“Königliche Schwierigkeiten” – Der Orden: Buch 6

Kapitel 1

Heimkehr

Enric und sein Sohn hoben beide den Blick von dem Brettspiel zwischen ihnen und blickten zu den beiden Frauen hin, die einander auf dem Rasen in recht brutaler Weise mit dem Schwert attackierten. Pe’talas triumphierender Ausruf, der nun anstatt des Hintergrundgeräuschs von klirrendem Stahl ertönt war, hatte sie zum Aufblicken veranlasst.
“Was ist eine selige Schuldigung für eine Kämpferin?”, fragte der fünfjährige Junge neugierig, indem er wiederholte, was seine Tante seiner Ansicht nach soeben mit schadenfroher Boshaftigkeit von sich gegeben hatte. Seiner Mutter und seiner Tante beim Schwertkampf zuzusehen war stets eine unversiegbare Quelle spaßiger neuer Ausdrücke. Aus irgendeinem Grund jedoch schien sein Vater in der Regel nicht besonders erfreut, wenn er Fragen zu deren Bedeutung beantworten musste. Zuweilen schlug er sogar vor, sie sollten hineingehen und ihr Spiel im Hauptraum fortsetzen, doch Vedric schüttelte jedes Mal heftig den Kopf, unwillig, das unterhaltsame Spektakel aufzugeben.
“Eine armselige Entschuldigung für eine Kämpferin”, korrigierte ihn Enric geistesabwesend, während er beobachtete, wie sich Eryn hinter einen Baum duckte, nachdem sie ihr Schwert verloren hatte. “Es bedeutet, dass deine Tante denkt, deine Mutter könne mit ihrem Schwert nicht besonders gut umgehen.”
“Ich finde, sie kann das sehr gut”, äußerte Vedric loyal, wenngleich sein Gesichtsausdruck deutlich zeigte, dass er es nicht eben als heldenhaften Zug betrachtete, dass sich seine Mutter hinter einem Baum verschanzte.
“Komm hinter diesem wehrlosen Baum hervor und ergib dich, du entsetzlicher Feigling!”, rief Pe’tala und schwang ihr Schwert als wäre sie drauf und dran, den erwähnten hilflosen Baum mit einem einzigen Hieb zu fällen.
“Entsetzlicher Feigling”, kicherte Vedric und bedeckte seinen Mund mit beiden Händen. Seine braunen Augen funkelten vor Vergnügen darüber, dass er all diese unfreundlichen Worte mitanhören konnte, mit denen er in Gegenwart von Erwachsenen nicht um sich werfen durfte.
Enric seufzte in dem Bewusstsein, dass die Aufmerksamkeit seines Sohnes in nächster Zeit wohl kaum zum Spiel zurückkehren würde. Einerseits störte es ihn keineswegs, dass der Junge den beiden Frauen beim Kampf zusah. Das würde ihm ein grundlegendes Verständnis von einer Disziplin vermitteln, die er selbst in etwa einem halben Jahr zu trainieren beginnen würde müssen. Andererseits entsprachen Eryns und Pe’talas Vorstellungen von Schwertkampf nicht gerade dem, was der Orden als… angemessen empfand. Fluchen und Beschimpfungen waren ein Teil davon, und zudem auch noch ein recht unübliches Ausmaß an Kreativität. Diese beiden Frauen legten eine unverfrorene Missachtung dessen an den Tag, was gemeinhin als ehrenhaftes Verhalten im Kampf erachtet wurde. Sollte Vedric diesem Beispiel folgen, würde er die Geduld seines zukünftigen Kampftrainers zuhause in Anyueel auf eine harte Probe stellen.
Der Junge und der Mann sahen von der Terrasse aus zu, wie Eryn ein paarmal tief durchatmete. Dann errichtete sie einen Schild, schoss einige magische Blitze auf ihre Schwester ab und stürmte dorthin, wo ihr Schwert im Gras lag. Pe’tala schützte sich hastig mit einem Schild vor den Geschossen und fluchte, als Eryn die Waffe erreichte und ihr so ein einfacher Sieg verwehrt wurde.
Enric räusperte sich, dann erhob er die Stimme: “Darf ich euch nochmals daran erinnern, dass ein Kind anwesend ist?”
Pe’tala lächelte entschuldigend in seine Richtung und näherte sich erneut ihrer älteren Schwester.
Vedric beobachtete einige Sekunden lang den raschen Austausch an Hieben. Als sich allerdings nichts Interessantes ankündigte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Vater.
“Warum müssen wir von hier weggehen? Ich will hierbleiben. Können wir nicht hierbleiben?”
Enric unterdrückte ein resigniertes Seufzen. Genau diese Diskussion hatten sie bereits mindestens zehn Mal in ebenso vielen Tagen geführt. Und vor sechs Monaten war es genau gleich verlaufen, als sie kurz davor waren, Anyueel zu verlassen und nach Takhan zu gehen. Es war nicht so, als wäre der Junge unwillig, nach Takhan oder Anyueel zu gehen, er sträubte sich lediglich dagegen, von dort fortzugehen, wo er sich gerade aufhielt.
“Ich verstehe, weshalb du gerne länger bleiben möchtest. Aber ich fürchte, es liegt nicht in meiner Macht, dir diesen Wunsch zu erfüllen. Deine Mutter und ich würden uns beträchtlichen Ärger mit Lord Tyront und dem König einhandeln, würden wir uns einfach weigern zurückzukehren.” Er zerzauste das braune Haar seines Sohnes, das nach einem halben Jahr unter der Sonne der Westlichen Territorien heller als üblich war. “Es gibt auch etwas Gutes dabei. Du wirst Plia und deine Großmutter Gerit wiedersehen.”
Während er seiner Tante dabei zusah, wie sie gewandt einem Angriff auswich, nickte er langsam, als würde er abwägen, ob sie sechs Monate lang nicht zu sehen ein adäquater Preis für den Vorteil war, Plia und seine Großmutter wiederzuhaben.
“Verdammt!”, hörten sie Pe’tala fluchen und blickten einmal mehr zum Gras. Dort lag sie auf dem Boden, während Eryn ihrer Schwester mit einem selbstgefälligen Grinsen die Spitze ihrer Klinge an den Hals hielt.
Vedric sprang auf und klatschte aufgeregt in die Hände. Ein zufälliger Beobachter hätte dieses offensichtliche Vergnügen über den Sieg seiner Mutter womöglich reizend gefunden, doch die Reaktion war genau die gleiche, wenn seine Tante siegreich aus einem Kampf hervorging.
“Was war Pe’talas großer Fehler? Warum konnte deine Mutter gewinnen?”, fragte Enric seinen Sohn. Er konnte diese Gelegenheit ebenso gut nutzen, um Vedric etwas beizubringen, dass sich eines Tages zweifellos als nützlich erweisen würde.
Eine Weile starrte ihn der Junge an, dann sah er zu dem Baum, hinter dem sich Eryn versteckt hatte. Nach etwa einer halben Minute zuckte er mit den Achseln.
“Pe’tala hat deiner Mutter die Waffe weggenommen. Doch anstatt sicherzugehen, dass deine Mutter sie nicht mehr erreichen kann, hat sie sie auf dem Boden liegengelassen.”
Vedric schien das für keine besonders interessante Enthüllung zu halten und sah zu, wie sich die beiden Frauen der Sitzinsel auf der Terrasse näherten. Eryn löste den Schild auf, den sie errichtet hatten, um die Terrasse von ihrem vorübergehenden Kampfschauplatz abzutrennen und so den Jungen vor Schaden zu bewahren.
Pe’tala ließ sich auf ein Kissen neben ihrem Neffen sinken und nickte zu dem Spiel hin. “Wer hat gewonnen?”
“Niemand”, erwiderte Enric. “Irgendwie haben ihn eure Beleidigungen zu stark abgelenkt, als dass er sich auf das Spiel hätte konzentrieren können.”
Sie winkte ab. “Die waren harmlos. Du solltest mich hören, wenn niemand in Hörweite ist.”
“Weißt du, warum du verloren hast?”, schulmeisterte Vedric sie in überlegener Manier.
