Archiv Januar 2018

„Königliche Schwierigkeiten“ – Der Orden: Buch 6

Kapitel 1

Heimkehr

Enric und sein Sohn hoben beide den Blick von dem Brettspiel zwischen ihnen und blickten zu den beiden Frauen hin, die einander auf dem Rasen in recht brutaler Weise mit dem Schwert attackierten. Pe’talas triumphierender Ausruf, der nun anstatt des Hintergrundgeräuschs von klirrendem Stahl ertönt war, hatte sie zum Aufblicken veranlasst.

“Was ist eine selige Schuldigung für eine Kämpferin?”, fragte der fünfjährige Junge neugierig, indem er wiederholte, was seine Tante seiner Ansicht nach soeben mit schadenfroher Boshaftigkeit von sich gegeben hatte. Seiner Mutter und seiner Tante beim Schwertkampf zuzusehen war stets eine unversiegbare Quelle spaßiger neuer Ausdrücke. Aus irgendeinem Grund jedoch schien sein Vater in der Regel nicht besonders erfreut, wenn er Fragen zu deren Bedeutung beantworten musste. Zuweilen schlug er sogar vor, sie sollten hineingehen und ihr Spiel im Hauptraum fortsetzen, doch Vedric schüttelte jedes Mal heftig den Kopf, unwillig, das unterhaltsame Spektakel aufzugeben.

“Eine armselige Entschuldigung für eine Kämpferin”, korrigierte ihn Enric geistesabwesend, während er beobachtete, wie sich Eryn hinter einen Baum duckte, nachdem sie ihr Schwert verloren hatte. “Es bedeutet, dass deine Tante denkt, deine Mutter könne mit ihrem Schwert nicht besonders gut umgehen.”

“Ich finde, sie kann das sehr gut”, äußerte Vedric loyal, wenngleich sein Gesichtsausdruck deutlich zeigte, dass er es nicht eben als heldenhaften Zug betrachtete, dass sich seine Mutter hinter einem Baum verschanzte.

“Komm hinter diesem wehrlosen Baum hervor und ergib dich, du jämmerlicher Feigling!”, rief Pe’tala und schwang ihr Schwert als wäre sie drauf und dran, den erwähnten hilflosen Baum mit einem einzigen Hieb zu fällen.

“Jämmerlicher Feigling”, kicherte Vedric und bedeckte seinen Mund mit beiden Händen. Seine braunen Augen funkelten vor Vergnügen darüber, dass er all diese unfreundlichen Worte mitanhören konnte, mit denen er in Gegenwart von Erwachsenen nicht um sich werfen durfte.

Enric seufzte in dem Bewusstsein, dass die Aufmerksamkeit seines Sohnes in nächster Zeit wohl kaum zum Spiel zurückkehren würde. Einerseits störte es ihn keineswegs, dass der Junge den beiden Frauen beim Kampf zusah. Das würde ihm ein grundlegendes Verständnis von einer Disziplin vermitteln, die er selbst in etwa einem halben Jahr zu trainieren beginnen würde müssen. Andererseits entsprachen Eryns und Pe’talas Vorstellungen von Schwertkampf nicht gerade dem, was der Orden als… angemessen empfand. Fluchen und Beschimpfungen waren ein Teil davon, und zudem auch noch ein recht unübliches Ausmaß an Kreativität. Diese beiden Frauen legten eine unverfrorene Missachtung dessen an den Tag, was gemeinhin als ehrenhaftes Verhalten im Kampf erachtet wurde. Sollte Vedric diesem Beispiel folgen, würde er die Geduld seines zukünftigen Kampftrainers zuhause in Anyueel auf eine harte Probe stellen.

Der Junge und der Mann sahen von der Terrasse aus zu, wie Eryn ein paarmal tief durchatmete. Dann errichtete sie einen Schild, schoss einige magische Blitze auf ihre Schwester ab und stürmte dorthin, wo ihr Schwert im Gras lag. Pe’tala schützte sich hastig mit einem Schild vor den Geschossen und fluchte, als Eryn die Waffe erreichte und ihr so ein einfacher Sieg verwehrt wurde.

Enric räusperte sich, dann erhob er die Stimme: “Darf ich euch nochmals daran erinnern, dass ein Kind anwesend ist?”

Pe’tala lächelte entschuldigend in seine Richtung und näherte sich erneut ihrer älteren Schwester.

Vedric beobachtete einige Sekunden lang den raschen Austausch an Hieben. Als sich allerdings nichts Interessantes ankündigte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Vater.

“Warum müssen wir von hier weggehen? Ich will hierbleiben. Können wir nicht hierbleiben?”

Enric unterdrückte ein resigniertes Seufzen. Genau diese Diskussion hatten sie bereits mindestens zehn Mal in ebenso vielen Tagen geführt. Und vor sechs Monaten war es genau gleich verlaufen, als sie kurz davor waren, Anyueel zu verlassen und nach Takhan zu gehen. Es war nicht so, als wäre der Junge unwillig, nach Takhan oder Anyueel zu gehen, er sträubte sich lediglich dagegen, von dort fortzugehen, wo er sich gerade aufhielt.

“Ich verstehe, weshalb du gerne länger bleiben möchtest. Aber ich fürchte, es liegt nicht in meiner Macht, dir diesen Wunsch zu erfüllen. Deine Mutter und ich würden uns beträchtlichen Ärger mit Lord Tyront und dem König einhandeln, würden wir uns einfach weigern zurückzukehren.” Er zerzauste das braune Haar seines Sohnes, das nach einem halben Jahr unter der Sonne der Westlichen Territorien heller als üblich war. “Es gibt auch etwas Gutes dabei. Du wirst Plia und deine Großmutter Gerit wiedersehen.”

Während er seiner Tante dabei zusah, wie sie gewandt einem Angriff auswich, nickte er langsam, als würde er abwägen, ob sie sechs Monate lang nicht zu sehen ein adäquater Preis für den Vorteil war, Plia und seine Großmutter wiederzuhaben.

“Verdammt!”, hörten sie Pe’tala fluchen und blickten einmal mehr zum Gras. Dort lag sie auf dem Boden, während Eryn ihrer Schwester mit einem selbstgefälligen Grinsen die Spitze ihrer Klinge an den Hals hielt.

Vedric sprang auf und klatschte aufgeregt in die Hände. Ein zufälliger Beobachter hätte dieses offensichtliche Vergnügen über den Sieg seiner Mutter womöglich reizend gefunden, doch die Reaktion war genau die gleiche, wenn seine Tante siegreich aus einem Kampf hervorging.

“Was war Pe’talas großer Fehler? Warum konnte deine Mutter gewinnen?”, fragte Enric seinen Sohn. Er konnte diese Gelegenheit ebenso gut nutzen, um Vedric etwas beizubringen, dass sich eines Tages zweifellos als nützlich erweisen würde.

Eine Weile starrte ihn der Junge an, dann sah er zu dem Baum, hinter dem sich Eryn versteckt hatte. Nach etwa einer halben Minute zuckte er mit den Achseln.

“Pe’tala hat deiner Mutter die Waffe weggenommen. Doch anstatt sicherzugehen, dass deine Mutter sie nicht mehr erreichen kann, hat sie sie auf dem Boden liegengelassen.”

Vedric schien das für keine besonders interessante Enthüllung zu halten und sah zu, wie sich die beiden Frauen der Sitzinsel auf der Terrasse näherten. Eryn löste den Schild auf, den sie errichtet hatten, um die Terrasse von ihrem vorübergehenden Kampfschauplatz abzutrennen und so den Jungen vor Schaden zu bewahren.

Pe’tala ließ sich auf ein Kissen neben ihrem Neffen sinken und nickte zu dem Spiel hin. “Wer hat gewonnen?”

“Niemand”, erwiderte Enric. “Irgendwie haben ihn eure Beleidigungen zu stark abgelenkt, als dass er sich auf das Spiel hätte konzentrieren können.”

Sie winkte ab. “Die waren harmlos. Du solltest mich hören, wenn niemand in Hörweite ist.”

“Weißt du, warum du verloren hast?”, schulmeisterte Vedric sie in überlegener Manier.

Seine Tante schnaubte. “Hör sich das einer an! Ganz wie dein Vater. Er genießt es ebenfalls, die Leute in den zweifelhaften Genuss seiner Weisheiten kommen zu lassen. Dann sag schon; weshalb habe ich verloren?”

“Weil Mutter ihr Schwert zurückbekam! Das war deine Schuld”, teilte er seine geborgte Weisheit.

Mit einem leicht gereizten Lächeln lehnte sich Pe’tala vor. “Wirklich. Nun, da du solch ein kluger junger Mann bist, kannst du mir sicher sagen, wie ich es besser hätte machen können?”

Von einem Augenblick zum nächsten geriet Vedrics Selbstbewusstsein ins Wanken. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Er hatte einfach nur etwas Kluges und Erwachsenes sagen wollen, um einen Moment lang zu glänzen, nichts weiter.

Enric lächelte nachsichtig über den leicht flehenden Blick seines Sohnes. “Das passiert, wenn du die Meinung anderer Leute als deine eigene präsentierst. Lass dir das eine Lehre sein.”

Der Junge war eindeutig nicht besonders angetan davon, wie sich das Gespräch entwickelt hatte und entschied, seine Aufmerksamkeit der einzigen Erwachsenen zuteilwerden zu lassen, die noch nicht bei ihm in Ungnade gefallen war: seiner Mutter.

Wortlos stand er von seinem Platz zwischen seinem Vater und seiner Tante auf und legte demonstrativ die paar Schritte zu Eryn zurück, um sich neben sie zu setzen.

“Ich bin froh, dass du gewonnen hast”, murmelte er mit einem Seitenblick auf seine Tante.

“Das bin ich ebenfalls”, stimmte Eryn zu und verbarg ein Lächeln. Nun schien es, als wäre sie allein die glückliche Empfängerin all seiner Aufmerksamkeit. Nun, sie würde das Beste daraus machen. “Und weißt du was? Sie hätte mich dieses Schwert wirklich nicht mehr aufheben lassen dürfen. Ich meine, ich stand ohne Waffe hinter einem Baum versteckt! Sie hätte sich zwischen mich und das Schwert stellen sollen, damit ich es nicht erreichen kann.”

Vedric nickte nachdrücklich. “Ja!”

Pe’tala verdrehte die Augen. “Oh bitte, Schwester! Es ist einfach nur erbärmlich, wie sehr es dich nach Zuwendung dürstet. Schlicht und ergreifend beschämend.” Sie sah sich um. “Wo ist übrigens meine Brut? Sie schläft doch wohl nicht noch immer?”

Enric schüttelte den Kopf. “Nein, sie ist vor etwa einer Stunde aufgewacht. Rolan hat sie zu einem Besuch bei deinem Vater mitgenommen.”

“Und ihr beiden wolltet lieber hierbleiben und uns beim Kämpfen zusehen”, erkundigte sich Pe’tala, “anstatt sie zu begleiten?”

“Wir entschieden uns dafür, ein paar friedliche Stunden hier zu verbringen, da wir Takhan in zwei Tagen verlassen. Und Valrad sehen wir morgen ohnehin bei der kleinen Zusammenkunft, die Malriel zu unserem Abschied arrangiert hat.” Er lächelte, als Eryn stöhnte – ihre übliche Reaktion, wenn solche Anlässe auch nur erwähnt wurden.

“Solltest du nicht auf dem Weg zu deinem Examen sein?”, fragte Eryn missmutig. Als würde ihn wegzuschicken sie auch gleichzeitig von der unangenehmen Aussicht befreien, dass sie nicht nur eine gesellige Veranstaltung besuchen musste, sondern auch noch eine, die von ihrer Mutter ausgerichtet wurde.

Enric nickte. “Ich werde etwa in einer halben Stunde aufbrechen und sollte mich jetzt fertigmachen. Wünscht mir Glück.”

Pe’tala grinste. “Warst du nicht derjenige, der mir einmal erklärte, Glück bräuchten nur diejenigen, die nicht vorbereitet sind? Dass fleißige Leute, die vernünftig genug sind, um sich ausreichend vorzubereiten, solch ein abstraktes Konzept nicht benötigen, dass es eine Frage von Ursache und Wirkung sei?”

Er seufzte und stand auf. “Natürlich kann ich mich darauf verlassen, dass du mir meine Worte in solch einem Moment vorhältst.”

Sie lehnte sich vor. “Sag mir nicht, du bist nervös, Ordenslord? Solch ein mickriges kleines Examen wird dich doch wohl kaum aus der Ruhe bringen?”

“Das ist kein mickriges, kleines Examen, wie du es nennst”, konterte er, gereizt darüber, dass ihre Worte nicht ganz ungerechtfertigt waren. Er war tatsächlich ein wenig nervös und schätzte es weder, dass es ihr aufgefallen war, noch dass sie sich über ihn lustig machte. “Nachdem ich es bestehe, werde ich in diesem Land als vollwertiger Rechtsgelehrter anerkannt sein”, erwiderte er würdevoll.

“Und welch ein lebensverändernder Umstand das sein wird”, meinte Pe’tala mit einem abfälligen Grinsen. “Es ist nicht so, als hättest du nicht ohnehin Zugriff auf erstklassige juristische Betreuung gehabt, wenn man bedenkt, dass der Bruder deiner Gefährtin und dein enger Freund Ram’an beide Rechtsgelehrte sind.”

Eryn hob ihre Hand und umschloss damit seine Finger. “Hör nicht auf sie. Alles wird gutgehen. Daran hast du die letzten vier Jahre gearbeitet. Geh und beeindrucke sie!”

“Toller Zeitpunkt übrigens”, fuhr Pe’tala fort ihn zu reizen. “Du legst dein großes Abschlussexamen ab, wenn du gerade drauf und dran, bist das Land zu verlassen, in dem du damit etwas anfangen könntest.”

“Halt die Klappe, Tala”, knurrte ihre ältere Schwester.

“Halt die Klappe, Tala”, krähte Vedric glücklich, was ihm einen kühlen Blick seitens seiner Tante einbrachte.

“Sie kann das sagen, du nicht”, tadelte sie ihn.

Bedrückt ließ sich der Junge in die Kissen zurücksinken und sinnierte darüber, wie ungerecht Erwachsene im Allgemeinen waren. Wenn es schlecht war, dann sollte niemandem erlaubt sein, es zu sagen. Wenn es nicht schlecht war, warum durfte er es dann nicht sagen? Er hegte den Verdacht, dass sie sich diese Regeln einfach im Vorbeigehen ausdachten. Wenn er eines Tages erwachsen war und somit selbst Regeln erfinden durfte wie es ihm passte, würde er niemals ungerecht zu Kindern sein, schwor er sich. Er würde wie Vern sein. Vern war alt aber nett.

“Mach mich stolz, Geliebter”, lächelte Eryn zu ihrem Gefährten empor. “Mach die Welt zu einem besseren Ort, indem du ihr etwas gibst, dass sie so dringend braucht: noch einen Juristen.”

Enric knirschte mit den Zähnen und zog seine Hand aus ihrer. “Danke für eure Unterstützung, ihr beiden.”

Pe’tala kicherte, als er sich umdrehte und durch die Terrassentür nach drinnen verschwand.

Eryn drückte sich von ihrem Kissen hoch.

“Du gehst ihm nach und hältst seine Hand, um seine Nerven zu beruhigen, so wie eine unterstützende, hingebungsvolle Gefährtin, Schwester?”

“Selbstverständlich, du Dummkopf”, erwiderte Eryn und folgte ihm hinein.

Vedric biss sich auf die Lippe. Sein erster Impuls wäre gewesen, den unschmeichelhaften Ausdruck zu wiederholen, einfach aus Freude darüber, dass er ihn gehört hatte.

“Wage es nicht”, warnte seine Tante ihn mit zusammengekniffenen Augen, als könnte sie seine Gedanken lesen. “Ich würde nicht besser darauf reagieren, wenn du mich einen Dummkopf nennst als wenn du mir sagst, ich solle die Klappe halten.”

Der Junge verschränkte die Arme und blitzte sie an. “Jetzt gerade mag ich dich nicht.”

Pe’tala nickte in offenkundigem Verständnis für seine Gefühle. “Das ist schon in Ordnung. Das geht vorbei.”

* * *

Während sie sich im Aren Hauptraum mehr oder weniger vor Malriels Gästen und insbesondere vor Malriel selbst versteckte, ließ Eryn ihren Blick über die ausgedehnten Gärten wandern und hielt sich an ihrem Glas süßen Weißweins fest. Wieder eine dieser mühsamen Veranstaltungen, auf deren Abhaltung das Oberhaupt von Haus Aren in regelmäßigen Abständen bestand. Um die soziale Struktur aufrechtzuhalten, wurde Malriel nicht müde ihrer Tochter immer wieder zu erklären. Und natürlich war die bevorstehende Abreise von Eryn, Enric und ihrem Sohn nach ihrem jüngsten sechsmonatigen Aufenthalt in Takhan ein fabelhafter Vorwand für diese Zusammenkunft hier.

Seit fünf Jahren waren sie nun schon gezwungen, ihr Leben zu gleichen Teilen zwischen den Städten Anyueel und Takhan aufzuteilen. Wenngleich in Enrics Fall nicht ganz so viel Zwang erforderlich gewesen war, wie er freimütig zugab. Er war zufrieden mit diesem Arrangement, das es ihm gestattete, in beiden Ländern seinen Geschäften nachzugehen und gleichzeitig alle paar Monate ein wenig Freiheit vom Orden zu genießen. Und nun hatte er, erst am Vortag, seine Ausbildung zum Juristen abgeschlossen, indem er seine Abschlussprüfung mit hohen Ehren bestand.

Nicht, dass sie etwas anderes von ihm erwartet hatte. Der Orden – oder eher sein Vorgesetzter, Freund und Mentor Tyront – hatte alles getan, um Enric von einem faulen, jungen Tunichtgut in einen Mann zu verwandeln, der stets sein Möglichstes gab. Eine Einstellung, die Eryn nicht teilte. Erfolgen gegenüber hatte sie eine ökonomischere Einstellung. Die Aussicht auf eine gute Note konnte sie kaum dazu bewegen, mehr Aufwand zu betreiben, als die Sache ihrer Ansicht nach rechtfertigte.

Und dann war da Vedric, der nie etwas anderes als das Herumreisen zwischen seinen beiden Heimatorten kennengelernt hatte. Eryn hoffte, dass dies nicht eines Tages zu einem Problem werden würde. Was wäre wenn dieses ständige Entwurzeln jegliches Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Heimat zerstörte, das er sonst entwickelt hätte? Oder wenn ein rastloser Mann aus ihm würde, für den der bloße Gedanke daran, sich eines Tages mit einer Familie an einem Ort niederzulassen, eine Folter war und ihn dazu verdammte, für den Rest seines Lebens die Länder zu durchwandern?

Das waren genau die düsteren Gedanken, die von ihr Besitz ergriffen, wenn sie eine weitere gesellige Veranstaltung ertragen und dabei vorgeben musste, sie verstünde sich ganz fabelhaft mit ihrer Mutter, obwohl jede einzelne anwesende Person – ebenso wie eine Menge abwesender Personen – wusste, dass dem keineswegs so war. Wahrscheinlich warteten sie lediglich auf eine weitere dieser angespannten Auseinandersetzungen oder kurzen Ausbrüche zwischen Mutter und Tochter, die ihre Umgebung so ungemein unterhaltsam fand. Das würde den Klatschbasen Material für mindestens eine Woche liefern. Das war die eine Sache, die beide Seiten des Meeres gemeinsam hatten, ganz egal, welche Unterschiede sie trennten – diese Vorliebe für das Wetzen ihrer Zungen.

Misstrauisch stieß Eryn den Atem aus, als ihr Blick auf Malriel fiel, die in ihre Richtung kam. Malriel, das Oberhaupt von Haus Aren und Triarchin der Westlichen Territorien, war eine Schönheit – sehr zum Leidwesen ihrer Tochter. Nachdem sie erst vor ein paar Jahren in einen Lebensbund mit Eryns Vater eingetreten war, hatte er sie darum gebeten, ihr Äußeres nicht länger dahingehend zu verändern, dass sie jünger aussah. Eryn war überzeugt, dass die Gesetze der Natur nicht vorsahen, dass Menschen mit fortschreitendem Alter noch anziehender wirkten, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie es bei Malriel der Fall war. Zehn zusätzliche Jahre hatten ihrer gefährlichen Ausstrahlung, erotischen Anziehungskraft und naturgegebenen Anmut keinen Abbruch getan. Auf unerklärliche Weise war genau das Gegenteil passiert. Es war, als würden ihr immenses Selbstvertrauen, ihre Anspruchshaltung und ihr respekteinflößender Ruf nun schlussendlich zu ihrem Alter passen. Dass Eryns Gesichtszüge beinahe ein Spiegelbild der ihrer Mutter waren, machte die Sache nicht besser. Überhaupt nicht. Unglücklicherweise trug es lediglich dazu bei, Eryn an ihre enge Verbindung zu erinnern, während es Enric dazu veranlasste, sich seiner Adoptivmutter gegenüber nachsichtiger zu zeigen – und empfänglicher für ihre Wünsche zu sein.

Malriel näherte sich der Terrassentür, während sie einen ungemein widerwilligen Vedric hinter sich herzog. Ihre Finger hatten sich fest um sein zierliches Handgelenk geschlossen. Das Gesicht des Jungen zeigte leichte Anzeichen von Panik, als erwarte er, dass irgendein Verderben unmittelbar über ihn hereinbrechen würde. Seine Großmutter wirkte grimmig und entschlossen. Und aufgebracht.

Falls Ärger ein Gesicht hatte, dann war es womöglich genau dieses. Und das bedeutete, dass die kurze Pause von dieser ermüdenden Zusammenkunft, die sich Eryn durch das Hineinschleichen gestohlen hatte, baldigst ein abruptes und wenig friedliches Ende finden würde.

Malriel blieb unmittelbar vor ihrer Tochter stehen und warf ihr einen steinernen Blick zu. “Warum hat mich mein Enkel gerade als Königin der Dunkelheit bezeichnet – vor meinen Freunden?”

Eryn unterdrückte eine Grimasse. Sie musste wirklich, wirklich vorsichtiger sein mit ihren Bemerkungen, solange Vedric in der Nähe war. Mit fünf Jahren war er alt genug, um Dinge rasch aufzuschnappen. Noch verstand er allerdings nicht so ganz, was er besser für sich behalten sollte, um niemanden zu beleidigen. Oder seiner armen Mutter Ärger einzuhandeln, wie in genau diesem Moment.

Sie sah zu ihrem Sohn hinab, dann wieder zu Malriel und zuckte mit den Schultern.

“Weil er trotz seines jungen Alters ungewöhnlich talentiert darin ist, den Charakter einer Person einzuschätzen?”, wagte sie sich vor. Sie entschied, dass Unverschämtheit diese Situation nicht mehr allzu sehr verschlimmern würde und sie ebenso gut versuchen konnte, sich ein wenig auf Malriels Kosten zu amüsieren.

Malriel presste einen Daumen und Zeigefinger gegen ihre Nasenwurzel und schloss die Augen, als kämpfe sie gegen sich anbahnende Kopfschmerzen. “Ist er das? Dann scheint es also, als wäre ihm das ganz allein eingefallen und meine Annahme, er müsse es von dir gehört haben, sei falsch.”

Eryn seufzte und hockte sich vor Vedric, der den Austausch der beiden Frauen mit einem verunsicherten Stirnrunzeln verfolgt hatte. Als wäre ihm bewusst, dass jemand in Schwierigkeiten steckte, er sich jedoch nicht sicher war, um wen es sich dabei handelte – und als hoffe er inbrünstig, es möge sich nicht herausstellen, dass er es sei.

“Was habe ich dir über diesen Ausdruck gesagt, Vedric?”, fragte sie eindringlich.

Er dachte kurz nach, dann gab er gehorsam wieder: “Ihn nicht in höflicher Gesellschaft zu verwenden.”

Sie nickte, richtete sich wieder auf und sah Malriel mit einer Miene an, die ausdrücken sollte, dass sich die Zunge eines Kindes nicht kontrollieren ließ.

