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„Schwierige Nachbarn“ – Der Orden: Buch 7

Kapitel 1

Unterwegs

Enric bemerkte die Verwirrung und den Unmut auf dem Gesicht seiner Gefährtin, als der grüne Fleck, der schon vor einer Weile in Sichtweite gekommen war, nicht in dem Ausmaß wuchs, wie sie es erwartet hatte. Er erinnerte sich noch gut an seinen eigenen ersten Eindruck von vor ein paar Jahren, als er und Vran’el sich dieser speziellen Oase genähert hatten. Nach zwei Tagen des Reitens durch die Wüste hatte es ihn nach irgendeinem Stückchen Grün gedürstet, nach Bäumen, nach Schutz vor der erbarmungslosen Sonne – in der Stadt kaum mehr als ein Ärgernis, sofern man zur heißesten Tageszeit nach draußen musste, hier draußen jedoch eine echte Gefahr.

“Das ist es?”, stöhnte sie. “Warum hast du behauptet, das sei der Höhepunkt auf unserem Weg durch die Wüste? Ich sehe hier keine große Verbesserung zu den Lagern, in denen wir die letzten beiden Nächte verbracht haben! Das ist einfach nur grausam! Nie wieder werde ich dir irgendetwas glauben!”

Er erwiderte nichts auf ihr Gejammer. In ungefähr einer Stunde würden sie das Lager von Malriels Cousin erreichen, und dann würde sie sehen, dass er ihr keineswegs einen grausamen Streich gespielt hatte. Und er war in diesem Moment zu erschöpft, um mit ihr zu debattieren. Genau wie ihm selbst, so würde es auch ihr schwerfallen, aufgrund bloßer Worte zu glauben, dass dies eine ausgedehnte Oase war, ein kleines Paradies inmitten ausgedehnter Flächen nicht enden wollenden Sandes, Felsen und Luft, die vor Hitze flimmerte, wo auch immer man hinsah.

Zwei Tage des Reitens durch die Wüste mit ihr war alles andere als ein pures Vergnügen gewesen. Obgleich das nicht allein ihre Schuld war. Wenn es kaum etwas gab, mit dem sich das Auge ablenken ließ, dann hatten die Gedanken Zeit zu wandern. Was sich als wenig angenehm erwies, wenn man gerade seinen Sohn zurückgelassen und viel Zeit hatte, ihn zu vermissen und sich zu fragen, was er gerade tat, zu überlegen, ob er wohl in genau diesem Moment betrübt war.

Sie hatten damit begonnen, Erbáls Code für die Nachrichten nach und aus Kar auswendig zu lernen. Zum einen, um diese unbedingt erforderliche Aufgabe zu erledigen, und andererseits auch, um zumindest ein wenig der Zeit sinnvoll zu nutzen.

“Wie buchstabieren wir Worte, für die wir kein Codewort haben?” kehrte er zu diesem Thema zurück. Diese letzte Stunde konnten sie ebenso gut dafür heranziehen.

“Ich weiß es nicht.”

“Du hast nicht einmal überlegt. Komm schon. Das ist einfach.”

Sie seufzte und dachte einen Moment lang nach, dann gab sie ihm Recht indem sie antwortete: “Wenn der Satz mit dem Wort Ich beginnt, dann zeigt das, dass er etwas buchstabieren wird, indem er in den folgenden Worten des Satzes Buchstaben versteckt.”

“Welches Schema zieht er dafür heran?”

Sie schloss die Augen und versuchte, sich selbst in ihrem Arbeitszimmer in Anyueel zu sehen, wo alles in Holz eingebrannt war. “Letzter Buchstabe des ersten Wortes, erster Buchstabe des zweiten, vierter Buchstabe des dritten, dritter Buchstabe des fünften, und dann beginnt es wieder von vorne. Da steckt keinerlei Logik dahinter! Wie soll man sich das alles merken?”

“Das ist der Sinn dahinter, Liebste. Alles, was einer bestimmten Logik folgt, kann durch rationales Denken und genug Informationen über eine Person entschlüsselt werden. Er vermeidet es nach Möglichkeit, regelmäßige Muster einzusetzen. Ganz ohne sie kommt er nicht aus, doch er reduziert sie so stark, dass es keinesfalls reichen würde, nur die regelmäßigen Muster zu kennen, um irgendwelche nützlichen Informationen aus einer Nachricht zu ziehen. Sie zeigen lediglich an, dass noch mehr Informationen nachfolgen. Die tatsächliche Information zu erkennen ist die eigentliche Herausforderung. Also, welche Bedeutung hat das Wort Haus, wenn es nur ein einziges Mal in der Nachricht vorkommt?”

“Gefahr,” antwortete sie ohne Zögern. Daran erinnerte sie sich ohne Schwierigkeiten. Es war Teil seiner jüngsten Nachricht an sie gewesen, wo er sie über den anstehenden Anschlag auf Königin Del’na’bened informiert hatte.

“Und wenn es zweimal benutzt wird?”

“Geheimnis. Eine weitere Kombination für diese Bedeutung wäre auch Nachricht und lesen im gleichen Satz.”

“Sehr gut. Warum hat er mehrere Kombinationen für das gleiche Wort?”

“Weil es nicht offensichtlich werden soll, dass Informationen versteckt sind, indem die gleichen Worte zu häufig benutzt werden,” wiederholte sie gehorsam, was er ihr am ersten Tag ihrer Reise erklärt hatte.

“Welche Worte sind ein dringender Hilferuf?”

“Unglaublich müde oder vernachlässigbar.”

“Wie bezieht er sich auf die Regierung in Kar?”, fragte er weiter.

“Ich weiß es nicht mehr.”

“Familie. Wie nennt er die dortigen Magier?”

“Ich kann mich nicht erinnern! Die Sonne brät mein Gehirn, also lass mich zufrieden, sofern du es zumindest einen Augenblick lang aushalten kannst, untätig zu sein”, schnauzte sie ihn mit einer Mischung aus Frustration und Verdruss an.

Enric beugte sich ihrem Wunsch. Er hatte sie ein wenig ablenken wollen, doch das war offenkundig nicht zielführend.

Ein paar Minuten lang ritten sie schweigend weiter, bevor sie auf den Mann zu sprechen kam, der ihnen in ihrer letzten Nacht in der Wüste Unterschlupf gewähren würde. “Du hast gesagt, Ganel sei Malriels Cousin. Und dass er eine Menge Gefährtinnen und Kinder hat.”

“Das letzte Mal, als ich ihn sah, hatte er sechs Gefährtinnen und mehr als dreißig Kinder. Jetzt könnten es mehr sein.”

Voller Unverständnis schüttelte Eryn den Kopf. “Wie kann irgendeine Frau zustimmen, lediglich eine von mehreren Gefährtinnen zu sein? Wurden sie alle dazu gezwungen?”

“Das mag in manchen Stämmen noch der Fall sein, doch zum Glück ist das mittlerweile eher unüblich. In Ganels Fall habe ich mir sagen lassen, dass er niemals eine Frau an sich bindet, die nicht willens ist, mit ihm in der Oase zu leben und ihn mit einigen anderen Gefährtinnen zu teilen. Er ist kein grausamer Mann, der Frauen und Kinder wie Trophäen sammelt. Auch wenn man das nicht glaubt, wenn man zum ersten Mal hört, dass er von beiden so viele hat. Malriel sagte mir, dass drei von ihnen zuvor an andere Männer gebunden waren und schreckliche Misshandlungen erdulden mussten. Mit Ganel können sie sich vorwiegend mit anderen Frauen umgeben und müssen nicht öfter mit ihm schlafen, als ihnen lieb ist, da es genug andere Frauen gibt, die dieses Bedürfnis erfüllen. Ein seltsames Arrangement, wie ich zugebe. Sicher keines, das ich mir für mich selbst vorstellen könnte. Doch solange alle Beteiligten damit zufrieden sind, werde ich nicht urteilen.”

Eryn erwiderte nichts darauf, sondern versuchte sich vorzustellen, wie deren Leben aussehen mochte. Besonders in diesem kleinen grünen Fleck vor ihnen. Wie passten sie dort überhaupt alle hinein?

Enric hing seinen eigenen Gedanken nach und stellte sich vor, dass sein Sohn in diesem Moment wahrscheinlich sein Mittagsessen einnahm. Wohl mit Pe’tala und seiner Cousine Zahyn. Malriel würde zu dieser Tageszeit beschäftigt sein, wie auch Valrad und Rolan in der Klinik. Er dachte an Orrin. Ob er wohl verärgert darüber war, dass man ihn ohne seine Familie nach Takhan geschickt hatte und er sein eigenes Kind zurücklassen musste, um den Sohn seines Vorgesetzten zu beschützen?

“Was ist das? Noch eine?”, hörte er Eryn fragen und blickte auf.

Ah ja, sie hatten den Punkt erreicht, wo auch das andere Ende der Oase sichtbar wurde, nicht jedoch der Mittelteil, der sich von ihnen weg krümmte und somit noch nicht erkennbar war. Noch sah all das nach zwei nicht verbundenen Flecken mit kärglichem Bewuchs aus.

“Nein, das ist das andere Ende der Oase. Sie ist wie ein Halbmond geformt. Bald erreichen wir das eine Ende und können dann den Bäumen und Büschen bis zu ihrer Mitte folgen. So haben wir zumindest ein wenig Schatten.”

Wenig später erreichten sie die ersten paar mickrigen Palmen. Dazwischen bedeckten allem Anschein nach vertrocknete Büsche den Untergrund. Je weiter sie vordrangen, desto dichter und üppiger wurden die Palmen.

Eryn spielte damit, im Stillen die Sekunden von einem schattigen Punkt zum nächsten zu zählen. Sie bemerkte, wie ihr Pferd jedes Mal zu verweilen versuchte, wenn sie einen weiteren hohen Baum erreichten, der Schutz vor der Sonne bot.

Nach einer Weile offenbarte sich das gesamte Ausmaß der Oase. Sie näherten sich nun der breiten Mitte und konnten erkennen, wie sich die Baumlinie vom dem einen Ende, das sie als erstes gesehen hatten, zu dem anderen weit entfernten erstreckte.

“Sieh dir das an! Sie ist riesig!”, staunte Eryn und spürte, wie ihre gute Laune zurückkehrte. “Vielleicht war ich etwas voreilig damit, dass ich dir niemals wieder irgendetwas glaube”, fügte sie entschuldigend hinzu.

“Ich bin froh das zu hören”, erwiderte Enric großmütig und deutete nach vorne zu ein paar Bauten, die noch nicht im Detail erkennbar, aber jedenfalls von Menschenhand geschaffen waren. “Siehst du das? Wir sind schon fast da.” Er dachte an den Teich mit dem Wasserfall, in den er und Vran’el kurz nach ihrer Ankunft hier auf ihrem Rückweg eingetaucht waren. Eryn gegenüber hatte er nichts davon erwähnt. Er wollte ihr Gesicht sehen, wenn er sie dorthin brachte.

Die Umrisse der Zelte und wenigen Steinbauten, von denen Enric wusste, dass sie als Lagerplatz dienten, wurden immer deutlicher, je näher sie kamen.

Eryn pfiff durch die Zähne. “Das sieht fast wie ein Dorf aus!”

“Ja, ich denke, damit könnte man es vergleichen. Sie haben extra Zelte zum Kochen, Essen, für den Unterricht der Kinder, einige Schlafzelte für die Kinder, und das riesige dort drüben gehört Ganel. Dort empfängt er seine Gäste.”

“Die Gefährtinnen teilen sich auch ein großes Zelt, in dem sie alle schlafen? Oder wohnen sie in seinem?”, fragte sie und überlegte, wie angenehm es wohl sein konnte, den Geräuschen zuhören zu müssen, die während des Geschlechtsverkehrs mit der Frau entstanden, mit der er sich entschieden hatte die Nacht zu verbringen.

“Nein, keineswegs. Ganz im Gegenteil. Jede davon hat ihr eigenes Zelt. Ich kann dir nicht sagen, wie sie von innen aussehen. Vermutlich hätte es zu Missverständnissen geführt, wenn ich darum gebeten hätte, mir eines davon ansehen zu dürfen.”

“Ich bin froh zu hören, dass du dermaßen große Zurückhaltung an den Tag gelegt hast, wenn es darum ging, die Schlafquartiere anderer Frauen zu inspizieren”, erwiderte sie in einem Tonfall, der zu lieblich klang um echt zu sein.

Schließlich erreichten sie die Siedlung und wurden von zwei Frauen in fließenden Wüstengewändern begrüßt, von denen eine ein etwa dreijähriges Kind auf ihrer Hüfte trug. Eine von ihnen schien etwa Mitte zwanzig zu sein, die andere mit dem Kind sah etwa zwanzig Jahre älter aus. Ihre Kleidung wirkte schlicht, aber von guter Qualität und sauber, ebenso wie die des Kindes.

“Seid willkommen”, meinte die Ältere von beiden und lächelte zu ihnen empor. “Steigt ab und erlaubt mir, mich um eure Tiere zu kümmern. Nach diesem langen Ritt durch die Wüste müssen sie erschöpft sein. Ebenso wie auch ihr. Mein Name ist Mial, ich bin Ganels Gefährtin.” Sie berührte die andere Frau am Arm und stellte sie vor. “Das ist Rior, Ganels Gefährtin.” Dann verengten sich ihre Augen leicht, als sie Enric betrachtete, als würde sie überlegen, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte.

“Einen guten Tag, meine Damen. Wir danken euch für eure Gastfreundschaft. Das ist meine Gefährtin Maltheá, und ich bin Enric.”

“Eryn”, murmelte Eryn in seine Richtung.

“Nein, hier nicht”, antwortete er ebenso leise, bevor er abstieg.

Überrascht sah Eryn die Frau an, die sie begrüßt hatte, als diese in Gelächter ausbrach. “Aber natürlich! Enric! Das letzte Mal warst du mit Valrads Sohn hier! Ihr wart so unklug, mit Ganel zu trinken und saht am nächsten Morgen aus, als würdet ihr jeden Augenblick umfallen. Und du bist nackt durch das Lager gerannt! Niemand von uns hat jemals zuvor einen gelbhaarigen Mann gesehen, und dann gleich so viel von ihm auf einmal!”

Eryn starrte die Frau an, dann Enric, und sah zu ihrer unendlichen Überraschung, dass er tatsächlich – errötete! Es gab ein paar seltene Gelegenheiten, bei denen ihm die Zornesröte ins Gesicht gestiegen war, nie jedoch hatte sie bislang gesehen, dass ihm das Blut vor Verlegenheit in die Wangen stieg! Sie fand es großartig und begann ebenfalls zu lachen.

Nach einigen Sekunden, während derer sie sich an ihren Sattel klammerte, um nicht vor Belustigung zu Boden zu stürzen, schaffte sie es schließlich unbeschadet nach unten.

“Herrlich, davon hat er mir nie erzählt! Wir sollten uns zusammensetzen und reden, Mial.”

Mial lächelte und übergab Eryn den Jungen als wäre es das Natürlichste auf der Welt, vollkommen Fremden den Nachwuchs anzuvertrauen. Auch das Kind wirkte keineswegs beunruhigt darüber, dass es sich auf dem Arm einer Frau wiederfand, die es noch niemals zuvor gesehen hatte, sondern schenkte ihr ein Lächeln, das zwei Zahnlücken entblößte. Eryns Herz schmolz dahin.

“Es wird mir ein Vergnügen sein. Wenn du kurz auf unseren Kleinen achtest, kümmere ich mich um eure Pferde.” Ohne auf eine Antwort zu warten ergriff sie die Zügel aller drei Tiere und führte sie davon.

“Kommt”, lud Rior sie nun ein, “ich bringe euch zu Ganel. Ich weiß, dass er sich schon auf euch freut, seit Malriel ihm einen Vogel mit der Ankündigung eurer Ankunft geschickt hat.” Ihr Blick verweilte auf Eryn. “Du siehst ihr wirklich sehr ähnlich. Aber ich bin sicher, dass sagt man dir ständig.”

Eryn lächelte höflich. Das stimmte. Und sie hasste es.

Sie ließen sich zu dem großen Zelt führen, das sie bereits aus der Ferne erspäht hatten. Rior trat als Erste ein und schob die schweren Vorhänge beiseite.

“Ganel? Unsere Gäste sind hier.”

Eryn und Enric folgten ihr ins Innere, wo sie erst ein paar Augenblicke benötigten, um ihre Augen vom gleißenden Sonnenlicht auf das vergleichsweise dämmrige Licht im Zelt umzustellen.

Rior trat an einen Mann, der auf einem Haufen schon beinahe lächerlich prächtig bestickter Kissen leise schnarchend vor sich hindöste, und stieß ihn mit ihrem Fuß an. Nicht grob, doch auf eine Weise, die ihr zweifellos seine Aufmerksamkeit sichern würde.

“Ganel, steh auf und begrüße deine Gäste! Du wusstest, dass sie um Mittag herum eintreffen sollten, wie kannst du also einfach einschlafen?”

Eryn blinzelte bei dem Anblick eines Mannes, der wohl in seinen Sechzigern oder Siebzigern sein musste, und von seiner Gefährtin gescholten wurde, die jung genug war, um seine Tochter zu sein. Oder sogar seine Enkelin.

“Du hast absolut Recht, meine kleine Wüstenblume”, gab er etwas taumelig von sich und rappelte sich tollpatschig auf, bis er stand. Seine Miene erhellte sich. “Enric! Und die kleine Maltheá! Da seid ihr ja!” Er trat auf Eryn zu, nahm ihr den Jungen vom Arm und reichte ihn an Rior weiter, bevor er sie ohne Vorwarnung in eine herzliche Umarmung zog. “Ich habe so viel von dir gehört!” Er hielt sie auf Armeslänge und nahm ihren gesamten Anblick in sich auf, soweit dies in ihrer Kleidung möglich war. “Und sie haben Recht! Unter tausend Frauen könnte ich dich herauspicken, sogar unter zehntausend!” Er umfasste ihr Kinn und drehte es hin und her. “Erstaunlich! Malriels Gesicht, allerdings… Die Nase ist nicht ganz identisch. Darin steckt ein wenig Vel’kim.”

Sanft aber entschieden schloss Eryn ihre Finger um sein Handgelenk und senkte seine Hand. “Ganel, es ist mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen. Ich schätze deine Gastfreundschaft wirklich sehr, besonders, da ich erst kürzlich erkannt habe, dass ich nicht für die Wüste gemacht bin. Aber wenn du nicht aufhörst, mich wie eine Stute auf dem Pferdemarkt zu behandeln und deine Hand nicht von meinem Gesicht fernhältst, werde ich sie dir brechen. Nicht lange, wohlgemerkt. Ich würde sie wieder heilen. Aber wehtun würde es dennoch. Dir, versteht sich – ich würde gar nichts spüren.”

Ganel starrte sie an, dann stieß er ein bellendes Lachen aus. “Ah, es ist, als käme ich nach Hause! Ich fürchte den Tag, an dem ich einer zahmen Aren begegne! Das wird mein Tod sein! Furchteinflößender Haufen, aber so belebend!”

“Du bist doch ebenfalls Aren, oder nicht?”, fragte Eryn verwirrt. Bisher hatte sie nur Mitglieder anderer Häuser und ein paar unerschrockene Menschen ohne den Schutz eines Hauses, das ihr vorzeitiges gewaltsames Dahinscheiden zu rächen vermochte, auf diese Weise von Aren-Frauen sprechen gehört.

“Selbstverständlich. Deshalb kenne ich sie auch so gut.” Einen Augenblick lang wurde sein Gesichtsausdruck verträumt. “Du hast meine Tante, Malhora, kennengelernt, nicht wahr? Sie ist eine Legende. Ich höre, dass die Leute immer noch nervös werden, wenn sie die Stadt besucht. Aber du machst dich auch nicht übel, wenn man den Geschichten glauben darf. Zerstörung des Senatsgebäudes, was?”

“Nicht das gesamte Gebäude, bloß das Dach”, korrigierte sie ihn mit einem leicht mulmigen Gefühl. Dieser Vorfall war eine Warnung, eine Erinnerung daran, was passierte, wenn eine mächtige Magierin die Kontrolle über sich verlor. Sie betrachtete dies keineswegs als einen ihrer glorreicheren Momente. Somit hieß sie es auch nicht gut, wenn es als bewundernswerte Tat dargestellt wurde anstatt als die gefährliche Niederlage, die es tatsächlich war.

Er winkte ab. “Das tut nichts zur Sache. Du hast uns allen etwas gegeben, woran wir uns erinnern können, und Arens werden gerne mit mächtigen Taten in Verbindung gebracht.” Er wandte sich Enric zu und umarmte ihn ebenfalls. “Mein hellhaariger Freund! Ich bin entzückt, dich wieder einmal in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen!”

Enric grinste und antwortete in einer Weise, bei der er wusste, dass sie Ganel erfreuen würde. “An deinem Heim ist nichts bescheiden, mein Freund. Es ist eine schamlose Demonstration, wie unglaublich erfolgreich du bist, und erweckt den Neid eines jeden, der das Glück hat, hier willkommen zu sein.”

Der ältere Mann lachte. “Ich gebe zu, dass ich nicht von Armut geplagt bin, doch nachdem du zwei Tage lang nichts als Sand gesehen hast, würdest du sogar ein Stück Stoff, das zwischen zwei Bäume gespannt wurde, als Luxus betrachten. Lass uns später mehr reden. Ich kann sehen, dass ihr eine Erfrischung nötig habt. Wir haben ein Zelt für euch vorbereitet und werden euch Essen bringen, und auch frisches Wasser, das nicht stundenlang in einem Ledersack war. Hinterher könnt ihr ein Bad nehmen, und dann werden wir uns zusammensetzen und einen angenehmen Abend verbringen.”

Eryn blinzelte, als ihr Gehirn sich zu glauben weigerte worauf ihre Ohren bestanden, sie hätten es gehört. “Ein Bad? Mit… Wasser?”

Ganel warf ihr einen zweifelnden Blick zu. “Ja, Maltheá, so halten wir es in der Regel mit dem Baden in dieser Gegend. Was hast du denn erwartet? Eine Wanne voller Sand?” Er lachte laut über seinen eigenen Scherz, dann sah er Rior an. “Würdest du unsere Gäste bitte zu ihrem Zelt bringen und sichergehen, dass sie versorgt sind? Dafür wäre ich dir sehr verbunden.”

*  *  *

Eryn folgte Mial in Ganels großflächiges Zelt, das den Vergleich mit dem Hauptraum einer takhaner Residenz nicht zu scheuen brauchte, soweit es Komfort und Stil betraf. Jedenfalls war es ebenso geräumig – und sogar luxuriöser. Das ergab sich womöglich aus dem Bedürfnis, einen möglichst starken Kontrast zur trostlosen Wüste zu schaffen.

Bis auf die beiden Frauen war das Zelt leer. Ganel hatte Enric mit sich genommen um ihm zu zeigen, wo seine Gefährtinnen kunstfertige Stickereien anfertigten, die in der Regel einen guten Preis erzielten. Alwidinar, Stammeshäuptling und Vater der neuen Königin von Anyueel, hatte für das Kommitment-Kleid seiner Tochter ein kleines Vermögen ausgegeben und es mit komplexen Stickereien aus Goldfäden versehen lassen.

Mial bedeutete Eryn, sie solle auf den großen, üppigen Kissen Platz nehmen. Eryn tat wie ihr geheißen und seufzte zufrieden. Sie fühlte sich wie neu geboren. All der Sand, Staub und Schweiß, der an den unangenehmsten Stellen an ihr gehaftet hatte, war nun fort, und ihr Körper war soweit abgekühlt, dass sie sich zur Abwechslung einmal wohlfühlte.

Der Teich, in dem Enric und sie ihr Bad genommen hatten erschien wie aus einer anderen Welt. Das Wasser war so klar gewesen, dass sie bis zum Boden sehen konnten, die Farbe türkis an manchen Stellen, blau an anderen. Der Wasserfall an einem Ende, der das Becken mit kristallklarem, kaltem Wasser füllte, stammte aus dem nahegelegenen Gebirgszug, der die Grenze zu Pirinkar bildete. Das Wasser folgte den Ausläufern der Berge und floss teilweise unterirdisch und rasch genug, um nicht von der Sonne aufgeheizt zu werden.

Sie hatten darin geschwommen und wie ausgelassene Kinder herumgeplanscht. Sie hatte sich erzählen lassen, wie Vran’el Enrics Kleider gestohlen hatte, sodass ihr Gefährte gezwungen gewesen war, vollkommen nackt an all diesen Frauen und Kindern vorbeizulaufen.

Das Bedauern, dass sie diesen wundersamen Ort nicht mit Vedric teilen konnten, hatte einen Moment der Melancholie gebracht. Enric hatte ihr versprochen, mit ihrem Sohn dorthin zurückzukehren und ihm zu zeigen, was es wahrhaftig bedeutete, in der Wüste zu reisen. Und welch wunderschöne Belohnung den Reisenden erwartete, der willens war, den feindseligen, sandigen Weiten zu trotzen.

Ohne zu fragen reichte Mial ihr ein kühles, süßes Getränk. “Ich bin sicher, Ganel und Enric werden bald zurückkehren.”

“Danke. Kannst du dich ein wenig zu mir setzen oder musst du dich dringend um etwas kümmern?”

“Nichts, das nicht warten kann.” Die Frau holte sich selbst ebenfalls etwas zu trinken und nahm dann neben Eryn Platz, bevor sie ein paar Kissen herumschob, um es sich bequem zu machen.

“Kann ich dich etwas fragen? Du musst natürlich nicht antworten. Sag es einfach, falls ich unangemessen neugierig bin,” begann Eryn.

Mial nickte ermutigend.

“Wie gefällt dir das Leben in eurer kleinen Insel mitten in der Wüste? Ich schätze, es gibt nicht viel Gelegenheit für dich, unterwegs zu sein?”

Die ältere Frau lächelte nachsichtig. “Maltheá, wollte ich das Land bereisen, so hätte ich nicht zugestimmt, mich an einen Mann zu binden, der davon beseelt war, in der Mitte von Nirgendwo sein eigenes Reich zu errichten. Das mag nicht jedem zusagen, aber für mich ist es genau das Richtige.”

Eryn betrachtete die andere Frau und fragte sich, ob sie eine der drei Frauen war, die vor ihrem Kommitment mit Ganel misshandelt worden waren. Falls ja, so waren Umstände wie diese, ein stilles Paradies, sehr wahrscheinlich dem, was sie zuvor erdulden hatte müssen, unendlich vorzuziehen.