Seine Tante schnaubte. “Hör sich das einer an! Ganz wie dein Vater. Er genießt es ebenfalls, die Leute in den zweifelhaften Genuss seiner Weisheiten kommen zu lassen. Dann sag schon; weshalb habe ich verloren?”
“Weil Mutter ihr Schwert zurückbekam! Das war deine Schuld”, teilte er seine geborgte Weisheit.
Mit einem leicht gereizten Lächeln lehnte sich Pe’tala vor. “Wirklich. Nun, da du solch ein kluger junger Mann bist, kannst du mir sicher sagen, wie ich es besser hätte machen können?”
Von einem Augenblick zum nächsten geriet Vedrics Selbstbewusstsein ins Wanken. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Er hatte einfach nur etwas Kluges und Erwachsenes sagen wollen, um einen Moment lang zu glänzen, nichts weiter.
Enric lächelte nachsichtig über den leicht flehenden Blick seines Sohnes. “Das passiert, wenn du die Meinung anderer Leute als deine eigene präsentierst. Lass dir das eine Lehre sein.”
Der Junge war eindeutig nicht besonders angetan davon, wie sich das Gespräch entwickelt hatte und entschied, seine Aufmerksamkeit der einzigen Erwachsenen zuteilwerden zu lassen, die noch nicht bei ihm in Ungnade gefallen war: seiner Mutter.
Wortlos stand er von seinem Platz zwischen seinem Vater und seiner Tante auf und legte demonstrativ die paar Schritte zu Eryn zurück, um sich neben sie zu setzen.
“Ich bin froh, dass du gewonnen hast”, murmelte er mit einem Seitenblick auf seine Tante.
“Das bin ich ebenfalls”, stimmte Eryn zu und verbarg ein Lächeln. Nun schien es, als wäre sie allein die glückliche Empfängerin all seiner Aufmerksamkeit. Nun, sie würde das Beste daraus machen. “Und weißt du was? Sie hätte mich dieses Schwert wirklich nicht mehr aufheben lassen dürfen. Ich meine, ich stand ohne Waffe hinter einem Baum versteckt! Sie hätte sich zwischen mich und das Schwert stellen sollen, damit ich es nicht erreichen kann.”
Vedric nickte nachdrücklich. “Ja!”
Pe’tala verdrehte die Augen. “Oh bitte, Schwester! Es ist einfach nur erbärmlich, wie sehr es dich nach Zuwendung dürstet. Schlicht und ergreifend beschämend.” Sie sah sich um. “Wo ist übrigens meine Brut? Sie schläft doch wohl nicht noch immer?”
Enric schüttelte den Kopf. “Nein, sie ist vor etwa einer Stunde aufgewacht. Rolan hat sie zu einem Besuch bei deinem Vater mitgenommen.”
“Und ihr beiden wolltet lieber hierbleiben und uns beim Kämpfen zusehen”, erkundigte sich Pe’tala, “anstatt sie zu begleiten?”
“Wir entschieden uns dafür, ein paar friedliche Stunden hier zu verbringen, da wir Takhan in zwei Tagen verlassen. Und Valrad sehen wir morgen ohnehin bei der kleinen Zusammenkunft, die Malriel zu unserem Abschied arrangiert hat.” Er lächelte, als Eryn stöhnte – ihre übliche Reaktion, wenn solche Anlässe auch nur erwähnt wurden.
“Solltest du nicht auf dem Weg zu deinem Examen sein?”, fragte Eryn missmutig. Als würde ihn wegzuschicken sie auch gleichzeitig von der unangenehmen Aussicht befreien, dass sie nicht nur eine gesellige Veranstaltung besuchen musste, sondern auch noch eine, die von ihrer Mutter ausgerichtet wurde.
Enric nickte. “Ich werde etwa in einer halben Stunde aufbrechen und sollte mich jetzt fertigmachen. Wünscht mir Glück.”
Pe’tala grinste. “Warst du nicht derjenige, der mir einmal erklärte, Glück bräuchten nur diejenigen, die nicht vorbereitet sind? Dass fleißige Leute, die vernünftig genug sind, um sich ausreichend vorzubereiten, solch ein abstraktes Konzept nicht benötigen, dass es eine Frage von Ursache und Wirkung sei?”
Er seufzte und stand auf. “Natürlich kann ich mich darauf verlassen, dass du mir meine Worte in solch einem Moment vorhältst.”
Sie lehnte sich vor. “Sag mir nicht, du bist nervös, Ordenslord? Solch ein mickriges kleines Examen wird dich doch wohl kaum aus der Ruhe bringen?”
“Das ist kein mickriges, kleines Examen, wie du es nennst”, konterte er, gereizt darüber, dass ihre Worte nicht ganz ungerechtfertigt waren. Er war tatsächlich ein wenig nervös und schätzte es weder, dass es ihr aufgefallen war, noch dass sie sich über ihn lustig machte. “Nachdem ich es bestehe, werde ich in diesem Land als vollwertiger Rechtsgelehrter anerkannt sein”, erwiderte er würdevoll.
“Und welch ein lebensverändernder Umstand das sein wird”, meinte Pe’tala mit einem abfälligen Grinsen. “Es ist nicht so, als hättest du nicht ohnehin Zugriff auf erstklassige juristische Betreuung gehabt, wenn man bedenkt, dass der Bruder deiner Gefährtin und dein enger Freund Ram’an beide Rechtsgelehrte sind.”
Eryn hob ihre Hand und umschloss damit seine Finger. “Hör nicht auf sie. Alles wird gutgehen. Daran hast du die letzten vier Jahre gearbeitet. Geh und beeindrucke sie!”
“Toller Zeitpunkt übrigens”, fuhr Pe’tala fort ihn zu reizen. “Du legst dein großes Abschlussexamen ab, wenn du gerade drauf und dran, bist das Land zu verlassen, in dem du damit etwas anfangen könntest.”
“Halt die Klappe, Tala”, knurrte ihre ältere Schwester.
“Halt die Klappe, Tala”, krähte Vedric glücklich, was ihm einen kühlen Blick seitens seiner Tante einbrachte.
“Sie kann das sagen, du nicht”, tadelte sie ihn.
Bedrückt ließ sich der Junge in die Kissen zurücksinken und sinnierte darüber, wie ungerecht Erwachsene im Allgemeinen waren. Wenn es schlecht war, dann sollte niemandem erlaubt sein, es zu sagen. Wenn es nicht schlecht war, warum durfte er es dann nicht sagen? Er hegte den Verdacht, dass sie sich diese Regeln einfach im Vorbeigehen ausdachten. Wenn er eines Tages erwachsen war und somit selbst Regeln erfinden durfte wie es ihm passte, würde er niemals ungerecht zu Kindern sein, schwor er sich. Er würde wie Vern sein. Vern war alt aber nett.
“Mach mich stolz, Geliebter”, lächelte Eryn zu ihrem Gefährten empor. “Mach die Welt zu einem besseren Ort, indem du ihr etwas gibst, dass sie so dringend braucht: noch einen Juristen.”
Enric knirschte mit den Zähnen und zog seine Hand aus ihrer. “Danke für eure Unterstützung, ihr beiden.”
Pe’tala kicherte, als er sich umdrehte und durch die Terrassentür nach drinnen verschwand.
Eryn drückte sich von ihrem Kissen hoch.
“Du gehst ihm nach und hältst seine Hand, um seine Nerven zu beruhigen, so wie eine unterstützende, hingebungsvolle Gefährtin, Schwester?”
“Selbstverständlich, du Dummkopf”, erwiderte Eryn und folgte ihm hinein.
Vedric biss sich auf die Lippe. Sein erster Impuls wäre gewesen, den unschmeichelhaften Ausdruck zu wiederholen, einfach aus Freude darüber, dass er ihn gehört hatte.
“Wage es nicht”, warnte seine Tante ihn mit zusammengekniffenen Augen, als könnte sie seine Gedanken lesen. “Ich würde nicht besser darauf reagieren, wenn du mich einen Dummkopf nennst als wenn du mir sagst, ich solle die Klappe halten.”
Der Junge verschränkte die Arme und blitzte sie an. “Jetzt gerade mag ich dich nicht.”
Pe’tala nickte in offenkundigem Verständnis für seine Gefühle. “Das ist schon in Ordnung. Das geht vorbei.”