Vedric meldete sich erneut zu Wort, und seine Stimme passte zu der Verwirrung auf seinem Gesicht, als er ungebeten hinzufügte: “Aber du hast zu Vater gesagt, dass Malriel vom verdammten Haus Aren genauso wenig als höfliche Gesellschaft zählt wie ein Rudel tollwütiger Straßenköter.”

Darauf folgte Stille. Von der scharfkantigen Sorte.

Malriels Lippen waren zu einer blassen, ärgerlichen Linie aufeinandergepresst, und es war offensichtlich, dass allein die Anwesenheit des Jungens sie davon abhielt, ihren eindeutig wenig freundlichen Gedanken, die sich ebenfalls nicht für höfliche Gesellschaft eigneten, Luft zu machen.

Zumindest hatte sich der Junge recht genau an ihre Worte erinnert, dachte Eryn mit einer seltsamen Mischung aus Unmut und Stolz. Sogar ihre Erklärung des Begriffs tollwütig war ihm im Gedächtnis geblieben. Das musste man ihm lassen. Nun mussten sie nur noch daran arbeiten, ihm ein feineres Gespür dafür zu vermitteln, welche Bemerkungen man vor welchem Publikum zum Besten geben konnte. Aber in diesem Fall war der Schaden bereits angerichtet.

“Aber Malriels Freunde sind höfliche Gesellschaft”, erklärte sie ihm milde.

Das Oberhaupt von Haus Aren bedachte sie mit einem vernichtenden Blick, bevor sie vor ihrem Enkel in die Hocke ging.

“Vedric, mein Herz, deine Mutter hat nur gescherzt, als sie das sagte. Sie würde sicher nicht wollen, dass du glaubst, dies sei eine angemessene Art und Weise, über die eigene Mutter zu sprechen.” Ihre Augen konzentrierten sich wieder auf ihre Tochter. “Das würde sie kaum zu einem guten Vorbild machen und könnte dich denken lassen, dass du sie ebenfalls eines Tages so behandeln kannst. Nun geh und spiel mit deiner Cousine. Da gibt es noch etwas, das ich mit deiner Mutter besprechen muss.”

Sie wartete, bis Vedric in Richtung Rolan und seiner Tochter davongestürzt war, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Eryn zuwandte.

Ihre braunen Augen glänzten gefährlich, als sie ihre Tochter tadelte: “Das ist nicht akzeptabel! Ich lasse nicht zu, dass du in Gegenwart des Jungen dermaßen abfällig über mich sprichst! Dazu hast du kein Recht. Nur weil du und ich in der Vergangenheit gewisse… Schwierigkeiten hatten, bedeutet das nicht, es stehe dir zu, ihn gegen mich aufzubringen.”

“Ich tue nichts dergleichen”, meinte Eryn achselzuckend, wusste jedoch genau, dass Malriel Recht hatte – ihren Sohn hineinzuziehen war alles andere als reif. “Der Klang von Königin der Dunkelheit gefällt ihm einfach. Es klingt stattlich für ihn. Betrachte es als Kompliment.”

“Ich würde es vorziehen, wären seine Komplimente weniger beleidigend, besonders da jede einzelne Person, die es mitangehört hat, sehr genau weiß, woher ein Ausdruck dieser Art gekommen sein muss”, zischte sie.

Das hob Eryns Laune beträchtlich. “Es waren also viele Leute in der Nähe, die es gehört haben?”

Malriel kniff die Augen zusammen. “Ich sehe schon, dass sich mit dir keine Unterhaltung führen lässt, die einer Erwachsenen würdig ist. Darüber werde ich ein Wörtchen mit deinem Vater reden.”

Die jüngere Frau stöhnte. Valrad würde ihr auf jeden Fall das eine oder andere darüber zu sagen haben, dass sein Enkel Eryns Beleidigungen über seine Gefährtin wiederholte, ganz egal, ob es öffentlich oder in privatem Umfeld geschah.

“Im Ernst? Das mächtige Oberhaupt von Haus Aren läuft zu ihrem Gefährten um Hilfe, wenn sie mit ihrer eigenen Tochter am Ende ihrer Weisheit angelangt ist? Ist das nicht ein wenig erbärmlich?”

Ihre Mutter lächelte dünn. “Ich weiß, was du hier versuchst, aber es wird nicht funktionieren. Es ist keine Schande, wenn ich auf die Hilfe meines Gefährten zurückgreife in einer Angelegenheit, bei der ich allein wenig Aussicht auf Erfolg habe. Ich werde etwas gegen deine Haltung unternehmen, und da ich nicht zu dir durchzudringen vermag, muss ich es an jemanden delegieren, dem du zuhören wirst. Vielleicht weise ich sogar das Oberhaupt deines eigenen Hauses darauf hin, dass es nicht eben dazu beiträgt, die Beziehung zwischen unseren Häusern so harmonisch wie in den letzten Jahren zu erhalten, wenn mich sein Erbe öffentlich beleidigt.”

“Vedric ist gerade einmal fünf Jahre alt!”, stöhnte Eryn. “Du übertreibst das alles maßlos!”

“Auf ihn mag das zutreffen, nicht aber auf dich. Und wir wissen beide, dass Vedric hier nicht das Problem ist”, betonte Malriel. Jetzt, wo sie die Oberhand in dem Gespräch gewonnen hatte, war auch ihre Gelassenheit zurückgekehrt. Sie drehte sich um, damit sie die paar Terrassenstufen hinabsteigen und sich wieder zu ihren Gästen gesellen konnte. Lächelnd warf sie über ihre Schulter zurück: “Geh nicht zu weit weg, Theá, Valrad wird bald mit dir reden wollen.”

Eryn mahlte mit den Zähnen. Verflucht.

* * *

Enric seufzte, als er zur Terrassentür blickte und Valrad von Haus Vel’kim aus dem Raum kommen sah, in dem sich Eryn seines Wissens die letzten zwanzig Minuten versteckt hatte. Ihr Vater wirkte ein klein wenig angespannt um den Mund herum, obwohl er es zu verbergen suchte um nicht zu zeigen, dass etwas nicht in Ordnung war. Bei einem Anlass wie diesem hier schickte sich das nicht. Nicht, dass irgendjemand unter den Gästen mit Frieden und Harmonie rechnete, solange Eryn und Malriel länger als ein paar Minuten auf einmal am gleichen Ort weilten.

Eryn folgte einige Schritte hinter Valrad. Anders als er, hielt sie sich nicht mit irgendwelchen Bemühungen auf, ihre eigene Unzufriedenheit zu verbergen. Ihre Lippen waren zu etwas verzogen, was ein wohlmeinender Beobachter wohl als ein Lächeln bezeichnen mochte, doch ihre Augen waren verengt und ließen keinen Zweifel an dessen Aufrichtigkeit.

Somit schien es also, als hätte Eryn soeben eine Standpauke über sich ergehen lassen müssen. Enric zweifelte nicht daran, dass es etwas mit Malriel zu tun hatte. Valrad hatte sich in den letzten fünf Jahren redlich bemüht, sich nicht in eine Position zwischen seiner neuen Gefährtin und seiner neu entdeckten Tochter drängen zu lassen. Ein Bestreben, das in seinem Fall zum Scheitern verurteilt war. Klug wäre gewesen, sich einfach von ihren Zankereien, Streitereien und spitzen Bemerkungen abzuwenden und sie allein damit fertig werden zu lassen. Doch Enric wusste, dass dies für Valrad ebenso unmöglich war, wie sich für eine Seite zu entscheiden. Er steckte in der Rolle als ewiger Vermittler fest.

Malriel war die Liebe seines Lebens, die er jahrzehntelang aus der Ferne bewundert hatte. Erst vor ein paar Jahren hatte er entdeckt, dass sie seine Gefühle erwiderte – nach ihrer Gefangenschaft in einem fremden Land, wo ihr die Angst um ihr Leben den Mut gegeben hatte, ihm ihre Liebe zu erklären.

Und auf der anderen Seite stand Eryn, bei der er erst ein paar Monate vor seinem Kommitment zu ihrer Mutter entdeckt hatte, dass sie seine leibliche Tochter und nicht seine Nichte war. Eine Tochter, um die er hart kämpfen musste, damit sie schlussendlich ihre Verbitterung darüber überwand, dass er seinen eigenen Bruder auf diese Weise betrogen hatte.

Sein Beruf als Heiler und seine Position als Leiter der Klinik gingen mit einer gewissen Neigung zum Helfen, Lösen von Problemen und zur Verbesserung von Situationen einher. Eine noble, allerdings nach Enrics Dafürhalten selbstzerstörerische Gesinnung, soweit es Malriel und Eryn betraf.

Die beiden Frauen waren an einem Punkt angelangt, wo sie einander nicht mehr offen bekriegen konnten. Die Zuneigung zu Valrad, die sie beide empfanden, und der Wunsch, ihn nicht zu verletzen, machten das unmöglich. Die Tatsache, dass ihnen der gleiche Mann am Herzen lag, hielt sie davon ab, einander an die Kehle zu gehen. Aber auch nicht mehr als das. Die Spannung war im Allgemeinen unter Kontrolle, brach aber gelegentlich hervor und wurde in ihrer Körpersprache oder sarkastischen und zuweilen verletzenden Bemerkungen offenbar.

Es gab so Vieles, das zu vergeben Eryn nicht über sich brachte. Wie Malriels fehlgeschlagenen Versuch, ihr den Tod des Mannes zur Last zu legen, den sie damals als ihren Vater betrachtet hatte. Und auch ihren erfolgreichen Vorstoß, mit dem sie Eryns Verhütungsmaßnahmen mit Hilfe eines höchst wirksamen – und höchst illegalen, sofern ohne Zustimmung der Empfängerin verabreichten – magischen Fruchtbarkeitstranks außer Kraft setzte.

Malriel war im Gegenzug noch immer etwas gekränkt darüber, dass Eryn dem Haus, in das sie geboren worden war, entsagt hatte. Und die Tatsache, dass Eryn sich ganz fabelhaft mit ihrer Großmutter Malhora verstand, mit der Malriel selbst seit Jahrzehnten immer wieder ihre Schwierigkeiten hatte, sorgte für zusätzliche Reibung.

Alles in allem war der Friede in dieser Familie in etwa so stabil wie ein Dach aus Pergament bei einem Gewitter. Enric schien es, als wären es nur die Männer – nämlich Valrad, sein Sohn Vran’el und er selbst – die eine Eskalation verhinderten, wenn schon Friede nicht immer möglich war.

“Was hat sie jetzt wieder angestellt?”, flüsterte Pe’tala, nachdem sie neben Enric getreten war. “Vater bringt sie irgendwohin. Siehst du, wie sein linker Nasenflügel zuckt? Ein sicheres Zeichen dafür, dass er unter diesem wenig überzeugenden Lächeln verärgert ist.”

“Malriel kam einige Minuten zuvor aus dem Haus, also gehe ich davon aus, dass die beiden wieder Streit hatten”, murmelte er zurück.

Pe’talas Gefährte Rolan kam hinzu. “Vedric sagte mir gerade, dass Malriel böse zu sein schien, weil er sie als Königin der Dunkelheit bezeichnet hat.”

Enric unterdrückte ein Stöhnen. “Ich habe Eryn gesagt, sie soll aufpassen, wenn sie das in seiner Anwesenheit sagt. Aber ich schätze, die Konsequenzen zu tragen ist wirksamer als alles, was ich ihr sagen könnte, um sie von dieser Gewohnheit zu kurieren.”

Sie sahen zu, wie Valrad Eryn zu der Gruppe um Malriel führte. Dabei handelte es sich wohl um diejenigen, die Vedrics Worte mitangehört hatten. Es schien, als bestünde Valrad auf gewissen Bestrebungen zur Schadenskontrolle von Eryns Seite.

Eryn lächelte die versammelte Gruppe an, sagte etwas, nickte und lachte dann. Ihre Handgesten deuteten darauf hin, dass sie versuchte, eine plausible Erklärung für den Ausrutscher ihres Sohnes zu liefern. Nach weniger als zwei Minuten entschuldigte sich Eryn und deutete auf Enric, den sie wahrscheinlich als Ausrede für ihr Weggehen benutzte.

“Malriel wirkt zufrieden”, grinste Pe’tala hämisch, sobald ihre Schwester zu ihnen gestoßen war. “Offensichtlich hast du deine Speichelleckerei dort überzeugend betrieben.”

Kurzerhand nahm Eryn Rolan sein Glas aus der Hand, legte den Kopf zurück und leerte es mit einem Schwung, bevor sie meinte: “Das habe ich. Und jetzt fühle ich mich schmutzig. Ich kann euch gar nicht sagen, wie froh ich morgen sein werde, diese Frau für sechs Monate los zu sein.” Sie sah sich um. “Mein Kind sollte mit eurem spielen. Wo sind sie? Es ist kein gutes Zeichen, wenn sie außer Sichtweite sind und es dermaßen ruhig ist.”

Rolan nickte zu den Bäumen in einer abgelegeneren Ecke des Gartens fernab von zerbrechlichen Gegenständen wie Gläsern und Tellern. “Vern spielt dort drüben mit ihnen Verstecken. Er sagte, er wollte uns noch einen letzten ruhigen Abend mit dir gönnen, bevor wir wieder ohne dich auskommen müssen.”

Eryn schnaubte. “Er findet diese Anlässe in etwa so erhebend wie ich selbst. Das war bloß eine Ausrede, um ein paar Minuten lang von diesen Leuten wegzukommen. Und noch dazu eine, die ihn rücksichtsvoll erscheinen lässt, während er tatsächlich egoistisch war.”

Pe’tala zog die Schultern hoch. “Ich weiß. Aber da dies bedeutet, dass ich hier ein paar Minuten lang ungestört mit anderen Erwachsenen stehen kann, bin ich mehr als willens, ihn damit durchkommen zu lassen. Ich könnte mir denken, dass er den ewig gleichen Fragen entgegen will: Freut er sich schon darauf, nach so langer Zeit wieder nach Hause zu kommen? Wird er Takhan sehr vermissen? Wie sehen seine Pläne aus, wenn er erst einmal wieder zurück ist?”

Eryn musste zugeben, dass genau diese Fragen im Laufe der letzten Wochen regelmäßig aufgetaucht waren. Kein Wunder, dass er es müde war, sie zu hören und zu beantworten. Aus mehr als einem Grund, wie sie vermutete. Ihre Versuche, mit ihm über seine Rückkehr zu reden, hatte er mit einem Lächeln abgetan und ihr erklärt, dass alles in Ordnung wäre und er sich auf die Rückkehr nach Anyueel freute. Eryn konnte nicht glauben, dass er ganz so entspannt war, wie er ihr weismachen wollte, doch mit zweiundzwanzig Jahren war er sicherlich alt genug, um selbst zu entscheiden, ob er über etwas reden wollte, das ihn belastete.

“Wie sehen eure Pläne für euren letzten Morgen hier aus?”, fragte Pe’tala.

“Ram’an hat uns in seine Residenz zu einem Frühstück mit ihm und Valcredy eingeladen”, antwortete Eryn mit klar erkennbarem Mangel an Freude. Valcredy war die zweite Person, die sie nur allzu gerne zurückließ. Damals in Anyueel war sie Enrics Geliebte gewesen, bevor Eryn aufgetaucht war, und nun war sie aus keinem anderen Grund mit Ram’an verbunden als in den Genuss des bequemen Lebens und des erhabenen Status zu kommen, den er bieten konnte. Dass Ram’an ihr genau das angeboten hatte im Austausch dafür, dass sie ihm zwei Kinder gebar, die Mitglieder seines Hauses waren und somit in der Lage, ihm nachzufolgen und eines Tages Haus Arbil zu übernehmen, machte für Eryn wenig Unterschied.

Rasch schnappte sie sich ein weiteres Glas Weißwein von einem Tablett, als ein Kellner vorbeikam.

“Es sieht so aus, als würde ich heute Vedric ins Bett bringen müssen”, stellte Enric resigniert fest. “Wenn du weiterhin in diesem Tempo Alkohol zu dir nimmst, stehen die Chancen gut, dass du vor ihm schläfst.”

“Ich bin zivilisiert und gesellig, obwohl die Königin der Dunkelheit anwesend ist”, knurrte Eryn. “Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich das weiterhin durchziehe und dabei auch noch nüchtern bleibe.”

“Auf so einen Gedanken wäre ich niemals gekommen”, lächelte ihr Gefährte und stieß mit seinem Glas gegen ihres. Was auch immer ihr half, Malriel einen letzten Abend lang auszuhalten, ohne dabei auszurasten.

* * *

“Hm?”, meinte Eryn und hob ihren Kopf von der Hand, auf der er gestützt war. Ein Kopf, der heute unglaublich schwer wog und nicht von allein aufrecht bleiben wollte.

“Ich habe gefragt, ob ihr gestern in der Aren Residenz einen netten Abend verbracht habt”, wiederholte Ram’an seine Frage.

Eryns Augen verengten sich, als sie Valcredys kaum wahrnehmbares abfälliges Lächeln über Eryns verkaterten Zustand bemerkte.

“Wunderbar. Reizend wie immer”, erwiderte sie ausdruckslos und griff nach ihrem Saftglas.

Enric beugte sich rasch vor, hob es vom Tisch auf und drückte es ihr in die Hand. Offensichtlich traute er ihrer Koordinationsfähigkeit im Moment nicht so ganz.

Vedric, der sein Frühstück bereits zuvor beendet und die Erlaubnis zum Verlassen des Tisches erhalten hatte, stürmte auf sie zu und warf sich in die Arme seiner Mutter. Dabei entging das Glas nur knapp einem scherbenreichen Schicksal.

“Mutter!”, beschwerte er sich lautstark, “Akalee hat mich gebeißt!”

Eryn zuckte zusammen ob der Lautstärke seiner Mitteilung und korrigierte ihn dann gedankenverloren: “Akalee hat mich gebissen.”

Die braunen Augen des Jungen weiteten sich vor Erstaunen. “Dich auch?”

Seine Mutter runzelte die Stirn, verwirrt von der Wendung des Gesprächs. “Was?”

“Was?”, erwiderte Vedric ebenso perplex.

Enrics Lippen krümmten sich leicht amüsiert. Er wandte sich an seinen Sohn, damit er seine Gefährtin davor bewahren konnte, sich an einer auch nur halbwegs vernünftigen Unterhaltung beteiligen zu müssen. “Nein, sie hat deine Mutter nicht gebissen. Du hast es nur falsch gesagt. Also, warum hat sie dich gebissen?”

Vedrics Blick huschte zu Valcredy und Ram’an, als wäre er unwillig, Details vorzubringen solange die Eltern der Missetäterin lauschten.

“Ich weiß es nicht”, murmelte er schlussendlich zurückhaltend.

Enric war nicht bereit, einfach so aufzugeben. “Was hast du getan oder gesagt, bevor sie dich gebissen hat?”, bohrte er nach.

Nach dem Gesichtsausdruck seines Sohnes zu urteilen, schien er nicht länger geneigt, seine Spielgefährtin zu verpetzen, wo dies nun unerwarteterweise dazu führte, dass er sich damit selbst Ärger einhandelte.

“Äh… nichts”, stammelte Vedric.

“Wirklich?”, fragte Enric mit gerunzelter Stirn nach. “Wenn das die Wahrheit ist, dann hast du gewiss nichts dagegen, das unter einem Lügenfilter zu wiederholen.”

Die entsetzte Miene des Jungen verriet ihn noch bevor er seinen Mund öffnen und seine vorhergehende Aussage ergänzen konnte. “Vielleicht habe ich zu ihr gesagt, dass sie ein hässlicher Stein ist.”

“Hast du das. Dann war es womöglich nicht ganz unverdient, dass sie dich gebissen hat, was meinst du?”, antwortete Enric vernünftig.

Vedric mied den Blick seines Vaters, als er wortlos nickte.

In diesem Moment kam Akalee, ein zierliches Mädchen von vier Jahren mit dem blonden Haar ihrer Mutter, um die Ecke. Sobald sie die Gruppe bemerkte, füllten sich ihre großen Augen mit Tränen, und einen Moment später entwich ihrem weit offenen Mund, der den Blick auf all ihre Zähne und ihr rosa Zahnfleisch gewährte, ein gepeinigtes Heulen.

Eine recht begabte kleine Schauspielerin, ging es Eryn durch den Kopf – trotz der Pein, die das Geräusch verursachte, als es in ihrem Kopf widerhallte. Entweder gab es unter Jungs kein Weinen auf Abruf, oder Vedric hatte aus Gründen männlichen Stolzes entschieden, nicht auf solche Methoden zurückzugreifen. Sein verblüffter Blick ließ sie allerdings eher vermuten, dass er das bislang lediglich noch nicht gemeistert hatte.

Ram’an und Valcredy standen beide gleichzeitig auf, dann sahen sie einander verlegen an, als wären sie unsicher, wer von ihnen nun ihre Tochter trösten sollte.

Lächerlich, dachte Eryn säuerlich. Diese beiden hatten zwei Kinder miteinander gemacht und mussten einander daher nackt gesehen haben. Wie war es also möglich, dass sie sich noch immer benahmen, als wären sie schüchtern miteinander? Wie geschäftsmäßig konnte ein Arrangement bleiben, wenn es erforderte, dass man seit mehreren Jahren unter dem gleichen Dach lebte und gemeinsam Kinder großzog? Nicht, dass es sie irgendetwas anging, gemahnte sie sich verdrossen.

Das war eine alte Diskussion, eine, die sie ein ums andere Mal mit Ram’an vom Zaun brach, nachdem er ihr vor ein paar Jahren mitgeteilt hatte, dass er Valcredy sozusagen eine Stelle als seine Gefährtin und Mutter seiner Kinder angeboten hatte. Die Diskussionen hatten nie irgendwohin geführt und meist in einem Streit geendet. Danach sprachen sie üblicherweise mindestens eine Woche lang kein Wort miteinander. Jedes Mal, wenn das passierte, nahm sich Eryn fest vor, es nie wieder zur Sprache zu bringen. Bislang hatte sie es mehr als ein Jahr lang geschafft, sich an diesen Vorsatz zu halten. Dabei zählte sie selbstverständlich auch die sechs Monate mit, die sie nicht in diesem Land verbrachte. Man musste sich an kleine Siege klammern, wo auch immer sie zu finden waren.

Valcredy war schließlich diejenige, die zu ihrer Tochter ging, das Mädchen hochhob und sie mit zu den Sitzkissen brachte.

“Ich bin kein hässlicher Busch!”, schniefte Akalee.

“Busch habe ich nicht gesagt!”, warf Vedric ein. Ganz eindeutig war er aufgebracht darüber, dass seine Worte ungenau wiedergegeben wurden. “Ich habe gesagt, dass du ein hässlicher Stein bist!”

Daraufhin heulte das Mädchen noch lauter auf, während sie ihre gebräunten Ärmchen um den Hals ihrer Mutter schlang.

Mit einer Hand bedeckte Eryn ihre Augen. Ihr Sohn, der Diplomat.

“Als wäre ein hässlicher Stein irgendwie besser als ein hässlicher Busch”, seufzte sie und ließ dann ihren Kopf zurücksinken. “Keines von beiden ist besonders hässlich. Beide sind für eine Beleidigung ungeeignet. Warum nennst du sie nicht einfach nur hässlich?”, murmelte sie lauter als es ihre Absicht gewesen war.

“Denkst du etwa, das hier sei witzig?” Valcredys Stimme war so tödlich wie ihr Blick.

Eryn schüttelte den Kopf und beobachtete, wie die blonde Sängerin ihr Kind an sich drückte, um ihm Trost zu spenden. “Nein, keineswegs. Die Beleidigung war einfallslos, und die Reaktion darauf ist für meinen Geschmack viel zu laut. Das alles ist mit nichts als Nachteilen verbunden.”

Ram’ans Gefährtin kniff die Augen zusammen. “So gehst du also mit dem rüden Benehmen deines Sohnes um?”

Eryn verdrehte die Augen. “Was soll ich denn deiner Ansicht nach tun? Ich meine, er bekam, was er verdient hat – deine Tochter hat ihn gebissen! Warum lassen wir sie das nicht unter sich ausmachen? Das ist eine wertvolle Gelegenheit für sie, Problemlösungsfähigkeit zu entwickeln.”

