für die Währungen festzulegen.”

Enric grinste. “Sie haben es also nicht wirklich geschafft, dich ganz auszuschließen, nicht wahr?” Er lehnte sich nach vorne. “Ich frage mich, wer dein Informant ist. Aber das wirst du mir natürlich nicht sagen.”

Tyront hob seine Schultern. “Natürlich nicht. Geh und such dir deine eigenen Agenten in nützlichen Positionen.”

Als es an der Tür klopfte, blickten sie auf. Ein Diener überreichte seinem Herrn eine gefaltete Nachricht. Der ältere Mann drehte sie um und warf einen Blick auf das Siegel.

“Ah, ja. Ich sehe, dass Eryn endlich ihr eigenes Siegel hat.” Einige Sekunden lang betrachtete er die geschwungenen Linien, die ein elegantes Ornament formten. “Interessant. Es erinnert mich an dein eigenes, was wohl kaum ein Zufall ist, wie ich vermute.”

“Nein, keineswegs. Ich habe Vern entsprechend instruiert, und er hat in Rekordzeit ein Design geliefert. Sehr nützlich, der Junge. Wir sollten ihn wirklich im Auge behalten. Ich schätze, sie hat dir die Anfrage für ihre Expedition geschickt?”

Tyront öffnete das Siegel, las und nickte kurz darauf. “Ja, in der Tat. Sie erbittet für zehn Tage Verpflegung für sich selbst, eine weitere Person und fünfzehn Kräutersammler.”

“Eine weitere Person?”

“Ja. Es scheint, als würde sie den jungen Vern mitnehmen wollen, damit er Zeichnungen für Dokumentationszwecke anfertigt. Sie erwähnt, dass sie ein Buch mit Anweisungen schreiben will, für das diese unverzichtbar wären.” Er warf einen Blick auf ein zweites Blatt Papier, das beigefügt war. “Sie hat sogar einen von Orrin unterzeichneten Brief mitgeschickt, in dem er zustimmt, seinen Sohn für die Dauer der Expedition in ihre Obhut zu übergeben. Ich mag diese kleinen Zeichen der Achtsamkeit.” Er las den Brief erneut. “Seltsam, sie hat keine Diener für die Reise angefordert. Ich gehe nicht davon aus, dass sie beabsichtigt, für all diese Leute jeden Abend das Lager vorzubereiten und zu kochen. Also werde ich zwei weitere Leute bewilligen, die sich darum kümmern.”

Enric lächelte, als ihm eine Idee kam. “Schick Plia, das Waisenmädchen aus der Küche, mit. Eryn hatte in den letzten Wochen kaum Gelegenheit, Zeit mit ihr zu verbringen, und ich weiß, dass sie sich deswegen schlecht fühlt.”

“Plia, das Küchenmädchen, geht in Ordnung.” Tyront machte sich eine Notiz. “Irgendwelche Vorlieben bezüglich der zweiten Person?”

“Nein, nicht wirklich. Aber es sollte jemand sein, der schwer heben kann und kein Problem damit hat, die Befehle einer Frau zu befolgen.”

“Nun, letzteres würde dich ohnehin ausschließen”, sagte Tyront mit einem dünnen Lächeln. “Ich habe immerhin Jahre gebraucht, bis du Befehle vom König angenommen hast. Siehst du? Es wäre vollkommen sinnlos, wenn du sie begleiten würdest.”

* * *

Eryn klopfte an die Tür zu Orrins Quartier und lächelte, als Junar öffnete.

“Hallo. Ich laufe dir hier in letzter Zeit immer öfter über den Weg. Warum machst du dir überhaupt noch die Mühe, nach Hause zu gehen?”, grinste sie.

“Weil ich eine unabhängige Frau mit meinem eigenen Einkommen bin und meinem Liebhaber nicht auf der Tasche liegen will – deshalb”, erklärte Junar mit gespieltem Hochmut.

“Liebhaber.” Eryn schüttelte den Kopf, zog eine Grimasse und betrachtete die zierliche Frau vor sich, deren Erscheinungsbild in ihrem fließenden Kleid so viel weiblicher war als der nüchterne Stil, den sie selbst bevorzugte: Hose und Tunika und eilig geflochtene Haare, die ihren Rücken hinabhingen. “Ich habe noch immer Probleme damit, Orrin mit diesem Begriff in Verbindung zu bringen.”

“Gut”, sagte die Schneiderin. “Ich würde auch nicht wollen, dass du auf diese Weise an ihn denkst.”

“Da besteht keine Gefahr, Süße. Er gehört ganz dir. Ist der Sechzehnjährige meines Herzens in der Nähe? Ich habe gute Nachrichten für ihn.”

“Er ist in seinem Zimmer mit seiner Nase in einem Buch. So wie immer, wenn er nicht gerade irgendeinen Körperteil zeichnet, den kein normaler Mensch identifizieren kann. Sei vorsichtig mit diesem Monster, das du mitgebracht hast. Es hat ein garstiges Gemüt.”

Eryn runzelte die Stirn. “Monster? Meinst du den Kater, den ich hergebracht habe, damit er übt, wie man Weichteilgewebe repariert? Er ist noch immer hier? Warum? Er sagte mir, dass er ihn nur noch füttern und dann wieder freilassen wollte. Das war vor mehr als einer Woche!”

Junar nickte ernst. “Ja, das war der ursprüngliche Plan. Aber irgendwie hat es die Bestie geschafft, Vern einer Gehirnwäsche zu unterziehen, sodass er sie jetzt behält. Sie schläft jetzt in seinem Bett, isst übriggebliebenes Fleisch und pinkelt auf alles, was irgendwie teuer aussieht.”

“Meine Güte”, sagte Eryn und verzog mitleidig das Gesicht. Sie fühlte sich ein wenig schuldig. “Soll ich mit ihm darüber reden?”

Junar seufzte. “Nein, das ist Orrins Problem, also soll er sich darum kümmern. Sein Sohn, sein Quartier, seine Verantwortung. Allerdings befürchte ich, dass irgendwann kein Diener mehr einwilligen wird, sein Quartier zu reinigen. Stinkende, nasse, tropfende Gegenstände wegzuräumen oder vom Verursacher attackiert zu werden, ist kaum ein Anreiz, hier zu arbeiten.”

Eryn biss sich auf die Lippe. “Und jetzt ist der Kater in seinem Zimmer? Wohin ich gehen soll?”

“Du hast ihn eingefangen, also weißt du offensichtlich, wie du mit ihm umgehen musst. Und du kannst dich mit einem Schild schützen. Worin genau liegt die Gefahr für dich?”

“Nun, ihn einzufangen war nicht wirklich eine Angelegenheit, die für mich mit großer persönlicher Gefahr verbunden war”, gab sie zu. “Ich habe ihn im Grunde betäubt und über meiner Schulter hergetragen. Er könnte sich daran erinnern und sich an mir rächen.”

Junar warf ihr einen spöttischen Blick zu. “Du hast den Kater mit Magie ausgeschaltet, um ihn zu fangen? Das war wahrlich ein heroischer Akt. Es ist ja nicht so, als wärst du um ein Vielfaches größer als die arme Kreatur.”

“Geh du einmal da hinaus und versuch, eines dieser durchtriebenen Biester mit deinen nackten Händen zu fangen, dann reden wir weiter”, schoss Eryn zurück. “Die haben Krallen. Und Zähne. Und sind blitzschnell. Hab ich die Krallen erwähnt? Wahrhaftige Dolche, sage ich dir. Und plötzlich ist es eine arme Kreatur? Vor einer Minute hast du noch von einem Monster gesprochen!”

“Sagt die Frau, die sich selbst sofort heilen kann. Ich habe noch nichts gehört, das deine Angst, dort hineinzugehen, rechtfertigen würde. Also ab mit dir. Sonst muss ich dich an deinem Ohr hineinziehen”, grinste die Schneiderin.

Eryn richtete sich auf. “In Ordnung. Ich fürchte mich nicht vor einem Kater. Ich fürchte mich nicht vor einem Kater. Ich kann ihn wieder betäuben, falls nötig…” Sie klopfte an Verns Tür und öffnete sie, als er etwas Unverständliches grummelte.

Er war über ein Buch auf seinem Schreibtisch gebeugt, und die Spitzen seiner zu langen Stirnfransen berührten fast das Papier. Der enorme, rote Kater war auf seinem Bett zusammengerollt und öffnete bei ihrem Eintreten ein Auge. Seine Schwanzspitze zuckte in einer kaum wahrnehmbaren Bewegung, versprach aber dennoch Schmerzen, falls eine sorglose Person sich unangemessene Freiheiten herausnahm – wie beispielsweise, ihm zu nahe zu kommen.

“Gute Nachrichten”, kündigte sie vergnügt an. “Die Expedition ist bewilligt worden! In nicht mehr als drei Wochen brechen wir zu zehn Tagen Wildnis und Kräutersammeln auf!”

Vern blickte auf, blinzelte ein paarmal, um die Welt der Hautkrankheiten hinter sich zu lassen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

“Das ist großartig”, grinste er dann. “Ich hätte nicht gedacht, dass dich Lord Enric wirklich fortgehen lässt.”

“Was soll das denn heißen?” schnaubte sie entrüstet. “Ich bin eine erwachsene Frau und eine wichtige Person in diesem verfluchten Orden. Natürlich lässt er mich gehen!” Sie erwähnte nicht, dass Enric mehrmals versucht hatte, sie davon abzubringen, angedeutet hatte, sie begleiten zu wollen und sehr wahrscheinlich Agenten angeheuert hatte, um sie im Auge zu behalten. Das würde bedeuten, dass Vern Recht hatte, und das wäre einfach nicht richtig. Wenngleich das grundsätzlich der Fall war.

“Wann reisen wir nochmal ab?”, fragte der Junge und rieb sich die Hände.

“In drei Wochen. Es ist vorher noch einiges zu planen, und ich schätze, das ist eine gute Gelegenheit für meinen neuen Assistenten, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Auch wenn das offiziell erst in ein paar Wochen geplant war. Aber ich denke, es ist eine gute Idee, jemanden hier zu haben, der sich um die Dinge kümmert, solange ich weg bin. Ich werde ihm also schonend beibringen, dass er früher als geplant starten muss. Er wird begeistert sein”, fügte sie trocken hinzu.

Vern grinste breit. “Hey, wenn du ihn nicht wieder dorthin trittst, wo es am meisten wehtut, habt ihr einen besseren Start als beim letzten Mal.”

“Großartig. Warum genau nehme ich dich nochmal mit, damit ich dich dann den ganzen Tag um mich habe?”

“Weil du jemanden brauchst, der gut zeichnen kann. Und es scheint, als wären meine Fähigkeiten in der Stadt beispiellos”, erwiderte er selbstgefällig.

“Ja, genau. Ich wusste, dass es einen guten Grund geben muss, warum ich willens bin, mir das anzutun.”

“Würdest du lieber Rolan mitnehmen? Er könnte eine Doppelfunktion als dein Diener übernehmen”, meinte der Junge mit einem boshaften Grinsen.

“Halt die Klappe oder du wirst die Doppelfunktion als mein Diener übernehmen”, drohte sie sanft. “Das würde Plias Arbeit zweifellos erleichtern.”

“Plia kommt auch mit?”, lächelte Vern. “Wunderbar. Es wird nett sein, zumindest ein freundliches weibliches Gesicht dabeizuhaben.”

“Willst du damit sagen, dass mein Gesicht nicht freundlich ist?”

“Ernsthaft, wirfst du nach dem Aufstehen niemals einen Blick in den Spiegel? Ich frage mich, wie Lord Enric das aushält.”

Sie sah ihn an und seufzte. “Weißt du, ich beginne mich zu fragen, wie schwer Zeichnen wirklich sein kann. Vielleicht könnte ich es innerhalb von drei Wochen erlernen.”

“Nur zu, versuch es”, grinste er. “Du wirst zu mir zurückkehren und mich auf Knien anflehen, dich zu begleiten.”

Sie seufzte. “Ja, wahrscheinlich.” Als sie sich anschickte, sich auf sein Bett zu setzen, warnte sie ein leises Knurren, das lieber noch einmal zu überdenken. “Warum ist der Kater noch immer hier? Ich dachte, du wolltest ihn nach dem Aufwachen nur füttern, um dein schlechtes Gewissen zu beruhigen und ihn dann wieder loswerden? Er sieht ziemlich wild aus. Hat er schon jemanden gefressen?”

Vern sah verletzt aus. “Ram’an, so etwas würdest du niemals tun, nicht wahr?”, gurrte er und liebkoste den Kater hinter einem Ohr, ohne dabei gebissen, gekratzt oder sonst irgendwie verletzt zu werden.

Eryn zog eine Braue hoch. “Du hast den Kater nach dem Botschafter benannt? Wirklich? Das ist schräg, sogar für deine Verhältnisse.”

“Warum? Ich mag den Botschafter. Ich weiß, dass du irgendeine Auseinandersetzung mit ihm hattest, aber das ist geklärt, oder? Es ist also nicht illoyal von mir, wenn ich seinen Namen für den Kater verwende.”

Sie seufzte. “Nein, nicht wirklich. Ich bin nur verwundert darüber, dass du ihn behalten hast. Ich meine, er ist ein Straßenkater, und Junar hat erwähnt, dass er herumpinkelt.”

“Das ist eine krasse Übertreibung. Das war nur, weil Ram’an keine Toilette hatte.”

“Und jetzt hat er eine?”

“Ja, er hat eine Kiste mit Sägespänen. Und er benutzt sie auch. Er pinkelt nur auf Vaters Schuhe, wenn er aufgebracht ist.”

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. “Ich muss wirklich vorsichtiger sein, was ich für deinen Unterricht verwende. Wenn ich dich anweise ein Pferd zu heilen, wird das dann auch in deinem Zimmer landen? Und wer soll sich um diese Bestie kümmern, während du auf der Expedition bist? Wenn er andere Leute ebenso freundlich behandelt wie mich, wird sich ihm niemand nähern wollen.”

“Ach, das ist kein Problem”, winkte Vern ab. “Er braucht nur zweimal pro Tag sein Futter und seine Kiste einmal pro Tag gereinigt. Die Diener können das machen. Er schläft meistens, also wird er niemanden belästigen. Es ist allerdings schade, dass wir im ersten Stock sind. Er kann so nicht durch das Fenster hinaus und wieder herein.”

“Hast du es versucht?”

“Habe ich was versucht?”

“Das Fenster offenzulassen, du Genie. Darunter ist ein Vorsprung, der um das gesamte Gebäude herum verläuft. Er könnte einen Weg hinunter und wieder herauf finden. Du wärst erstaunt, was manche dieser kleinen Kerle zuwege bringen.”

Vern betrachtete den Kater zweifelnd. “Ich weiß nicht. Er könnte weglaufen und nie wieder zurückkehren.”

Kaum, dachte Eryn. Warum sollte er zwei Mahlzeiten am Tag und einen warmen Schlafplatz aufgeben? Aber sie sagte stattdessen: “Du würdest ihn doch nicht hier festhalten wollen, wenn er nicht bleiben will, oder? Ich muss dir wohl kaum sagen, was ich davon halte, jemanden gefangen zu halten, oder doch?”

Er seufzte. “In Ordnung. Ich werde es versuchen. Ich verspreche es.”

Gut, dachte sie. Mit ein wenig Glück würde der Kater den Weg zurück nach oben nicht mehr finden, und Orrin würde ihr irgendwann die tierischen Attacken auf seine Schuhe verzeihen.

“So, ich muss jetzt los, um meinen neuen Assistenten zu finden.” Sie pflasterte ein breites, künstliches Lächeln auf ihr Gesicht. “Das wird so ein Spaß.”

* * *

Sie fragte sich, was wohl der beste Ort war, um Rolan zu treffen. In ihrem Quartier? Nicht gut, sie hatte dort nicht wirklich ein Arbeitszimmer. Und das von Enric zu benutzen, war absolut keine Option. Obwohl sie wusste, dass er es ihr mehr als bereitwillig zur Verfügung stellen würde, fühlte es sich einfach nicht richtig an. Der Salon war zu formlos, und das Gästezimmer war nicht mehr als eine Sammlung von Büchern und Dokumenten. Sie würden auf dem Bett sitzen müssen, und das war alles andere als angemessen.

Was für ein Ärgernis, dass das Heilergebäude noch nicht fertig war. Sie entschied, dass sie Lord Tyront fragen würde, ob sie einen der Besprechungsräume, den der Orden zur Verfügung hatte, benutzen konnte. Das war offiziell – vielleicht ein wenig zu sehr – aber dagegen ließ sich derzeit nichts machen.

Sie zog ein Blatt Papier und einen Stift heran und kritzelte eine schnelle Notiz. Dann verschloss sie sie mit ihrem neuen Siegel und wies den Boten an, nach der Zustellung auf eine Antwort zu warten. Falls Lord Tyront gerade zuhause war, sollte es nur ein paar Minuten dauern, bis sie ihre Antwort hatte; ihre Quartiere waren nicht besonders weit voneinander entfernt.

Sie griff nach einem weiteren Blatt und begann, eine Nachricht an Rolan zu verfassen, um ihn zu sich zu rufen. Sie überlegte, was die beste Art war, das zu tun. Es wie eine Einladung zu formulieren, würde schwach wirken. Ein Befehl wäre wohl etwas harsch. Eine Bitte? Aber das würde die Möglichkeit einer Weigerung offen lassen, nicht wahr? Sie entschied sich schließlich, es wie einen Befehl, der es im Prinzip war, zu formulieren.

Ein Klopfen an der Tür brachte Lord Tyronts Antwort, in der er sie wissen ließ, dass es ihr freistand, jeden Besprechungsraum zu nutzen, den sie jetzt und in Zukunft für welchen Zweck auch immer als dienlich erachtete. Das war praktisch. Sie entschied sich, den Raum zu verwenden, den sie für ihre Verhandlungen mit den Apothekern kannte. Zumindest war er einfach zu finden.

Sie stellte die Nachricht an Rolan fertig. Sie instruierte ihn, sie in einer Stunde zu treffen und Stift und Papier mitzubringen, da dies sein erster Arbeitstag als ihr Assistent sein würde.

Es wäre eine Erleichterung, ihn den Großteil der Arbeit in Verbindung mit der Expedition erledigen zu lassen. Enric hatte sie wenig subtil darauf hingewiesen, dass er von ihr erwartete, dass sie einiges an Studien und Kampftraining, das sie vermissen würde, vorab erledigte. Das bedeutete noch mehr Stunden des Lesens und des Kämpfens zusätzlich zu ihren Heilerstunden mit Vern.

Aber sie war gewillt, das in Kauf zu nehmen für die Chance, zum ersten Mal seit zehn Monaten der beengten Stadt zu entfliehen. Sie hatte beinahe ihr ganzes Leben lang zwischen Bäumen gelebt, Kräuter gesammelt, in Teichen und Flüssen gebadet. Und nun war sie seit einiger Zeit schon auf einen Ort beschränkt, wo es nicht mehr als ein paar magere Bäume gab und einen Fluss, mit dem sie lieber keinen Kontakt riskieren wollte. Zumindest nicht mit dem Stück in und flussabwärts der Stadt. Wieder wirkliche Erde unter ihren Füßen zu spüren, das Rauschen des Windes in den Blättern über sich zu hören… Andererseits… mit sechzehn Männern im Freien zu schlafen, keine Sanitärräume, den Elementen ausgeliefert, ergänzte ein anderer Teil in ihr und wurde ärgerlich zum Schweigen gebracht.

Es schien, als hätte sie sich an den Luxus des Lebens in der Stadt gewöhnt, überlegte sie. Vielleicht war es höchste Zeit, wieder mit der Außenwelt in Verbindung zu treten, sich daran zu erinnern, dass es im Leben nicht nur um weiche Betten, reichliche Frühstückstabletts und heiße Bäder ging.

* * *

Sie wandte sich von dem hohen Fenster ab, als das laute Klopfen an der Tür durch das geräumige Besprechungszimmer mit der gewölbten Decke und dem ovalen Tisch mit den sechs unbequem aussehenden Stühlen hallte. Ein Diener öffnete die Tür, verbeugte sich und kündigte Rolan an.

Wie sie erwartet hatte, wirkte er nicht allzu erfreut darüber, ihr wieder zu begegnen. Ob das daran lag, dass er so unversehens herzitiert worden war oder an seiner neuen Position im Allgemeinen, konnte sie nicht sagen. Aber sie hatte sich das hier ebenfalls nicht ausgesucht, also würden sie beide sich wohl irgendwie damit arrangieren müssen. Sie war älter, weiser und damit reifer und bekleidete einen höheren Rang. Somit war sie wahrscheinlich diejenige, die dafür Sorge tragen musste, dass dies irgendwie funktionierte.

“Lady Eryn”, sagte er förmlich und verbeugte sich, als der Diener sie allein gelassen hatte. Er trug die übliche braune Robe der Magier. Seine blonden Haare reichten bis zu seinem Kragen und waren hinter seine Ohren zurückgestreift. Seine Haltung war steif, womöglich wegen seines Unmuts über seine neue Position, und er vermied den Blickkontakt mit Eryn, so gut er es vermochte. Er machte sich nicht die Mühe, die Tatsache zu verbergen, dass ihm das Treffen mit ihr keinerlei Vergnügen bereitete, sondern eine Störung war, die er zu erdulden hatte.

Er war zweiundzwanzig Jahre alt, überlegte sie. Nur sechs Jahre älter als Vern, aber wesentlich weiter fortgeschritten, was Zynismus und Missbilligung betraf. Nun, zumindest im Hinblick auf Missbilligung. Für einen Jungen seines Alters war Vern ungewöhnlich zynisch und sarkastisch.

“Rolan.” Sie nickte ihm zu, kam näher und bedeutete ihm, Platz zu nehmen, während sie selbst vorerst stehenbleiben würde. Sollte sie ihm dafür danken, dass er gekommen war? Es war nicht so, als hätte er in dieser Angelegenheit wirklich eine Wahl gehabt. Ihm zu danken, würde womöglich wie Spott wirken.

“Ich schätze es, dass du so kurzfristig gekommen bist”, sagte sie und entschied, dass es richtig klang. “Du wurdest darüber informiert, dass wir unsere Zusammenarbeit in ein paar Wochen beginnen sollten. Es hat sich aber bereits jetzt etwas ergeben, wo ich deine Hilfe benötige. Ich hoffe, das bereitet dir keine allzu großen Unannehmlichkeiten.”

“Nein”, erwiderte er steif und fand es offensichtlich immens unangenehm, hier sitzen zu müssen.

“Gut”, quittierte sie mit einem dünnen Lächeln. “Ich sehe, dass du Stift und Papier dabei hast.” Sie zeigte auf ihre eigenen Zettel, die sie mitgebracht hatte und schob sie auf dem Tisch in seine Richtung. “Die erste Aufgabe, bei der ich deine Unterstützung benötige, ist die Planung einer Expedition, die in drei Wochen losgehen soll. Ihr Zweck ist es, die…”

“Eine Expedition?”, unterbrach sie der junge Mann und legte die Stirn in Falten. “Ich habe keine Ahnung, wie man eine Expedition plant! Was soll ich denn da machen?”

“Zuerst einmal wirst du den Mund halten und mir zuhören, wenn ich rede”, erwiderte sie harsch. “Du könntest immerhin etwas Nützliches dabei lernen.”

Sie sah, wie er seine Lippen zu einer dünnen Linie zusammenpresste. Fabelhaft. Ihn zu rügen war definitiv kein guter Start.

“Wie ich dir gerade zu erklären versucht habe”, fuhr sie fort, “ist der Zweck dieser Expedition, die Kräutersammler zu unterrichten, wo man Pflanzen für Medizin und medizinische Behandlungen findet und wie man damit umgeht. Ich habe bereits mit ein paar von ihnen gesprochen und eine zehntägige Route festgelegt.” Sie beugte sich vor, hob ein Blatt hoch und schob es zu ihm. “Die blaue Linie auf dieser Karte zeigt den Weg, den ich festgelegt habe. Ich will, dass du das an dich nimmst und eine Akte mit allen für diese Reise erforderlichen Informationen zusammenstellst. Lass von allem eine Kopie anfertigen, damit jeder von uns beiden eine vollständige Version hat.”

Er zog das Papier an sich und betrachtete es mit einem Stirnrunzeln. “Das ist kompletter Unsinn.”

“Wie bitte?”, sagte sie eisig mit auf den Rücken gelegten Händen und wartete darauf, dass er aufsah.

“Bei den meisten der Plätze, die Ihr markiert habt, ist keinerlei Unterkunft in der Nähe. Wo habt Ihr denn die Nachtquartiere geplant?”

“Wir werden im Wald ein Lager errichten, Stadtjunge. Und wir müssen daran arbeiten, wie du deine Einwände künftig auf eine respektvollere Art und Weise kundtust”, fügte sie hinzu und stöhnte innerlich. Das klang sehr stark nach jemandem, den sie ständig beleidigt hatte. War sie dabei, sich in eine weibliche Version von Tyront zu verwandeln? Sicher nicht!

“Lass mich das anders ausdrücken”, sagte sie zuckersüß und beugte sich zu ihm hinab, während sie ihre Handflächen auf dem glatten, polierten Holz der Tischplatte abstützte. “Wenn du jemals wieder irgendetwas, das ich sage, als Unsinn bezeichnest, werde ich deinen jämmerlichen Hintern von hier bis zum Meer treten. Habe ich mich klar ausgedrückt?” Sie lächelte, als er nach einem Moment des Zögerns nickte. Gut. Das hatte sich schon viel eher nach ihr selbst angefühlt.

“Ausgezeichnet. Zurück du den Lagern. Da wir die meiste Zeit nicht in Tavernen bleiben werden, brauchen wir Zelte, länger haltbare Lebensmittel sowie Kochutensilien und vernünftige Kleidung für die Reise durch den Wald. Für die Nächte brauchen wir auch warme Decken. Es wird bereits wärmer, aber der Winter ist noch nicht vollständig vorbei. Zumindest sollten wir keinen Schnee haben. Hoffe ich.”

Sie sah zu, wie er die Punkte, die sie aufgezählt hatte, auf seinem Notizblock vermerkte und wartete, bis er fertig war. Dann setzte sie fort: “Dann brauchen wir Ausrüstung für das Verarbeiten und Aufbewahren der Kräuter. Ich habe hier schon eine Liste vorbereitet.”

Er nahm das zweite Blatt Papier wortlos in Empfang, betrachtete es und schnitt dann eine Grimasse.

“Was ist jetzt? Stimmst du meiner Auswahl nicht zu? Dann gehe ich davon aus, dass du über weitreichende Fachkenntnisse betreffend die Verarbeitung von Heilkräutern verfügen musst, um das beurteilen zu können?”, sagte sie mit scharfer Stimme und verschränkte die Arme.

Rolan warf ihr einen verärgerten Blick zu. “Dazu kann ich nichts sagen. Eure Handschrift zu entziffern, ist eine ziemliche Herausforderung. Oder ist das die Art, wie man in den Westlichen Territorien zu schreiben pflegt? In diesem Fall würde ich Eure Ladyschaft gnädigst um eine Übersetzung bitten.”

Sie starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Das war witzig gewesen, aber sie konnte es nicht wirklich zugeben. Sie schüttelte ihren Kopf und spitzte die Lippen. “Dann werden wir dich wohl an meine Handschrift gewöhnen müssen.” Sie schenkte ihm ein boshaftes Lächeln. “Oder, falls du einen Ansatz vorziehst, der für deine armen Augen weniger belastend wäre, kannst du auch ständig hinter mir herlaufen und mein Diktat aufnehmen. Würde dir das nicht einiges an Aufwand ersparen?”

Er schluckte, und sie konnte sein Unbehagen bei dem Gedanken, überall für jeden sichtbar mit einem Notizblock hinter ihr her zu trotten, deutlich auf seinem Gesicht erkennen.