“Es ist wunderschön hier, das gebe ich zu. Ich wurde von manchen der Häuser auf ihre Plantagen unweit der Berge im Osten und Westen eingeladen, doch nichts, was ich dort gesehen habe, kommt dem nahe, was ihr hier habt. Als ich euren Wasserfall sah, wollte ich meinen Augen nicht trauen.”

“Dann musst du hierher zurückkehren. Mit deinem kleinen Sohn. Malriel besucht uns hin und wieder und erzählt uns immer, wie klug und hübsch er ist.”

Eryn blinzelte. “Das tut sie? Euch besuchen, meine ich.” Sie versuchte sich Malriel in ausgebeulter Wüstenkleidung vorzustellen, anstatt in dem teuren, fließenden Stil, den sie bevorzugte, wie sie freiwillig tagelang zu Pferde unterwegs war, nur um ihren Cousin und dessen zahlreiche Gefährtinnen so weit von der Stadt entfernt zu besuchen.

“Oh, ja. Seit ihrer Reise nach Pirinkar, als sie eine Nacht hier verbrachte, und eine weitere einige Monate später bei ihrer Rückkehr mit Enric und Vran’el, nimmt sie sich ein paar Tage Zeit von ihrem vollen Terminplan, um hierher zurückzukehren. Sie sagt, es sei ein Ort, wo sie sich nicht zu sorgen braucht, wo sie entspannen kann und für kurze Zeit kein Oberhaupt eines Hauses oder eine Triarchin sein muss. Normalerweise tut sie das, wenn ihr auf der anderen Seite des Meeres seid, da sie keine Zeit mit ihrer Familie opfern möchte.”

Eryn nahm einen weiteren Schluck. Malriel war kein Thema, an dem sie festhalten wollte. “Und es macht dir nichts aus, dass Ganel so viele andere Gefährtinnen hat? Ich habe immer nur mit Enric gelebt und fände den Gedanken, ihn teilen zu müssen, ungemein verstörend.”

Mial lächelte. “Es stört mich überhaupt nicht. Wir sind immerhin nicht die Einzigen, die teilen müssen. Er muss uns ebenfalls miteinander teilen.”

Eryn runzelte kurz die Stirn, bevor sie verstand. “Ihr tut also…? Miteinander?”

“Selbstverständlich. Ganel hat im Moment acht Gefährtinnen, also können wir kaum von dem armen Mann erwarten, dass er unser aller Bedürfnisse regelmäßig erfüllt. Er wird auch nicht jünger, und nach einer Weile könnte es ihn umbringen. Nicht alle von uns schlafen mit anderen Frauen, doch die meisten von uns tun es.”

Ach du liebe Güte. Dieses Gespräch ging nicht gerade in eine Richtung, mit der sie sich besonders wohl fühlte. Sie hätte die Frage nicht stellen sollen, wenn sie nicht willens war, sich darin zu vertiefen.

“Aber keine der Frauen hat einen zweiten Gefährten? Dieses Privileg ist Ganel vorbehalten?”

Mial lachte. “Nein, keine. Du denkst, du müsstest uns alle von etwas befreien, das du für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit hältst – ein Mann mit acht Frauen, die für ihn arbeiten müssen, seine Kinder großziehen, alles tun, was er sagt, und uns in seinem Bett abwechseln.”

“Nun, ich…”

“Lass mich dir versichern, dass wir alle dieses Leben freiwillig gewählt haben. Er hat keine Einzige von uns getäuscht hinsichtlich dem, was er von uns erwartet. Für jede Einzelne von uns ist das hier ein viel besseres Leben als das, was uns erwartet hätte, wären wir bei unseren Stämmen geblieben oder das, vor dem wir in manchen Fällen sogar geflohen sind. Ganel ist früher viel gereist und war bei einigen Stämmen zu Gast. Zwei von uns hat er unter beträchtlichem Risiko für ihn selbst befreit, andere suchten ihn auf, und eine von uns wurde von ihrem Vater zu ihm gebracht, der entschied, dass sie dem Stamm Schande gebracht hätte, den Gedanken aber nicht ertragen konnte, sie zu töten.” Sie lächelte. “So sind wir alle hier gelandet. Und deshalb sind wir auch alle dankbar dafür, hiersein zu dürfen. Nur wenige von uns sind in Ganel verliebt, so viel will ich zugeben. Doch wir lieben ihn auf eine andere Weise. Wir schätzen ihn für den Mann, der er ist, für das, was er für uns getan hat, für sein großes Herz. Unsere Kinder sind unser Geschenk an ihn, ebenso wie unsere Bemühungen für das, was er unser gemeinsames Unterfangen nennt und das uns allen den Luxus ermöglicht, den du sonst kaum irgendwo außerhalb der Stadt finden wirst.”

In diesem Augenblick wurden die schweren Vorhänge beiseitegeschoben, und Ganel und Enric traten ein. Eryn war dankbar für ihr Erscheinen und fühlte sich etwas töricht ob der Arroganz, mit der sie diese Frau zu überzeugen versucht hatte, man würde sie kaum besser als eine Dienerin behandeln.

“Ah, welch eine Augenweide”, schmeichelte Ganel, sobald er sie erblickte. “Hattet ihr eine angenehme Wartezeit? Nicht zu angenehm, so will ich hoffen, oder unsere Gesellschaft wäre unwillkommen.”

Mial lächelte. “Ich empfand sie als angenehm. Maltheá ist auf jeden Fall die Tochter ihrer Mutter.”

Eryn war kurz davor zu fragen, weshalb genau man sie auf diese Weise beleidigte, erinnerte sich aber rechtzeitig daran, dass Leute, die Malriel mochten, diesen Vergleich nicht als Beleidigung betrachten würden. Also hob sie nur ihre Augenbrauen und wartete darauf zu hören, was ihre Gesprächspartnerin zu so einem wenig schmeichelhaften Vergleich veranlasst hatte.

“Sie wollte mich überzeugen, dass eine Frau einen einzigen Mann nicht mit so vielen anderen teilen müssen sollte”, lächelte sie, dann ergriff sie Ganels Hand und drückte einen zärtlichen Kuss darauf.

Eryn hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Oder wäre vom Boden verschluckt worden. Beides hätte den Zweck erfüllt. Verlegenheit färbte ihre Wangen rot, und sie setzte dazu an, sich zu erklären.

Doch Ganel warf nur seinen Kopf zurück und lachte mit aufrichtiger Belustigung. “Natürlich! Eine Aren kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie irgendetwas teilen soll – doch ich würde alles, was ich besitze, darauf verwetten, dass sie keinen Einspruch erheben würden, wäre es umgekehrt – wäre ich einer von acht Gefährten einer Frau.”

Eryn wollte widersprechen, schloss aber ihren Mund wieder. Aus irgendeinem Grund, den sie nicht wirklich näher begründen und in Worte fassen konnte, hatte er Recht – irgendwie hätte es einen Unterschied gemacht, wäre es anders herum.

Ganel, der sie beobachtet hatte, tätschelte ihr gönnerhaft das Haupt. “Ich sehe, dass mein Vermögen sicher ist. Dein Gesicht sagt mir alles.”

Eine weitere von Ganels Gefährtinnen steckte ihren Kopf zum Vorhang herein und fragte: “Das Abendessen ist fertig. Wollt ihr hier drin essen oder draußen mit uns allen?”

“Mit euch”, antwortete Eryn rasch. Sie war froh, dass Ganel nicht böse mit ihr war aufgrund dessen, was Mial ihm erzählt hatte, doch ihr war auch nicht danach, sich für den Rest des Abends von ihm aufziehen zu lassen.

*  *  *

Enric ritt voran, als sie den Pass erreichten, der durch das Gebirge führte.

“Errichte einen Schild”, instruierte er seine Gefährtin und tat das Gleiche. “Sieh zu, dass er auch das Packpferd schützt.”

Sie gehorchte und sah sich dann um, ob irgendeine Gefahr in den Schatten des Nachmittags lauerte, die ihn zu dieser Vorsicht veranlasste. Dann erinnerte sie sich, dass er vor langer Zeit einmal einen Vorfall mit Räubern erwähnt hatte, als er und Vran’el durch dieses Gebiet gereist waren.

Enric war froh, dass sich die Hitze von drückend zu gerade einmal unangenehm wandelte. Als die Felsen auf beiden Seiten in die Höhe zu wachsen begannen und ihnen Schatten spendeten, nahm er seine Kopfbedeckung ab und erfreute sich an der Luft in seinem verschwitzten Nacken.

“Wissen wir, wie groß Pirinkar ist?”, fragte Eryn. “Ich glaube nicht, dass ich jemals irgendwo eine Karte des Landes gesehen habe. Haben wir überhaupt eine?”

“Nein zu beidem. Ich könnte mir denken, dass sie es als strategischen Vorteil erachten, den sie nicht an ein Land weitergeben wollen, bei dem sie stets klargestellt haben, dass sie einen gewissen Abstand wünschen. Und jetzt noch weniger. Das ist immerhin das zweite Mal innerhalb von ein paar Jahren, dass sie kurz vor einem Krieg mit den Westlichen Territorien stehen.”

“Aber Pirinkar besitzt Landkarten von den Westlichen Territorien, vermute ich?”

Enric zuckte mit den Schultern. “Davon gehe ich aus.”

“Und vom Königreich?”

“Das ist ebenfalls wahrscheinlich, würde ich sagen. Wir haben niemals ein großes Geheimnis daraus gemacht, und den Herstellern der Landkarten steht es frei, ihre Produkte an jeden zu verkaufen, der willens ist, ihre Preise zu bezahlen.”

Eryn kaute auf ihrer Unterlippe. “Ist das klug?”

“Das wird sich noch zeigen. Sollte das Schlimmste zum Tragen kommen und Takhan fallen, können wir nur hoffen, dass sie es nicht schaffen, die magische Barriere im Meer zu passieren.”

Diese Aussage beunruhigte sie. “Du denkst also, es bestünde eine realistische Chance, dass sie den Orden besiegen könnten? Zumindest gehe ich davon aus, dass der Orden den Westlichen Territorien in ihrer Stunde der Not beistehen würde?”

“Was Letzteres betrifft, so denke ich das auf jeden Fall. Besonders, nachdem der König das Band zwischen den beiden Ländern gerade mit seinem Kommitment mit Del’na’bened gestärkt hat. Was eine Niederlage betrifft… Es ist immer gefährlich, sich seines Sieges allzu gewiss zu sein. Wir wissen so gut wie nichts über sie, nur dass sie Magier verachten und gut mit mechanischen Geräten sind. Wir haben keine Informationen darüber, ob sie eine stehende Armee haben, wie groß sie ist, wie fähig, ob sie irgendeine Methode entdeckt haben, wie man Magier ohne Magie dingfest machen kann und so weiter. Vielleicht überdenken sie sogar ihre Beschränkungen für Magier und lassen sie nicht nur in den Tempeln heilen, sondern schicken sie in den Kampf, falls eine reale Gefahr besteht, dass sie eine Schlacht verlieren. Ich hoffe nur, es gibt keine Priester, die heimlich Kampfkunst trainiert haben. Das wäre in der Schlacht höchst unbequem. Für uns, meine ich.”

Eine Weile setzten sie ihren Weg schweigend fort, Enrics Augen stets auf die Umgebung gerichtet.

Eryn entschied sich, ein weiteres Thema anzusprechen. “Wegen dieser Besessenheit mit vollen Namen… Lam, Etor und Gistor sind ihre Titel, die mit akademischen Erfolgen zusammenhängen. Holm, Reig und Legen sind Familienpositionen. Und dann sind da noch zwei weitere für Priester, die ich aber vergessen habe. Das macht mich zu…” Sie nahm sich einen Moment Zeit, um die Teile zu kombinieren. “Lam Eryn, Reig von Haus Vel’kim.”

Enric lächelte, was Eryn nicht sehen konnte, da sie hinter ihm ritt. “Die Papiere, die die Triarchie für uns vorbereit hat, hast du dir nicht angesehen, oder?”

“Nein. Warum?”

“Darin steht, was man in Pirinkar als unsere vollständigen Namen betrachten wird.” Er wühlte in der ledernen Tasche, die er um seinen Brustkorb geschlungen trug, und zog die besagten Papiere hervor. Er hielt sein Pferd an, bedeutete Eryn so nahe heranzukommen wie der schmale Pfad es gestattete, und streckte seine Hand aus, um ihr die Dokumente zu reichen.

Sie faltete sie auseinander und überflog die erste Seite, bis sie die Namen fand. Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden. Lam, weil er seine Rechtsstudien in Takhan beendet hatte. Reig, weil er Malriels Erbe war. Dahinter seine Funktion. Genau so hätte sie selbst es auch kombiniert.

Sie las den Namen, der auf der nächsten Seite stand, und runzelte die Stirn. Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan.

“Was für ein Unsinn ist das denn? Ist der Titel Gistor nicht dermaßen abgehoben, dass man ihn nicht einmal durch bloße Studien, sondern nur durch irgendeine außergewöhnliche Leistung erlangen kann? Und warum Forscherin und nicht Heilerin?”

“Deine Studien im Bereich des Heilens waren umfangreich genug, um einen höheren Titel als Lam zu rechtfertigen, und deine eindrucksvollen Entdeckungen in verschiedenen Bereichen sollten ausreichen, um dich mit den höchsten Ehren zu versehen. Was deinen Beruf als Heilerin anbelangt – man hat uns gewarnt, die Leute nicht an den Makel unserer Magie zu erinnern. Und genau das würde dein Heilerberuf tun, und zwar jedes Mal, wenn dich jemand grüßt. Außerdem ist es ein bequemer Ausdruck, falls wir erklären müssen, wie du den Titel Gistor verdient hast. Eine Forscherin zu sein bedeutet, dass die Entdeckung neuer Dinge deine Berufung ist.”

“Sie nennen dich Stellvertreter im Orden”, entgegnete sie. “Weshalb soll das nicht ständig an deine Magie erinnern? Der Orden ist eine Organisation für Magier!”

“Doch keine, mit der viele von ihnen vertraut sind. Aus diesem Grund haben sie auch nicht Orden der Magier geschrieben. Wenn jemand fragt, was der Orden ist, kann ich immer noch antworten, dass es sich dabei um eine Institution handelt, die sich der militärischen Verteidigung des Landes verschrieben hat. Alles in allem wäre das keine Lüge. Und es würde sie daran erinnern, dass wir nicht ganz so nachlässig waren wie unsere Freunde in den Westlichen Territorien, wenn es darum geht, unsere Kampffertigkeiten zu trainieren.”

Eryn faltete die Papiere wieder und reichte sie Enric zurück. “Ich glaube noch immer, dass es anmaßend ist, wenn ich einfach davon ausgehe, dass ihr höchster Titel angemessen für mich ist.”

Er steckte die Dokumente zurück in seine Tasche und ritt weiter.

“Du bist nicht diejenige, die davon ausgeht, Liebste”, meinte er über seine Schulter. “Sondern die Triarchie. Das bedeutet, dass es nur zu Verwirrungen führen würde, wenn du versuchst bescheiden zu wirken und dich stattdessen Lam oder Etor nennst. So steht es immerhin nicht auf den Papieren. Und du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass man Regeln dort unterwürfigst folgt. Wenn deine Papiere nicht zu dem passen, wer du zu sein behauptest, mag es sein, dass sie dich nicht einmal nach Kar hineinlassen.”

“Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan”, murmelte sie mehrmals, um den Namen in ihrem Gedächtnis zu verankern. “Was ist mit uns beiden? Werden wir uns gegenseitig mit unseren vollen Namen ansprechen, wenn uns jemand hören kann, oder darf es etwas zwangloser sein, da wir miteinander verbunden sind?”

“Wir können uns der Kurzformen unserer Namen bedienen.”

“Wird das in meinem Fall Maltheá oder Eryn sein? Können wir von ihnen verlangen, dass sie das akzeptieren oder werden sie mich aus ihrer Stadt werfen, wenn ich sie zu sehr verwirre?”

“Zwischen uns beiden ist Eryn in Ordnung, würde ich meinen. Wir können immer noch behaupten, es wäre eine Art liebevoller Kosename, den ich für dich habe.”

Sie nickte, zufrieden mit dieser Lösung. Ohne ihren Sohn an einem fremden und womöglich feindseligen Ort verweilen zu müssen war schlimm genug, aber sich von Enric mit dem Namen ansprechen lassen zu müssen, der ihr verhasst war, weil er sie zu sehr an Malriel erinnerte, wäre zu viel.

“Wir werden ihnen erklären müssen, weshalb deine Gefährtin der Frau, die alle für deine Mutter halten, dermaßen ähnlich sieht”, erinnerte sie ihn. “Wir könnten ihnen erklären, dass wir Geschwister sind. Was rechtlich gesprochen nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt wäre.”

Enrics Schultern hoben und senkten sich mit einem Seufzen. “Wir versuchen sie dazu zu bringen, dass sie mit uns zusammenarbeiten, anstatt uns noch mehr abzulehnen. Es ist schon schlimm genug, dass wir Magier sind – wir können ihnen nicht den Eindruck vermitteln, wir kämen von einem Ort, wo es Bruder und Schwester gestattet ist – oder sie sogar dazu ermutigt werden – sich fortzupflanzen.”

“Ich war deine Gefährtin, bevor ich deine Schwester wurde”, grinste sie, wissend, dass er es nicht leiden konnte, wenn sie sich als seine Schwester bezeichnete.

“Bleiben wir einfach bei der Wahrheit, in Ordnung? Das ist in diesem Fall das geringere Übel. Und da viele von ihnen Malriel noch immer misstrauen, mag es dir ihren guten Willen einbringen, dass du ihre Familie offiziell verlassen hast. Eure Ähnlichkeit macht es schlussendlich unmöglich, jedwede Verbindung zwischen euch abzustreiten.”

“Weißt du, wenn diese Leute mich lieber mögen, weil ich mich von Malriel gelöst habe, dann können sie eigentlich so schlimm nicht sein.”

“Gewiss nicht alle von ihnen. Aber lass uns nicht vergessen, dass sich ein paar davon immer noch als Kriegstreiber versuchen.”

Eryn rümpfte die Nase. “Ach ja, da war diese Kleinigkeit.”

*  *  *

Auf dem Weg die Schotterstraße entlang knurrte Eryns Magen. Sie wusste, dass es nur mehr eine Frage von ein paar Stunden war, bis sie die Stadt Kar erreichten, doch in diesem Moment erschien ihr der Gedanke daran, noch dermaßen lange auf eine Mahlzeit warten zu müssen, beinahe unerträglich. Die Alternative war jedoch auch nicht besonders attraktiv.

Wüstenbewohner wussten, wie man Verpflegung für längere Reisen haltbar machte, und Haltbarkeit war in der Tat die hervorstechendste Eigenschaft. Ganz eindeutig war sie nicht dafür gedacht, kulinarische Befriedigung zu schaffen, sondern den Reisenden lediglich am Leben zu erhalten, bis er einen Ort erreichte, an dem ordentliches Essen verfügbar war.

Bislang hatten sie dreimal ihr Lager aufgeschlagen, doch da Eryn alles verweigerte, was Enric erjagte, ersparte er sich den dafür erforderlichen Aufwand. Stattdessen hatten sie versucht, die getrocknete Nahrung über dem Feuer zu rösten, um den Geschmack zu verbessern. Es hatte nicht funktioniert.

Die Landschaft war wahrscheinlich das Hauptproblem, sinnierte Eryn. Sie bot nicht ausreichend Abwechslung oder exotische Fremdartigkeit, um sie von ihrem Hunger abzulenken. In der Wüste war sie bestrebt gewesen, jede Körperstelle zu bedecken und ihr Innenleben ausreichend mit Wasser zu versorgen, ohne aber ihren Wasservorrat zu rasch zu verbrauchen. In den Bergen hatte sie sorgsam darauf geachtet, weder ihr Reittier, noch das Packpferd gegen eine harte Oberfläche stoßen oder ausrutschen zu lassen. Zusätzlich dazu hatte sie ihre Augen nach Banditen offengehalten. All das war nach der Wüste eine willkommene Abwechslung gewesen. Es war kühler, die Sonne schmerzte weniger in den Augen, alles war weniger sandig und monoton. Nachdem sie das Gebirge überquert und die Ausläufer erreicht hatten, fanden sie sich beinahe von einer Minute zur nächsten in einem opulenten Urwald wieder, der ein solch absurder Kontrast zu dem war, was auf der anderen Seite lag, dass Eryn dies alles zuerst einfach nur sprachlos angestarrt hatte. Vran’el hatte ihr vor einiger Zeit davon erzählt, doch sie hatte es lediglich seiner Neigung zur Übertreibung zugeschrieben.

Nach der Überwindung ihres Schocks hatte sie voller Entzücken festgestellt, dass die Insekten, die die Schlafkrankheit übertrugen, von hier kommen mussten. Aufmerksam hatte sie die Augen offengehalten, enttäuscht, als sie keines entdeckt hatte, das den Bildern und der Beschreibung in dem Buch entsprachen, das Enric ihr vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Sie hatte das Enric gegenüber erwähnt, doch er hatte nur gelächelt und seine Erleichterung zum Ausdruck gebracht.

Es dauerte nur ein paar Stunden, um durch diese grünen aber dunstigen Gefilde mit Bäumen, die höher wuchsen als alle, die Eryn bisher gesehen hatte, zu reiten. Die Luft war mit so viel Wasser geschwängert, dass ihre Kleider bereits nach ein paar Minuten an ihren Körpern klebten. Es war eine andere Hitze als die, die sie von der Wüste her kannte. Als würde die Luft das Wasser aus ihren Poren saugen und sie damit rascher ermüden als es die trockene, gnadenlose Hitze in den Westlichen Territorien vermochte.

Enric, stets bereit und willig, diejenigen weiterzubilden, die weniger gut informiert waren als er selbst, erklärte ihr, wie die Berge die Wolken am Durchkommen hinderten und sie damit zwangen, all ihre Feuchtigkeit regelmäßig auf dieser Seite des Gebirges abzugeben.

Eryn sah bald, dass dieses überbordend üppige Wachstum lediglich auf ein vergleichsweise kleines Gebiet beschränkt war. Je weiter sie die Berge hinter sich zurückließen, desto mehr wandelte sich die Landschaft zu dem, was sie vom Königreich her kannte. Die Ränder der Wälder, an denen sie vorbeikamen, bestanden sogar aus den gleichen Baumarten, die Eryn von zuhause bekannt waren, und es gab weitläufige Wiesen, wo sie einige der Kräuter wiedererkannte.

Sie folgten der leichten Steigung auf einen Hügel, und Eryn erstarrte, als plötzlich die Stadt Kar vor ihr erschien, angeschmiegt an den Rand eines riesigen Sees, der eine Biegung machte als wollte er die Masse an farbenfrohen Häusern sanft umarmen und Schutz vor jeglichen destruktiven Elementen versprechen, die sich nähern mochten.

Enric lächelte über ihr Erstaunen. “Ein beachtlicher Anblick, nicht wahr?”

“Es ist so… farbenfroh. Das ist seltsam. Das ist überhaupt nicht das, was ich von einem Ort erwartet habe, der mir als nüchtern und in seinem blinden Regelgehorsam irgendwie trostlos beschrieben wurde.” Sie sah noch einmal hin. Genau wie in Takhan gab es keine Stadtmauer. Hielten sie den See wirklich für eine unüberwindbare Barriere für Eindringlinge? Dass sie in der Lage wären, auf Boote zu schießen – und zu treffen – die sich mitten in der Nacht über den See wagen mochten? Oder waren sie dermaßen zuversichtlich, dass es kein Feind weit genug schaffen würde, um ihre Stadt tatsächlich anzugreifen? Entweder verbargen sie eine mächtige Waffe in ihrer Stadt, oder sie setzten dermaßen großes Vertrauen in ihre Fähigkeiten, dass es schon an Vermessenheit grenzte.

“Ein Ort voller Kontraste”, nickte Enric. “Übrigens, ein wenig weiter vorn an der Kurve bei diesem breiten Baum bin ich damals vom Pferd gefallen, als du Vedric zur Welt gebracht hast.”

Sie lächelte, ohne auch nur eine Spur an Mitgefühl zu zeigen. “Nun, ich kann nur sagen, dass das hier jedenfalls ein wesentlich angenehmerer Ort war als das Zimmer in der Klinik, in das sie mich gesteckt haben.”

“Lass mich dir sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt kaum die Nerven hatte, die Landschaft zu bewundern”, erwiderte er etwas übellaunig, weil sein Leiden verharmlost wurde.

“Lustig, ich war mir meiner Umgebung damals sehr bewusst. Ich erinnere mich an die Bilder, die sie an der Wand hatten. Noch immer haben, sollte ich wohl sagen. Fröhliche kleine Skizzen von Kindern, die in den Straßen spielen und so etwas in der Art. Szenen, die zweifellos dazu gedacht waren, die armen, leidenden Mütter daran zu erinnern, warum sie sich das alles antaten. Bei mir hat das allerdings nicht funktioniert. Wäre ich in der Lage gewesen aufzustehen, hätte ich sie von den Wänden gerissen und zertrümmert.”

Er lachte. “Du bist wohl die einzige Frau, die ich kenne, die aggressiv wird, wenn man sie Dingen aussetzt, die im Allgemeinen als beruhigender Einfluss verstanden werden.”

Ihre Aufmerksamkeit kehrte zurück zu der Stadt vor ihnen, und sie staunte, wie das Wasser rundherum sie wie einen mehrfarbigen Edelstein in einer glänzenden, blauen Fassung erschienen ließ.

“Weißt du”, sinnierte Eryn, besänftigt durch den prächtigen Anblick, “jetzt, wo ich den Ort tatsächlich sehe, erscheint es mir nicht mehr so entsetzlich, dorthin zu gehen. Jetzt gerade habe ich das Gefühl, als gäbe es keine Herausforderung, die wir hier nicht meistern könnten.”

Enric erwiderte nichts darauf. Ihm war nicht ganz so zuversichtlich zumute.

Sie setzten ihren Weg fort, dann griff er nach ihren Zügeln, um ihr Pferd anzuhalten, als ihm ein plötzlicher Gedanke kam.

“Du hast gelernt, wie man Schilde errichtet und sie an die Lebenskraft einer Person bindet, nicht wahr? Genau wie der Schild, den Ved’al in deinem Inneren platziert hat, als du ein junges Mädchen warst? Nachdem er dich vor dieser Vergewaltigung bewahrt hat?”

Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. “Ja, das habe ich. Es war keine Fertigkeit, die ich für das Zertifikat in Takhan brauchte, aber Valrad hat mir vor ein paar Jahren gezeigt, wie es funktioniert. Bedeutet das, du möchtest, dass ich wieder so einen Schild in mir errichte? Bevor wir Kar betreten?”