“Unfassbar”, murmelte Valcredy und schüttelte den Kopf, während sie weiterhin den Rücken ihrer schluchzenden Tochter streichelte. “Aber was hätte ich auch erwarten sollen von einer Frau, die ganz offensichtlich unter den Nachwirkungen von zu viel Alkohol leidet? Du bist vielleicht ein tolles Vorbild!”

“Nun, wir können uns nicht alle dadurch auszeichnen, dass wir mit unserem hübschen Aussehen und unserer Gebärmutter unseren Lebensunterhalt sichern. Welch ein Glück deine Töchter haben, dass es von dir so vieles zu lernen gibt”, erwiderte Eryn ausdruckslos. Sie war zu müde und verstimmt, um sich mit falschem Lächeln und verschleierten Beleidigungen aufzuhalten. Auch wenn es keinesfalls als höflich erachtet wurde, seine Gastgeberin zu beleidigen, so war sie doch zumindest weder ein Mitglied des Senats in Takhan, noch des Rats der Magier in Anyueel. Somit würde das hier abgesehen von ein wenig Missmut keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen.

Enric und Ram’an tauschten einen eindringlichen Blick, bevor beide wie auf’s Stichwort auf die Beine kamen.

“Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen”, verkündete Enric. “Unser Schiff legt in weniger als drei Stunden ab, und wir müssen sicherstellen, dass auch alles gepackt ist.”

“Keine Minute zu früh”, ätzte Valcredy beinahe unhörbar.

“Wie war das?” bellte Eryn.

Weit aufgerissene, blaue Augen sahen sie an. “Nichts.”

Eryn ergriff Enrics Hand und ließ sich von ihm von den Kissen auf dem Boden hochziehen. Mit einem boshaften Blick zu Valcredy trat sie auf Ram’an zu und zog ihn in eine Umarmung. Eine lange und feste Umarmung. Als Enric sich räusperte, küsste sie Ram’an auf beide Wangen und ignorierte die Gastgeberin vollkommen, als sie sich den Toren zuwandte.

Enric küsste Valcredy auf eine Wange, dann ergriff er mit entschuldigender Miene Ram’ans Arm.

Ram’an winkte ab, noch bevor er etwas von sich geben konnte. “Sorge dich nicht, mein Freund. Sie werden einander sechs Monate lang nicht sehen. Dann werden wir es erneut mit einer zivilisierten Zusammenkunft versuchen. Ich wünsche euch eine sichere Heimreise. Sei so gut und schicke mir eine Nachricht, sobald ihr wohlbehalten angekommen seid. So wie immer. Gehab dich wohl, werter Kollege.”

Enric lächelte und nickte, bevor er seinen Sohn hochhob und Eryn den Weg hinab zum nächstgelegenen Ausgang folgte. Unglücklicherweise hatte Eryn nicht gerade die vorteilhafteste Route auserwählt, um sich hocherhobenen Kopfes davonzumachen. Sie mussten das Grundstück umrunden und somit einen beträchtlichen Umweg in Kauf nehmen. Doch wer war er schon, um ihren entschlossenen Abgang zu ruinieren?

* * *

An die Reling des Schiffs gelehnt blickte Enric auf das Meer hinaus. Sonnenuntergänge versetzten ihn stets in einen entspannten, wenn auch nachdenklichen Gemütszustand. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, kam dem Meer gemächlich immer näher.

Ohne den Kopf zu drehen lächelte er, als Eryn neben ihn trat. Das bedeutete, dass Vedric endlich eingeschlafen sein musste, was seinen Eltern ein wenig Zeit allein miteinander ermöglichte.

Eryn und das Meer hatten im Laufe der letzten paar Jahre einen zerbrechlichen Waffenstillstand geschlossen. Die Wellen machten sie nicht länger seekrank, und im Gegenzug sah sie davon ab, ihren Mageninhalt in das Meer zu entleeren und alles Maritime farbenfroh zu verfluchen.

Wortlos schob sie ihren Arm durch seinen und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, während sie zusahen, wie die Sonne den Horizont berührte. Obwohl Schiffe nicht eben ihr liebstes Transportmittel waren, war dies die Tageszeit, wo sie die Vorzüge der Seefahrt nachvollziehen konnte.

Winzige Wellen reflektierten das schwächer werdende Licht der versinkenden Sonne in einer Säule aus tanzenden glitzernden Punkten, die mit Schatten durchsetzt waren. Über ihnen wurde ein Teil des dunkler werdenden Lichts von den Wolkenbändern reflektiert, während ein anderer Teil verschluckt wurde. Es wirkte wie ein besänftigendes Bild für die Welt, um sie schrittweise auf die Dunkelheit vorzubereiten, die sie bald einhüllen würde.

Nahezu geräuschlos glitt das Schiff durch das finstere Gewässer, keineswegs behindert durch den fehlenden Wind, der die Segel aufblähen und ihrem Fortkommen dienen sollte. Magie hatte seinen Platz eingenommen und stellte eine angemessene Vorwärtsbewegung sicher.

Eryn sah zu ihrem Gefährten auf, als sie seinen leichten Stoß in ihre Seite spürte. Er nickte mit dem Kinn in Richtung des Schiffsbugs, wo Vern einige Schritte von ihnen entfernt mit verschränkten Armen und grüblerischer Miene stand.

Sie nickte kurz und richtete sich auf, bevor sie auf den jungen Mann zuging.

“Es ist wunderschön, nicht wahr?”, bemerkte er, ohne seinen Blick von der untergehenden Sonne abzuwenden. “Ich habe gerade daran gedacht, als ich das Meer vor sechs Jahren zum ersten Mal überquerte.”

Eryn lächelte. Sie erinnerte sich ebenfalls daran. Er war ein Junge von sechzehn Jahren gewesen, aufgeregt ob des Abenteuers, bei dem er es geschafft hatte, sich anzuschließen. Damals hätte sich niemand auch nur entfernt vorstellen können, dass bis zu seiner Rückkehr nach Anyueel sechs Jahre vergehen würden. Sechs Jahre – im Zuge derer er sich gemäß den Standards der Westlichen Territorien zum Heiler hatte ausbilden lassen, sämtliche ihm offenstehende künstlerischen Richtungen erkundet und sich einen beachtlichen Ruf als Frauenheld erworben hatte.

Es war seltsam, ihm beim Erwachsenwerden zuzusehen. Da sie alle sechs Monate den Ort gewechselt hatten, war sie jedes Mal überrascht, wenn sie nach Takhan zurückgekehrt war und gesehen hatte, wie sehr Vern sich sowohl in seinem körperlichen Erscheinungsbild als auch seiner geistigen Reife verändert hatte. Er war gewachsen und nun sogar ein wenig größer als sein Vater. Aber das war so ziemlich die einzige Ähnlichkeit zwischen ihnen. Der Krieger hatte den muskulösen, sehnigen Körper eines Kämpfers. Vern, wenn auch weit entfernt von dürr, war eindeutig nicht von der athletischen Sorte. Er hatte lange, schlanke, sensible Finger, die sich sowohl auf das Heilen als auch das Schaffen meisterhafter Kunst verstanden. Sein blondes, leicht gewelltes Haar reichte ihm bis auf die Schultern und folgte damit dem Stil, den Künstler in Takhan bevorzugten.

Seine Augen blickten nicht mehr ganz so ernst wie früher. Die Gesellschaft in Takhan hatte ihn mit offenen Armen willkommen geheißen, ihn als Ausnahmetalent gefeiert, während er Zuhause in Anyueel ein Außenseiter war, ein seltsamer Junge mit ungewöhnlichen Interessen und Talenten, mit denen kaum jemand wirklich etwas anzufangen wusste.

Mit der Entscheidung, Valrads Angebot zur Verlängerung seines Aufenthalts in Takhan anzunehmen, hatte er sein Leben in Anyueel zurückgelassen, ohne auch nur eine Sekunde lang zu zögern.

Außer seiner Familie hatte es dort kaum etwas gegeben, um ihn zurückzuhalten. Dafür waren die Chancen und Gelegenheiten, die Takhan bot, einfach zu verführerisch.

Orrin hatte seinen Sohn zweimal jedes Jahr für ein paar Wochen besucht und jedes Mal seine Gefährtin Junar und seine Tochter Téa mitgebracht. Er hatte es so eingerichtet, dass er sich Eryn und Enric anschließen konnte, wenn sie Anyueel verließen und ein zweites Mal kurz vor ihrer Rückkehr aus Takhan hinreiste. Dieses Mal allerdings würde er stattdessen auf dem Landungssteg warten, um seinen Sohn zuhause willkommen zu heißen.

Eryn überlegte, ob der Krieger in den letzten Tagen oder sogar Wochen vor der sehnsüchtig erwarteten Rückkehr seines Sohnes wohl empfindlich und launisch gewesen war. Und wie Verns Wohnsituation aussehen mochte. Würde er wieder bei seinem Vater einziehen oder sich ein eigenes Quartier nehmen? Mit dem Geld, das er mit dem Verkauf seiner Gemälde in Takhan verdient hatte sowie mit dem Lohn, den er bei Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Heiler in Anyueel erhalten würde, konnte er sich auf jeden Fall eine eigene Unterkunft leisten.

“Wie kommst du dieser Tage mit Loft zurecht?”, fragte Vern nach ein paar Minuten des Schweigens in ihre Gedanken hinein.

Eryns Wangen blähten sich mit der Luft ihres Atemzugs, als sie an den administrativen Leiter der Klinik in Anyueel dachte. Loft. Vor einiger Zeit war er Berater des Königs gewesen, einer von zweien. König Folrin hatte sich entschlossen, eine andere Position für ihn zu finden, nachdem der Mann sich als weniger anpassungsfähig gegenüber Veränderungen erwiesen hatte als für seine Position ratsam war. Pe’tala hatte Rolan, den ersten administrativen Leiter, nach Takhan entführt, als sie selbst abreisen und in ihre Heimat zurückkehren musste. Daraufhin hatte der König nach einer Konsultation mit Rolan und Lord Poron, dem Oberhaupt der Klinik, seinen früheren Berater zum Nachfolger bestimmt.

Eryns eigene Geschichte mit Loft sprach nicht eben von großer Freundschaft. Er störte sich an Eryn seit dem Tag, an dem sie als Gefangene des Königs in die Stadt gebracht worden war. Er hatte sogar vorgeschlagen, der König möge sie benutzen, damit sie seine Kinder austrug und damit zu der verbotenen Praktik zurückkehren, magisch begabte Thronerben zu zeugen. Seine Übernahme von Rolans Position war keine erfreuliche Enthüllung für sie gewesen. Doch mit Lord Poron als Oberhaupt der Heiler hatte sie als einfache Heilerin kaum etwas mit dem administrativen Leiter zu tun.

“Ich gehe ihm aus dem Weg, und ich denke, dass er sich mir gegenüber der gleichen Taktik bedient”, meinte sie schulterzuckend. “Wenn ich denke, dass etwas zur Sprache gebracht werden sollte, dann gehe ich damit zu Lord Poron und überlasse es ihm, sich mit Loft abzugeben.”

“Soweit ich letztes Mal von Vater gehört habe, leistet er gute Arbeit.”

“Das stimmt wohl”, räumte sie widerwillig ein. “Aber er muss auch nur zusehen, dass er das am Laufen hält, was Rolan eingeführt hat.” Sie wusste, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Die Klinik wuchs immer weiter und war einem ständigen Wandel unterzogen, also wäre es kaum ausreichend gewesen, nur aufrecht zu erhalten, was ein paar Jahre zuvor festgelegt worden war. Doch bei dem Gedanken daran, irgendetwas auch nur entfernt Positives über diesen Mann zu sagen, anerkennen zu müssen, dass er tatsächlich nützlich oder fähig war, zog sich alles in ihr zusammen.

“Weißt du schon, wo du wohnen wirst? Wenn du möchtest, kannst du eine Weile in unserem Gästezimmer unterkommen, bis du dich für einen Ort entschieden hast”, meinte sie, um das Thema zu wechseln.

Er schüttelte den Kopf. “Das ist ein wirklich freundliches Angebot, aber Vater hat mir bereits eine Unterkunft besorgt. Dort kann ich sofort einziehen.” Ein Lächeln umspielte seine Lippen. “Vollkommen allein zu leben wird eine ganz neue Erfahrung für mich werden. Nun, zumindest so allein wie es geht, wenn jemand anderer das Kochen und Putzen für mich übernimmt. Nachdem dein Vater bei Malriel einzog und ich bei Vran’el blieb, nahm dein Bruder Valrads Versprechen meinem Vater gegenüber wirklich ernst, sogar nachdem ich volljährig war.”

“Typisch Juristen. Sie vermeiden es aus Prinzip, bindende Versprechen zu brechen. Vorwiegend, weil sie zu träge sind, um sich mit den Konsequenzen zu plagen, wie ich vermute”, scherzte sie.

Vern lächelte und blickte auf das Meer hinaus. Die Sonne war nun vollkommen verschwunden. Nur ein Hauch eines rötlichen Glühens, das in ein paar Minuten verblasst sein würde, war verblieben.

“Ich freue mich schon darauf, wieder nach Hause zu kommen. Der verlorene Sohn kehrt zurück, bereit, die ganze Weisheit zu teilen, die er aus der Ferne mitbringt”, verkündete er hochfliegend.

“Oh Mann”, seufzte sie und schüttelte den Kopf. “Was für ein Blödsinn.”

Kapitel 2

Wiedereingewöhnung

Enric stand an Deck gegen die Reling gelehnt und hob seinen Arm zum Gruß, sobald er die vier Leute erkannte, die auf dem Pier standen und sie erwarteten. Orrin hob seine Hand in gleichermaßen gelassener Manier, während Junar und ihre fünfjährige Tochter Téa mit erheblich größerer Aufregung winkten. Doch für zwei Ordensmagier geziemte sich solch eine ungerechtfertigte Zurschaustellung von Gefühlen nicht. Es war einfach nicht angemessen. Die Leute würden darüber genauso schwatzen wie sie sich über jeden anderen Unsinn ausließen, der ihnen eine kleine Abwechslung von ihrem tristen Alltagsleben bot.

Vern kniff die Augen zusammen, um die vierte Person zu identifizieren, die bei seiner Familie stand. Kurz darauf riss er sie erstaunt auf.

“Ist das Plia?”, fragte er nach Luft ringend.

Eryn sah ihn von der Seite an. “Natürlich ist das Plia. Sie erwartet uns jedes Mal hier, wenn wir aus den Westlichen Territorien zurückkehren.

Vern starrte noch immer geradewegs auf die kleine Gruppe, die mit jedem Moment ein wenig besser erkennbar wurde. “Sie ist auf jeden Fall erwachsen geworden”, bemerkte er.

Sie schmunzelte. “Nun, was hast du erwartet? Sie hat nicht einfach aufgehört zu altern, damit dir die Eingewöhnung leichter fällt, falls du mit so etwas gerechnet hattest.”

“Nein, ich habe nur…”, begann er, beendete den Satz aber nicht. Ihm fehlten die Worte.

Eryn grinste und zwang sich, seine Reaktion nicht zu kommentieren. Sie erinnerte sich, dass es damals eine gewisse… Anziehung zwischen Plia und Vern gegeben zu haben schien, bevor der Junge sich entschieden hatte, seine Heimat für so lange Zeit zu verlassen. Eine reizende, unschuldige Bewunderung zweier junger Menschen, die gerade erst damit begonnen hatten, die wundersamen Empfindungen zu entdecken, die mit dem Erwachsenwerden einhergingen.

Plia war damals gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen – zu jung, als dass er dieser Anziehung, die er ihr gegenüber empfunden haben mochte, Taten folgen ließ. Eryn hatte ihn gewarnt, er solle die Hände von ihr lassen, bis das Mädchen älter war.

Eryn hatte Plias Gesicht wiederhergestellt, das im Babyalter durch ein Feuer entstellt worden war, indem sie den Schaden wegheilte. So erlangte das Mädchen die ihr eigene Schönheit, mit der die Natur sie ursprünglich ausgestattet hatte, wieder. Erst vor kurzem war sie volljährig geworden und zu einer ernsthaften, etwas reservierten jungen Frau herangewachsen, die sehr stolz auf ihre Arbeit war. Dies war der einzige Bereich, wo sie tatsächlich für das einstand, woran sie glaubte und keinesfalls willens war, irgendetwas zu akzeptieren, das sie als nachteilig für die Qualität ihrer Medizin erachtete. Sogar Loft, der administrative Leiter der Klinik und ihr Vorgesetzter, hatte sich mehr als einmal ihrem unerbittlichen Starren in Verbindung mit ihren streng verschränkten Armen gegenübergesehen, als er etwas einzuführen versucht hatte, das die junge Frau als ihrer Arbeit abträglich einschätzte.

“Lebt sie noch immer bei Enrics Mutter?”, fragte Vern, seine Augen noch immer auf Plia gerichtet.

“Sicher. Obwohl ich nicht weiß, wie lange sie das noch tun wird”, erwiderte Eryn, bevor sie ihn erstaunt ansah. “Wie kommt es, dass du das nicht weißt? Hätte sie dir davon nicht geschrieben, falls sie ausgezogen wäre?”

Vern schluckte, seine Miene plötzlich gepeinigt. “Nun, wir sind nicht wirklich in Kontakt geblieben.”

Eryn blinzelte. Das kam unerwartet. “Du hast ihr in all der Zeit niemals geschrieben? Warum nicht? Hattet ihr einen Streit oder so etwas?”

Er schüttelte den Kopf. “Nein. Ich hatte einfach nur so viel zu tun, zu sehen, zu lernen…”

Sie presste ihre Lippen aufeinander, um den Vorwurf, der ihr auf der Zunge lag, für sich zu behalten. Somit hatte er sich also schlichtweg nicht die Mühe gemacht, Plia zu schreiben – sozusagen der einzigen Freundin seines Alters, die er im Königreich jemals gehabt hatte. Die Freude an seinem neuen Leben, sein Status als künstlerisches Genie, als Heilerlehrling, als Ziel der Aufmerksamkeiten zahlreicher Frauen waren ihm wichtiger gewesen als sich ein wenig Zeit dafür zu nehmen, um mit einem jungen Mädchen in Kontakt zu bleiben, von dem er stets nur Liebenswürdigkeit und Wertschätzung erfahren hatte.

In all diesen Jahren hatte Plia dies Eryn gegenüber kein einziges Mal erwähnt – weder hatte sie ein einziges Wort der Beschwerde ausgesprochen noch sich verstimmt gezeigt, wenn Eryn über ihn sprach. Obwohl solch eine Vernachlässigung schmerzhaft für sie gewesen sein musste. Und nun kehrte er zurück, einfach so, und entschied, dass sie jetzt, wo er sie nach mehr als fünf Jahren wieder zu Gesicht bekam, hübsch genug war, um sein Interesse zu wecken. Einfach famos.

Eryn schluckte ihren Ärger darüber, dass er Plia so gedankenlos fallengelassen hatte, fest entschlossen, ihren Unmut nicht zum Ausdruck zu bringen. Das war nicht ihr Problem, sondern Plias. Weder würde sie dem Mädchen raten, Vern nicht besser zu behandeln als er es verdiente, noch würde sie Vern für sein Verhalten tadeln – ganz egal, wie groß die Versuchung war. Beide waren volljährig und damit offiziell erwachsen.

Sie blickte nach unten, als sich zwei schmale Arme um ihre Oberschenkel schlangen. Vedric war zu kurz, um über die Reling zu spähen und zu sehen, was vor sich ging.

“Sind wir schon da?”, wollte er wissen.

“Beinahe”, antwortete sie, froh über die Ablenkung von ihrem Ärger auf Vern. Das hier war ein freudiger Anlass, und dafür wollte sie nicht übel gelaunt sein.

“Wie lange noch?”, beharrte Vedric.

“Nicht mehr lange.”

“Sind wir schon da?”

“Ja.”

Sein kleines Gesicht, das so viel Ähnlichkeit mit seinem Vater aufwies, hellte sich auf. “Wirklich?”

“Nein. Hör auf mich zu fragen, oder ich werde dich jetzt sofort schlafen schicken, und du kannst Téa nicht begrüßen”, drohte sie. Sie bemerkte, wie ihr einer der Seemänner einen missbilligenden Blick zuwarf. Dieser Austausch hatte wohl ein winziges Stück weit herzlos angemutet, doch sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass es auf endlose Diskussionen mit Wiederholung der gleichen Frage hinauslaufen würde, wenn sie Vedric nicht rechtzeitig Einhalt gebot.

Schließlich wurde der massive Anker mit einem lauten Rumpeln der Ketten hinuntergelassen, und fleißige Hände platzierten die Landungsbrücke, damit die Passagiere nach zweieinhalb Tagen auf See von Bord gehen konnten. Eryn war froh darüber, dass der Schiffsverkehr zwischen Bonhet und der Stadt eingerichtet worden war und ihnen damit die Reisezeit auf der Straße erspart blieb. Dank der magisch begabten Seefahrer stellte die Fahrt stromaufwärts kein Problem dar, auch ohne den Einsatz von Tieren, die das schwere Gefährt mit kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit zogen.

“Du darfst meine Hand halten und das Schiff mit mir als Erster verlassen”, bot sie an. Eifrig umschloss Vedric ihre Finger und setzte dazu an, zur Landungsbrücke zu laufen.

“Gemach, Vedric. Es besteht kein Grund zur Eile. Sei lieber achtsam, damit du nicht ausrutscht und in den Fluss fällst”, warnte sie ihn, wusste aber noch bevor sie fertig gesprochen hatte, dass er ihr nicht zuhörte. Er hatte Téa erblickt. Sie wurde von ihrem Vater auf ähnliche Weise unter Kontrolle gehalten, damit sie nicht einfach losrannte und die Neuankömmlinge begrüßte, ohne sich vorzusehen und Gefahr lief, so nahe am Wasser auszurutschen.

“Téa!”, rief Vedric und versuchte, seine Mutter an der Hand zu ziehen, damit sie ihre Schritte beschleunigte.

Junar lachte, als die Reisenden ihr kleines Begrüßungskommitee erreichten. “Euer Wirbelwind ist genauso ungeduldig wie unserer! Willkommen zurück, ihr alle!” Eryn umarmte zuerst die Schneiderin, dann Plia. Téa, ihre kleine Namensvetterin, schien sich in so etwas wie eine Schlacht der Wörter mit Vedric gestürzt zu haben. Beide schnatterten mit solch unglaublicher Geschwindigkeit, dass Eryn sich wunderte, ob irgendeiner von beiden verstand, was der andere von sich gab oder ob das Ziel darin lag, einfach nur die eigenen Neuigkeiten so rasch wie möglich loszuwerden.

Sie wandte sich Orrin zu, der seinem Sohn in einer herzhaften, mannhaften Begrüßung auf den Rücken klopfte, auf die gleiche Weise, wie er auch Enric begrüßte, nachdem sie einander ein paar Monate lang nicht gesehen hatten. Dies wirkte wie eine seltsam distanzierte Art für einen Mann, um seinen Sohn nach so langer Zeit zu begrüßen, doch Eryn wusste, dass es hier nur darum ging, den Anschein zu wahren. Der höchste Krieger des Ordens sollte sich in der Öffentlichkeit nicht allzu menschlich zeigen. Und einen anderen Mann zu umarmen hätte womöglich genau diesen Eindruck hinterlassen, auch wenn es sich dabei um seinen Sohn handelte. Doch sie wusste genau, dass Orrin genau das tun würde, sobald sie sich hinter geschlossenen Türen befanden.

Glücklicherweise kamen solche Einschränkungen im Umgang mit Frauen nicht zum Tragen. Somit was sie in der Lage, Orrin öffentlich zu umarmen, ohne seinen sorgsam kultivierten Ruf als furchteinflößender Kämpfer zu gefährden. Jeder wusste, dass das schwächere Geschlecht nahezu abhängig von Berührungen und Umarmungen war – wohingegen Männer sich selbstverständlich lieber die Augäpfel mit einem rostigen Rasierer behandeln würden als zuzugeben, dass sie solch einer enormen und peinlichen Schwäche wie einer Vorliebe für körperliche Nähe zum Opfer fielen.