“Ich denke, ich werde es noch einmal mit der Liste versuchen”, versicherte er ihr eilig.

“Gut, darauf hatte ich gehofft”, nickte Eryn und kehrte dann zu den Gegenständen für die Expedition zurück. „Wir benötigen genug Papier und Tinte zum Zeichnen für Vern. Und etwas, worin wir seine Arbeiten hinterher aufbewahren können, ohne dass sie zerreißen, nass werden oder sonst irgendwelchen Schaden nehmen. Ich bin noch nie mit Büchern oder Dokumenten gereist, du wirst dir hier also etwas überlegen müssen.”

Sie ging ein paar Schritte und murmelte dann mehr zu sich selbst: “Habe ich noch etwas vergessen?”

“Waffen”, erwiderte Rolan prompt.

Sie drehte sich mit einem Stirnrunzeln zu ihm um. “Was? Das ist kein Raubzug, sondern eine Expedition zur Ausbildung von Kräutersammlern! Oder schlägst du vor, dass wir ein paar Dörfer plündern und niederbrennen, wenn wir schon dabei sind?”

Er rollte ungeduldig mit den Augen. “Und was ist, wenn Ihr überfallen oder angegriffen werdet? Werdet Ihr einfach nur einen großen, starken Schild um alle herum errichten und warten, dass Eure Angreifer so lange darauf einschlagen, bis sie außer Atem sind?”

“Wir reden hier über Kräutersammler, nicht schlachtgestählte Krieger! Sie würden sich sehr wahrscheinlich mit einer scharfen Klinge, die länger als ein Kräutersammlermesser ist, nur selbst verletzen.”

“Und Eure Waffen, Lady Eryn? Oder beabsichtigt Ihr, hier völlig unbewaffnet abzureisen? Und ohne jemanden, der weiß, wie man ein Schwert benutzt? Werdet Ihr allein eine Gruppe von siebzehn Leuten beschützen, falls nötig? Nach gerade einmal zehn Monaten Kampftraining?” Er kämpfte sichtbar um Gelassenheit. “Nun, das sollte meine Position wohl bald überflüssig machen.”

“Hey!”, rief sie fassungslos aus. “Ich wäre dir dankbar, wenn du hier nicht verfrüht mein vorzeitiges Ableben planen würdest!”

“Fiele mir im Traum nicht ein”, murrte er missmutig und gab vor, etwas aufzuschreiben. “Gibt es sonst noch etwas, oder kann ich gehen?”

“Nein, das ist alles von meiner Seite. Für den Moment. Ich erwarte regelmäßige Statusberichte über deinen Fortschritt. Wenn ich nichts von dir höre, werde ich kommen und dich finden. Und dich zum Reden bringen.” Sie lächelte süffisant. “Nimm den leichten Weg und informier mich einfach, ja?”

Er starrte sie ein paar Augenblicke lang an, dann verbeugte er sich und zog sich hastig zurück.

Eryn ließ sich auf einen Stuhl fallen und spürte, wie die Anspannung, jetzt, wo Rolan weg war, aus ihrem Körper wich. Das war nicht so schlecht gelaufen, nicht wahr? Sie hatte nicht wirklich erwartet, dass das Treffen harmonisch ablaufen würde. Nicht wenn beide Seiten unwillig waren zusammenzuarbeiten und sich nicht die Mühe machten, das zu verbergen. Aber zumindest war er hier mit einem klaren Arbeitsauftrag abgezogen, richtig? Sie seufzte. Hoffentlich würde er zumindest ein paar der Sachen erledigen, damit sie sich nicht um alles allein kümmern musste.

* * *

“Guten Tag”, grüßte Enric sie von einem der Sofas aus und legte sein Buch zur Seite, als sie den Salon betrat. “Wie ist dein Treffen mit Rolan gelaufen?”

Sie seufzte. “Wie kommt es, dass du darüber Bescheid weißt? Mir war nicht einmal bewusst, dass du heute irgendeine Verabredung mit Lord Tyront hattest.”

“Hatte ich nicht wirklich. Zumindest nichts Offizielles. Er hat mir bei unserem gemeinsamen Mittagessen erzählt, dass du einen Ort für ein Treffen mit deinem Assistenten benötigst.”

“Wenn ihr also keinen arbeitsbezogenen Grund habt, euch zu sehen, esst ihr gemeinsam?” Sie schüttelte den Kopf.

“Nicht vom Thema abweichen. Erzähl mir von Rolan. Ist es gut gelaufen?”

“Oh, ja. Fabelhaft. Er ist ein richtiger Schatz. Ich würde ihn wirklich gerne adoptieren. Darf ich, bitte?”, bettelte sie mit gespieltem Eifer.

“Kaum”, lachte Enric leise. “Er ist nur fünf Jahre jünger als du, was bedeutet, dass er großjährig ist. Die Leute würden denken, dass du einfach nur deinen Liebhaber einziehen lassen willst.”

Sie zog eine Grimasse bei dem Gedanken an Rolan in ihrem Bett. “Nun, dann vielleicht lieber doch nicht.”

“Ich stimme zu. Es lief also nicht ganz so, wie du es dir erhofft hast?”, fragte er zum dritten Mal, entschlossen, nicht aufzugeben.

“Ich weiß es nicht.” Sie setzte sich zu ihm auf das Sofa, ließ sich von ihm auf die Schläfe küssen und nahm einen Schluck von seiner Tasse auf dem Tisch. Enric spielte mit einer ihrer Haarsträhnen, zufrieden mit der gemütlichen, intimen Situation zwischen ihnen und wartete darauf, dass sie fortfuhr.

“Ich denke, es hätte schlimmer laufen können. Er hat den Raum nicht schreiend, sondern eher verhalten fluchend verlassen. Das ist ein gutes Zeichen, nicht wahr? Und ich habe ihn kein einziges Mal getreten, obwohl es ein paar Gelegenheiten gab, wo ich das wirklich wollte. Also würde ich sagen, dass ich große Zurückhaltung im Angesicht meiner neuen Herausforderung in Form meines sehr widerwilligen Assistenten gezeigt habe.”

“Ich bin so stolz”, schmunzelte Enric. “Erst vor kurzer Zeit warst du die Gefangene, und jetzt unterdrückst du bereits andere.”

Sie grinste. “Was soll ich sagen? Ich lerne offenbar schnell.” Dann biss sie sich auf die Unterlippe und dachte zurück an das, was Rolan gesagt hatte. “Denkst du, ich sollte Waffen auf die Expedition mitnehmen?”

“Auf jeden Fall”, antwortete er, ohne zu zögern. „Ich könnte mir vorstellen, dass du so ziemlich die einzige sein wirst, die weiß, wie man sie benutzt. Falls es also irgendwelche Probleme gibt, solltest du vorbereitet sein.”

„Aber ich bin eine Magierin! Warum sollte ich Schwerter benutzen?”

Enric starrte sie an. „Weil es sehr strenge Gesetze gibt, um mit Magiern zu verfahren, die ihre Kräfte gegen Nicht-Magier einsetzen.”

“Was? Aber genau das mache ich doch beim Heilen”, strich sie sachlich hervor.

“Du weißt, was ich meine. Die Regeln kommen zur Anwendung, wenn es um weniger freundschaftliche Zwischenfälle geht. Wie um einen Kampf.”

“Auch wenn es sich dabei um bloße Verteidigung handelt?”, fragte sie ungläubig.

“Das würdest du dann hinterher beweisen müssen. Wenn es auch nur den Schatten eines Zweifels gibt, wirst du für jeden Schaden, den du angerichtet hast, zur Rechenschaft gezogen. Der König muss zeigen, dass er uns unter Kontrolle hat, und aus deinen Studien der Geschichtsbücher sollte dir klar sein, weshalb. Es gab in der Vergangenheit ein paar… unangenehme Zwischenfälle mit abtrünnigen Magiern.” Er legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. “Was denkst du, weshalb wir wirklich Schwertkampf trainieren, Eryn? Wohl kaum, um uns gegen andere Magier zur Wehr zu setzen. Wir können so sicherstellen, dass wir uns gegen Nicht-Magier verteidigen können, da wir aufgrund der Gesetze sonst nicht in der Lage wären, einem Kampf standzuhalten.”

Eryn starrte ihn mit offenem Mund an. Dann stand sie auf und lief aufgebracht im Salon auf und ab. Sie warf die Hände frustriert und verärgert hoch. “Ich werde noch verrückt mit euch allen! Warum hat mir das in all diesen Monaten, in denen ihr mich zum Kampftraining gezwungen habt, nie jemand gesagt? Ich meine, diesen Grund hätte ich verstanden!”

“Was meinst du damit – niemand hat dir davon erzählt?”

Sie starrte an die Decke. “Genau was ich gesagt habe! Kein einziger von euch mächtigen Kriegern hat es der Mühe wert erachtet, mir mitzuteilen, warum ich das lernen musste! Es wäre nicht gar so eine Tortur gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass es einen berechtigten Grund dafür gibt! Ihr verfluchten Idioten, jeder einzelne von euch!”

Sie sah zu Enric hinab und verengte die Augen, als sie ihn lachen hörte. “Tyront hat dir das also nie gesagt? Und Orrin ebenfalls nicht? Aber du hast monatelang täglich mit ihm trainiert! Er hat nie erwähnt, warum?”

“Ich bin so froh, dass dich das erheitert! Ich sehe absolut nicht, was daran komisch sein soll. Und gib bloß nicht Orrin die Schuld! Du trainierst mich jetzt seit zwei Monaten – und hast du dir jemals die Mühe gemacht, etwas darüber zu sagen? Nein, das hast du nicht!”, rief sie aus.

“Das hätte ich, wenn mir bewusst gewesen wäre, dass es niemand sonst getan hat.”

“Wir hatten Diskussionen über dieses Thema! Ich habe dir gesagt, dass ich all dieses Kämpfen für eine Verschwendung von Zeit und Magie halte! Warum hast du da nichts gesagt?”

Er zuckte die Schultern. „Ich dachte, du wolltest einfach nur schwierig sein. Logische Argumente funktionieren kaum jemals, wenn jemand nur Dampf ablassen will.”

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich glaube das einfach nicht. Und ich habe das nur zufällig herausgefunden, weil ich nicht daran gedacht hätte, ein Schwert zur Expedition mitzunehmen. Stell dir vor, ich hätte mich während eines Angriffs mit Magie verteidigt! Ich hätte schwer bestraft werden können, ohne in diesem Moment zu wissen, dass ich das Gesetz breche!”

Enric wurde wieder ernst. “Ja, da ist die eine Sache, die gefährlich gewesen wäre.” Damals, während ihres Fluchtversuchs, als sie die Torwachen ausgeschaltet hatte, war sie nur deshalb damit durchgekommen, weil sie noch immer gefangen gewesen und es somit praktisch erwartet wurde, dass sie die Gesetze brach. Zudem war auch niemand wirklich zu Schaden gekommen. Also war man mehr als willens gewesen, sie damit davonkommen zu lassen – besonders, da sie zu der Zeit noch nicht an den Orden und dessen Regeln gebunden war.

“Ich verstehe, weshalb du verärgert bist. Und du hast Recht. Jemand hätte es dir sagen sollen. Du wärst also weniger widerspenstig gewesen, wenn dir klar gewesen wäre, dass der Grund für unser Kampftraining der Schutz der Nicht-Magier ist?”

“Natürlich! Ich hätte euch nicht so sehr gehasst dafür, dass ihr mich zwingt zu lernen, wie man Schaden zufügt, wenn mein Lebenszweck das Heilen, nicht das Verletzen von Menschen ist. Ich hätte akzeptiert, dass dies einfach ein Weg ist, um unnötige Verletzungen zu vermeiden.”

Er seufzte. “Es scheint, als hätten wir uns allen das Leben schwerer als nötig gemacht.” Dann lächelte er. “Stell dir vor, ich hätte dich so viel früher wieder in mein Bett bekommen können.”

Sie schnaubte. “Träum weiter, Schönling. Ich hätte dich nicht weniger gehasst, nachdem du mir ständig das Bewusstsein geraubt und den Schild meines Vaters in mir übernommen hast. Ohne deinen kleinen Trick, mich nach meinem Fluchtversuch in deinem Quartier einzusperren, hättest du mit deinem nächsten Versuch wohl bis zur nächsten Nacht der Ungezwungenheit warten müssen.”

Er lächelte selbstbewusst. “Nein, so lange hätte ich nicht gewartet, glaub mir. Nicht, nachdem ich dich an diesem Tag auf der Straße geküsst hatte. Das hat mich sehr eindrucksvoll daran erinnert, was mir gefehlt hat.”

Sie starrte ihn verwirrt an. “Wie sind wir jetzt bei diesem Thema gelandet? Ich bin noch immer böse mit dir, weil du mir nichts über die Gesetze gegen den Einsatz von Magie gegen Nicht-Magier gesagt hast.” Sie seufzte und warf ihm einen verärgerten Blick zu. “Es ist eine ziemliche Herausforderung, mit dir über etwas zu reden, bei dem du dich nicht wohl fühlst. Du bringst mich ständig vom Thema ab.”

“Nicht besonders effektiv, wie es scheint”, bemerkte er. “Du schaffst es immer wieder, dazu zurückzukehren, mich zu tadeln.”

“Ja, genau. Als ob das wirklich einen Unterschied machen würde. Was soll ich denn jetzt machen? Im Alleingang mit einem Schwert Horden von Angreifern abwehren? Ist es mir überhaupt gestattet, mich mit einem Schild zu schützen?” Ihre Gedanken sprangen zurück zu dem Vorfall, als sie Plia zum ersten Mal getroffen und sie mit einem Schild vor den Steine werfenden Rüpeln gerettet hatte.

“Ja, Schilde gehen in Ordnung. Man kann Leute nicht mit einem magischen Schild verletzen.” Er runzelte die Stirn. “Außer…”

“Außer was?”

“Außer du sperrst sie mit einer luftdichten Barriere ein und lässt sie ersticken.”

“Jetzt hör aber auf!”, rief sie aus. “Wer würde denn so etwas tun?”

“Du wärst überrascht was Menschen tun, wenn sie um ihre eigene oder die Sicherheit ihrer Lieben bangen”, sagte er ruhig. Er dachte daran, wie er sie bewusstlos auf dem Boden hatte liegen sehen, während die Apotheker in einer Ecke gekauert saßen. Sein eigenes Leben war damals keinerlei Gefahr ausgesetzt, aber er war willens gewesen, begierig sogar, ihnen wehzutun, sie vor Schmerzen zuckend zu Boden zu schicken. Hätte Tyront ihn nicht dann und dort aufgehalten, hätte wohl niemand sagen können, was passiert wäre.

Sie betrachtete ihn aufmerksam. “Das klingt, als hättest du persönliche Erfahrung mit dem Thema.”

“Sagen wir einfach, dass ich einmal recht nahe dran war, dieses spezielle Gesetz zu brechen”, sagte er und lächelte gezwungen.

“Es ist also in Ordnung, wenn ich mich mit einem Schild schütze, ohne meinen Angreifern Schaden zuzufügen. Dann sollte es auch möglich sein, den Rest der Expedition so zu schützen. Allerdings geht das nur, wenn sie nahe genug beieinanderstehen.”

“Grundsätzlich ja.”

“Wie sieht es damit aus, meine Geschwindigkeit und Stärke zu erhöhen, wenn ich gegen einen Nicht-Magier kämpfe? Ist das erlaubt?”

“Ja, das ist sogar empfehlenswert. Sonst hätte Orrin beim Training nicht solchen Wert auf diese Fertigkeiten gelegt. Du bist allerdings dazu aufgerufen, diesen erheblichen Vorteil dazu zu nutzen, deinen Angreifer nur zu entwaffnen und nicht zu töten. In diesem Fall hättest du dich immer noch zu rechtfertigen. Allerdings wäre es nicht ganz so problematisch wie im Fall eines Lochs in der Brust, das von einem Blitz verursacht wurde.”

Sie zuckte die Achseln. “Damit habe ich kein Problem. Ich bin nicht erpicht darauf, jemanden zu töten, weder mit Magie, noch mit meinen Händen.”

“Gut. Der Gedanke, dass du voller Blutdurst auf der Suche nach wehrloser Beute durch die Wälder streifst, hätte ein gewisses Unbehagen bei mir verursacht”, sagte er und erhob sich, als ein Klopfen an der Tür ertönte. “Dem Klopfen nach zu urteilen, ist das Tyront.”

Und tatsächlich trat der Anführer des Ordens nur wenig später ein.

“Lady Eryn”, nickte er und nahm ihre Verbeugung zur Kenntnis.

“Lord Tyront”, erwiderte sie.

“Wie ist das Treffen mit dem jungen Rolan gelaufen?”, fragte er und nahm Platz.

Sie unterdrückte ein Lächeln. Er war also gekommen, um zu sehen, wie gut seine Rache funktionierte. Wie charmant.

“Unerwartet produktiv”, antwortete sie ernst. “Ich habe ihn in die Planung meiner Expedition miteinbezogen, und er hat die Aufgaben, die ich ihm übertragen habe, akzeptiert. Natürlich wird sich erst herausstellen, wie gut er sie erledigen wird.”

Tyront betrachtete sie und nickte dann. “Es freut mich, das zu hören. Wie geht die Planung voran?”

“Es gilt noch, das eine oder andere herauszufinden”, meinte sie mit einem Schulterzucken. “Aber nichts Unüberwindliches, würde ich sagen.”

Enric reichte seinem Vorgesetzten eine dampfende Tasse. „Wir haben gerade über die Gesetze über die Anwendung von Magie gegenüber Nicht-Magiern diskutiert. Es scheint, als hätte Eryn bis gerade eben nicht darüber Bescheid gewusst.”

“Wie bitte?” Tyront runzelte die Stirn. “Wie ist das möglich? Sie ist seit mindestens zehn Monaten hier.”

“Ja, sagt das mir”, murmelte sie und verschränkte die Arme.

“Lord Orrin hat das Euch gegenüber nie erwähnt?” fragte der ältere Mann ungläubig.

“Nein, und auch keiner von euch”, betonte sie, genervt, dass die Schuld schon wieder auf Orrin geschoben wurde.

“Nun, dann können wir uns wohl glücklich schätzen, dass Ihr Euch bislang soweit zurückgehalten habt, zumindest diese eine Regel nicht zu brechen.”

Sie warf ihm einen entnervten Blick zu, schwieg aber. Sie vermutete, dass er sie absichtlich provozierte. Vielleicht war er enttäuscht über ihren Bericht über das Treffen mit Rolan und hatte stattdessen auf Verzweiflung und Chaos gehofft. Er suchte also womöglich nach einem anderen Grund, um sie für etwas zu bestrafen. Aber nein, nicht heute.

Tyront schmunzelte, als hätte sie soeben seine Vermutung bestätigt. Sie jedoch blieb still und funkelte ihn nur an.

Enric beobachtete die beiden und verbarg sein Lächeln. Sie hatte dazugelernt. Gut.

“Wir haben auch über den Schutz der Expedition gesprochen. Als einzige Magierin und trainierte Kämpferin – wenn wir Vern hier nicht mitzählen – könnte es eine Herausforderung werden, Angreifer abzuwehren.”

Der ältere Magier nickte. “Ja, darüber habe ich ebenfalls nachgedacht. Ich werde die Teilnehmerzahl auf dreiundzwanzig erhöhen. Vier Schwertkämpfer sollten zusätzlich zu Euch, Lady Eryn, ausreichend sein.”

“Oh, nein”, stöhnte Eryn. “Das würde heißen, dass er Recht hatte und ich falsch lag. Und dass ich es offen zugeben muss.”

“Tja, Liebste, so scheint es wohl”, grinste Enric und fügte hinzu: „Ich rede also besser mit Rolan, da er die Planung jetzt übernommen hat.”

“Nein”, protestierte sie. “Du wirst es ihm nicht sagen, sondern ich. Du hast gesagt, ich könnte jetzt selbst unterdrücken.”

Tyront bedachte Enric mit einer hochgezogenen Augenbraue und schüttelte langsam den Kopf. “Das hast du ihr gesagt? Tatsächlich? Ich bin froh, dass du so ein lobenswertes Vorbild bist”, bemerkte er.

“Ach, Lord Tyront”, erwiderte Eryn mit kalkuliertem Spott, “weshalb sollte ich dafür auf ihn angewiesen sein, wenn Ihr selbst so ein strahlender Stern an beispielhafter Führung seid?”

Er sah sie an und schürzte die Lippen, hin und her gerissen zwischen Belustigung über ihre vorsichtig formulierte Beleidigung und Erstaunen über ihre Unverfrorenheit, ihn, wie subtil auch immer, überhaupt zu beleidigen.

Da er gute Laune hatte, entschied er sich, Humor zu zeigen und hob mit einem dünnen Lächeln seine Tasse.

 

Kapitel 2

Vorbereitungen

“Was ist los? Du wirkst etwas verdrossen”, bemerkte Enric vom Türrahmen zu seinem Arbeitszimmer, seinem bevorzugten Beobachtungsposten, aus.

Eryn blickte zu der hochgewachsenen Gestalt auf und seufzte. “Ich hatte auf ein paar Bewerbungen für die drei offenen Positionen als Heilerlehrlinge gehofft, aber bisher tut sich hier gar nichts. Es scheint, dass Lord Poron, Vern und ich selbst die einzigen sind, die an dem Beruf interessiert sind. Das enttäuscht mich etwas”, gab sie zu. “Aber ich schätze, meine Erwartungen waren wohl etwas zu hoch. Es geht immerhin darum, Menschen zu überzeugen, die schon ihr Leben lang denken, Kriegskunst sei der einzige Weg für einen Magier, um ein wahrhaft wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein. Sie sehen wahrscheinlich nur eine Frau, einen halbwüchsigen Jungen und einen alten Mann und denken, dass das die Art von Image ist, das einen Heiler erwartet.”

Enric blieb stumm. Er wusste, dass dies tatsächlich der Fall war, wollte es aber ungern bestätigen. Und außerdem arbeitete er bereits an einer Idee, um diese Sichtweise zu ändern.

“Wir könnten eine öffentliche Ankündigung für alle Magier machen”, schlug er vor. “Man könnte herausstreichen, dass nur die fähigsten und passendsten Kandidaten in Betracht gezogen werden.”

“Ich befürchte, das wird kaum einen Unterschied machen, wenn es ohnehin niemand tun will. Es gibt hier nicht viel Wettbewerb, gegen den es sich durchzusetzen gilt”, sagte sie müde.

Er kam näher und ging vor ihr in die Hocke. “Komm schon. Tyront und ich könnten auch ein paar Worte sagen und betonen, wie wichtig diese neue Einsatzmöglichkeit für unsere Kräfte ist, welche Ehre sie bringen wird.”

Sie konnte nicht anders als grinsen. “Ja, ich sehe schon, dass dies einen ziemlich beachtlichen Eindruck hinterlassen würde, wenn es von zwei Kriegern kommt. Warum nimmst du nicht Orrin noch mit dazu, nur um es für das Publikum so richtig spaßig zu gestalten?”

“Dein Mangel an Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des hohen Kommandos des Ordens schockiert mich, meine Liebste.”

“Gut. Der Gedanke, dass ich bereits nach der kurzen Zeit, in der wir zusammen leben, die Fähigkeit verloren haben könnte, dich zu überraschen, wäre mir ein Graus gewesen.”

“Kaum”, neckte er sie, “du überrascht mich jeden Morgen, wenn du es schaffst, dich für deine Termine aus dem Bett zu quälen. Allerdings muss ich sagen, dass du mir noch unwilliger als sonst erscheinst, wenn du für dein Kampftraining aufstehen musst. Oder ist das nur mein Eindruck?”

Sie lachte, so wie er gehofft hatte, und tätschelte seine Wange. „Das bildest du dir nur ein, Enric. Ich finde es nicht schlimmer, für unsere Verabredungen aufzustehen als für all die anderen.”

“Das ist eine Erleichterung. Denke ich.” Er schnappte sich ein Brötchen von ihrem Frühstückstablett und erntete dafür einen vernichtenden Blick. „Sei nicht gierig, da sind noch zwei weitere.”

“Ich wollte die, die ich jetzt nicht esse, mitnehmen. Ich nehme gerne hin und wieder einen Bissen zu mir, wenn ich eine Pause einlege.”

“Sag mir nicht, dass dich Lord Poron in der Bibliothek essen lässt?”

“Das weiß ich nicht, ich habe es nie gewagt, das herauszufinden. Ich gehe dafür immer hinaus. Man muss in der Gegenwart von Büchern Respekt zeigen”, zitierte sie ihren Vater.

Er sah zu, wie sie das halb verspeiste Brötchen von ihrem Teller nahm und es in ihr Getränk eintauchte, bevor sie hineinbiss. Er erinnerte sich, wie sie ihm erzählt hatte, dass es eine Angewohnheit aus ihrer Kindheit war, an der sie trotz der gegenteiligen Bemühungen ihres Vaters festgehalten hatte.

“Wie sieht dein Tagesplan heute aus? Geschichte? Schlachtstrategien? Botanische Studien?” Er grinste, als er Letzteres aussprach.

Sie kicherte. “Ja, genau. Von eurem Haufen brauche ich unbedingt Unterricht in Botanik. Der Orden unterscheidet nur zwischen zwei maßgeblichen Eigenschaften bei einer Pflanze: essbar oder nicht.”

“Nicht mehr, Liebste. Jetzt, da wir dich bei uns haben, tun wir so viel mehr. Es scheint, als hättest du das Konzept, dich selbst als Teil des Ordens zu betrachten, noch nicht ganz verinnerlicht.”

“Was soll ich sagen? Wann immer ich etwas vollkommen Idiotisches und Nutzloses sehe, versuche ich, mich davon zu distanzieren.”

“Ich verstehe.” Er spitzte die Lippen, nicht sehr angetan von ihrer Beschreibung der Institution, in der er den Großteil seines Lebens verbracht hatte. „Solltest du nicht eher versuchen, die Dinge zu verändern, die du als nutzlos erachtest, anstatt zu vermeiden, damit in Berührung zu kommen?”

“Meine Güte, du ermutigst wohl nicht etwa die Revolutionärin in mir, oder doch? Ich frage mich, ob ich Lord Tyront darüber in Kenntnis setzen sollte”, schnaubte sie.

Er erschauderte. „Ich fürchte den Tag, an dem du und Tyront euch gegen mich verbündet.”

Sie erinnerte sich schuldbewusst daran, dass sie eigentlich genau das bereits getan hatten. Sie verbargen immer noch die Wahrheit über das Ausmaß ihrer Auseinandersetzung mit Ram’an vor Enric. Er wusste nach wie vor nicht, dass Ram’an zuerst eine Wahrheitssperre angewendet hatte, um sie zu befragen, und dann versucht hatte, sie in seinem Quartier einzusperren.

“Also, welchen Torturen wirst du dich heute stellen müssen?”, formulierte er seine Frage um.

“Politische Strategien oder so etwas, glaube ich. Lord Poron hat für die nächsten paar Tage einen neuen Stapel an Büchern für mich vorbereitet.”

“Gut. Das sollte ein einigermaßen nützliches Fach für dich sein, wenn du ihm genug Beachtung schenkst. Wann ist übrigens die Prüfung in Geschichte angesetzt?”, erkundigte er sich weiter.

“In zehn Tagen. Und fünf Tage danach werde ich in Schlachtstrategien getestet. Es scheint, als wollten sie alle die Prüfungen erledigt haben, bevor ich mit den Kräutersammlern aufbreche”, sagte sie mit einer Grimasse. Der Zeitplan klang zermürbend, wenn sie ihn wiederholte.

“Lord Poron ist derjenige, der dich bei Politischen Strategien betreut, nicht wahr? Er möchte dich möglicherweise ebenfalls testen, bevor du abreist.”