* * *

Während sie sich im Aren Hauptraum mehr oder weniger vor Malriels Gästen und insbesondere vor Malriel selbst versteckte, ließ Eryn ihren Blick über die ausgedehnten Gärten wandern und hielt sich an ihrem Glas süßen Weißweins fest. Wieder eine dieser mühsamen Veranstaltungen, auf deren Abhaltung das Oberhaupt von Haus Aren in regelmäßigen Abständen bestand. Um die soziale Struktur aufrechtzuhalten, wurde Malriel nicht müde ihrer Tochter immer wieder zu erklären. Und natürlich war die bevorstehende Abreise von Eryn, Enric und ihrem Sohn nach ihrem jüngsten sechsmonatigen Aufenthalt in Takhan ein fabelhafter Vorwand für diese Zusammenkunft hier.
Seit fünf Jahren waren sie nun schon gezwungen, ihr Leben zu gleichen Teilen zwischen den Städten Anyueel und Takhan aufzuteilen. Wenngleich in Enrics Fall nicht ganz so viel Zwang erforderlich gewesen war, wie er freimütig zugab. Er war zufrieden mit diesem Arrangement, das es ihm gestattete, in beiden Ländern seinen Geschäften nachzugehen und gleichzeitig alle paar Monate ein wenig Freiheit vom Orden zu genießen. Und nun hatte er, erst am Vortag, seine Ausbildung zum Juristen abgeschlossen, indem er seine Abschlussprüfung mit hohen Ehren bestand. Nicht, dass sie etwas anderes von ihm erwartet hatte. Der Orden – oder eher sein Vorgesetzter, Freund und Mentor Tyront – hatte alles getan, um Enric von einem faulen, jungen Tunichtgut in einen Mann zu verwandeln, der stets sein Möglichstes gab. Eine Einstellung, die Eryn nicht teilte. Erfolgen gegenüber hatte sie eine ökonomischere Einstellung. Die Aussicht auf eine gute Note konnte sie kaum dazu bewegen, mehr Aufwand zu betreiben, als die Sache ihrer Ansicht nach rechtfertigte.
Und dann war da Vedric, der nie etwas anderes als das Herumreisen zwischen seinen beiden Heimatorten kennengelernt hatte. Eryn hoffte, dass dies nicht eines Tages zu einem Problem werden würde. Was wäre wenn dieses ständige Entwurzeln jegliches Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Heimat zerstörte, das er sonst entwickelt hätte? Oder wenn ein rastloser Mann aus ihm würde, für den der bloße Gedanke daran, sich eines Tages mit einer Familie an einem Ort niederzulassen, eine Folter war und ihn dazu verdammte, für den Rest seines Lebens die Länder zu durchwandern?
Das waren genau die düsteren Gedanken, die von ihr Besitz ergriffen, wenn sie eine weitere gesellige Veranstaltung ertragen und dabei vorgeben musste, sie verstünde sich ganz fabelhaft mit ihrer Mutter, obwohl jede einzelne anwesende Person – ebenso wie eine Menge abwesender Personen – wusste, dass dem keineswegs so war. Wahrscheinlich warteten sie lediglich auf eine weitere dieser angespannten Auseinandersetzungen oder kurzen Ausbrüche zwischen Mutter und Tochter, die ihre Umgebung so ungemein unterhaltsam fand. Das würde den Klatschbasen Material für mindestens eine Woche liefern. Das war die eine Sache, die beide Seiten des Meeres gemeinsam hatten, ganz egal, welche Unterschiede sie trennten – diese Vorliebe für das Wetzen ihrer Zungen.
Misstrauisch stieß Eryn den Atem aus, als ihr Blick auf Malriel fiel, die in ihre Richtung kam. Malriel, das Oberhaupt von Haus Aren und Triarchin der Westlichen Territorien, war eine Schönheit – sehr zum Leidwesen ihrer Tochter. Nachdem sie erst vor ein paar Jahren in einen Lebensbund mit Eryns Vater eingetreten war, hatte er sie darum gebeten, ihr Äußeres nicht länger dahingehend zu verändern, dass sie jünger aussah. Eryn war überzeugt, dass die Gesetze der Natur nicht vorsahen, dass Menschen mit fortschreitendem Alter noch anziehender wirkten, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie es bei Malriel der Fall war. Zehn zusätzliche Jahre hatten ihrer gefährlichen Ausstrahlung, erotischen Anziehungskraft und naturgegebenen Anmut keinen Abbruch getan. Auf unerklärliche Weise war genau das Gegenteil passiert. Es war, als würden ihr immenses Selbstvertrauen, ihre Anspruchshaltung und ihr respekteinflößender Ruf nun schlussendlich zu ihrem Alter passen. Dass Eryns Gesichtszüge beinahe ein Spiegelbild der ihrer Mutter waren, machte die Sache nicht besser. Überhaupt nicht. Unglücklicherweise trug es lediglich dazu bei, Eryn an ihre enge Verbindung zu erinnern, während es Enric dazu veranlasste, sich seiner Adoptivmutter gegenüber nachsichtiger zu zeigen – und empfänglicher für ihre Wünsche zu sein.
Malriel näherte sich der Terrassentür, während sie einen ungemein widerwilligen Vedric hinter sich herzog. Ihre Finger hatten sich fest um sein zierliches Handgelenk geschlossen. Das Gesicht des Jungen zeigte leichte Anzeichen von Panik, als erwarte er, dass irgendein Verderben unmittelbar über ihn hereinbrechen würde. Seine Großmutter wirkte grimmig und entschlossen. Und aufgebracht.
Falls Ärger ein Gesicht hatte, dann war es womöglich genau dieses. Und das bedeutete, dass die kurze Pause von dieser ermüdenden Zusammenkunft, die sich Eryn durch das Hineinschleichen gestohlen hatte, baldigst ein abruptes und wenig friedliches Ende finden würde.
Malriel blieb unmittelbar vor ihrer Tochter stehen und warf ihr einen steinernen Blick zu. “Warum hat mich mein Enkel gerade als Königin der Dunkelheit bezeichnet – vor meinen Freunden?”
Eryn unterdrückte eine Grimasse. Sie musste wirklich, wirklich vorsichtiger sein mit ihren Bemerkungen, solange Vedric in der Nähe war. Mit fünf Jahren war er alt genug, um Dinge rasch aufzuschnappen. Noch verstand er allerdings nicht so ganz, was er besser für sich behalten sollte, um niemanden zu beleidigen. Oder seiner armen Mutter Ärger einzuhandeln, wie in genau diesem Moment.
Sie sah zu ihrem Sohn hinab, dann wieder zu Malriel und zuckte mit den Schultern.