Unauffällig beobachtete Eryn aus dem Augenwinkel, wie Plia Vern ein höfliches Lächeln schenkte und ihm ihre Hand entgegenstreckte.

“Willkommen zurück, Vern. Es ist lange her”, meinte sie freundlich.

Eryn applaudierte innerlich. Das hatte sie außergewöhnlich gut gemacht. Plia hatte ihm gezeigt, dass das völlige Fehlen von Kontakt zwischen ihnen in den letzten Jahren ihr nicht das Geringste ausmachte, dass sie nichts anderes als Bekannte waren, die einander eine Weile nicht getroffen hatten. Eryn bezweifelte, dass dies Plias wahren Gefühlen entsprach, dennoch hatte sie die Situation gut gemeistert.

Vern wirkte, als hätte ihn die Begrüßung vollkommen verwirrt. Eryn vermutete, dass er womöglich entweder einen tränenreichen oder aber einen kühlen Empfang als Ausdruck verletzter Gefühle erwartet hatte. Nun gut, wenn ihn das bereits aus der Bahn warf, dann würde er keineswegs angetan davon sein, wenn er erfuhr, dass Plia mit einem charmanten jungen Zimmermann liiert war.

“So, Orrin”, wandte sie sich an den Krieger und begrüßte ihn dann wie jedes Mal, wenn sie einander nach längerer Abwesenheit begegneten, immer mit der gleichen Frage: “Wurde dieser entsetzliche Orden nun endlich aufgelöst oder in etwas Nützliches verwandelt? Wie eine Gruppe reisender Musiker oder etwas in dieser Art?”

“Nein, er ist noch immer intakt”, erwiderte er gutmütig und fragte im Gegenzug: “Wie sieht es aus, nehmen wir unser Kampftraining morgen früh wieder auf? Ich wette, du hast es in der Fremde vernachlässigt, so wie du es jedes Mal tust.”

“Morgen?” Sie gab vor, darüber nachzudenken. “Ich glaube nicht, dass ich morgen verfügbar bin. Dieser fordernde Vorgesetzte, den wir haben, und die königliche Nervensäge werden uns gleich sehen wollen, darauf wette ich alles.”

Enric schüttelte leicht den Kopf, sparte sich aber die Mühe, ihr einmal mehr zu erklären, wie unklug es war, solche Bemerkungen zum Besten zu geben, solange sich ihr Sohn in Hörweite befand. Es schien, als hätte sie von dem kleinen Zusammenstoß mit Malriel erst vor wenigen Tagen nichts gelernt.

* * *

Sobald sie bei ihrem Haus eintrafen, öffnete Enric die Tür zum Innenhof, um die Bergkatze hinauszulassen. Erst vor ein paar Minuten hatte er Urban geweckt, nachdem sie die letzten vier Tage in einem magisch herbeigeführten Schlaf in einer Holzkiste verbracht hatte. Nun musste sie sich wieder an ein anderes Klima gewöhnen, an kühlere Temperaturen. Das dauerte in der Regel einen Tag oder zwei.

Anpassung war jedes Mal ein Thema, wenn sie den Ort wechselten, für alle von ihnen. Sechs Monate lang fort zu sein mochte nicht allzu lange erscheinen, doch es gab stets kleine Veränderungen sowohl in der jeweiligen Gesellschaft, in die sie zurückkehrten, als auch bei ihnen selbst.

Bei Vedric war das eindrucksvoll ersichtlich. Jedes Mal, wenn sie entweder in Takhan oder Anyueel ankamen, mussten sie seine gesamte Garderobe ersetzen, weil ihm nichts mehr passte, das für das lokale Klima angemessen war.

Er ging in sein Arbeitszimmer und nahm die Nachrichten zur Hand, die im Laufe der letzten paar Tage angekommen waren. Alles davor war an ihre Residenz in Takhan übermittelt worden. Eine Nachricht war von Tyront, eine weitere vom König, die ihn beide sehr höflich anwiesen, sie am Tag nach ihrer Ankunft aufzusuchen. Das war zu einer Routine geworden, eine, die er auch verfolgt hätte, wäre er nicht vorgeladen worden. Eryn würde die gleichen Nachrichten auf ihrem eigenen Schreibtisch vorfinden, vielleicht noch mit einer dritten von Lord Poron. Diese letzte jedoch würde tatsächlich eine freundliche Einladung sein, sich mit einer Tasse Tee zusammenzusetzen und zu besprechen, was sich in der Klinik tat.

Was das Heilen anbelangte, war Eryns Position ein klein wenig kompliziert. Schon die letzten sechs Jahre, seit Lord Poron zum Oberhaupt der Heiler bestellt wurde – die Position, die Eryn ursprünglich selbst bekleiden hatte wollen. Nach Stärke gemessen war Lord Poron die Nummer fünf, Eryn Nummer drei. In einer Institution, wo der Rang von der magischen Stärke abhing, war sie somit seine Vorgesetzte. Da Eryn allerdings auch in einer Eigenschaft als Heilerin in der Klinik Arbeit verrichtete, war sie damit Lord Poron unterstellt, der dieser Disziplin vorstand. Somit war sie die Untergebene ihres eigenen Untergebenen.

Nach ein paar anfänglichen Schwierigkeiten bezüglich Zuständigkeit hatten Eryn und Lord Poron zu einer bequemen, halb-offiziellen Routine gefunden. Lord Poron berichtete an Eryn – wozu er verpflichtet war. Und er fragte sie nach ihrer Meinung und ihrem Rat und teilte seine persönlichen Gedanken mit ihr – wozu er nicht verpflichtet war. Eryn behandelte ihn im Gegenzug nicht wie einen Untergebenen und akzeptierte seine Entscheidungen, auch wenn sie selbst womöglich anders gehandelt hätte. Sie schafften es, die Klinik in einer Gesinnung von Zusammenarbeit und Gleichheit am Laufen zu halten und sie ständig zu verbessern. Enric vermutete, dass es die Sache beträchtlich erleichterte, dass Eryn keine große Freundin von Hierarchien war. Auch wenn sich Lord Poron bislang kein einziges Mal in einer Weise geäußert hätte, die auf Unmut darüber schließen ließ, dass er einer Frau unterstellt war, die nicht einmal die Hälfte seiner Jahre zählte, machte Eryns Aversion gegen das Ausspielen ihres Rangs die Dinge zweifellos unkomplizierter.

“Die Üblichen?”

Er blickte auf, als Eryn in sein Arbeitszimmer schlenderte, in ihrer Hand ein paar Nachrichten.

“Ja, der König und Tyront.” Er nickte zu den Blättern in ihrer Hand. “Und du hattest zudem noch eine von Lord Poron, wie ich annehme?”

“Ja, so wie immer.” Sie ließ sich auf das Sofa neben seinem Schreibtisch sinken. “Für mich ist das zu einer Art Willkommensritual geworden – heimkommen und jedes Mal die gleichen drei Nachrichten in meinem Arbeitszimmer vorfinden. Ich schätze, ich wäre ernsthaft besorgt, sollten eines Tages nur zwei davon auf mich warten.” Sie hob eines der Blätter. “Der König will mich zweimal sehen. Einmal gemeinsam mit dir und einmal mit Vedric. Das ist neu. Hast du irgendeine Ahnung, was der Grund sein könnte?”

Enric dachte einen Moment lang nach. “Er ist Vedrics Pate. Und der Junge wird nun langsam alt genug, damit man eine halbwegs vernünftige Unterhaltung mit ihm führen kann.”

“Du denkst also, er will ab jetzt den netten Onkel spielen? Warum will er mich mit dem Jungen sehen, warum nicht uns beide?”

“Nun, seine Anziehung dir gegenüber war stets stärker ausgeprägt als zu mir”, erwiderte er, sein Tonfall etwas trocken.

Sie lachte. “Ich bezweifle, dass das sein primäres Motiv ist. Mich kann er einfach nur leichter manipulieren als dich.”

Er lächelte. Damit hatte sie Recht. Obwohl sich ihre eigenen Fähigkeiten in politischer Strategie, oder wie sie es zu nennen pflegte die Disziplin, andere zu manipulieren und zu belügen, damit sie taten, was man von ihnen wollte in den letzten paar Jahren ebenfalls verbessert hatten.

Er beobachtete, wie sie die Nachricht des Königs ein weiteres Mal durchlas. Eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau Mitte Dreißig, ihre Haut gebräunt von ihrem Aufenthalt in einem Wüstenland, deren braune Augen den Zeilen auf dem Papier vor ihr folgten. Mittlerweile waren sie seit sieben Jahren zusammen. Bislang die besten sieben Jahre seines Lebens. In der Vergangenheit hatte es ein paar beträchtliche Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden gegeben, doch soweit sie waren siegreich daraus hervorgegangen.

Sie hatte sein Leben weit über seine Vorstellungen hinaus bereichert. Zum einen hatte er natürlich eine Person an seiner Seite, die er mehr liebte als sein Leben. Das allein war bereits eine bemerkenswerte Verbesserung im Vergleich zu den ersten vierunddreißig seines Lebens. Doch die Verbindung mit Eryn beinhaltete noch einiges mehr. Dank ihres Bruders Vran’el, dem Oberhaupt des Hauses, in das sie sich hatte adoptieren lassen, mussten sie sechs Monate jeden Jahres in Takhan verbringen. Vran’el wollte engen Kontakt zu Vedric, dem aktuellen Erben seines Hauses, halten. Und auch zu seiner Schwester aus der Fremde. Wäre nicht der König, der ebenso starke Ansprüche auf Eryn und Enric geltend machte, hätte Vran’el womöglich sogar versucht, sie zu einem dauerhaften Umzug in die Westlichen Territorien zu zwingen.

Eryns Gefährte zu sein hatte ihm kurz gesagt eine vollkommen neue Familie, neue Freunde, eine neue Kultur, neue Geschäftsmöglichkeiten und auch eine neue Perspektive hinsichtlich verschiedener Dinge eingebracht. Sie war in bescheidenen Verhältnissen aufgezogen und von dem Mann, den sie für ihren Vater gehalten hatte, unterwiesen worden. Das bedeutete, dass die Anhäufung großer Geldsummen für sie kein Ziel war, das es Wert war, sein Leben danach auszurichten. Das hatte in der Vergangenheit zu zahlreichen Diskussionen zwischen Eryn und Enric geführt. Schließlich hatte er ihr Gewissen zu beruhigen vermocht, indem er ihr einen Teil ihrer beträchtlichen finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellte, damit sie sie für die Errichtung und den Betrieb eines Waisenhauses sowie jegliche anderen wohltätigen Zwecke, die sie für unterstützungswürdig befand, verwenden konnte.

Und dann hatte sie ihn noch mit einem Sohn beschenkt – wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Eine Zeitlang hatte er gehofft, sie würden ein weiteres Kind bekommen, doch Eryn hatte ursprünglich nicht einmal ihr erstes gewollt und somit sichergestellt, dass es kein weiteres geben würde. Niemals. Sie hatte dauerhafte Maßnahmen ergriffen, die kein Fruchtbarkeitstrank, mochte er auch noch so mächtig sein, jemals überwinden würde können.

“Ich bin müde”, seufzte Eryn.

“Dann geh und leg dich hin, Liebste. Vedric wird noch eine Weile bei Orrin und Junar sein, und die Diener kümmern sich um unser Gepäck. Möchtest du zuerst ein Bad nehmen?”

Sie lächelte sehnsüchtig. Ein Bad. Sie liebte Bäder. Doch ein halbes Jahr in einer Gegend zu verbringen, wo Wasser recht rar war, bot ihr diese Gelegenheit nicht besonders oft. Zumindest nicht ohne ein schlechtes Gewissen, wenn sie an die Leute in der Stadt dachte, die es nötiger brauchten.

“Ja, ich denke, das werde ich. Ich suche mir nur noch ein Buch aus, über dem ich hinterher einschlafen kann.” Damit stand sie auf und verließ sein Arbeitszimmer. Ihre Nachrichten ließ sie gedankenverloren auf seinem Sofa zurück.

* * *

“Lady Eryn. So wie jedes Mal nach Eurem Aufenthalt in Takhan bin ich froh, Euch wieder hier zu haben. Das Leben in der Stadt mutet während der Zeit, die Ihr hier mit uns verbringt, abwechslungsreicher und unterhaltsamer an”, lächelte der König und ergriff ihre beiden Hände, um sie zu sich zu ziehen und ihre Wangen zu küssen.

Innerlich seufzte sie. Niemand anderem als sich selbst konnte sie die Schuld dafür zuschreiben. Vor fünf Jahren hatte sie ihm kühn demonstriert, dass sie seine Berührung nicht länger fürchtete. Daraufhin hatte er sich entschlossen, ihr gegenüber den traditionellen Gruß aus ihrem Heimatland anzuwenden, wenn er sie mehr oder weniger allein antraf. Hinsichtlich ihrer Beziehung als König und Untertanin fand sie dies ein wenig zu dreist, doch sie verstand, dass dieser Faktor – das Übertreten einer Grenze – genau das war, was für ihn den Reiz ausmachte.

“Eure Majestät”, erwiderte sie, “es ist auf jeden Fall gut, wieder zurück zu sein.”

Der Blick des Königs wanderte zu dem fünfjährigen Vedric, der sich daraufhin wieder erinnerte, dass es in Gegenwart des Mannes mit der goldenen Krone ein gewisses Protokoll zu befolgen gab und eine hastige, leicht ruckartig anmutende Verbeugung vollzog.

“Junger Mann.” Der Monarch nahm ihn mit einem Nicken zur Kenntnis. “Wie stehen die Dinge um Takhan?”

Der Junge dachte einen Moment lang nach, dann hellte sich sein Gesicht auf. “Da war ein großer Sandsturm! Der Sand war überall, sogar in meiner Unterwäsche und zwischen meinen Zehen! Und in meinen Ohren!” Dann verdüsterte sich seine Miene. “Aber dann haben die Magier ihn einfach aufhören lassen.”

“Wir haben ihn nicht wirklich aufgehalten, Liebling.” Eryn lächelte über seine Enttäuschung darüber, dass diese spezielle Naturgewalt entschärft worden war, noch bevor er Gelegenheit hatte, alle möglichen Schrecken auszukosten. “Wir haben lediglich einen Schild um die Stadt errichtet.”

Vedric zuckte mit den Schultern. Offensichtlich sah er wenig Sinn in der Betonung dieses Details, wo doch das Ergebnis aus seiner Sicht das gleiche war. Er blickte zurück zum König. “Und ich habe eine Nacht im Waisenhaus verbracht! Es war einfach toll – sie können dort im gleichen Zimmer mit anderen Kindern schlafen, und da ist immer jemand, der spielen will! Aber am nächsten Morgen nach dem Frühstück musste ich wieder nach Hause”, fügte er hinzu, erneut einer Gelegenheit für Spaß beraubt.

“Die Idee war nicht, dass du dich dort amüsierst”, betonte seine Mutter ihn mit einem leicht irritierten Unterton. “Du solltest dabei etwas lernen und erkennen, wie privilegiert dein eigenes Leben ist im Vergleich zu anderen Kindern.”

Der König lächelte. “Ich verstehe. Offensichtlich teilt Euer Sohn Eure eigene Gleichgültigkeit Luxus gegenüber, meine liebe Lady. Ich könnte mir denken, dass das Abenteuer, eine Nacht in einem Haus voller Kinder zu verbringen, die fehlende Pracht, die er von seinem Zuhause kennt, mehr als ausgleicht. Ein Einzelkind hat andere Prioritäten als eines mit Geschwistern – wie zum einen die ständige Verfügbarkeit von Spielgefährten.”

Eryn lächelte gekünstelt. Sie war es müde, dass dieses Thema einmal mehr zur Sprache gebracht wurde. Als wäre es nicht nervenaufreibend genug, dass Malriel sie dazu drängte, sich noch einmal fortzupflanzen und alle möglichen Leute sie mit gutgemeinten Hinweisen bedachten. Aber natürlich würde der König solch eine praktische Gelegenheit sie zu irritieren nicht vorüberziehen lassen. Es wäre untypisch für ihn.

“Oh, selbstverständlich”, nickte sie und fügte dann mit vor Sarkasmus triefender Stimme hinzu: “Dann sollte ich besser zusehen, dass er Geschwister bekommt, um diese schreckliche Leere in seinem Leben zu füllen.”

“Ein Bruder!” Vedric sprang auf und ab und klatschte in die Hände. “Ich will einen Bruder!”

Sie wandte sich in seine Richtung und sah auf ihn hinab. Wie nur schaffte er es, dass sich jede Unterhaltung, an der er teilnahm, in letzter Zeit so mühsam für sie gestaltete? “Erstens war das eine sarkastische Bemerkung. Über Sarkasmus haben wir gesprochen – das ist, wenn du nicht wirklich meinst, was du sagst, sondern genau das Gegenteil. Ich habe nicht die Absicht, noch ein Kind zu bekommen. Und zweitens bestünde selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich doch ein Kind bekomme, die Möglichkeit, dass es ein Mädchen wäre.”

“Aber wir haben doch schon so viele Mädchen!” protestierte er und ignorierte den Teil, wo man ihm erklärt hatte, dass es keine Geschwister mehr geben würde, vollkommen. Mit Hilfe seiner Finger erstellte er eine Liste der weiblichen Kinder seines Alters auf beiden Seiten des Meeres. “Da ist Téa, Ha’im, Akalee und Zahyn!” Es klang, als hätten Orrin, Pe’tala und Ram’an nur Mädchen gezeugt, um ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen.

“Ich gehe davon aus, dass es im Waisenhaus Jungs gab?”, erkundigte sich der König mit einem wissenden Lächeln.

“Ja, viele!”, bestätigte Vedric eifrig, seine Augen groß bei der erfreulichen Erinnerung. “Einer davon konnte meinen Namen rülpsen!”

Der König nickte, offenkundig nicht im Mindesten überrascht von Vedrics Bewunderung für diese spezielle Fertigkeit. “Tatsächlich ein eindrucksvolles Kunststück. Wie bedauerlich, dass deine Eltern nicht willens scheinen, dir entgegenzukommen, indem sie dir einen Bruder schenken, mein junger Freund.”

“Vater würde schon. Mutter sagt nein”, seufzte der Junge und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

“Wer sagt das?”, schnappte Eryn.

“Großmutter”, gab er triumphierend zurück, als hätte er den Wahrheitsgehalt der Aussage über alle Zweifel hinweg bewiesen, indem er diese besonders vertrauenswürdige Quelle zitierte.

“Wenn wir gerade von deiner Großmutter sprechen”, warf König Folrin ein, bevor Eryn etwas darauf erwidern konnte. “Wie ergeht es Malriel?”

Vedric seufzte. “Sie sagt, ich darf nicht Königin der Dunkelheit zu ihr sagen. Weil es nicht nett ist.”

Der Monarch nickte langsam. “Sie hat Recht, das ist es nicht. Ich könnte mir denken, dass deine Mutter auf jeden Fall daran arbeiten wird, von nun an ihre Zunge in deiner Gegenwart besser im Zaum zu halten. Aufmerksame junge Ohren und ein Mund, der wenig Zurückhaltung zeigt, wenn es um die Weitergabe von heiklen Kleinigkeiten geht, sind niemals eine unproblematische Kombination.” Er sah nachdenklich auf den Jungen hinab, bevor er fragte: “Welche Ausdrücke benutzt deine Mutter, wenn sie von mir spricht?”

Eryns Augen weiteten sich alarmiert. Sie schluckte, dann nahm sie rasch die Hand des Jungen in ihre und drückte sie warnend. Was war gar nicht gut.

“Eure Majestät, ich denke…”, begann sie, doch der Monarch hob lediglich – ohne auch nur einen Blick für sie zu erübrigen – eine Hand, die ihr zu schweigen gebot.

Seine Augen blieben auf den Jungen gerichtet, und er lächelte. “Bitte, Lady Eryn, unterbrecht nicht die Unterhaltung, die ich mit Eurem Sohn führe. Es ist nicht höflich.” Er deutete auf das dünne goldene Band auf seinem Kopf. “Nun, junger Mann, du bist dir im Klaren darüber, was das hier bedeutet?”

Vedric nickte und antwortete fröhlich: “Ihr seid der König, und alle müssen tun, was Ihr sagt.”

“Sehr gut. Eine Lektion, die ein junger Mensch meiner Ansicht nach nicht zu früh lernen kann. Natürlich musst du auch die Anweisungen deiner Mutter befolgen. Sollten jedoch meine Wünsche und ihre nicht die gleichen sein, müsstest du dich den meinen beugen. Verstehst du das?”

“Ja. Ihr seid wichtiger als sie”, verkündete der Junge feierlich.

“Ja, warum nicht?”, stimmte der König nach kurzer Überlegung zu. “Drücken wir es der Einfachheit halber so aus. Nun, wie nennt deine Mutter mich im Allgemeinen, wenn sie von mir spricht?”

Eine Plage wie sie im Buch steht”, antwortete Vedric wie der wohlerzogene kleine Junge, der er nicht war, den er jedoch zuweilen so überzeugend imitieren konnte, wenn es seinen Zwecken diente.

“Ich verstehe. Sonst noch etwas?”

Königliche Nervensäge”, fügte Vedric nach einem Moment des Nachdenkens hinzu, dann zuckte er mit den Schultern.

Eryn schloss die Augen. Sie hätte seine Stimmbänder vorübergehend außer Gefecht setzen sollen, um ihn vom Antworten abzuhalten, sobald der König ihn ansprach. Warum fiel ihr das erst jetzt ein?

“Wie ungemein interessant. Vielen Dank, Vedric. Gut gemacht. Lass mich dir eine weitere Frage stellen: Wie spricht dein Vater von mir?”

“Seine Majestät. König Folrin. Oder der König”, antwortete der Junge ohne Zögern.

“In der Tat. Und wie verweist er auf deine Großmutter?”

“Malriel.”

“Immer? Da gibt es keinen anderen Namen, mit dem er sie bedenkt? Nicht einmal, wenn er verärgert ist?”

Vedric dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf.

“Bestens. Ich gestehe, dass mich Lord Enrics Voraussicht hinsichtlich seiner Ausdrucksweise sogar in privatem Umfeld nicht überrascht. Ich könnte mir denken, dass es hier eine Lektion zu lernen gibt, sowohl für dich als auch deine Mutter. Nämlich, dass man sich auf lange Sicht Ärger ersparen kann, wenn man von einer Person stets mit ihrem ordentlichen Namen oder ihrem Titel spricht, selbst wenn man verstimmt ist.”

“Jawohl, Eure Majestät”, murmelte Eryn und hielt ihren Blick zurückhaltend zu Boden gerichtet, um ihre Frustration darüber zu verbergen, dass sie gemeinsam mit einem Fünfjährigen belehrt wurde.

“Vedric”, fuhr König Folrin fort, “ich habe einen wichtigen Auftrag für dich. Ich brauche deine Unterstützung, damit wir deiner Mutter bei ihrem… Problem mit dem Zeigen von Respekt helfen können. Somit ersuche ich dich also, sie jedes Mal zu korrigieren, wenn sie einen Ausdruck benutzt, den man nicht als höflich oder respektvoll betrachten würde. Kann ich mich in dieser Sache auf dich verlassen?”

Der Junge straffte die Schultern und nickte, unverkennbar begeistert, dass man als wichtig genug erachtete für das Privileg, dem König persönlich zu Diensten sein zu dürfen.

“Ausgezeichnet.”

* * *

Tyront bedeutete Enric, im Salon Platz zu nehmen, während er selbst zwei Gläser mit dem Wein füllte, den Enric bekanntermaßen bevorzugte. Obwohl der Grund für diese Zusammenkunft Ordensangelegenheiten betraf, wollte er sie dennoch nicht in seinem Arbeitszimmer abhalten. Sein erstes Zusammentreffen allein mit Enric nach einigen Monaten der Trennung, im Laufe derer es lediglich schriftlichen Austausch gab, musste in einer freundlicheren Umgebung stattfinden. Seit ihrer ersten und bislang einzigen Auseinandersetzung vor einigen Jahren, als Enric den Befehl seines Vorgesetzten ignoriert und den König beinahe bis zur Leblosigkeit gewürgt hatte, war Tyront darauf bedacht, dass sie sich stets freundschaftlich trennten, wenn Enric das Land verlassen musste, und mit gleicher Wärme wieder aufeinandertrafen.