“Ja, das hat er mir schon mitgeteilt. Aber ich habe mich mit ihm darauf geeinigt, den Stoff aufzuteilen. Ich werde nur die Hälfte jetzt lernen und den Rest, nachdem ich zurückgekehrt bin. Habe ich erwähnt, dass ich ihn mag?”

Enric lächelte. “Nein, aber es ist dennoch offensichtlich. Ich finde es recht interessant, wie du es schaffst, dich mit den hohen Rängen im Orden anzufreunden.”

“Wie mit Lord Tyront?”, fragte sie ihn verschmitzt.

“Mit ihm wohl nicht gerade, aber du bist mit der Nummer zwei verbunden und mit Nummer vier und fünf aus den hohen Rängen befreundet.”

“Ja, genau. Als ob ich diejenige war, die sich die Verbindung zu dir ausgesucht hat, Nummer zwei.”

Er grinste. “Ich gebe zu, dass du ein wenig Hilfe dabei hattest, diese Entscheidung zu treffen. Sag mir nicht, dass du sie bereust? Du solltest dich nach einem Monat noch immer in dieser glückseligen Phase kurz nach dem Kommitment befinden.”

“Glückselige Phase kurz nach dem Kommitment? Ach, in der sollen wir uns derzeit befinden? Falls ja, graut mir davor, wenn uns der triste und langweilige Alltag einholt. Keine Kämpfe, Manipulationen, Drohungen und ähnlich erfreuliche Begebenheiten mehr.”

Er zog sie lachend in seine Arme. “Keine Sorge, solange ich dein Vorgesetzter bin und du meinen Befehlen folgen sollst, wird es immer Kämpfe und Drohungen zwischen uns geben.”

“Welch Erleichterung”, lachte sie und wand sich aus seinen Armen. “Ich befürchte, ich muss jetzt los. Auf mich wartet zweifellos faszinierende Lektüre darüber, wie ich meine Feinde glauben lasse, dass sie meine Freunde sind, während mir bewusst ist, dass ein Freund wenig mehr ist als ein Feind, den ich mich noch nicht zu töten entschlossen habe.”

“Nein, Liebste, das wäre Diplomatie. Bei Politischer Strategie geht es darum, deine Feinde mit einem Lächeln im Gesicht anzulügen, während du im Stillen Pläne zu ihrer Vernichtung schmiedest.”

Sie schüttelte den Kopf. “Weißt du, das klingt immens deprimierend. Ich hoffe wirklich, dass ich nie wichtig genug sein werde, um all dieses schreckliche Wissen tatsächlich einzusetzen.” Sie lächelte strahlend. “Aber vielleicht muss ich das gar nicht! Als Frau habe ich immer noch die weniger komplizierte Option zur Verfügung, mir Männer gefügig zu machen, indem ich sie mit zu mir ins Bett nehme, richtig? Klassische weibliche Strategie.”

Enric zog eine Augenbraue hoch und lächelte dünn. “Das, liebste Lady Eryn, würde ich nicht empfehlen. Sonst würdest du herausfinden, dass die Leute, die du dir zu Willen machen willst, eine Tendenz haben, unter sehr verdächtigen Umständen dahinzuscheiden.”

Sie runzelte die Stirn in gespielter Verwirrung. „Das klingt jetzt überhaupt nicht mehr nach Politischer Strategie. Zu direkt und offensichtlich, überhaupt nicht raffiniert und subtil.”

“Nein”, stimmte er mit einem dunklen Gesichtsausdruck zu. “Das ist ganz schlicht und einfach Eifersucht. Weniger kompliziert, aber in meinem Fall wesentlich gefährlicher.”

* * *

Eryn stand auf, um die Tür zu öffnen. Plia, vermutete sie. Und tatsächlich stand das Mädchen dort, strahlend und kaum in der Lage, ihre Aufregung im Zaum zu halten. Zumindest ließ die rastlose Energie, die sie ausstrahlte, das vermuten.

“Eryn!”, rief sie aus und drückte die Magierin fest.

Die Frau lächelte und wartete, bis die glücklicherweise mittlerweile weniger dünnen und schwachen Arme sie wieder losließen, damit sie das Mädchen hereinbitten und die Tür schließen konnte.

“Stimmt es wirklich? Ich werde tatsächlich mit auf deine Expedition kommen?” Plias große Augen waren vor Begeisterung geweitet.

Eryn nahm ihre Hand und nickte. “Ja. Enric hat es vorgeschlagen, und ich muss sagen, dass es eine fabelhafte Idee ist. Ich war nicht wirklich sicher, ob du dich bei dem Gedanken an eine zehntägige Reise durch die Wildnis wohlfühlen würdest. Aber deiner Reaktion gerade eben entnehme ich, dass ich mir darüber keine Sorgen hätte machen müssen.”

“Ich war noch nie zuvor außerhalb der Stadt”, gab das Mädchen zu. “Ich bin deswegen ein kleines bisschen nervös, aber solange du dabei bist, habe ich keine Angst.”

“Das ist ein großer Vertrauensbeweis, aber Vern wird auch dabei sein. Und auch noch vier bewaffnete Männer, um uns zu beschützen. Du brauchst dich also nicht zu fürchten, auch wenn ich aus irgendeinem Grund gerade nicht um dich bin”, lächelte sie.

“Vern kommt auch mit?”, fragte Plia in einem Tonfall, der ganz offensichtlich beiläufig wirken sollte.

Eryn beobachtete, wie eine leichte Röte in Plias Wangen stieg und fragte sich, ob diese Schwärmerei für Vern niedlich war, oder ob das später zu Ärger führen könnte. Es war wahrscheinlich harmlos. Plia war dreizehn Jahre alt, noch immer mehr Kind als Frau, und Vern hatte sie noch nie als etwas anderes als eine jüngere Schwester behandelt, soweit Eryn das bisher beobachtet hatte.

“Ja, er wird die Chance nutzen und etwas über Botanik lernen und auch die Zeichnungen anfertigen, die ich für die Bücher für die Kräutersammler brauche. So können sie die Pflanzen später nachschlagen, wenn wir wieder zurück sind.”

Das Mädchen wirkte plötzlich besorgt. “Eryn, ich habe keine Ahnung, was ich für die Reise brauche. Ich habe ein wenig Geld gespart und…”

“Kleine Blume, das ist genau der Grund, warum ich dich für heute eingeladen habe. Junar wird jeden Moment eintreffen, und sie wird sich um die Kleider kümmern, die du brauchen wirst. Und mach dir keine Sorgen um das Geld. Der Orden wird sich darum kümmern.”

“Der Orden?”, flüsterte sie ehrfürchtig. “Aber ich bin doch kein Mitglied!”

“Aber ich, und ihnen ist daran gelegen, mich zufriedenzustellen”, lächelte Eryn. “Du brauchst dich also deswegen nicht schuldig zu fühlen – die haben mehr Geld als sie brauchen.” Sie legte dem Mädchen einen Arm um die Schultern. “Bist du in den letzten zwei Monaten gewachsen? Mir kommt vor, als müsste ich mich zu deinen Schultern nicht mehr so weit nach unten beugen.”

“Ein wenig”, lächelte Plia. “Koch sagt, das liegt an den regelmäßigen Mahlzeiten und der ordentlichen Arbeit. Allerdings bin ich bei zweiterem etwas skeptisch. Ich hätte vielmehr gedacht, dass schweres Heben das Wachstum eher stoppt, weil es mich nach unten zieht.”

Eryn lachte und trat von ihr weg. “Lass mich dich einmal richtig ansehen.” Und das tat sie. Weniger blass, nicht mehr so dünn, Muskeln von der Arbeit, adrett und sauber, ordentlich gekämmtes Haar, passende Kleidung. Ein viel besseres Bild als das, an das sie sich erinnerte, als sie einander kennengelernt hatten. Sie dachte mit einem warmen Gefühl daran, dass Orrin derjenige war, der diese Veränderung ermöglicht hatte. Er hatte ihr angeboten, Plia die Lehrstelle in der Palastküche zu verschaffen als Gegenleistung dafür, dass Eryn an dem Wettkampf teilnahm.

Sie hörten ein weiteres Klopfen, und Plia schickte sich an, die Tür zu öffnen, doch Eryn hielt sie zurück. “Nein, du bist nicht als meine Dienerin hier. Zumindest jetzt noch nicht. Du bist mein Gast, und als solcher brauchst du die Tür nicht zu öffnen.”

Junar wehte herein, einen großen, schwarzen Sack über ihre Schulter geschwungen. Sie setzte ihn auf der nächsten verfügbaren freien Fläche ab. “Meine Güte, das ist schwer!”

“Neue Tasche?”, fragte Eryn und beäugte die Monstrosität. “Was hast du da drin? Dein gesamtes Geschäft?”

“Nein, nur ein paar Sachen, die jede aufstrebende, begehrte Schneiderin benötigt, um professionell arbeiten zu können.” Sie grinste. “Orrin hat sie für mich anfertigen lassen. Ich habe mich entschieden, dass ich ihm erlaube, mich gelegentlich zu beschenken. Um ihn glücklich zu machen.”

“Um ihn glücklich zu machen? Wie rücksichtsvoll von dir”, grinste Eryn.

“Plia, mein liebes Kind!”, sagte Junar und küsste das Mädchen auf die Wangen. “Sieh dich an, du bist gewachsen! Und wirst wohl noch weiterwachsen für die nächsten drei oder vier Jahre. Ich denke, das werden wir bei der Länge berücksichtigen müssen, damit dir die neuen Sachen länger passen.” Dann drehte sie sich zu ihrer Freundin. “Was ist mit dir? Du hast bisher auch nichts für die Expedition in Auftrag gegeben. Sag mir nicht, dass du vorhast, mit den schönen Stadtkleidern, die ich dir gemacht habe, durch den Wald zu stapfen? Dafür würde ich dir die Haut bei lebendigem Leibe abziehen!”

Eryn seufzte. “Dann sage ich das wohl besser nicht und bestelle stattdessen einige Hosen und Oberteile, die sich für das Stapfen eignen, schätze ich mal?”

“Braves Mädchen”, nickte die Schneiderin offensichtlich zufrieden und wandte sich wieder an Plia. “Dir ist klar, dass du auch Hosen tragen wirst müssen? Ich hoffe, das wird nicht zu unangenehm für dich. Aber ein Kleid ist wirklich keine gute Wahl, wenn man bedenkt, wohin ihr wollt.”

“Das geht schon in Ordnung, es stört mich überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, ich freue mich darauf. Hosen erscheinen mir so viel praktischer, und trotzdem müssen wir die ganze Zeit Kleider tragen!”

Junar seufzte. “Oh, nein. Das ist Eryns schlechter Einfluss. Als Vorbild ist sie ganz klar nicht geeignet, zumindest nicht wenn es um Mode geht.”

“Sagt die Frau, die meine Kleidung macht”, kommentierte besagtes Vorbild. “Das ist keine sehr schmeichelhafte Einschätzung deiner eigenen Fähigkeiten, liebste Freundin.”

“Meine Fähigkeiten sind nicht das Problem, Eryn, sondern der Widerstand, auf den sie ständig stoßen”, schoss sie zurück.

“Doch wohl nicht ständig? Was ist mit all den Kleidern, die du für mich genäht hast? Ich habe jedes einzelne davon getragen, oder etwa nicht?”

“Das ist wohl wahr”, gab Junar zu, “aber das war jedes Mal ein Kampf. Plia, mein Schatz, warum ziehst du nicht deine Schuhe und das Kleid aus und kletterst auf diesen Stuhl hier? Ich würde jetzt gerne deine Maße nehmen.”

Plia zog sich gehorsam aus und stieg in ihrer Unterwäsche auf den Stuhl. Junar fragte sie nach ihren bevorzugten Farben und den Arbeiten, die ihr während der Expedition übertragen werden würden, um den Schnitt und das Material an die Herausforderungen anzupassen.

“Eryn, ich nehme an, du wirst im Dreck nach Pflanzen graben, auf dem kalten, harten Boden knien, auf Felsen herumklettern und eine Menge anderer Dinge tun, die alles, was ich dir mache, strapazieren und zerreißen werden?”

“Absolut richtig”, bestätigte sie fröhlich. “Und ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue.”

“Ja, das kann ich mir vorstellen. Wenn etwas nicht damenhaft ist, kann ich mich darauf verlassen, dass es dir gefällt. Das heißt, dass ich dir ein paar zusätzliche Hosen anfertigen werde. Lord Enric würde es mir nicht danken, wenn ich dich unter all diesen Männern mit zerrissener Kleidung herumlaufen ließe.”

“Ja, wir sollten uns wirklich darauf konzentrieren, was Enrics Bedürfnisse für diese Expedition sind, nicht wahr?” Eryn verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf.

“Das solltest du wohl besser. Seine Beschützerinstinkte sind sehr stark, wenn es um dich geht. Ich wette, er ist nicht allzu glücklich darüber, dass du ihn so lange allein lässt, um dich mit so vielen Fremden in ein Abenteuer zu stürzen.”

Die Magierin seufzte. “Beschützerinstinkte? Versuch es stattdessen mit besitzergreifend. Er ist ein erwachsener Mann. Du musst ihn nicht bedauern. Er wird sich wohl irgendwie beschäftigen können, solange ich weg bin.”

Junar wirkte überrascht. “Du bist unglaublich unsensibel! Ich frage mich, ob es dich wirklich so wenig kümmert, wie sehr er dich vermissen wird, oder ob du das einfach nur vorgibst.”

“Jetzt hör aber auf! Ich lebe jetzt gerade mal einen Monat lang mit ihm zusammen! Ich wage zu behaupten, dass er meine Abwesenheit irgendwie überstehen wird. Und wir reden hier von zehn Tagen, nicht zehn Monaten!”

Plias Blick sprang, fasziniert von dem Austausch, von einer Frau zur anderen und wieder zurück.

Die Schneiderin seufzte und schüttelte den Kopf. “Ich hoffe wirklich, dass du ihn dort draußen in der Wildnis so richtig vermissen wirst. Wenn du nachts allein in deinem frostigen Lager liegst, dich niemand in den Armen hält und deine Decke das einzige ist, was dich wärmt. Das würde dich im Nu dazu bewegen, ihn mehr zu schätzen.”

“Denkst du nicht, dass das Frieren in der Wildnis mich eher dazu bringt, sein Quartier zu schätzen als ihn selbst?”, erwiderte Eryn und duckte sich rasch, als ein zusammengerolltes Maßband auf sie zugeflogen kam.

* * *

Eryn hob die Papiere hoch, die im Laufe des Tages für sie abgegeben worden waren. Enric hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, diese zu sammeln und auf der Kommode neben der Tür zu hinterlegen. Die war sie noch immer nicht losgeworden, so wie sie es geschworen hatte, nachdem sie sich in einer beschwipsten Nacht den Zeh daran gestoßen hatte.

Es war der dritte von Rolan’s Berichten, den sie bisher erhalten hatte. Er schickte sie regelmäßig jeden zweiten Tag, was ihr sehr gut passte. Er hatte begonnen, die Gegenstände, die sie ihm aufgetragen hatte zu besorgen, zusammenzutragen und in einem Lagerraum zu hinterlegen. In den letzten sechs Tagen hatten sie nicht mehr als kurze Nachrichten ausgetauscht, Fragen gestellt und beantwortet. Er hielt sie mit Kopien der Zettel für ihre Akte auf dem Laufenden, darunter eine Liste mit den Namen aller Teilnehmer, Checklisten mit Fortschrittsberichten und Vorschlägen, wie man die Zeichnungen sicher transportieren konnte. Die verfügbaren Boxen und Truhen waren für den Transport in einer Kutsche gedacht und für einen Pferderücken ungeeignet, weil sie viel zu sperrig und schwer waren. Eine Möglichkeit war, die Papiere die ganze Zeit über mit einem Schild zu schützen, aber das erschien ziemlich unpraktisch. Eine weitere Idee war, sie in ein Öltuch einzuschlagen, was auf jeden Fall eine Überlegung wert war. Vielleicht konnte Lord Poron dabei behilflich sein, hier eine brauchbare Lösung zu finden. Sie würde Rolan anweisen, mit ihm in Kontakt zu treten.

* * *

Eryn hob eine der flachen Holzboxen hoch, die Rolan zu ihrem zweiten Treffen gebracht hatte, und wog sie in einer Hand.

“Die ist ziemlich schwer”, kommentierte sie. “Dir ist schon klar, dass wir auf Pferden durch den Wald reiten, oder? Und dass wir mehr als eine davon brauchen, da sie ziemlich flach sind?”

Der junge Mann biss die Zähne zusammen. “Zur Auswahl stehen entweder ein wenig mehr Gewicht oder nasse Papiere. Trefft Eure Wahl.”

Zu ihrer Überraschung stellte Eryn fest, dass sie diebische Freude dabei empfand, ihren Assistenten zu piesacken und fragte sich, ob sie deswegen zerknirscht sein sollte. Nein, entschied sie, sicher nicht. Aber zumindest war ihr jetzt klar, warum es Lord Tyront so viel Vergnügen bereitete, sie zu reizen. Die Privilegien des Führens, sinnierte sie. Vielleicht würde sie sich ja doch noch daran gewöhnen, eine Position mit Autorität und Wichtigkeit im Orden innezuhaben…

“Hmm. Warum ist die Box überhaupt so schwer?”

Er nahm sie ihr wortlos aus den Händen, öffnete einen Verschluss und ließ eine weitere, noch flachere Box herausgleiten.

Eindrucksvoll, dachte sie. Zwei Boxen, die nahtlos ineinander glitten, um zu verhindern, dass Wasser durch eine Öffnung eintreten konnte. Die Oberfläche war glatt, wahrscheinlich mit einer Art Ölfarbe behandelt, um das Wasser abzuhalten.

“Interessant. Was denkst du, wie viele Blätter in eine davon hineinpassen?”

Rolan zuckte mit den Achseln. “Ich habe es geschafft etwa zwanzig hineinzustopfen, aber sie sehen nicht mehr so gut aus und sind verknittert, wenn man sie wieder herausnimmt. Fünfzehn sollten in Ordnung gehen.”

Sie biss sich auf die Unterlippe während sie zusah, wie er die Boxen wieder ineinanderschob. Er hatte ihre Frage vorausgesehen und es zuvor ausprobiert. Das war beachtlich. Nicht gerade das, was sie erwartet hätte von jemandem, der solch offensichtlichen Widerwillen zeigte, wenn es darum ging, mit ihr zu arbeiten.

“Ich denke, dann werden wir vier Boxen nehmen. Nicht einmal Vern sollte es schaffen, während unseres Ausflugs mehr als sechzig Zeichnungen fertigzustellen. Und wir werden wohl ohnehin kaum auf so viele verschiedene Pflanzen stoßen.”

Er zog sein Notizbuch heraus, ein kleineres dieses Mal, und machte eine Anmerkung.

“Wie geht die Planung sonst voran? Irgendwelche Schwierigkeiten soweit?”

“Nein”, sagte er nur und zuckte dann mit den Schultern. “Außer Eure Möbel. Die brauchen eine Menge zusätzlicher Packtiere, und die sind zu dieser Jahreszeit nicht so leicht zu kriegen.”

Sie blinzelte. “Meine was?”

“Eure Möbel. Tisch, Stuhl…” Seine Stimme verstummte aufgrund ihres Gesichtsausdrucks.

Sie betrachtete ihn aus zu Schlitzen verengten Augen und fragte sich, ob er sich über sie lustig machte.

“Was? Ihr seid eine Frau! Und noch dazu eine wohlhabende. Man erwartet, dass Ihr mit Stil verreist.”

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. “Und du bist ein Idiot, und was für einer. Wie kommst du auf den Gedanken, dass ich mit einem Tisch und Stühlen durch den Wald reisen würde und mich dann über das Gewicht von Papierboxen beschwere? Benutz dein Gehirn, mein lieber Junge!” Sie sah, wie er bei der Anrede zusammenzuckte und musste zugeben, dass sie womöglich nicht ganz angemessen war. Sie selbst immerhin nur wenige Jahre älter.

“Woher soll ich denn wissen, dass Ihr auf einem Baumstamm sitzen und auf dem harten Boden schlafen wollt?”

“Noch vor einem Jahr habe ich meine eigenen Kräuter gesammelt. Wie hätte ich denn einen Tisch mitschleppen sollen? Auf dem Rücken?” Sie schnaubte bei der Vorstellung.

“Fein”, schnappte Rolan. “Dann wäre Ihre Ladyschaft vielleicht so freundlich, mir eine Liste mit dem zukommen zu lassen, was sie auf die Expedition mitzunehmen gedenkt?”

“Nein”, erwiderte sie mit einem süßen Lächeln. “Ladyschaft wird nichts dergleichen tun. Sie ist ein großes Mädchen und wird ihre Sachen selbst zusammenpacken. Sie lässt sich aber dazu herab, dir mitzuteilen, dass ein Packtier für sie selbst und das Dienstmädchen ausreicht. Außer du hast geplant, dass ich noch ein paar weitere schwer transportierbare, nutzlose Sachen mitschleppe?”

Rolan schloss für einen Moment die Augen, wie um sich zu sammeln, und sah sie dann mit kaum verhülltem Verdruss an. “Ist das alles? Kann ich jetzt gehen?”

“Ja, wenn du sonst keine Fragen mehr hast?”

“Nein”, antwortete er in einem Tonfall, der erahnen ließ, dass er sich lieber sein eigenes Bein abnagen würde, als länger als nötig mit ihr zu reden. Er verbeugte sich rasch, ohne sie anzusehen, bevor er die Tür des Besprechungszimmers hinter sich schloss.

Sie grinste und schüttelte den Kopf, als er weg war. Warum hatte sie nur jemals gezögert, um einen Assistenten zu bitten?

 

Kapitel 3

Die Geste

Eryn gähnte, als sie die letzte Seite des Buches, das Lord Poron ihr in der Woche zuvor gegeben hatte, umblätterte. Zu langwierig, zu langweilig, zu öde. Und dennoch musste sie sich einen Großteil davon einprägen. Sie sah auf das Blatt Papier mit ihren Notizen. Es war kaum etwas Greifbares darunter, nur Verschwörung und Töten. Erachtete man es wirklich als weise, den Leuten so etwas beizubringen? Warum brachte man ihnen nicht stattdessen den Wert von Ehrlichkeit und Direktheit nahe?

Sie sah, wie Lord Poron durch eine der hohen Doppeltüren eintrat und sich sein Gesicht bei ihrem übertriebenen Unmutsseufzer zu einem Lächeln verzog. “Ich sehe, dass Euch Eure derzeitige Lektüre nicht mehr Vergnügen bereitet als die anderen Bücher, meine Liebe. Aber zumindest bekommt Ihr jetzt eine kurze Pause. Kommt, wir müssen uns auf den Weg zu der Kundgebung machen.”

“Welche Kundgebung? Seid Ihr sicher, dass ich dorthin muss?”, fragte sie mit einem verwirrten Stirnrunzeln. “Ich bin immerhin nicht darüber informiert worden.”

“Oh ja, ich denke, das solltet Ihr. Ich könnte mir denken, dass es recht interessant werden wird.” Der Magier in seinen Siebzigern hob das vor ihr liegende Buch hoch und stellte es auf seinen Platz im Regal zurück.

Sie zuckte die Schultern. “Na gut. Wo findet sie statt?”

“Draußen auf dem Palastplatz. Vielleicht solltet Ihr einen kleinen Umweg machen, um Eure Robe zu holen. Wenn so viele von uns anwesend sind, schadet es nicht, die Leute an Euren Status zu erinnern, meine Liebe. Nun los, beeilt Euch. Wir wollen nicht zu spät kommen”, trieb er sie an und schob sie mehr oder weniger aus der Bibliothek hinaus.

“Ja, ja, ich komme schon”, seufzte sie. “Was wird denn Großartiges kundgetan?”

“Das werdet Ihr bald genug erfahren. Allerdings nur, wenn Ihr Euch beeilt und wir es dorthin schaffen, bevor es vorbei ist”, fügte er mit einem besorgen Gesichtsausdruck hinzu.

“Wisst Ihr was? Warum laufe ich nicht flink zu meinem Quartier, hole meine Robe und treffe Euch in ein paar Minuten beim Palasttor?”, schlug sie vor. Die Aussicht, von ihm den ganzen Weg zu ihrem Quartier und dann zum Palastplatz angetrieben zu werden, war nicht besonders erfreulich. “Ich verspreche, mich zu beeilen.”

Als sie sich wenig später die Robe über den Kopf gezogen hatte, ging sie flink in Enrics Arbeitszimmer, um auf den Platz hinabzusehen. Es hatten sich tatsächlich eine Menge Magier dort versammelt. Auch ein paar neugierige Zuschauer hatten ihren Weg dorthin gefunden und hielten Abstand zu den mächtigen und verehrten Mitgliedern des Ordens.

Seltsam, dachte sie und wandte sich um, um Lord Poron wie versprochen unten zu treffen. Wenn das so wichtig war, musste Enric darüber Bescheid wissen. Warum hatte er nichts erwähnt, besonders da sie ebenfalls dorthin sollte?

Lord Poron nickte, als er sie auf sich zulaufen sah und bedeutete ihr, den Palast als erste zu verlassen. Die Magier standen in Grüppchen beisammen und unterhielten sich ungezwungen. Von den Fetzen der Unterhaltung, die sie aufschnappte, konnte sie erkennen, dass sie ebenfalls keine Ahnung hatten, was sie erwartete.

Sie erblickte Orrin, der mit verschränkten Armen und seiner üblichen breitbeinigen Pose auf einer Seite der Menge stand. Er war kein Teil des Trubels, sondern nur ein Beobachter. Sie näherte sich ihm und blieb neben ihm stehen. Er quittierte ihre Anwesenheit mit einem knappen Nicken und fuhr damit fort, seine Magierkollegen zu beobachten.

Orrin war weder ungewöhnlich groß, wie Enric, noch strahlte er die beinahe schon zudringliche Autorität aus, die Lord Tyront umgab. Aber da war eine Art ruhiger, autoritärer Kraft und Selbstbewusstsein, die ihn herausragen ließen. Das und seine durchdringenden, grünen Augen ließen die Leute Abstand davon nehmen, ihm in die Quere zu kommen. Und natürlich seine Kampffertigkeiten, die sich in seiner aufrechten Haltung zeigten, als ob er sich in einem Zustand dauerhafter Wachsamkeit befand und jeden Moment mit einem Angriff rechnete. Die lange, dünne Narbe, die sich über eine Seite seines Gesichts erstreckte, trug nicht gerade dazu bei, diesen Eindruck von Gefahr abzumildern. Er musste in etwa in Lord Tyronts Alter sein, in seinen frühen Fünfzigern, aber sein Beruf als Kriegertrainer hatte ihm den beeindruckenden, muskulösen Körper eines Kämpfers beschert. Das und das Fehlen von jeglichem Grau in seinem vollen Haar ließen ihn etwas jünger erscheinen.

“Was soll das alles hier? Weißt du irgendetwas?”, fragte sie ihn und ließ ihren Blick über die versammelten Männer schweifen. Es mussten mehr als hundertfünfzig sein.

“Abwarten”, sagte er mit einem wissenden Lächeln.

Eryn versuchte gar nicht erst, ihn dazu zu bewegen, dass er preisgab, was er wusste. Das war zwecklos, wie ihr klar war. Er war von der starrköpfigen Sorte. “Weißt du”, sagte sie etwas erstaunt, “mir war gar nicht bewusst, wie viele Magier es gibt.”

Orrin sah sich um. “Es sind schon ein paar, ja. Obwohl im Moment nicht alle von uns hier sind. Die Kinder mit magischen Fähigkeiten sind nicht anwesend, und auch die meisten Mitglieder des Rates nicht.”

“Wie viele magisch begabte Kinder gibt es denn?”

“Etwa vierzig. Nicht alle von uns vererben das Talent.”