“Weil er trotz seines jungen Alters ungewöhnlich talentiert darin ist, den Charakter einer Person einzuschätzen?”, wagte sie sich vor. Sie entschied, dass Unverschämtheit diese Situation nicht mehr allzu sehr verschlimmern würde und sie ebenso gut versuchen konnte, sich ein wenig auf Malriels Kosten zu amüsieren.
Malriel presste einen Daumen und Zeigefinger gegen ihre Nasenwurzel und schloss die Augen, als kämpfe sie gegen sich anbahnende Kopfschmerzen. “Ist er das? Dann scheint es also, als wäre ihm das ganz allein eingefallen und meine Annahme, er müsse es von dir gehört haben, sei falsch.”
Eryn seufzte und hockte sich vor Vedric, der den Austausch der beiden Frauen mit einem verunsicherten Stirnrunzeln verfolgt hatte. Als wäre ihm bewusst, dass jemand in Schwierigkeiten steckte, er sich jedoch nicht sicher war, um wen es sich dabei handelte – und als hoffe er inbrünstig, es möge sich nicht herausstellen, dass er es sei.
“Was habe ich dir über diesen Ausdruck gesagt, Vedric?”, fragte sie eindringlich.
Er dachte kurz nach, dann gab er gehorsam wieder: “Ihn nicht in höflicher Gesellschaft zu verwenden.”
Sie nickte, richtete sich wieder auf und sah Malriel mit einer Miene an, die ausdrücken sollte, dass sich die Zunge eines Kindes nicht kontrollieren ließ.
Vedric meldete sich erneut zu Wort, und seine Stimme passte zu der Verwirrung auf seinem Gesicht, als er ungebeten hinzufügte: “Aber du hast zu Vater gesagt, dass Malriel vom verdammten Haus Aren genauso wenig als höfliche Gesellschaft zählt wie ein Rudel tollwütiger Straßenköter.”
Darauf folgte Stille. Von der scharfkantigen Sorte.
Malriels Lippen waren zu einer blassen, ärgerlichen Linie aufeinandergepresst, und es war offensichtlich, dass allein die Anwesenheit des Jungens sie davon abhielt, ihren eindeutig wenig freundlichen Gedanken, die sich ebenfalls nicht für höfliche Gesellschaft eigneten, Luft zu machen.
Zumindest hatte sich der Junge recht genau an ihre Worte erinnert, dachte Eryn mit einer seltsamen Mischung aus Unmut und Stolz. Sogar ihre Erklärung des Begriffs tollwütig war ihm im Gedächtnis geblieben. Das musste man ihm lassen. Nun mussten sie nur noch daran arbeiten, ihm ein feineres Gespür dafür zu vermitteln, welche Bemerkungen man vor welchem Publikum zum Besten geben konnte. Aber in diesem Fall war der Schaden bereits angerichtet.
“Aber Malriels Freunde sind höfliche Gesellschaft”, erklärte sie ihm milde.
Das Oberhaupt von Haus Aren bedachte sie mit einem vernichtenden Blick, bevor sie vor ihrem Enkel in die Hocke ging.
“Vedric, mein Herz, deine Mutter hat nur gescherzt, als sie das sagte. Sie würde sicher nicht wollen, dass du glaubst, dies sei eine angemessene Art und Weise, über die eigene Mutter zu sprechen.” Ihre Augen konzentrierten sich wieder auf ihre Tochter. “Das würde sie kaum zu einem guten Vorbild machen und könnte dich denken lassen, dass du sie ebenfalls eines Tages so behandeln kannst. Nun geh und spiel mit deiner Cousine. Da gibt es noch etwas, das ich mit deiner Mutter besprechen muss.”
Sie wartete, bis Vedric in Richtung Rolan und seiner Tochter davongestürzt war, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Eryn zuwandte.
Ihre braunen Augen glänzten gefährlich, als sie ihre Tochter tadelte: “Das ist nicht akzeptabel! Ich lasse nicht zu, dass du in Gegenwart des Jungen dermaßen abfällig über mich sprichst! Dazu hast du kein Recht. Nur weil du und ich in der Vergangenheit gewisse… Schwierigkeiten hatten, bedeutet das nicht, es stehe dir zu, ihn gegen mich aufzubringen.”
“Ich tue nichts dergleichen”, meinte Eryn achselzuckend, wusste jedoch genau, dass Malriel Recht hatte – ihren Sohn hineinzuziehen war alles andere als reif. “Der Klang von Königin der Dunkelheit gefällt ihm einfach. Es klingt stattlich für ihn. Betrachte es als Kompliment.”
“Ich würde es vorziehen, wären seine Komplimente weniger beleidigend, besonders da jede einzelne Person, die es mitangehört hat, sehr genau weiß, woher ein Ausdruck dieser Art gekommen sein muss”, zischte sie.
Das hob Eryns Laune beträchtlich. “Es waren also viele Leute in der Nähe, die es gehört haben?”
Malriel kniff die Augen zusammen. “Ich sehe schon, dass sich mit dir keine Unterhaltung führen lässt, die einer Erwachsenen würdig ist. Darüber werde ich ein Wörtchen mit deinem Vater reden.”
Die jüngere Frau stöhnte. Valrad würde ihr auf jeden Fall das eine oder andere darüber zu sagen haben, dass sein Enkel Eryns Beleidigungen über seine Gefährtin wiederholte, ganz egal, ob es öffentlich oder in privatem Umfeld geschah.
“Im Ernst? Das mächtige Oberhaupt von Haus Aren läuft zu ihrem Gefährten um Hilfe, wenn sie mit ihrer eigenen Tochter am Ende ihrer Weisheit angelangt ist? Ist das nicht ein wenig erbärmlich?”
Ihre Mutter lächelte dünn. “Ich weiß, was du hier versuchst, aber es wird nicht funktionieren. Es ist keine Schande, wenn ich auf die Hilfe meines Gefährten zurückgreife in einer Angelegenheit, bei der ich allein wenig Aussicht auf Erfolg habe. Ich werde etwas gegen deine Haltung unternehmen, und da ich nicht zu dir durchzudringen vermag, muss ich es an jemanden delegieren, dem du zuhören wirst. Vielleicht weise ich sogar das Oberhaupt deines eigenen Hauses darauf hin, dass es nicht eben dazu beiträgt, die Beziehung zwischen unseren Häusern so harmonisch wie in den letzten Jahren zu erhalten, wenn mich sein Erbe öffentlich beleidigt.”
“Vedric ist gerade einmal fünf Jahre alt!”, stöhnte Eryn. “Du übertreibst das alles maßlos!”
“Auf ihn mag das zutreffen, nicht aber auf dich. Und wir wissen beide, dass Vedric hier nicht das Problem ist”, betonte Malriel. Jetzt, wo sie die Oberhand in dem Gespräch gewonnen hatte, war auch ihre Gelassenheit zurückgekehrt. Sie drehte sich um, damit sie die paar Terrassenstufen hinabsteigen und sich wieder zu ihren Gästen gesellen konnte. Lächelnd warf sie über ihre Schulter zurück: “Geh nicht zu weit weg, Theá, Valrad wird bald mit dir reden wollen.”
Eryn mahlte mit den Zähnen. Verflucht.