“So”, sagte Enric, nachdem er das Glas entgegengenommen hatte. “Heraus damit.”

Tyront hielt sich nicht damit auf vorzugeben, es gäbe nichts, das er ansprechen wollte. Etwas, das er nicht während ihres ersten Treffens am gleichen Tag in Eryns Gegenwart hatte erwähnen wollen.

“Ich muss dich nach Bonhet schicken, damit du einen Blick darauf wirfst, wie die Dinge in dem neu errichteten Ordensaußenposten laufen. Unsere Kollegen dort sollen nicht vergessen, dass sie uns weiterhin Rechenschaft schulden, auch wenn sie nun an einem anderen Ort als dem Hauptquartier stationiert sind.”

Enric nickte. Der Auftrag versetzte ihn nicht eben in Begeisterung, doch er war vernünftig. Und ganz unerwartet kam er zudem nicht. Dies war das erste Mal seit Jahrhunderten, dass Magiern gestattet wurde, die Hauptstadt zu verlassen und sich anderswo niederzulassen. Nun, nicht genau dort, wo sie wollten, sondern in einem designierten Ordensaußenposten, aber dennoch. Es musste von Beginn an klar sein, dass dieser neue Standort ihnen keinerlei Unabhängigkeit von den Richtlinien des Ordens oder den damit verbundenen Pflichten gewährte. Und wer war besser dazu geeignet, ihnen das ins Gedächtnis zu rufen als die Nummer zwei des Ordens? Tyront stand es nicht frei herumzureisen, er musste kurzfristig verfügbar sein und den Rat der Magier im Zaum halten.

“Du könntest Eryn und den Jungen mitnehmen”, schlug Tyront vor als wollte er den Befehl, mit dem er ihn so kurz nach seiner Ankunft aus den Westlichen Territorien schon wieder auf den Weg schickte, etwas abmildern. “Ein paar Heiler werden dort immerhin ebenfalls stationiert sein. Sie könnte sich bei deren Eingewöhnung als hilfreich erweisen.”

Der jüngere Mann lächelte in Anerkennung der Geste, schüttelte aber bedauernd den Kopf. “Es wäre nicht fair, sie schon so bald wieder von hier fortzubringen. Sie braucht etwas Zeit, um den Kontakt mit den Leuten, die ihr nahestehen, wieder zu festigen und sich über all die Veränderungen in unserer Abwesenheit zu informieren. Es gibt immer ein paar Schwierigkeiten, die es in keine der Nachrichten schaffen, die man uns schickt und die nach unserer Rückkehr hierher Stück für Stück aufgedeckt werden müssen. Und Vedric muss sich auch rasch hier an den Alltag gewöhnen. Immerhin soll er in ein paar Monaten seinen Unterricht hier beginnen.”

“Ich weiß, dass du es ebenfalls vorziehen würdest, nicht zu gehen”, meinte Tyront und lehnte sich mit seinem Glas zurück. “Und ich schätze es, dass du dich weder beschwerst noch versuchst, mich umzustimmen. Ich werde dich nicht lange fortschicken. Zwei oder drei Tage sollten ausreichen um sicherzustellen, dass dort alles in Ordnung ist.”

Für den Moment, dachte Enric. Der zweite neue Außenposten in Rokhstend sollte in ein paar Monaten eröffnet werden, und er hegte keinen Zweifel daran, dass man ihn auch dorthin entsenden würde. Und ihn immer auf die Reise schicken würde, wenn es Schwierigkeiten an einem Standort gab und seine Autorität oder Erfahrung erforderlich waren, um sich darum zu kümmern. Doch zumindest waren Vögel verfügbar, um zügig mit den Außenposten zu kommunizieren und kleinere Angelegenheiten rasch und ohne die Notwendigkeit einer Reise zu erledigen, wenn sich Schwierigkeiten ergaben.

“Dann würde ich vorschlagen, dass du dich in den nächsten paar Tagen auf den Weg machst, damit du bald wieder zurückkehren und dich endlich hier eingewöhnen kannst. Wie ich höre, hat Vern sein neues Quartier bereits bezogen”, bemerkte Tyront und lenkte das Thema damit von der unbequemen Entsendung weg.

“Ja, das hat er. Es ist nicht weit von der Klinik entfernt, also hat er einen kurzen Arbeitsweg. Das Geld, das er in Takhan mit seiner Kunst verdient hat, ermöglicht ihm, sich eine Unterkunft zu nehmen, die sich nicht viele in seinem Alter leisten könnten, ohne auf die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern zurückzugreifen.”

Der Anführer des Ordens nickte. “Ich weiß. Zumindest wird er es gemütlich haben. Das ist ein positiver Aspekt, da ich annehme, dass es nicht leicht für ihn sein wird, hierher zurückzukehren, wo sein künstlerisches Talent so wenig geschätzt wird.”

Genau das bereitete auch Enric Sorgen. Vern war seit dem Beginn seines Trainings in Takhan kein einziges Mal zurück in Anyueel gewesen. Außer den Gelegenheiten, wo ihn seine Familie in Takhan besuchte, hatte er keinerlei Kontakt mit seinem Heimatland gepflegt. Seinen Möglichkeiten hier in Anyueel waren Grenzen gesetzt, die es in Takhan einfach nicht gab. Er fragte sich, ob Vern dies frustrierend finden und ob der Junge, oder eher junge Mann, damit fertigwerden würde.

“Orrin ist enorm froh, seinen Jungen zurückzuhaben”, schmunzelte Tyront. “Ich kann nicht einmal mehr zählen, wie oft ich ihm versichern musste, dass Vern keine Möglichkeit hat, seinen Aufenthalt nach dem Ablegen seiner Zertifizierungsprüfungen noch zu verlängern, dass der Orden einer möglichen Anfrage dieser Art nicht zustimmen würde. Nicht, dass der Junge es versucht hätte, wohlgemerkt. Entweder hat er seine Heimat vermisst und wollte zurückkommen, er wollte seinem Vater nicht das Herz brechen, oder er wusste, dass es wenig Hoffnung gab, dass wir ihn noch länger dortbleiben lassen.”

“Wir werden ihm allerdings die Erlaubnis erteilen müssen, gelegentlich für kurze Besuche nach Takhan zurückkehren”, betonte Enric. “Er hat dort viele Freunde gewonnen und wird auch den Kontakt mit seinen Kollegen und den anderen Künstlern pflegen wollen.” Was ein weiterer Punkt war, der das Potential barg, Vern Kummer zu bescheren – er ließ wesentlich mehr Freunde in Takhan zurück als er in Anyueel vorfand. Doch zumindest Geliebte hatte er keine in Takhan zurücklassen müssen. Ein gebrochenes Herz zusätzlich zu seinem Neubeginn in Anyueel hätte ihm die Sache erheblich erschwert. Allerdings waren Verns Affären für ihre kurze Dauer und große Anzahl bekannt. Sie hatten niemals lange genug gedauert, als dass daraus eine ernsthafte Verbundenheit mit einer seiner Partnerinnen für vergnügliche Stunden entstehen hätte können.

“Das wird kein Problem sein. Wir werden darauf bestehen, dass er seine Besuche so ansetzt, dass er gemeinsam mit euch nach Anyueel zurückkehren kann.”

Enric schwenkte den Wein in seinem Glas und beobachtete, wie die dunkle Flüssigkeit das Licht schluckte. “Du fürchtest also, dass er nicht freiwillig zurückkehren würde, wenn niemand sicherstellt, dass er an Bord des Schiffes geht?”

“Ganz so drastisch würde ich es nicht ausdrücken, doch es schadet nicht, auf Nummer sicher zu gehen.”

Enric nickte. Dem stimmte er vollkommen zu.

* * *

Zum ersten Mal in sechs Monaten stieß Eryn die Türen der Klinik wieder auf. Dieser Akt vermittelte ihr das Gefühl, als käme sie zum zweiten Mal nach Hause. Ganz egal, dass Lord Poron zum Oberhaupt der Heiler bestellt worden war – sie betrachtete all das hier immer noch als ihres. Sie hatte es ins Rollen gebracht, aufgebaut, darüber gewacht und sein Wachstum unterstützt. Obgleich sie Bedauern verspürte, wenn sie daran dachte, dass ein beträchtlicher Teil dieses Wachstums und der Veränderungen nun in ihrer Abwesenheit geschahen. Natürlich hatte Lord Poron sie mit seinen Nachrichten über alles, was während ihrer Aufenthalte in Takhan passiert war, auf dem Laufenden gehalten, doch es war ein Unterschied, ob man aktiv daran teilnehmen konnte, einen Ort zu formen, oder ob man darüber informiert wurde, wie es andere taten.

Selbst jetzt nach ihrer Rückkehr war Eryn nicht wirklich in einer Position, Entscheidungen zu treffen. Sie konnte Lord Poron und den König lediglich beraten und abwarten, ob man ihre Ideen als brauchbar genug erachtete, um sie umzusetzen. Nicht, dass sie sich darüber beschweren konnte, dass man ihren Rat ignorierte. Ganz im Gegenteil – beide waren bestrebt, sie einzubinden und den Eindruck zu vermeiden, sie gehöre nicht länger hierher. Dennoch war dieser Tage alles so ungemein bürokratisch geworden. Sicher, eine wachsende Anzahl an Heilern aus zwei verschiedenen Ländern, die in der Klinik arbeiteten, sowie die erste Gruppe an nicht-magischen Heilern, die sie vor einem Jahr aufgenommen hatten, erforderte eine gewisse Struktur – das war ihr durchaus bewusst. Doch ihrer Ansicht nach war hier auch die Handschrift des Ordens unverkennbar. Wenn die Dinge ohnehin bereits kompliziert waren, dann vermochte es der Orden, sie beinahe undurchschaubar zu gestalten. Alles hatte auf ihre lange bewährte, staubige, bürokratische Art und Weise zu geschehen.

Sie setzte ihren Weg in die obere Küche, die sie vor zwei Jahren eingerichtet hatten, fort. Dank der wachsenden Zahl an Heilern sowohl aus Takhan als auch Anyueel war der kleine Raum unten der Herausforderung, allen Platz zu bieten, einfach nicht mehr gewachsen gewesen.

Neuankömmlinge gewöhnten sich rasch an die Routine, den Tag mit einer informellen Zusammenkunft in der Küche zu beginnen, ein warmes Getränk zu sich zu nehmen und über dieses und jenes zu tratschen. Es war ein wirksamer Weg, um unter den Heilern ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu stärken und half auch dabei, Neuzugänge der gesamten Belegschaft vorzustellen.

Jubel brach aus, als Eryn den Raum betrat, und Lebern – einer der ersten Heiler, die sie nach Eröffnung der Klinik vor sieben Jahren aufgenommen und ausgebildet hatte – rief aus: “Seht nur, wer von der anderen Seite des Meeres zurückgekehrt ist! Lady Maltheá von Haus Vel’kim!”

Eryn warf ihm einen bösen Blick zu. Er wusste genau, wie sehr sie es hasste, mit ihrem Titel und ihrem in Takhan offiziellen Namen angesprochen zu werden. Der Name, der sie noch immer mit Malriel von Haus Aren verband, da er zeigte, dass sie der gleichen Familie entstammten.

“Mach nur weiter so, und ich werde die Sachen, die ich aus Takhan mitgebracht habe, wieder zurückschicken.”

Lebern horchte auf. “Du hast Geschenke mitgebracht?”

“Natürlich habe ich das. Einige Instrumentengarnituren für Diagnose und Behandlung, zwei weitere Bücher über Heilkräuter, die mein Vater verfasst hat, und einige Fässer von diesem entsetzlichen Getränk, das ihr so toll findet, weil es euch wach und aufmerksam hält.”

Onil lachte. “Wenn du so weitermachst, werden wir dich jedes Mal mit einer Parade begrüßen müssen, wenn du aus Takhan zurückkommst.”

Eryn schüttelte den Kopf, froh darüber, dass sie trotz der zunehmenden Anzahl an Heilern und ihren eigenen immer wiederkehrenden langen Abwesenheit so mühelos ihren Platz unter ihnen fand. “Opportunistischer Haufen. Geht mir aus dem Weg, ich brauche etwas zu trinken.”

“Das Übliche?”, fragte ein anderer Heiler. Auf ihr Nicken hin nahm er einen Becher zur Hand, füllte ihn mit Wasser und schüttelte ein wenig ihres bevorzugten Kräuterpuders aus einem Vorratsglas hinein, bevor er das Getränk mit etwas Magie erhitzte und ihr reichte.

Eryn lächelte dankbar und genoss das wohlige Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, wo die Leute ihr das Gefühl gaben, dass sie dazugehörte, wo man wusste, was sie morgens gerne trank und wo man sie jedes Mal nach ihrer Ankunft willkommen hieß.

“Bist du auf dem Weg zu LP?”, fragte Lebern grinsend. Mit LP bezog man sich dieser Tage auf Lord Poron, zuweilen sogar in seiner Gegenwart. Ihn störte es allerdings nicht, sondern er betrachtete es als Kosenamen.”

“Ja, warum?”

“Dann mach dich auf eine winzig kleine Überraschung gefasst.”

Auf ihren fragenden Blick hin grinste er nur und hegte ganz offensichtlich keinerlei Absicht, sie wissen zu lassen, was sie erwartete.

“Also schön, dann gehe ich mal los und sehe mir an, was diese kryptische Bemerkung zu bedeuten hat. Die Sachen aus Takhan sollten heute irgendwann vom Hafen geliefert werden. Seht zu, dass jemand dafür unterschreibt und sie dann verstaut.”

Damit wandte sie sich ab und ging die paar Schritte zu Lord Porons Arbeitszimmer.

“Herein”, hörte sie ihn auf ihr Klopfen hin antworten und öffnete die Tür.

Loft mit seinem kahlen Haupt und ewigem Stirnrunzeln stand vor dem Schreibtisch, ohne mehr als einen flüchtigen Blick in ihre Richtung zu werfen. Augenscheinlich war er ebenso wenig begeistert über das Zusammentreffen mit ihr wie sie es war, ihn zu sehen. Sie tauschten ein knappes Nicken, dann machte sich Loft in Richtung der Verbindungstür davon und verschwand in sein eigenes Zimmer.

Lord Poron stand von seinem Stuhl auf und lächelte bei ihrem Anblick erfreut.

Eryn erwiderte das Lächeln, dann blinzelte sie. Ach du lieber Himmel! Er sah anders aus, und zwar radikal. Das war es offenkundig, worauf Lebern angespielt hatte. Lord Poron erschien nicht länger wie ein Mann in seinen Achtzigern, sondern hatte etwa zwanzig Jahre abgestreift.

“Ihr seht…” Sie hielt inne und überlegte, wie sich dieser unverkennbare Wandel höflich ansprechen ließ. Manche Leute reagierten etwas empfindlich, wenn jemand eine kosmetische Veränderung kommentierte.

“Jünger aus?”, schlug Lord Poron mit einem amüsierten Glänzen in seinen Augen vor.

Gut. Zumindest gab er sich nicht der Illusion hin, die Leute würden die dramatische Veränderung seines Erscheinungsbildes nicht sofort bemerken.

“Ja. Jünger.” Sie näherte sich seinem Schreibtisch und nahm davor Platz, als er auf einen Sessel deutete. “Wie kommt das? Ihr wart stets recht widerwillig, auch nur die Beschwerden wegzuheilen, die das Alter mit sich brachte. Ihr sagtet, Ihr fändet es frivol, Eure Magie und Euer Heilerwissen für so etwas einzusetzen. Was hat Eure Meinung geändert?”

Er lachte leise. “Mehrere Faktoren. Zum einen war da Aurna.”

Sie grinste. Wie es aussah, hatte seine Gefährtin also weniger Bedenken dabei, Magie für Zwecke außerhalb der medizinischen Notwendigkeit einzusetzen.

Er fuhr fort: “Vor ein paar Monaten überredete sie mich, sie ein wenig jünger erscheinen zu lassen. Nun, nicht nur ein wenig, wenn ich vollkommen ehrlich bin. Sie sieht jetzt so alt wie Vyril aus.”

Eryns Augenbrauen wölbten sich nach oben. So alt wie Tyronts Gefährtin? Das bedeutete, dass Aurna nun fünfundzwanzig Jahre jünger aussah!

“Aurnas Falten haben mich nie gestört”, seufzte er. “Zusammen alt zu werden ist ein Privileg, wenn man eine Person findet, an der man hängt. Sich dem Teil mit dem Altern zu verwehren und einfach nur das Zusammensein genießen fühlt sich noch immer ein wenig wie Schummeln an. Als wären wir unwillig, den Preis zu bezahlen. Doch nach einigen Monaten, in denen ich mich geweigert hatte, schaffte Aurna es schlussendlich, mich zu überreden. Sie ist meine Gefährtin, also wie könnte ich ihr auf Dauer verweigern, was sie sich so inniglich wünscht, wenn es in meiner Macht steht, ihr solch eine Veränderung zu gewähren?”

Sie nickte. “Natürlich konntet Ihr das nicht. Und das hat Euch dazu bewogen, auch Euer eigenes Erscheinungsbild zu verändern?”

“Nicht zu Beginn. Ich war durchaus zufrieden damit, meinem Alter entsprechend auszusehen. Doch eines Tages gingen wir zu einem der Geschäfte auf der anderen Seite der Stadt, wo wir uns sonst nicht aufhalten und man uns nicht kennt. Irgendeine Freundin von Aurna hatte ihr ein kleines Porzellangeschäft für besonders kunstvolle Schalen empfohlen. Ich war an diesem Tag ohne meine Robe unterwegs.” Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. “Der Betreiber des Geschäfts fragte mich, ob ich nicht ein reizendes Set an kunstvoll gefertigten und bemalten Vasen für meine zauberhafte Tochter erstehen wollte.”

Eryn lachte und sah die Entrüstung, die die Erinnerung daran noch immer auslöste, in sein Gesicht geschrieben.

“Nun, ich bin froh, dass Ihr Euch auf eine Lösung geeinigt habt, die Euch beide glücklich macht.”

“Mit glücklich bin ich mir in meinem Fall noch nicht ganz sicher. Ich betrachte es immer noch als frivol, doch meine Irritation darüber, für den Vater meiner eigenen Gefährtin gehalten zu werden, wog erheblich schwerer als mein Unwille, mich einer kosmetischen Veränderung zu unterziehen.”

Sie grinste. “Das kleinere Übel zu wählen mag nicht immer der Pfad zu wahrer Glückseligkeit sein, doch zuweilen müssen wir uns damit zufriedengeben, wenn wir das Unglücklichsein vermeiden können.”

Der alte Mann lächelte, wobei er nun erheblich weniger Falten zeigte. “Weise Worte, meine Liebe. So, erzähl mir von deinen Plänen für die Klinik, jetzt, wo du wieder zurück bist. Die Dinge bleiben kaum lange unverändert, sobald du aus den Westlichen Territorien zurückkehrst. Ich möchte lediglich wissen, worauf ich mich dieses Mal einstellen muss.”

Schulterzuckend nahm sie einen Schluck aus ihrem Becher. “Ob Ihr es nun glaubt oder nicht, langsam gehen mir die revolutionären neuen Konzepte aus. Ich glaube, dieses Mal können wir uns auf die Veränderungen konzentrieren, die Ihr in Euren Briefen als notwendig bezeichnet habt. Wie die Vergrößerung der Räumlichkeiten, jetzt wo wir weiterhin neue Heilerlehrlinge sowie Praktikanten und Heiler aus Takhan aufnehmen.”

“Das ist eine Erleichterung, muss ich gestehen. Ich bin nicht sicher, dass wir über die Ressourcen verfügen, um mehrere Innovationen gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Der König ließ mich wissen, dass es mir grundsätzlich freisteht zu tun was immer ich möchte, solange er nicht dafür bezahlen oder sich hinterher mit irgendwelchem Ärger herumplagen muss”, informierte Lord Poron sie. “Bedauerlicherweise ist der Platz um unser Gebäude herum beschränkt, weshalb es uns nicht freisteht, die Klinik nach Herzenslust umzubauen und zu vergrößern. Jedoch lässt sich wohl ein ähnlich brauchbares Resultat erzielen, wenn wir nahegelegene Gebäude erwerben. Damit würde einhergehen, dass wir Bereiche, die weitgehend unabhängig operieren, in die andere Örtlichkeit umsiedeln.”

“Wie kosmetische Veränderungen”, meinte Eryn nachdenklich. “Oder vorbeugende Schwangerschafts- und Gesundheitsuntersuchungen.”

Er nickte. “Genau daran dachte ich auch. Ich bin froh, dass wir hier übereinstimmen. Ich habe zudem überlegt, Plia und die Kräuter umzusiedeln, doch das würde wenig Sinn ergeben. Wir brauchen sie dort, wo der Bedarf an Medizin am größten ist. Auf lange Sicht könnten wir auch in Betracht ziehen, den Unterricht in ein anderes Gebäude zu verlegen. Der Unterrichtsbereich umfasst derzeit fünf ganze Räume, und wenn wir zusätzliche Nichtmagier als Heilerlehrlinge aufnehmen wollen, wird das nicht reichen.”

Eryn biss sich auf die Lippe. Eine Heilerschule… Das klang umwerfend.

Der ältere Heiler lächelte über ihren Gesichtsausdruck. “Ich kann sehen, dass dir die Idee zusagt. Nichts anderes hatte ich erwartet, gebe ich zu.”

“Da Ihr davon sprecht, weitere Nicht-Magier aufzunehmen, gehe ich davon aus, dass sich der erste Jahrgang an Schülern wacker schlägt? Das Konzept entwickelt sich vielversprechend?”

“Ich freue mich berichten zu können, dass dies auf jeden Fall zutrifft. Sarol von Haus Roal war dabei eine enorme Hilfe. Wir korrespondieren regelmäßig miteinander, und seit unserer Aufnahme von nichtmagischen Schülern hat er uns bereits zweimal besucht. Unter all diesem rauen Verhalten war erkennbar, dass er große Stück auf das hält, was wir hier tun – obwohl Magier diejenigen sind, die es tun.”

Eryn wusste, dass das stimmte. Er selbst hatte als Heiler ohne magische Fähigkeiten in einer Stadt, in der das Heilen vorwiegend von Magiern in Angriff genommen wurde, mehr als genug Hindernisse überwinden müssen. Die Konsequenz davon war, dass Nicht-Magier mit Diskriminierung zu kämpfen hatten. Natürlich nicht offiziell. Zumindest nicht in einer Klinik, wo Valrad von Haus Vel’kim an der Spitze stand.

“Ich habe dir geschrieben, dass ich überlegt habe, unsere Vereinbarung mit den Apothekern aufzukündigen, wenn du dich erinnerst”, fuhr er fort. Sie nickte, woraufhin er weitersprach: “Sie lassen nicht davon ab, Plia das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die meisten von ihnen fühlen sich ungerecht behandelt, wenn sie von einer Sorte Medizin mehr bestellt als von einer anderen. Sie unterstellen ihr, dass sie sich ihre Lieblinge herauspickt. Was vollkommener Unsinn ist. Ich bat Loft, die Ausgaben und die Anzahl der Verschreibungen zu überprüfen, und sie bestellt die Produkte in Übereinstimmung mit dem, was benötigt wird. Sie ist übrigens recht geschickt darin geworden, den Bedarf erstaunlich genau vorauszusehen. Eine sehr fähige junge Dame.”

Stolz und Vergnügen durchströmten Eryn bei dem Lob. Es tat gut zu hören, dass Plias harte Arbeit und Fertigkeiten geschätzt wurden. Später würde sie die Lobesworte an das Mädchen weitergeben.

“Hat sich die Situation seither verbessert?”, wollte sie wissen.