“Mir wäre wohler, wenn du das tätest, ja.”

Kurz zog Eryn eine Diskussion in Betracht, entschied sich aber dagegen. Es war eine Kleinigkeit ohne irgendwelche unerwünschten Nebenwirkungen, die ihn beruhigen würde. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich darauf, einen Schild um ihre Fortpflanzungsorgane zu errichten, erweiterte ihn bis er den Zutritt sperrte wo Enric darauf beharrte, dass außer ihm niemand hindurfte. Das war der einfache Teil. Nun, einfach für jemanden, der sich mit den genauen Eigenschaften wie Durchlässigkeit und Stärke auskannte, die für einen Schild an diesem exakten Fleck und zu diesem Zweck erforderlich waren. Hier ging es nicht nur darum, eine Barriere zu errichten, die alles aufhielt, was aus irgendeiner Richtung auf sie zukam. Es gab Flüssigkeiten, die in unterschiedliche Richtungen durchfließen mussten. Und Enric musste weiterhin hindurch können.

Der zweite Teil bestand darin, die Barriere zweifach zu verknüpfen. Einerseits bedurfte es einer Energiequelle, die sich nicht einfach durch einen goldenen Gürtel oder Handschellen unterbrechen ließ, sondern die den Schild weiterhin versorgte, ganz egal, was auf der Außenseite geschah. Diese Energiequelle war nicht von der starken, bewusst eingesetzten Magie abhängig, sondern der tieferliegenden, die in jedem Tropfen Blut und jedem winzigen Stück Gewebe in ihrem Körper eingebettet war. Dieser beinahe nicht spürbare weil so niedrige Level an Magie würde erst dann aufhören zu existieren, wenn der Körper, dem sie innewohnte, verstarb.

Die zweite Verbindung war die zu ihren Gefühlen. Die waren der Auslöser dafür, wie durchdringbar der Schild war. Außer Lust gab es noch eine Reihe an positiven Gefühlen, die die Barriere deaktivieren und damit den Zutritt ermöglichten. Jedes Gefühl von Bedrohung, Ekel, Angst, Misstrauen oder Ärger von ihrer Seite würde sie jedoch unpassierbar und damit jeden Geschlechtsverkehr mit ihr unmöglich machen. Außerdem würde der Angreifer unerträgliche Schmerzen in seinen Genitalien erleiden, die ihn sehr wahrscheinlich davon abhalten würden, so etwas in absehbarer Zeit noch einmal zu versuchen.

Nachdem beide Verbindungen sachgemäß etabliert waren, öffnete sie die Augen wieder. “Erledigt.”

“Danke”, lächelte er und ergriff ihre Hand, um sie zu küssen. “Das ist mir wichtig. Ich schätze es auch, dass du das für mich tust, obwohl ich sehen kann, dass du es nicht für nötig befindest.”

“Wenn es nichts weiter als das braucht, um dir zumindest ein wenig Sorge zu ersparen, dann komme ich diesem Wunsch gerne nach.”

Erneut nahmen sie den letzten Teil ihrer Reise in Angriff.

“Vedric wäre begeistert gewesen von den farbenfrohen Häusern”, murmelte Enric. “Und von dem See. So etwas hat er noch nie gesehen.”

“Das musstest du jetzt unbedingt sagen, was?”, seufzte sie und verspürte einen Stich von Traurigkeit, obwohl ein kleiner Teil von ihr dankbar war, dass sie nicht die Einzige war, die ihren Sohn vermisste.

Er zuckte mit den Schultern, dann runzelte er die Stirn. “Wir sollten eine rasche Pause einlegen und etwas essen. Entweder bin ich wirklich hungrig, oder das Geistesband sagt mir, dass du es bist. Jedenfalls habe ich nicht vor, mit einem knurrenden Magen in der Stadt einzutreffen, egal, wessen Magen es ist.”

“Großartig”, brummte Eryn ohne jede Begeisterung, “noch mehr gepresste Hobelspäne.”

“Das ist jetzt aber nicht fair”, grinste er. “Woher willst du wissen, wie Hobelspäne schmecken? Ich gehe davon aus, dass du noch nie welche probiert hast.”

“Ich habe ein recht gutes Vorstellungsvermögen”, knurrte sie voller Unmut darüber, dass er ihren aus ihrer Sicht angemessenen Vergleich in Frage stellte.

“Gut. Dann kannst du einfach deine Augen schließen und dir vorstellen, es wäre etwas Wohlschmeckendes anstatt dich zu beklagen.” Er ließ unerwähnt, dass seine Erinnerung an die Küche in Pirinkar nicht gerade angenehm war. Wenn er ihre Hoffnung zerstörte, dass in der Stadt erheblich höherwertige Speisen auf sie warteten, würde sie das nur noch mehr deprimieren.

Kapitel 2

Kar

Enric brachte sein Pferd zum Stehen und stieg bedächtig und kontrolliert ab. Er wusste, dass die Stadtwachen, die auf der Brücke standen um ihnen den Zutritt in ihre Hauptstadt zu verwehren, ihn nicht einfach so angreifen würden, solange er sie nicht provozierte. Konnte er jedoch keine Dokumente vorweisen, die bestätigten, dass ihm die Erlaubnis zum Betreten der Stadt erteilt worden war und er sich weigerte sich zurückzuziehen, dann würden sie das allerdings sehr wohl tun.

Dennoch, es empfahl sich stets respektvolle Bedachtsamkeit, wenn man sich einer überlegenen Anzahl an potentiellen Angreifern gegenübersah. Obwohl diese sehr wahrscheinlich keinerlei Chance hatten gegen Eryn und ihn selbst zu bestehen, wenn es hart auf hart kam, so war es niemals klug, andere zu unterschätzen. Die fünf Männer in blauen und grauen Uniformen mit metallenen Helmen und Brustpanzern hielten ihre Waffen auf eine Art, die nicht wirklich bedrohlich wirkte, der aber das Versprechen innewohnte, dass sich das von einem Moment auf den nächsten ändern konnte.

“Ein Stock mit einem Stachel darauf”, flüsterte Eryn. Für sie mutete das nach einer seltsamen Kreuzung aus einem landwirtschaftlichen Werkzeug und einer Waffe an. Ihre Kompetenz im Kampf, die der Orden ihr entgegen ihren Wünschen vermittelt hatte, lenkte ihre Aufmerksamkeit – beinahe unbewusst – auf die Waffen.

In einer Hand hielt jeder von ihnen einen langen, hölzernen Stock, der einen erwachsenen Mann überragte und an dessen Ende ein spitzes, unregelmäßig geformtes Metallstück befestigt war. Keine elegante Waffe, auch keine, die für den Kampf gedacht war. Ihr Zweck bestand eher darin, Leute auf Distanz zu halten und den langen Griff als Barriere zu nutzen, um den Zutritt zu verwehren. Was nicht bedeutete, dass der Stachel an der Spitze nicht beträchtlichen Schaden anrichten konnte. Allerdings wohl kaum bei einem ausgebildeten und mit einem Schwert bewaffneten Kämpfer.

Doch eine eingehendere Untersuchung ihrer Uniformen zeigte ihr, dass dies ebenfalls zur Ausstattung gehörte. Ebenso wie ein Messer in Scheiden an ihren Gürteln. Sie wirkten gut vorbereitet auf körperliche Auseinandersetzungen, ganz egal, ob ihre Gegner lediglich auf Abstand, mit dem Schwert auf mittlere Distanz in Schach gehalten, oder aus der Nähe mit dem Messer verletzt werden mussten. Wenn man davon ausging, dass die Wachen darin ausgebildet waren, mit all den Waffen auch umgehen zu können, die sie bei sich trugen, so empfahl es sich wohl, sie nicht leichtfertig herauszufordern.

Dennoch bezweifelte Eryn, dass die Männer für sie selbst und Enric eine besondere Bedrohung darstellten. Zumindest solange sie und ihr Gefährte Magie zur Verfügung hatten, die Wachen jedoch nicht. Nach dem zu urteilen, was sie über Pirinkar gelesen und gehört hatte, würde man Männer mit magischen Fähigkeiten nicht zu Wachen ausbilden, sondern sie den Tempeln übergeben, wo Heilen der einzige Beruf war, zu dem sie Zugang hatten. Ähnlich wie alle Magier in Anyueel gezwungen waren, dem Orden beizutreten, obgleich dies als Privileg und keineswegs als Strafe betrachtet wurde.

Eine seltsame Vorstellung, dass das, was sie ihr Leben lang getan hatte, was sie trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten immer weiter verfolgt hatte, in diesem Land ein Brandmal darstellte. Es bedeutete, dass man auf eine bestimmte Weise geboren wurde. Die gleiche Weise, auf die auch sie zur Welt gekommen war.

Enric hatte in der Zwischenzeit ihre Papiere aus einem flachen Beutel im Inneren seiner Tunika hervorgezogen und übergab sie dem Mann, dessen Auftreten und eine Spur aufwändiger verzierte Uniform nahelegten, dass er einen höheren Rang bekleidete. Der Mann nahm die Papiere ohne irgendein Anzeichen von höflichem Interesse oder Freundlichkeit entgegen, dann trat er beiseite und gab damit den Blick frei auf eine adrette Frau in ihren mittleren Vierzigern. Ihr Gebaren war nicht wesentlich freundlicher als das der Wachen, doch ihr Blick wurde eine Spur weicher, als er auf Enric fiel. Genau wie bei ihrer ersten Begegnung vor einigen Jahren war ihr hellbraunes Haar im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, und ihre Kleidung war nüchtern und förmlich. Ein paar zusätzliche graue Strähnen zeigten sich.

“Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten”, begrüßte er sie mit einem Lächeln. “Es ist ein Vergnügen, dich wiederzusehen. Es scheint, dass in Kar einzutreffen für mich für immer mit deinem Gesicht verbunden sein wird.”

Ein Mundwinkel der Frau zuckte kurz, als unterdrückte sie einen Anflug von Belustigung, während sie die Papiere in Empfang nahm, die der Wachmann ihr überreichte. Oder womöglich war sie lediglich erfreut darüber, dass er sich noch an ihren vollen Namen erinnerte, wollte es aber nicht zeigen.

Nachdem sie die erste Seite überflogen hatte, blickte sie mit einer beinahe unmerklich hochgezogenen Braue zu Enric auf.

“Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden. Lam. Du hast dich seit deinem letzten Aufenthalt hier also gebildet”, bemerkte sie ohne jedwede Begrüßung.

“Das habe ich. Ich habe Recht studiert”, erwiderte Enric freundlich.

Lam Ceiga kehrte zu den Dokumenten in ihrer Hand zurück. Nach einigen Sekunden blätterte sie zur zweiten Seite mit Eryns Details. Als sich sämtliche Informationen als deckungsgleich mit den Papieren, die sie vorab erhalten hatte, erwiesen, suchten und fanden ihre Augen die zweite Besucherin.

Enric beobachtete, wie sich ihre Augen vor Schock leicht weiteten, nachdem sie Eryns genauer in Augenschein genommen hatte. Ihre Augen sprangen zurück zu den Papieren in ihrer Hand, als wollte sie den Namen darauf noch einmal überprüfen.

“Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan?”, fragte sie dann, wie um sicherzugehen, dass trotz dieser unglaublichen Ähnlichkeit kein Fehler in ihren Schriftstücken vorlag.

“Ja, das wäre ich”, nickte Eryn, schwang sich von ihrem Pferd und trat neben ihren Gefährten. Sie unterdrückte ein Schaudern darüber, wie seltsam ihre Muttersprache aus dem Mund dieser Frau klang. Die Menschen in den Westlichen Territorien klangen ebenfalls anders als jene in Anyueel, doch ihre Aussprache war melodischer. Die Leute im Norden verzerrten sie mit den für die hiesige Sprache so typischen harten Lautäußerungen.

“Und ja, ich sehe Malriel von Haus Aren auf frappierende Weise ähnlich, was niemanden so sehr verstört wie mich selbst”, fügte sie hinzu, als Lam Ceiga sie weiterhin anstarrte.

Das veranlasste die andere Frau, sich zu räuspern und wieder am Riemen zu reißen.

“Vergib mir, Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan. Deine Papiere sind augenscheinlich in Ordnung.” Mit einer Handbewegung wies sie die Wachen an beiseite zu treten und den beiden, die nun offiziell Gäste anstatt Eindringlinge waren, Zutritt zu gewähren. Zumindest vorläufig.

Eryn und Enric folgten ihr in die Stadt, während sie ihre Pferde mit sich führten. Entweder hielt man es hier nicht für nötig, erschöpften Reisenden die Pferde abzunehmen, oder man wollte ihnen demonstrieren, dass sie alles andere als willkommen waren. Eryn kämpfte gegen ein leichtes Gefühl der Enttäuschung an, dass nicht Erbál derjenige war, der sie in Kar empfangen hatte. Ein ehrliches Lächeln wäre wesentlich ansprechender gewesen als das kühle Benehmen dieser Frau.

“Eure Pässe, damit ihr euch in der Stadt bewegen könnt, wurden bereits ausgestellt”, erklärte Lam Ceiga ohne sich umzudrehen, während sie flotten Schrittes vor ihnen hermarschierte. “Lam Erbál, Legen der Ferals, Botschafter in Kar, bestand darauf, euch diese Bürokratie bei eurer Ankunft zu ersparen und hat es auf sich genommen, alles selbst zu erledigen. Die Dokumente befinden sich zurzeit in seinem Gewahrsam.”

Eryns Aufmerksamkeit wanderte von ihrer Führerin zu ihrer Umgebung. Die Straßen bestanden aus großen, flachen, quadratischen Pflastersteinen, die ihr Muster veränderten, sobald kleinere Straßen und Gassen von dem abzweigten, was eindeutig die Hauptstraße sein musste. Sie war überrascht, wie sauber die Straßen wirkten, obwohl ihr Enric vor einigen Jahren davon berichtet hatte.

Und dann die Gebäude. Die meisten davon waren auf eine kuriose Weise konstruiert. Unten befand sich ein Steinfundament etwa so hoch wie sie selbst. Darüber befand sich eine seltsam geometrisch anmutende Anordnung von Holzbalken, deren Zwischenräume mit irgendeinem anderen Baumaterial aufgefüllt und dann mit einer Farbe im Spektrum von weiß bis dunkleren Erdfarben gestrichen waren. Sie ragten zwei bis vier Stockwerke empor.

Ganz so, als wollten sie dem seltsam korrekten und geordneten Gefühl dieses Ortes mit den ordentlichen Häusern und düster gekleideten Menschen entgegenwirken, hatten die meisten Fenster außen so etwas wie Kisten befestigt, aus denen eine Auswahl an Pflanzen mit hell leuchtenden Blüten wuchsen. Keine Kochkräuter oder Medizin; soweit Eryn das sehen konnte, dienten die Pflanzen rein dekorativen Zwecken.

Die äußere Erscheinung der Menschen erschien ebenfalls seltsam eintönig, als sie deren Kleidung studierte. Nicht jedoch ihre Haut- und Haarfarben. Eryn staunte über diese Vielfalt, die sich so unglaublich von den beiden Ländern unterschied, die sie kannte und in denen sie lebte. In Anyueel waren die Straßen von blonden Menschen dominiert, wenngleich sich dies in den kommenden Jahren ändern würde. Mit der Rückkehr der Magie in Frauen kehrten auch dunklere Haarfarben zurück. Und in den Westlichen Territorien waren die Leute dunkelhaarig und gebräunt von der unablässigen Wüstensonne.

Weder Enric mit seinem hellen Haar und seiner vergleichsweise blassen Haut, noch Eryn mit ihrem dunklen Haar und der nur leicht dunkleren Haut wirkten hier fehl am Platz. Sie war erleichtert, dass ihnen hier niemand besondere Aufmerksamkeit zu widmen schien. Enric hatte dafür gesorgt, dass sie Kleidung einpackten, die sie an einem Ort, wo Blumen das Einzige zu sein schienen, wo helle Farben gewünscht oder zumindest toleriert wurden, nicht hervorstechen würden.

“Komm weiter”, instruierte Enric sie leise. “Du kannst dich später umsehen, sobald wir untergebracht sind. Wenn wir sie verlieren, werden wir uns Ärger einhandeln ohne die Pässe, die uns gewisse Freiheiten dahingehend gewähren, dass wir uns unbeobachtet bewegen können. Oder so unbeobachtet, wie wir hier jemals sein werden.”

Eryn nickte und beschleunigte ihren Schritt ein wenig. Er hatte Recht. Lam Ceiga schien es nicht groß zu kümmern, ob man ihr folgen konnte oder nicht, und sie würde sich wohl nicht einmal die Umstände machen, nach ihren Gästen zu suchen, falls sie sich verirrten.

Einige Minuten später erreichten sie ein Gebäude, drei Stockwerke hoch, das zur Gänze aus hellbraunem Stein bestand. Es wirkte auf seltsame Weise elegant und wohlhabend.

Es gab drei unterschiedliche Fenstergrößen, obwohl alle davon unten eckig waren und sich nach oben zu einem Bogen krümmten, wie kleine Stadttore. Das Haus war asymmetrisch – eine Hälfte der Fassade stand weiter hervor als die andere. Etwas, das wie ein halber Zylinder aussah und sich nach oben über die Höhe eines Stockwerks entlang der Außenmauer erstreckte, ragte hervor. Es schien, als hätte jemand nachträglich entschieden, den im Inneren verfügbaren Platz zu erweitern, indem man dem Stockwerk noch einen Teil hinzufügte. Das seltsame Element war mit aufwändigen Steinschnitzereien und Säulen dekoriert, die die gleiche Art von halb-eckigen, halb-runden Fenstern umrahmte, die man auch rundherum fand.

Lam Ceiga gewährte ihnen nicht viel Zeit, um ihren Bestimmungsort zu betrachten, sondern klopfte an die ausladend verzierte Holztür mit ihrem Mittelstück aus zu blumigen Elementen geschmiedetem Eisen, umrahmt mit teilweise vergoldeten und teilweise unbemalten Holzschnitzereien.

Das hier war offensichtlich ein gehobener Stadtteil mit wohlhabenderen Einwohnern, vermutete Eryn. Zumindest sofern sie das beurteilen konnte, wenn sie die Gebäude in dieser Gegend mit denen verglich, die sie beim Betreten der Stadt erblickt hatte. Und Erbál war wichtig genug, damit man ihm solch eine Unterkunft gewährte. Gut. Das würde sich für ihre Mission hier zweifelsohne als nützlich erweisen. Daraus ließ sich ableiten, dass er die Art von einflussreichen Kontakten pflegte, die hinsichtlich ihrer Umgebung an einen gewissen Luxus gewöhnt waren.

Die Tür wurde geöffnet, und Eryn musste zweimal hinsehen um sicherzugehen, dass dies wahrhaftig ihr Freund Erbál war, der vor ihr stand. Was hatte man ihm bloß angetan? Er sah genau wie einer von ihnen aus!

*  *  *

Sie folgten dem Botschafter eine Treppe mit einem umständlich verzierten Handlauf auf einer Seite hinauf.

Enric sah, wie Eryn Erbál’s Rücken anstarrte, noch immer fassungslos über sein massiv verändertes Aussehen. Er konnte ihre Bestürzung nachvollziehen, teilte sie sogar bis zu einem gewissen Grad, obwohl er wusste, dass es für einen Diplomaten nur logisch und empfehlenswert war, sich soweit an sein Gastland anzupassen, dass er nicht auffiel. Der Gedanke dahinter war, dass sich die Leute um ihn herum wohler fühlten. Und damit weniger vorsichtig waren.

Er hatte Erbál schon zuvor in weniger aufwändigen Gewändern gesehen, als diese an seinem Geburtsort üblich waren. Bereits vor einigen Jahren hatte er sich an die lokalen Gegebenheiten in Anyueel angepasst, doch das Gleiche auch hier zu tun erforderte offensichtlich, dass er sich noch ein wenig mehr zurücknahm. Sein Haar war in seinem Nacken zusammengebunden und zusätzlich dazu noch – anscheinend mit einer Art Öl – nach hinten gestrichen. So sah es glatt aus, jede einzelne dunkle Strähne, die sonst entweichen hätte können, gezähmt. Seine Beine steckten in engen Hosen, die die Konturen seiner Oberschenkel und Waden umrissen. Es war wohl lediglich der Länge des Hemds und seiner Jacke zu verdanken, dass der gesamte Aufzug nicht mehr preisgab als man als sittlich erachten mochte. Sowohl vorne als auch hinten.

Und selbstverständlich war jedes einzelne Kleidungsstück an ihm in der Farbpalette gehalten, die man tagsüber für Menschen angesehenen – oder auch jeden anderen – Ranges für angemessen hielt: schwarz, braun und weiß.

Sie erreichten den ersten Stock, wo sie ein Raum so überladen mit krausen Schnitzereien auf Möbelstücken, hell gemusterten Stoffen und einer schier unmöglichen Anzahl an zerbrechlich wirkenden Ornamenten auf fast jeder Oberfläche erwartete. Es war, als würde sich das Innere des Hauses nach Kräften bemühen, das düstere Gebaren der Einheimischen auszugleichen.

Eryn, die gerade etwas sagen wollte, sehr wahrscheinlich etwas Abfälliges über Erbáls Erscheinungsbild, stand mit offenem Mund da. Ihre Augen huschten von einem Fleck zum nächsten, als wären sie unschlüssig, was sie zuerst betrachten sollten.

Enric schluckte und trat unfreiwillig einen Schritt zurück, sodass er beinahe auf der obersten Stufe ausrutschte. Sein Geist suchte verzweifelt nach einem ruhigen, schnörkellosen Fleck, der seinen Augen einen Moment lang Ruhe gewähren würde, ohne sie mit dieser Lawine an Farben, Mustern und Formen zu quälen.

“Es ist schon ein Angriff auf die Sinne, wenn man es nicht gewohnt ist”, meinte der Botschafter mit einem entschuldigenden Lächeln. Er trat auf Eryn zu, um sie mit einer Umarmung so zu begrüßen, wie es außerhalb der Ungestörtheit seines Domizils unerwünscht gewesen wäre.

“Auf jeden Fall”, pflichtete Eryn bei und erwiderte die Umarmung fest.

Einige Sekunden später gab Erbál sie frei und nahm stattdessen ihre Hände in seine. Er drückte sie liebevoll und atmete aus. “Ich bin so froh, dass ihr hier seid.” Dann begrüßte er Enric in einer eher formellen Weise bevor er vorschlug: “Ich werde euch das Haus zeigen und euch dann eine halbe Stunde Zeit geben, um euch einzurichten. Dann möchte ich gerne einen Spaziergang mit euch unternehmen.”

“Einen Spaziergang?”, fragte Eryn ohne große Begeisterung nach. Herumzulaufen war irgendwie ein wesentlich unattraktiverer Gedanke, als sich nach der langen Reise einfach zurückzulehnen und ein Glas mit etwas Schmackhaftem zu genießen. Als sie Enric müde nicken sah, war ihr klar, dass er ihre Empfindung teilte. Die Tatsache, dass er keinen Einspruch erhob, hatte nichts mit bloßer Höflichkeit zu tun, wie sie wusste. Es musste bedeuten, dass Erbál einen guten Grund haben musste, um auf diesem Spaziergang zu bestehen.

“Du mit deiner schlichten Erscheinung bildest einen beachtlichen Kontrast zu dieser… reichlichen Fülle hier drin”, kommentierte Eryn. “Mir gefällt nicht, was du mit deinen Haaren gemacht hast.” Sie berührte ihre eigenen. “Von uns wird nicht erwartet, dass wir das auch tun, hoffe ich?” Kurz berührte sie seinen Kopf und verzog das Gesicht über ihre sodann schmierigen Finger.

“Nein, das wird nicht erforderlich sein. Besonders nicht für Frauen”, versicherte ihr Erbál. “Und selbst wenn du dein Haar glätten wolltest, so haben Magier dafür bequemere Methoden zur Verfügung, bei denen sie auf keinerlei Substanzen zurückzugreifen brauchen.”

“Ist das der übliche Stil eines Hauptraumes in Pirinkar?”, erkundigte sich Enric. “Das ist weit von dem entfernt, was ich hier vor einigen Jahren gesehen habe. Allerdings ist dein Wohnsitz auch wesentlich hochwertiger als der Ort, an dem Vran’el und ich untergebracht waren. Wir wurden damals nicht gerade wie willkommene Gäste, sondern wie Eindringlinge behandelt.” Behutsam berührte er eine blasse Porzellanfigur eines tanzenden jungen Mädchens, neugierig, wie glatt und kühl sie sich unter seinen Fingern anfühlen würde.

“In eher… reich begüterten Kreisen ist das der übliche Stil, ja. Hier geht es vor allem darum, deinen Ort der Ungestörtheit, dein Heim, auf eine Weise zu formen, die du selbst ansprechend findest, mit der du aber auch Gäste mit deinem exquisiten Geschmack – und natürlich deinem Reichtum – beeindrucken kannst. Da es hier nicht wirklich Orte wie Musik- und Teehäuser gibt, wie wir sie in Takhan haben, erfüllen sie ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten vorwiegend in ihrem Zuhause. Pirinkar ist in dieser Hinsicht Anyueel ähnlicher. Gaststätten werden als Orte für niedere Klassen und Trunkenbolde betrachtet, während sich die noble Gesellschaft in privaten Häusern trifft.”

Eryn kniff einen Moment lang die Augen zusammen, als sie versuchte, irgendeine Verurteilung oder Andeutung von Snobismus hinter dieser Aussage zu erkennen. Sie konnte nichts davon heraushören und begann sich zu fragen, ob sie hier ihre eigenen Gefühle projizierte. Immerhin hatte er Recht. Mit Freunden zusammenzusitzen, sich am Abend nach Sonnenuntergang über einem netten Glas Tee zu unterhalten oder in einem Musikhaus zu Abend zu essen waren Dinge, die sie jedes Mal schmerzlich vermisste, wenn sie sich im Königreich aufhielt.

Enric versuchte das recht beunruhigende Gefühl beiseite zu schieben, wie wohl ihr Schlafzimmer aussehen mochte. Ebenso vollgestopft mit nutzlosen, zerbrechlichen Staubfängern und so reich verziert mit Stoffen in farbenfrohen Mustern wie dieser Raum hier? Würde er an solch einem Ort überhaupt einschlafen können? Selbst ohne Licht würde er noch immer wissen, dass all dies in der Dunkelheit lauerte, als würde es den Sonnenaufgang abwarten, damit es seine Sinne erneut mit diesem Detailreichtum quälen konnte.