Dann sah sie Enric durch das Palasttor nach draußen treten und auf sie zukommen, natürlich in seine blaue Robe gekleidet. Ihr fiel auf, dass das Kleidungsstück anders aussah. Er hatte offensichtlich Zeit gefunden, Junar daran arbeiten zu lassen. Seine breiten Schultern und schmalen Hüften waren zu seinem Vorteil betont, dachte sie. Sie beobachtete, wie er sich näherte und schließlich vor den versammelten Magiern zum Stehen kam.

Das Murmeln um sie herum wurde immer leiser. Jeder, der einen Blick auf die blaue Robe erhaschte, verstummte. Als schließlich der Letzte von ihnen ruhig war, nickte Enric Orrin zu, der daraufhin neben ihn trat. Er schenkte Eryn kurz ein Lächeln und erhob seine Stimme, erhöhte die Lautstärke mit ein wenig Magie, damit ihn alle verstehen konnten.

“Guten Morgen an alle. Ihr fragt euch sicher, weshalb ich zu dieser Versammlung gerufen habe. Ich möchte die Sache mit den drei offiziell ausgeschriebenen Stellen für Heiler ansprechen.”

Eryn schloss die Augen. Nein, bitte nicht, dachte sie mit einem innerlichen Stöhnen. Keine verzweifelten Versuche, jemanden zu finden, der sich seiner Gefährtin erbarmte und ihr den Gefallen tat, mit ihr zu arbeiten. Oder die Gelegenheit ergriff, einen guten Eindruck auf Enric zu machen, ohne ein ernsthaftes Interesse am Heilerberuf selbst mitzubringen.

Sie öffnete die Augen wieder, als er fortfuhr. “Ich bin hier, um euch zu warnen, euch nicht vorschnell zu bewerben, da es eine Verpflichtung zu harter Arbeit ist und nicht wie das Kämpfen von einen hohen Level an magischer Stärke profitiert, sondern etwas viel Selteneres erfordert: einen überdurchschnittlichen Intellekt und die Bereitschaft, ihn einzusetzen.”

Eryn runzelte verwirrt die Stirn. Was war sein Plan? Warum riet er den Leuten davon ab, sich zu bewerben, wenn ohnehin niemand vorhatte, das zu tun? Sollte er es nicht lieber umgekehrt versuchen?

“Die Fähigkeit zu heilen ist in unserem Königreich noch immer eine Seltenheit”, fuhr er fort. “Daher müssen diejenigen, die sich für eine Bewerbung entscheiden, sich nicht nur der Herausforderung stellen, neue Fertigkeiten zu meistern und als Pioniere zu arbeiten; sie müssen auch bereit dazu sein, in ein paar Jahren die Verantwortung einer Führungsrolle zu übernehmen.”

Sie entspannte sich etwas. Nun, das klang schon besser. Dieses Argument würde zweifellos weniger starke Magier ansprechen, die kaum eine Chance hatten, in den Rängen der traditionellen Kriegerhierarchie aufzusteigen.

“Die Fertigkeit zu heilen wird uns stärken – als Königreich, als Krieger, als Magier und als Gesellschaft. Stellt euch vor, ihr seid verletzt oder anderweitig außer Gefecht gesetzt und könntet euch selbst und andere heilen. Stellt euch einen Bauern mit einem gebrochenen Bein vor, der nicht mehrere Wochen lang warten muss, bis er wieder arbeiten kann, um seine Familie zu ernähren. Denkt an eure Kinder, Gefährtinnen, Freunde und dass ihr mit einer Berührung eurer Hand ihre Schmerzen lindern könntet.” Er hielt kurz des Effekts wegen inne und fing so viele Blicke wie möglich ein, als er sich umsah. “Die Menschen in den Westlichen Territorien schätzen die Kunst des Heilens so hoch, dass jeder einzelne Magier die Grundprinzipien erlernt – auch ohne ein Heiler zu sein. Wir sind in der glücklichen Lage, unsere eigene Heilerin hier im Orden zu haben, die uns diese Fähigkeit lehrt und dieses Wissen mit uns teilt. Und wir werden diese Chance nutzen.”

Er zog einen Dolch aus seinem Ärmel und fuhr mit der scharfen Klinge, ohne auch nur das kleinste Anzeichen von Schmerz zu zeigen, über seine Handfläche. Dann hob er seine Hand hoch über seinen Kopf, damit jeder sie sehen konnte. Der Schnitt war ziemlich tief, das Blut rann in dunkelroten Rinnsalen seinen Unterarm hinab.

Was machte er nur? Eryn fragte sich, ob er wollte, dass sie neben ihn trat und eine kleine Heildemonstration für die Menge lieferte. Sie wartete auf sein Zeichen. Aber es kam keines.

Als er sicher war, dass die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf seine blutende Handfläche gerichtet war, schloss er die Augen und Eryn starrte ihn mit offenem Mund an. Er würde doch nicht… oder doch? Nein, das war unmöglich! Er wusste doch nicht wie!

Ihr Atem beschleunigte sich, als sie sah, wie sich der Schnitt langsam schloss und der Blutfluss verebbte. Er hielt seine Hand weiterhin über seinem Kopf erhoben und zog mit seiner anderen Hand ein sauberes, weißes Tuch aus einer Tasche, um das Blut abzuwischen. Dann präsentierte er der starrenden Menge eine perfekte, unversehrte Handfläche.

Enric sah zu seiner Gefährtin und war ungemein zufrieden mit der Überraschung und vollkommenen Ungläubigkeit auf ihrem Gesicht. Orrin zog daraufhin seinen eigenen Dolch aus einem Futteral in seinem Stiefel und zerschnitt seine Hand auf die gleiche Art und Weise. Auch er hielt sie sodann hoch in die Luft, damit jeder sie sehen konnte, bevor er seine Augen schloss. Eryn bedeckte ihren weit offenen Mund mit beiden Händen und sah zu, wie sich der Krieger heilte, genau wie sein Kollege es nur Augenblicke zuvor getan hatte.

Erst jetzt, wo das Murmeln rund um sie begann und mit jeder Sekunde lauter und erregter wurde, erkannte sie, wie vollkommen still es um sie herum gewesen war.

Enric war zufrieden mit der Reaktion auf seine kleine Demonstration, und er und Orrin gingen auf sie zu, beide mit unverkennbarer Selbstgefälligkeit ob ihres betäubten Gesichtsausdrucks.

“Aber… wie?” Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Das Wie war ziemlich klar, nicht wahr? Es gab nur einen anderen Heiler im Königreich, der es ihnen gezeigt haben konnte. “Ich meine wann?” Sie gestikulierte hilflos.

“Ich habe Vern gebeten, mir ein paar der grundlegenderen Dinge beizubringen, während du und Orrin eure Tanzstunden hattet. Ich habe ihn angewiesen, es für sich zu behalten. Ich wollte dich überraschen.” Er lächelte auf sie hinab. “Es scheint, als wäre mir das gelungen.”

Sie atmete langsam aus und schüttelte den Kopf, während sie erst jetzt über die Auswirkungen dessen nachdachte, was er gerade getan hatte, was beide Männer getan hatten. Sie hatten soeben der Gesamtheit der Magier im Königreich gezeigt, dass die zwei meistverehrten Krieger im Orden die Fertigkeit des Heilens hoch genug schätzten, dass sie Zeit und Mühe dafür aufwendeten, sie zu erlernen.

Enric beobachtete die Schlacht zwischen ihren Hemmungen, in der Öffentlichkeit Zuneigung zu zeigen, und dem Impuls, genau das zu tun. Er wartete ein paar Augenblicke, ob sie sich dazu durchringen konnte. Dann seufzte er und zog sie in seine Arme. “Komm her. Und du solltest gar nicht erst leugnen, dass dir genau das durch den Kopf gegangen ist”, murmelte er, bevor er ihr einen Kuss auf die Lippen drückte.

Sie zögerte einen Moment lang, dann schlang sie ihre Arme um ihn und presste ihn fest an sich, während ihre Wange auf seiner Schulter lag.

“Danke. Vielmals.”

“Gerne. Aber wir werden erst sehen müssen, ob das irgendetwas ändert. Erwarte nicht zu viel”, warnte er.

Sie ließ ihn los und lächelte. “Das macht keinen Unterschied. Die Geste war erstaunlich, ob sie nun darauf reagieren oder nicht. Ich schätze das wirklich.” Sie wandte sich an Orrin, hob ihre Arme, um ihn ebenfalls zu umarmen und stöhnte leicht, als er sie nicht gerade zärtlich drückte.

“Keine Luft”, keuchte sie mit einem übertriebenen Erstickungsanfall.

Er lachte leise. “Du bist noch immer zu weich. Ich hätte gedacht, dass sich das mit deinem Kampftraining in der Zwischenzeit von selbst erledigt hätte, besonders mit deinem neuen Trainingspartner.”

“Wenn du Junar genauso umarmst, dann wirst du deine neuen Heilerfertigkeiten oft genug brauchen”, lachte sie und küsste seine Wange. Als sie sich umsah, erkannte sie Vern, der grinsend auf sie zukam.

“Das war vielleicht eine Vorstellung, was? Kannst du hören, wie sie reden? Sie sind total verwirrt”, strahlte er, als wäre er glücklich über einen gelungenen Streich. “Und dein Gesicht war ein Anblick! Dein Mund war weit offen, deine Augen sind hervorgetreten… Sehr elegant, Lady Eryn.”

Sie schnipste ihre Finger gegen sein Ohrläppchen und grinste, als er es rieb. “Vorsicht, Junge. Ich könnte sonst entscheiden, dass du nicht autorisiert warst, Heilerstunden zu geben und daher bestraft werden musst.”

“Nicht autorisiert?”, schnaubte er. “Du denkst, dass Lord Enric nicht autorisiert ist, mich zu autorisieren? Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatte er noch einen höheren Rang als du.”

“Ja”, stimmte Enric zu, “das war auch mein Eindruck. Und was auch immer sie benutzt, um dich zu bedrohen, kannst du getrost als nichtig betrachten.”

“Nett”, erwiderte sie. “So viel zu meiner Autorität.”

* * *

“Eine nette Vorführung”, kommentierte Tyront und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. “Und noch dazu recht effektiv. Ich habe seit gestern insgesamt vier Bewerbungen erhalten.”

Enric zog seine Augenbrauen nach oben. “Das sind ausgezeichnete Neuigkeiten. Hast du Eryn schon davon erzählt?”

“Nein. Ich will sie mir erst genauer ansehen.”

“Sag mir nicht, dass du die Kandidaten, die du nicht befürwortest, vorher aussortierst? Sie würde dir nie wieder vertrauen, wenn sie das herausfände.”

Tyront beeilte sich, diese Bedenken zu zerstreuen. “Nein, selbstverständlich nicht. Wofür hältst du mich? Sie ist diejenige, die mit den Leuten arbeiten muss, die sie sich aussucht, was also wäre mein Vorteil? Ich bin nur neugierig.”

“Warum überlässt du ihr die Auswahl dann nicht vollständig?”, erkundigte sich Enric.

“Weil es keinen guten Eindruck macht, wenn ich ihr im Zusammenhang mit dem Heilen alles allein überlasse. Und es zwingt sie auch dazu, gelegentlich mit mir zusammenzuarbeiten. Das ist etwas, woran sie sich gewöhnen muss.” Er grinste boshaft. “Es scheint, als würde ihr ihr neuer Assistent ebenfalls das eine oder andere über Führung beibringen.”

“Warum? Was hast du gehört?”

“Nicht so sehr gehört als gelesen”, sagte Tyront und nahm zwei Briefe von seinem Schreibtisch. “Der junge Rolan ist nicht allzu glücklich darüber, mit ihr arbeiten zu müssen, soviel kann ich dir sagen.”

“Berichte?”

“Nein, besser. Beschwerdebriefe.” Er hielt das erste Blatt hoch und las vor: “Lady Eryn scheint es als angemessen zu erachten, mich wiederholt mit dem beleidigenden Ausdruck ‘Idiot’ zu betiteln. Ich erachte dies nicht als professionelles Verhalten und denke zudem nicht, dass diese Regelung langfristig zur beiderseitigen Zufriedenheit funktionieren kann. Ich wäre somit ewig dankbar, wenn Ihr Euch imstande sehen würdet, eine andere Position für mich zu finden.”

“Oh ja, das klingt in der Tat nach ihr”, bemerkte Enric und seufzte.

“Warte, da ist noch einer. Das ist genau genommen der Erste. Er muss ihn kurz nach ihrem ersten Treffen geschrieben haben”, sagte Tyront und begann erneut vorzulesen: “Lady Eryn hat mich heute mit körperlicher Gewalt bedroht für den Fall, dass ich es versäume, ihre Forderungen zu erfüllen. Ich zitiere: ‘Ich werde deinen jämmerlichen Hintern von hier bis zum Meer treten’ und ‘Wenn ich nichts von dir höre, werde ich kommen und dich finden. Und dich zum Reden bringen.’ Ich bin ernsthaft um meine persönliche Sicherheit besorgt und ersuche Euch dringend darum, Eure Wahl für meine Stelle noch einmal zu überdenken. Sie hat des Weiteren damit gedroht, mich ihre Geringschätzung spüren zu lassen, indem sie mich in der Öffentlichkeit erniedrigende und peinliche Aufgaben durchführen lässt.” Er ließ beide Blätter sinken. “Führungspotential wie es im Buche steht.”

“Was wirst du deswegen unternehmen?”

“Ich?” Tyront schüttelte den Kopf und lächelte breit. “Nicht das Geringste. Und warum sollte ich? Ich freue mich auf seine Nachrichten, sie amüsieren mich. Und er hält mich unabsichtlich auf dem Laufenden darüber, was sie so treibt. Sozusagen ein unbezahlter Agent. Ein sehr nützlicher junger Mann.”

Enric grinste und schüttelte den Kopf. “Du durchtriebener, alter Halunke. Hat dir Eryn ebenfalls irgendwelche Briefe geschickt, um dich dazu zu bewegen, dass du deine Meinung änderst?”

“Nein, überhaupt nichts. Aber ich wäre sehr daran interessiert, was sie zu sagen hat. Ich schätze, ich werde sie um einen Fortschrittsbericht bitten müssen. Wenngleich ich befürchte, dass es einige Zeit in Anspruch nehmen wird, ihn zu lesen. Ihre Handschrift wirkt etwas… ungeduldig, um es milde auszudrücken. Und nachdem ich regelmäßig Orrins Gekritzel entziffern muss, will das etwas heißen. Ich gehe davon aus, dass sie nicht allzu angetan davon ist, Berichte zu schreiben?”

“Nein, nicht wirklich. Wäre ihr Terminplan nicht so voll, würde ich stattdessen regelmäßige Treffen vorschlagen.”

“Ich werde darüber nachdenken. Wir können das besprechen, wenn sie von ihrer Expedition zurückgekehrt ist.” Er sah den jüngeren Mann an. “Hast du dich schon an den Gedanken gewöhnt, dass sie zehn Tage lang mit einem Haufen Fremder durch die Wälder streifen wird? Es sind nur mehr sieben Tage, bis es losgeht, wenn ich mich nicht irre.”

Enric seufzte. “Nein, nicht wirklich. Ich bin noch immer nicht glücklich darüber, aber sie ist fest entschlossen, es zu tun und ich sehe ein, warum. Sie ist jetzt seit einiger Zeit in der Stadt eingesperrt. Nachdem sie auf dem Land aufgewachsen ist, kann ich verstehen, dass sie für eine Weile von hier weg will.”

“Du machst dir keine Sorgen darüber, dass sie nicht zurückkommen könnte, oder?”

“Nein”, sagte er mit gerunzelter Stirn. “Warum? Denkst du, das sollte ich?”

Tyront grinste. “Woher soll ich das wissen? In dieser Hinsicht habe ich keinerlei geheime Informationen von meinen Agenten erhalten, wenn es das ist, worauf du hinaus willst. Keine geheimen Pläne zur Flucht aus dem Königreich, die mir zu Ohren gekommen wären. Sie hat übrigens alle ihre Tests erfolgreich abgelegt. Zumindest diejenigen, die sie schon hinter sich hat. Da ist noch immer einer in Politischer Strategie offen, denke ich. Lord Poron will sie in den nächsten Tagen über einen Teil der Bücher testen.”

“Gut. In den letzten Wochen hat sie ihre Bücher sogar mit ins Bett genommen, also ist es gut, dass das nicht vergebens war.” Enric spitzte die Lippen. “Es gibt da etwas, worüber ich nachgedacht habe. Ein paar von Verns Unterrichtsstunden wurden aufgrund seines Heilertrainings verschoben. Ich habe mich gefragt, ob er nicht zwei oder drei seiner Gegenstände gemeinsam mit Eryn anstatt dem Rest der Klasse fortsetzen könnte. Er ist klug genug, um mit einer höheren Lerngeschwindigkeit zurechtzukommen.”

“Und du denkst dabei natürlich überhaupt nicht an deine Gefährtin, sondern nur an die Vorteile für den Jungen?”, fragte Tyront milde.

Enric überlegte genau, bevor er darauf antwortete: “Überhaupt nicht wäre vielleicht nicht ganz korrekt, aber da der Junge erheblich davon profitieren würde, denke ich nicht, dass ich Eryn hier ungebührlich bevorzuge.”

“Ich verstehe”, antwortete Tyront langsam. “Dann achten wir wohl besser darauf, dass wir den Vorteil für den Jungen betonen, wenn wir es seinen Lehrern mitteilen. Es könnte sonst so erscheinen, als ob du versuchtest, den Orden umzukrempeln, um deine Gefährtin glücklich zu machen. Und diesen Eindruck wollen wir doch wohl vermeiden, nicht wahr?”

Enrics Augen verengten sich. “Du denkst, ich bin ein verliebter Narr, oder?”

“Spielt es eine Rolle, was ich denke?”, sagte er mit einem dünnen Lächeln und wurde dann wieder ernst. “Enric, du hast in all den Jahren niemals irgendwelche Forderungen gestellt oder um Gefälligkeiten gebeten, seit du in die Ränge der Macht aufgestiegen bist. Aus meiner Sicht steht dir ein wenig Narrheit durchaus zu. Ich habe lange darauf gewartet, dass du eine Gefährtin findest. Und solange deine Pflichten dadurch nicht vernachlässigt werden, habe ich kein Problem damit, mit dir hin und wieder etwas nachsichtig zu sein.”

Der jüngere Mann nickte langsam und verinnerlichte die Bedeutung von Tyronts Worten. Großzügigkeit verpackt in eine Warnung. Das war typisch für Tyront.

* * *

Eryn seufzte und schüttelte den Kopf über die Nachricht, die sie soeben von den Apothekern erhalten hatte. Es waren nur noch drei Tage bis zum Beginn der Expedition übrig. Offenbar dachten sie, dass dies genau der richtige Zeitpunkt wäre, um einen Lehrplan für das Training, das sie gemäß der Vereinbarung mit dem Orden zu absolvieren hatten, zu verlangen. Sie hatte keinerlei Absicht, noch vor ihrer Abreise einen zu erstellen. Besonders, da das Heilergebäude ohnehin noch nicht fertig war – und das war immerhin der Ort, an dem der Unterricht stattfinden sollte.

Eine Idee ließ ihre Augen schelmisch aufblitzen. Sie würde die Apotheker an Rolan verweisen. Zumindest würde ihn das beschäftigen, bis sie wieder zurück war. Sie waren ziemlich fordernd, und die Gespräche mit ihnen waren nicht eben angenehm. Und es konnte ohnehin nicht schaden, sie für die Zukunft bereits jetzt daran zu gewöhnen, dass sie sich an ihren Assistenten wenden mussten.

Sie blickte zurück zu dem letzten der Bücher, das sie für ihre Prüfung mit Lord Poron morgen noch durchgehen musste. Zehn Tage ohne irgendwelche Bücher über was auch immer der Orden als nützliches Wissen erachtete, keine Tests, nichts. Das erschien ihr nun wie ultimativer Luxus. Sie schüttelte ihren Kopf über ihre umherwandernden Gedanken und erhob sich, um ihr Glas aufzufüllen. Sie hatten es erfolgreich bewerkstelligt, dass einer Frau, die Bücher ihr Leben lang verehrt und sich an ihnen erfreut hatte, nun vor ihnen graute und sie davon träumte, mehrere Tage lang keine einzige Seite lesen zu müssen. Wenn der Orden das als effektive Ausbildungmethode erachtete, würde sie mit ein paar Leuten hier sprechen müssen.

Sie warf einen Blick auf die Kiste voll mit ledernen Hosen, die kurz zuvor geliefert worden waren und entschied, dass sie sich eine Pause von ihrem Buch verdient hatte. Junar war ebenfalls recht fleißig gewesen. Zusätzlich zu ihrer regulären Arbeit hatte sie die Kleidungsstücke für Vern, Plia und Eryn fertiggestellt.

Rolan hatte sie durch einen Boten wissen lassen, dass sämtliche Vorräte, Koch- und Schlafutensilien, Papierboxen und sonstige Ausrüstung beinahe vollständig und bereit zum Zusammenpacken waren. Alles schien nach Plan zu laufen.

Sie sah nachdenklich zu der Tür, hinter der Enric arbeitete. Je näher der Tag der Abreise rückte, desto rastloser fühlte sie sich. Zuerst hatte sie es der Aufregung zugeschrieben, aber jetzt begann sie den Verdacht zu hegen, dass ein Teil von ihr ihn nur ungern zurückließ.

Was er für sie getan hatte, die Heilerstunden mit Vern, hatte sie berührt. Er hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sie sehr gerne mochte, aber das… Es schien, als ob seine Zuneigung zu ihr tiefer ging, als sie erwartet hatte. Vielleicht war es sogar Liebe?

Sie erschauderte bei dem Wort. Ihr Vater hatte sie mehr als einmal davor gewarnt. Er hatte ihre Mutter geliebt, und diese Verbundenheit hatte sich für ihn nicht eben als Segen erwiesen. In ein anderes Land fliehen und all diese Zeit über seine wahre Identität verbergen zu müssen – das hatte es ihm eingebracht. Er hatte ihr gesagt, dass sie, seine Tochter, das einzig Gute war, das aus seiner Liebe entstanden war.

In den Jahren, die sie in ihrem kleinen Dorf verbracht hatte, hatte sie ein paar glückliche Paare gesehen, aber viele waren alles andere als das gewesen. Sie hatte Gewalt, Untreue, schwelende Unzufriedenheit, enttäuschte Hoffnungen und Frustration beobachtet. Und was all diese Gefühle auf lange Sicht aus Menschen machten. Da gab es Paare, die zum Zeitpunkt ihrer Kommitment-Zeremonie Glückseligkeit ausstrahlten und nur wenige Jahre später kaum noch in der Lage oder willens waren, einander in die Augen zu sehen. Es war erstaunlich, wie viel sich zwischen zwei Menschen verändern konnte, die einander ursprünglich mit Leib und Seele zugetan und in, nun ja, Liebe verbunden gewesen waren.

Dass ein Gefährte zurückgelassen wurde, kam auf dem Land nicht häufig vor. Es war wichtig, dass man zeigte, dass man den Lebensbund ehrte. Man nahm keine Rücksicht, wie viel Unzufriedenheit und Verbitterung zwischen den beiden Menschen herrschte. Sie hatten sich mit einem Eid, törichterweise in einer sehr optimistischen Stimmung geschworen, aneinander gefesselt. Ihn aufzulösen wäre wie Betrug. Und diejenigen, die selbst in einer unglücklichen Beziehung gefangen waren, erwiesen sich als die strengsten Tugendwächter, um sicherzugehen, dass die anderen ebenso sehr litten.

Sie war entschlossen gewesen, niemals in diese Falle zu geraten. Es wäre kaum möglich gewesen, ihre magischen Fähigkeiten geheim zu halten, wenn sie einer anderen Person ständig so nahe gewesen wäre. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Unglückseligkeit vermeiden wollte, die sie gesehen hatte.

Aber dann waren da der König und Enric mit ihren eigenen Ideen und Plänen gewesen. Enric hatte ihr am Abend ihres Kommitments gesagt, dass er ohnehin geplant hatte, sie um ihre Hand zu bitten, auch ohne die Einmischung des Königs. Er hatte ihr aber mehr Zeit geben wollen, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Sie fragte sich, wie er reagiert hätte, wenn er sie eines Tages gefragt und sie ihn aus Angst vor zukünftigem Elend zurückgewiesen hätte.

Das waren jetzt jedoch unnütze Gedanken. Sie war nun in genau der Falle gefangen, die sie immer vermeiden wollte. Zu ihrer Erleichterung und Überraschung hatte sie sich bislang weniger als Folter, sondern als größeres Vergnügen erwiesen, als sie zu hoffen gewagt hatte.

Aber emotionale Bindungen hatten auch ihre Nachteile. Was, wenn einer von ihnen eines Tages damit begann, den anderen zu verachten oder sich in jemand anderen verliebte? Oder sich in der Partnerschaft einfach nur langweilte?

Sie rieb mit den Händen über ihr Gesicht und schob diese Gedanken weit weg. Es gab keine Garantie, dass dies hier funktionieren würde. Warum also sollte sie es nicht genießen, solange es währte? Genau, dachte sie und seufzte über ihre eigene Torheit. Darum begann sie ihn auch bereits jetzt zu vermissen, noch bevor sie auch nur aufgebrochen war.

»Ende der Leseprobe«

 

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Solltest du den Rest des Buches auch unterhaltsam finden, wäre eine Bewertung super! Die sind für Autoren lebenswichtig.

„Der Orden“ – Buch 1

Kapitel 1

Eryn

Die Luft war eisig und es schien, dass der Winter mit viel Schnee seinen Einzug halten würde.

Es war erst der Beginn dieser Jahreszeit, allerdings war sie bereits jetzt wesentlich rauer als die letzten Jahre, an die sie sich erinnern konnte.

Eryn beobachtete ihren Atem, der in blassen Wolken vor ihrem Gesicht kondensierte. Dann hob sie ihren Blick zum sternenübersäten Himmel über sich. Er war ein unvergleichlicher Anblick in solch einer klaren, wolkenlosen Nacht. Trotzdem freute sie sich auf ihre Rückkehr nach Hause zu einem gemütlichen Feuer und einem warmen Getränk. Sie hasste diese Kälte seit sie denken konnte. Ihre bevorzugte Jahreszeit waren die heißen Sommermonate, ganz gleich wie sehr sie die Arbeit in der Hitze erschöpfte. Der Sommer fühlte sich auf jeden Fall wesentlich besser an als diese klirrende Kälte.

Sie presste ihre Tasche mit den Wurzeln fest an sich und eilte durch die dunkle Hauptstraße des kleinen Dorfes. Sie hätte schon vor Einbruch der Dunkelheit zuhause sein sollen, aber die Wurzeln waren dieses Jahr schwer zu finden. Vermutlich hatten sich die Dorfbewohner ebenfalls auf die Suche danach gemacht, um sie auf den Märkten zu verkaufen.

Ihr Vater würde sie bereits ungeduldig erwarten und jede Minute – oder jede zweite – einen Blick aus dem Fenster werfen. Er wurde es nicht müde, ihr zu erklären, wie gefährlich es für ein fünfzehnjähriges Mädchen war, allein in der Dunkelheit unterwegs zu sein. Eryn unterdrückte jedes Mal ein Seufzen, wenn er eine weitere seiner Tiraden darüber startete, welche zahllosen Gefahren hinter jeder Ecke lauerten. Ihre späte Rückkehr würde ihr eine weitere einbringen, daran bestand kein Zweifel.

Nur noch vorbei an zwei weiteren Häusern, und sie würde den schmalen Pfad erreichen, der zu dem abgeschieden gelegenen kleinen Haus führte, das sie mit Treban, ihrem Vater, bewohnte.