* * *

Enric seufzte, als er zur Terrassentür blickte und Valrad von Haus Vel’kim aus dem Raum kommen sah, in dem sich Eryn seines Wissens die letzten zwanzig Minuten versteckt hatte. Ihr Vater wirkte ein klein wenig angespannt um den Mund herum, obwohl er es zu verbergen suchte um nicht zu zeigen, dass etwas nicht in Ordnung war. Bei einem Anlass wie diesem hier schickte sich das nicht. Nicht, dass irgendjemand unter den Gästen mit Frieden und Harmonie rechnete, solange Eryn und Malriel länger als ein paar Minuten auf einmal am gleichen Ort weilten.
Eryn folgte einige Schritte hinter Valrad. Anders als er, hielt sie sich nicht mit irgendwelchen Bemühungen auf, ihre eigene Unzufriedenheit zu verbergen. Ihre Lippen waren zu etwas verzogen, was ein wohlmeinender Beobachter wohl als ein Lächeln bezeichnen mochte, doch ihre Augen waren verengt und ließen keinen Zweifel an dessen Aufrichtigkeit.
Somit schien es also, als hätte Eryn soeben eine Standpauke über sich ergehen lassen müssen. Enric zweifelte nicht daran, dass es etwas mit Malriel zu tun hatte. Valrad hatte sich in den letzten fünf Jahren redlich bemüht, sich nicht in eine Position zwischen seiner neuen Gefährtin und seiner neu entdeckten Tochter drängen zu lassen. Ein Bestreben, das in seinem Fall zum Scheitern verurteilt war. Klug wäre gewesen, sich einfach von ihren Zankereien, Streitereien und spitzen Bemerkungen abzuwenden und sie allein damit fertig werden zu lassen. Doch Enric wusste, dass dies für Valrad ebenso unmöglich war, wie sich für eine Seite zu entscheiden. Er steckte in der Rolle als ewiger Vermittler fest.
Malriel war die Liebe seines Lebens, die er jahrzehntelang aus der Ferne bewundert hatte. Erst vor ein paar Jahren hatte er entdeckt, dass sie seine Gefühle erwiderte – nach ihrer Gefangenschaft in einem fremden Land, wo ihr die Angst um ihr Leben den Mut gegeben hatte, ihm ihre Liebe zu erklären.
Und auf der anderen Seite stand Eryn, bei der er erst ein paar Monate vor seinem Kommitment zu ihrer Mutter entdeckt hatte, dass sie seine leibliche Tochter und nicht seine Nichte war. Eine Tochter, um die er hart kämpfen musste, damit sie schlussendlich ihre Verbitterung darüber überwand, dass er seinen eigenen Bruder auf diese Weise betrogen hatte.
Sein Beruf als Heiler und seine Position als Leiter der Klinik gingen mit einer gewissen Neigung zum Helfen, Lösen von Problemen und zur Verbesserung von Situationen einher. Eine noble, allerdings nach Enrics Dafürhalten selbstzerstörerische Gesinnung, soweit es Malriel und Eryn betraf.
Die beiden Frauen waren an einem Punkt angelangt, wo sie einander nicht mehr offen bekriegen konnten. Die Zuneigung zu Valrad, die sie beide empfanden, und der Wunsch, ihn nicht zu verletzen, machten das unmöglich. Die Tatsache, dass ihnen der gleiche Mann am Herzen lag, hielt sie davon ab, einander an die Kehle zu gehen. Aber auch nicht mehr als das. Die Spannung war im Allgemeinen unter Kontrolle, brach aber gelegentlich hervor und wurde in ihrer Körpersprache oder sarkastischen und zuweilen verletzenden Bemerkungen offenbar.
Es gab so Vieles, das zu vergeben Eryn nicht über sich brachte. Wie Malriels fehlgeschlagenen Versuch, ihr den Tod des Mannes zur Last zu legen, den sie damals als ihren Vater betrachtet hatte. Und auch ihren erfolgreichen Vorstoß, mit dem sie Eryns Verhütungsmaßnahmen mit Hilfe eines höchst wirksamen – und höchst illegalen, sofern ohne Zustimmung der Empfängerin verabreichten – magischen Fruchtbarkeitstranks außer Kraft setzte.
Malriel war im Gegenzug noch immer etwas gekränkt darüber, dass Eryn dem Haus, in das sie geboren worden war, entsagt hatte. Und die Tatsache, dass Eryn sich ganz fabelhaft mit ihrer Großmutter Malhora verstand, mit der Malriel selbst seit Jahrzehnten immer wieder ihre Schwierigkeiten hatte, sorgte für zusätzliche Reibung.
Alles in allem war der Friede in dieser Familie in etwa so stabil wie ein Dach aus Pergament bei einem Gewitter. Enric schien es, als wären es nur die Männer – nämlich Valrad, sein Sohn Vran’el und er selbst – die eine Eskalation verhinderten, wenn schon Friede nicht immer möglich war.
“Was hat sie jetzt wieder angestellt?”, flüsterte Pe’tala, nachdem sie neben Enric getreten war. “Vater bringt sie irgendwohin. Siehst du, wie sein linker Nasenflügel zuckt? Ein sicheres Zeichen dafür, dass er unter diesem wenig überzeugenden Lächeln verärgert ist.”
“Malriel kam einige Minuten zuvor aus dem Haus, also gehe ich davon aus, dass die beiden wieder Streit hatten”, murmelte er zurück.
Pe’talas Gefährte Rolan kam hinzu. “Vedric sagte mir gerade, dass Malriel böse zu sein schien, weil er sie als Königin der Dunkelheit bezeichnet hat.”