“Ich schlage vor, dass ich euch nun euer Zimmer zeige und ihr euch dann vor unserem Spaziergang ein wenig erfrischt”, schlug Erbál vor und hob eine Hand, um zu einer weiteren Treppe links derjenigen zu deuten, die sie gerade erklommen hatten. “Die Diener werden euer Gepäck im Laufe der nächsten paar Minuten bringen, damit ihr euch waschen und umziehen könnt. Danach hat der Koch eine leichte Mahlzeit für euch bereitet, damit ihr die Zeit bis zum Abendmahl überbrücken könnt.”

Enrics höfliches Lächeln verbarg seinen Mangel an Begeisterung gekonnt. Er hoffte lediglich, dass wohlhabende Leute hier nicht nur bedeutend komfortabler wohnten, sondern auch köstlichere Mahlzeiten einnahmen als die Speisen, an die er sich erinnerte.

*  *  *

Enric seufzte erleichtert, als Erbál die Tür zu ihrem Zimmer öffnete und dann zur Seite trat, damit sie eintreten konnten. Es war wesentlich weniger überladen mit unendlichen Ansammlungen von Gegenständen als er befürchtet hatte. Er bemerkte auf Eryns Gesicht eine ähnliche Gefühlsregung, als sie hineinging und sich umsah. Allerdings dauerte es nur einen Augenblick, bis die Erleichterung über die sparsame Dekoration Ernüchterung wich. Die einzigen Möglichkeiten hier schienen entweder hoffnungslos überladen, oder schlicht und sogar deprimierend kahl. Der Wechsel von einem zum anderen innerhalb von Sekunden war ein recht massiver Kontrast für einen Verstand, der immer noch versuchte, sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen.

Das Zimmer war alles andere als geräumig, als würde man es als frivol ansehen, zu viel Platz auf einen Ort zu verwenden, an dem man sich wohl nicht länger als nötig aufzuhalten hatte. Verglichen mit dem Prunk der anderen Räume, die sie gesehen hatten – diejenigen, die Gäste zu Gesicht bekamen – war diese Kammer nicht nur bescheiden, sondern beinahe asketisch.

“Lass mich raten”, bemerkte er trocken, “man betrachtet frühes Aufstehen hier als Tugend.”

Erbál lachte. “Das stimmt sogar. Die Möblierung der Schlafkammern soll das Aufstehen am Morgen weniger schwierig machen.”

Eryn nahm auf der Matratze Platz und hopste probeweise ein paarmal auf und ab. Oder zumindest versuchte sie es. Es gab keine besondere Federung. Das lud auf jeden Fall kaum dazu ein, länger darauf zu liegen als unbedingt nötig war.

Ihre Miene war wenig erfreut, als sie seufzte: “Das glaube ich sofort. Dieses Bett ist ungefähr so bequem wie der Boden eines Pferdestalls. Womöglich sogar unbequemer.”

“Jedenfalls sticht es nicht so sehr wie ein Heuhaufen”, konterte Erbál, als wäre er darauf bedacht, all das in einem weniger bedrückenden Licht erscheinen zu lassen. “Und es gibt hier drin keine Flöhe.”

“Kleine Freuden…”, murrte Eryn.

Sie fühlte sich ungefähr so erschöpft wie Enric aussah. Solange diese distanzierte und unfreundliche Frau bei ihnen war, hatte er sich die Mühe gemacht das zu verbergen, doch nun war die Maske abgefallen und ließ einen erschöpften Reisenden erkennen, der sich lieber hingelegt als mit ihrem Gastgeber einen Spaziergang durch die Stadt unternommen hätte.

“Ich werde im Salon warten, bis ihr fertig seid”, informierte Erbál sie, dann schloss er die Tür hinter sich.

Enric sank neben ihr auf das Bett. Ein unheilvolles, in die Länge gezogenes Knarren ertönte. Sie erstarrten und tauschten einen leicht beunruhigten Blick, als erwarteten sie, dass das Bett jeden Moment in seine Einzelteile zerfiele.

“Vielleicht geben sie uns ein besseres, wenn wir das hier kaputtmachen”, meinte Eryn in dem Versuch, die Situation mit Humor zu sehen.

“Oder sie flicken dieses hier einfach wieder zusammen”, erwiderte Enric und lehnte sich behutsam zurück, bis er flach dalag, seine Füße noch immer auf dem Boden. “Es ist ungefähr so bequem wie es aussieht.”

“Überhaupt nicht?”

“Genau.”

Eryn kuschelte sich an ihn und bettete ihren Kopf auf seine Schulter. “Bisher bin ich nicht besonders angetan von diesem Ort. Was ist mit dieser Frau nur los? Sind hier alle so, oder ist sie einfach nur verstimmt über unsere Anwesenheit hier?”

Sie spürte, wie sein Brustkorb mit einem Lachen erbebte.

“Tatsächlich war Lam Ceiga dieses Mal sogar freundlicher. Bedenke, dass es sich hier um eine Kultur handelt, in der die Leute selbst dann immens förmlich miteinander umgehen, wenn sie gut bekannt sind. Und zusätzlich ist man hier Fremden gegenüber misstrauisch.”

“Das bedeutet, wir werden eine erhöhte Dosis an Misstrauen zu spüren bekommen, und man wird uns rein aus Prinzip die kalte Schulter zeigen”, seufzte sie. “Ich dachte, das hier würde einfacher werden. Ich habe mich immerhin bereits einmal an eine neue Kultur angepasst.”

Enric zog sie näher an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. “Mach dir vorerst keine Sorgen. Das ist nur der erste Schock darüber, dass hier alles so anders ist, als du es kennst. In mancher Hinsicht sind die Leute hier denen in Anyueel recht ähnlich. Zum Beispiel gibt es hier kein Feilschen, wenn du etwas kaufen willst.”

Da Eryn keine großartigen Pläne hatte, sich in ausgiebigen Einkaufsorgien zu ergehen und deshalb wenig davon profitieren würde, zuckte sie nur mit den Schultern.

“Wir sollten uns fertigmachen”, murmelte sie und bemerkte, dass ihre Stimme nun schwerfälliger geworden war, wo ihr Körper sich in der Horizontalen entspannte. Wenn sie nicht bald aufstanden, würde sie hier einschlafen, ganz egal wie unbequem das Bett war.

“Das sollten wir wohl”, stimmte Enric zu ohne sich zu bewegen, als warte er darauf, dass sie zuerst aufstand.

Ein Klopfen an ihrer Tür veranlasste beide, sich zurück in eine aufrechte Position zu kämpfen und mühsam die Schwere in ihren Gliedern zu überwinden.

Eryn öffnete die Tür und gewährte zwei Dienern Zutritt, die, genau wie Erbál versprochen hatte, ihre Habseligkeiten brachten.

Sobald sie wieder fort waren, öffnete Eryn eine Tasche und zog für jeden von ihnen eine saubere Garnitur Kleidung hervor.

“Ich schätze, jetzt wo unsere Sachen hier sind, können wir uns umziehen und haben keine Ausrede mehr dafür, faul zu sein.” Sie warf ihm seine Kleider zu. “Ich zuerst.” Sie trat auf eine zweite Tür zu. “Was meinst du – ob das wohl ein Badezimmer ist?” Ohne auf seine Antwort zu warten, öffnete sie die Tür und pfiff durch die Zähne. Endlich eine nette Überraschung. “Sieh dir das an! Wir haben hier wahrhaftig ein Badezimmer – nur für uns allein, kein Teilen. Und ein großes noch dazu! Es ist sicher mindestens so groß wie das Schlafzimmer! Offensichtlich legt man hier größeren Wert auf Reinlichkeit als auf komfortable Nachtruhe.”

Gebannt konzentrierten sich Eryns Augen zuerst auf die riesige, weiß schimmernde Badewanne in der Mitte des Raumes, dann auf die Kupferrohre entlang der Wände. Da war eine recht zierlich anmutende Vorrichtung, aus der wohl das Wasser kommen sollte. Das sah vollkommen anders aus als die Wasserpumpe in ihrem eigenen Badezimmer in Anyueel, die ihr im Vergleich zu alldem hier plötzlich plump und altmodisch erschien.

Sie trat näher an die Wanne und sah genauer hin. Die kleine Apparatur war mit den Kupferrohren verbunden und würde sehr wahrscheinlich Wasser speien, sobald sie einen der beiden Porzellanknäufe auf jeder Seite der Öffnung drehte. Auf jeden davon war ein Wort in der hiesigen Sprache eingearbeitet. Eryn beugte sich vor, um sie zu entziffern. Es waren recht elementare Worte. Warm und kalt, erinnerte sie sich, begeistert, dass sie das Wissen um die Sprache, seit sie sie vor einigen Jahren zu lernen begonnen hatte, zum allerersten Mal außerhalb eines Buches anwenden konnte.

Sie runzelte die Stirn. Warm und kalt. Was sollte das denn bedeuten? Wasser war von Natur aus kalt. Es musste entweder mittels Magie oder Feuer erhitzt werden. Sie sah sich um. Weder im Schlafzimmer noch hier drin hatte sie eine Feuerstelle entdeckt, die es den Dienern erlauben würde, Wasser zu erhitzen, ohne dass sie es von wer weiß woher herbeischleppen mussten. War sie vielleicht irgendwo versteckt? Sie sah sich nach einer zusätzlichen Verkleidung oder einer Tür um, die irgendeine Aussparung verdecken mochte, fand jedoch auf den ersten Blick nichts. Achselzuckend wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Badewanne zu und entschied, nicht länger zu grübeln, wenn Experimentieren so viel reizvoller war.

Langsam drehte sie den Knauf, der mit “warm markiert war und vernahm ein leises Gurgeln, bevor Wasser aus der Öffnung hervorzuschießen begann. Eryn blinzelte. Ohne pumpen floss es einfach aus diesem metallenen Auslass und landete plätschernd in der glänzenden weißen Wanne. Und verschwand wieder durch ein rundes Loch. Auf einem Beistelltisch fand Eryn einen Stöpsel, dessen Größe und Form vermuten ließen, dass er zum Verschließen des Lochs gedacht war. Sie beugte sich vor um genau das zu tun und erstarrte, als das Wasser ihre Haut berührte. Es war warm! Und mit jedem Moment schien es ein wenig heißer zu werden! Wie war das nur möglich?

“Enric?”, rief sie, in ihrer Stimme von Müdigkeit keine Spur mehr. “Komm und sieh dir das an! Das ist phantastisch!”

*  *  *

“Ihr habt euch aber Zeit gelassen”, kommentierte Erbál, als sie der Straße folgten, die von seinem Heim und Arbeitsplatz wegführte. Es schwang ein Hauch eines Vorwurfs darin mit, als wäre er begierig darauf, diesen Spaziergang mit den Leuten zu unternehmen, die er im weitesten Sinn als seine Landsleute betrachten konnte.

“Eryn hat das Badezimmer entdeckt”, bemerkte Enric. “Sie war nicht mehr herauszukriegen.”

“Dann hast du also ein Bad genommen?”, fragte der Botschafter, seine Stimme nun amüsiert.

Bevor Eryn eine Chance hatte zu antworten, stieß Enric ein wenig gediegenes Schnauben aus. “Das hätte wesentlich weniger Zeit in Anspruch genommen, vermute ich. Nein, sie hat entdeckt, dass aus euren Rohren heißes Wasser herauskommt und musste sich auf Entdeckungsreise begeben. Entdecker und so.”

Erbál lächelte. “Ah, das war auch für mich eine beachtliche Entdeckung, als ich hier eintraf. Die erste Überraschung war, dass die Badezimmer direkt an den Schlafzimmern dranhängen, also hat jeder Bewohner ein eigenes. Sich ein Badezimmer teilen zu müssen wird als Zumutung erachtet. Zumindest in wohlhabenderen Wohnsitzen. Und dann war da noch das heiße Wasser, das ohne erkennbaren Aufwand der Diener bereitgestellt wird. Es erschien mir wie ein Wunder.”

“Also, wie funktioniert das?”, fragte Eryn ungeduldig. “Das Wasser muss irgendwo erhitzt werden. Vielleicht unterhalb des Daches? Das würde erklären, warum das Wasser dermaßen aus den Rohren herausschießt – weil es durch das Gewicht aus jeder verfügbaren Öffnung herausgedrückt wird. Aber das würde recht große Behälter für das Wasser erfordern, da ich vermute, dass sie mehr speichern sollten als man benötigt, um eine einzelne Badewanne zu füllen. Das würde eine beachtliche Belastung für das Gebäude bedeuten”, führte sie das, was sich mittlerweile von einer Unterhaltung in einen Monolog verwandelt hatte, fort. “Und man bräuchte auf jeden Fall mehr als einen Behälter, da das heiße Wasser separat aufbewahrt werden müsste. Allerdings kann man das nicht zu lange tun, sonst würde es wieder abkühlen. Was bedeutet, dass entweder jemand das Wasser ständig auf einer bestimmten Temperatur hält, sodass es auch ohne vorherige Ankündigung verfügbar ist, oder es wird auf eine Weise aufbewahrt, die die Hitze erhält – wie auch immer sich so etwas bewerkstelligen lässt. Damit bleibt noch…”

“Halt!”, unterbrach Erbál sie lachend. “Du machst mich schwindelig! Ich kann dir ein paar Grundlagen erklären, aber wenn du mehr darüber wissen willst, werde ich den Mann, der die Wartungsarbeiten durchführt, darum bitten, dass er dir das alles detaillierter erklärt, in Ordnung?”

Sie nickte eifrig.

Sie setzten ihren Weg dorthin fort, wo auch immer Erbál sie hinbrachte. Eryn schenkte den ungewohnten Straßen, Gebäuden, Geschäften und Leuten um sie herum keinerlei Beachtung, sondern konzentrierte sich auf das, was Erbál über dieses unglaubliche System wusste, das zu jeder Zeit heißes Wasser auf Abruf bereitstellte.

“Es gibt tatsächlich Wassertanks für heiß und kalt, jedoch nicht auf dem Dach, sondern im Keller. Du hast Recht – das Gewicht würde sonst die strukturelle Integrität des Gebäudes gefährden.”

“Aber wie kommt es mit solch einer Geschwindigkeit aus den Rohren, wenn es unten gespeichert wird?”, verlangte sie ungeduldig zu wissen. Wenn sie das Wasser von irgendwo heraufpumpen musste, dann bewegte es sich träge – selbst wenn sie Magie einsetzte, um ihre Kraft zu erhöhen.

“Das wird mit Druck bewerkstelligt. Anstatt sich auf das Gewicht des Wassers zu verlassen, indem man es weiter oben aufbewahrt, nutzen sie Pumpen, um im Inneren des Behälters Druck zu erzeugen. Wenn du einen Knauf in deinem Badezimmer drehst und damit ein Ventil öffnest, schaffst du einen Ausweg für das verdichtete Wasser, wodurch es herausschießt.”

Eryn nahm sich ein paar Augenblicke Zeit, um das in sich aufzunehmen. In ihrem Kopf ratterte es, als sie sich vorzustellen versuchte, wie all das aussehen musste.

“Wie groß sind diese Tanks? Wie oft werden sie nachgefüllt? Und wie? Wie wird das Wasser erhitzt? Und wie oft? Wie lange dauert das normalerweise? Wohin führt der Abfluss in der Badewanne? In wie vielen Räumen kann man die Ventile zur gleichen Zeit öffnen und noch immer Wasser bekommen? Kann ich gleichzeitig mit dir ein Bad nehmen? Wie genau wird der Druck in den Tanks erzeugt?”, bombardierte sie Erbál mit Fragen.

Beschwichtigend hob er seine Hände. “Langsam, meine Liebe. Ich fürchte, du stellst mehr Fragen als ich beantworten kann. Ich werde den Mann, den ich zuvor erwähnt habe, kontaktieren und ihn ersuchen, er möge ein wenig zusätzliche Zeit einplanen, wenn er das nächste Mal kommt. Das sollte etwa nächste Woche sein.”

Eryn nickte widerwillig. Geduld war noch niemals eine ihrer Stärken gewesen, und eine Woche lang auf Antworten warten zu müssen, nach denen sie in diesem Moment lechzte, war zermürbend.

Schließlich bemühte sie sich, die Umgebung in sich aufzunehmen, um sich von dem Rätsel des heißen Wassers abzulenken. Es schien, als durchquerten sie eine Art Handwerkerviertel – vorausgesetzt, die hatten ein eigenes Viertel und waren nicht überall in der Stadt verstreut.

Sie bewunderte die dekorativen schmiedeeisernen Ornamente, die über den Eingängen zu Werkstätten und Geschäften an den Fassaden der Gebäude befestigt waren.

“Das müssen Ladenschilder sein”, vermutete sie.

Erbál folgte ihrem Blick nach oben. “Ein wenig mehr als das. Das sind Gildensymbole. Sie zeigen an, welchem Beruf der Inhaber des Geschäfts nachgeht.” Er deutete nach vorne auf ein schwarzes Metallgebilde, das verdreht und nach oben gewunden war, bis es einer Kletterpflanze glich. Es war mit glänzenden, goldfarbenen Blättern verziert. “Siehst du das Symbol in der Mitte von alldem? Die Schere, um die sich eine Haarlocke ringelt? Das ist ein Friseur. Wann immer du solch ein Symbol siehst, weißt du sofort, um welche Art Geschäft es sich handelt.”

“Also haben alle von ihnen genau das gleiche Schild über ihrer Tür?”, fragte Eryn.

“Nicht genau das gleiche. Das Symbol selbst ist für jeden Beruf stets das gleiche, doch der dekorative Aspekt und die Größe hängen vom Geschmack des Inhabers ab – und davon, wie viel er willens oder in der Lage ist dafür auszugeben. Die Menge an Gold, die du siehst, zeigt in der Regel an, wie seine Ertragslage ist. Manche von ihnen verwenden nur das Symbol, andere fügen auch ihre Namen hinzu. Das betrifft vorwiegend Gasthäuser und auch alteingesessene Handwerker, deren Name weithin bekannt ist.”

“Wenn ich ein Gildensymbol mit einem Namen darunter sehe, kann ich also davon ausgehen, dass der Eigentümer einen sehr guten Ruf genießt und erstklassige Qualität liefert – was wahrscheinlich mit exorbitanten Preisen einhergeht?”, lächelte Eryn.

Erbál zuckte mit den Achseln. “Ja, das ist eine berechtigte Annahme. Was nicht bedeutet, dass Geschäfte ohne Namen auf ihrem Gildensymbol immer nur moderate Preise anbieten. Im Allgemeinen empfiehlt es sich, unterschiedliche Anbieter zu vergleichen, wenn du einen kostspieligen Artikel zu erwerben beabsichtigst.”

Enric hörte aufmerksam zu. Während seines letzten Besuchs hatte er nicht wirklich Zeit oder auch die Neigung gehabt, Genaueres über diesen Ort zu erfahren. Irgendwie war das bedauerlich. Doch damals waren seine Prioritäten ganz andere gewesen – Malriel vor einer möglichen Todesstrafe zu bewahren und nach Hause zu seiner Gefährtin und seinem neugeborenen Sohn zurückzukehren. Er und Vran’el hatten einige Tage hier verbracht und auf die Ausfertigung von Papieren und Bewilligungen von Anfragen gewartet, doch man hatte ihnen verboten, ihre wenig verlockende und karge Unterkunft zu verlassen.

“Noch ein Friseurbetrieb”, meinte Eryn, als sie ein ähnliches Schild entdeckte.

“Nein, nicht ganz. Dieses Mal befindet sich die Schere über einem Stoffballen, also ist das hier ein Schneider”, erklärte Erbál.

Sie setzten ihren Weg fort, und Erbál zeigte ihr die Symbole der unterschiedlichen Handwerker. Ein Büschel Trauben über einem Glas für eine Weinhandlung, zwei umeinander gewundene Blumen für jemanden, der mit Kräutern handelte, ein Baumstamm und Hammer für Tischler, zwei überkreuzte Schlüssel für Schlosser, ein paar Schuhe für Schuster und so weiter.

Nach einigen Minuten erreichten sie einen Landungssteg, der hinausführte in den See, der die Stadt halb umschloss. Sie hatten also den Stadtrand von Kar erreicht.

Eryn und Enric folgten dem Botschafter, der einige Schritte nach unten zum Wasser ging, wo ein paar kleine Boote an dem langen, hölzernen Pier vertäut lagen.

“Wir müssen doch wohl nicht in eines dieser… Dinger einsteigen?”, fragte Eryn ohne große Hoffnung. Sie hatte sich gerade einmal an Schiffe gewöhnt. In deren Fall gab es allerdings wesentlich mehr Substanz zwischen ihr und dem Wasser als bei diesen Nussschalen. Es brauchte wohl nicht viel, damit eine davon kenterte, sobald jemand eine falsche Bewegung vollführte.

“Ich fürchte schon”, erwiderte ihr Gefährte und ergriff ihre Hand um sicherzugehen, dass sie mitkam.

“Ich werde keinesfalls rudern, nur damit du es weißt”, knurrte sie und ließ zu, dass Erbál ihre Hand nahm, um ihr in das von ihm auserwählte Gefährt, das bedrohlich wackelte, zu helfen.

Sobald alle im Boot waren, löste Erbál das Tau und stieß das Boot mit einem Ruder vom Pier ab. Dann reichte er es an Enric weiter. Der Botschafter war der einzige anwesende Nicht-Magier und würde gewiss nicht die körperliche Anstrengung des Ruderns auf sich nehmen.

Ohne jeden Widerspruch akzeptierte Enric die Aufgabe und trieb das Boot mit jedem kräftigen Stoß vorwärts. Niemand sprach ein Wort, bis sie die Stadt weit hinter sich gelassen hatten. Erbál hob eine Hand um anzuzeigen, dass sie nun weit genug vom Ufer entfernt und damit wahrhaftig außerhalb der Reichweite aufdringlicher Augen oder Ohren waren.

*  *  *

“Unglücklicherweise ist die Fähigkeit des Lippenlesens hier recht gängig”, erklärte Erbál seine Entscheidung, sie an einen Ort zu bringen, wo es unmöglich war, sich ihnen ungesehen zu nähern, solange das Boot sanft in der Mitte des ausladenden Sees schaukelte. Er nickte Eryn zu. “Eine Fertigkeit, von der ich glaube, dass du sie ebenfalls beherrschst.”

“Das ist wohl wahr”, versetzte sie etwas verstimmt. “Aber ich habe dabei sicher nicht daran gedacht, dass es eine fabelhafte Möglichkeit ist, um andere auszuspionieren, sondern habe es für das Heilen erlernt.”

“Aber natürlich”, erwiderte Erbál und lächelte. “Nichts anderes hätte ich vermutet. Hier jedoch ist es nicht diese noble Gesinnung, die die Leute dazu veranlasst, sich diese Fähigkeit anzueignen. Da Magier als potentielle Gefahr betrachtet werden, wird das Lippenlesen als praktische Methode erachtet, um damit deren Fähigkeit zum Errichten schalldichter Barrieren zu begegnen. Vorausgesetzt, man kommt nahe genug an sie heran. Ihr würdet nicht glauben, wie übersät mit Gucklöchern die Gebäude hier sind.”

“Aber dass wir hier herausfahren wird den Leuten ebenfalls zu denken geben”, merkte Eryn an. “Es ist recht offensichtlich, dass du uns nicht für einen angenehmen, entspannenden Nachmittag hier herausgebracht hast.”

Er winkte ab. “Aber natürlich wird es das. Und sie erwarten es auch. Womöglich hätte es sie unendlich überrascht, hätte ich euch nicht an einen Ort gebracht, wo keine unwillkommenen Augen oder Ohren in der Nähe sind.”

“Wie weithin bekannt ist der Zweck unserer Reise hierher?”, wollte Enric wissen. “Gibt es irgendeinen Schein, den wir aufrechterhalten sollten?”

“Die höchsten Ränge wissen, dass es Pläne zur Ermordung der Königin von Anyueel gab, und dass die Spur nach Pirinkar führt. Ich kann nicht wirklich sagen, wie weit sich das verbreitet hat. In unserem Interesse hoffe ich, dass möglichst viele Leute bereits davon wissen. Sonst werden wir in den nächsten Tagen eine Menge Besucher empfangen. Die Leute hier sind sehr neugierig. Und dass man ihnen etwas nicht mitteilt, ist für sie kein Grund zu akzeptieren, dass dieses Wissen nicht für sie bestimmt ist.”

“Nun, das klingt ja vertraut…”, murmelte Eryn, die Spione leidenschaftlich hasste.

“Weiß hier jemand, dass du derjenige warst, der uns die Warnung über das anstehende Attentat auf das Leben der Königin zukommen hat lassen?”, fragte Enric.

“Ich hoffe inständig, dass dies nicht der Fall ist. Damit hätte ich eine Zielscheibe auf meinem Rücken.”

“Wie hast du davon erfahren?”, fragte er.

“Durch einen anonymen Brief, der an meine Residenz geliefert wurde.”

Eryn zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte damit gerechnet, dass es sich dabei um das Ergebnis monatelanger detektivischer Bemühungen gehandelt hatte anstatt eines glücklichen Zufalls, solange Erbál in all seiner Sorgsamkeit und Gründlichkeit involviert war. Also war die rechtzeitige Warnung nichts als Glück gewesen. Irgendwie war das alles andere als tröstlich. Es bedeutete, dass die verantwortliche Person oder Personen es gut genug verheimlicht hatten, damit Erbál es aus eigenen Kräften nicht herauszufinden vermocht hatte.

“Das bedeutet, dass zumindest eine Person – der Absender des Briefes – weiß, dass unsere Anwesenheit das Resultat einer Warnung ist, die du uns zukommen hast lassen, und nicht unseres eigenen Spürsinns in Anyueel”, grübelte Enric.

“Sehr richtig”, bestätigte der Botschafter. “Bislang konnte ich die Identität meines wohlwollenden Informanten noch nicht lüften.”

“Gibt es hier irgendjemanden, dem du vertrauen kannst?”, fragte Eryn.

Erbál lachte. “Meine Güte, nein! Ich habe hier Freundschaften geschlossen, doch ich werde mich hüten, einem von ihnen zu vertrauen. In einer Position wie meiner gegenwärtigen kannst du niemals sicher sein, weshalb dir jemand näherkommen möchte.”

Eryn war es etwas peinlich, dass sie ihre Naivität auf diese Weise demonstriert hatte. Und doch würde sie Erbáls Raffinesse nicht besitzen und dazu gezwungen zu sein wollen, sie tagtäglich anwenden zu müssen, nur um ihr Überleben zu sichern. Für ihn waren Freundschaften keine Quelle der Freude, sondern eine Möglichkeit, um potentiellen Feinden nahe zu sein und Informationsquellen anzapfen zu können. Das klang unglaublich einsam, und sie würde keinesfalls tauschen wollen.