Treban war der Dorfheiler, und zwar ein ausgezeichneter. Sein guter Ruf war weit verbreitet. Die Kranken und Verletzten kamen von weit her, um sich von ihm helfen zu lassen – kaum jemals vergebens. Er war ungemein stolz auf seine Arbeit und hatte noch niemals jemanden fortgeschickt, auch wenn der- oder diejenige nicht in der Lage war, ihn zu bezahlen.

Diejenigen jedoch, die er behandelte, waren stets bestrebt, einen Weg zu finden um ihn zu entschädigen – auch wenn es längere Zeit dauerte. Es war nicht klug, auf jemanden wie ihren Vater einen schlechten Eindruck zu machen. Es bestand immerhin die Möglichkeit, dass man seine Dienste eines Tages wieder benötigte. Zuweilen trafen Pakete mit Dankesbriefen ein, die seine Großzügigkeit priesen. Ihr Vater führte keine Aufzeichnungen darüber, wer ihn bezahlt hatte und wer nicht. Es kümmerte ihn schlicht und einfach nicht.

Heilen war für ihn nicht einfach nur ein Mittel, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern dazu, den Menschen zu dienen und zu helfen. Er war überzeugt, dass sie das Gleiche für ihn tun würden. Manche belächelten seine Selbstlosigkeit als naiv. Seine Einstellung hielt ihn aber nicht davon ab, die Menschen so zu sehen, wie sie wirklich waren. Er wollte nur einfach nicht so sein wie sie. Er war ein Mann, der das Beste glauben wollte, sich aber der menschlichen Natur sehr wohl in ihren schlimmsten Ausprägungen bewusst war.

Und Eryn wusste, dass er genau aus diesem Grund immer wieder seiner Tochter verständlich zu machen versuchte, wie wichtig es war, dass sie auf sich aufpasste.

Irgendwo hinter einem der Häuser hörte sie einen Zweig brechen, nur eines der vielen Geräusche, die das Landleben mit sich brachte. Sie sagte sich, dass es sich wohl um ein kleines Tier handelte oder um jemanden, der ein paar Scheite Holz zum Kochen ins Haus holte.

Kein Grund nervös zu werden, beruhigte sie sich und verfluchte ihren Vater dafür, dass er sie dazu brachte, in jedem Schatten eine Gefahr und in jedem Geräusch ein böses Vorzeichen zu sehen.

Das nächste Geräusch war näher, gleich hinter ihr.

Sie schluckte, holte tief Luft, drehte sich um und seufzte erleichtert auf, als sie Krion, den Sohn des Bäckers, erkannte. Er war ein paar Jahre älter als sie, ein hochgewachsener, gutaussehender junger Mann. Er hatte stets ein Lächeln und ein Zwinkern für Eryn übrig, wenn sie in das Geschäft seines Vaters kam, um Brot zu kaufen.

Schon vor einer Weile hatte er begonnen, mit ihr zu flirten, und Eryn fühlte sich überaus geschmeichelt. Manche der anderen Mädchen ihres Alters und ältere hatten schon versucht, seinen Blick auf sich zu ziehen, und Eryn war sehr erfreut, dass er gerade sie ausgewählt hatte. Zumindest hoffte sie, dass sie die Einzige war, mit der er flirtete… Sie wäre am Boden zerstört, wenn sie jemals herausfände, dass er mit allen Mädchen so umging, sobald er ein paar ungestörte Momente mit ihnen verbrachte.

Ein paar andere Jungs hatten ebenfalls begonnen, ein Auge auf sie zu werfen, aber keiner von ihnen schaffte es so wie Krion, sie derart nervös zu machen.

Sie strahlte, als er näher kam, so wie immer, wenn sie ihn erblickte. “Was machst du denn hier draußen in der Kälte? Solltest du nicht zuhause sein?”

Seine hellen Zähne blitzten im Dunkeln, als er lächelte. “Das Gleiche könnte ich dich auch fragen, kleine Eryn. Es ist gefährlich hier draußen in der Dunkelheit.”

Sie rollte mit ihren Augen: “Du klingst wie mein Vater!”

Er lachte: “Ich bringe dich wohl besser nach Hause, damit dir nichts passiert und dein Vater sich nicht aufregt.”

Sie fühlte, wie ihre Hände zu schwitzen begannen. Er bot ihr an, sie nach Hause zu begleiten! Sie würde mit ihm den ganzen Weg bis zu ihrem Haus gehen, würde ihn ganz für sich allein haben! Das bedeutete, dass er sie mochte, nicht wahr? Er würde sie nicht begleiten, wenn er nichts für sie empfinden würde, richtig? Oder tat er es einfach nur aus der für ihn so typischen Galanterie?

Er wartete auf ihre Antwort. “Du hast doch nicht etwa Angst vor mir, kleine Eryn, oder?”, neckte er sie.

Angst? Sie fühlte sich beinahe schwindlig vor Glückseligkeit und lächelte. “Nein, selbstverständlich nicht. Danke, das wäre fein.”

Sie folgten dem Weg wortlos bis sie das Dorf hinter sich gelassen und den schmalen Weg erreicht hatten, der zum Haus des Heilers führte.

“Wie gefällt es dir so, mit deinem Vater zu arbeiten? Das Heilen? Ich meine, dein Vater bildet dich doch zu einer Heilerin aus, oder?”

Sie nickte. “Ja genau, und ich finde es toll. Manchmal ist es wirklich mühsam, die ganze Nacht aufzubleiben, um jemandem zu helfen, der betreut und beobachtet werden muss, und dann nach nur zwei oder drei Stunden Schlaf mit der täglichen Arbeit weiterzumachen – aber glücklicherweise passiert das nicht zu oft. Aber zu sehen, wenn Leute zu uns kommen, denen es wirklich schlecht geht, und sie sich dann nach der Behandlung so viel besser fühlen – das ist wirklich großartig.” Hör auf zu plappern, ermahnte sie sich, so vertreibst du ihn bloß.

Vor der Kurve, die das Haus in Sichtweite bringen würde, stoppte er, trat an sie heran, legte seine Hände auf ihre Schultern und zog sie näher zu sich. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Würde er sie wirklich küssen? Ihr Gesicht glühte trotz der Kälte. Was für eine Schande, dass sie in der Dunkelheit nicht mehr als seine Silhouette erkennen konnte.

Seine Lippen senkten sich kühl auf ihren eigenen, kalten Mund, aber seine Zunge war warm. Sie legte ihre Arme um seine Mitte, lehnte sich an ihn und schmolz unter seiner Berührung dahin.

Als sie seine Hand auf ihrer Brust spürte, zog sie sich zurück und drückte sie entschieden weg. Er ließ seine Hand erneut dorthin wandern und wollte sie wieder näher zu sich ziehen.

“Nein”, sagte sie atemlos und schüttelte in der Dunkelheit ihren Kopf.

“Warum nicht? Du magst mich doch, oder nicht?” Sie konnte das Lächeln in seiner Stimme hören.

Sie stieß ihn fester von sich. Da packte er eines ihrer Handgelenke, damit sie sich nicht weiter zurückziehen konnte. “Ich will das nicht, lass mich los!”

“Plötzlich zierst du dich? Wir wissen doch beide, dass es nichts anderes ist!” Er klang verärgert, als ob er nicht wirklich mit Widerstand gerechnet hätte, und schien ihn als persönliche Beleidigung zu empfinden.

Statt einer Antwort versuchte sie, ihn dorthin zu treten, wo ihr Vater es ihr gezeigt hatte. Er schaffte es knapp, ihrem Fuß zu entkommen und fluchte, als sie stattdessen seinen Oberschenkel traf. Sobald er mit beiden Händen nach seinem Bein griff, wandte sich Eryn in Richtung des Hauses und begann zu laufen.

Sie fühlte nach nur wenigen Schritten, wie seine Hand ihren Ellbogen umfasste und sie beinahe zurückstolpern ließ.

“Lass mich los, du Mistkerl!”, schrie sie und hoffte inständig darauf, dass ihr Vater sie hören und zu ihrer Rettung eilen würde.

Er hielt ihr den Mund mit seiner Hand zu und drückte sie nach unten auf den kalten, harten Boden; seine andere Hand tastete sich voran, um ihre Röcke hochzuschieben. Sie wand und krümmte sich unter ihm, trat nach ihm, versuchte ihn in die Hand zu beißen und sich von ihm zu befreien. Sie spürte seine kalte Hand auf ihrem Bauch, wie sie sich nach unten bewegte und fühlte, wie Tränen an ihren Schläfen hinabliefen. Tränen des Verrats, des Ärgers über sich selbst, der vollkommenen Verzweiflung über ihre Hilflosigkeit.

Dann plötzlich spürte sie von einem Moment zum nächsten sein Gewicht nicht länger. Sie vernahm seinen überraschten Aufschrei und schließlich ein Geräusch, das klang, als würde jemand einen Schlag einstecken. Da war ein scheußliches Knacken, das nichts anderes als das Brechen eines Knochens sein konnte. Dann hörte sie Krions Stimme, als er sich fluchend davonmachte.

Sie konnte den Mann nicht sehen, erkannte aber den Geruch nach Kräutern, der ihren Vater stets umgab, bevor sich seine warmen Hände um die ihren schlossen und sie zurück auf ihre Füße zogen.

“Vater”, schluchzte sie, “er wollte…”

“Mir ist klar, was er wollte”, unterbrach sie die irritierend ruhige Stimme ihres Vaters. Sie spürte den mühsam im Zaum gehaltenen Zorn darin und drückte sich an ihn, als er seinen Arm um ihre Schultern legte und sie zurück zum Haus brachte.

“Die Wurzeln…” Sie blieb stehen und versuchte zu erkennen, wo die Tasche gelandet war. Ihr Vater entdeckte sie zuerst, bückte sich und hob sie auf, bevor er seinen Arm wieder um ihre Schultern legte und seine Tochter an sich zog.

“Komm, mein Mädchen”, sagte er. “Bringen wir dich ins Haus. Du bist eiskalt.”

Sie fühlte sich auch kalt, durch und durch eisig. Es hatte sie ganz tief in ihrem Inneren getroffen. Nicht einmal das einladende Feuer, das sie durch die Fenster des Hauses erkannte, konnte sie trösten.

Sie rechnete mit Tadel, mit einer Maßregelung ob ihrer Sorglosigkeit, die sie dazu bewegt hatte, allein mit einem Jungen durch die Dunkelheit zu gehen, aber ihr Vater blieb stumm. Er nahm nur den Umhang von ihren Schultern und hängte ihn ordentlich an den Haken an der Wand neben seinen eigenen. Er hatte ihn nicht umgelegt, als er ihr zur Hilfe gekommen war.
Dann griff er nach ihrer Hand und zog sie zu seinem gemütlichen Sessel vor dem Feuer. Er verließ sie noch einmal kurz, und sie hörte das Geklapper von Geschirr, bevor er zur ihr zurückkehrte und vor ihr in die Hocke ging.

Er presste einen Becher mit einer klaren, dunklen, scharf riechenden Flüssigkeit in ihre Hand und wischte die Tränen weg, die ihre Wangen hinabliefen, während sie schweigend in seinem Sessel saß.

Sie machte keinerlei Anstalten zu trinken, also hob er ihre Hand mit dem Becher an, bis sie einen Schluck nahm. Die süße Flüssigkeit brannte sich ihren Weg den Hals hinab und brachte sie zum Husten. Fast augenblicklich fühlte sie, wie sich Wärme in ihrem Magen ausbreitete.

Sie blickte in das Gesicht ihres Vaters, das zwischen den Tränen immer wieder verschwamm. Still wartete sie noch immer auf die Tirade, die jeden Moment beginnen musste.

Eine Zeitlang sahen sie einander einfach nur an, schließlich sprach ihr Vater, zu ihrer Überraschung aber nicht, um sie zu tadeln, wie sie es erwartet hatte. “Es tut mir leid, mein Kind. Das ist meine Schuld.”

Sie starrte ihn an, fühlte, als wäre sie in einem absurden Traum gefangen.

“Was?”

Er schüttelte seinen Kopf. “Ich hätte dich warnen sollen. Ich hätte dich nicht wegen der Wurzeln losschicken sollen, wenn es so früh dunkel wird. Ich hätte stattdessen gehen sollen. Ich…”

Sie griff nach seiner Hand. Es war unerträglich, dass ausgerechnet er sich die Schuld dafür gab, was passiert war. Oder eher dafür, was er abgewendet hatte.

“Du hast mich gewarnt!”

“Nein.” Er befreite seine Hand aus ihrem Griff und fuhr sich durch sein graues, aber immer noch dichtes Haar. “Ich habe dich nicht vor ihm im Speziellen gewarnt.”

Sie hätte nicht für möglich gehalten, dass sie innerlich noch weiter erstarren konnte. “Vor ihm im Speziellen?”, wiederholte sie beinahe lautlos.

“Letztes Jahr wurde ich zu einem jungen Mädchen im Dorf gerufen. Ihr war aufgelauert worden, und sie wurde…” Seine Stimme verebbte. “Sie sagte, dass es der Sohn des Bäckers gewesen war”, setzte er nach einer Weile fort. “Seitdem habe ich meine Augen und Ohren offengehalten, um gleich im Bilde zu sein, falls so etwas noch einmal passieren sollte. Und nun, jetzt wärst du beinahe…” Er brach erneut ab.

Sie saß bewegungslos, zu überwältigt, um zu sprechen. Nur ein einziger Gedanke drehte sich in ihrem Kopf: Der junge Mann, in den sie sich im Begriff war zu verlieben, war nichts anderes als ein Tier, das sich hilflosen jungen Frauen aufzwang. Das letzte an Zuneigung, das seinen Angriff überlebt hatte, verpuffte und wurde durch Härte und Kälte ersetzt.

“Ich werde zusehen, dass er dafür bezahlt”, presste Treban zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Sie blickte zu ihrem Vater auf und überraschte ihn, als sie ruhig sagte: “Nein.” Die Tränen trockneten noch auf ihren Wangen, doch der Schimmer in ihren Augen hatte sich von Verletzlichkeit zu stählerner Härte gewandelt. Er wollte widersprechen, doch sie meinte stattdessen: “Lass mich.”

* * *

Als Eryn am nächsten Morgen erwachte, stellte sie überrascht fest, dass es schon sehr spät war. Die Sonne stand bereits am Himmel, und normalerweise hätte ihr Vater sie schon lange geweckt. Sie war dankbar, dass er davon abgesehen hatte, denn die Nacht war alles andere als erholsam gewesen. Es hatte Stunden gedauert, bis sie endlich, trotz des Schlaftrunks ihres Vaters, in einen ruhelosen Schlaf gesunken war.
Sie zog sich an und ging nach unten, wo sie ihn in seinem Sessel sitzend vorfand. Er starrte in den Kamin. Das Feuer war niedergebrannt – es waren nur ein paar glühende Holzstücke übrig, die noch etwas Wärme abgaben. Als sie sich näherte, blickte er auf.

“Setz dich, Eryn. Es gibt da etwas, worüber ich mit dir reden möchte.”

Sie drehte sich um, holte einen Stuhl vom Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Dann wartete sie, dass er zu sprechen begann.

“Ich hätte das bereits vor einiger Zeit tun sollen, aber ich habe es in den letzten paar Jahren immer wieder aufgeschoben. Ich wollte nicht sehen, dass du zu einer Frau heranwächst, anstatt mein kleines Mädchen zu bleiben.” Er seufzte: “Trotzdem, das Wissen darüber, welche Menschen es dort draußen gibt, hätte mich schon früher dazu bewegen sollen, als du noch jünger warst.”

Eryn runzelte die Stirn. Sie hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte.
“Ich sehe, dass ich dich verwirre”, lächelte er. “Du weißt, wie die inneren Organe einer Frau funktionieren. Ich habe es dir mehrmals gezeigt, du hast sogar kleinere Probleme selbst geheilt. Du bist mit dieser Gabe gesegnet, mein liebes Kind. Deshalb möchte ich etwas tun, um sicherzustellen, dass niemand jemals in der Lage sein wird, dir das anzutun, was diese Bestie gestern versucht hat.”

Sie begann, sich etwas unbehaglich zu fühlen.

“Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, Eryn. Ich spreche von einem magischen Schutz, der verhindert, dass weder ein Mann noch ein Objekt in deinen Körper eindringen kann, sofern du das nicht wünschst. Ich kann ihn ohne Schmerzen platzieren, und er wird niemals eine Last für dich sein. Du allein entscheidest, wer ihn passieren darf.”

Anders als andere Mädchen ihres Alters hatte sie kein Problem damit, über solche Themen mit ihrem Vater zu sprechen. Der menschliche Körper war für sie nichts Mysteriöses oder Schamhaftes, sondern wie ein offenes Buch. Ihre Magie ermöglichte es ihr, einfach die Augen zu schließen und sich anzusehen, wie alles funktionierte, herauszufinden, was Probleme verursachte und dann bereitzustellen, was auch immer benötigt wurde – entweder ein wenig Heilungsenergie oder Kräuter.

“Was passiert, wenn es jemand ohne meine Erlaubnis versucht?”, fragte sie neugierig.

“Es wäre eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung für denjenigen”, meinte er mit einem dünnen Lächeln und einem schadenfrohen Glitzern in seinen Augen.

“Irgendetwas, das dauerhaften Schaden verursacht?”, wollte sie hoffnungsvoll wissen.

“Du weißt sehr genau, wie ich darüber denke, unsere Fähigkeiten dazu einzusetzen, anderen Menschen Schaden zuzufügen”, sagte er mit einem warnenden Unterton.

Sie seufzte. Natürlich wusste sie es. Nur manchmal wäre es so unglaublich befriedigend, zumindest ein paar Unannehmlichkeiten verursachen zu dürfen. Ein Jucken hier, ein Ausschlag dort… Was war so schlimm daran?

Vor etwa fünf Jahren hatten sie sich hier niedergelassen, nachdem sie ungefähr ebenso lange von einem Ort zum nächsten gezogen waren. Sie war gezwungen gewesen, sich an ein Leben zu gewöhnen, das völlig anders war als jenes, das sie gekannt hatte. Sie war das verlegene neue Mädchen, das von anderen Kindern drangsaliert und beschimpft worden war. Ein wenig Rache wäre nett gewesen – besonders da niemals jemand daraufgekommen wäre, wer dahintersteckte.

Sie war verwirrt, als ihr Vater ihr erklärte, dass es in diesem Land keine Frauen mit der Gabe gab, nur Männer. Auf die Frage weshalb meinte er nur, dass er es nicht wisse.

Die nächste ungewöhnliche Sache war, dass alle diese Menschen hier die gleiche Haarfarbe hatten. Sie erinnerte sich dunkel, dass ihre eigene Haarfarbe ein sattes, dunkles Braun war. Hier fand man keine einzige Person mit dunklem Haar. Ihr Vater hatte ihre Haarfarbe von einem prächtigen, glänzenden Braun zu einer der vielen blonden Schattierungen hier verändert.

Die blonde Farbe zu erhalten war jedoch weniger einfach. Die Veränderung war nicht permanent, und sobald ihr Körper nicht länger aktiv die magische Energie bereitstellte, nahm ihr Haar wieder seine ursprüngliche Farbe an. Es hatte mehrere Wochen gedauert, bis ihr Unterbewusstsein dahingehend trainiert war, immer wieder den nötigen Fluss an Energie bereitzustellen – sogar im Schlaf. Sowohl damals als auch heute war sie noch zu jung und unerfahren, um die Technik zu erlernen. Sie war höchst komplex.

Aber die Erinnerung an das Leben zuvor war in den letzten zehn Jahren so stark verblasst, dass kaum noch etwas vorhanden war.
“Bist du einverstanden?”, sprach ihr Vater ungeduldig in ihre Gedanken.
“Ja.” Sie musste nicht wirklich darüber nachdenken. Ihr Vater würde es nicht vorschlagen, wenn es gefährlich oder unnötig wäre. “Wie funktioniert es?”

“Ich werde einen Schutz in deinem Unterleib platzieren. Solange du Lebenskraft hast, um ihn zu versorgen, wird er dort verbleiben. Sämtliche Flüssigkeiten werden weiterhin in der Lage sein, deinen Körper ohne Probleme zu verlassen.”

“Niemand kann ihn entfernen?”, fragte sie.

“Nur ein Magier, der stärker ist als ich. Und davon sollte es hier nicht viele geben”, fügte er mit einem selbstbewussten Schmunzeln hinzu.

Eryn wusste nichts darüber, sie war noch nie anderen Magiern begegnet, aber er selbst war sich dessen bewusst, dass er außerordentlich stark war. Aus diesem Grund hatte er auch seine Gefährtin in einem dummen Machtspiel verloren und musste mit seiner Tochter in ein anderes Land fliehen, wo er nun ein einfaches Leben führte. Er verbarg seine eigenen Fähigkeiten und die seiner Tochter und ging als gut ausgebildeter Apotheker durch. Die Tatsache, dass Eryn erste Anzeichen zeigte, selbst eine fähige Heilerin zu werden, stellte keinerlei Gefahr dar. Selbst dann, wenn sie sich – dank ihrer verborgenen Fähigkeiten – als ungewöhnlich gut darin erweisen sollte.

Schließlich wusste jeder, dass Frauen über keinerlei magische Kräfte verfügten.

* * *

Eryn holte tief Luft, als sie aus dem Fenster blickte und Prowel, den Bäcker, den Weg zu ihrem Haus entlangkommen sah.

“Vater”, rief sie eindringlich, “Prowel ist auf dem Weg hierher. Er sieht nicht glücklich aus.”

Ihr Vater trat auf die Tür zu und öffnete sie abrupt, bevor der Bäcker die Möglichkeit hatte, mit seiner erhobenen Faust dagegen zu schlagen. Er stolperte mehr oder weniger hinein.

“Was willst du?”, fragte ihr Vater ruhig.

“Du!” Prowel deutete mit dem Finger auf den Heiler, “Du hast den Arm meines Sohnes gebrochen!”

Ah, das war also dieses knackende Geräusch gewesen, sinnierte Eryn. Sie lächelte. Mehlsäcke schleppen würde für eine Weile wirklich schmerzhaft sein.

“Er hat meine Tochter attackiert.” Noch immer kein Zeichen von Aufregung.

“Er hat mir alles drüber erzählt – dass er sie geküsst hat, ist keine Rechtfertigung dafür, seinen Arm zu brechen, du dummer Narr!” Der Bäcker hatte zu schreien begonnen.

Das war nicht klug, überlegte Eryn. Ihr Vater reagierte nicht besonders gut auf so etwas. Er mochte in seinem grauen Gewand wie ein Gelehrter wirken, mit den langen Haaren und dem Geruch von Kräutern, der ihn umgab. Aber er hackte sein Holz selbst, und ebenso erledigte er sämtliche Reparaturen im und um das Haus herum. Er war in sehr guter körperlicher Verfassung.

“Küssen war es nicht, was ich gesehen habe. Wie hätte er sie auch küssen können, wenn seine Hand ihren Mund zugehalten hat, um sie vom Schreien abzuhalten?” Jetzt konnte sie die Härte in seiner Stimme hören. “Du weißt sehr wohl, was er versucht hat, und was er in der Vergangenheit getan hat. Wenn du dem keinen Riegel vorschiebst, wird niemand in deiner Familie jemals wieder medizinische Hilfe von mir erhalten.”

Prowels Kopf war komplett rot angelaufen. “Ich verlange, dass du sofort kommst und dich um den Arm kümmerst, den du gebrochen hast!” Es war ganz offensichtlich eine enorme Anstrengung für ihn, nicht zu schreien.

“Ich habe dir gerade gesagt, dass du und die deinen nicht länger Anspruch auf Heilung jeglicher Art haben. Geh! Komm nicht zurück, bevor du dich nicht um die Sache gekümmert hast.” Er war dabei die Tür zu schließen, aber der Bäcker holte mit der Faust aus. Als er sich anschickte, dem Heiler ins Gesicht zu schlagen, merkte er, wie er nach vorne gezogen wurde. Ein scharfer Schmerz flammte in seinem Rücken auf, als er auf dem Boden aufschlug. Sobald er wieder in der Lage war, sich zu bewegen, rappelte er sich auf und schwankte zur Tür hinaus.

Auf unsicheren Beinen dahinstolpernd wandte er sich zurück zum Haus und hob seinen Finger. “Das ist nicht vorbei, Heiler!” Er spie ihm das letzte Wort förmlich entgegen und wankte zurück zum Dorf.

* * *

Es gab natürlich Gerede. Der Sohn des Bäckers trug seinen gebrochenen Arm in einer Schlinge um seinen Hals und erzählte jedem, der es hören wollte – ebenso wie denen, die es nicht hören wollten – wie er sich die Verletzung zugezogen hätte: Er sei im letzten Moment zur Seite gesprungen, bevor ein Wagen ihn überrollt hätte, und er somit sicherlich getötet worden wäre.

Der Grund für den Klatsch allerdings war eher, dass er den Heiler nicht konsultiert hatte. Der Bäcker konnte es sich sicherlich leisten, für die Behandlung seines Sohnes zu bezahlen, besonders da Trebans Preise mehr als annehmbar waren und er generell auch Bezahlung in Naturalien akzeptierte. Aber Krion winkte mit einem abwertenden Prusten ab und verkündete, dass es nur ein Kratzer sei, und dass die Qualität der Dienste des Heilers ohnehin enorm überbewertet würde.

Hier hörten die Leute nun genauer hin. Über den Heiler in abfälliger Art und Weise zu sprechen war etwas, das man einfach nicht tat. Es war ein ungeschriebenes Gesetz. Nicht nur, dass es kaum jemals einen Grund dafür gab, sondern es war auch ein Glücksfall für das Dorf, dass der Mann entschieden hatte, sich hier niederzulassen und leistbare, hochqualitative medizinische Dienste anzubieten. In einer größeren Stadt hätte er ohne Probleme ein Vermögen verdienen können.

Es fiel auch auf, dass sowohl der Heiler als auch seine Tochter nicht mehr in die Bäckerei kamen, um Brot zu kaufen. Wenn sie versuchten, Informationen von Treban zu erhalten, antwortete er nur in seiner üblichen gutmütigen Art, dass Eryn ihre Vorliebe zum Backen entdeckt hätte und er sie zuhause experimentieren ließe. Nun hätten sie ständig so viel Brot und Kuchen zuhause, dass es nicht mehr erforderlich war, etwas einzukaufen.

Viele waren zufrieden mit der Erklärung und – genau wie er es beabsichtigt hatte – amüsiert. Andere jedoch kannten Eryn ein wenig und schätzten sie – nicht ganz ungerechtfertigt – kaum als Hobbybäckerin ein.

Wann immer Eryn Krion irgendwo im Dorf sah, zwang sie sich, ihre Augen nicht abzuwenden, sondern seinem Blick kalt und gelassen Stand zu halten. Zuerst hatte er bei jeder Begegnung gegrinst, ganz offensichtlich selbstbewusst in dem Wissen, dass er etwas Bestrafungswürdiges getan und ungeschoren davongekommen war. Nach einer Weile jedoch schien er verwirrt. Sie verhielt sich nicht so, wie er es erwartet hatte: keine Anzeichen von Ängstlichkeit, Scheu oder zumindest Hass. Nur kühle Gleichgültigkeit.

Viele Wochen lang kreisten Möglichkeiten durch ihren Kopf, wie man ihn bestrafen könnte: öffentlich oder persönlich, ohne sichtbare äußere Zeichen oder blutig und für jeden erkennbar, vielleicht mit Hilfe von Magie zugefügt, oder auch nur mit einem stumpfen Gegenstand, der seine empfindlichen Körperteile traf.

Sie wusste, dass ihr Vater die Verwendung von Magie zu diesem Zweck ablehnte. Sie verstand seine Philosophie, einen mächtigen Vorteil nicht dafür zu nutzen, anderen Schaden zuzufügen. Krion allerdings wurde nicht von den gleichen Skrupeln geplagt. Ihn hielt nichts davon ab, seine überlegene körperliche Stärke gegen Schwächere einzusetzen. Warum verdiente er Nachsicht – insbesondere da er bereits in der Vergangenheit, nachdem er eine Frau verletzt hatte, ohne Bestrafung davongekommen war?