Enric unterdrückte ein Stöhnen. “Ich habe Eryn gesagt, sie soll aufpassen, wenn sie das in seiner Anwesenheit sagt. Aber ich schätze, die Konsequenzen zu tragen ist wirksamer als alles, was ich ihr sagen könnte, um sie von dieser Gewohnheit zu kurieren.”
Sie sahen zu, wie Valrad Eryn zu der Gruppe um Malriel führte. Dabei handelte es sich wohl um diejenigen, die Vedrics Worte mitangehört hatten. Es schien, als bestünde Valrad auf gewissen Bestrebungen zur Schadenskontrolle von Eryns Seite.
Eryn lächelte die versammelte Gruppe an, sagte etwas, nickte und lachte dann. Ihre Handgesten deuteten darauf hin, dass sie versuchte, eine plausible Erklärung für den Ausrutscher ihres Sohnes zu liefern. Nach weniger als zwei Minuten entschuldigte sich Eryn und deutete auf Enric, den sie wahrscheinlich als Ausrede für ihr Weggehen benutzte.
“Malriel wirkt zufrieden”, grinste Pe’tala hämisch, sobald ihre Schwester zu ihnen gestoßen war. “Offensichtlich hast du deine Speichelleckerei dort überzeugend betrieben.”
Kurzerhand nahm Eryn Rolan sein Glas aus der Hand, legte den Kopf zurück und leerte es mit einem Schwung, bevor sie meinte: “Das habe ich. Und jetzt fühle ich mich schmutzig. Ich kann euch gar nicht sagen, wie froh ich morgen sein werde, diese Frau für sechs Monate los zu sein.” Sie sah sich um. “Mein Kind sollte mit eurem spielen. Wo sind sie? Es ist kein gutes Zeichen, wenn sie außer Sichtweite sind und es dermaßen ruhig ist.”
Rolan nickte zu den Bäumen in einer abgelegeneren Ecke des Gartens fernab von zerbrechlichen Gegenständen wie Gläsern und Tellern. “Vern spielt dort drüben mit ihnen Verstecken. Er sagte, er wollte uns noch einen letzten ruhigen Abend mit dir gönnen, bevor wir wieder ohne dich auskommen müssen.”
Eryn schnaubte. “Er findet diese Anlässe in etwa so erhebend wie ich selbst. Das war bloß eine Ausrede, um ein paar Minuten lang von diesen Leuten wegzukommen. Und noch dazu eine, die ihn rücksichtsvoll erscheinen lässt, während er tatsächlich egoistisch war.”
Pe’tala zog die Schultern hoch. “Ich weiß. Aber da dies bedeutet, dass ich hier ein paar Minuten lang ungestört mit anderen Erwachsenen stehen kann, bin ich mehr als willens, ihn damit durchkommen zu lassen. Ich könnte mir denken, dass er den ewig gleichen Fragen entgegen will: Freut er sich schon darauf, nach so langer Zeit wieder nach Hause zu kommen? Wird er Takhan sehr vermissen? Wie sehen seine Pläne aus, wenn er erst einmal wieder zurück ist?”
Eryn musste zugeben, dass genau diese Fragen im Laufe der letzten Wochen regelmäßig aufgetaucht waren. Kein Wunder, dass er es müde war, sie zu hören und zu beantworten. Aus mehr als einem Grund, wie sie vermutete. Ihre Versuche, mit ihm über seine Rückkehr zu reden, hatte er mit einem Lächeln abgetan und ihr erklärt, dass alles in Ordnung wäre und er sich auf die Rückkehr nach Anyueel freute. Eryn konnte nicht glauben, dass er ganz so entspannt war, wie er ihr weismachen wollte, doch mit zweiundzwanzig Jahren war er sicherlich alt genug, um selbst zu entscheiden, ob er über etwas reden wollte, das ihn belastete.
“Wie sehen eure Pläne für euren letzten Morgen hier aus?”, fragte Pe’tala.
“Ram’an hat uns in seine Residenz zu einem Frühstück mit ihm und Valcredy eingeladen”, antwortete Eryn mit klar erkennbarem Mangel an Freude. Valcredy war die zweite Person, die sie nur allzu gerne zurückließ. Damals in Anyueel war sie Enrics Geliebte gewesen, bevor Eryn aufgetaucht war, und nun war sie aus keinem anderen Grund mit Ram’an verbunden als in den Genuss des bequemen Lebens und des erhabenen Status zu kommen, den er bieten konnte. Dass Ram’an ihr genau das angeboten hatte im Austausch dafür, dass sie ihm zwei Kinder gebar, die Mitglieder seines Hauses waren und somit in der Lage, ihm nachzufolgen und eines Tages Haus Arbil zu übernehmen, machte für Eryn wenig Unterschied.
Rasch schnappte sie sich ein weiteres Glas Weißwein von einem Tablett, als ein Kellner vorbeikam.
“Es sieht so aus, als würde ich heute Vedric ins Bett bringen müssen”, stellte Enric resigniert fest. “Wenn du weiterhin in diesem Tempo Alkohol zu dir nimmst, stehen die Chancen gut, dass du vor ihm schläfst.”
“Ich bin zivilisiert und gesellig, obwohl die Königin der Dunkelheit anwesend ist”, knurrte Eryn. “Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich das weiterhin durchziehe und dabei auch noch nüchtern bleibe.”
“Auf so einen Gedanken wäre ich niemals gekommen”, lächelte ihr Gefährte und stieß mit seinem Glas gegen ihres. Was auch immer ihr half, Malriel einen letzten Abend lang auszuhalten, ohne dabei auszurasten.