“Wie genau schätzen wir die bisherigen Vorkommnisse nun ein?”, fragte sie. “Ich gehe davon aus, dass irgendjemand in Pirinkar die gemeinsame Bedrohung loswerden will, die die Allianz zwischen Anyueel und den Westlichen Territorien im Falle eines Krieges darstellt. Die Ermordung der Königin hätte zwei Ziele erfüllt – erstens hätte sie das engere Band gekappt, das der König zwischen unseren Ländern schmieden will, und zweitens hätte man es so hingestellt, als wäre dies von den Westlichen Territorien ausgegangen. Und meinen Vater in seiner einflussreichen Position als Oberhaupt der Heiler und Gefährte einer Triarchin zu beschuldigen hätte den Zweck erfüllt. Selbst wenn der König persönlich nicht darauf hereingefallen wäre, so hätte es doch die Mehrheit seines Volkes geglaubt.”

“Ich würde sagen, das fasst es ganz gut zusammen”, nickte Erbál.

“Was also war die Absicht der Person, die dir die Nachricht zukommen ließ?”, setzte sie ihren Gedankengang fort. “Entweder will sie einen Krieg verhindern, indem sie die Position ihres eigenen Landes soweit schwächt, dass es zweimal überlegt, bevor es einen auslöst, oder man will den Krieg verlieren.”

“Es gibt eine dritte Möglichkeit”, ergänzte Enric. “Das Ergebnis von allem, was sich ereignet hat seit Erbál die Warnung erhielt, ist unsere Anwesenheit hier.”

Eryn zog die Augenbrauen zusammen. “Du meinst, all das könnte ein ausgeklügelter Plot sein, um uns hierher zu locken? Warum?”

“Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sich all das in Übereinstimmung mit jemandes Plan entwickelt. Vielleicht möchte jemand tatsächlich einen Krieg beginnen, und uns auf einer Friedensmission ums Leben zu bringen wäre ein zuverlässiger Auslöser.”

Sie schluckte und fühlte sich plötzlich noch angreifbarer als zuvor. “Hätte es zu diesem Zweck nicht gereicht, Erbál umzubringen? Ich meine, wie eindeutiger kann man einen Krieg anzetteln als den Diplomaten zu töten, den dir jemand gesendet hat? Und uns beide zu töten würde unsere Länder auf jeden Fall gegen Pirinkar vereinen und einen Sieg sogar noch unwahrscheinlicher machen.”

“Wie ich schon sagte, ich habe keine Ahnung, ob das der Fall ist oder nicht. Ich sage nur, wir sollten es nicht ausschließen.”

“Du hast Recht”, stimmte Erbál zu. “Es war nicht schwer zu erraten, wen man auswählen würde, sobald sich die Notwendigkeit ergab, jemanden nach Kar zu entsenden. Enric war bereits einmal hier und hat zumindest ein paar Eindrücke gesammelt, und Eryn, bei dir ist bekannt, dass du Material für Sprachstudien erhalten hast. Die Tatsache, dass ihr beide miteinander verbunden seid, macht euch zu den wahrscheinlichsten Kandidaten. Doch obwohl wir all das bedenken sollten auf unserer Suche nach dem, was hier wirklich vor sich geht, so ist es doch zu früh, um einer Option den Vorzug zu geben.”

Enric pflichtete bei, obwohl es ihm keineswegs lag, sich blind vorwärts zu tasten – und das an einem Ort, der ihm nicht vertraut war. “Was schlägst du vor, wo wir unsere Ermittlungen beginnen sollen?”

“Morgen Abend wird es eine offizielle Veranstaltung geben, um euch beide in Kar willkommen zu heißen. Dabei werde ich euch ein paar der einflussreicheren Leute vorstellen. Womöglich erwächst euch daraus eine Eingebung. Und dann würde ich vorschlagen, ihr wendet euch an die Magier – oder Priester, wie man sie hier nennt.”

“Wie erpicht werden die Hohen und Mächtigen hier sein, morgen unsere Bekanntschaft zu machen?”, fragte Eryn mit einem Gefühl des Unbehagens. “Abgesehen von der Tatsache, dass wir von einem Land hergeschickt wurden, dem viele von ihnen misstrauen, kommt noch hinzu, dass sie Magiern mit Verachtung begegnen oder sie zumindest ignorieren.”

“Das stimmt”, gestand Erbál ohne Zögern. “Andererseits begrüßen sie aber auch alles, was Abwechslung bringt. Ihr seid eine unbekannte Kombination von Umständen. Ihr seid einflussreiche Politiker und im Besitz von beträchtlichem Vermögen – etwas, das respektiert wird. Dennoch seid ihr auch Magier, was hier als eine niedere Klasse von Menschen betrachtet wird. In welche Richtung die Waage ausschlägt, wird sehr stark davon abhängen, wie ihr euch morgen präsentiert.”

“Keine offensichtlichen Hinweise auf unseren zutiefst verachtungswürdigen Makel”, wiederholte Eryn, was sie bereits mit Enric diskutiert hatte.

“Genau. Verhaltet euch auf eine Weise, die den Leuten die Entscheidung erleichtert, in welche Kategorie sie euch stecken sollen – in die der ausländischen Edelleute. Das wird auch erfordern, dass ihr in der Öffentlichkeit eure Erhabenheit über mich demonstriert.”

Eryn verzog das Gesicht. “Was?”

“Ihr seid wichtiger als ich, und unser Umgang miteinander muss das widerspiegeln”, erklärte er. “Magier werden normalerweise nicht mit Ehrerbietung behandelt. Zu sehen, dass ich euch als jemand Übergeordneten behandle, sollte die Botschaft transportieren helfen, dass man euch auf Augenhöhe begegnen muss.” Er lächelte Eryn an. “Ich weiß, dass dies allem widerspricht, woran du glaubst – etwas vorzugeben, das du nicht bist und andere Menschen als untergeordnet behandeln. Doch in diesem Fall wird es unserem Ziel dienen. Wenn die Leute eine Sache wissen, aber die andere immer wieder vor Augen gehalten bekommen, beginnen sie zu glauben, was sie sehen. Das ist ein Aspekt der menschlichen Natur. Einen, den wir zu unserem Vorteil nutzen können.”

“Im Lügen und Vortäuschen bin ich nicht gut”, entgegnete Eryn, ihre Haltung resigniert. “Besonders, wenn ich dafür meine Freunde herabwürdigen muss.”

“Ich weiß. Aber in diese Rolle musst du hineinwachsen, und zwar rasch.” Erbál nahm ihre Hand und drückte sie. “Die Einheimischen müssen euch großzügig verzeihen, dass ihr Magier seid, indem sie entscheiden, dass ihr mit ihnen viel mehr gemeinsam habt als mit den Priestern. Priester können niemals auf einen Nicht-Magier hinabschauen, also ist das ein wirksames Mittel, um hier einen Kontrast zu schaffen.”

“Was bedeutet, dass uns die Priester auch nicht akzeptieren werden, weil wir zwar theoretisch Magier sind, uns aber nicht so verhalten”, argumentierte Eryn.

“Das wird sich zeigen. Da Priester schon von klein auf lernen, dass sie weniger wert sind, mag es sein, dass euch manche von ihnen dafür bewundern, dass ihr in der Gesellschaft der Nicht-Magier akzeptiert werdet”, konterte der Botschafter. “Aber konzentrieren wir uns zu Beginn erst einmal nur auf eine Sache.”

Du hast leicht reden, dachte Eryn, du musstest kein Kind in einem anderen Land zurücklassen und vermisst es so sehr, dass es wehtut. Sich die Zeit zu nehmen, eines nach dem anderen zu überdenken, klang für sie nicht besonders ansprechend. Da war dieser innere Drang, der sie zur Eile antrieb und vollkommen außer Acht ließ, dass es galt, mit großer Bedachtsamkeit vorzugehen und nichts zu überstürzen. Dies mochte sonst für alle drei Länder verheerende Konsequenzen mit sich bringen. Trotzdem…

Kapitel 3

Seltsame Sitten

Enric spürte, wie Eryn neben ihm in der Kutsche von unruhiger Energie beseelt war. Ein Teil davon war sehr wahrscheinlich der Einweisung geschuldet, die Erbál ihnen angedeihen hatte lassen. Sie hatte aus einer Liste von Leuten bestanden, denen sie mit ziemlicher Sicherheit bei dieser formellen Zusammenkunft anlässlich ihrer Ankunft begegnen würden. Mit dem vollen Namen jeder einzelnen Person. Alles in allem hatte es einige Stunden erfordert, um die Details auswendig zu lernen. So hatten sie ihren ersten Tag nach ihrer Ankunft in Kar verbracht – mit dem Einprägen einer fortlaufenden Kaskade an Namen in einem so fremdartigen Stil, dass ihre Gehirne mit nur wenig aufwarten konnten, womit sich all dies verknüpfen ließ.

Dieser Abend war nun so etwas wie eine Abschlussprüfung und würde zeigen, wie zuverlässig ihr Erinnerungsvermögen war. Eine Person mit dem falschen Namen anzusprechen oder auch nur eine fehlerhafte Variation des korrekten zu gebrauchen stellte eine beträchtliche Beleidigung dar, die sie nach Möglichkeit vermeiden mussten. Sonst würde dies ihre Mission, die Einheimischen mit ihrer Eleganz, ihrem Flair und ihrer Wichtigkeit zu imponieren, maßgeblich erschweren.

Enric hätte die Zeit lieber darauf verwendet, Pläne zu schmieden, sich mit der Anordnung der Straßen oder der Kultur besser vertraut zu machen, doch Erbál hatte darauf bestanden, dass diese Namensliste wichtiger als alles andere war. Eryn war ebenfalls verdrossen darüber, dass sie den Tag ans Haus gefesselt war mit Listen aus Namen und Titeln, die für sie keinerlei Bedeutung hatten, solange sie sie nicht mit Gesichtern verknüpfen konnte.

Eryn zog ihr Kleid nach oben in dem vergeblichen Versuch, mehr von ihrem Dekolleté zu bedecken. Das Kleid. Der zweite Grund dafür, weshalb sie sich unwohl fühlte und herumzappelte. Es hatte zwei Dienerinnen gebraucht, die ihr hineinhelfen hatten müssen – eine Prozedur, die Enric nicht mitangesehen, sondern nur vom benachbarten Raum aus mitangehört hatte. Es hatte qualvoll geklungen. Wahrscheinlich war es gut, dass die Frauen die Flüche nicht verstanden hatten, die Eryn ausgestoßen hatte. Erbál neben ihm hatte ausgesehen, als würde ihm vor dem Moment grauen, an dem Eryn aus dem Zimmer herauskam nach den Torturen, die sie anscheinend erdulden hatte müssen.

Es hatte beinahe eine Stunde gedauert, sie zu überzeugen, dass sie es anziehen musste. Ursprünglich hatte sie darauf bestanden, eines von den formellen Abendkleidern zu tragen, die sie mitgebracht hatte, doch Erbál hatte ihr wiederholt erklärt, dass sie sich damit allzu sehr abheben würde. Sie mussten sich einfügen, und das schloss mit ein, sich wie die Einheimischen zu kleiden. Eryn hatte argumentiert, dass die Illusion, sie wäre eine von ihnen, sogleich zerstört werden würde, sobald sie ihren Mund öffnete – entweder weil sie sich einer für diese Leute fremden Sprache bediente, oder weil sie in deren Muttersprache vor sich hin stotterte. Erbál war standhaft geblieben und hatte erklärt, dass dies ein weiterer Grund war sicherzustellen, dass ihr körperliches Erscheinungsbild diesem Eindruck von Fremdheit entgegenwirkte, anstatt ihn zu verstärken. Er hatte sich bereits vor ihrer Ankunft erlaubt, Kleidung für sie und Enric zu bestellen, also mussten diese lediglich für den perfekten Sitz angepasst werden.

“Wie schaffen es die Frauen hier, in diesen Kleidern zu atmen?”, presste Eryn hervor. “Mir ist schwindelig. Das ist so eng, dass ich nicht genug Luft in meine Lungen bekomme! Wenn ich mich zu viel bewege, laufe ich Gefahr ohnmächtig zu werden!”

Erbál nickte voller Anteilnahme. “Ich weiß – ich beneide dich keineswegs. Es ist eine grausige Mode. Sie wurde eingeführt, um Frauen davon abzuhalten, dass sie sich allzu viel bewegen und sie in die Art hilflose Kreatur zu verwandeln, mit der sich weniger selbstbewusste Männer gerne umgeben. So fühlen sie sich in ihrer Vorstellung von Männlichkeit nicht bedroht. Du magst das nicht glauben, doch die Kleider sind nicht einmal mehr annähernd so einengend wie noch vor einhundert Jahren.”

Eryn starrte ihn vollkommen entsetzt an. Diese Folterkleidung, die sie gerade trug, war eine gemäßigte Version?

“Sie haben aber noch immer einiges an Arbeit vor sich. Wenn du mich fragst, sind sie immer noch nicht soweit, Frauen als gleichberechtigt anzuerkennen”, knurrte sie.

“In Anyueel ebenso wenig, was das angeht”, warf Enric ein. “Frauen können in der Gesellschaft ausschließlich über den Einfluss ihres Gefährten Bedeutsamkeit erlangen. Und es gibt so gut wie keine Möglichkeit für sie, eine Position politischer Macht zu erlangen. Du bist die einzige Ausnahme, und das liegt allein an deiner beachtlichen magischen Stärke. Die Westlichen Territorien sind uns in dieser Hinsicht weit voraus.”

“Ja, weil sie schon immer magisch begabte Frauen hatten”, murmelte Eryn. “Doch sie haben ihre eigenen Probleme – wie zum Beispiel, dass sie Nicht-Magier als Menschen zweiter Klasse betrachten.”

Erbál lächelte vage. “Ich gebe zu, das ist wahr. Doch zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass wir zumindest nicht auf die Weise mit ihnen verfahren, wie es Pirinkar mit Magiern tut – als wären sie abscheuliche Geschöpfe, die mehr oder weniger hinter Tempelmauern eingesperrt werden müssen.”

“Dann sind wir uns also einig, dass Pirinkar von allen drei Ländern dasjenige ist, das Leuten fernab des wahrgenommenen Idealzustands am wenigsten Rücksicht entgegenbringt”, seufzte Eryn. “Das würde mich zumindest ein wenig trösten, wäre ich nicht die Einzige von uns, die in diesem grässlichen Kleidungsstück festsitzt. Oder eher Kleidungsstücken. Habt ihr eine Ahnung, aus wie vielen Einzelteilen sich diese grauenhafte Komposition zusammensetzt? Ich glaube, ich habe irgendwann den Überblick verloren. Einer der Teile war nur dazu da, um meine Taille zusammenzuschnüren! Zwei Leute waren nötig, um ihn zu schließen! Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie sehr meine inneren Organe gequetscht werden? Das ist überhaupt nicht gesund! Ich kann kaum sitzen! Was für einer Art von Schönheitsideal soll das überhaupt dienen? Der Illusion, dass Frauen auf eine Weise gebaut sind, die zwei Männerhänden erlaubt, ihre Mitte zu umfassen?”

Erbál überlegte kurz, dann zuckte er mit den Schultern. “Ich weiß, dass diese Aussage deinem Ärger entspringt, doch sie mag tatsächlich nicht so weit von der Wahrheit entfernt sein. Eine schmale Taille lässt eine Frau zerbrechlicher wirken, und genau so sollen sie sich selbst wahrnehmen.”

“Ich habe noch nicht viel von diesem Ort gesehen oder irgendjemanden kennengelernt, aber ich mag ihn schon jetzt nicht”, knurrte sie. “Wie lange soll diese oberflächliche Veranstaltung heute Abend dauern? Werden wir dort in einer Stunde oder zwei wieder fort sein oder ist es so eine endlose Angelegenheit wie ein königlicher Ball zuhause?”

“Es wird als Beleidigung empfunden, wenn du dort bereits nach zwei oder drei Stunden wieder gehst, ohne dass du einen echten Notfall zu deiner Entschuldigung vorweisen kannst”, informierte sie der Botschafter.

Eryn unterdrückte ein gequältes Stöhnen. Genau das hatte sie befürchtet. “Das ist ein Alptraum! Wie soll ich mir all diese Namen merken, freundlich zu den Leuten sein und jedes meiner Worte abwägen, damit ich keine Andeutung darauf fallenlasse, dass wir Magier sind, wenn mein Gehirn mit dringend benötigtem Sauerstoff unterversorgt ist?”

Erbál ließ den Atem entweichen und sah Enric an. “Besteht eine realistische Chance, dass sie sich benehmen wird?”

Enrics Gesichtsausdruck zeugte von seinen Zweifeln, als seine Augen über das Kleid wanderten. “Einige Stunden lang, während sie in diesem Ding feststeckt? Ehrlich gesagt, würde mich das überraschen.”

Einige Sekunden des Schweigens folgten, in denen das Rattern der Kutschenräder auf den Pflastersteinen und das Klappern von Hufeisen die einzigen hörbaren Geräusche waren.

Erbál nickte langsam und schürzte die Lippen. “Also schön, ich werde an die Gastgeberin herantreten und sie ersuchen, sie möge zwei ihrer Zofen schicken, damit sie die Schnürung in deinem Rücken ein wenig lockern, damit du leichter atmen kannst.”

Die Erleichterung hinter Eryns Lächeln kam aus tiefstem Herzen. Sie wollte sich nach vorne beugen und seine Hand drücken, bemerkte aber, dass sie ihren Oberkörper dafür nicht weit genug neigen konnte. In ihren Augen glänzte es entschlossen.

“Nie wieder werde ich zulassen, dass du mich in so etwas steckst! Ich werde deinem Schneider einen Besuch abstatten und mich mit ihm darüber unterhalten, wie man ein formelles Kleid im hiesigen Stil anfertigen kann, in dem ich nicht ersticke.”

Erbál nickte besiegt. “Ich schätze, mit diesem Kompromiss muss ich mich zufriedengeben. Ich werde dich begleiten. Seine Fremdsprachenkenntnisse mögen sonst nicht ausreichen, um deine Wünsche umzusetzen.”

Eryn lächelte grimmig. “Weißt du, was mir in meinen Sprachunterweisungen gefehlt hat? Flüche. Du solltest mir ein paar beibringen. Ich habe das Gefühl, dass ich sie brauchen werde. Tatsächlich hätte ich bereits Verwendung dafür gehabt.”

Er schnaubte. “Darauf greife ich womöglich zurück, sollte ich jemals einen todsicheren Weg brauchen, damit eine Krise zu einem Krieg eskaliert. Aber sicher nicht vorher.” Er blickte aus dem Kutschenfenster, als das Gefährt zum Stillstand kam. “Wir sind da.”

*  *  *

Prüfend zog Eryn den Atem ein und ließ ihn wieder entweichen. Dann lächelte sie. Das war schon besser. Nun stand sie nicht länger an der Schwelle einer Ohnmacht, nachdem die zwei schweigsamen Zofen, die Erbál für sie organisiert hatte, die Schnürung dieser unsäglichen Vorrichtung, in die ihr Oberkörper hineingestopft war, eine Spur gelockert hatten.

Sie trat hinaus in einen kleinen Garderobenraum und ergriff Enrics dargebotenen Arm. Erbál ging voraus und reichte einem bedrohlich wirkenden Mann mit erheblich mehr Rüschen als irgendjemand tragen sollte, eine gefaltete Karte mit kunstvoll geschnittenen Kanten. Sehr wahrscheinlich die offizielle Einladung um zu belegen, dass es ihnen gestattet war, diesen verschwenderisch anmutenden Bereich zu betreten, der sich direkt hinter dem Diener auftat. Es war so etwas wie ein Vorraum: zwei Stockwerke hoch mit zwei luxuriösen, breiten, perfekt symmetrisch geschwungenen Treppen mit kompliziert geformten, schwarzen Handläufen auf einer Seite. Sie nahmen auf je einer Seite des Raumes ihren Anfang und trafen einen Stock höher auf der gleichen Plattform aufeinander, von der aus sich eine reich verzierte Doppeltür öffnete in den Raum, wo wohl die Gäste empfangen wurden. Die Plattform wurde von einer Anzahl kunstvoll ausgestalteter Säulen getragen, die offenkundig aus dem gleichen hellen Stein durchzogen mit subtilen dunkleren Adern gefertigt waren wie die Stufen. Zwischen den Säulen unter der Plattform waren mehrere geschlossene Türen sichtbar.

Während der Diener zuerst die Einladung und dann die drei Gäste gewissenhaft überprüfte, beobachtete Eryn drei Frauen, die von Männern die Treppe hinaufgeleitet wurden. Sie waren in ähnlich lächerliche Monstrositäten gekleidet wie sie selbst. Junar vermochte womöglich aus dem Stoff, der für ein einziges verwendet wurde, drei Kleider zu schneidern. Die Männer ähnelten einander in ihrem Erscheinungsbild sogar noch stärker als die Frauen. Jeder Einzelne von ihnen trug eine dunkle, kragenlose Jacke aus irgendeinem schweren Stoff, in den krause Muster eingewebt waren. Sie reichte bis zu den Knien. Darunter kam eine Art von zugeknöpfter Weste in einer nicht ganz so strengen Farbe zum Vorschein, und unter der trug man ein weißes Hemd mit langen, hauchdünnen Rüschen am Hals und an den Handgelenken. Viel zu überladen und weiblich für Eryns Geschmack. Die Hosen wirkten im Vergleich dazu einfach, gingen jedoch aus irgendeinem Grund nur bis zu den Knien, genau wie der Überrock. Die Waden steckten gut sichtbar in irgendeinem hellen, anschmiegsamen Material.

Und um das Bild zu vervollständigen, hatten sie alle ihre Haare mit dem gleichen Öl zurückgestrichen, das sie schon an Erbál gesehen hatte. Außer Enric, der es mit Hilfe von Magie tat.

Sie sah zu ihrem Gefährten auf. Sie hatte ihn immer schon für einen gutaussehenden Kerl gehalten – nun, zumindest nachdem ihr Hass sie nicht länger für seine körperlichen Vorzüge blind gemacht hatte. Doch sogar er sah in diesen Kleidern lächerlich aus. Einerseits verspürte sie Schadenfreude darüber, dass es nicht einmal der sagenhafte, eindrucksvolle Lord Enric vermochte, Rüschen gut aussehen zu lassen, andererseits jedoch wurde ihr das Herz bei seinem Anblick schwer.

Vedric würde in Gelächter ausbrechen, könnte er seinen Vater in seiner aktuellen Aufmachung sehen. Der Gedanke ließ sie lächeln, löste aber auch einen Stich der Sehnsucht aus.

Erbál bedeutete ihnen, vor ihm die Stufen zu der Plattform emporzusteigen um zu zeigen, dass ihr Rang seinen eigenen übertraf. Eryn hob das Kinn, legte ihre Hand auf Enrics Arm und nahm die Mühe in Angriff, sich selbst und das beträchtliche Gewicht all dieser Stoffe nach oben zu schaffen.

Oben angelangt, eröffnete sich ihnen der ausladende Saal geschmückt mit verzierten Säulen, Spiegeln, goldenen Besätzen und einem Boden in einem schwindelerregenden, mehrfarbigen Muster. Neben der Tür standen drei Personen, ein Mann und eine Frau, die vielleicht, vielleicht auch nicht in ihren frühen Fünfzigern sein mochten, und ein jüngerer Mann, dessen Lächeln eher einer Maske als einem Ausdruck ehrlicher Freude entsprach.

“Die Gastgeberin und der Gastgeber”, flüsterte Erbál hinter ihnen, wobei sich seine Lippen kaum bewegten. “Und ihr ältester Sohn.”

Enric hätte dieser Erinnerung nicht bedurft. Er hatte den Namen der Gastgeberin von der Gästeliste, die sie von Erbál erhalten hatten, wiedererkannt. Sie war eine der drei Richterinnen, die vor sechs Jahren den Vorsitz über Malriels Verhandlung geführt hatten. Das Einzige, woran er sich bei ihr deutlich erinnerte, war ihre monotone Stimme, die geklungen hatte, als hätte ihr der Beruf über ein paar Jahrzehnte hinweg jede Regung aus der Stimme gesaugt.

Er hielt vor ihr an und nickte zum Gruß, bevor er sprach: “Gistor Noraske, Legen der Weisens, Richterin erster Ebene von Pirinkar, es ist mir eine Ehre, dir erneut zu begegnen.”

Die Richterin betrachtete ihn eine Weile, ihre Braue leicht hochgezogen, während ihre Augen seinen Anblick aufnahmen, kombiniert mit dem sehr vertrauten Stil der Eleganz seiner Kleidung, wie sie unter den Vertretern der örtlichen höheren Klasse gängig war.

“Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden”, erwiderte die Richterin freundlich mit leichtem Akzent – mit einer Stimme, die weniger bar jeder Modulation war, als Enric sich erinnerte. Vielleicht war ihre Ausdruckslosigkeit nur für berufliche Zwecke reserviert.

Dann bewegte sich ihr Blick zu Eryn, und einen Moment lang stockte ihr Atem. Eryn wartete geduldig, bis die Frau ihren Schock über die überraschende Ähnlichkeit mit derjenigen, die in ihrem Gerichtssaal angeklagt gewesen war, überwunden hatte.

“Ich darf dir meine Gefährtin vorstellen, Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan”, meinte Enric, als hätte er nichts bemerkt. “Maltheá, das ist Gistor Noraske, Legen der Weisens, Richterin erster Ebene von Pirinkar.”

“Ich… ja… natürlich. Sei willkommen bei unserer bescheidenen Zusammenkunft zu euren Ehren, Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan”, schaffte es Gistor Noraske schließlich auszusprechen. Dann stellte sie ihren eigenen Gefährten und ihren Sohn vor, deren Namen Eryn bereits von der Liste kannte.

Gleich darauf wurde Erbál begrüßt, bevor sie alle den Raum betraten, der aus wenig mehr zu bestehen schien als glänzenden Oberflächen unterschiedlicher Art und delikaten Ornamenten in unterschiedlichen Größen, die sämtliche architektonischen Strukturen wie Türen, Fenster, Säulen, Spiegel, Nischen und sogar die beiden gigantischen Feuerstellen umgaben und schmückten.

Am fernen Ende des Saals sahen sie eine Gruppe von mindestens zehn Künstlern, allesamt in Schwarz und Weiß gekleidet, die gerade dabei waren, sich soweit bequem niederzulassen, dass sie mehrere Stunden lang für Zerstreuung in Form von Musik sorgen konnten.