Sie stieß beinahe mit Krion zusammen, als sie die Straße überquerte, in Gedanken damit beschäftigt, Qualen für ihn zu ersinnen. Er war mit einer Gruppe Jungs in seinem Alter unterwegs, von denen sie die meisten kannte.
“Wenn das nicht die Tochter des Heilers ist”, sagte er, den Satz in die Länge ziehend. “Ich habe gehört, dass du das Backen für dich entdeckt hast. Hoffentlich nicht, um meinem Vater und mir Konkurrenz zu machen?” Er lachte und seine Begleiter schienen sich unwohl zu fühlen. Man legte sich nicht mit der Familie des Heilers an, es war einfach nicht klug. Doch wenngleich sie sich nicht beteiligten, so versuchte auch niemand, ihn zum Weitergehen zu bewegen.

“Nun, was soll ich sagen?”, meinte sie mit einem süßen Lächeln. “Das Brot hat in letzter Zeit einfach nicht unseren Ansprüchen genügt.” Fass mich an, dachte sie. Gib mir eine Gelegenheit, dir weh zu tun, während du versuchst, mir etwas anzutun.

Aber er knirschte nur mit den Zähnen und blitzte sie durch die zu Schlitzen verengten Augen an. Sie war erstaunt über sich selbst, wie sie ihn jemals anziehend hatte finden können.

“Vergebt mir, hochwohlgeborene Lady, dass unsere bescheidene Bäckerei auf dem Lande nicht Eurem vornehmen Geschmack entspricht.”

Sie sah seine zu Fäusten geballten Hände. Gut, dachte sie schadenfroh. Nur noch ein wenig mehr…

“Ach, keine Sorge. Ich weiß ja, dass ihr euch bemüht, so gut ihr könnt”, gurrte sie herablassend. Krions verärgerter Blick erstickte das Kichern eines der Jungs.

“Wie geht es deinem Arm?” Sie ließ ihre Stimme vor wonnevoller Bosheit triefen. Dies war das Letzte, das ihr einfiel, um ihn genug zu provozieren, sodass er am helllichten Tag Hand an sie legen würde.

Ein Gefühl von Triumph schoss durch sie, als sie fühlte, wie sich die Finger seiner intakten Hand in ihren Oberarm bohrten. Es war kein direkter Hautkontakt, aber besser als nichts. Ein paar dünne Lagen Stoff waren kein Problem. Damit konnte sie arbeiten.

Mit ihren inneren Sinnen tastete sie sich vor und wandte die diagnostischen Fähigkeiten an, die ihr Vater sie gelehrt hatte, um in seinen Körper hineinzusehen. Sie folgte dem schwachen Energieimpuls, den sie den Arm hinauf gesendet hatte, der sie festhielt. Auf seinen Unterarm konzentriert, instruierte sie seinen Körper, die Substanz des gesunden, starken Knochens an einem bestimmten Punkt langsam zu reduzieren. Nicht vollständig, nichts, das er fühlen konnte, aber genug, damit er bei der nächsten überdurchschnittlichen Belastung brechen würde.

Diese Technik war das exakte Gegenteil zum Heilen, funktionierte aber wesentlich schneller. Komisch, dachte sie, wie viel einfacher es war, Schaden zu verursachen als ihn zu reparieren.

Seine Freunde hatten schließlich doch entschieden, dass er zu weit ging und griffen nach seinen Schultern, um ihn von ihr wegzuziehen.

“Was glaubst du, was du hier machst?”, hörte sie einen von ihnen flüstern.

“Bist du total verrückt?”

Krion befreite sich aus ihrem Griff, machte kehrt und marschierte wortlos davon.

Sie verbarg ein Lächeln, als sie ihn in der Taverne verschwinden sah und die Tür hinter ihm alles andere als sanft geschlossen wurde.

* * *

Die Tür des kleinen Hauses wurde gewaltsam aufgestoßen und krachte mit einem ohrenbetäubenden Knall gegen die Wand. Eryn zuckte zusammen und blickte von den getrockneten Kräutern, die sie auf dem Tisch sortierte, auf.

Treban war außer sich vor Zorn und Ärger, das konnte sie daran erkennen, wie das Blut durch die hervortretende Ader an seinem Hals pulsierte. Das verhieß nichts Gutes, und sie konnte sich nur einen einzigen Grund vorstellen, der ihn in so eine Stimmung versetzt haben konnte.

“Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?” Seine Stimme hatte diese bedrohliche, gezwungene Ruhe angenommen, die die Rage, die sie in seinen stechenden Augen sehen konnte, kaum zurückzuhalten vermochte. Er stand noch immer im Türrahmen. Es kam ihm nicht einmal in den Sinn, dass ihr nicht bewusst sein könnte, wovon er sprach.

Also hatte Krion schließlich seinen anderen Arm gebrochen, genau wie sie es beabsichtigt hatte. Und nun hatte sie den Preis für ihre Rache zu bezahlen: Sie musste ihrem Vater gegenübertreten.

Die Kräuter auf dem Tisch bedeckte sie mit einem sauberen Tuch, damit die kalte Brise, die durch die offene Tür hereinwehte, sie nicht durcheinanderwirbeln konnte. Dann schluckte sie und erhob sich. Es war besser, dabei zu stehen.

“Er hat bekommen, was er verdient hat”, sagte sie leise, in dem vollen Bewusstsein, dass ihr Vater das nicht gut aufnehmen würde.

“Was er verdient hat? Was er VERDIENT hat?” Er schlug die Tür mit einer kraftvollen Bewegung seiner Hand zu, sodass die Bilderrahmen mit den getrockneten Kräutern an der Wand erbebten. “Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich dir nicht zuteilwerden lasse, was du verdienst! Du bist nicht besser als dieses Tier! Du hast deine Kräfte benutzt, um jemandem Schaden zuzufügen, der sich nicht dagegen zur Wehr setzen konnte! Ich schäme mich für dich!” Die Lautstärke seiner Stimme war mit jedem Satz leiser geworden, bis sie auf ihrem üblichen Level angelangt war.

Sie zuckte unter seinen Worten zusammen, obwohl sie diese fast Wort für Wort erwartet hatte. Die reduzierte Lautstärke machte es nicht einfacher, sie zu hören. Im Gegenteil. Sie wartete still darauf, dass er fortfuhr. Er sah nicht aus, als wäre er bereits fertig mit ihr.

“Ich habe dir von den Gefahren des Missbrauchs erzählt, wie unsere Kräfte Seelen korrumpieren können. Dass Menschen, die der Ansicht sind, sie seien aufgrund ihrer Fähigkeiten überlegen, anderen und sich selbst immenses Leid zufügen können. Du hast soeben den ersten Schritt auf diesen Abgrund zu getan.” Er klang leer, resigniert. Sie war beinahe erleichtert, als sein Ärger erneut aufflammte.

“Hast du mir überhaupt nicht zugehört?” Er war näher zu ihr getreten, und seine Worte wurden begleitet von seiner Faust, die fest genug auf dem Tisch landete, damit es die Kräuter kurz hob. Und Eryn.

Sie schluckte hart und blieb vor ihrem Vater stehen, senkte ihren Blick unter seinem. Dies war nicht das erste Mal, dass sie ihn so erzürnt erlebte, aber niemals zuvor war sie das Ziel seiner Wut gewesen. Sie fragte sich, ob er sie zum ersten Mal schlagen würde.

Er trat einen Schritt zurück, als ob er sich selbst davon abhalten wollte, genau das zu tun. Dann drehte er sich um. “Ich kann deinen Anblick jetzt nicht ertragen”, sagte er und öffnete die Tür erneut. “Wir reden später.” Und weg war er.

Eryn starrte ihm nach und spürte, wie ihr Mund austrocknete. Sie frage sich, ob sie ihm hinterherlaufen sollte, um sich zu entschuldigen und ihn um Vergebung zu bitten. Sie entschied sich aus zwei Gründen dagegen. Zum einen war er definitiv nicht in der Stimmung, eine Entschuldigung zu akzeptieren, und zweitens wäre es eine Lüge.

Es tat ihr absolut nicht leid, was sie getan hatte, und sie war überzeugt, dass sie keineswegs einen dunklen Pfad eingeschlagen hatte, der zu Ruin und Verdammnis führte. Aber sie bedauerte den Kummer ihres Vaters und fühlte, wie seine Zurückweisung in ihr brannte.

Sie würde es irgendwie wiedergutmachen. Vielleicht wäre ein gutes Abendessen ein Anfang. Sie band sich die Kochschürze um und begann, Gemüse zu putzen.

* * *

Eryns Blick wanderte wieder und wieder zur Tür, wann immer sie dachte, sie hätte ein Geräusch von draußen vernommen. Ihr Vater war nun schon seit vielen Stunden weg, und es war bereits dunkel. War er böse genug mit ihr, um die ganze Nacht über wegzubleiben? Sie hoffte es nicht.

In einem Versuch, sich zu beschäftigen, setzte sie ihre Arbeit an der Medizin fort und füllte Kräuterzubereitungen in kleine Glasfläschchen, mahlte Kräuter zu feinem Pulver, damit es später direkt vor Gebrauch mit Wasser vermischt werden konnte, und füllte es in kleine Ledersäckchen.
Sie wusste, dass Ihr Vater mit ihren Bemühungen zufrieden sein würde. Immerhin hatte sie ihm etliche Stunden an Arbeit erspart. Und sie hoffte, dass dies seine Gesinnung ihr gegenüber verbessern und er ihr schneller vergeben würde. Natürlich würde er den Grund dafür, dass sie die Kräuter verarbeitet hatte, sofort durchschauen, aber das spielte keine Rolle. Er war normalerweise niemand, der einen vernünftigen Bestechungsversuch verschmähte, wenn er ordentlich umgesetzt war. Er hatte diese Art von Humor.

Sie war beinahe fertig, als sie sah, dass Fackeln hinter dem Hügel, der den Großteil des Weges zum Dorf verdeckte, auftauchten. Sie zählte fünf. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und sie fühlte ein banges Gefühl in sich aufsteigen. Waren die Männer aus dem Dorf gekommen, um ihren betrunkenen Vater nach Hause zu bringen? Der Gedanke war schauderhaft, aber je näher die Männer kamen, desto mehr hoffte sie, dass es nicht mehr als das war.

Als sie nahe genug waren, dass sie die Gesichter erkennen konnte, öffnete sie die Tür. Ihr Vater war nicht unter ihnen.

Die blassen Gesichter zeigten einen Ausdruck grimmigen Kummers, als sie Eryn ansahen. Sie konnte in den Augen lesen, dass etwas Schreckliches, Entsetzliches passiert war. Tränen quollen unter ihren Lidern hervor, noch bevor der Älteste unter ihnen, der Glashersteller, der die Fläschchen für ihre Medizin produzierte, zu sprechen begann.

“Dein Vater ist tot, Kind.” Seine Stimme klang rau und betrübt.
Tränen verschleierten ihren Blick, und der plötzliche Schmerz in ihrem Brustkorb zwang sie in die Knie. Sie fühlte Hände auf ihren Schultern, die sie hochhoben und zurück ins Haus in den Sessel ihres Vaters vor dem Kamin führten. Sie rang nach Luft, während ungestüme Schluchzer aus ihr hervorbrachen.

Tot! Nein – das war nicht möglich. Er konnte nicht für immer verloren sein, wo sie doch erst vor ein paar Stunden miteinander gesprochen hatten. Die letzten Worte zwischen ihnen… Seine waren gewesen, dass er sich für sie schämte, und ihre letzten Worte waren in Missachtung seiner Werte gesprochen. Sie würde mit dieser Bürde leben müssen, ohne jemals die Chance zu haben, es wiedergutmachen zu können.

Sie wusste nicht, wie lange sie mit den Männern dort gesessen hatte, die versuchten, sie zum Trinken des starken Gebräus zu überreden, das sie ihr an die Lippen hielten.

Nachdem ihr Schluchzen an Kraft verloren hatte, wechselte der Glashersteller einen Blick mit den anderen Männern, bevor er erneut sprach: “Dein Vater wurde getötet, Eryn. Prowel hat ihm ein Messer in den Rücken gerammt. Er hat deinen Vater beschuldigt, er hätte Krions anderen Arm gebrochen. Er kann nicht mehr richtig im Kopf gewesen sein.”

Sie starrte zu ihm auf, kaum in der Lage die Worte zu begreifen, die sie hörte. Als die volle Bedeutung der Nachricht in ihr Bewusstsein drang, ergriff eisige Kälte Besitz von ihr und traf sie tief im Innersten ihres Wesens.

Ihr Vater hatte sie gewarnt. Es kam nichts Gutes dabei heraus, wenn Magie gegen die Schutzlosen eingesetzt wurde, gegen diejenigen, die sich nicht zur Wehr setzen konnten. Er hatte Recht, erkannte sie mit grauenvoller, betäubender Klarheit.

Ihre Tat hatte ihm sein Leben gekostet.

 

Kapitel 2

Enric

Er saß auf dem Dach der Bäckerei, die dem Palast am nächsten war und betrachtete den Sonnenaufgang. Das war untypisch für ihn. Üblicherweise vermied er es, vor Tagesanbruch aufzustehen, außer er hatte keine andere Wahl. Er fragte sich, ob die heutige Ausnahme etwas mit dem zu tun haben mochte, was ihn in wenigen Stunden erwartete, schloss dies aber schnell aus. Er blies eine Strähne seiner etwas zu langen Haare aus seinen blauen Augen. Es war für ihn ein kleiner Akt der Rebellion, sie nicht so zu tragen, wie es von ihm erwartet wurde. In Wirklichkeit einer von vielen.

Ein paar Passanten blickten zu dem jungen Mann Anfang Zwanzig auf, der so einen ungewöhnlichen Ort gewählt hatte, um in den Himmel zu starren. Sie setzten ihren Weg jedoch fort, sobald sie seine Robe identifiziert hatten: Es war ein Magier. Am besten mischte man sich nicht ein, was auch immer sie gerade anstellten.

Alle seine Kollegen, die ihr Training dieses Jahr gleichzeitig mit ihm beendet hatten, würden getestet und ihre magische Stärke gemessen. Daraufhin konnten sie sich für eine passende Stelle im Orden bewerben. In einer Institution, in der die Hierarchie durch den Umfang der magischen Stärke, über die man verfügte, festgelegt wurde, war dies praktisch eine Evaluierung persönlichen Wertes, überlegte Enric. Er war noch nie ein Freund von Evaluierungen gewesen, egal ob magisch oder intellektuell.

Und somit war er auch nie ein besonders aufmerksamer Student gewesen. Er hatte den Komfort, den ihm sein Status als Magier ermöglichte, genossen. Er kam aus einer Familie wohlhabender Kaufmänner und war nicht gerade als Bettler aufgewachsen, aber der Beitritt zum Orden war dennoch ein Schritt nach oben, soweit es seine Lebensumstände betraf.

Seine Eltern waren außer sich vor Freude, als sie seine Fähigkeiten entdeckt und sofort den Orden informiert hatten. Er war damals zwölf Jahre alt. Erstaunlich, sinnierte er, wie nervtötend und ermüdend die zehn Jahre seitdem gewesen waren. Er hätte es aber nicht vorgezogen, diese Zeit mit seinem Vater zu verbringen.

Die Begeisterung und der Stolz seiner Eltern wandelten sich allerdings schnell zu Ärger und Frustration, nachdem sie wiederholt Nachrichten anlässlich seiner wenig produktiven Einstellung erhalten hatten. Sein Vater war ein Händler durch und durch. Mühevoll versuchte er, seinem Sohn die Idee zu verkaufen, dass aus ihm ein wichtiger Mann mit wichtigen Pflichten werden könnte, der seine Familie mit Stolz erfüllte und große Dinge erreichte. Vergeblich.

Der Orden der Magier war dem Zweck der Verteidigung des Königreichs gewidmet. Geschichtelehrer waren mittlerweile die einzigen Menschen, die noch wussten, wann das letzte Mal ein tatsächlicher Bedarf dafür vorhanden war. Das Kampftraining war in Ordnung gewesen, Enric hatte es genossen. Lord Orrin, sein Lehrer, war allerdings nicht eben begeistert von seiner Faulheit und seinem Mangel an Respekt.

Die restlichen Fächer und Stunden der letzten Jahre verschmolzen zu einer Art verschwommenen Sphäre aus Information. Er schloss ein Jahr später als gewöhnlich ab, da er an das Lernen nicht eben ehrgeizig herangegangen war und einige Prüfungen wiederholen musste.

Heute war der Tag, an dem sich sein Platz in der Hierarchie des Ordens weisen würde. Er war nicht nervös als solches – eher neugierig. Er wusste, dass er stärker als die meisten – wenn nicht alle – Absolventen dieses Jahrgangs war. Aber es würde interessant werden, zu sehen, wie weit er nach oben kommen würde. Nicht zu weit, hoffentlich. An die verantwortungsvolleren Positionen waren Anforderungen geknüpft. Er war kein großer Freund von Anforderungen, Regeln und allem in dieser Richtung.

Die meisten seiner Lehrer hatten ihn wegen seiner Faulheit gerügt, als offensichtlich war, dass er ein Talent für Magie und deren Anwendung hatte. Er aber wollte weder die Zeit noch die Energie investieren, um diese Fähigkeiten kompetent zu meistern. Sie hatten versucht, ihm klar zu machen, dass Magie ohne das Wissen, wann und wie man sie einsetzte, ihn zurückwerfen würde, aber er hatte ohnehin nicht geplant, es weit zu bringen.

Eine nette Stelle als Beamter oder Assistent im Orden wäre genau das Richtige für ihn. Etwas, das ihm genug Freizeit übrigließ, um sich seinen Interessen zu widmen – wie der Jagd und Zeit mit seinen Freunden zu verbringen.

* * *

Er stand mit einer Gruppe junger Magier in seinem Alter beisammen. Die meisten von ihnen waren unruhig. Manche gaben es offen zu, andere versuchten es durch Selbstdarstellung oder mit Unfreundlichkeit zu verbergen.

“Es gibt nicht viel, vor dem du dich fürchten müsstest, was Enric?”, fragte sein guter Freund Kilan. “Du bist so ziemlich der Stärkste dieses Jahr, würde ich sagen. Vielleicht wartet ja ein nettes Plätzchen in den oberen Rängen auf dich?” Er sprach die letzten Worte mit einem Lächeln, wohl wissend, dass dies absolut nicht das war, wonach Enric strebte.

“Ja, wäre das nicht fabelhaft”, antwortete Enric lustlos.

Kilan wurde als Nächster hineingerufen, um getestet zu werden. Es dauerte nicht lange, bis er zurückkehrte. Er sah zufrieden aus.

“Kategorie D, nicht übel”, grinste er. Ihm war bewusst, dass er keine Chance hatte, es höher als in C zu schaffen und hatte gehofft, nicht unterhalb von E klassifiziert zu werden. Somit war die goldene Mitte absolut in Ordnung.

“Gratuliere, Kumpel.” Enric wandte sich um, als die Flügel der Doppeltür erneut geöffnet und sein Name aufgerufen wurde. “Wir sehen uns gleich.”

Er betrat die Halle und verbeugte sich vor den versammelten Magiern, die im Gegenzug ihren Kopf neigten.

Enric ließ seinen Blick über die zehn Männer wandern. Er wusste, dass sie aus verschiedenen Stärkekategorien ausgewählt waren. Der Stärkste von ihnen war Lord Poron, Kategorie B, soweit er wusste, und damit der zweitstärkste Magier im Orden und dem Königreich. Enric war schon immer der Meinung gewesen, dass er gut in die Rolle der Nummer Zwei passte. Er musste in den Sechzigern sein, sein dünner werdendes Haar zu einem kurzen Zopf in seinem Nacken zusammengebunden, seine Augen intelligent und scharf, als würden sie die Welt um ihn herum einer ständigen Analyse unterziehen.

Einige der Magier waren ihm nur vom Sehen her bekannt, ein paar davon waren seine ehemaligen Lehrer.

Ihr Gesichtsausdruck war nicht eben enthusiastisch, als er eintrat. Mit Ausnahme von Lord Orrin, seinem Kampflehrer, der sich als einziger niemals irgendeine Frechheit von Enric gefallen hatte lassen, hatte keiner von ihnen besonders angenehme Erinnerungen an ihn.

“Schild hoch!” Lord Porons Anweisung wurde als Echo von den hohen Steinwänden zurückgeworfen.

Er folgte der Anweisung, und wenige Augenblicke später traf der erste Energieblitz seine Barriere. Zwei weitere wurden in seine Richtung geschickt, ohne dass etwas passierte. Ein zweiter Magier, sein alter Geschichtelehrer, falls seine Erinnerung ihn nicht betrog, schloss sich seinem Kollegen an und begann, Enrics Schild anzugreifen. Nichts passierte.

Weitere Magier stiegen mit ein, einer nach dem anderen, bis sieben von ihnen Stöße in kurzen Abständen losließen. Enric sah, wie sie die Stirn runzelten. Dann hob Lord Poron seinen Arm, um sie zu stoppen. Er atmete tief ein, zielte mit der Handfläche seines ausgestreckten Armes auf ihn, und feuerte einen klaren Blitz auf den Schild.

Er durchdrang die Barriere nicht. Lord Poron sah blass und beunruhigt aus und winkte dem Schreiber, dessen Aufgabe es war, die Kategorie jedes Magiers zu notieren. Er flüsterte etwas in das Ohr des jungen Mannes, worauf dieser sogleich loslief.

Enric wartete, den Schild nach wie vor aktiv. Diese Spielerei war Zeitverschwendung. Warum begannen sie nicht endlich richtig, damit er bald auf ein kaltes Getränk zu seinen Freunden stoßen konnte?

“Bin ich fertig? Kann ich gehen? Welche Kategorie bin ich?”, rief er den versammelten Magiern zu, die begonnen hatten, untereinander zu flüstern und ihm gelegentlich besorgte Blicke zuwarfen.

Lord Poron schritt auf ihn zu. “Wir müssen noch um ein wenig Geduld bitten, junger Mann. Wir erwarten noch jemanden. Ich bin zuversichtlich, dass er bald eintreffen wird.”

Enric runzelte verwirrt seine Stirn. “Was ist los? Bei den anderen vor mir hat das nur ein paar Momente gedauert. Ich stecke nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten, oder?” Er konnte sich nicht daran erinnern, kürzlich etwas angestellt zu haben, wofür er sich schuldig fühlen müsste.

“Nein.” Lord Porons Lächeln wirkte etwas gezwungen. “Keine Schwierigkeiten, sei versichert.” Dann kehrte er zu den anderen Magiern zurück und ließ den jungen Mann allein in der Mitte der Halle stehen.

Es war nicht viel Zeit vergangen, bevor sich die Doppeltür erneut öffnete und der Anblick des Mannes, der eintrat, Enrics Augenbrauen überrascht nach oben schnellen ließ. Es war Lord Tyront, der Chef des Ordens. Was brachte ihn hierher?

Lord Tyront war Mitte Vierzig, ein großer, respekteinflößender Mann mit ersten grauen Strähnen in seinem Bart. Seine blassblauen Augen fokussierten sich sofort auf Enric und blieben dort, während er ohne ein Wort zu den anderen Magiern auf ihn zutrat.

Sobald er nur noch wenige Schritte entfernt war, erhob er seine dröhnende Stimme: “Schild hoch, Junge.”

Enric folgte der Anweisung hastig und trat einen Schritt zurück, woraufhin eine Salve an Blitzen von Lord Tyronts Handfläche auf seine Barriere geschossen kam. Sie waren stärker als das, was man ihm zuvor entgegengeschleudert hatte, merklich stärker. Der ältere Mann fuhr fort, ihn zu attackieren, jede Salve stärker als die vorhergehende. Bald schon begann sein Schild zu flackern, und er schickte schnell mehr Energie hinein, um ihn aufrechtzuerhalten.

Lord Tyront hielt kurz inne, betrachtete ihn nachdenklich und dann, ohne Warnung, schoss er einen weißen Blitz ab, der Enrics Barriere durchdrang und ihn auf den Rücken zu Boden warf.

Der junge Mann unterdrückte einen schmerzlichen Aufschrei. Man zeigte kein Anzeichen von Schwäche vor dem mächtigen Anführer des Ordens. Er kämpfte sich zurück in eine aufrechte Position und blickte den Mann, der ihn niedergestreckt hatte, finster an. Das war wohl kaum nötig gewesen.

Als sein Blick zu den Magiern im Hintergrund zurückkehrte, sah er ein paar Münder offenstehen, andere hatten ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Es herrschte völlige Stille.

“Bin ich jetzt fertig?”, wollte er wissen.

Lord Tyront lächelte verbissen. “Oh nein, mein junger Freund. Du bist nicht fertig. Tatsächlich wirst du noch längere Zeit nicht fertig sein.”

Enric starrte ihn verwirrt an. “Was?”

“Kategorie A”, verkündete der Anführer laut und für jeden in der Halle hörbar. “Wir haben eine neue Nummer Zwei.” Dann drehte er sich um und verließ den Raum auf dem gleichen Weg, den er gekommen war.

Enric starrte ihm noch immer voller Unverständnis nach, selbst nachdem sich die schweren Türen mit einem lauten Donner hinter ihm geschlossen hatten.

Er schüttelte seinen Kopf. Etwas musste mit seinen Ohren nicht stimmen. Kategorie A? Was für ein Unsinn! Niemand war so stark, abgesehen natürlich vom Magier an der Spitze.

Die Art und Weise, wie ihn die Magier ungläubig anglotzten, ließ ihm die Wahrheit allmählich bewusstwerden.

Sie hatten Lord Tyront gerufen, weil Lord Poron, der zweitstärkste Magier des Ordens, nicht in der Lage war, Enrics Schild zu durchdringen. Ihm wich jede Farbe aus dem Gesicht, als ihm langsam die volle Auswirkung dessen, was soeben passiert war, klarzuwerden begann.

“Oh nein”, stöhnte er und schloss seine Augen.

* * *

Tyront seufzte und spürte die Spannung, die sich langsam hinter seiner Stirn aufbaute, als er die Berichte über seinen zukünftigen Stellvertreter las. Der Junge verursachte ihm nun schon seit Wochen Kopfschmerzen.

Wenn man Enrics bisherigen Werdegang in Betracht zog, war es kaum eine Überraschung, dass er nicht sehr gut auf den Trainingsplan, dem er zu folgen hatte, reagierte. Er kooperierte nicht mehr als unbedingt nötig, um der Anschuldigung offenen Ungehorsams zu entgehen. Beinahe ein Monat war nun vergangen, und es sah nicht so aus, als würde sich seine Einstellung irgendwann in naher Zukunft ändern.

Er hatte nicht nur eine Menge neuer Dinge zu lernen und Fähigkeiten zu erweitern, sondern musste auch noch jede einzelne Prüfung wiederholen, die er im Laufe der Jahre seines Trainings zum Magier knapp oder auch nur mit durchschnittlicher Punktezahl bestanden hatte.

In seiner neuen Position musste er als Vorbild fungieren, eine respektierte Säule des Ordens, eine Quelle der Weisheit und des Wissens und, falls erforderlich, ein starker Anführer in der Schlacht sein. Das Bild des faulen Taugenichts, das er in den letzten Jahren kultiviert hatte, musste er hinter sich lassen.

Orrin hatte als Einziger etwas entfernt Positives über ihn zu berichten. Also ging zumindest das Kampftraining einigermaßen gut voran.

Unglücklicherweise war dies nur ein geringer Trost und keineswegs genug, um das Training in seiner Gesamtheit als Erfolg zu betrachten.