Mit einem traurigen Seufzen äußerte er sich gegenteilig. “Nein, überhaupt nicht. Ich habe entschieden, unsere Zusammenarbeit mit ihnen zu beenden und Plias Bereich zu erweitern. Sie vor einigen Jahren als medizinische Herbalistin aufzunehmen war ein schlauer Zug. Andernfalls wären wir nun stark von den Apothekern abhängig. Wie auch immer, mit einem der Apotheker würde ich gerne weiterhin arbeiten; ich werde ihm ein Angebot unterbreiten, in der Klinik anzufangen. Sofern er zustimmt, unter Plia zu arbeiten, versteht sich. Dann werde ich mit Plia besprechen, wie viel mehr Leute ihrer Ansicht nach benötigt werden, um die erforderlichen Mengen und die Bandbreite an Medizin herzustellen.”

“Das klingt fabelhaft. Ich denke, wir haben uns ihre ständigen Streitereien jetzt lange genug angesehen. Habt Ihr schon entschieden, welche Heiler Ihr zum neuen Ordensaußenposten nach Bonhet schicken werdet?”, fragte sie.

“Das habe ich tatsächlich. Felden bat mich, ihn zu entsenden, und ich denke, er ist eine gute Wahl. Als einer der Heiler der ersten Stunde hier hat er genug Erfahrung, um ohne ständige Beaufsichtigung außerhalb der Hauptstadt und mit recht beschränkten Ressourcen zu heilen. Zwei der drei Heiler aus Takhan haben sich ebenfalls freiwillig gemeldet. Ich vermute, dass sie einen Standort näher an ihrer Heimat vorziehen. Das würde ihre Reisezeit für einen Besuch in Takhan um ein Drittel reduzieren. Ich werde einen von ihnen mitschicken. Und zusätzlich noch einen der frisch ausgelernten Heiler. Drei Heiler sollten für den Moment ausreichen. Sollte es vorübergehend Bedarf für mehr geben, können wir ihn decken, wenn es schlagend wird.”

Eryn nickte langsam. Sie würde Felden auf jeden Fall vermissen, stimmte aber zu, dass er eine gute Wahl war. Jemand würde seinen Unterricht übernehmen müssen. Aber mit zwei qualifizierten Heilern aus Takhan mit weitreichender Erfahrung im Heilen, die hier verblieben, war das kein Problem. Die der ersten Klasse an frisch qualifizierten Heilern wollte sie noch nicht zum Unterrichten einsetzen. Sie sollten sich zuerst wahrhaftig in ihren neuen Beruf einfinden anstatt zu versuchen, Erfahrung an andere weiterzugeben, die sie selbst noch nicht gesammelt hatten.

Lord Poron hob die Hände. “Das war es so ziemlich von meiner Seite. Ich schätze, du wirst deine Arbeit hier bald wiederaufnehmen?”

“Morgen, wenn es Euch recht ist. Ich habe die meisten der ermüdenden Treffen, die mich nach meiner Rückkehr hier immer erwarten, hinter mir. Somit kann ich meine Zeit nun für etwas Nützliches verwenden.”

“Ich werde Loft instruieren, er möge dich ab morgen in den Dienstplan miteinbeziehen. Deine üblichen Präferenzen? Dreimal pro Woche, einmal davon Nachtschicht?”

“Ja, so wie immer”, bestätigte sie. “Werde ich Euch heute Abend bei Inads Veranstaltung sehen?”

“Aber auf jeden Fall. Wie du sehr wohl weißt, meine liebe Eryn, würde Aurna niemals eine Zusammenkunft versäumen, bei der du anwesend bist.”

Eryn schnalzte mit der Zunge. “Hofft sie etwa immer noch auf irgendwelche Skandale oder unterhaltsamen Ausrutscher?”

Hilflos hob er die Hände. “Was soll ich dazu sagen? Ganz egal, wie höflich und zurückhaltend du dich in diesen letzten paar Jahren gezeigt hast, so glaubt sie doch immer noch, dass es diesen ungezähmten Teil von dir gibt, der eines Tages wieder hervortreten wird. Und sie ist fest entschlossen dabei zu sein.”

Sie schnaubte. “Das ist keine besonders freundliche Gesinnung, muss ich sagen. Zumindest nicht, wenn es um Leute geht, die sie zu mögen behauptet.”

Lord Poron zog die Schultern hoch. “Ich widerspreche dir nicht. So ist Aurna eben, immer bereit, sich auf Kosten anderer zu amüsieren. Aber in deinem Fall zieht sie es vor, wenn du nicht diejenige bist, die einstecken muss, wie ich wohl hinzufügen sollte.”

Sie kam auf die Beine und seufzte. “Das macht keinen großen Unterschied. Wenn jemand anderer als ich Ärger abbekommt, bin ich für gewöhnlich trotzdem diejenige, die hinterher entweder mit Tyront oder dem König Schwierigkeiten hat. Eure Gefährtin wird es mir also verzeihen, wenn ich nach einem friedlichen, wenn auch wenig erinnerungswürdigen Abend strebe anstatt ihr die Abwechslung zu bescheren, nach der sie sich sehnt.”

Er lachte. “Ich werde das so an sie weitergeben – und eine Standpauke riskieren, weil ich dir überhaupt davon erzählt habe.”

Das entlockte ihr ein Grinsen. “Die Gefahren einer Beziehung, was?”

* * *

Eryns Schritte wurden langsamer, als sie Vern vor den Türen der Klinik erblickte. Er starrte darauf, während sich seine Fäuste öffneten und erneut ballten, als wäre er dabei, den Mut zum Betreten des Gebäudes zu sammeln. Das war seltsam. Das war nicht sein erstes Mal in der Klinik seit seiner Rückkehr aus Takhan; soweit sie wusste, hatte er bereits zwei oder drei Schichten hier gearbeitet. Warum zögerte er hineinzugehen? War etwas vorgefallen?

Sie beschleunigte wieder, näherte sich ihm und gab vor, seine offenkundige Scheu nicht bemerkt zu haben.

“Guten Morgen”, sagte sie fröhlich und lächelte ihn an.

Er erwiderte das Lächeln, doch es reichte nicht bis zu seinen Augen.

Sie ließ jegliche Verstellung fallen, griff nach seinem Ärmel und zog ihn mit sich fort vom Eingang und um die nächste Ecke.

“Was ist los?”

“Nichts!”, versicherte er ihr eilig, unverkennbar lügend.

“Vern, ich bin weder blind noch dumm. Heraus damit! Irgendetwas stimmt nicht, und ich will wissen, was. Hast du mit irgendeinem der Heiler Ärger? Oder mit einem Patienten?”

“Nein, nichts dergleichen. Es ist nur…” Er gestikulierte hilflos. “Es liegt an mir. Oder an allem anderen, wie auch immer man es sehen will. Ich meine… ich bin hierher zurückgekommen in der Erwartung, ich würde zu Dingen zurückkehren, die ich kenne, zu einer Stadt, mit der ich vertraut bin. Aber nichts ist mehr so wie damals, als ich fortging! Ich fühle mich verloren und allein in meinem neuen Quartier. Ich habe noch nie zuvor allein gelebt. Und dann ist da die Klinik. Schau, es ist großartig, dass sich die Dinge auf diese Weise entwickelt haben, doch ich ging von hier weg als es gerade einmal eine Handvoll Heiler und Rolan gab und wir versucht haben, die Dinge irgendwie am Laufen zu halten. Es war nicht wichtig, dass keiner von uns irgendeine Ahnung davon hatte, wie man ein Heilzentrum führt, wir haben einfach herumexperimentiert und die Dinge währenddessen verbessert. Jetzt ist dieser Ort jeden Tag für das Heilen geöffnet und voll mit neuen Heilern und Lehrlingen. Da ist noch etwas – nicht einmal die Straßen sehen wie früher aus, wenn ich sie entlanggehe. Der Hafen, den Enric neu bauen hat lassen, sieht jetzt vollkommen anders aus. So riesig. Viele Magier, die ich sehe, tragen jetzt violette Roben anstatt der braunen Kriegerroben, die vor sechs Jahren fast die einzigen waren, die man sah. Und dann sind da die Leute aus den Westlichen Territorien mit ihrer dunkleren Haut und schwarzen Haaren… Versteh mich nicht falsch – ich liebe es, wie sich die Dinge entwickelt haben, diesen ganzen Austausch zwischen den beiden Ländern. Doch es ist einfach nur ein weiterer Faktor, der mich erkennen lässt, dass ich tatsächlich nicht mehr an den Ort zurückgekehrt bin, den ich vor einigen Jahren verlassen habe. Ich war ein Gast in Takhan, und nun fühle ich mich wie ein Eindringling in Anyueel.” Er schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen die kühle Steinwand der Klinik.

Eryn schluckte. Das war eine Menge gewesen. Und sie wusste, dass sie ihm damit nicht wirklich helfen konnte. Das war ein Prozess der Wiedereingewöhnung, den er irgendwie durchstehen musste.

“Ich weiß, dass es schwierig ist, Vern. Ich erinnere mich daran, wie es war, als ich nach sechs Monaten zum ersten Mal aus Takhan zurückkam. Das war eine wesentlich kürzere Zeitspanne als die, die du dort verbracht hast, also gab es nicht ganz so viele Veränderungen, doch ich kann mir vorstellen, dass das hier wirklich hart für dich sein muss. Du wirst Zeit brauchen um herauszufinden, wo dein neuer Platz in Anyueel ist, um wieder ein Teil davon zu werden. Du bist ebenfalls nicht die gleiche Person, die du warst, als du von hier fortgingst, also müssen sich die Leute auch erst wieder an dich gewöhnen.”

“Ich vermisse meine Freunde in Takhan bereits”, murmelte er. “Und ich habe keine Kleider, die sich für die Temperaturen hier eignen. Unter meiner Heilerrobe friere ich ständig.”

“Aber das kann kaum ein großes Problem darstellen, oder? Du erinnerst dich doch wohl, dass die Gefährtin deines Vaters eine Schneiderin ist?”

“Ich bin deprimiert, nicht hirntot, vielen Dank”, knurrte er. “Ich habe mich bereits von ihr vermessen lassen, aber sie wird noch zwei Tage brauchen, bis sie die ersten beiden Garnituren an Kleidung für mich fertig hat. Sie hat mir angeboten, in der Zwischenzeit ein paar Sachen von meinem Vater zu tragen, aber die sehen absolut lächerlich an mir aus. Ich meine, er ist ein Krieger mit breiten Schultern – in eines seiner Hemden passe ich fast zweimal!”

“Also hast du dich stattdessen entschieden zu frieren?”, fragte sie nach.

“Nun, ja. Das ist auf jeden Fall die würdevollere Option.”

Eryn nahm seinen Arm, um ihn zurück zum Eingang der Klinik zu ziehen. “Zumindest in dieser Sache kann ich dir helfen, denke ich. Nimm einfach zwei zusätzliche Garnituren an Heilerkleidung mit, wenn du heute heimgehst. Wenn du sie in Verbindung mit deiner Robe trägst, solltest du das Frieren auf ein Minimum begrenzen können.”

“In Ordnung. Danke. Das schätze ich wirklich.”

Sie betraten das Gebäude und sahen, wie Loft aus einem Behandlungszimmer herauskam und das nächste betrat, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

“Und wessen vollkommen irrsinnige Idee war es überhaupt, ihn zu Rolans Nachfolger zu machen?”, flüsterte Vern.

“Offiziell die von Rolan und Lord Poron. Aber ich verdächtige den König”, erwiderte Eryn ebenso leise. “Ich glaube, dass dies zwei Zwecken dienen sollte: Er wollte den Klotz loswerden und sich außerdem gut damit unterhalten, indem er in den kommenden Jahren zusieht, wie ich mich mit ihm herumplage.”

Loft tauchte wieder aus dem Zimmer auf und hielt kurz inne, um sie anzusehen, woraufhin sie augenblicklich zu sprechen aufhörten. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen. Er öffnete seinen Mund, schien seine Meinung aber dann zu ändern und entfernte sich wortlos in Richtung der Treppe, zweifellos auf dem Weg in sein Arbeitszimmer.

Sie setzten ihren Weg zur oberen Küche fort, wo bereits ein paar Heiler und Lehrlinge vor ihrer Schicht zusammensaßen oder standen. Eryn bemerkte, wie sich Vern versteifte, als er Plia mit Onil sprechen sah. Es schien also erhebliche Spannungen zwischen den beiden zu geben.

Als Plia die Neuankömmlinge erblickte, lächelte sie Eryn an und nickte Vern höflich zu, bevor sie sich damit entschuldigte, es warte viel Arbeit auf sie.

Vern nahm Eryns betont ausdruckslose Miene in sich auf. “Dir gefällt das, oder? Du denkst, dass ich genau das verdiene. Oder irre ich mich?”

In gespielter Überraschung erwiderte sie: “Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.”

“Ich werde das wieder in Ordnung bringen. Ich werde sie heute nach der Arbeit nach Hause begleiten und mich entschuldigen.”

Eryn nickte. “Ein guter Plan. Finde ich fabelhaft. Auf diese Weise wirst du den netten jungen Mann kennenlernen, mit dem sie sich seit zwei Jahren trifft. Er ist großartig. Jeden Abend nach der Arbeit holt er sie ab und bringt sie heim. Das befürworte ich sehr, weil es sie dazu motiviert, ihre Schichten zu einer zivilisierten Stunde zu beenden.”

Sie beobachtete, wie Verns Miene in sich zusammenfiel.

“Sie trifft sich mit jemandem? Schon seit zwei ganzen Jahren?” Er klang ungläubig.

Ein paar Gesichter drehten sich zu ihnen um, also zog Eryn ihn in eine Ecke und flüsterte: “Du bist in Takhan von einem Bett in das nächste gesprungen, also wie kann es dich überraschen, dass Plia eine Beziehung hat? Sie ist eine ungewöhnlich schöne und kluge junge Frau mit einem respektablen Beruf und einem guten Einkommen – wie kommst du auf die Idee, niemand könnte sich für sie interessieren? Die Leute drehen sich nach ihr um, wenn sie sie auf der Straße sehen, und wann immer sie etwas kauft, bieten ihr die Händler einen Preisnachlass an, nur damit sie lächelt! Was hast du erwartet?”

Vern errötete und stammelte: “Ich… nun… also… nichts. Ich habe nichts erwartet. Ich muss jetzt los. Und wegen zusätzlicher Kleidung nachsehen…”

Eryn rieb sich über das Gesicht. Armer, törichter junger Mann. Zusätzlich zu allem, mit dem er jetzt schon kämpfte, schien er nun auch noch entdeckt zu haben, dass er sich noch immer zu Plia hingezogen fühlte. Damit sollte er wohl besser achtgeben, dachte sie. Plias Galan war nicht gerade von der lesewütigen Sorte, sondern arbeitete täglich mit scharfen und schweren Werkzeugen. Und er war angetan von Plia und beschützte sie. Sie war absolut sicher, dass es Ärger bedeutete, wenn ein anderer Mann Interesse an ihr zeigte.

 

Kapitel 3

Gespräche von einem Erben

 

Enric klopfte bei Lord Remdels Haus. Ein Diener öffnete kurz darauf die Tür, verbeugte sich, gewährte ihnen Zutritt zum Eingangsbereich und nahm sich alsdann ihrer Umhänge an.

Ein Ausbruch schrillen Gelächters aus dem Salon zu ihrer Linken ließ Eryn resigniert ausatmen. “Das war es, was ich in diesen letzten Monaten vermisst habe – Inads gezierte Heiterkeitsbekundungen”, murmelte sie.

“Dann bin ich ja froh, dass du nicht länger ohne sie auskommen musst. Zumindest eine Zeitlang nicht”, erwiderte Enric.

Der Diener, der ihre Umhänge an sich genommen hatte, kehrte zurück und führte sie in den Salon.

“Lady Eryn! Lord Enric!”, rief Inad mit solch tiefempfundenem Entzücken, dass Eryn sich ob ihrer eigenen Gefühle ein klein wenig schuldig fühlte. Von jemandem gemocht zu werden, den sie selbst gerade so tolerierte, löste ein schlechtes Gewissen bei ihr aus. Soweit es Inad betraf, war ihr dieses Gefühl in den letzten sechs Jahren ein ständiger Begleiter gewesen.

“Inad”, lächelte Enric und ergriff die Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Wie stets erfreute er sie auch dieses Mal damit, dass er die formale Begrüßung aus den Westlichen Territorien vollführte und ihre Hand küsste.

Somit blieb Eryn kaum eine andere Wahl als es ihm gleichzutun und die Geste zu vollführen, mit der Frauen einander in ihrem Herkunftsland begrüßten, indem sie die Finger ihrer linken Hand mit Inads verschränkte. Es bescherte Inad die Gelegenheit, weltgewandt zu wirken.

“Ich bin so erfreut, Euch hier zu haben. Es ist schon zu einer Art Tradition geworden, dass Ihr Euren ersten geselligen Abend bei einer meiner Zusammenkünfte verbringt, ist es nicht so?”, schwatzte sie laut genug, um von allen gehört zu werden.

Sicher, dachte Eryn, das war auch der Grund, weshalb Inad erhebliche Mühen darauf verwendete herauszufinden, wann genau sie zurückkehrten, damit sie die Erste sein konnte, die exakt zwei Tage nach ihrer Rückkehr nach Anyueel Einladungen ausschicken konnte.

“Ja”, lächelte Eryn, “es ist wirklich ein charmanter Zufall, dass du diese Anlässe stets so kurz nach unserer Ankunft veranstaltest.”

Enric warf ihr einen warnenden Blick zu, doch ihre Gastgeberin lächelte nur mit vorgetäuschter Bescheidenheit, offenkundig zuversichtlich in der Illusion, dass ihr kleiner Plot unentdeckt blieb.

Sie gingen weiter in die Richtung, wo Enrics Mutter Gerit mit Vyril zusammenstand und sich zwanglos mit ihr unterhielt.

“Guten Abend, Mutter”, begrüßte ihr Sohn sie und beugte sich hinab, um ihre Wangen zu küssen, bevor er sich Vyril zuwandte. “Und auch dir einen guten Abend. Wo ist Tyront?”

“Er wird etwas später zu uns stoßen. Da gibt es irgendein Detail mit der Schatzkammer, um das er sich mit Lord Seagon kümmern muss, soweit ich das verstanden habe. Aber ich gehe davon aus, dass es nichts Wichtiges ist, sonst hätte man dich ebenfalls verständigt”, fügte sie hinzu, als sie seine Gedanken erriet.

Junar und Orrin betraten den Salon, erspähten sie und kamen sofort auf sie zu.

“Ich frage mich, wie gut Vern damit zurechtkommen wird, wenn er zwei Kinder zu hüten hat”, sorgte sich Junar, nachdem sie alle begrüßt hatte. “Ich weiß, dass er mehr als in der Lage ist, sich um Téa zu kümmern, aber Téa und Vedric gemeinsam…”

Eryn winkte ab. “Er bekommt das sicher ganz fabelhaft hin. Außerdem weiß er genau, wohin er sich wenden kann, sollte er sich nicht mehr zu helfen wissen. Ich habe Plia gebeten, sie möge zuhause bleiben, damit er ihr einen Boten schicken kann, falls er Hilfe benötigt.”

“Vielleicht hätten wir überhaupt besser Plia gefragt”, erwiderte die Schneiderin. “Sie hat früher schon auf die beiden aufgepasst und weiß somit, womit sie es zu tun hat.”

“Ich finde deinen Mangel an Vertrauen in meinen Sohn verstörend”, meinte Orrin, den ihre Zweifel an den Fähigkeiten seines Nachkommens ein wenig schmerzten. “Ich bin zuversichtlich, dass er alles im Griff hat. Es wird auf jeden Fall eine Herausforderung für ihn werden. Doch er ist mein Sohn, er wird sich durchsetzen.”

Das brachte Eryn zum Lachen. “Ich erinnere mich an das erste Mal, als du dich um beide gekümmert hast. Du warst nach ungefähr drei Stunden kurz davor, vor Verzweiflung in Tränen auszubrechen.”

“Das ist vollkommener Unsinn”, bestritt der Krieger steif. “Das kannst du nicht beweisen.”

“Das brauche ich auch nicht. Ich weiß, was ich gesehen habe. Und du weißt ebenfalls, dass ich Recht habe.”

Junar räusperte sich. “Themenwechsel. Gerit, wie ich höre, hast du dich entschieden, im Waisenhaus auszuhelfen? Ich finde, das ist eine ganz wunderbare Idee.”

Eryn blinzelte und wandte sich Enrics Mutter zu. “Tatsächlich?”

Gerit nickte. “Ja. Ich habe mehr Zeit zur Verfügung als ich füllen kann, wenn ihr drei in Takhan seid. Also entschied ich mich dazu, Vyril im Waisenhaus unter die Arme zu greifen. Es hilft mir auch dabei, die Zeit zu überbrücken, bis ich meinen Enkel wiedersehe”, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, das die Traurigkeit hinter ihren Worten nicht ganz zu überdecken vermochte.

Natürlich. Aus dem Haus ihres früheren Gefährten Anwin fortzugehen war nicht nur eine Befreiung von einem Leben als Dienerin sowohl ihres Gefährten als auch ihres Sohnes gewesen, sondern hatte sie auch den Kontakt zu ihren beiden dort lebenden Enkelkindern gekostet. Die beiden anderen Enkel, die Kinder ihrer Tochter Leris, lebten zu weit von der Stadt entfernt, um sie regelmäßig zu sehen. Somit überschüttete sie Vedric jedes Mal, wenn er ein halbes Jahr in Anyueel verbrachte, mit all ihrer großmütterlichen Zuwendung. Und solange er fort war, musste es da eine Lücke in ihrem Leben geben; eine, die sie offensichtlich zu füllen entschieden hatte, indem sie Kindern eine Großmutter ersetzte, die keine hatten.

Eryn befürwortete die Idee. Sowohl die Waisen als auch Gerit würden davon profitieren.

Lord Poron und Aurna gesellten sich als nächste zu ihnen, wodurch es erforderlich wurde, den Kreis ein wenig zu vergrößern.

Eryns Augen wanderten von Vyril zu Aurna. Sie wirkten in der Tat, als wären sie etwa gleich alt. Verblüffend. Natürlich hatte sie selbst ihren Anteil an kosmetischen Veränderungen durchgeführt, da dies dafür sorgte, dass Geld in die Schatzkammer der Klinik floss; doch kaum jemals so ausgiebige und nicht bei Leuten, die sie gut kannte.

Vyril schüttelte den Kopf. “Aurna, ich kann noch immer nicht glauben, wie fabelhaft du aussiehst. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass neben dir zu stehen jemals dazu führen könnte, dass ich mich alt fühle. Ich verspüre den Drang, Eryn ebenfalls um eine Verjüngung anzubetteln. Oder deinen Gefährten, was das betrifft. Offensichtlich hat er ein beachtliches Talent dafür.”

Lord Poron lachte. “Ich musste rasch eines entwickeln; das war nichts als reine Notwendigkeit, um unser Überleben zu sichern. Bevor Heiler aus Takhan zu uns stießen, war Eryn die Einzige, die in der Lage war, diese Prozeduren durchzuführen und so die finanzielle Unabhängigkeit der Klinik sicherzustellen. Das bedeutete, dass es mir als Oberhaupt der Heiler zufiel, diese Pflicht zu übernehmen. Da die Nachfrage nach kosmetischen Veränderungen seither immens gewachsen ist, hatte ich ausreichend Gelegenheit, meine Fertigkeiten in diesem Bereich zu praktizieren und zu verfeinern.” Er zwinkerte Vyril zu. “Meine Dienste stehen dir zur Verfügung, Vyril – im Austausch für ein kleines Vermögen, versteht sich.”

“Schande über dich, Poron”, rief Vyril in gespielter Verzweiflung aus, “du würdest mir tatsächlich den vollen Preis verrechnen? Nach all den Jahren, die wir uns nun schon kennen? Und auch wenn man bedenkt, dass die Veränderungen, die du an deiner Gefährtin durchgeführt hast, der Grund dafür sind, weshalb ich es selbst in Betracht ziehe?”