“Ich vermute, es wird getanzt?”, flüsterte Eryn in Erbáls Richtung. “Zumindest würde der große, freie Platz ohne Tische und Stühle sowie die Anwesenheit mehrerer Musiker das nahelegen. Ich gehe davon aus, dass die Leute rücksichtsvoll genug sind, um nicht von uns zu erwarten, dass wir mitmachen?”

Erbál bestätigte das. “Du hast Recht. Es wird getanzt werden, und nein, niemand erwartet von euch, dass ihr euch in der Kunst der lokalen Tänze als bewandert erweist. Ihr könnt euch auf die Seite stellen und einfach zusehen. Ihr werdet die Tänze als recht unterschiedlich zu denen erleben, die ihr kennt. Der Grundgedanke ist, dass eine Frau mit einem Mann teilnimmt, doch die Tänze selbst erfordern häufige Interaktionen mit unterschiedlichen Paaren. Alles ist sehr gut aufeinander abgestimmt und präzise und angenehm mitanzusehen, doch jeder falsche Schritt wird sofort offensichtlich.”

“Klingt ja reizend”, meinte Eryn ausdruckslos, froh darüber, dass sie außen vor bleiben konnte.

Ihre Aufgabe für diesen Abend war es, gesehen zu werden, mit so vielen Leuten wie nur möglich zu reden und alles in allem einen positiven Eindruck zu hinterlassen, damit man geneigt war, mit ihnen zu kooperieren und zu helfen oder ihre Untersuchungen zumindest nicht zu behindern.

Gemäß der Gästeliste, die Erbál sie hatte auswendig lernen lassen, würden fünf Richter und sechs Regierungsmitglieder an diesem bescheidenen Anlass teilnehmen. Das waren diejenigen, die Eryn und Enric als ihre Priorität betrachten mussten. Obgleich sie auf Erbál angewiesen waren, damit er sie in die richtige Richtung wies und sie vorstellte. Andernfalls waren diese Leute nicht mehr als eine anonyme Masse an pompösen Kleidern, farbenfrohen Gesichtern und seltsamen Frisuren.

Erbál hatte ihnen erklärt, dass es keine große allgemeine Vorstellung der Ehrengäste geben würde. Die Leute würden stattdessen von sich aus mit ihnen reden und ihre Bekanntschaft suchen. Und denjenigen, die dies absolut nicht wünschten, sondern einfach nur einen angenehmen Abend auswärts verbringen wollten, stand dies ebenfalls frei.

Eryn erschauderte, als sie sah, wie eng die Kleider mancher Frauen um die Taille geschnürt waren. Wie konnten die sich überhaupt bewegen? Konnten sie so ein gefahrvolles Unterfangen wie einen Tanz in Angriff nehmen, ohne nach ein paar Minuten als Folge der Anstrengung ohnmächtig zu werden? Nun, das würde sie wohl bald genug zu sehen bekommen.

Der Botschafter stellte sie einer Anzahl an Leuten von der Liste vor, die ein Interesse daran geäußert hatten, sie kennenzulernen. Er vollführte die Vorstellung in der hiesigen Sprache, und Eryn bemerkte, dass sie den Worten mit jedem Mal, wo sie wiederholt wurden, leichter folgen konnte.

Dennoch entschied sie sich dagegen, ihre Fremdsprachenkenntnisse im Moment einem Test zu unterziehen. Man wusste nie, ob es sich nicht einmal als nützlich erweisen mochte, dass die Leute vergaßen, dass sie eine Menge von dem verstand, was um sie herum gesprochen wurde.

Etwa eine Stunde musste vergangen sein, bevor die Musiker sich mit einem sanften Akkord Gehör verschafften, als wollten sie die Anwesenden vorsichtig an ihre Anwesenheit erinnern.

“Das ist die Einladung für jene Gäste, die zu tanzen wünschen, sich in der Mitte des Saals zu versammeln”, erklärte ihnen Erbál. “Es ist immer die gleiche Melodie zu Beginn, um zu signalisieren, dass der Abschnitt des Abends, wo getanzt wird, gleich beginnt. Kommt, lasst uns ein wenig zurücktreten.” Er führte sie an einen Fleck, von dem aus sie die Vorgänge beobachten konnten, ohne im Weg zu stehen.

Sie sahen zu, wie zwölf Paare vortraten und sich teilten, um zwei gegenüberliegende Reihen zu formen, von denen eine ausschließlich aus Frauen, und die andere aus ihren männlichen Gegenstücken bestand. Als alle so arrangiert waren, dass der Tanz beginnen konnte, beendeten die Musiker ihre vorhergehende Melodie und begannen mit einer neuen.

“Sind es immer genau zwölf Paare?”, wollte Enric von Erbál wissen.

“Im Allgemeinen ja. Obwohl es auch ein paar Tänze für kleinere Zusammenkünfte gibt, die nur sechs erfordern. Und zwei, glaube ich, wo sich sechzehn Paare gegenüberstehen.”

Die Reihe der Männer neigte wie in einer einzigen Bewegung ihr Haupt vor den Damen, die die Geste daraufhin erwiderten. Dies erwies sich als die Eröffnung eines Musters an Bewegungen, die von jeder einzelnen Person erforderten, dass sie genau wusste, was sie zu tun hatte. Jedes zweite Paar trat vorwärts aufeinander zu, doch anstatt nach ihren Partnern zu greifen, drehten sie sich auf die Seite und näherten sich stattdessen dem Nachbarn ihres Partners, ergriffen dessen Hände und vollführten einen Kreis, bevor sie an ihren vorherigen Platz zurückkehrten.

Enric beobachtete die Bewegungsabläufe, fasziniert von den unvorhersehbaren Mustern, die sich alle paar Sekunden veränderten.

“Das ist… eindrucksvoll”, murmelte er Erbál zu. “Sehen all die Tänze so aus?”

“Ja, in der Regel schon. Tanzen wird hier nicht als Akt zweier Menschen betrachtet, sondern als einer für die gesamte anwesende Gesellschaft. Es erfordert Interaktion, Präzision, Eleganz und eine Menge Erfahrung. Ein Fehler eines einzigen Tänzers kann die Ordnung der gesamten Gruppe zerstören.”

Plötzlich erschienen die Bälle in Anyueel nicht mehr ganz so düster. Zumindest beinhaltete das Tanzen nicht das ständige Risiko, sich als unfähig bloßzustellen, weil ein Moment der Unaufmerksamkeit zu einem falschen Schritt oder verpassten Einsatz führte.

“Die Geschwindigkeit scheint mir recht langsam”, merkte Enric an. “Tanzen scheint mir kein besonders dynamischer Zeitvertreib. Oder trifft das lediglich auf dieses besondere Lied zu?”

Der Botschafter lächelte leise. “Sieh dir die Kleider an, Enric. Was denkst du, was geschehen würde, wenn du diese Frauen irgendwelchen strapaziösen Aktivitäten aussetzt? Sie würden umkippen.”

“Wie lange üben die Leute diese Tänze in der Regel, bevor man sie als tauglich erachtet, um sie in der Öffentlichkeit zu vollführen, ohne dass sie sich blamieren?”, fragte Eryn als nächstes.

“Einige Jahre. Es ist Teil der klassischen Ausbildung wohlhabender Bürger. Die Kinder lernen das Tanzen ab dem Alter von zehn Jahren. Es gibt besondere Anlässe nur für junge Menschen, wo sie ihren Fortschritt zeigen und für das tatsächliche Tanzen bei wichtigen Zusammenkünften mit einflussreichen Gästen üben können.”

Eryn presste ihre Lippen aufeinander. Somit war diese Art des Tanzens ein besonderes Merkmal der Reichen und Mächtigen. Ein weiterer Aspekt, den sie hier ablehnte. Bislang war ihr erster Eindruck von Kar kein besonders positiver. Lächerliche Kleidung, eine übertriebene Vorliebe für Titel und eine recht klare Vorstellung von Privilegien stand einem erstaunlichen System gegenüber, das auf Abruf heißes Wasser lieferte, wenn man einen Knauf drehte.

Sie wollte sich diese eklatante Demonstration von kostspieliger Bildung nicht länger ansehen. Es musste hier irgendwo einen Ort geben, wo sie ein paar Minuten lang Ruhe und Frieden genießen konnte.

*  *  *

Eryn stieß den Atem aus und starrte ihr Spiegelbild vor dem Hintergrund des geräumigen Badezimmers an, in das sie für ein paar wertvolle Minuten vor den höflichen Unterhaltungen und prahlerischen Demonstrationen einer privilegierten Erziehung geflohen war.

Die dunklen, raffiniert gezeichneten Linien an den Rändern ihrer Augenlieder sahen mittlerweile etwas verschmiert aus. Der Grund dafür war wohl der Schweiß, der ihre gesamte Haut zu befeuchten schien. Sie fragte sich, wie gefleckt der Stoff unter ihren Armen wohl sein würde, wenn sie später aus dem Kleid herausstieg. Sie griff nach einem kleinen Handtuch, füllte die Keramikschüssel vor sich mit Wasser aus einer dieser wundersamen Rohrkonstruktionen und tauchte das Handtuch hinein. Dann tupfte sie vorsichtig um ihre Augen herum, um einen Gutteil der schwarzen Farbe zu entfernen, der ihre Augen größer wirken lassen sollte. Als Nächstes wusch sie sich die Schweißperlen von der Stirn und setzte dann damit fort, das kühle, feuchte Tuch auf jedes Stück unbedeckte Haut zu pressen, dass sie erreichen konnte. Das würde ihr zumindest für eine kurze Weile Abkühlung verschaffen.

Mit einem letzten leidgeprüften Blick auf ihr zweidimensionales Gegenstück öffnete sie die Tür und trat hinaus in den angenehm ruhigen Korridor, dessen Lichter gerade hell genug waren, damit die Besucher den Weg fanden. In der Ferne konnte sie die behäbige und leicht melancholische Musik vernehmen, die maßgeschneidert war für die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Frauen. Es wäre rücksichtsvoller, sie aus dem Gefängnis dieser Fallen zu befreien, die man hier Kleider nannte, anstatt ihnen zu erlauben, ohne rasche Bewegungen zu tanzen, dachte Eryn verdrießlich und zwang sich dazu, weiter auf die lebhafte Versammlung zuzugehen. Nun, zumindest der männliche Teil davon konnte sich eine gewisse Lebhaftigkeit erlauben – die Frauen mochten ohnmächtig werden, falls sie es versuchten.

Alle paar Schritte auf dem Weg zurück kam sie an einer weiteren geschlossenen Tür mit einem Türrahmen doppelt so groß wie sie selbst mit aufwändig geschnitzten Verzierungen vorbei. Ihre Schritte verlangsamten sich, als sie eine Tür bemerkte, die einen Spaltbreit offenstand. Das war nicht der Fall gewesen, als sie vor einigen Minuten hier vorbeigekommen war. Es gab kein Licht darin, also bot sich wohl die Schlussfolgerung an, dass sich niemand darin aufhielt. Sie sah sich kurz um und überprüfte, ob sie unbeobachtet war, bevor sie sich der Tür näherte. Ihr Unwille, zu den anderen zurückzukehren und die Neugier, wie wohl ein regulärer Raum in dieser Villa aussah, ließen sie die Tür ein wenig weiter aufschieben. Sie verharrte regungslos, als sie ein seltsames, regelmäßiges Geräusch hörte, das sie an das Aufsperren eines Schlosses erinnerte. Vielleicht war es ein weiteres Gerät wie ihre Klangmaschine oder das mechanische Spielzeug?

Dankbar, dass die Türangeln gut gepflegt waren und nicht knarrten, schlüpfte sie in das Zimmer. Auch nach ein paar Sekunden, während derer sie ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte sie noch immer nicht mehr erkennen als verschwommene Umrisse der Möbel. Lediglich das Licht, das hinter ihr vom Korridor hereinfiel, leuchtete ihre unmittelbare Umgebung so weit aus, dass sie zumindest nirgendwo dagegen stoßen würde.

Sie folgte dem eigentümlichen Geräusch ein paar Schritte weit und stand direkt vor einer runden Scheibe, unter der irgendwelche klobigen, länglichen Objekte baumelten. Die waren allein deshalb erkennbar, weil das dunkle Material einen starken Kontrast zu der hellen Wand dahinter bot.

“Was haben wir denn hier”, murmelte sie zu sich selbst und versuchte, im Halbdunkel weitere Details zu erkennen.

Die runde Scheibe schien in regelmäßigen Abständen über Markierungen zu verfügen, doch sie konnte nicht sagen, ob diese lediglich dekorativer Natur waren oder irgendeinem bestimmten Zweck dienten. Dahinter saß irgendeine Art von Mechanismus, der das Geräusch produzierte, das sie hereingelockt hatte. Sie konnte nichts erkennen, als sie einen Blick dahinter warf. Die Scheibe schluckte sogar noch das letzte Quäntchen an Licht, das durch die offene Tür hereinfiel. Sie wollte nichts anfassen und beschädigen, also trat sie einen Schritt zurück und seufzte.

“Keine Chance ohne Licht”, murmelte sie und wollte sich umdrehen, als eine freundliche männliche Stimme aus der Dunkelheit sie erstarrten ließ.

“Erlaube mir, dir zu Diensten zu sein”, bot sie hilfsbereit an in dem typischen Akzent der Einheimischen, wenn sie sich Eryns Sprache bedienten.

Oh nein – das würde ihr eine Standpauke von Enric einbringen, dachte sie, bevor ein leises, kratzendes Geräusch ertönte, dem eine kleine Flamme folgte, die zuerst eine, dann eine weitere Lampe erhellte.

Eryn blinzelte ob der plötzlichen Helligkeit, dann fand sie einen Mann vor, der auf einem geschmackvollen Sofa saß, das aussah, als diente es mehr der Dekoration denn als bequemes Sitzmöbel. Sie hatte also falsch gelegen mit ihrer Annahme, dieses Zimmer sei unbesetzt. Wer schlich sich denn einfach so davon und versteckte sich in einem dunklen Raum? Nun, wohl jemand genau wie sie selbst, kam es ihr in den Sinn.

“Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan, wie ich annehme”, fuhr die fremdländische, doch angenehme Stimme fort. Es klang nicht nach einer Frage. Doch da sie sehr wahrscheinlich die einzige weibliche Besucherin aus dem Süden war, die gegenwärtig in der Stadt verweilte, war es keine allzu eindrucksvolle Leistung, dass er ihre Identität korrekt erraten hatte.

“Ja, das bin ich.”

Ihre Augen passten sich nun an das Licht an und erlaubten ihr, ihre unerwartete Gesellschaft genauer zu betrachten. Er mochte etwa in ihrem Alter sein, von adretter Erscheinung und eine Spur weniger farbenfroh gekleidet als die anderen Männer, die sie an diesem Abend erblickt hatte. Das allein sprach schon für ihn. Sein hellbraunes Haar war zurückgestrichen, so wie es hier offensichtlich Mode war. Das ermöglichte einen uneingeschränkten Blick auf intelligente graue Augen, eine fein geschnittene Nase und den dünnen Streifen eines Bartes, der der Linie seines Kinns und der Oberlippe folgte. Ein ansehnliches, einnehmendes Gesicht. Das im Augenblick Belustigung ausdrückte.

“Ich wollte hier nicht eindringen. Wirklich nicht”, versicherte sie ihm eilig. “Ich entschuldige mich für die Unterbrechung von… was auch immer du hier drin getan hast. Ich werde nicht länger stören und mich verabschieden.”

“Ich hatte den Eindruck, du würdest die Uhr gerne untersuchen”, erwiderte er höflich. “Du hast mich keineswegs gestört. Ich nehme mir lediglich die Freiheit, ein paar Minuten in einsamer Erwägung zu verbringen, wenn ich die Anstrengung sozialer Interaktionen als allzu ermüdend empfinde.”

Während sie noch überlegte, wie sie auf diese Aussage reagieren sollte, erhob er sich. Er war merklich größer als sie selbst und bewegte sich mit beinahe makelloser Eleganz.

In einer Entfernung, die angenehm war ohne ihr zu nahe zu treten und sie nicht einschüchterte, blieb er stehen.

“Ich gehe davon aus, dass dir mechanische Methoden zur Zeitmessung nicht vertraut sind?”, erkundigte er sich höflich.

“Ich… nein. In Anyueel haben wir andere Methoden wie Wasseruhren oder Öllampen mit Markierungen, und die Westlichen Territorien benutzen dafür Sanduhren und Sonnenuhren”, antwortete sie.

“Dann gewähre mir das Vergnügen, dir den Mechanismus zu erklären, den wir zu diesem Zweck verwenden”, bot der hilfsbereite Fremde an.

Eryn nickte, froh darüber, dass ihrem Eindringen nicht mit Verärgerung, sondern mit unverhoffter Zuvorkommenheit begegnet wurde. Auf seine Einladung hin trat sie wieder näher auf die Uhr zu. Die Scheibe war mit zwölf Symbolen markiert, die sie als Zahlen erkannte. Als sie dahinter blickte, sah sie nun, dass der Mechanismus ausschließlich aus einigen Zahnrädern in unterschiedlichen Größen und einer Spirale mit kleinen Gewichten daran zu bestehen schien.

“Das hier ist ein recht altes Exemplar”, erklärte ihr der Mann. “Ich würde vermuten, dass es sich seit mindestens zwei Jahrhunderten im Besitz der Familie Weisen befinden muss. Ein Erbstück, sofern das der korrekte Begriff ist.”

Zwei Jahrhunderte, dachte Eryn, während ihr Hals trocken wurde. Dieses erstaunliche Gerät war hier veraltet, während es in ihrem Zuhause eine spektakuläre Neuheit wäre.

Ganz ohne Aufforderung begann er ihr den Mechanismus zu erklären.

“Diese Art von Uhr besteht aus sehr grundlegenden Komponenten. Das hier” – er deutete auf ein mittelgroßes Rad mit besonders feinen Zacken – “ist das Zahnrad, das als Hauptrad bezeichnet wird. Dahinter befindet sich ein langer, dünner Metallstreifen, der als die Hauptfeder bekannt ist. Dieser Teil speichert Energie. Wieviel gespeichert werden kann, hängt stark von der Elastizität des Materials und seiner tatsächlichen Länge ab.” Dann deutete er auf eine Ansammlung von vier Zahnrädern. “Die ersten drei dort bilden das Räderwerk. Das erste Rad davon zeigt die Minuten an, das dritte die Sekunden. Angetrieben wird es von den Gewichten, die du dort hängen siehst. Doch da wir nicht wollen, dass die gesamte Kraft zu schnell freigesetzt wird, benötigen wir etwas, das die Freigabe kontrolliert. Diese Kombination von Teilen nennt sich Anker und besteht aus einer Unruh, die vor und zurück schwingt und so die Abgabe der Energie kontrolliert, immer ein Zahn auf einmal.”

Eryn starrte die Zahnräder unterschiedlichen Durchmessers und mit einer Variation von Zähnen unterschiedlicher Größe und Form an. Sie versuchte zu kombinieren, was sie gerade gehört hatte, indem sie auf die wenigen Grundlagen der Mechanik zurückgriff, die sie sich zuhause durch das Zerlegen der Geräte erarbeitet hatte.

“Die Gewichte üben Druck auf das hier aus, das diesen dann weitergibt, nur eben nicht zu schnell. Was uns zu diesen Komponenten hier bringt, die dafür zuständig sind, alles langsam und regelmäßig zu halten. Die Bewegung wird dann auf diese Zahnräder hier übertragen, die diese Stäbchen auf der Scheibe bewegen”, versuchte sie es in eigene Worte zu fassen und hoffte, dass sie sich nicht vollkommen zum Narren machte.

Der Mann überlegte einen Moment lang, während sich seine elegant geformten Augenbrauen zusammenzogen, als er versuchte, eine Verbindung herzustellen zwischen ihrer amateurhaften Erklärung und seinen vorangegangenen Worten. Dann nickte er.

“Ja, so kann man das sagen. Gut gemacht.”

Eryn trat einen Schritt zurück und betrachtete die andere Seite der Scheibe mit all den Zahlen und den drei kurzen Stäben.

“Wie wird das dritte Stäbchen bewegt? Du hast Zahnräder für zwei davon erwähnt.”

“Wir bezeichnen die Stäbchen als Zeiger. Und du hast Recht, ich habe nur zwei davon erwähnt. Sehr aufmerksam von dir. Es gibt ein eigenes Rad für den langsamsten der Zeiger, der nur nach einer gewissen Anzahl von Umdrehungen des Minutenrads bewegt wird.”

“Wie lese ich das?”, fragte sie weiter. “Ihr unterteilt eure Tage in nur zwölf Einheiten? Das ist ein vollkommen neues Konzept für mich. Ich bin an vierundzwanzig Stunden gewohnt.”

“Ebenso wie wir. Der Stundenzeiger bewegt sich an einem Tag zweimal um das Ziffernblatt.”

“Welcher ist das? Der pummelige dort?”

Er blinzelte und lächelte dann. “Ja, jener, der weniger athletisch wirkt. Der schlankere ist für die Minuten, und der lange, dünne Zeiger für Sekunden. Jede Umdrehung des Sekundenzeigers führt dazu, dass sich der Minutenzeiger um eine kleine Markierung weiterbewegt. Und nachdem sechzig kleine Markierungen überwunden wurden, bewegt sich der Stundenzeiger vorwärts.”

Eryn starrte das Ziffernblatt eine halbe Minute lang an, dann versuchte sie: “Damit ist es jetzt gerade neunzehn Stunden, achtundzwanzig Minuten und ungefähr vierzig Sekunden spät.”

“Das stimmt. Wenngleich wir eher sagen würden, dass es sieben Uhr achtundzwanzig am Abend ist.”

“Was passiert, wenn die Gewichte das Ende der Schnur erreichen?”

“Dann muss die Uhr aufgezogen werden, damit sie weiterhin ihre Dienste leisten kann.”

Sie nickte langsam, eingenommen von dieser faszinierenden neuen Methode, die Zeit unter Verwendung von Zahnrädern zu messen.

“Doch wie ich schon sagte, handelt es sich hier um einen überholten Mechanismus. Wir haben in der Zwischenzeit ausgeklügeltere entwickelt, die keiner Gewichte oder Pendel mehr bedürfen.” Er legte den Kopf schief. “Du wärst nicht etwa daran interessiert, mehr darüber zu erfahren?”

Eryn sah zu ihm auf und schluckte. Sie wusste, wie unnachgiebig dieses Land seine Technologie und sein Wissen bewachte. Dieser Mann mochte sich bereits jetzt Ärger eingehandelt haben, sofern irgendjemand von dieser kleinen Unterrichtsstunde soeben erfuhr.

“Ich fürchte, das wäre keine besonders vernünftige Idee. Ich schätze das Angebot, möchte dir aber keine Schwierigkeiten einbringen”, zwang sie sich zu sagen.

Sein Lachen war ein Ausdruck aufrichtigen Amüsements. “Hat dir dein Botschafter eine Liste mit namhaften Personen von öffentlichem Interesse erstellt? Oder zumindest eine Gästeliste für diesen Abend?”

Leicht verwirrt fasste sie ihn ins Auge. Was für eine Frage war das als Reaktion auf ihre Sorge um sein Wohlbefinden?

“Ja, eine Gästeliste. Weshalb?”

“Ich gehe davon aus, dass er betont hat, wie wichtig es ist, sie auswendig zu lernen, damit du die Leute korrekt ansprechen kannst?”

“Ja! Warum fragst du?”, rief sie ungeduldig.

“Dann bin ich zuversichtlich, dass dir mein Name bekannt sein wird.” Er stellte sich eine Spur aufrechter hin. “Ich bin Etor Gart, Legen der Durachts, Konsul erster Ebene von Pirinkar. Es ist mir ein Vergnügen, deine Bekanntschaft zu machen.”

Eryn runzelte kurz die Stirn, als sie sich zu erinnern versuchte, unter welcher Kategorie dieser Name gestanden hatte. Er hatte Recht, er klang vertraut.

Sie riss die Augen auf, als die Erinnerung zurückkehrte. “Etor Gart! Vertreter der höchsten Regierungsebene!” Verdammt, er war wichtig, und zwar so richtig! Und ihm unter solchen Umständen zu begegnen!

“Das ist richtig. Du siehst also, dass es in meinem Ermessen liegt, dir dieses Angebot zu machen, ohne damit eine Inhaftierung oder sonstige Sanktion zu riskieren,” lächelte er. “Wenngleich mich deine Sorge rührt.” Er hob seinen rechten Arm, um ihn ihr anzubieten. “Sollen wir zu den anderen Gästen zurückkehren?”

*  *  *

So subtil er es vermochte, stieß Erbál Enric an und nickte in die Richtung, wo Eryn den Saal betrat, ihre Hand auf dem Arm eines Mannes.

“Den kenne ich”, murmelte Enric und schloss seine Augen, um sich das Bild des Gerichtssaals vor sechs Jahren ins Gedächtnis zu rufen. Dieser Mann hatte einen Sitz am obersten Tisch gehabt. Somit war er einer der Regierungsvertreter. “Regierung”, fügte er hinzu.

Der Botschafter nickte. “Ja. Etor Gart. Ein Mann, der aus solchen Anlässen wie diesem hier wenig Vergnügen zieht. Diese Eigenschaft hat er mit deiner Gefährtin gemeinsam – hin und wieder macht er sich davon und versteckt sich ein paar Minuten lang. Kein Wunder, dass er und Eryn einander begegnet sind. Womöglich haben sie versucht, sich in der gleichen Nische zu verstecken.”

“Allerdings ein Mann, den es nützlich ist zu treffen”, flüsterte Enric zurück, mehr als willens, Eryn ihre verdächtig lange Toilettenpause zu verzeihen, wenn solch ein Ergebnis dabei herauskam. Besonders, da der Mann recht zufrieden wirkte. Das war eine unübliche Reaktion darauf, wenn man Eryn bei solch einer Veranstaltung begegnete. Leute, die den Versuch starteten oder dazu gezwungen waren, mit ihr zu interagieren, reagierten im Allgemeinen irritiert und verärgert anstatt erfreut.

“Das ist wohl wahr”, stimmte Erbál zu und lächelte, als die beiden in ihre Richtung kamen.

“Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden. Ich bin erfreut, dich wiederzusehen, wenngleich unter solch gravierenden Umständen”, grüßte Etor Gart und nickte ihm zu.

Enric reagierte in gleicher Weise. “So wie ich, Etor Gart, Legen der Durachts, Konsul erster Ebene von Pirinkar. Wir hoffen, dass sich all dies auf zufriedenstellende Weise lösen lässt.”