Seine Gedanken wanderten zu Lord Poron, seiner derzeitigen Nummer Zwei. Wie zu erwarten, war er wenig begeistert darüber, ersetzt zu werden, insbesondere von jemandem wie Enric. Er war nicht der rachsüchtige Typ, überlegte Tyront, und würde seinem Nachfolger das Leben nicht schwerer als nötig machen. Schade, dachte er. Ein Anlass zum Kämpfen, wenn auch nur gegen einen verdrossenen Vorgänger, hätte Enric möglicherweise dazu motiviert, sich endlich anzustrengen. Es schien, als würde er sich selbst darum kümmern müssen.

Es war Zeit für eine kleine Unterhaltung mit Enric.

* * *

Enric schluckte, als er die Nachricht auf dem weichen, teuer aussehenden hellbraunen Papier las, das ein Bediensteter nur eine Minute zuvor gebracht hatte. Es stand nicht viel darauf geschrieben, nur: Mein Quartier, neun Uhr. Lord Tyront.

Das war in weniger als einer Stunde. Nicht genug Zeit, um sich ordentlich vorzubereiten, aber ausreichend Zeit, um so richtig nervös zu werden. Das war wahrscheinlich die Idee dahinter, vermutete er.

Es gab wenig Zweifel über den Grund für diese Ladung. Seine Fortschritte waren, das war ihm sehr wohl bewusst, alles andere als zufriedenstellend. Für Enric war dies vollkommen in Ordnung, er hatte diese Ehre, die ihm zwangsweise widerfahren war, ohnehin nie gewollt.

Der Anführer des Ordens aber würde kaum damit zufrieden sein, wie die Dinge liefen. Eine Einladung, bei der er sich für seine dürftigen Leistungen rechtfertigen musste, war wirklich nur eine Frage der Zeit gewesen.

Seit dem Tag des Tests hatte Lord Tyront keinerlei Interesse an ihm gezeigt. Mit dieser Nachricht war es das erste Mal, dass er etwas von ihm gesehen oder gehört hatte. Der hohe Lord gewährte seine Aufmerksamkeit offenbar nur dann, wenn etwas nicht ordnungsgemäß verlief. So wie jetzt.

Enric sah sich in seinem neuen Quartier im königlichen Palast um und fühlte sich noch immer etwas verloren. Dies hier war im Vergleich zu seiner vorherigen Bleibe wie der Unterschied zwischen einem Setzling und einem Baum. Vier große Räume, alle für ihn. Das war mehr, als er tatsächlich benötigte. Aber einen hohen Rang zu bekleiden bedeutete nicht, nur das zu haben, was erforderlich war, oder? Sein Quartier war auch dazu gedacht, seine Wichtigkeit zu reflektieren, repräsentativ zu sein.

Repräsentativ war es wohl, seufzte er. Die Frage war nur, was es repräsentierte. Auf jeden Fall nicht seine Persönlichkeit.

Das Apartment war elegant und luxuriös möbliert und ließ keine Wünsche offen. Der Salon allein war größer als die beiden Räume, die er zuvor bewohnt hatte. Und ihm war sogar ein eigener Diener zugeteilt, der die Reinigung übernahm, die Mahlzeiten aus der Palastküche holte und sich um jede seiner Launen kümmerte.

Enric war stets jemand gewesen, der Luxus genossen hatte. Allerdings nicht in einem Ausmaß, das ihn genug motiviert hätte, die Mühen zu investieren, die von ihm erwartet wurden. Damit in Verbindung stand so vieles, das er einfach nicht wollte. All diese Verantwortung, die Folgen im Falle eines Fehlschlags, die harte Arbeit um dorthin zu gelangen… Nein.

Das war nicht das, was er für sich geplant hatte. Was er gewollt hatte und noch immer wollte, war ein angenehmes, unkompliziertes, gemütliches Leben, möglichst keine harte Arbeit, genügend Zeit für seine Freunde und viel Zeit für sich selbst.

Seine Freunde – das war eine weitere Angelegenheit, die ihm zusetzte. Die meisten von ihnen hatten sich seit der großen Ankündigung von ihm zurückgezogen. Und selbst bei denjenigen, die sich noch immer mit ihm trafen, hatte die Frequenz erheblich abgenommen. Sogar Kilan, sein engster Freund, der Dank der Position seines Vaters an den Kontakt mit einflussreichen Persönlichkeiten gewohnt war, hatte begonnen, sich merklich von ihm zu entfernen.

Enric starrte aus dem Fenster, ohne etwas wahrzunehmen.

Wie war es nur möglich, dass ausgerechnet er sich als zweitstärkster Magier des Königreichs entpuppt hatte? Was für ein Witz!

* * *

Die Tür wurde auf Enrics Klopfen hin geöffnet. Ein älterer Diener verneigte sich leicht und trat dann zurück, um ihm den Zutritt zum Salon zu ermöglichen. Es war ein Raum seinem eigenen sehr ähnlich, wenngleich hier ganz klar der Einfluss einer weiblichen Hand spürbar war.

Lord Tyront erhob sich von seinem Platz am Fenster und musterte seinen Gast von oben bis unten. Er machte sich nicht die Mühe einer Begrüßung, sondern deutete auf eine dunkelrote Couch vor einem kleinen, runden Tisch.

“Hinsetzen.”

Ebenfalls einen guten Abend, dachte Enric gereizt, tat aber wie ihm geheißen.

“Bitte lass uns allein”, instruierte Tyront den Diener und wartete, bis der Mann sich zurückgezogen hatte. Dann wandte er sich an Enric und blickte ihn finster an.

Er blieb stehen und begann ohne Einleitung: “Deine Leistungen bleiben hinter meinen Erwartungen zurück. Rechtfertige dich!” Seine Worte klangen harsch, sein Ton war es nicht.

Enric setzte sich unbewusst etwas aufrechter hin, eine tiefliegende Angewohnheit aus seiner Kindheit, als von ihm erwartet wurde, dass er Respekt zu zeigen hatte, wenn er gescholten wurde.

“Es tut mir leid, Lord Tyront.”

“Nein, das tut es nicht. Ich habe dich nicht gebeten, mich anzulügen, ich habe nach einem Grund gefragt.”

“Ich… ich muss zugeben, mein Lord, dass ich mit der derzeitigen Situation nicht sehr glücklich bin.”

Lord Tyront seufzte ungeduldig. “Hör auf, um den heißen Brei herumzureden, Junge. Sag, was dir durch den Kopf geht.”

Der junge Mann hob trotzig sein Kinn als er sprach: “Ich will nicht in diese Position gezwungen werden. Ich habe weder darum gebeten, noch bin ich daran interessiert.”

“Endlich eine klare Aussage”, kommentierte der andere trocken und nahm schließlich seinem widerwilligen Gast gegenüber Platz. “Was genau stößt dich ab?”

Auf der Suche nach den richtigen Worten hob Enric mehrmals hintereinander seine Arme und ließ sie wieder fallen, bevor er antwortete:

“Alles.”

“Geht es etwas detaillierter? Das ist nicht unbedingt hilfreich”, sagte der ältere Mann geduldig.

“Die Verantwortung. Ich meine, was genau qualifiziert mich für eine Position, in der ich viel ältere, viel erfahrenere Magier als ich es bin befehlige? Das macht keinerlei Sinn! Was ist, wenn ich etwas falsch mache oder falsche Entscheidungen treffe? Die Konsequenzen!”

“Was dich zuallererst qualifiziert, ist deine überlegene Stärke, da sie dem primären Zweck des Ordens, also der Verteidigung, dient; und als zweites das Wissen und das spezielle Training, das du derzeit erhältst.” Lord Tyronts Stimme war ruhig. “Was noch?”

“Die Arbeit. Ich möchte unabhängig sein, nicht gesagt bekommen, was ich tun soll, nicht die ganze Nacht umsonst arbeiten, mehr Zeit haben für mich und…” Er hielt inne.

“Und deine Familie? So wie dein Vater, der erfolgreiche Kaufmann, der fast immer rund um die Uhr gearbeitet hat, um der nächsten Gelegenheit für ein gutes Geschäft hinterherzujagen? Der dich und deine Geschwister in der Obhut seiner unglücklichen Gefährtin zurückließ, außer er stellte Forderungen, denen du zu gehorchen hattest?”

Enric starrte Lord Tyront an. Wie war es möglich, dass er darüber Bescheid wusste? Er hatte niemals irgendjemandem davon erzählt, nicht einmal seinen engsten Freunden. Er fühlte sich entblößt, verwundbar. Dieser Mann, dessen Gesicht jedem in der Stadt bekannt, der für ihn jedoch ein Fremder war, war unbefugt in sein Privatleben eingedrungen.

Als er weiterhin schwieg und finster auf den Teppich starrte, fuhr Lord Tyront fort: “Und du hast dir soeben selbst widersprochen. Wenn es für dich ein Problem ist, andere, ältere Magier zu befehligen, warum solltest du dich dann daran stoßen, selbst gesagt zu bekommen, was du zu tun hast? Du kannst nicht beides haben; Positionen, in denen man weder Befehle gibt, noch welche erhält, sind nicht gerade im Einklang mit der Natur unserer Institution – und übrigens auch nicht mit der unserer Gesellschaft. Wobei ein Platz weit oben in der Hierarchie die Anzahl derer, die dich befehligen können, drastisch reduziert.”

“Da seid Ihr. Und der König”, erwiderte er missmutig. “Es mögen nicht mehr so viele über mir sein, aber diejenigen, die übrig sind, reagieren nicht sehr gut darauf, wenn ihre Befehle in Frage gestellt werden.”

Ein Problem mit Autorität, dachte Tyront. Aber das war kaum eine Überraschung nach den Einblicken, die ihm sowohl aktuelle als auch ältere Berichte gewährt hatten. “Korrekt. Es gibt nicht viel Raum, wenn es darum geht, die Befehle des Königs zu hinterfragen. Aber ich versichere dir, dass ich mir sehr wohl anhöre, was du zu sagen hast. Möglicherweise handle ich sogar danach, wenn es halbwegs vernünftig ist. Tatsächlich ist es sogar deine Pflicht, mich zu beraten.”

“Ich, Euch beraten?” Enric schüttelte verzweifelt den Kopf. “Wie kann ich Euch beraten?”

“Als erstes wirst du erwachsen werden und hart daran arbeiten, die Erwartungen des Ordens – und meine – zu erfüllen.” Seine Worte enthielten nur den Funken einer Drohung. “Du wirst lernen, zu denken bevor du sprichst und handelst. Du wirst Respekt zeigen und ihn auch im Gegenzug einfordern. Zuvor jedoch musst du erst zu jemandem werden, der Respekt verdient.”

“Ich will das alles nicht”, flüsterte der junge Mann.

“Das Problem ist, dass uns niemand fragt, was wir wollen”, antwortete Tyront verständnisvoll. “Aber lass mich dir eines sagen: Männer, die es nach großer Macht gelüstet, sind in der Regel diejenigen, die am wenigsten geeignet sind, sie auszuüben. Das ist die eine Sache, die für dich spricht, mein Junge.” Er lehnte sich nach vorne und fing Enrics Blick ein, fesselte ihn mit seinem eigenen, durchdringenden Starren. “Deine Angelegenheiten sind etwas, mit dem du zurechtkommen musst, indem du schnell erwachsen wirst. Du magst die oberen Ränge als einen Haufen harmloser alter Männer sehen, aber lass mich dir sagen, dass Schwächlinge unter uns nicht lange bestehen. Die Luft ist dünn hier oben, wie du früh genug lernen wirst.” Und dann sprach er aus, wovon er sicher war, dass es funktionieren würde: eine Herausforderung.

“Bist du schwach, Enric?”

 

Kapitel 3

Ausgeliefert

12 Jahre später

Eryn kletterte den steilen, in Ermangelung eines besseren Wortes, Pfad hinauf. Sie fischte ein Tuch aus der Leinentasche, die sie quer über ihre Schulter und über ihren Brustkorb geschlungen hatte, und wischte ihre verschwitzte Stirn ab. Das Sammeln von Kräutern war eigentlich eine Aufgabe, die sie genoss, aber nicht bei dieser Hitze und ohne Schatten in Sicht.

Unglücklicherweise waren die Pflanzen, die sie brauchte, nur in größeren Höhen zu finden, denn sie benötigten eine Menge Sonnenlicht. Also würde sie in nächster Zeit keinen kühlen Fleck finden.

Sie hielt an, zog den robusten, ledernen Wassersack hervor und nahm einen großzügigen Schluck. Das Wasser war lauwarm und nicht unbedingt erfrischend, aber es tat seinen Zweck, es befeuchtete ihre trockene Kehle.

Nach der rückläufigen Baumlinie zu ihrer Linken zu urteilen, würde sie für den Rest des Weges noch etwa eine Stunde benötigen. Sie ging die paar Schritte zu einem Felsen und nahm Platz, um sich für eine kurze Weile auszuruhen. Sie sollte sich in dieser Hitze nicht zu sehr anstrengen.

Erinnerungen an fünfzehn Jahre zuvor, als sie diesen Weg zum ersten Mal gegangen war, überfielen sie plötzlich und ungebeten. Ihr Vater war an diesem Herbsttag bei ihr gewesen, hatte sie ständig angehalten, diesen Baum oder jene Blume zu identifizieren, hatte sie über die Vorgehensweise beim Herstellen von Medizin getestet, sie korrigiert, wenn ein Detail falsch oder ihr weitergeholfen, wenn ihr etwas entfallen war.

Vater. Der Schmerz des Verlustes war über die Jahre dumpfer geworden, wie auch die Verzweiflung, dass sie die Schuld daran trug. Zwölf lange Jahre hatten das bewerkstelligt. Sie hatte darum gekämpft, den Schmerz am Leben zu erhalten. Es war das Einzige, das sie noch mit ihm verband, der einzigen Person in ihrem ganzen Leben, der sie nahe gewesen war. Aber es war immer schwieriger geworden, den Schmerz zu halten und die abstumpfende Wirkung der Zeit zu bekämpfen.

Zu Beginn hatte es problemlos funktioniert – seine Bücher anzusehen, seine Zeichnungen, die Dinge, die er gebaut hatte – um die Erinnerung heraufzubeschwören. Tränen, die ihr trotz des großen Schmerzes die Illusion von Nähe gaben, waren ihr nach nur wenigen Sekunden in die Augen getreten.

Heute war der Schmerz beinahe außer Reichweite, so wie viele ihrer Erinnerungen an ihn. Was blieb, war die Leere, die Einsamkeit.

Mit fünfzehn Jahren war sie kaum mehr als ein Kind, und sogar zwölf Jahre später hätte sie noch gerne jemand Älteren und Weiseren um sich gehabt, der ihr nahe war, dem sie vollkommen vertrauen konnte.

Sie war in dem kleinen Haus am Rande des Waldes geblieben und hatte – so gut sie konnte – die Arbeit ihres Vaters als Dorfheilerin fortgeführt. Es war ihre Pflicht, ihre Buße, ihr Lebenszweck. Sie würde diese Mission fortsetzen, solange sie dazu in der Lage war.

Das letzte Mal hatten sie ein paar Wochen vor seinem Tod diesen Weg hier gemeinsam beschritten. Sie hatten ihre Kräutervorräte aufgestockt. Die ganze Zeit hatte sie an Krion gedacht und geplant, das gesamte Brot aufzuessen, damit sie einen Grund hatte, bald in die Bäckerei gehen zu können.

Krion. Sie erschauderte. Er war ebenfalls Teil ihrer Buße: Ihm regelmäßig im Dorf zu begegnen nach allem, was passiert war, was sie gemeinsam verursacht hatten. Ihr Vater war nicht der Einzige, der in dieser Nacht gestorben war.

Die Dorfbewohner hatten den Bäcker gelyncht, nachdem sie ihn mit dem blutigen Messer in der Hand über die Leiche des Heilers gebeugt vorgefunden hatten. Das hatten die Männer, die zu ihrem Haus gekommen waren, um ihr die schreckliche Nachricht zu bringen, nicht erwähnt.

Die Gerechtigkeit war flink und endgültig. Oder was die Dorfbewohner als solche erachtet hatten.

Sie war zerrissen zwischen dem Erstaunen über die Verehrung, die man ihrem Vater entgegengebracht hatte, und dem Horror vor dem gnadenlosen Abschlachten eines Mannes, den sie ein Leben lang gekannt hatten.

Nicht einer, sondern zwei Männer waren gestorben als Folge dessen, was sie getan hatte. Und niemand außer ihr wusste davon. Ihr Vater war immer unerbittlich gewesen, wenn es darum ging, ihre magische Gabe geheim zu halten. Und dieses Gesetz hatte sie niemals gebrochen.

Sie fragte sich, ob Krion über den Tod ihrer beiden Väter jemals Schuldgefühle empfunden hatte, oder ob sie die Einzige war, die diese Bürde trug.

Einige Tage, nachdem die Asche ihres Vaters dem Wind übergeben worden war, hatte sie Krion in seiner Bäckerei aufgesucht. Sie war nach Einbruch der Dunkelheit zu ihm gegangen, als die Bäckerei bereits für Kunden geschlossen war. Den Anblick seines Gesichts, als er die Tür auf ihr Klopfen hin öffnete, würde sie wahrscheinlich nie mehr vergessen. Schock und Horror hatten seine Züge verzerrt.

In diesem Augenblick war ihr bewusstgeworden, dass ihm davor graute, möglicherweise das gleiche Schicksal wie sein Vater zu erleiden. Die Dorfbewohner betrachteten ihn schließlich als die Ursache für diese ganze Situation. Er hatte ihr wortlos Zutritt gewährt und sie war eingetreten, nicht länger von Angst geplagt, was er mit ihr allein anstellen mochte.

Sie hatte sich zu ihm umgedreht, war sehr nahe an ihn herangetreten, hatte seinen Kragen gepackt und ihn zu sich heruntergezogen, so nahe, dass sich ihre Nasen beinahe berührten. Seine Augen waren geschwollen vom Weinen. Sie erinnerte sich, dass sie sich darüber gewundert hatte, war er doch in ihren Augen nicht fähig, menschliche Gefühle zu empfinden. Für sie war er nicht mehr als ein Monster. Der saure Geruch von Tage altem Schweiß auf seiner Haut stach ihr in die Nase, ein Zeichen dafür, dass er seine Körperpflege vernachlässigte.

Sie hatte ihm in die Augen gestarrt und ihm gedroht, sie würde ihn dauerhaft verstümmeln, sollte sie jemals wieder hören, dass er eine Frau auch nur gegen ihren Willen angesehen hätte. Zwei gebrochene Arme wären im Vergleich dazu wie eine Umarmung. Dann war sie gegangen, alles andere als befriedigt mit der zusätzlichen Angst, die sie in seinen Augen wahrgenommen hatte – Angst, deren Ursache sie war.

Es funktionierte. Kein einziger weiterer Vorfall dieser Art war ihr in all den Jahren zu Ohren gekommen.

So hatte sie sich also mit fünfzehn Jahren der Herausforderung gestellt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten – Jahre, bevor sie ihr Training beendet hätte. In Trebans Büchern zu lesen half ihr, ihr medizinisches Wissen zu erweitern. Allerdings war er immer sehr vorsichtig gewesen und hatte keine Bücher über Magie aufbewahrt, die zur Entdeckung seiner Kräfte führen konnten. Somit hatte ihr Magie-Training mit seinem Tod ebenfalls ein Ende gefunden. Sie hatte überlegt, zu experimentieren. Aber aus Angst davor, entdeckt zu werden, hatte sie den Gedanken immer und immer wieder verworfen. Man wusste nie, wer zusah, hatte ihr Vater immer gesagt.

Eryn seufzte und schüttelte die nostalgische Stimmung ab. Sie nahm einen weiteren Schluck des lauwarmen Wassers und steckte den Beutel wieder weg. Noch etwa fünf Stunden Tag – sie hatte vor, noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zuhause zu sein. Das war nicht realistisch, wenn sie hier weiterhin herumsaß. Es war noch ungefähr eine weitere Stunde zu gehen, dann ein oder zwei Stunden zum Sammeln der Kräuter, und schließlich brauchte sie drei Stunden für den Rückweg.

Ursprünglich wollte sie ihre Reise am Morgen beginnen, aber dann war ihr ein Patient in die Quere gekommen, dann ein weiterer, und ehe sie sich versah, war es Nachmittag und sie hatte hastig ihre Tasche gepackt und war losgegangen.

Falls sie genug Kräuter fand, überlegte sie, konnte sie genug Medizin vorbereiten, um über die nächsten drei Monate zu kommen. Sie musste noch mit dem Glashersteller über seine letzte Lieferung Fläschchen sprechen: Die Öffnung war zu eng, um die dickflüssigen Zubereitungen ohne Hilfe eines Holzstäbchens wieder herauszubekommen.

Sie fluchte, als sich ihr Schuh unter der Wurzel eines Baumes verfing und sie beinahe nach vorne fiel. Ein schneller Griff nach einem dünnen Baum verhinderte, dass sie auf ihren Knien landete. Sie lehnte sich an den Baum und schüttelte den Fuß, um ihn von der Wurzel zu befreien. Nach Luft schnappend hörte sie, wie das spröde Holz knackte und brach, dann rutschte sie die steile Böschung hinunter.

Panische Versuche, einen Baum, eine Wurzel oder einen Felsen im Fallen zu fassen zu bekommen, brachten ihr nicht mehr als zerkratzte und blutige Handflächen ein. Sie wollte schreien, aber kein Laut entkam.

Bitte – nur keine Kopfverletzung, war ihr letzter Gedanke, bevor ihr Kopf auf einem moosbedeckten Felsen, der ihren Absturz stoppte, aufschlug und sie regungslos auf dem schattigen Boden zum Liegen kam.

* * *

Feuerschein blitzte durch die Bäume, als sieben Männer durch den Wald stapften, jeder von ihnen mit einer entzündeten Fackel, um den Waldboden nach Spuren ihrer Heilerin abzusuchen. Sie war schon zu lange weg. Sie war eine vorsichtige Person, die immer Bescheid gab, wenn sie sich auf den Weg machte, um Kräuter zu sammeln. Immer ließ sie eine der Frauen im Dorf wissen, wohin sie unterwegs war und wann man sie zurückerwarten konnte.

Als fünf Stunden nach ihrer geplanten Rückkehr noch immer nichts von ihr zu sehen war, hatten sich zwei Gruppen von Männern auf die Suche gemacht. Der Schmied runzelte die Stirn, als er einen braunen Schuh entdeckte, der unter einer Wurzel feststeckte.

Er rief nach seinen Begleitern. Sie betrachteten den abgebrochenen Baum und sahen eine Spur. Da könnte jemand den Hang hinuntergerutscht sein.

Mit bedachtsamen Schritten kletterte eine Hälfte nach unten und entdeckte wenig später die regungslose Frau. Sie erkannten sie ohne Probleme an ihrem Gesicht, obwohl eine Schläfe blutverschmiert war. Sie hätten schwören können, dass es sich dabei um die Frau handelte, die sie alle kannten, seit sie ein Kind war, und die ihnen nun schon seit vielen Jahren ihre Dienste als Heilerin anbot.

Aber da war ein kleines Detail, das ihnen die Sprache verschlug und sie mehr als nur ein wenig einschüchterte: Ihr Haar, in dem sich nun eine Mischung aus Erde, kleinen Zweigen und Blättern verfangen hatte, sah fremdartig aus. Es hatte sich von einem strahlenden Blond zu einem dunklen Braun gewandelt.

* * *

Sie versuchte, ihren Kopf vom Sonnenlicht, das direkt auf ihr Gesicht schien und ihre Lider durchdrang, wegzudrehen. Die Bewegung war schmerzhaft und sie stöhnte leise, als sie langsam ihre Augen öffnete. Ihr Kopf schmerzte, und noch mehr Schmerzen bereitete ihr das Heben ihres Armes, um ihre Augen damit zu bedecken.

Sie schloss ihre Augen wieder und führte eine schnelle Kontrolle durch, indem sie einen kurzen magischen Impuls durch ihren Körper schickte. Er sollte ihr Informationen über den Schaden, den sie genommen hatte, aufzeigen: Ein verstauchter Knöchel, ein gebrochener Arm und eine Kopfverletzung. Nichts allzu Ernstes, sie konnte es in ein paar Minuten reparieren, auch wenn sie in ihrem derzeitigen Zustand ein paar Erholungspausen einlegen würde müssen.

Schließlich öffnete sie ihre Augen vollständig und starrte an die steinerne Decke, die ihr absolut unvertraut war. Ihre Augen wanderten langsam zur Quelle des Lichts, einem kleinen Fenster mit Gitterstäben hoch oben in der Wand. Ihr Blick huschte die Steinwände entlang zu der schweren Tür mit einem kleinen, vergitterten Fenster.

Sie war in einer Zelle, erkannte sie mit einem Ruck. Weshalb hatte man sie eingesperrt? Vor allem, da sie auch noch durch den Absturz verletzt war!

“Hallo?”, rief sie schwach mit rauer Stimme.

“Sie ist aufgewacht”, sagte jemand auf der anderen Seite der Tür. “Gib dem Bürgermeister Bescheid.”

Darauf folgte Stille.

Sie musste wohl wieder eingenickt sein, denn das Geräusch eines Schlüssels, der im Schloss gedreht wurde, ließ sie hochschrecken. Drei Männer und eine Frau traten ein, der Bürgermeister, der Schmied, der älteste Sohn des Schmieds und die Gefährtin des Bürgermeisters. Sie betrachteten Eryn mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht ganz entschlüsseln konnte.

“Warum bin ich hier?”, krächzte sie, woraufhin die Gefährtin des Bürgermeisters ein Glas Wasser für sie holte und es an ihre Lippen hielt, bevor sie eilig zurücktrat.

Ihre Stimme klang klarer, als sie fragte: “Was ist los hier? Warum bin ich eingesperrt?”

Anstatt einer Antwort reichte ihr der Bürgermeister einen kleinen Handspiegel.

Eryn entfuhr ein kurzer, entsetzter Aufschrei, als sie ihr Gesicht erblickte – umgeben von einer verhedderten Masse fremdartigen braunen Haares. Sie ließ den Spiegel beinahe fallen und berührte ihren Kopf, fühlte die vertraute Textur ihres Haares gemischt mit den Rückständen aus dem Wald. Es fühlte sich nicht anders an unter ihren Fingern, die Veränderung war jedoch eindeutig ersichtlich.

Gedanken begannen in ihrem bereits pochenden Schädel zu rasen und verstärkten den Schmerz noch weiter. Weshalb war das passiert? Wie war das möglich? Ihr Vater hatte hart mit ihr trainiert, um genau dies zu vermeiden, also warum funktionierte es zum ersten Mal in all diesen Jahren nicht mehr?

Dann begriff sie. Sie war nicht nur einfach eingeschlafen, sondern ihr Bewusstsein war tiefer abgedriftet, zu tief, um irgendwelchem Training oder eingebetteten Gewohnheiten zu gehorchen. Ihre Achtlosigkeit auf dem Pfad hatte weit mehr Schaden angerichtet, als nur ein paar Knochen und Gewebe zu verletzen. Sie war nicht länger dadurch geschützt, gleich wie alle anderen zu sein. Nun war sie anders. Und anders zu sein war gefährlich.

“Wir haben den König darüber informiert”, sagte der Bürgermeister ernst.

“Den König?”, antwortete sie schwach. “Aber… warum?”

“Du weißt genau, warum. Du bist nicht von hier. Es obliegt dem König, zu entscheiden, was mit dir zu passieren hat.”

“Was mit mir zu passieren hat?” Ihr Sichtfeld begann zu verschwimmen und der Kopfschmerz verstärkte sich von einem dumpfen Pochen zu einem Hämmern. “Was meinst du damit, was mit mir zu passieren hat? Ich habe mich in den letzten zwölf Jahren um dieses Dorf gekümmert”, schluchzte sie, hilflos gegenüber den Tränen des Ärgers, der Angst und der Verzweiflung, die ihre Wangen hinabliefen. “Nach allem, was passiert ist, bin ich hiergeblieben, und so dankt ihr es mir?” Sie versuchte aufzustehen, sank aber zurück auf die harte Bank.