Lord Poron zuckte mit den Schultern. “Du kannst immer noch deine gute Freundin Eryn konsultieren. Ich habe keinerlei Zweifel, dass sie dir für ihre Dienste sehr wenig – wenn überhaupt etwas – verrechnen würde. Doch es ist bekannt, dass sie kaum Begeisterung dafür aufbringt. Wenn du willens bist, ihr verstimmtes Gesicht zu ertragen, um dir Geld zu ersparen…”

Enric grinste. “Wenn man die Preise für kosmetische Veränderungen bedenkt, würde ich meinen, dass eine Menge Leute bereit wären, Eryns schmollende Miene für eine Weile zu ertragen, wenn sie im Gegenzug eine kostenlose Behandlung erhielten.”

“Herzallerliebst”, kommentierte Eryn säuerlich. “Sprecht doch einfach weiterhin so über mich, als stünde ich nicht direkt neben euch.” Sie drehte erleichtert den Kopf, als Inad sich zu ihnen stellte, hinter ihr ein Diener mit einem Tablett mit Weingläsern.

“Bitte, nehmt ein Glas”, drängte die Gastgeberin. “Das Abendessen wird in ein paar Minuten serviert, also bleibt noch ein wenig Zeit, um uns entspannt zu unterhalten.”

Jeder der Gäste nahm gehorsam ein Glas entgegen.

Anstatt weiterzugehen zu ihren anderen Gästen, blieb Inad bei der Gruppe und schickte den Diener mit einer Geste fort. Trotz der Tatsache, dass Eryn Inads Gegenwart nicht eben genoss, war sie froh, dass dadurch die anderen davon abgehalten wurden, ihre Unterhaltung über Eryns Abneigung kosmetischen Veränderungen gegenüber fortzusetzen.

“Gerit”, rief die Gastgeberin aus, nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort auf eine Weise zu äußern, als wäre es nicht von allergrößter Wichtigkeit, “du musst ja ungemein glücklich sein, dass du deine Familie wieder aus der Fremde zurückhast! Der kleine Vedric muss enorm gewachsen sein – das tun sie in dem Alter doch immer, nicht wahr?” Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr sie fort: “Du musst kommen und mich besuchen, wenn du das nächste Mal auf ihn aufpasst! Mein eigener Enkel ist mit siebzehn Jahren nicht mehr wirklich ein Kind.” Sie wandte sich Eryn zu. “Übrigens wurde mir gesagt, dass er in Betracht zieht, in den Heilerberuf einzusteigen! Wie wunderbar – unser eigener Heiler in der Familie!”

Eryn zwang sich zu einem Lächeln, während sich in ihrem Inneren alles verkrampfte. “Einfach wunderbar.” Natürlich wäre Inad ungemein erfreut darüber, einen Heiler zu ihrer Verfügung zu haben – sie rechnete mit kostenlosen kosmetischen Veränderungen für sich selbst. Eryn erinnerte sich an Inads Enkel, als sie Orrin vor ein paar Jahren bei seinem Kampfunterricht assistieren hatte müssen. Ein frecher Junge, der seine Gedanken geradeheraus sagte und der ungemein überzeugt war von der Wichtigkeit sein Großvaters, der einen Sitz im Rat der Magier hatte. Es war ungerecht von ihr anzunehmen, dass er noch immer die gleiche Person war, dass das Älterwerden ihn nicht auf die eine oder andere Weise hatte reifen lassen. Und doch war sie froh, dass die Entscheidung, ob man ihn als Heilerlehrling aufnehmen sollte, nicht die ihre war, sondern Lord Poron zufiel.

“Ich hoffe doch, dass du keinerlei bevorzugte Behandlung für deinen Enkel erwartest, Inad”, warnte Lord Poron sie mit für ihn ungewohnter Strenge. Es schien, als wäre er ebenfalls darüber besorgt, Inads Wünschen nachkommen zu müssen. “Wir sind sehr gewissenhaft, wenn es um die Auswahl derer geht, die sich dem ausgiebigen Training unterziehen dürfen. Wir suchen uns jene Kandidaten aus, die uns überzeugen, dass sie über die Ausdauer, Disziplin und Fähigkeiten verfügen, um das mühsame und lange Training erfolgreich abzuschließen und dann hinterher Erfüllung in ihrem Beruf als Heiler finden.”

“Aber selbstverständlich nicht”, kam Inads hastiger Ausruf. Augenscheinlich war sie zutiefst betroffen von solch einer Unterstellung. Auch wenn ihr Gesichtsausdruck nur allzu deutlich zeigte, dass sie genau darauf gehofft hatte.

Eryn fragte sich, ob Inads Enkel wohl dahingehend beeinflusst worden war, das Heilen als eine wünschenswerte Berufswahl zu erachten, oder ob das tatsächlich seinen eigenen Neigungen entsprach. Nun, das herauszufinden war Lord Porons Aufgabe.

Ein Diener näherte sich seiner Herrin und flüsterte in ihr Ohr. Inad nickte einmal, dann wandte sie sich ihren Gästen zu und verkündete: “Das Mahl ist serviert! Bitte folgt mir in das Esszimmer.”

Orrin war der Mann, der der Gastgeberin am nächsten stand und zögerte keinen Augenblick, als es darum ging zu tun, was von ihm erwartet wurde – ihr seinen Arm anzubieten. Lord Poron geleitete Junar und Aurna, während Enric seine Mutter und Eryn zum Esstisch führte. Vyril akzeptierte huldreich Lord Woldarns Arm, da Tyront noch nicht aufgetaucht war.

Eryn beteiligte sich nicht an den Unterhaltungen während des Essens, schenkte ihnen nicht einmal Aufmerksamkeit, sondern erlaubte ihren Gedanken, zu ihrer bevorstehenden ersten Schicht am nächsten Tag zu schweifen. Obwohl sie in der Einrichtung alles andere als eine Fremde war, so war doch jeder erste Tag immer wieder anders. Jedes Mal, wenn sie zurückkehrte, waren da neue Leute und kleine Veränderungen, mit denen sie sich erst vertraut machen musste. Und auch ihr übliches Spiel, Loft so gut es ging aus dem Weg zu gehen.

“Wie geht es der guten Malriel?”, drängte sich Inads Stimme in ihre Gedanken. Die Frage war nicht an sie, sondern an Enric gerichtet, doch trotzdem weckte sie ihre Aufmerksamkeit. Anspannung – eine natürliche Reaktion auf alles Gefährliche, dachte sie ironisch und kehrte zu ihren Gedanken zurück, als Enric zu antworten begann.

Erst als die Nachspeise serviert wurde, wandte man sich einem Thema zu, das Eryns Aufmerksamkeit fesselte.

“…langsam Zeit für ihn, dass er zusieht, dass er dem Land einen Erben beschert, oder etwa nicht?”, äußerte sich Lord Woldarns Gefährtin und Inads enge Freundin Elset im Brustton der Überzeugung. “Wie alt ist er mittlerweile? Vierunddreißig? In dieser Sache hat er die Dinge wahrlich schleifen lassen, muss ich sagen.”

“Nun, in den letzten Jahren war er recht beschäftigt damit, einen stabilen, dauerhaften Kontakt mit einem Land zu etablieren, von dem wir über Jahrhunderte hinweg abgeschnitten waren”, warf Eryn zur Überraschung der Anwesenden ein. Sie konnte selbst kaum glauben, dass sie den König und was die Gesellschaft offensichtlich als eine Pflichtverletzung von seiner Seite erachtete, verteidigte.

“Das mag eine Ansicht sein”, kam Lord Woldarn seiner Gefährtin zu Hilfe, “doch ein Kind zu zeugen ist wohl kaum solch eine aufwändige Aufgabe, sollte man meinen.”

Diese geistlose Bemerkung brachte ihm ein paar leise Lacher ein. Eryn unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen.

“Das ist wohl wahr, doch ein Kind so großzuziehen, dass es in der Lage ist, die Führung eines ganzen Landes zu übernehmen, ist jedenfalls ein beträchtlicher Aufwand. Und ich sehe nicht wirklich, wie er diese Aufgabe an irgendjemanden sonst delegieren könnte. Immerhin ist er der Einzige, der in dieser Hinsicht über Erfahrung verfügt.” Im Interesse von Höflichkeit und Diplomatie schluckte sie den letzten Teil, den sie noch hinzufügen hatte wollen – dass es für den König nicht ganz so leicht war wie für die meisten anderen reichen Leute in diesem Land, die die Erziehung ihrer Kinder schlicht an Diener übertrugen.

Das Geistesband vermittelte ihr, dass sich Enric amüsierte. Immerhin war sie normalerweise nicht dafür bekannt, zur Verteidigung des Königs zu eilen. Ganz im Gegenteil.

“Elset hat nicht ganz Unrecht”, meldete sich nun Lord Poron zu Wort. “Der König muss langsam darüber nachdenken, Kinder in die Welt zu setzen. Anders als unsere Freunde in den Westlichen Territorien, die ihre Anführer wählen, sind wir hier auf einen Thronerben aus der Blutlinie des Königs angewiesen. Wie die Geschichte uns bereits mehr als einmal gezeigt hat, führt das Fehlen eines direkten Nachkommen tendenziell zu Spannungen und zuweilen sogar zu Erbfolgekriegen. Das würden wir doch nicht wollen.”

Eryn erwiderte nichts darauf. Es gab wenig, das sie sagen konnte, um sein Argument zu entkräften. Und doch war der Gedanke, sich zum Nutzen anderer Leute fortzupflanzen nichts, dem sie zustimmen konnte, ganz egal, ob König oder nicht. Sie selbst war gezwungen worden, ein Kind zu bekommen, weil Malriel auf einem Enkelkind aus ihrer direkten Abstammung bestand. Somit wäre sie also die Letzte, die Druck auf den König ausüben würde, damit er dem Königreich einen Erben schenkte. Es gab immer noch einen anderen Weg, um die Nachfolge zu sichern. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, einen fähigen Cousin dafür heranzuziehen. Wäre das Königreich weniger traditionell in seiner Herangehensweise an Adoptionen, hätte dies eine weitere Lösung dargestellt. Doch Adoption war nur so lange erlaubt, wie die zu adoptierende Person noch unmündig war. Eine Einschränkung, mit der man sich in den Westlichen Territorien nicht aufhielt; dort fand man die Ansichten im Königreich in dieser Hinsicht recht befremdlich und unpraktisch.

Später, als sie in ihrer Kutsche den Heimweg angetreten hatten, fragte Eryn: “Stimmst du dem zu? Denkst du ebenfalls, dass der König als Teil seiner Pflichten dem Königreich gegenüber ein Kind bekommen sollte? Das würde miteinschließen, dass er sich eine Gefährtin sucht, die weitgehend nur diesem Zweck dient, sofern Zeit wirklich solch ein wichtiger Faktor ist, wie die Leute zu denken scheinen.”

Enric spitzte die Lippen. Wenn er ihre eigene Erfahrung mit Malriels Fruchtbarkeitstrank bedachte und auch ihre Missbilligung von Ram’ans Entscheidung, sich eine Gefährtin nur für die Bereitstellung eines Erben zu nehmen, wusste er, dass er hier achtsam antworten musste.

“Ich glaube nicht, dass es darauf eine simple Antwort gibt, Liebste. In unserer Kultur ist es bedauerlicherweise recht klar, was von einem König erwartet wird. Idealerweise würde er sich in eine Frau mit passendem Hintergrund verlieben, zwei oder drei Kinder mit ihr bekommen und das Geschäftliche mit dem Vergnüglichen verbinden. Doch die einzige Frau, die er sich bislang an seiner Seite hätte vorstellen können, warst du. Die Frage ist nun, wie tolerant wir als seine Untertanen sein können oder wollen, wenn es darum geht, ihm ausreichend Zeit zuzugestehen, auf dass er seine Suche nach einer Frau fortsetzen kann, die er tatsächlich lieben anstatt nur an seiner Seite akzeptieren kann.”

Sie seufzte. “Du hast das Problem ungemein kurz und bündig zusammengefasst, gut gemacht. Allerdings hast du es versäumt, meine Frage zu beantworten.”

“Ich denke, dass er ziemlich rasch eine Lösung für diese Situation finden muss. Es kümmert mich nicht wirklich, ob er das tut, indem er ein Kind mit einer zufällig ausgewählten Frau zeugt oder die Adoptionsgesetze ändert. Aber du darfst dich darauf verlassen, dass er sich sehr wohl darüber im Klaren ist, dass er in dieser Sache handeln muss – mehr als jeder andere.”

Das konnte sie glauben. So etwas würde der Aufmerksamkeit des Königs wohl kaum entgehen.

*  *  *

Eryn pfiff leise durch die Zähne, als sie mit Enric um die Ecke zum Thronsaal bog und Ram’kel von Haus Arbil, Ram’ans jüngeren Bruder und Botschafter in Anyueel, vor der hohen Doppeltür erblickte.

“Sieh dir das an”, murmelte sie. “Wir sind offenbar nicht die Einzigen, die heute vorgeladen wurden. Ich werde immer neugieriger, was der König will.”

Enric teilte dieses Gefühl und nickte Ram’kel zu, als sie zu ihm stießen. Er war gerade von seinem kurzen Besuch in Bonhet zurückgekehrt, wohin Tyront ihn entsandt hatte. Nicht so sehr, um wirklich irgendetwas dort zu erledigen, sondern vorwiegend, um Präsenz zu zeigen und als Mahnung zu fungieren, dass die Anführer des Ordens niemals weit entfernt waren. Nach seiner Rückkehr hatte Eryn ihn informiert, dass er mit ihr zum König kommen sollte. Wie immer hatte seine Nachricht keinerlei Hinweis darauf enthalten, weshalb er sie zu sehen wünschte.

“Eryn. Enric. Eure Anwesenheit verspricht, dass die Sache interessant wird”, kommentierte der Botschafter, der offenbar ebenso wenig informiert war.

Erst jetzt öffneten die Wachen die Türen und verkündeten die Namen der drei.

“Lord Enric von Haus Aren. Lady Eryn von Haus Vel’kim. Botschafter Ram’kel von Haus Arbil.”

“Das klingt, als würde er doppelt so viele Leute ankündigen dank all dieses unnötigen Unsinns mit den Häusern”, murmelte Eryn, trat aber gehorsam mit den beiden Männern ein.

König Folrin und sein Berater Marrin standen auf dem Thronpodest und warteten geduldig darauf, dass sie sich näherten.

“Lady Eryn. Lord Enric. Botschafter”, begrüßte König Folrin sie mit einem knappen huldvollen Kopfnicken. “Es gibt da eine Angelegenheit, die viele als eine von beträchtlicher Bedeutsamkeit beurteilen würden, und in deren Zusammenhang ich Euch um Euren Rat bitten möchte”, begann er, ohne Zeit auf irgendwelche Höflichkeiten zu verschwenden. “Und um Eure Hilfe bei dem Unterfangen, das in Angriff zu nehmen ich im Begriff bin. Wie Ihr alle wisst, bin ich nicht nur bestrebt, unsere freundschaftliche Beziehung zu den Westlichen Territorien aufrechtzuerhalten, sondern ich will sie auch auf jede erdenkliche Weise fördern, die ich als klug erachte. Zusätzlich dazu gibt es da eine Pflicht, die zu erfüllen von mir erwartet wird. Eine, von der viele meinen, ich hätte sie bislang vernachlässigt. Bis zu einem gewissen Grad muss ich einräumen, dass dies nicht ganz unwahr ist. Somit möchte ich diese Gelegenheit ergreifen, um zwei Ziele auf einmal zu verfolgen.”

Eryns Gedanken sprangen zurück zu dem Abend vor ein paar Tagen – der, bei dem die recht dringliche Pflicht des Königs zur Bereitstellung eines Thronerben diskutiert wurde. Und nun sprach er von einer Pflicht, die er vernachlässigt hatte, und seinem Wunsch, die Verbindung zu den Westlichen Territorien zu stärken.

Sie lächelte. Davon ausgehend gab es nur eine einzige offensichtliche Schlussfolgerung, was seine Absichten betraf. Das war ein Thema, das ihm unangenehm war, weshalb er darum herumredete anstatt zum Punkt zu kommen, wie er es sonst typischerweise vorzog.

“Die Gelegenheit, eine Gefährtin aus den Westlichen Territorien zu nehmen”, äußerte sie gelassen.

Der König starrte sie an, unfähig, seine Überraschung und Fassungslosigkeit zu verbergen. Das dauerte allerdings nur eine Sekunde, dann hatte er sich wieder im Griff und lächelte sie an.

“Ein Kompliment an Eure Kombinationsgabe, Lady Eryn. Wie immens befriedigend, dass all der Unterricht und die praktische Erfahrung der letzten paar Jahre Eure Fähigkeit zur Anwendung von gesundem Menschenverstand zu schärfen vermochten.”

Darüber zog sie nur eine Augenbraue hoch und begegnete seinem Blick ohne zu blinzeln. Spiel nur herunter, dass ich dich durchschaut habe und dir das überhaupt nicht passt, dachte sie, zufrieden mit seiner Verstimmung. Dies war das allererste Mal, dass sie seine Absichten rascher erraten hatte, als ihm lieb war. Sie beabsichtigte, diesen Moment auszukosten, ihn in ihrem Gedächtnis zu verankern, damit sie ihn zu ihrer Aufmunterung hervorholen konnte, wenn sie ihn brauchte. Sein Versuch, sie zu entmutigen, damit er damit seine eigene Unzulänglichkeit überdenken konnte, machte es nur umso süßer.

König Folrin wandte sich wieder an die beiden Männer. “Wie Lady Eryn so scharfsinnig bemerkt hat, beabsichtige ich, eine Gefährtin zu nehmen. Idealerweise würde diese Dame aus den Westlichen Territorien stammen. Ich muss Euch nicht sagen, dass diese Auswahl keine Aufgabe ist, die leichtfertig in Angriff genommen werden kann. Meine Wahl wird sehr wahrscheinlich erheblichen Einfluss auf das politische Gleichgewicht in Takhan haben. Das Haus, zu dem meine zukünftige Gefährtin gehört, wird beträchtlichen Einfluss gewinnen, was dazu führen mag, dass sich existierende Allianzen auflösen und neue formen werden, die entweder von dieser neuen Entwicklung profitieren oder ihr entgegenwirken wollen.”

Enric gefiel nicht, wohin das führte. “Das bedeutet, Ihr befehlt uns, Euch beim Treffen einer Wahl zu assistieren, die so wenig politische Unruhe wie möglich nach sich zieht?”

Der Monarch hob sein Kinn. “Nein, nicht befehlen, Lord Enric. Ich bitte um Eure Unterstützung.”

Unterstützung, dachte Enric verärgert. Er wollte die Verantwortung delegieren, falls sich seine Wahl als problematischer herausstellte, als irgendjemand voraussehen konnte.

Des Königs Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen. “Ich weiß, was Ihr denkt, Lord Enric. Es ist genau das, was ich an Eurer Stelle ebenfalls vermuten würde. Doch lasst mich Euch versichern, dass ich absolut willens und in der Lage bin, die Konsequenzen meiner Handlungen selbst zu tragen.” Er trat direkt vor Enric hin, dann hob er seine Hand und berührte seinen eigenen Hals; eine Erinnerung an damals, als es Enrics Hand gewesen war, nachdem der König Eryn diesen einen Kuss aufgezwungen hatte. “Das habe ich schon immer. Oder würdet Ihr dem nicht zustimmen?”, meinte der König mit gedämpfter Stimme. Er trat einen Schritt zurück und wandte sich wieder an alle drei. “Worum ich Euch ersuche, ist Eure Hilfe bei meiner Entscheidung. Das Wissen, die Einblicke und die Erfahrung mit Takhan, über die Ihr verfügt, sind allem überlegen, was meine Quellen bereitzustellen imstande waren. Ihr sollt jene Dinge mit mir teilen, nach denen zu fragen ich nicht auf den Gedanken käme. Die Entscheidung, ob Ihr Eure Mitwirkung in diesem Prozess öffentlich machen wollt oder nicht, obliegt Euch selbst.”

Ram’kel war der Erste, der sich verbeugte und erwiderte: “Es wäre mir eine Ehre, Euch in dieser Angelegenheit zu Diensten zu sein, Eure Majestät.”

Enric zögerte noch ein paar Sekunden, dann nickte er. “Sowie auch mir.”

Alle drei wandten sich Eryn zu, die ihre Stirn in Falten zog und die Arme verschränkte. “Ich verstehe, weshalb Ihr ihre Hilfe wollt. Aber warum meine? Ich bin nicht darauf bedacht, Kontakte zu wichtigen Leuten zu pflegen. In vielen Fällen vermeide ich es sogar bewusst. Welche Unterstützung könnte ich wohl bieten, die mein Gefährte und der Botschafter nicht bereitstellen könnten?”

König Folrin bedachte sie mit einem dünnen Lächeln. “Ihr unterschätzt Eure Nützlichkeit, meine liebe Lady. Euch mag weder die gute Meinung, noch die Gesellschaft wichtiger Leute interessieren, doch Euer Status ist ein recht erhabener, Dank der Tatsache, dass Ihr die Tochter einer Triarchin und die Schwester des Oberhaupts eines Hauses seid sowie den höchstrangigen Heiler der Westlichen Territorien zum Vater habt. Zu Eurer Familie allein gehören ein paar der mächtigsten Leute des Landes. Selbst wenn Ihr also nicht die Nähe der Hohen und Mächtigen sucht, so lässt sich das in Eurem Fall nicht vermeiden. Und außerdem schätze ich Eure Meinung, meine Lady. Ich zähle auf Eure Hilfe bei der Bewertung jedes Vorschlags, der mir unterbreitet wird. Darf ich also auch auf Eure Hilfe hoffen, Lady Eryn? Sie wäre höchst willkommen.”

Nun, sie hatte kaum eine große Wahl in der Sache. “Selbstverständlich, Eure Majestät.”

“Ausgezeichnet. Ich würde Euch alle ersuchen, mir eine allgemeine Bewertung der aktuellen politischen Situation in Takhan zukommen zu lassen. Dies mag einen ersten Einblick dahingehend gewähren, welche Häuser schon aus Prinzip ausgeschlossen werden müssen. Lady Eryn, aufgrund Eures Desinteresses in allem, was Politik betriff, erwarte ich nicht, dass Euer Bericht ebenso detailliert ausfallen wird. Dennoch ist es eine gute Übung für Euch, um einen besseren Einblick zu erlangen, was in einem Eurer Aufenthaltsländer vor sich geht. Ich erwarte Eure Berichte samt ersten Empfehlungen hinsichtlich vorteilhafter Häuser in zehn Tagen. Ich verlasse mich darauf, dass Ihr diese Angelegenheit vorläufig vertraulich behandelt. Ihr seid entlassen.”

Eryn verbeugte sich steif und wartete, bis die beiden Männer es ihr gleichtaten, bevor sie sich alle umdrehten und den Thronsaal verließen.

Marrin lächelte. “Lord Enric und der Botschafter schienen sich nicht besonders an dem Einsatz zu stören, nachdem Ihr klargestellt habt, dass man sie nicht zur Verantwortung ziehen würde, sollte sich die schlussendliche Wahl als problematisch erweisen. Doch Lady Eryn war alles andere als begeistert darüber, dass sie sich involvieren soll. Ich frage mich, ob sie sich als so nützlich erweisen wird, wie Ihr hofft.”

König Folrins Lippen zuckten. “Nicht, wenn es darum geht, politische Situationen zu analysieren, da stimme ich rückhaltlos zu. Doch ich möchte sie von Anfang an miteinbeziehen, da sie sich als nützlich erweisen wird, wenn ich nach Takhan gehe und die Kandidatinnen, die wir auswählen, persönlich treffe. Trotz all der Zurückhaltung, die sie in höfischer Gesellschaft zu zeigen gelernt hat, ist sie von den dreien noch immer diejenige, die mir ihre Meinung am ehesten unverfälscht kundtut. Ich will sie keinesfalls dazu ermutigen, dies frei nach ihren Launen zu praktizieren, doch zweifellos ist es von Vorteil, wenn eine wichtige Entscheidung wie die Auswahl einer zukünftigen Königin für mich und mein Königreich ansteht.”