Dann begrüßte Etor Gart Erbál, indem er in seine Muttersprache wechselte. “Lam Erbál, Legen der Ferals, Botschafter in Kar. Es ist ein Vergnügen, dich hier zu sehen.”

“Das Vergnügen ist ganz das meine, Etor Gart, Legen der Durachts, Konsul erster Ebene von Pirinkar. Wie ich sehe, hast du Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan bereits getroffen.”

Eryn strengte sich an, um dem Austausch zu folgen – besonders, nachdem ihr Name erwähnt worden war.

“Das habe ich.” Er lächelte ihr zu. “Ich fand ihr Interesse an mechanischen Geräten und ihre rasche Auffassungsgabe höchst stimulierend.”

Dann entschuldigte er sich und schlenderte davon, wobei er hin und wieder stehenblieb, um mit anderen Leuten zu sprechen.

“Was hat er gesagt? Das zum Schluss habe ich nicht ganz verstanden”, meinte sie stirnrunzelnd. “Hat er gesagt, ich hätte ihn stimuliert? Ich schwöre, ich habe nichts dergleichen getan! Er hat mir lediglich eine Uhr erklärt, und das einzige Mal, wo ich ihn angefasst habe, war, als ich seinen Arm auf dem Weg hierher ergriff.”

“Nein, es war nichts in dieser Art”, versicherte Erbál ihr rasch. “Er war von deiner Intelligenz beeindruckt. Es scheint, als würde er dich mögen.”

Eryn war erfreut über diese Beurteilung. Nachdem sie Lam Ceiga begegnet war, hatte sie schon befürchtet, alle Leute hier würden sie mit solcher Gleichgültigkeit behandeln.

“Lasst uns hier nicht herumstehen, sondern lieber versuchen, euch so vielen Leuten wie nur möglich vorzustellen”, legte der Botschafter ihnen nahe. “Wir sind immerhin zum Arbeiten hier.”

Also arbeiteten sie. Eryn fand heraus, dass bloßes Reden nicht ganz so schlimm war wie mit den Leuten tanzen zu müssen. Sie war auch froh, dass keine Notwendigkeit zur Demonstration übermäßiger Freude bestand, wenn man jemanden kennenlernte; nichts als eine höfliche Zusicherung, welches Vergnügen es war, reichte vollkommen. Das bedeutete, ihre Wangen würden am Ende dieses Abends nicht entkräftet sein von der Anstrengung des erzwungenen Lächelns.

Obwohl sie ihre Runden gemeinsam begonnen hatten, fanden sie sich in Gesprächen mit unterschiedlichen Personen wieder und setzten diese in ihrem eigenen Tempo in unterschiedlichen Richtungen fort. Diese Person wollte sie jener Person vorstellen, und dann mussten sie unbedingt noch einen guten Freund, ein Familienmitglied oder einen Bekannten treffen.

Pflichtbewusst beantwortete Enric Fragen über sein Heimatland, was genau der Orden war und weshalb er die Reise nach Kar auf sich genommen hatte, obwohl die Antworten auf alle drei selbstverständlich in einem Ausmaß modifiziert werden mussten, um für die Zuhörer angemessen zu sein. Erbál blieb eine Weile an seiner Seite, dann machte er sich auf die Suche nach Eryn, um sie eine Zeitlang zu begleiten, bevor er wieder zu ihrem Gefährten zurückkehrte.

“Ich hatte bereits das Vergnügen, deine ungemein bezaubernde und reizvolle Gefährtin kennenzulernen”, meinte Enrics aktueller Gesprächspartner. Reizvoll. Was für eine seltsame Art sich auszudrücken, wenn man sich auf die Gefährtin eines anderen Mannes bezog. Womöglich eine ungeschickte Formulierung in einer fremden Sprache, dachte er. Doch die folgenden Worte des Mannes zeigten ganz klar, dass dies keineswegs der Fall war.

“Ich habe mich gefragt, ob du wohl mein Angebot für ihre Gesellschaft für heute Nacht annehmen würdest?”

Damit wurde ein Stück stabiles, kostspielig aussehendes Papier in Enrics Hand gedrückt. Er starrte den Mann an, während er sich zwang, seinen Zorn über solch eine impertinente Anfrage unter Kontrolle zu bringen, und zwar rasch.

Erbál neben ihm hustete und lächelte den Mann an, der sich – ohne sich dessen im Klaren zu sein – in tödliche Gefahr manövriert hatte.

“Wirst du uns für einen kurzen Augenblick entschuldigen? Lam Enric, Reig of Haus Aren, Stellvertreter im Orden ist gleich wieder bei dir.” Er ergriff Enrics Arm und zog ihn beiseite und hinter eine Säule, die ihnen zumindest ein Quäntchen Privatsphäre gewährte.

Enrics Augen waren zusammengekniffen. Erzürnt zischte er: “Was hatte das zu bedeuten? Ist das eine Art Test, oder war es diesem Schwachkopf ernst damit? Das muss eine Art Beleidigung sein, wo man sehen will, wie ich darauf reagiere, wie sehr ich mich provozieren lasse!”

“Du musst dich augenblicklich beruhigen, Enric!”, beschwor ihn der Botschafter eindringlich. “Sein Begehr zum Ausdruck zu bringen, dass man die Nacht mit jemandes Gefährtin verbringen möchte im Austausch für monetäre Entschädigung, ist hier eine akzeptierte Vorgehensweise. Die Anfrage selbst ist keine Beleidigung. Dir eine niedrige Summe anzubieten allerdings schon. Lass uns das Papier ansehen, das er dir gegeben hat. Dann können wir sagen, ob das hier ein Test oder ein ehrliches Angebot ist.”

Enric öffnete das Papier und starrte auf eine dreistellige Zahl. Nach einer raschen Umrechnung verglich er den Betrag mit Goldstücken aus Anyueel. “Das wäre er bereit für eine Nacht mit Eryn zu bezahlen?”

Erbál nickte erleichtert. “So ist es. Das ist ein großzügiges Angebot, und ich kann dir sagen, dass du nicht beleidigt wurdest, sondern stattdessen ein großes Kompliment erhalten hast.”

Enric stieß den Atem aus und schloss die Augen. “Warum hast du uns auf so etwas nicht vorbereitet? Denkst du nicht, dass es uns einiges an Anspannung erspart hätte, wenn du das erwähnt hättest?”

“Ich entschuldige mich. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, dass man mit einem Angebot dieser Art an euch herantreten würde. Ihr seid Fremde hier, und im Allgemeinen würde man euch mehr Zeit zugestehen, um euch an die Gebräuche hier anzupassen anstatt zu erwarten, dass ihr ab dem ersten Tag mit allen davon vertraut seid.” Erbál drehte Enric herum. “Nun wirst du zu dem netten Mann zurückkehren, ihm für sein großzügiges Angebot danken und es höflich ablehnen. Dabei wirst du weder ihm, noch dem Brauch, oder auch der Gesellschaft, der er entstammt, mit Verachtung begegnen. Hinfort mit dir.”

Enric warf ihm über die Schulter einen finsteren Blick zu, tat aber, wie ihm geheißen. Das war absurd. Er musste einem Mann dafür danken, dass er ein Interesse an einer Nacht wilder Vergnügungen mit Eryn geäußert hatte! Zuhause hätte er ihm mittlerweile die Nase gebrochen. Und vielleicht die eine oder andere Rippe.

Er kam bei dem Mann an, der höflich lächelte, als er seiner Antwort harrte.

“Ich danke dir für dein Interesse und deine Großzügigkeit, doch ich fürchte, ich kann dein Angebot nicht annehmen”, erklärte Enric höflich und nickte kurz, bevor er sich abwandte. Es war an der Zeit, Eryn zu finden und sie zu warnen.

*  *  *

“Er hat was getan?”, keuchte Eryn und starrte ihren Gefährten entsetzt an. Das konnte nicht wahr sein! Keinesfalls konnte ein Mann, der kaum mehr als ein paar Sätze mit ihr gewechselt hatte, töricht genug sein, um an ihren Gefährten heranzutreten in der Absicht, eine Nacht mit ihr zu erwerben?

“Ein wenig leiser, wenn du so gut wärst”, zischte Erbál. “So etwas ist hier üblich. Wenn jemand Gefallen an dem Gefährten einer anderen Person findet, dann unternimmt man sehr höfliche Schritte in dem Versuch, eine vergnügliche Nacht für sich zu arrangieren. Das bedeutet, dass man eine Ausgleichszahlung anbietet, und sofern diese akzeptiert wird, tritt man an die fragliche Person heran und lädt sie ein.”

“Das ist geisteskrank!”, beklagte sich Eryn flüsternd und spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. Der hatte Nerven einfach anzunehmen, ihr Körper stünde zum Verkauf! Wirkte sie dermaßen verzweifelt und mittellos, dass jemand dächte, sie würde auch nur daran denken, solch ein dreistes Angebot anzunehmen? Welche Art von Botschaft schickte die Kleidung, in die Erbál sie gesteckt hatte?

“Es ist hier gang und gäbe, und ich würde dich dringend ersuchen, diese Diskussion zu verschieben, bis wir hier fort sind. In der Zwischenzeit rate ich dir, es als Kompliment zu betrachten und solche Angebote schlicht und einfach höflich abzulehnen, sollten dir noch weitere gemacht werden”, beharrte Erbál mit einem leisen Murmeln.

Eryn knirschte mit den Zähnen, dann verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. Ein Kompliment, was? Nun, das würde sich noch zeigen.

“Wer war es?”, verlangte sie zu wissen.

“Du meinst, wer ein Interesse an deiner Gesellschaft geäußert hat?”, fragte Enric, nicht besonders angetan von ihrem Interesse.

“Ja. Zeig ihn mir.”

Ihr Gefährte seufzte und drehte sich um und zurück zu den Gästen. Einige von ihnen tanzten, während andere herumstanden und sich über dem einen oder anderen Getränk unterhielten.

“Siehst du den Mann mit dem grünen Rock mit der dunkelgelben Weste darunter?”

“Den großen mit den roten Haaren und dem Schnurrbart?”

“Nein, weiter rechts. Dunkle Haare mit grauen Schläfen.”

Eryn betrachtete ihn eine Weile, dann zuckte sie mit den Schultern. Er war nicht eben von umwerfender Erscheinung, aber dennoch ansprechend genug, dass sie nicht damit gerechnet hätte, dass er für Geschlechtsverkehr bezahlen musste. Oder willens wäre. Nun, das bedeutete womöglich, dass sie es tatsächlich als Kompliment erachten konnte.

Erbál nahm Enric das kleine Stück dicken Papiers aus der Hand und reichte es Eryn. “Hier. Das hat er Enric für das Vergnügen deiner Gesellschaft geboten.”

Eryn faltete es auseinander und runzelte die Stirn über die Zahl. Rasch berechnete sie, welchem Betrag dies in Anyueel in Goldstücken entsprach. Eine Münze aus Pirinkar war ungefähr ein ein-dreiviertel Goldstück wert… Sie riss die Augen auf.

“Das sind mehr als fünfhundert Goldstücke!”, hauchte sie. “Für eine einzige Nacht mit mir?”

“Fünfhundert fünfundzwanzig”, fügte Enric trocken hinzu. “Kann ich davon ausgehen, dass du das Angebot nun als Kompliment anstatt als Beleidigung erachtest?”

“Nun…” Sie schluckte. “Ich schätze schon.” Sie wandte sich an Erbál. “Obwohl das davon abhinge, was der gängige Preis für solche Arrangements ist.”

“Lass mich dir versichern, dass er großzügiger war als ich erwartet hätte. Es scheint, als gefiele ihm der Gedanke daran, er könnte sich als Erster damit brüsten, eine Nacht mit dir verbracht zu haben.”

“Du sagst also, dass du nicht denkst, ich wäre diese Summe wert und dass du überrascht bist, dass jemand anderer in dieser Hinsicht nicht mit dir übereinstimmt?”, knurrte sie, aus irgendeinem unerfindlichen Grund von seinen Worten gekränkt.

“Ihm wärst du es jedenfalls wert, und das ist alles, was zählt”, erwiderte der Botschafter mit einem Grinsen. “Ich fürchte, ich habe deinen Stolz soeben ein wenig verletzt. Bitte verzeih mir – ich wollte nicht ungalant sein. Ich bin sicher, du wärst eine wundervolle Ablenkung für jeden Mann, der das Glück hat, sich deine Gesellschaft für eine Nacht zu sichern.”

Ich bin der einzige Mann, der sich ihre Gesellschaft für sämtliche Nächte sichert”, wandte Enric mit einer gewissen Schärfe ein und signalisierte damit wenig subtil, dass er keinesfalls willens war, dieses Thema noch weiter zu erörtern. Zuvor war sie darüber entsetzt gewesen, dass man sie wie eine Ware behandelte, und nun diskutierte sie, wie angemessen der angebotene Betrag war. Er hatte Ersteres vorgezogen. “Wie viel länger müssen wir noch bleiben?”, fragte er dann zur Überraschung seiner Gefährtin. Dies war das erste Mal, dass er derjenige war, der diese Frage an ihrer statt stellte.

Erbál hütete sich, sich in diesem Moment über ihn lustig zu machen. “Die Gäste werden bald für ein spätes Abendessen in den benachbarten Raum gerufen werden. Das ist der Zeitpunkt, wo es akzeptiert wird, wenn sich die ersten Gäste verabschieden, ohne dass daraus ein Anlass zum Ärgernis erwächst.”

“Gut. Dann werden wir genau das tun. Oder zumindest Eryn und ich. Dir steht es natürlich frei, ohne uns zu bleiben.”

Der Botschafter schüttelte den Kopf und lächelte. “Ich würde euch lieber begleiten und mir anhören, was eure Eindrücke von diesem Abend waren.”

*  *  *

Erbál reichte Eryn eine dampfende Tasse mit dem cremigen, süßen Getränk, das die Leute – besonders Kinder – hier am Beginn und am Ende des Tages bevorzugten. Behutsam nahm sie sie entgegen, sorgsam darauf bedacht, nur den Henkel zu berühren und sich nicht die Finger zu verbrennen.

Es war kurz vor Mitternacht, und sie hatte soeben dieses schreckliche Kleid abgelegt und sich ihr Nachthemd angezogen. Es war nicht wirklich angemessen, sich irgendjemandem außerhalb der Familie im Schlafgewand zu präsentieren, doch die Schicklichkeitsregeln konnten ihr gestohlen bleiben. Sie enthüllte nichts in unanständiger Weise und hätte es absolut lächerlich gefunden, sich etwas anderes überzuziehen, wenn sie ohnehin bald zu Bett gehen würden. Und das hier war Erbál, ein alter Freund, der kein einziges Mal irgendein unangemessenes Interesse an ihr gezeigt und noch nicht einmal mit ihr geflirtet hatte um sie zu necken, so wie es sein Nachfolger Ram’kel zuweilen zu seiner eigenen Belustigung tat. Und dass Enric trotz seiner Tendenz zur Eifersucht entspannt wirkte, musste bedeuten, dass dies hier eine akzeptable Ausnahme war.

Sobald sie sich gesetzt hatte, wandte sich Enric an ihren Gastgeber. “Also. Erzähl mir mehr über diesen seltsamen Brauch, sich ein paar Stunden mit der Gefährtin einer anderen Person zu kaufen. Das kommt mir etwas merkwürdig vor in einer Kultur, die emotionale Distanz schätzt, übermäßig korrekt dabei vorgeht, alle möglichen Dinge zu dokumentieren und darauf achtet, dass die Grenzen zu anderen gewahrt bleiben.”

Erbál lächelte. “Ich weiß, dass man in Anyueel mit dem Prinzip der Prostitution vertraut ist. Und auch in Takhan. Sexuelle Gefälligkeiten gegen Bezahlung sollen angeblich eines der ältesten Gewerbe sein. Neu ist hier lediglich die Tatsache, dass ein Lebensbund nicht mit dem gleichen Ausmaß an Exklusivität einhergeht, wenn es darum geht, die Vorzüge seines Partners zu genießen.”

Eryn zog die Stirn in Falten. “War das nicht ursprünglich der einzige Sinn hinter der Einführung eines Lebensbundes? Um eine rechtliche Basis für genau diese Exklusivität zu schaffen?”

“Ja, vor vielen Jahrhunderten”, stimmte der Botschafter zu. “Doch wenn du die Gründe dafür betrachtest, dann kannst du sehen, weshalb man das heutzutage nicht mehr als ganz so notwendig erachtet. Erstens gab es damals noch keine magische Heilung, was bedeutet, dass Krankheiten, die durch geschlechtlichen Verkehr übertragen wurden, ein beträchtliches Problem waren. Dass dein Partner nicht mit anderen Leuten schlief war ein Weg, um Ansteckung zu vermeiden. Und dann wollte man noch sichergehen, dass die eigenen Nachkommen auch wirklich von einem selbst abstammten. Zumindest soweit es Männer betraf. Aus diesem Grund waren Männer in der Regel auch strenger, wenn es um die Treue der Frauen ging. Sie erkannten nicht, dass ihre Gefährtinnen Verführungsversuchen durch andere Männer weniger häufig ausgesetzt gewesen wären, hätte man diese Männer ebenso hart bestraft.”

Nachdenklich blickte Enric zur Decke empor. “Du sagst also, dass die praktischen Überlegungen, die Monogamie wünschenswert gemacht haben, nicht länger erforderlich sind, um körperliche Gesundheit zu gewährleisten und sicherzustellen, dass man nicht die Kinder eines anderen aufzieht? Das würde bedeuten, dass hier die emotionale Komponente keine übergeordnete Rolle spielt für ein Kommitment. Mein Hauptgrund dafür, dass ich nicht will, dass Eryn mit anderen Männern schläft, ist sicherlich nicht meine Angst, sie könnte schwanger werden oder eine Krankheit an mich weitergeben, sondern weil ich jemanden, den ich liebe und als zu mir gehörig betrachte, nicht teilen will.”

Erbál nickte zustimmend. “In der Tat. Doch wir müssen in diesem Fall zwischen den Klassen unterscheiden. Die meisten Kommitments hier sind nicht das Ergebnis daraus, dass sich zwei Menschen ineinander verlieben und einander immerwährende Liebe schwören. Meist geht es dabei um finanzielle und politische Überlegungen – und auch um den Wunsch, Nachkommen mit dem Makel der Magie zu vermeiden.”

“Also genau wie in den Westlichen Territorien”, murmelte Eryn. “Nur dass man dort das magische Potential erhöhen anstatt ausrotten will.”

“Aber, aber”, erwiderte Erbál mit einem leichten Vorwurf in der Stimme, “da muss ich widersprechen. Zuhause ist uns lediglich daran gelegen, junge Menschen zu vorteilhaften Verbindungen zu ermutigen – ganz sicher zwingen wir sie nicht dazu, wenn sie anderweitig geneigt sind. Denk an deine Schwester Pe’tala – sie ist ein gutes Beispiel. Sie entschied, sich nicht an ihren Verehrer zu binden, und das wurde ohne jeden Überredungsversuch akzeptiert. Nun, zumindest von Seiten ihres Vaters und den Eltern des Jungen. Wir schätzen eine emotionale Bindung, da wir nicht wollen, dass unsere Kinder bitter und unglücklich werden. Denn sobald Emotionen eine Rolle spielen, wird der Gedanke, den Partner mit anderen zu teilen, inakzeptabel.”

Enric wirkte nachdenklich. “Du hast erwähnt, man müsse zwischen den sozialen Klassen unterscheiden. Ich schätze, das bedeutet, dass arrangierte Kommitments vorwiegend eine Strategie der höheren Klassen sind? Alle anderen folgen dem Prinzip, sich aus Liebe an eine andere Person zu binden?”

Erbál lächelte. “Nun, sagen wir stattdessen lieber, dass sie es zumindest als Ideal betrachten, dem Herzen zu folgen. Genau wie wahrscheinlich auch an jedem anderen Ort der Welt, haben Kommitments eine Auswirkung auf die finanzielle Situation. Die Kinder eines reichen Händlers oder Handwerkers werden stets mehr Anwärter auf ihre Hand haben als die eines armen Straßenfegers. Das ist hier nicht anders als in jedem unserer Länder.”

“Nach Herzenslust die Partner untereinander zu tauschen ist also lediglich eine dekadente Sitte unter den Reichen, weil sie in lieblose Kommitments gezwungen wurden. Wie reizend”, knurrte Eryn. “Können die Frauen zumindest mitreden, mit wem sie die Nacht verbringen, oder werden sie lediglich informiert, bei welcher Adresse sie auftauchen sollen?”

“Du missverstehst mich”, korrigierte Erbál sie. “Das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Solltest du einen anziehenden Mann treffen, mit dem du die Nacht verbringen willst, steht es dir ebenso frei, an seine Gefährtin heranzutreten und ihr ein Angebot für das Vergnügen seiner Gesellschaft zu unterbreiten. Sollte sie akzeptieren, ist das noch kein Versprechen, dass es auch passieren wird. Es ist nichts anderes als ihr Einverständnis, dass du ihn einladen kannst. Er hat noch immer jedes Recht abzulehnen, solltest du nicht nach seinem Geschmack sein. Das Gleiche gilt für Frauen. Hätte Enric dem Angebot heute Abend zugestimmt, so wärst du noch immer in einer Position gewesen, es abzulehnen.”

“Wenn ich darüber nachdenke”, sinnierte Enric, “dann schätze ich, dass es doch zu der Kultur passt. Es ist ein recht kalter und distanzierter Weg, um seine körperlichen Bedürfnisse zu stillen.”

“Es ist Prostitution, nichts weiter”, knurrte Eryn.

Erbál zuckte mit den Schultern. “Das ist ein Standpunkt. Keiner, den ich teile, wohlgemerkt. Prostitution ist meiner Ansicht nach kein Handel zwischen Gleichgestellten, sondern einer, wo die Bedürfnisse einer Person Vorrang haben. Das ist hier nicht der Fall. Beide Parteien müssen zustimmen, und da wir hier über eine soziale Klasse sprechen, die in der Regel nicht dringend auf Geld angewiesen ist, spielen finanzielle Anreize kaum jemals eine große Rolle.” Er hielt kurz inne, dann korrigierte er: “Obwohl ich zugeben muss, dass Personen mit sehr hohem Ansehen erheblich seltener – wenn überhaupt – eine Abfuhr erhalten.”

“Was bedeutet, dass es eine Beleidigung wäre, und dass die Leute vermeiden wollen, wichtige Leute gegen sich einzunehmen?”, vermutete Eryn. “Was bedeutet das für uns? Wie wichtig war der Mann, der heute Abend dieses Angebot für mich gemacht hat?”

Der Botschafter winkte ab. “Wie sein Angebot zeigt, hat er beträchtliche Mittel zu seiner Verfügung, doch er hält kein Amt, das es ihm ermöglichen würde, uns das Leben zu erschweren, wenn er uns die Kooperation verweigert. Obwohl sich niemals sagen lässt, wer seine Freunde sind und ob diese willens wären, dich für eine empfundene Beleidigung zu bestrafen.”

“Das bedeutet, wir sollten hoffen, dass niemand wie Etor Gart ein Angebot macht”, knurrte Enric. “Ich habe nicht die Absicht, dieses Ausmaß an Nachgiebigkeit an den Tag zu legen, um uns eine Chance auf Fortschritt zu sichern.”

“Ich bin zuversichtlich, dass das nicht nötig sein wird”, versuchte Erbál ihn zu beruhigen. “Leute in seiner Position sind mit so etwas in der Regel vorsichtiger. Ohne Zweifel sind sich die meisten von ihnen im Klaren darüber, dass eure Länder es nicht mit dieser Art Brauch halten.”

“Du könntest auch dieses Mal wieder falsch liegen”, erwiderte Enric gnadenlos. “Du dachtest auch, niemand wäre so kühn, wenig mehr als einen Tag nach unserer Ankunft hier mit solch einem Angebot an uns heranzutreten.”

Erbál presste als Reaktion auf diesen Vorwurf einen Moment lang die Lippen aufeinander, blieb aber ruhig. “Du hast Recht, ich habe die Situation falsch eingeschätzt”, gab er mit einer gewissen Steifheit zu. Er war bekannt dafür, dass er bei seinen Annahmen größte Vorsicht walten ließ. Pe’tala hatte vor einigen Jahren ihre Schwester sogar ausgelacht, weil sie Erbáls Worte in Zweifel gezogen hatte. Immerhin war bekannt, dass er immer richtig lag. Es musste an ihm nagen, dass er sich geirrt hatte. Und dass Enric so unverblümt den Finger darauf legte, musste es noch unangenehmer machen.

“Nun, es war nur eine Kleinigkeit. Und es ist kein Schaden daraus entstanden”, warf Eryn ein, ihr Ton versöhnlich. Mit einem Seitenblick auf Enric fügte sie hinzu: “Die Person, deren Voraussagen ohne Fehl zutreffen, muss ich erst noch kennenlernen.”

Enric verstand den Hinweis und seufzte, dann drehte er sich zu Erbál. “Ich entschuldige mich. Dieser Vorfall hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Und der Gedanke, meine Weigerung dahingehend, dass andere Männer mit meiner Gefährtin intim werden können, könnte zu Komplikationen führen, macht mich nervös. Und dass die Männer in dieser Stadt glauben, sie hätten die Freiheit, über Eryn als mögliche Bettpartnerin auch nur zu denken, verstört mich noch mehr.”

“Ich verstehe”, erwiderte Erbál großzügig. “Keine Sorge. Ich fühle mich nicht angegriffen. Ich kann dir nur sagen, dass das Gesetz Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung untersagt, also liegt es in deiner Macht, ihn abzulehnen. Jeder Versuch, Eryn dazu zu zwingen, würde der Person, die es versucht, nicht nur öffentliche Schande einbringen, sondern hätte auch ernsthafte juristische Konsequenzen. Aber lasst uns nicht länger bei diesem unangenehmen Thema verweilen und lieber besprechen, wie wir weiter vorgehen sollen.”

Eryn zog fragend eine Augenbraue hoch und beschrieb mit ihrem Zeigefinger einen Halbkreis in der Luft. Das war die Geste, die der König bei seinem Besuch in der Klinik vor ein paar Jahren benutzt hatte, um ihr zu signalisieren, dass sie eine schalldichte Barriere errichten sollte. Doch anders als sie selbst damals, schien Erbál sofort zu verstehen, was sie damit meinte. Fast unmerklich schüttelte er den Kopf und gab ihr damit zu verstehen, dass potentielle versteckte Zuhörer keinerlei wertvolle Einblicke von der nachfolgenden Unterhaltung gewinnen würden. Es war ein Thema, von dem erwartet wurde, dass sie es besprachen.

“Wir sollten mit den Priestern in Kontakt treten”, schlug Enric vor.