* * *

“Hm?”, meinte Eryn und hob ihren Kopf von der Hand, auf der er gestützt war. Ein Kopf, der heute unglaublich schwer wog und nicht von allein aufrecht bleiben wollte.
“Ich habe gefragt, ob ihr gestern in der Aren Residenz einen netten Abend verbracht habt”, wiederholte Ram’an seine Frage.
Eryns Augen verengten sich, als sie Valcredys kaum wahrnehmbares abfälliges Lächeln über Eryns verkaterten Zustand bemerkte.
“Wunderbar. Reizend wie immer”, erwiderte sie ausdruckslos und griff nach ihrem Saftglas.
Enric beugte sich rasch vor, hob es vom Tisch auf und drückte es ihr in die Hand. Offensichtlich traute er ihrer Koordinationsfähigkeit im Moment nicht so ganz.
Vedric, der sein Frühstück bereits zuvor beendet und die Erlaubnis zum Verlassen des Tisches erhalten hatte, stürmte auf sie zu und warf sich in die Arme seiner Mutter. Dabei entging das Glas nur knapp einem scherbenreichen Schicksal.
“Mutter!”, beschwerte er sich lautstark, “Akalee hat mich gebeißt!”
Eryn zuckte zusammen ob der Lautstärke seiner Mitteilung und korrigierte ihn dann gedankenverloren: “Akalee hat mich gebissen.”
Die braunen Augen des Jungen weiteten sich vor Erstaunen. “Dich auch?”
Seine Mutter runzelte die Stirn, verwirrt von der Wendung des Gesprächs. “Was?”
“Was?”, erwiderte Vedric ebenso perplex.
Enrics Lippen krümmten sich leicht amüsiert. Er wandte sich an seinen Sohn, damit er seine Gefährtin davor bewahren konnte, sich an einer auch nur halbwegs vernünftigen Unterhaltung beteiligen zu müssen. “Nein, sie hat deine Mutter nicht gebissen. Du hast es nur falsch gesagt. Also, warum hat sie dich gebissen?”
Vedrics Blick huschte zu Valcredy und Ram’an, als wäre er unwillig, Details vorzubringen solange die Eltern der Missetäterin lauschten.
“Ich weiß es nicht”, murmelte er schlussendlich zurückhaltend.
Enric war nicht bereit, einfach so aufzugeben. “Was hast du getan oder gesagt, bevor sie dich gebissen hat?”, bohrte er nach.
Nach dem Gesichtsausdruck seines Sohnes zu urteilen, schien er nicht länger geneigt, seine Spielgefährtin zu verpetzen, wo dies nun unerwarteterweise dazu führte, dass er sich damit selbst Ärger einhandelte.
“Äh… nichts”, stammelte Vedric.
“Wirklich?”, fragte Enric mit gerunzelter Stirn nach. “Wenn das die Wahrheit ist, dann hast du gewiss nichts dagegen, das unter einem Lügenfilter zu wiederholen.”
Die entsetzte Miene des Jungen verriet ihn noch bevor er seinen Mund öffnen und seine vorhergehende Aussage ergänzen konnte. “Vielleicht habe ich zu ihr gesagt, dass sie ein hässlicher Stein ist.”
“Hast du das. Dann war es womöglich nicht ganz unverdient, dass sie dich gebissen hat, was meinst du?”, antwortete Enric vernünftig.
Vedric mied den Blick seines Vaters, als er wortlos nickte.
In diesem Moment kam Akalee, ein zierliches Mädchen von vier Jahren mit dem blonden Haar ihrer Mutter, um die Ecke. Sobald sie die Gruppe bemerkte, füllten sich ihre großen Augen mit Tränen, und einen Moment später entwich ihrem weit offenen Mund, der den Blick auf all ihre Zähne und ihr rosa Zahnfleisch gewährte, ein gepeinigtes Heulen.
Eine recht begabte kleine Schauspielerin, ging es Eryn durch den Kopf – trotz der Pein, die das Geräusch verursachte, als es in ihrem Kopf widerhallte. Entweder gab es unter Jungs kein Weinen auf Abruf, oder Vedric hatte aus Gründen männlichen Stolzes entschieden, nicht auf solche Methoden zurückzugreifen. Sein verblüffter Blick ließ sie allerdings eher vermuten, dass er das bislang lediglich noch nicht gemeistert hatte.
Ram’an und Valcredy standen beide gleichzeitig auf, dann sahen sie einander verlegen an, als wären sie unsicher, wer von ihnen nun ihre Tochter trösten sollte.
Lächerlich, dachte Eryn säuerlich. Diese beiden hatten zwei Kinder miteinander gemacht und mussten einander daher nackt gesehen haben. Wie war es also möglich, dass sie sich noch immer benahmen, als wären sie schüchtern miteinander? Wie geschäftsmäßig konnte ein Arrangement bleiben, wenn es erforderte, dass man seit mehreren Jahren unter dem gleichen Dach lebte und gemeinsam Kinder großzog? Nicht, dass es sie irgendetwas anging, gemahnte sie sich verdrossen.
Das war eine alte Diskussion, eine, die sie ein ums andere Mal mit Ram’an vom Zaun brach, nachdem er ihr vor ein paar Jahren mitgeteilt hatte, dass er Valcredy sozusagen eine Stelle als seine Gefährtin und Mutter seiner Kinder angeboten hatte. Die Diskussionen hatten nie irgendwohin geführt und meist in einem Streit geendet. Danach sprachen sie üblicherweise mindestens eine Woche lang kein Wort miteinander. Jedes Mal, wenn das passierte, nahm sich Eryn fest vor, es nie wieder zur Sprache zu bringen. Bislang hatte sie es mehr als ein Jahr lang geschafft, sich an diesen Vorsatz zu halten. Dabei zählte sie selbstverständlich auch die sechs Monate mit, die sie nicht in diesem Land verbrachte. Man musste sich an kleine Siege klammern, wo auch immer sie zu finden waren.
Valcredy war schließlich diejenige, die zu ihrer Tochter ging, das Mädchen hochhob und sie mit zu den Sitzkissen brachte.
“Ich bin kein hässlicher Busch!”, schniefte Akalee.
“Busch habe ich nicht gesagt!”, warf Vedric ein. Ganz eindeutig war er aufgebracht darüber, dass seine Worte ungenau wiedergegeben wurden. “Ich habe gesagt, dass du ein hässlicher Stein bist!”
Daraufhin heulte das Mädchen noch lauter auf, während sie ihre gebräunten Ärmchen um den Hals ihrer Mutter schlang.
Mit einer Hand bedeckte Eryn ihre Augen. Ihr Sohn, der Diplomat.
“Als wäre ein hässlicher Stein irgendwie besser als ein hässlicher Busch”, seufzte sie und ließ dann ihren Kopf zurücksinken. “Keines von beiden ist besonders hässlich. Beide sind für eine Beleidigung ungeeignet. Warum nennst du sie nicht einfach nur hässlich?”, murmelte sie lauter als es ihre Absicht gewesen war.
“Denkst du etwa, das hier sei witzig?” Valcredys Stimme war so tödlich wie ihr Blick.
Eryn schüttelte den Kopf und beobachtete, wie die blonde Sängerin ihr Kind an sich drückte, um ihm Trost zu spenden. “Nein, keineswegs. Die Beleidigung war einfallslos, und die Reaktion darauf ist für meinen Geschmack viel zu laut. Das alles ist mit nichts als Nachteilen verbunden.”
Ram’ans Gefährtin kniff die Augen zusammen. “So gehst du also mit dem rüden Benehmen deines Sohnes um?”
Eryn verdrehte die Augen. “Was soll ich denn deiner Ansicht nach tun? Ich meine, er bekam, was er verdient hat – deine Tochter hat ihn gebissen! Warum lassen wir sie das nicht unter sich ausmachen? Das ist eine wertvolle Gelegenheit für sie, Problemlösungsfähigkeit zu entwickeln.”
“Unfassbar”, murmelte Valcredy und schüttelte den Kopf, während sie weiterhin den Rücken ihrer schluchzenden Tochter streichelte. “Aber was hätte ich auch erwarten sollen von einer Frau, die ganz offensichtlich unter den Nachwirkungen von zu viel Alkohol leidet? Du bist vielleicht ein tolles Vorbild!”
“Nun, wir können uns nicht alle dadurch auszeichnen, dass wir mit unserem hübschen Aussehen und unserer Gebärmutter unseren Lebensunterhalt sichern. Welch ein Glück deine Töchter haben, dass es von dir so vieles zu lernen gibt”, erwiderte Eryn ausdruckslos. Sie war zu müde und verstimmt, um sich mit falschem Lächeln und verschleierten Beleidigungen aufzuhalten. Auch wenn es keinesfalls als höflich erachtet wurde, seine Gastgeberin zu beleidigen, so war sie doch zumindest weder ein Mitglied des Senats in Takhan, noch des Rats der Magier in Anyueel. Somit würde das hier abgesehen von ein wenig Missmut keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen.
Enric und Ram’an tauschten einen eindringlichen Blick, bevor beide wie auf’s Stichwort auf die Beine kamen.
“Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen”, verkündete Enric. “Unser Schiff legt in weniger als drei Stunden ab, und wir müssen sicherstellen, dass auch alles gepackt ist.”
“Keine Minute zu früh”, ätzte Valcredy beinahe unhörbar.
“Wie war das?” bellte Eryn.
Weit aufgerissene, blaue Augen sah sie an. “Nichts.”
Eryn ergriff Enrics Hand und ließ sich von ihm von den Kissen auf dem Boden hochziehen. Mit einem boshaften Blick zu Valcredy trat sie auf Ram’an zu und zog ihn in eine Umarmung. Eine lange und feste Umarmung. Als Enric sich räusperte, küsste sie Ram’an auf beide Wangen und ignorierte die Gastgeberin vollkommen, als sie sich den Toren zuwandte.
Enric küsste Valcredy auf eine Wange, dann ergriff er mit entschuldigender Miene Ram’ans Arm.
Ram’an winkte ab, noch bevor er etwas von sich geben konnte. “Sorge dich nicht, mein Freund. Sie werden einander sechs Monate lang nicht sehen. Dann werden wir es erneut mit einer zivilisierten Zusammenkunft versuchen. Ich wünsche euch eine sichere Heimreise. Sei so gut und schicke mir eine Nachricht, sobald ihr wohlbehalten angekommen seid. So wie immer. Gehab dich wohl, werter Kollege.”
Enric lächelte und nickte, bevor er seinen Sohn hochhob und Eryn den Weg hinab zum nächstgelegenen Ausgang folgte. Unglücklicherweise hatte Eryn nicht gerade die vorteilhafteste Route auserwählt, um sich hocherhobenen Kopfes davonzumachen. Sie mussten das Grundstück umrunden und somit einen beträchtlichen Umweg in Kauf nehmen. Doch wer war er schon, um ihren entschlossenen Abgang zu ruinieren?