*  *  *

“Ich kann einfach nicht glauben, dass er uns da hineinzieht”, seufzte Eryn, nachdem Enric die Tür zu seinem Arbeitszimmer hinter ihr und Ram’kel, der ihnen in stillschweigender Übereinkunft gefolgt war, geschlossen hatte. Sie ließ sich auf das Sofa fallen, während die beiden Männer stehenblieben.

“Offensichtlich will er sich dieser Herausforderung nicht allein stellen”, meinte Ram’an achselzuckend. “Und bei Menschen mit Verbindungen und Einfluss in den Westlichen Territorien sowie einer engen Bindung zu ihm selbst ist es naheliegend, dass sie miteinbezieht”, strich er hervor. “Lasst es uns als Vertrauensbeweis anstatt einer mühsamen Aufgabe betrachten.”

Eryn rollte mit den Augen. “Du genießt es unverkennbar, wenn du wichtig sein kannst.”

Des Botschafters Miene blieb unbeeindruckt, als er erwiderte: “Aber natürlich. Was denkst du, was mich in erster Linie dazu bewogen hat, ein Botschafter zu werden? Nun lasst uns lieber über die Aufgabe sprechen, mit der wir betraut wurden.” Er sah zu Enric, der ihm signalisierte, er solle weitersprechen. “Ich kann euch eine allgemeine Übersicht über die Nachkommen der führenden Familie jedes Hauses zukommen lassen, an wen die aktuellen Generationen versprochen wurden und bereits verbunden sind, und auch, wer noch immer verfügbar ist. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass in den Hauptzweigen der Familien nicht mehr viele Kandidaten zur Verfügung stehen.”

“Ja”, murmelte Eryn, “weil ihr Kommitment-Vereinbarungen für sie abschließt, sobald sie alt genug sind, um einen Löffel zu halten. Sofern ihr überhaupt so lange wartet.”

Enric warf ihr einen warnenden Blick zu, um sie zum Schweigen zu bringen. Das war im Moment keine besonders hilfreiche Einstellung.

Ram’kel ließ sich dadurch nicht aus der Bahn werfen. “Für detailliertere Informationen über andere Mitglieder der Häuser, die nicht der direkten Linie des Oberhaupts entstammen, werden wir jemanden in Takhan kontaktieren müssen, der Zugriff auf diese Informationen hat.” Er sah Eryn an. “Ich würde vorschlagen, dass du deinen Vater ersuchst, uns hier behilflich zu sein. Zum einen lagern in der Klinik sämtliche medizinischen Akten über jeden, der jemals in Takhan geboren und behandelt wurde, und zum anderen hat die Vel’kim Familie noch ihre eigenen Aufzeichnungen über Erkrankungen und vererbte Leiden. Du wirst einfach nur zusehen müssen, dass du den Grund, weshalb wir diese Informationen benötigen, unerwähnt lässt, damit wir die Anforderungen seiner Majestät hinsichtlich Vertraulichkeit erfüllen.”

Eryn nickte. Das klang nach einem vernünftigen Plan. Auf diese Weise konnten sie sehen, wer überhaupt noch zu haben war. Mit ein wenig Glück würde das die Auswahl einschränken.

“So”, meinte Ram’kel mit einem Lächeln, “was denkt ihr über die Entscheidung des Königs, sich endlich eine Gefährtin zu nehmen und sein Land mit einer Königin und einem Erben zu beglücken?”

“Wir sind selbstverständlich begeistert”, erwiderte Enric trocken.

Eryn enthob sich einer Antwort. Sie war nicht ganz sicher, wie sie dazu stand. Sie hatte ihre eigenen unangenehmen Erfahrungen mit dem König gemacht, und eine Frau an ihn auszuliefern fühlte sich irgendwie… abartig an. Welche Art Frau würde sowohl zum König als auch dem Land passen? Eine, die genauso skrupel- und bedenkenlos war wie er selbst, damit sie auf persönlicher Ebene miteinander harmonierten? Aber was würde das für das Königreich bedeuten? War eine solche Person an der Spitze nicht mehr als genug? Doch was war die Alternative? Eine gütige und einfühlsame Frau, die sich um das Wohlergehen der Menschen sorgte, und die womöglich unter dem politischen Druck und der Frustration darüber, dass sie einen Gefährten mit vollkommen gegenteiligen Prioritäten hatte, zugrunde gehen würde? War der Versuch, jemanden zu finden, der sowohl zum Charakter des Königs passte als auch eine taugliche Königin war, überhaupt realistisch?

Und darüber hinaus musste diese Frau auch noch der richtigen Familie entstammen, damit sich politische Spannungen vermeiden ließen, die jede Vernunft sprengten. Ihm eine Gefährtin zu finden war wahrscheinlich die unangenehmste Aufgabe, die sie bislang von ihm erhalten hatte. Welch pures Vergnügen!

Natürlich konnte sie Ram’kel gegenüber nichts davon verlauten lassen, auch wenn sie den Verdacht hegte, dass ihm klar war, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Selbst nach fünf Jahren war sie noch immer nicht sicher, ob es ein schlauer Zug gewesen war, ihm zu der Position als Botschafter in Anyueel zu verhelfen. Er leistete keine schlechte Arbeit, wie sie widerwillig gestehen musste. Auch wenn er ihr die zweifelhafte Ehre zuteilwerden ließ, dass er in ihrer Gegenwart sein glattes, diplomatisches Benehmen ablegte und sie neckte und provozierte. Nicht in einem Ausmaß, dass es erforderlich machte, ihm Grenzen zu setzen, dafür war er zu klug. Aber genug, um sie zuweilen zu irritieren und den Drang in ihr zu wecken, ihm einen ordentlichen Tritt zu verpassen.

Ram’kel blickte zu Enric, da er offenkundig von Eryn keine hilfreichen Wortmeldungen erwartete. “Gibt es sonst noch etwas, das ich tun kann, um euch bei der Vorbereitung der Analyse zu helfen, die wir in zehn Tagen präsentieren sollen? Obwohl ich weiß, dass ihr eure eigenen Quellen habt, würde ich vorschlagen, dass wir die gleichen Informationen nicht mehr als einmal einholen. Das könnte sonst Argwohn auslösen und Gerüchten zum Start verhelfen – genau das, was wir zu diesem Zeitpunkt zu vermeiden trachten. Wir wollen nicht, dass die Häuser uns mit Vorschlägen für passende Kandidatinnen überhäufen und mit Warnungen, wenn wir ein Haus dem anderen vorziehen.”

Enric nickte. “Ich stimme zu. Wir werden es dich wissen lassen, falls wir zusätzliche Informationen benötigen, damit wir unsere Bemühungen zu deren Beschaffung koordinieren können.”

Der Botschafter nickte und ergriff Eryns Hand für einen Kuss, stets erfreut über den Funken an Ärger, der in ihren Augen auch nach all diesen Jahren immer noch aufblitzte. Es war eine unnötige Geste, wenn sie unter sich waren, und sie wusste, dass er es nur tat, weil sie Formalitäten jeder Art hasste. Umso mehr, wenn sie so vollkommen überflüssig waren wie in genau diesem Moment. Wenn er besonders verschmitzter Stimmung war, sprach er sie sogar mit Lady Maltheá an. Allerdings nicht heute. So weit ging er nie, wenn Enric zugegen war.

Sobald Ram’kel ihr Haus verlassen hatte, stöhnte Eryn und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

“Kannst du das glauben? Dieser Mann hat mich dazu gezwungen, dass ich deine Gefährtin werde, indem er mich bedrohte, dass er die Nacht mit mir verbringt, drängte mir einen Kuss auf, um dich zur Reise in die Westlichen Territorien zu veranlassen und hatte eine Affäre mit meiner eigenen Mutter! Und jetzt soll ich ihn dabei unterstützen, dass er eine Gefährtin findet? Wie absurd ist das denn bitte? Wo finde ich eine Frau, die ich ausreichend hasse, um ihr so etwas anzutun? Besonders, seit Valcredy nicht mehr verfügbar ist?”

Enric ignorierte ihre abschließende Bemerkung über Ram’ans Gefährtin. “So schlimm ist das nicht, Eryn. Der König hat uns beträchtlichen Einfluss auf die Zukunft des Königreichs gewährt, in dem er uns bat, ihm in dieser Angelegenheit zu helfen. Vorausgesetzt, er handelt gemäß unseren Empfehlungen, versteht sich.”

“Ich will diesen Einfluss nicht! Das mag dazu führen, dass die Leute oder der König selbst uns die Schuld geben, falls es danebengeht. Was ist, wenn sich die Königin als eine Art machthungrige Irre erweist? Der Kreis der verfügbaren Frauen wird immerhin nicht besonders groß sein. Abgesehen davon, dass sie aus dem richtigen – oder zumindest nicht dem falschen – Haus stammen soll, muss sie auch noch eine Nicht-Magierin sein, damit unsere Gesetze hier diesbezüglich nicht verletzt werden. Was schätzt du, wie viele Nicht-Magierinnen wir in führenden Familien einer Gesellschaft finden werden, wo im Verlauf der letzten paar Jahrhunderte auf magische Stärke bei Nachkommen größter Wert gelegt wurde?”

Er nickte. “Ich weiß. Niemand sagte, dass es eine einfache Aufgabe werden würde.”

Sie knirschte mit den Zähnen, schluckte aber ihre Antwort, als sich die Eingangstür öffnete und Vedrics Stimme erklang, als er sich mit seiner Großmutter unterhielt. Die hatte während ihres Treffens mit dem König auf ihn aufgepasst.

Wenig später kam der Junge in das Arbeitszimmer seines Vaters gerannt und warf sich in die Arme seiner Mutter.

“Wir haben heute Inad besucht!”, strahlte Vedric. “Sie sagt, wir sind verwandt!”

Eryn zwang sich zu einem Lächeln. Zumindest irgendjemand war erbaut über diese Kleinigkeit. “Dann hat es dir also bei Inad gefallen? Das freut mich zu hören.”

Gerit kam kurz darauf nach – wahrscheinlich, nachdem sie ihren eigenen und Vedrics Umhang ordentlich aufgehängt hatte. Da der Junge die Haken noch nicht erreichen konnte, ließ er den seinen einfach auf den Boden fallen. Sie musste zusehen, dass ein weiterer, tiefer liegender Haken an der Wand befestigt wurde, damit sie ihm beibringen konnte, nicht überall, wo er gerade unterwegs war, eine Unordnung zu hinterlassen.

“Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast”, meinte Enric zu seiner Mutter. “Wie ich höre, hat ihm der Besuch bei Inad gefallen.”

Gerit schenkte dem Jungen auf Eryns Schoß ein warmes Lächeln. “Ja, das hat er. Und er war so artig.”

Eryn zog eine Augenbraue hoch. “War er das? Bist du sicher, du hattest das richtige Kind dabei?”

“Oh, Mutter!”, jaulte der Junge. “Das war gemein! Ich bin anbetungswürdig. Inad hat das gesagt.”

“Mein Fehler. Ich würde Inad doch wohl nicht widersprechen wollen.”

Zufrieden, dass seine Mutter ihren Fehler eingestanden hatte, wandte er sich einem weiteren wichtigen Thema zu. “Kann ich ein Brötchen haben?”

Eryn schüttelte den Kopf. “Nein. Wir essen in etwa einer Stunde. Du würdest dir nur den Appetit verderben.”

“Nur eines? Biiiiiitte?”

Seine Mutter schüttelte den Kopf. “Nein. Du kannst eines haben, wenn du aufgegessen hast.”

“Du bist so streng!”, heulte er. “Warum nicht?”

“Weil du die Nährstoffe brauchst, damit du zu einem kräftigen Burschen heranwächst, und Brötchen enthalten die einfach nicht.”

“Warum?”

“Weil der Bäcker sie nicht dafür gedacht hat, dass sie anstatt einer richtigen Mahlzeit vertilgt werden, sondern als Nachspeise oder kleinen Imbiss zwischendurch.”

“Warum?”

Eryn entschied, den Fragen nun einen Riegel vorzuschieben. Es war eine Sache, ihrem Sohn Dinge zu erklären, damit er die Welt um sich herum etwas besser verstand, aber eine ganz andere, sich von ihm auf ihren Nerven herumtrampeln zu lassen. “Du solltest gehen und ihn das fragen.”

Er blinzelte. Das war nicht die Antwort, die er erwartet hatte. Sie beraubte ihn der Möglichkeit, seine knapp formulierte Fragerei fortzusetzen. Doch er konnte immer noch zum Ausgangsthema zurückkehren.

“Ich will ein Brötchen!”

Nun trat Enric vor und warf ihm einen strengen Blick zu. “Deine Mutter hat nein gesagt. Und wenn du nicht damit aufhörst, sie zu quälen, wird es später keine Nachspeise für dich geben.”

Vedric schmollte und verschränkte die Arme, erwiderte dieses Mal aber nichts darauf.

Gerit meldete sich zu Wort und streckte dem Jungen ihre Hand entgegen. “Ich habe Vyril versprochen, sie heute im Waisenhaus zu besuchen. Du kannst mich begleiten, wenn du möchtest.”

“Das Waisenhaus?” Vedric spitzte die Ohren. Seine Frustration darüber, dass er seiner Vorliebe für süße Brötchen nicht frönen durfte, war bereits vergessen. “ Gibt es in dem hier viele Jungs? In dem in Takhan leben ganz viele Jungs!”

“Ich denke, es gibt dort einige von ihnen, ja”, erwähnte seine Großmutter leichthin. “Bedeutet das, du kommst mit mir?”

“Ja! Ja! Ja!” Vedric sprang auf und klatschte in die Hände, bevor er aus dem Zimmer stürmte.

Eryn seufzte ausgiebig und blickte zu ihrem Gefährten empor. “Warum hört dieser Junge bloß niemals auf mich? Warum braucht es immer ein strenges Wort von dir, damit er still ist? Bin ich zu nachsichtig mit ihm? Sicher nicht! Junar sagt sogar, ich wäre strenger als notwendig. Nicht, dass das viel aussagt. Sie und Orrin verwöhnen ihre Tochter nach Strich und Faden. Das passiert, wenn eine Frau, die dachte, sie wäre unfruchtbar, und ein Mann in seinen Fünfzigern ein Kind miteinander haben.”

“Ich glaube nicht, dass es an dir liegt, Liebste. Es ist womöglich meine imposanter körperliche Erscheinung. Vergiss nicht, dass er mich beim Schwertkampf gesehen hat. Das mag ausreichen, um ihn zweimal nachdenken zu lassen, bevor er sich mir widersetzt.”

Seine Gefährtin schnaubte. “Genau das ist es, was er nicht lernen soll – dass ein Schwert zu schwingen und groß zu sein alles ist, was im Leben zählt.”

“Er ist erst fünf Jahre alt. Es wird noch ausreichend Gelegenheit für uns geben, ihm ordentliche Werte zu vermitteln.” Er zog sie vom Sofa hoch. “Komm, bereiten wir das Abendessen vor, solange Mutter Vedric beschäftigt.”

*  *  *

Mürrisch zog Eryn das Schwert. Zeit, es hinter sich zu bringen. Die erste Trainingsstunde mit Orrin nach ihrer Rückkehr aus dem Westen war immer die schwierigste. Während ihr gelegentliches Training in Takhan mit Kilan, Pe’tala oder Enric dazu diente, ihre Fähigkeiten lediglich auf dem aktuellen Level zu halten, war Orrin noch immer entschlossen, sie zu verbessern. Ganz egal, für wie unnötig sie selbst das erachtete. Doch Tyront hatte Orrin freie Hand gegeben, so fortzufahren, wie er es als nützlich erachtete, also konnte sie kaum etwas dagegen tun.

“Du weißt, dass das nächste Spiel in zwei Wochen stattfindet, nehme ich an?”, fragte Orrin, während er sie langsam zu umkreisen begann.

“Ich habe nicht die Absicht, daran teilzunehmen, wenn es das ist, worauf du hinauswillst”, erwiderte sie.

Seit sie vor sechs Jahren in Takhan mit der Idee aufgewartet hatte, war das Spiel zu einer regelmäßigen Veranstaltung gewachsen. Orrin und Enric hatten ein Regelwerk dazu entwickelt und sofort das Potential erkannt, dass sich die Leute auf diese Weise freiwillig zum Training ihrer Kampffertigkeiten veranlassen ließen. Seither hatte sich das Spiel in einen Wettkampf verwandelt. Sowohl in Takhan als auch in Anyueel veranstaltete man zweimal pro Jahr ein Spiel für die eigenen Leute – und eine größere Veranstaltung, bei der die besten Spieler jedes Landes gegeneinander antraten. Der Gewinner des Vorjahres war sodann der Gastgeber für das nächste Spiel.

Orrin hatte vor ein paar Jahren damit aufgehört, Kinder zu trainieren und konzentrierte sich nun darauf, die ehrgeizigen Spieler auf beiden Seiten des Meeres in fortgeschrittener Schlachtstrategie zu unterweisen. Interessant war, dass ein paar der besten Spieler im Königreich tatsächlich als Heiler tätig waren. Etwas für Eryn vollkommen Unverständliches. Ihrer Vorstellung nach musste die Hinwendung zum Heilen für viele Magier die einzige Möglichkeit sein, um dem ständigen Streben nach der Verbesserung ihrer Kampffertigkeiten zu entkommen und stattdessen etwas Nützliches tun zu können. Dass sie das Heilen zu ihrem Beruf erkoren hatten und in ihrer Freizeit die Schlacht suchten, passte irgendwie nicht zu Eryns Bild von der Wirklichkeit.

Das anstehende Spiel war nicht das große, sondern eines der beiden kleineren. Jedes Jahr versuchte Orrin erneut, sie zur Teilnahme am Spiel zu bewegen. Er betonte, dass die Erfinderin nicht nur ein Teil davon sein, sondern auch danach trachten sollte, möglichst lange im Spiel zu verbleiben.

Jahr für Jahr erklärte Eryn ihm immer wieder das Gleiche – dass ihre Inspiration für diese Idee aus der Beobachtung von Kindern beim Versteckspiel erwachsen war, wo sie gesehen hatte, wie sehr diese das Spiel genossen, das sie selbst bereits in deren Alter gespielt hatte. In ihrer Vorstellung gab es da wesentlich weniger Schlachtstrategie, Formationskampf und Fallenstellen. Für sie war dies nicht länger ein Spiel, sondern ein Probedurchlauf für einen Krieg. Was auch der Grund war, weshalb Orrin in seiner Kapazität als Oberhaupt der Krieger von diesem Spiel so angetan war.

Wenngleich er ihre Einstellung kannte, versuchte er immer aufs Neue, sie miteinzubeziehen, zu starrköpfig, um einfach zu akzeptieren, dass Kriegsspiele allem zuwiderliefen, wofür sie stand.

Zu ihrer Überraschung verfolgte er das Thema nicht weiter, sondern wandte sich in eine vollkommen andere Richtung, als er meinte: “Ich sorge mich wegen…” – er griff an und zog sich wieder zurück, als sie seinen Hieb parierte – “…Vern.”

“Ach ja?”

“Ich habe den Eindruck, dass er mir aus dem Weg geht. Und wenn ich es endlich schaffe, dass er einmal mit uns zu Abend isst, wirkt er unaufmerksam und verdrossen. Sag mir nicht, dass du nichts bemerkt hast?”

Eryn nickte. “Das habe ich. Aber das war zu erwarten. Nach all dieser Zeit ist er nach Hause zurückgekehrt, an einen Ort, der so ganz anders ist als der, von dem er einst fortging.”

“Sollte er diese Veränderung nicht gutheißen? Dass dieser Ort so war wie er war, bewegte ihn immerhin, von hier wegzugehen”, argumentierte der Krieger.

“Das mag sein, trotzdem er hat damit gerechnet, zu etwas Vertrautem zurückzukehren. Aber die Stadt hat sich so stark verändert, dass er sich einmal mehr wie ein Fremder fühlt. Ein wenig inspirierendes wenngleich vertrautes Zuhause ist besser als ein fortschrittliches aber unbekanntes. In Takhan war er dieser leuchtende Stern, dieser junge, immens talentierte Künstler, der gleichzeitig ein Heiler ist – eine Kombination, die man dort nicht kannte und als höchst wünschenswert betrachtete. Doch hier, trotz all dieser Veränderungen, wird sein Talent für das Zeichnen und Malen noch immer zu wenig geschätzt. Und mit den Heilern aus Takhan, die nun hier stationiert sind, gehört er nun nicht einmal mehr in diesem Bereich zu den am weitesten fortgeschrittenen Fachleuten. Es ist schwierig für ihn, und er kämpft dagegen an, nicht in seine alte Rolle zurückzufallen – in die eines Außenseiters.”

Orrin ließ sein Schwert sinken, ein unverkennbares Anzeichen seiner Bestürzung. Er war ein großer Verfechter dessen, dass man seine Deckung niemals vernachlässigte, besonders, wenn man jemandem mit einer gezogenen Waffe gegenüberstand.

“Das ist alles andere als ermutigend. Solange er sich hier nicht zugehörig fühlt, mag er in Betracht ziehen, wieder in die Westlichen Territorien zurückzukehren. Ich habe ihn gerade erst zurückbekommen; ich will nicht, dass er wieder fortgeht.” Er seufzte schwer. “Kann ich irgendwas tun? Oder gibt es etwas, das du tun kannst?”

Eryn schüttelte den Kopf. “Mir fällt nichts ein. Sofern du nicht ein nettes junges Mädchen kennst, in das er sich womöglich verlieben könnte.”

Orrin schürzte die Lippen. “Er scheint recht angetan von Plia, jetzt wo du es erwähnst. Jedes Mal, wenn er uns besucht, fragt er Junar ganz beiläufig, wie es ihr in den letzten Jahren ergangen ist.”

Sie kniff die Augen zusammen. “Das schlägst du dir am besten gleich wieder aus dem Kopf, Orrin! Vern verdient Plia nicht, nach dem, wie er sie während seiner Abwesenheit behandelt hat. Wusstest du, dass er ihr nicht ein einziges Mal geschrieben hat? Sie hat für ihn geschwärmt, als er nach Takhan ging, und wenig später erfuhr sie und auch jeder andere, dass er eine Affäre nach der anderen hatte. Plia trifft sich jetzt schon seit mehr als zwei Jahren mit ihrem jungen Freund, einem soliden und zuverlässigen Kerl – genau das, was ein Mädchen braucht und verdient, das in seiner Kindheit nicht wusste, woher es seine nächste Mahlzeit bekommen sollte. Wage es bloß nicht, sie zu benutzen, um deinen Sohn an diesen Ort zu binden, ich warne dich! Du würdest auch nicht wollen, dass deine eigene Tochter auf solch eine Weise benutzt wird.”

Der Krieger blinzelte, überrascht über diesen Ausbruch. “Natürlich nicht”, versicherte er ihr eilig. “Ich wollte damit nicht andeuten, dass ich sie für meine eigenen Zwecke benutzen wollte.”

Gut, dachte sie. Nicht, dass sie es zugelassen hätte.

“Wie laufen die Dinge in der Klinik?”, erkundigte sich Orrin, unverkennbar bestrebt, zu einem Thema mit weniger Streitpotential zu wechseln.

“Soweit läuft alles gut. Wir sehen uns derzeit nach passenden Gebäuden in der Nähe der Klinik um. Uns geht langsam der Platz aus.”

Sie nahmen den Schwertkampf wieder auf und attackierten und parierten eine Weile, ohne zu sprechen.

“Er ist ein guter Junge, weißt du”, meinte Orrin schließlich. “Er mag etwas gedankenlos gehandelt haben in der Art und Weise, wie er Plia behandelt hat, doch dass ihm sein rauschender neuer Lebensstil zu Kopf stieg bedeutet nicht, dass er sie verletzen wollte.”

Eryn nickte. “Das weiß ich. Trotzdem muss er die Konsequenzen tragen und entscheiden, ob er versuchen will, sie als Freundin zurückzugewinnen. Ich hoffe aufrichtig, dass er nicht versuchen wird, ihre Beziehung für seine eigenen selbstsüchtigen Wünsche zu ruinieren.”

“Selbstverständlich wird er das nicht”, behauptete Orrin zuversichtlich.

Eryn erwiderte nichts darauf. Diese Überzeugung teilte sie nicht ganz so rückhaltlos.

 

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