“Es war nicht einfach für uns”, sprach dieses Mal der Schmied. Sie konnte das Bedauern in seiner Stimme hören, sah es in seinen Augen. “Wir haben dich immer als eine von uns betrachtet, wir wollen dich nicht verlieren. Aber…” Er deutete nur auf ihre Haare und suchte hilflos nach Worten, die nicht kommen wollten.

“Die Strafe für die Beherbergung von Spionen ist der Tod”, sagte der Bürgermeister mit hohler Stimme. “Das können wir nicht riskieren. Was mit dir passieren wird, liegt nicht länger in unserer Hand.”

Als Eryn ihre Knie an ihre Brust zog und ihr Gesicht darin vergrub, zogen sich die vier leise zurück und fragten sich, wie es sich dermaßen falsch anfühlen konnte das Richtige zu tun. Und den Gesetzen zu folgen musste das Richtige sein.

* * *

Zwei Tage waren vergangen, seit man ihr verkündet hatte, dass das Dorf sie an den König übergeben würde, als sie einen Tumult vernahm. Das Fenster war zu weit oben in der Wand, als dass sie hinaussehen hätte können.

Man hatte ihr zu essen und zu trinken gegeben und ihr auch Kleidung gebracht, damit sie die schmutzigen, zerrissenen, blutigen Stücke ablegen konnte. Sie hatte kein einziges Wort mit jemandem gewechselt. Niemand war besonders erpicht darauf, sich mit ihr zu unterhalten.

Die Verletzungen zu heilen hatte mehr Zeit in Anspruch genommen, als sie vorausgesehen hatte. Natürlich konnte sie sich nur um den unsichtbaren Schaden in ihrem Inneren kümmern. Die Kopfwunde vollständig zu heilen und sich damit als Magierin zu erkennen zu geben, würde ihre Haarfarbe zu ihrem geringsten Problem werden lassen.

Sie hatte verzweifelt nach einer Möglichkeit gesucht, ihre Magie so einzusetzen, dass sie sich aus ihrer Zelle befreien konnte, aber Heilen war nicht unbedingt eine offensive Fähigkeit. Natürlich nur, sofern man von dem Schaden absah, den sie am menschlichen Körper verursachen konnte.

Aber sie hatte keine Ahnung, ob oder wie schweres Mauerwerk oder Holztüren entfernt, in Luft verwandelt, zum Wegfliegen gebracht werden konnten. Oder was auch immer sonst hilfreich gewesen wäre, um aus der Zelle zu entkommen.

Sie wappnete sich, als sie die Geräusche herannahender Schritte vernahm. Keine Furcht zeigen, ermahnte sie sich. Sie würde ihnen nicht die Befriedigung geben, sie ängstlich zu sehen.

Der Schlüssel wurde im Schloss umgedreht, und kurz darauf trat der Bürgermeister ein. Hinter ihm folgten zwei Männer, die in irgendeine Art Uniform gekleidet waren. Sie wechselten einen Blick und nickten, offensichtlich eine Bestätigung, dass dies definitiv die Frau war, derentwegen sie gekommen waren.

Dann trat einer der beiden näher und hob seine Hände, in denen er, wie Eryn erst jetzt bemerkte, ein Paar stählerner Handschellen hielt. Sie zog in Betracht, sich aus Stolz zu weigern, wohl wissend, dass sie keine Chance hatte. Aber tretend und schreiend nach draußen gezerrt zu werden war nicht die Art und Weise, wie sie hier abreisen wollte. Sie wollte in Würde weggehen, den Dorfbewohnern zeigen, dass sie im Gegensatz zu deren Feigheit wusste, was Mut war. Das, was sie ihr antaten, war keineswegs mehr, als sie bewältigen konnte.

Sie hob ihre Arme und erlaubte dem Mann, den sie als Soldat betrachtete, ihr die Handschellen anzulegen und sie aus der Zelle zu führen. Vor dem kleinen Gebäude wartete eine Kutsche. Sie hatte in der Vergangenheit bereits mehrere Kutschen gesehen. Wohlhabende Menschen von weit her, die medizinische Hilfe benötigten, pflegten in ihnen anzureisen.

Diese war allerdings anders. Sie verfügte über die üblichen Holztüren, die aber an der Außenseite mit Metallstäben und einem großen Schloss verstärkt waren. Nun, dachte sie, wenigstens beabsichtigte man nicht, sie wie einen Mehlsack über den Rücken eines Pferdes zu werfen.

Erst jetzt bemerkte sie die Menschenmenge, die sich rund um die Kutsche gebildet hatte und aus sicherer Entfernung schweigend zusah. Sie ließ ihren Blick über die Gesichter wandern, kämpfte darum, ihre Gefühle für sich zu behalten und nicht mehr als eine ausdruckslose Maske zu präsentieren. Sie sah den Glashersteller, der blass aussah, seine Lippen zu einer dünnen Linie gepresst; den Schmied mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn; Krion, mit einer hübschen jungen Frau neben sich, die sich an seinem Arm festhielt. Sein Gesichtsausdruck war ernst; eigentlich hätte sie stattdessen Schadenfreude erwartet. Eryn fragte sich, ob sich die Frau darüber im Klaren war, worauf sie sich mit ihm eingelassen hatte.

Sie wurde zu der Kutschentür geführt und kletterte hinein, bevor man sie dazu zwang. Somit entfloh sie dem Anblick all dieser Menschen, die sie einfach so ausgeliefert hatten, bevor sie die Tränen sahen, die sie nicht länger unterdrücken konnte.

Einer der Soldaten, oder was auch immer er nun war, stieg nach ihr ein und nahm auf der gegenüberliegenden Bank Platz, um sie im Auge zu behalten. Es kümmerte sie nicht, ob er ihre Tränen sah, solange die Dorfbewohner ihrer nicht ansichtig wurden.

Ihr Vater wäre nicht überrascht gewesen, dachte sie, und fühlte, wie die Tränen erneut flossen. Immerhin hatte er hart dafür gearbeitet, genau das zu verhindern, hatte stets unnötige Risiken vermieden, die zur Entdeckung seiner magischen Fähigkeiten führen hätten können. Er war sich über die Schattenseiten der menschlichen Natur absolut im Klaren gewesen.

* * *

Zwei Tage in der dunklen Kutsche, einer der Soldaten immer bei ihr, bescherte ihr jede Menge Zeit, darüber nachzudenken, was sie wohl in der Stadt erwarten würde. Sie hatte genug Gelegenheit, sich unangenehme Optionen vorzustellen. Da gab es lebenslangen Gewahrsam, Folter zur Erlangung der Informationen, die man in ihrem Besitz vermutete, oder sogar Sklaverei. Oder eine nette Kombination zweier Optionen. Jede Kombination würde funktionieren, außer Nummer Eins mit Drei. Eine eingesperrte Sklavin war wohl wenig nützlich.

Abgesehen von ihren gedanklichen Ausflügen zu den potentiellen Schrecknissen, die die Zukunft bringen mochte, war die Reise nicht eben aufregend. Das rote Wappen des Königs hielt Ärger auf Abstand, sodass es keinerlei unterhaltsame Zwischenfälle in Form von Wegelagerern oder anderen kriminellen Elementen gab.

Sie verbrachten die Nächte in Gasthöfen, jedes Mal in einem Zimmer mit zwei Betten, eines für sie, das andere für einen der Soldaten, der sich ausruhte, während sein Kollege auf einem Stuhl Wache hielt.

Die Soldaten waren nicht besonders gesprächig. Das war für Eryn in Ordnung, sie selbst war auch nicht eben in geselliger Stimmung. Wesentlich wichtiger für sie war, dass sie sie kein einziges Mal auf eine Art und Weise berührten, die man als unangemessen hätte erachten können. Disziplin war eine großartige Sache bei einem Soldaten, überlegte sie.

Unglücklicherweise bedeutete dies nicht nur, dass sie ihre Finger von ihr ließen, sondern auch, dass ihre Augen auf ihr blieben – zu jeder Zeit. Es gab kein noch so kurzes Ermüden und Hinabgleiten in ein kleines Schläfchen. Sie boten ihr keine Gelegenheit zu einem Versuch, klammheimlich aus dem Fenster zu klettern.

Wie ungemein rücksichtlos.

Tag drei brachte die königliche Stadt Anyueel in Sichtweite, Hauptstadt des Königreichs Anyueel. Allerdings bezeichnete niemand das Land anders als das Königreich, wenn davon gesprochen wurde. Vermutlich, weil es unnötig war, zwischen den Namen von Ländern zu unterscheiden, wenn es keinerlei Kontakt über die Grenzen hinweg gab. Und es würde ohnehin nur zu Verwirrung führen, ob nun die Hauptstadt oder das Königreich gemeint war.

Eryn war noch nie zuvor dort gewesen und starrte auf die graue Steinmauer, die die Stadt umgab, größer als in ihrer Vorstellung. Sie erblickte ein hohes Gebäude, das über zahllosen Dächern thronte. Zweifellos der Palast des Königs, vermutete sie.

Eine Vielzahl an dunklen Rauchsäulen stieg aus einer Menge an Schornsteinen in die Luft empor.

Sie beobachtete, wie sie sich der Stadt näherten, und es dauerte nicht lange, bis die Kutsche vor einem enormen Tor zum Stehen kam. Sie hörte den Soldaten auf dem Kutschersitz ein paar forsche Worte mit den Torwächtern austauschen, bevor sich das Gefährt wieder in Bewegung setzte.

Beim Passieren des Tores versuchte Eryn, so viel wie möglich durch das kleine Fenster wahrzunehmen. Ihr Herz wurde schwer, als sie sah, dass es nicht nur eine dicke Steinmauer gab, sondern noch eine weitere ein paar Schritte weiter innen. Das äußere Tor hatte zwei schwere Türen mit mächtigen, metallenen Scharnieren, und das innere konnte durch ein Fallgitter blockiert werden. Derzeit stand es offen, und die zahlreichen metallenen Spitzen zeigten nach unten gleich einer düsteren Warnung. Bei dem Gedanken, was wohl mit den Knochen und Organen eines Menschen oder eines Tieres passieren würde, das darunter gefangen war, schauderte sie. Sehr wahrscheinlich mehr als ein oder sogar zwei Heiler gleichzeitig reparieren konnten.

Dann hielt die Kutsche vor dem hohen Gebäude, das sie vom Fenster aus bereits erspäht hatte, und die Türe des Gefährts wurde geöffnet.

Der Soldat ihr gegenüber gab ihr ein Zeichen, zuerst auszusteigen, genau wie er es jedes Mal in den letzten zweieinhalb Tagen getan hatte. Sie mutmaßte, dass er darauf trainiert war, Gefangenen nicht seinen ungeschützten Rücken zu präsentieren. Was auf jeden Fall einen Sinn ergab.

Köpfe drehten sich in ihre Richtung auf dem weiträumigen Platz vor dem Palast, als sie die Kutsche verließ und die Blicke unzähliger erstaunter Augen durch ihre ungewöhnliche Haarfarbe angezogen wurden. Sie konnte Geflüster aus verschiedenen Richtungen hören und sah Kinder, die mit dem Finger auf sie zeigten.

Die Soldaten machten sich daran, sie in das Gebäude zu eskortieren, doch zwei Männer in dunkelbraunen Roben kamen raschen Schrittes über den Platz auf sie zu. Beide waren eher jung, und einer hob seinen Arm, um sie aufzuhalten.

Sobald sie in Hörweite waren, rief er: “Wir werden sie übernehmen. Der Orden übernimmt ihre Befragung.”

Der Orden wollte mit ihr sprechen? Das war eine Überraschung, und zwar eine besorgniserregende. Ihr Vater hatte seine Ansichten über den Orden regelmäßig in der Abgeschiedenheit ihres Hauses kundgetan. Es waren keine sehr schmeichelhaften. Einen Haufen Einfaltspinsel hatte er sie genannt, die lieber mit ihrer Magie herumspielten und einander bekämpften, anstatt etwas Sinnvolles damit anzustellen.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Warum brachte man sie zu den Magiern? Sie konnten unmöglich von ihren Kräften wissen, oder? Hatte sie in den letzten zwei Tagen irgendetwas verraten, im Schlaf womöglich? Oder als sie in ihrem Dorf eingesperrt gewesen war?

Die Soldaten nickten und folgten den Männern in den Palast. Waren diese beiden Männer in Roben Magier? Kleideten die sich so?

Die Schatten im Inneren des Gebäudes erschwerten es ihr zunächst, ihre Umgebung wahrzunehmen. Nachdem sich ihre Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sah sie, dass sie sich in einer riesigen Eingangshalle mit mehreren Säulen befand, jede davon so dick wie ein alter Baum und mindestens ebenso hoch. Vier Korridore begannen zwischen jeweils zwei Säulen und erstreckten sich in die Ferne.

Die Männer in den Roben wandten sich dem ersten rechts zu und hielten dann vor einer mittelgroßen Doppeltür, die beinahe zu bescheiden für diesen Ort wirkte.

Der etwas Größere der beiden öffnete beide Türen und deutete den Soldaten, Eryn hineinzubringen. Sie schluckte und wurde, da sie sich nicht von selbst in Bewegung setzte, nach vorne gestoßen.

Das war sehr wahrscheinlich der Raum, in dem man sie befragen würde. Nach einem kurzen Blick bemerkte sie mit Erleichterung, dass keinerlei Folterwerkzeuge zu sehen waren. Es war ein eher großer Raum mit einem einzelnen Stuhl im Zentrum und einem massiven Tisch.

An dem Tisch saßen fünf Männer verschiedener Altersklassen. Einer davon war vollständig ergraut und schien in den Sechzigern zu sein, die anderen wirkten wesentlich jünger und rangierten wohl zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig. Sie alle waren in braune Roben gekleidet, sodass die Unterscheidung schwer fiel.

Keiner erhob sich, als sie eintrat. Sie gemahnte sich, dass sie den Respekt, den sie als Heilerin in den letzten eineinhalb Jahrzehnten genossen hatte, hier nicht erwarten konnte. An diesem Ort war sie nicht mehr als eine Fremde, die man verdächtigte, eine Spionin zu sein.

Die Soldaten brachten sie zu dem Stuhl, drückten sie darauf nieder und verließen den Raum ohne ein Wort. Die zwei Magier, die sie hergeführt hatten, bezogen Stellung vor der Tür.

Sie hatte auf der Reise hierher genügend Zeit gehabt, sich zu überlegen, was sie sagen würde, wenn die Zeit kam. Sie entschied, so nahe wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Der Bürgermeister hatte sicherlich alle Informationen weitergeleitet, die er über sie hatte. Was nicht besonders viel war. Es gab nicht wirklich einen Grund für sie, zu lügen; ihre Geschichte war harmlos genug, und sie wusste selbst nur sehr wenig über ihre Vergangenheit, bevor sie ihr Heimatland verlassen hatte. Sie wusste nicht einmal genau, woher sie stammte. Das Einzige, was sie verbergen musste, war ihre Magie, der Rest war unerheblich.

Wenn sie kooperierte, würde man sie wieder gehen lassen? Wohin würde sie in diesem Fall gehen? In ihr Dorf zurückzukehren war keine Option. Wie sollte sie es ertragen, wieder dort zu leben?

Nein, entschied sie, sie würde in der Nacht dorthin zurückkehren, um ihre Habseligkeiten zu holen und dann nie wieder zurückblicken. Sie konnte sich überall niederlassen – Heiler waren in diesem Land nicht eben zahl vorhanden, also sollte es nicht allzu schwierig sein, einen Ort zu finden, wo ihre Dienste höher geschätzt wurden als ihre Haarfarbe.

“Wie lautet dein Name?”, fragte der Älteste in ihre Gedanken hinein.

“Eryn”, antwortete sie folgsam.

“Woher stammst du?”

“Ich bin nicht sicher. Ich glaube aus dem Westen.”

Der alte Mann runzelte die Stirn. “Wie kannst du nicht sicher sein, woher du kommst?”

“Ich war noch ein Kind, als wir von dort weggingen.”

“Wir?”

“Mein Vater und ich. Er brachte mich hierher.”

“Wo ist er jetzt, dein Vater?”

“Er ist tot. Seit zwölf Jahren.”

“Warum hat er dich hierhergebracht?”

“Ich weiß es nicht.”

Sie begannen untereinander zu murmeln. Dann fragte einer der anderen vier: “Du hast also keine Ahnung, woher du kommst und weshalb dich dein Vater hierhergebracht hat? Das erscheint etwas unglaubwürdig.”

Eryn blieb stumm und sah die Männer nur an. Protest würde ihr kaum Pluspunkte einbringen.

“Wo ist deine Mutter?”

“Sie starb schon bevor wir hierherkamen.”

So ging es weiter und weiter. Sie schienen sehr interessiert an ihrem Vater und wie es möglich war, dass die Dorfbewohner vor dem Unfall im Wald niemals zuvor ihr braunes Haar erblickt hatten. Nun begann der gefährliche Teil. Sie musste jeglichen Verdacht auf Magie zerstreuen.

“Mein Vater konnte ein Pulver mischen, das es möglich machte, die Haarfarbe zu verändern. Er wollte nur in Frieden leben und nicht belästigt werden”, erklärte sie ruhig.

“Aus welchem Grund hat sich dein Haar dann zurück zu seiner ursprünglichen Farbe verändert, als du gefunden wurdest?”, fragte ein weiterer.

“Weil ich mehrere Stunden lang in der Hitze einen Pfad bergauf gegangen bin. Mein Schweiß muss den Großteil des Pulvers entfernt haben.”

Sie war auf diese Frage vorbereitet gewesen und war erleichtert, als sie sah, dass man ihre Erklärung zu akzeptieren schien.

“Wir haben gehört, dass dein Vater ein Heiler war.”

“Ja, er war ein sehr guter Heiler.”

“Anscheinend war er nicht nur sehr gut, sondern außergewöhnlich.”

“Ja, er hat mir erzählt, dass er zuhause viele Jahre lang ausgebildet worden war.”

“Ah ja, das geheimnisvolle Zuhause, an das du dich nicht erinnerst.” Der alte Mann schmunzelte und fuhr dann fort: “Du hast die Arbeit deines Vaters nach seinem Tod fortgesetzt.”

Sie nickte. “Ja.”

“Er hat dich also ausgebildet?”

Die Stunden schienen sich in die Länge zu ziehen. Sie wechselten sich dabei ab, ihr Fragen zu stellen, wollten manchmal hören, was sie bereits zuvor geantwortet hatte. Sie fragte sich, ob sie versuchten, sie dazu zu bringen, dass sie sich selbst widersprach.

Der Nachmittag begann bereits in den frühen Abend überzugehen, als der älteste der Männer sich erhob und auf sie zutrat. Sie war erschöpft, durstig, hungrig und hatte diese ganze Situation satt. Aber sie hatte es durchgestanden, und nun sah es aus, als würde sich all dies schließlich dem Ende zuneigen.

“Dann bleibt nur mehr eine Sache”, sagte der Mann und kam näher. Sie betrachtete ihn misstrauisch. Was wollte er jetzt noch?

“Was?”, seufzte sie müde.

“Nur ein kleiner Test, ob du uns die Wahrheit sagst.”

Sie runzelte die Stirn. “Was für ein Test?”

“Ich werde dir ein paar der Fragen noch einmal stellen. Dieses Mal werde ich ein wenig Magie einsetzen, um deinen Mund davon abzuhalten, eine Unwahrheit zu sagen.”

In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen. Das klang nicht gut, überhaupt nicht. Als er sich anschickte, ihren Arm zu ergreifen, zog sie ihn weg, sprang auf und presste sich gegen die Wand.

“Nein, ich will das nicht”, schrie sie. “Bleibt mir vom Leib!”

Der Mann trat näher und drängte sie in die Ecke. “Ich befürchte, du hast keine Wahl in dieser Angelegenheit, wenn man bedenkt, weshalb du hier bist.”

Er umfasste ihren Arm und hielt ihn so fest, dass sie sich nicht befreien konnte.

Sie zwang die aufsteigende Panik in ihrem Innern nieder. Vielleicht funktionierte es nicht bei ihr. Konnte sie womöglich selbst Magie einsetzen, um seine zu blockieren? Aber wie? Sie hatte bisher noch nicht einmal davon gehört, dass so etwas möglich war, geschweige denn, wie man entgegenwirken konnte.

Sie fühlte ein Rinnsal von Wärme von seiner Handfläche ihren Arm hinaufwandern.

“Nun, erzähl mir noch einmal, weshalb dich dein Vater hierhergebracht hat”, verlangte er.

Sie schüttelte verzweifelt ihren Kopf. “Ich weiß es nicht! Wirklich nicht. Ich glaube, er hat sich versteckt.” Das war nicht gut. Das letzte Stück war nicht beabsichtigt gewesen.

“Vor wem? Und weshalb?”

“Ich weiß es nicht!”

“War dein Vater ein Spion?” Der Griff um ihren Arm wurde stärker.

“Nein!”

“Bist du eine Spionin?”

“Nein!”

Wenn seine Fragen weiterhin in diese Richtung gingen, bestand keine unmittelbare Gefahr, dass sie ihr Geheimnis offenbarte.

Die nächste jedoch zerstörte diese Illusion rasch.

“War dein Vater in der Lage, Magie anzuwenden?”

Sie sog den Atem scharf ein und wollte es leugnen, doch ihr Mund weigerte sich, die Worte auszusprechen. Triumph blitzte in den Augen des Mannes auf.

“Aha!”

Das war genug! Sie trat ihm gegen das Schienbein und entriss ihren Arm seinem Griff. Er fluchte unterdrückt und wies seine Kollegen an: “Haltet sie fest!”

Neue, heiße Panik stieg in ihr hoch. Sie atmete schwer und zog sich langsam in eine Ecke zurück, ihr Blick auf die Magier gerichtet, die sich ihr stetig näherten. Sie trat dem ersten, der in ihre Reichweite kam, gegen das Knie, woraufhin er hastig mit einem Schmerzensschrei zurücksprang.

“Wir sollten sie vielleicht betäuben. Das wäre sicherer”, sagte einer von ihnen. “Eine schwache Betäubung sollte sie bei Bewusstsein halten, sodass sie unsere Fragen beantworten kann.”

Wenige Momente später schoss etwas auf sie zu und traf sie direkt in die Brust, sodass sie nach Luft schnappte.

Der Magier runzelte seine Stirn und schüttelte den Kopf. “Das hätte sie unschädlich machen sollen! Sie sollte nicht mehr aufrecht stehen!”

“Es war wohl zu schwach”, sagte ein anderer, und dieses Mal sah sie, wie der Energieblitz auf sie zuflog, ohne dass sie in der Lage war, ihm auszuweichen. Dieser traf sie in den Magen, sodass sie beinahe zusammenklappte.

Sie starrte die Männer an und verstand nicht, warum sie ihr bereitwillig Schmerzen zufügten; Hass, Angst und Verzweiflung brachen tief aus ihrem Inneren hervor. Als ein weiterer von ihnen mit seiner Handfläche auf sie zielte, hob sie beide Hände in einer abwehrenden Geste und bereitete sich so auf den nächsten Einschlag vor, verzweifelt entschlossen, den bevorstehenden Schmerz nicht an sich heranzulassen.

Sie spürte tatsächlich nichts, blickte auf und direkt in sieben erstaunte Gesichter, die sie anstarrten. Plötzlich riss die Hälfte von ihnen ihre Hände nach oben und entfesselte Strahlen aus Magie, die jedoch irgendwie gestoppt wurden und sich – ohne sie zu treffen – vor ihrem Körper zerstreuten.

Fieberhaft suchte sie nach einer Erklärung für dieses unerwartete Phänomen und bemerkte nach ein paar Sekunden vor sich in der Luft ein blasses Schimmern. Um es zu berühren, hob sie ihre Fingerspitzen an, zog sie jedoch flink wieder zurück, als sie ein schwaches, kribbelndes Knistern auf ihrer Haut fühlte.

Irgendwie hatte sie es geschafft, sich mit Magie zu schützen! Und es sah so aus, als konnten die Männer nicht zu ihr durchdringen!

Jetzt zielten alle von ihnen mit ihren Handflächen auf sie und setzten Stöße frei. Jeder einzelne davon wurde gestoppt, bevor er Schaden anrichten konnte. Sie versuchten es wieder und wieder, aber vergeblich.

Eryn sah, dass die Männer erblasst waren. Vor Angst? Sie beabsichtigte nicht zu bleiben und es herauszufinden, sondern bewegte sich langsam in Richtung der Türe, die noch immer von den beiden Magiern mit panischen Gesichtsausdrücken bewacht wurde.

“Lauft! Holt Lord Enric! SOFORT!” Dringlichkeit dröhnte in der Stimme des alten Magiers.

Die beiden standen noch einen Augenblick länger still, wie betäubt vor Schock, dann rannten sie los und ließen die Tür hinter sich offenstehen. Eryn schlüpfte hinaus und begann zu laufen, wissend, dass die Magier ihr knapp auf den Fersen waren.

Sie wandte sich nach links, wo sich laut ihrer Erinnerung der Eingang befinden musste und schlitterte den glatten Boden entlang. Sie musste schnell weg von hier, bevor sie es irgendwie schafften, sie aufzuhalten.

Sie vernahm, wie eine weitere Salve an Blitzen auf ihren Schild traf und blickte zurück zu den Männern, die sich eilig in eine Nische duckten, als ob sie Angst vor einem Gegenangriff hätten.

Dann dämmerte es ihr. Genau das war der Grund, warum sie sich versteckten – sie hatten keine Ahnung, dass sie nicht wusste, wie man die Angriffe erwiderte! Sie glaubten, sie könnte jeden Moment zurückschießen. Sie hatte die große Eingangshalle beinahe erreicht, als einige weitere Geschosse die Barriere trafen, ohne sie auch nur ansatzweise zu durchdringen. Sie fragte sich, warum sie nicht aufhörten, da es doch offensichtlich war, dass es keine Wirkung auf sie hatte.

Plötzlich wurde ihr klar, dass es sehr wohl eine Wirkung hatte. Sie wurde hingehalten. Hatten sie nicht nach jemandem geschickt? Einem Lord oder so etwas? Und es funktionierte auch: Jedes Mal, nachdem sie attackiert worden war, wurde sie langsamer.

Entschlossen, ihnen nicht noch weiter entgegenzukommen, griff sie hastig nach dem schweren Eisenring, um einen Flügel der Tür aufzuziehen, als sie eine laute, autoritäre Stimme hinter sich rufen hörte: “Angriff einstellen!”

Ein schneller Blick über die Schulter zeigte ihr, zu wem die Stimme gehörte: Ein Mann Mitte Dreißig, hochgewachsen und schlank, in eine blaue Robe gekleidet, kam zügig auf sie zu, anders als die anderen offensichtlich ohne Furcht vor einem Angriff.

Er strahlte Selbstbewusstsein aus, wurde davon umgeben wie von einer zweiten Haut. Und er wirkte fest entschlossen. Er blieb zwischen den Säulen stehen, hob seine Hand und entfesselte, ohne auch nur einen Moment zu zögern, einen Energieblitz.

Sie starrte in vollkommener Fassungslosigkeit in sein resolutes Gesicht, die fest aufeinandergepressten Lippen und die gerunzelte Stirn; sie nahm all diese bedeutungslosen Details mit unglaublicher Klarheit in sich auf, während ihre Knie langsam unter ihr nachgaben.

Sein Angriff hatte ihren Brustkorb getroffen, und der Schmerz wurde bereits von der Dunkelheit gedämpft, die sie umgab, noch bevor sie auf dem Boden aufschlug.

»Ende der Leseprobe«

 

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