* * *

An die Reling des Schiffs gelehnt blickte Enric auf das Meer hinaus. Sonnenuntergänge versetzten ihn stets in einen entspannten, wenn auch nachdenklichen Gemütszustand. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, kam dem Meer gemächlich immer näher.
Ohne den Kopf zu drehen lächelte er, als Eryn neben ihn trat. Das bedeutete, dass Vedric endlich eingeschlafen sein musste, was seinen Eltern ein wenig Zeit allein miteinander ermöglichte.
Eryn und das Meer hatten im Laufe der letzten paar Jahre einen zerbrechlichen Waffenstillstand geschlossen. Die Wellen machten sie nicht länger seekrank, und im Gegenzug sah sie davon ab, ihren Mageninhalt in das Meer zu entleeren und alles Maritime farbenfroh zu verfluchen.
Wortlos schob sie ihren Arm durch seinen und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, während sie zusahen, wie die Sonne den Horizont berührte. Obwohl Schiffe nicht eben ihr liebstes Transportmittel waren, war dies die Tageszeit, wo sie die Vorzüge der Seefahrt nachvollziehen konnte.
Winzige Wellen reflektierten das schwächer werdende Licht der versinkenden Sonne in einer Säule aus tanzenden glitzernden Punkten, die mit Schatten durchsetzt waren. Über ihnen wurde ein Teil des dunkler werdenden Lichts von den Wolkenbändern reflektiert, während ein anderer Teil verschluckt wurde. Es wirkte wie ein besänftigendes Bild für die Welt, um sie schrittweise auf die Dunkelheit vorzubereiten, die sie bald einhüllen würde.
Nahezu geräuschlos glitt das Schiff durch das finstere Gewässer, keineswegs behindert durch den fehlenden Wind, der die Segel aufblähen und ihrem Fortkommen dienen sollte. Magie hatte seinen Platz eingenommen und stellte eine angemessene Vorwärtsbewegung sicher.
Eryn sah zu ihrem Gefährten auf, als sie seinen leichten Stoß in ihre Seite spürte. Er nickte mit dem Kinn in Richtung des Schiffsbugs, wo Vern einige Schritte von ihnen entfernt mit verschränkten Armen und grüblerischer Miene stand.
Sie nickte kurz und richtete sich auf, bevor sie auf den jungen Mann zuging.
“Es ist wunderschön, nicht wahr?”, bemerkte er, ohne seinen Blick von der untergehenden Sonne abzuwenden. “Ich habe gerade daran gedacht, als ich das Meer vor sechs Jahren zum ersten Mal überquerte.”
Eryn lächelte. Sie erinnerte sich ebenfalls daran. Er war ein Junge von sechzehn Jahren gewesen, aufgeregt ob des Abenteuers, bei dem er es geschafft hatte, sich anzuschließen. Damals hätte sich niemand auch nur entfernt vorstellen können, dass bis zu seiner Rückkehr nach Anyueel sechs Jahre vergehen würden. Sechs Jahre – im Zuge derer er sich gemäß den Standards der Westlichen Territorien zum Heiler hatte ausbilden lassen, sämtliche ihm offenstehende künstlerischen Richtungen erkundet und sich einen beachtlichen Ruf als Frauenheld erworben hatte.
Es war seltsam, ihm beim Erwachsenwerden zuzusehen. Da sie alle sechs Monate den Ort gewechselt hatten, war sie jedes Mal überrascht, wenn sie nach Takhan zurückgekehrt war und gesehen hatte, wie sehr Vern sich sowohl in seinem körperlichen Erscheinungsbild als auch seiner geistigen Reife verändert hatte. Er war gewachsen und nun sogar ein wenig größer als sein Vater. Aber das war so ziemlich die einzige Ähnlichkeit zwischen ihnen. Der Krieger hatte den muskulösen, sehnigen Körper eines Kämpfers. Vern, wenn auch weit entfernt von dürr, war eindeutig nicht von der athletischen Sorte. Er hatte lange, schlanke, sensible Finger, die sich sowohl auf das Heilen als auch das Schaffen meisterhafter Kunst verstanden. Sein blondes, leicht gewelltes Haar reichte ihm bis auf die Schultern und folgte damit dem Stil, den Künstler in Takhan bevorzugten.
Seine Augen blickten nicht mehr ganz so ernst wie früher. Die Gesellschaft in Takhan hatte ihn mit offenen Armen willkommen geheißen, ihn als Ausnahmetalent gefeiert, während er Zuhause in Anyueel ein Außenseiter war, ein seltsamer Junge mit ungewöhnlichen Interessen und Talenten, mit denen kaum jemand wirklich etwas anzufangen wusste.
Mit der Entscheidung, Valrads Angebot zur Verlängerung seines Aufenthalts in Takhan anzunehmen, hatte er sein Leben in Anyueel zurückgelassen, ohne auch nur eine Sekunde lang zu zögern.
Außer seiner Familie hatte es dort kaum etwas gegeben, um ihn zurückzuhalten. Dafür waren die Chancen und Gelegenheiten, die Takhan bot, einfach zu verführerisch.
Orrin hatte seinen Sohn zweimal jedes Jahr für ein paar Wochen besucht und jedes Mal seine Gefährtin Junar und seine Tochter Téa mitgebracht. Er hatte es so eingerichtet, dass er sich Eryn und Enric anschließen konnte, wenn sie Anyueel verließen und ein zweites Mal kurz vor ihrer Rückkehr aus Takhan hinreiste. Dieses Mal allerdings würde er stattdessen auf dem Landungssteg warten, um seinen Sohn zuhause willkommen zu heißen.
Eryn überlegte, ob der Krieger in den letzten Tagen oder sogar Wochen vor der sehnsüchtig erwarteten Rückkehr seines Sohnes wohl empfindlich und launisch gewesen war. Und wie Verns Wohnsituation aussehen mochte. Würde er wieder bei seinem Vater einziehen oder sich ein eigenes Quartier nehmen? Mit dem Geld, das er mit dem Verkauf seiner Gemälde in Takhan verdient hatte sowie mit dem Lohn, den er bei Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Heiler in Anyueel erhalten würde, konnte er sich auf jeden Fall eine eigene Unterkunft leisten.
“Wie kommst du dieser Tage mit Loft zurecht?”, fragte Vern nach ein paar Minuten des Schweigens in ihre Gedanken hinein.
Eryns Wangen blähten sich mit der Luft ihres Atemzugs, als sie an den administrativen Leiter der Klinik in Anyueel dachte. Loft. Vor einiger Zeit war er Berater des Königs gewesen, einer von zweien. König Folrin hatte sich entschlossen, eine andere Position für ihn zu finden, nachdem der Mann sich als weniger anpassungsfähig gegenüber Veränderungen erwiesen hatte als für seine Position ratsam war. Pe’tala hatte Rolan, den ersten administrativen Leiter, nach Takhan entführt, als sie selbst abreisen und in ihre Heimat zurückkehren musste. Daraufhin hatte der König nach einer Konsultation mit Rolan und Lord Poron, dem Oberhaupt der Klinik, seinen früheren Berater zum Nachfolger bestimmt.
Eryns eigene Geschichte mit Loft sprach nicht eben von großer Freundschaft. Er störte sich an Eryn seit dem Tag, an dem sie als Gefangene des Königs in die Stadt gebracht worden war. Er hatte sogar vorgeschlagen, der König möge sie benutzen, damit sie seine Kinder austrug und damit zu der verbotenen Praktik zurückkehren, magisch begabte Thronerben zu zeugen. Seine Übernahme von Rolans Position war keine erfreuliche Enthüllung für sie gewesen. Doch mit Lord Poron als Oberhaupt der Heiler hatte sie als einfache Heilerin kaum etwas mit dem administrativen Leiter zu tun.
“Ich gehe ihm aus dem Weg, und ich denke, dass er sich mir gegenüber der gleichen Taktik bedient”, meinte sie schulterzuckend. “Wenn ich denke, dass etwas zur Sprache gebracht werden sollte, dann gehe ich damit zu Lord Poron und überlasse es ihm, sich mit Loft abzugeben.”
“Soweit ich letztes Mal von Vater gehört habe, leistet er gute Arbeit.”
“Das stimmt wohl”, räumte sie widerwillig ein. “Aber er muss auch nur zusehen, dass er das am Laufen hält, was Rolan eingeführt hat.” Sie wusste, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Die Klinik wuchs immer weiter und war einem ständigen Wandel unterzogen, also wäre es kaum ausreichend gewesen, nur aufrecht zu erhalten, was ein paar Jahre zuvor festgelegt worden war. Doch bei dem Gedanken daran, irgendetwas auch nur entfernt Positives über diesen Mann zu sagen, anerkennen zu müssen, dass er tatsächlich nützlich oder fähig war, zog sich alles in ihr zusammen.
“Weißt du schon, wo du wohnen wirst? Wenn du möchtest, kannst du eine Weile in unserem Gästezimmer unterkommen, bis du dich für einen Ort entschieden hast”, meinte sie, um das Thema zu wechseln.
Er schüttelte den Kopf. “Das ist ein wirklich freundliches Angebot, aber Vater hat mir bereits eine Unterkunft besorgt. Dort kann ich sofort einziehen.” Ein Lächeln umspielte seine Lippen. “Vollkommen allein zu leben wird eine ganz neue Erfahrung für mich werden. Nun, zumindest so allein wie es geht, wenn jemand anderer das Kochen und Putzen für mich übernimmt. Nachdem dein Vater bei Malriel einzog und ich bei Vran’el blieb, nahm dein Bruder Valrads Versprechen meinem Vater gegenüber wirklich ernst, sogar nachdem ich volljährig war.”
“Typisch Juristen. Sie vermeiden es aus Prinzip, bindende Versprechen zu brechen. Vorwiegend, weil sie zu träge sind, um sich mit den Konsequenzen zu plagen, wie ich vermute”, scherzte sie.
Vern lächelte und blickte auf das Meer hinaus. Die Sonne war nun vollkommen verschwunden. Nur ein Hauch eines rötlichen Glühens, das in ein paar Minuten verblasst sein würde, war verblieben.
“Ich freue mich schon darauf, wieder nach Hause zu kommen. Der verlorene Sohn kehrt zurück, bereit, die ganze Weisheit zu teilen, die er aus der Ferne mitbringt”, verkündete er hochfliegend.
“Oh Mann”, seufzte sie und schüttelte den Kopf. “Was für ein Blödsinn.”

 

»Ende der Leseprobe«

Ein Kommentar:

  1. Wann kommt dass Tolle Buch nach amazon

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