Der Botschafter nickte. “Daran habe ich ebenfalls gedacht. Ich würde empfehlen, dass ihr nicht sofort mit euren Recherchen beginnt, sondern erst daran arbeitet, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Nur ungern teilen die Leute hier Informationen mit Fremden oder arbeiten mit ihnen zusammen. Was bedeutet, ihr solltet daran arbeiten, nicht als Fremde wahrgenommen zu werden.”

Eryn seufzte. Das klang nach einem zeitintensiven Unterfangen – besonders, da sie hier über fünf Tempel sprachen. Vedric würde wohl schon mitten in der Pubertät sein, bevor seine Eltern zurückkehrten, grübelte sie säuerlich.

“Ich schlage vor, ihr beginnt mit dem Tempel des Inneren Zirkels”, legte Erbál ihnen nahe.

Ihre Augenbrauen wanderten nach oben. “Das ist derjenige, dem Malriels Ankläger entstammt.”

“Genau der”, bestätigte Erbál. “Meine Hoffnung ist, dass sie noch immer angemessen beschämt sind und es daher als eine Art Wiedergutmachung betrachten, mit euch zu kooperieren.”

“Dann werden wir dort beginnen”, pflichtete Enric bei, bestrebt zu zeigen, dass er Erbáls Einschätzung vertraute, obwohl er ihn zuvor beleidigt hatte. “Ich erinnere mich an die Notizen zu den Tempeln, die du während deiner jährlichen Besuche in Takhan angefertigt hast. Vor unserer eiligen Abreise habe ich sie mir noch einmal durchgesehen, doch ich könnte deine Hilfe dabei gebrauchen, mir die Details noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Und Eryn hat sie überhaupt nicht gesehen.”

Erbál nickte und setzte sich etwas bequemer in seinen massiven Stuhl, um sich für ein längeres Gespräch einzurichten. Eryn erhitzte ihr cremiges Getränk noch einmal und hörte sich an, wie die Magier in dieser Stadt lebten.

»Ende der Leseprobe«

„Königliche Schwierigkeiten“ – Der Orden: Buch 6

Kapitel 1

Heimkehr

Enric und sein Sohn hoben beide den Blick von dem Brettspiel zwischen ihnen und blickten zu den beiden Frauen hin, die einander auf dem Rasen in recht brutaler Weise mit dem Schwert attackierten. Pe’talas triumphierender Ausruf, der nun anstatt des Hintergrundgeräuschs von klirrendem Stahl ertönt war, hatte sie zum Aufblicken veranlasst.

“Was ist eine selige Schuldigung für eine Kämpferin?”, fragte der fünfjährige Junge neugierig, indem er wiederholte, was seine Tante seiner Ansicht nach soeben mit schadenfroher Boshaftigkeit von sich gegeben hatte. Seiner Mutter und seiner Tante beim Schwertkampf zuzusehen war stets eine unversiegbare Quelle spaßiger neuer Ausdrücke. Aus irgendeinem Grund jedoch schien sein Vater in der Regel nicht besonders erfreut, wenn er Fragen zu deren Bedeutung beantworten musste. Zuweilen schlug er sogar vor, sie sollten hineingehen und ihr Spiel im Hauptraum fortsetzen, doch Vedric schüttelte jedes Mal heftig den Kopf, unwillig, das unterhaltsame Spektakel aufzugeben.

“Eine armselige Entschuldigung für eine Kämpferin”, korrigierte ihn Enric geistesabwesend, während er beobachtete, wie sich Eryn hinter einen Baum duckte, nachdem sie ihr Schwert verloren hatte. “Es bedeutet, dass deine Tante denkt, deine Mutter könne mit ihrem Schwert nicht besonders gut umgehen.”

“Ich finde, sie kann das sehr gut”, äußerte Vedric loyal, wenngleich sein Gesichtsausdruck deutlich zeigte, dass er es nicht eben als heldenhaften Zug betrachtete, dass sich seine Mutter hinter einem Baum verschanzte.

“Komm hinter diesem wehrlosen Baum hervor und ergib dich, du jämmerlicher Feigling!”, rief Pe’tala und schwang ihr Schwert als wäre sie drauf und dran, den erwähnten hilflosen Baum mit einem einzigen Hieb zu fällen.

“Jämmerlicher Feigling”, kicherte Vedric und bedeckte seinen Mund mit beiden Händen. Seine braunen Augen funkelten vor Vergnügen darüber, dass er all diese unfreundlichen Worte mitanhören konnte, mit denen er in Gegenwart von Erwachsenen nicht um sich werfen durfte.

Enric seufzte in dem Bewusstsein, dass die Aufmerksamkeit seines Sohnes in nächster Zeit wohl kaum zum Spiel zurückkehren würde. Einerseits störte es ihn keineswegs, dass der Junge den beiden Frauen beim Kampf zusah. Das würde ihm ein grundlegendes Verständnis von einer Disziplin vermitteln, die er selbst in etwa einem halben Jahr zu trainieren beginnen würde müssen. Andererseits entsprachen Eryns und Pe’talas Vorstellungen von Schwertkampf nicht gerade dem, was der Orden als… angemessen empfand. Fluchen und Beschimpfungen waren ein Teil davon, und zudem auch noch ein recht unübliches Ausmaß an Kreativität. Diese beiden Frauen legten eine unverfrorene Missachtung dessen an den Tag, was gemeinhin als ehrenhaftes Verhalten im Kampf erachtet wurde. Sollte Vedric diesem Beispiel folgen, würde er die Geduld seines zukünftigen Kampftrainers zuhause in Anyueel auf eine harte Probe stellen.

Der Junge und der Mann sahen von der Terrasse aus zu, wie Eryn ein paarmal tief durchatmete. Dann errichtete sie einen Schild, schoss einige magische Blitze auf ihre Schwester ab und stürmte dorthin, wo ihr Schwert im Gras lag. Pe’tala schützte sich hastig mit einem Schild vor den Geschossen und fluchte, als Eryn die Waffe erreichte und ihr so ein einfacher Sieg verwehrt wurde.

Enric räusperte sich, dann erhob er die Stimme: “Darf ich euch nochmals daran erinnern, dass ein Kind anwesend ist?”

Pe’tala lächelte entschuldigend in seine Richtung und näherte sich erneut ihrer älteren Schwester.

Vedric beobachtete einige Sekunden lang den raschen Austausch an Hieben. Als sich allerdings nichts Interessantes ankündigte, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Vater.

“Warum müssen wir von hier weggehen? Ich will hierbleiben. Können wir nicht hierbleiben?”

Enric unterdrückte ein resigniertes Seufzen. Genau diese Diskussion hatten sie bereits mindestens zehn Mal in ebenso vielen Tagen geführt. Und vor sechs Monaten war es genau gleich verlaufen, als sie kurz davor waren, Anyueel zu verlassen und nach Takhan zu gehen. Es war nicht so, als wäre der Junge unwillig, nach Takhan oder Anyueel zu gehen, er sträubte sich lediglich dagegen, von dort fortzugehen, wo er sich gerade aufhielt.

“Ich verstehe, weshalb du gerne länger bleiben möchtest. Aber ich fürchte, es liegt nicht in meiner Macht, dir diesen Wunsch zu erfüllen. Deine Mutter und ich würden uns beträchtlichen Ärger mit Lord Tyront und dem König einhandeln, würden wir uns einfach weigern zurückzukehren.” Er zerzauste das braune Haar seines Sohnes, das nach einem halben Jahr unter der Sonne der Westlichen Territorien heller als üblich war. “Es gibt auch etwas Gutes dabei. Du wirst Plia und deine Großmutter Gerit wiedersehen.”

Während er seiner Tante dabei zusah, wie sie gewandt einem Angriff auswich, nickte er langsam, als würde er abwägen, ob sie sechs Monate lang nicht zu sehen ein adäquater Preis für den Vorteil war, Plia und seine Großmutter wiederzuhaben.

“Verdammt!”, hörten sie Pe’tala fluchen und blickten einmal mehr zum Gras. Dort lag sie auf dem Boden, während Eryn ihrer Schwester mit einem selbstgefälligen Grinsen die Spitze ihrer Klinge an den Hals hielt.

Vedric sprang auf und klatschte aufgeregt in die Hände. Ein zufälliger Beobachter hätte dieses offensichtliche Vergnügen über den Sieg seiner Mutter womöglich reizend gefunden, doch die Reaktion war genau die gleiche, wenn seine Tante siegreich aus einem Kampf hervorging.

“Was war Pe’talas großer Fehler? Warum konnte deine Mutter gewinnen?”, fragte Enric seinen Sohn. Er konnte diese Gelegenheit ebenso gut nutzen, um Vedric etwas beizubringen, dass sich eines Tages zweifellos als nützlich erweisen würde.

Eine Weile starrte ihn der Junge an, dann sah er zu dem Baum, hinter dem sich Eryn versteckt hatte. Nach etwa einer halben Minute zuckte er mit den Achseln.

“Pe’tala hat deiner Mutter die Waffe weggenommen. Doch anstatt sicherzugehen, dass deine Mutter sie nicht mehr erreichen kann, hat sie sie auf dem Boden liegengelassen.”

Vedric schien das für keine besonders interessante Enthüllung zu halten und sah zu, wie sich die beiden Frauen der Sitzinsel auf der Terrasse näherten. Eryn löste den Schild auf, den sie errichtet hatten, um die Terrasse von ihrem vorübergehenden Kampfschauplatz abzutrennen und so den Jungen vor Schaden zu bewahren.

Pe’tala ließ sich auf ein Kissen neben ihrem Neffen sinken und nickte zu dem Spiel hin. “Wer hat gewonnen?”

“Niemand”, erwiderte Enric. “Irgendwie haben ihn eure Beleidigungen zu stark abgelenkt, als dass er sich auf das Spiel hätte konzentrieren können.”

Sie winkte ab. “Die waren harmlos. Du solltest mich hören, wenn niemand in Hörweite ist.”

“Weißt du, warum du verloren hast?”, schulmeisterte Vedric sie in überlegener Manier.

Seine Tante schnaubte. “Hör sich das einer an! Ganz wie dein Vater. Er genießt es ebenfalls, die Leute in den zweifelhaften Genuss seiner Weisheiten kommen zu lassen. Dann sag schon; weshalb habe ich verloren?”

“Weil Mutter ihr Schwert zurückbekam! Das war deine Schuld”, teilte er seine geborgte Weisheit.

Mit einem leicht gereizten Lächeln lehnte sich Pe’tala vor. “Wirklich. Nun, da du solch ein kluger junger Mann bist, kannst du mir sicher sagen, wie ich es besser hätte machen können?”

Von einem Augenblick zum nächsten geriet Vedrics Selbstbewusstsein ins Wanken. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Er hatte einfach nur etwas Kluges und Erwachsenes sagen wollen, um einen Moment lang zu glänzen, nichts weiter.

Enric lächelte nachsichtig über den leicht flehenden Blick seines Sohnes. “Das passiert, wenn du die Meinung anderer Leute als deine eigene präsentierst. Lass dir das eine Lehre sein.”

Der Junge war eindeutig nicht besonders angetan davon, wie sich das Gespräch entwickelt hatte und entschied, seine Aufmerksamkeit der einzigen Erwachsenen zuteilwerden zu lassen, die noch nicht bei ihm in Ungnade gefallen war: seiner Mutter.

Wortlos stand er von seinem Platz zwischen seinem Vater und seiner Tante auf und legte demonstrativ die paar Schritte zu Eryn zurück, um sich neben sie zu setzen.

“Ich bin froh, dass du gewonnen hast”, murmelte er mit einem Seitenblick auf seine Tante.

“Das bin ich ebenfalls”, stimmte Eryn zu und verbarg ein Lächeln. Nun schien es, als wäre sie allein die glückliche Empfängerin all seiner Aufmerksamkeit. Nun, sie würde das Beste daraus machen. “Und weißt du was? Sie hätte mich dieses Schwert wirklich nicht mehr aufheben lassen dürfen. Ich meine, ich stand ohne Waffe hinter einem Baum versteckt! Sie hätte sich zwischen mich und das Schwert stellen sollen, damit ich es nicht erreichen kann.”

Vedric nickte nachdrücklich. “Ja!”

Pe’tala verdrehte die Augen. “Oh bitte, Schwester! Es ist einfach nur erbärmlich, wie sehr es dich nach Zuwendung dürstet. Schlicht und ergreifend beschämend.” Sie sah sich um. “Wo ist übrigens meine Brut? Sie schläft doch wohl nicht noch immer?”

Enric schüttelte den Kopf. “Nein, sie ist vor etwa einer Stunde aufgewacht. Rolan hat sie zu einem Besuch bei deinem Vater mitgenommen.”

“Und ihr beiden wolltet lieber hierbleiben und uns beim Kämpfen zusehen”, erkundigte sich Pe’tala, “anstatt sie zu begleiten?”

“Wir entschieden uns dafür, ein paar friedliche Stunden hier zu verbringen, da wir Takhan in zwei Tagen verlassen. Und Valrad sehen wir morgen ohnehin bei der kleinen Zusammenkunft, die Malriel zu unserem Abschied arrangiert hat.” Er lächelte, als Eryn stöhnte – ihre übliche Reaktion, wenn solche Anlässe auch nur erwähnt wurden.

“Solltest du nicht auf dem Weg zu deinem Examen sein?”, fragte Eryn missmutig. Als würde ihn wegzuschicken sie auch gleichzeitig von der unangenehmen Aussicht befreien, dass sie nicht nur eine gesellige Veranstaltung besuchen musste, sondern auch noch eine, die von ihrer Mutter ausgerichtet wurde.

Enric nickte. “Ich werde etwa in einer halben Stunde aufbrechen und sollte mich jetzt fertigmachen. Wünscht mir Glück.”

Pe’tala grinste. “Warst du nicht derjenige, der mir einmal erklärte, Glück bräuchten nur diejenigen, die nicht vorbereitet sind? Dass fleißige Leute, die vernünftig genug sind, um sich ausreichend vorzubereiten, solch ein abstraktes Konzept nicht benötigen, dass es eine Frage von Ursache und Wirkung sei?”

Er seufzte und stand auf. “Natürlich kann ich mich darauf verlassen, dass du mir meine Worte in solch einem Moment vorhältst.”

Sie lehnte sich vor. “Sag mir nicht, du bist nervös, Ordenslord? Solch ein mickriges kleines Examen wird dich doch wohl kaum aus der Ruhe bringen?”

“Das ist kein mickriges, kleines Examen, wie du es nennst”, konterte er, gereizt darüber, dass ihre Worte nicht ganz ungerechtfertigt waren. Er war tatsächlich ein wenig nervös und schätzte es weder, dass es ihr aufgefallen war, noch dass sie sich über ihn lustig machte. “Nachdem ich es bestehe, werde ich in diesem Land als vollwertiger Rechtsgelehrter anerkannt sein”, erwiderte er würdevoll.

“Und welch ein lebensverändernder Umstand das sein wird”, meinte Pe’tala mit einem abfälligen Grinsen. “Es ist nicht so, als hättest du nicht ohnehin Zugriff auf erstklassige juristische Betreuung gehabt, wenn man bedenkt, dass der Bruder deiner Gefährtin und dein enger Freund Ram’an beide Rechtsgelehrte sind.”

Eryn hob ihre Hand und umschloss damit seine Finger. “Hör nicht auf sie. Alles wird gutgehen. Daran hast du die letzten vier Jahre gearbeitet. Geh und beeindrucke sie!”

“Toller Zeitpunkt übrigens”, fuhr Pe’tala fort ihn zu reizen. “Du legst dein großes Abschlussexamen ab, wenn du gerade drauf und dran, bist das Land zu verlassen, in dem du damit etwas anfangen könntest.”

“Halt die Klappe, Tala”, knurrte ihre ältere Schwester.

“Halt die Klappe, Tala”, krähte Vedric glücklich, was ihm einen kühlen Blick seitens seiner Tante einbrachte.

“Sie kann das sagen, du nicht”, tadelte sie ihn.

Bedrückt ließ sich der Junge in die Kissen zurücksinken und sinnierte darüber, wie ungerecht Erwachsene im Allgemeinen waren. Wenn es schlecht war, dann sollte niemandem erlaubt sein, es zu sagen. Wenn es nicht schlecht war, warum durfte er es dann nicht sagen? Er hegte den Verdacht, dass sie sich diese Regeln einfach im Vorbeigehen ausdachten. Wenn er eines Tages erwachsen war und somit selbst Regeln erfinden durfte wie es ihm passte, würde er niemals ungerecht zu Kindern sein, schwor er sich. Er würde wie Vern sein. Vern war alt aber nett.

“Mach mich stolz, Geliebter”, lächelte Eryn zu ihrem Gefährten empor. “Mach die Welt zu einem besseren Ort, indem du ihr etwas gibst, dass sie so dringend braucht: noch einen Juristen.”

Enric knirschte mit den Zähnen und zog seine Hand aus ihrer. “Danke für eure Unterstützung, ihr beiden.”

Pe’tala kicherte, als er sich umdrehte und durch die Terrassentür nach drinnen verschwand.

Eryn drückte sich von ihrem Kissen hoch.

“Du gehst ihm nach und hältst seine Hand, um seine Nerven zu beruhigen, so wie eine unterstützende, hingebungsvolle Gefährtin, Schwester?”

“Selbstverständlich, du Dummkopf”, erwiderte Eryn und folgte ihm hinein.

Vedric biss sich auf die Lippe. Sein erster Impuls wäre gewesen, den unschmeichelhaften Ausdruck zu wiederholen, einfach aus Freude darüber, dass er ihn gehört hatte.

“Wage es nicht”, warnte seine Tante ihn mit zusammengekniffenen Augen, als könnte sie seine Gedanken lesen. “Ich würde nicht besser darauf reagieren, wenn du mich einen Dummkopf nennst als wenn du mir sagst, ich solle die Klappe halten.”

Der Junge verschränkte die Arme und blitzte sie an. “Jetzt gerade mag ich dich nicht.”

Pe’tala nickte in offenkundigem Verständnis für seine Gefühle. “Das ist schon in Ordnung. Das geht vorbei.”

* * *

Während sie sich im Aren Hauptraum mehr oder weniger vor Malriels Gästen und insbesondere vor Malriel selbst versteckte, ließ Eryn ihren Blick über die ausgedehnten Gärten wandern und hielt sich an ihrem Glas süßen Weißweins fest. Wieder eine dieser mühsamen Veranstaltungen, auf deren Abhaltung das Oberhaupt von Haus Aren in regelmäßigen Abständen bestand. Um die soziale Struktur aufrechtzuhalten, wurde Malriel nicht müde ihrer Tochter immer wieder zu erklären. Und natürlich war die bevorstehende Abreise von Eryn, Enric und ihrem Sohn nach ihrem jüngsten sechsmonatigen Aufenthalt in Takhan ein fabelhafter Vorwand für diese Zusammenkunft hier.

Seit fünf Jahren waren sie nun schon gezwungen, ihr Leben zu gleichen Teilen zwischen den Städten Anyueel und Takhan aufzuteilen. Wenngleich in Enrics Fall nicht ganz so viel Zwang erforderlich gewesen war, wie er freimütig zugab. Er war zufrieden mit diesem Arrangement, das es ihm gestattete, in beiden Ländern seinen Geschäften nachzugehen und gleichzeitig alle paar Monate ein wenig Freiheit vom Orden zu genießen. Und nun hatte er, erst am Vortag, seine Ausbildung zum Juristen abgeschlossen, indem er seine Abschlussprüfung mit hohen Ehren bestand.

Nicht, dass sie etwas anderes von ihm erwartet hatte. Der Orden – oder eher sein Vorgesetzter, Freund und Mentor Tyront – hatte alles getan, um Enric von einem faulen, jungen Tunichtgut in einen Mann zu verwandeln, der stets sein Möglichstes gab. Eine Einstellung, die Eryn nicht teilte. Erfolgen gegenüber hatte sie eine ökonomischere Einstellung. Die Aussicht auf eine gute Note konnte sie kaum dazu bewegen, mehr Aufwand zu betreiben, als die Sache ihrer Ansicht nach rechtfertigte.

Und dann war da Vedric, der nie etwas anderes als das Herumreisen zwischen seinen beiden Heimatorten kennengelernt hatte. Eryn hoffte, dass dies nicht eines Tages zu einem Problem werden würde. Was wäre wenn dieses ständige Entwurzeln jegliches Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Heimat zerstörte, das er sonst entwickelt hätte? Oder wenn ein rastloser Mann aus ihm würde, für den der bloße Gedanke daran, sich eines Tages mit einer Familie an einem Ort niederzulassen, eine Folter war und ihn dazu verdammte, für den Rest seines Lebens die Länder zu durchwandern?

Das waren genau die düsteren Gedanken, die von ihr Besitz ergriffen, wenn sie eine weitere gesellige Veranstaltung ertragen und dabei vorgeben musste, sie verstünde sich ganz fabelhaft mit ihrer Mutter, obwohl jede einzelne anwesende Person – ebenso wie eine Menge abwesender Personen – wusste, dass dem keineswegs so war. Wahrscheinlich warteten sie lediglich auf eine weitere dieser angespannten Auseinandersetzungen oder kurzen Ausbrüche zwischen Mutter und Tochter, die ihre Umgebung so ungemein unterhaltsam fand. Das würde den Klatschbasen Material für mindestens eine Woche liefern. Das war die eine Sache, die beide Seiten des Meeres gemeinsam hatten, ganz egal, welche Unterschiede sie trennten – diese Vorliebe für das Wetzen ihrer Zungen.

Misstrauisch stieß Eryn den Atem aus, als ihr Blick auf Malriel fiel, die in ihre Richtung kam. Malriel, das Oberhaupt von Haus Aren und Triarchin der Westlichen Territorien, war eine Schönheit – sehr zum Leidwesen ihrer Tochter. Nachdem sie erst vor ein paar Jahren in einen Lebensbund mit Eryns Vater eingetreten war, hatte er sie darum gebeten, ihr Äußeres nicht länger dahingehend zu verändern, dass sie jünger aussah. Eryn war überzeugt, dass die Gesetze der Natur nicht vorsahen, dass Menschen mit fortschreitendem Alter noch anziehender wirkten, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie es bei Malriel der Fall war. Zehn zusätzliche Jahre hatten ihrer gefährlichen Ausstrahlung, erotischen Anziehungskraft und naturgegebenen Anmut keinen Abbruch getan. Auf unerklärliche Weise war genau das Gegenteil passiert. Es war, als würden ihr immenses Selbstvertrauen, ihre Anspruchshaltung und ihr respekteinflößender Ruf nun schlussendlich zu ihrem Alter passen. Dass Eryns Gesichtszüge beinahe ein Spiegelbild der ihrer Mutter waren, machte die Sache nicht besser. Überhaupt nicht. Unglücklicherweise trug es lediglich dazu bei, Eryn an ihre enge Verbindung zu erinnern, während es Enric dazu veranlasste, sich seiner Adoptivmutter gegenüber nachsichtiger zu zeigen – und empfänglicher für ihre Wünsche zu sein.

Malriel näherte sich der Terrassentür, während sie einen ungemein widerwilligen Vedric hinter sich herzog. Ihre Finger hatten sich fest um sein zierliches Handgelenk geschlossen. Das Gesicht des Jungen zeigte leichte Anzeichen von Panik, als erwarte er, dass irgendein Verderben unmittelbar über ihn hereinbrechen würde. Seine Großmutter wirkte grimmig und entschlossen. Und aufgebracht.

Falls Ärger ein Gesicht hatte, dann war es womöglich genau dieses. Und das bedeutete, dass die kurze Pause von dieser ermüdenden Zusammenkunft, die sich Eryn durch das Hineinschleichen gestohlen hatte, baldigst ein abruptes und wenig friedliches Ende finden würde.

Malriel blieb unmittelbar vor ihrer Tochter stehen und warf ihr einen steinernen Blick zu. “Warum hat mich mein Enkel gerade als Königin der Dunkelheit bezeichnet – vor meinen Freunden?”

Eryn unterdrückte eine Grimasse. Sie musste wirklich, wirklich vorsichtiger sein mit ihren Bemerkungen, solange Vedric in der Nähe war. Mit fünf Jahren war er alt genug, um Dinge rasch aufzuschnappen. Noch verstand er allerdings nicht so ganz, was er besser für sich behalten sollte, um niemanden zu beleidigen. Oder seiner armen Mutter Ärger einzuhandeln, wie in genau diesem Moment.

Sie sah zu ihrem Sohn hinab, dann wieder zu Malriel und zuckte mit den Schultern.

“Weil er trotz seines jungen Alters ungewöhnlich talentiert darin ist, den Charakter einer Person einzuschätzen?”, wagte sie sich vor. Sie entschied, dass Unverschämtheit diese Situation nicht mehr allzu sehr verschlimmern würde und sie ebenso gut versuchen konnte, sich ein wenig auf Malriels Kosten zu amüsieren.

Malriel presste einen Daumen und Zeigefinger gegen ihre Nasenwurzel und schloss die Augen, als kämpfe sie gegen sich anbahnende Kopfschmerzen. “Ist er das? Dann scheint es also, als wäre ihm das ganz allein eingefallen und meine Annahme, er müsse es von dir gehört haben, sei falsch.”

Eryn seufzte und hockte sich vor Vedric, der den Austausch der beiden Frauen mit einem verunsicherten Stirnrunzeln verfolgt hatte. Als wäre ihm bewusst, dass jemand in Schwierigkeiten steckte, er sich jedoch nicht sicher war, um wen es sich dabei handelte – und als hoffe er inbrünstig, es möge sich nicht herausstellen, dass er es sei.

“Was habe ich dir über diesen Ausdruck gesagt, Vedric?”, fragte sie eindringlich.

Er dachte kurz nach, dann gab er gehorsam wieder: “Ihn nicht in höflicher Gesellschaft zu verwenden.”

Sie nickte, richtete sich wieder auf und sah Malriel mit einer Miene an, die ausdrücken sollte, dass sich die Zunge eines Kindes nicht kontrollieren ließ.

Vedric meldete sich erneut zu Wort, und seine Stimme passte zu der Verwirrung auf seinem Gesicht, als er ungebeten hinzufügte: “Aber du hast zu Vater gesagt, dass Malriel vom verdammten Haus Aren genauso wenig als höfliche Gesellschaft zählt wie ein Rudel tollwütiger Straßenköter.”

Darauf folgte Stille. Von der scharfkantigen Sorte.

Malriels Lippen waren zu einer blassen, ärgerlichen Linie aufeinandergepresst, und es war offensichtlich, dass allein die Anwesenheit des Jungens sie davon abhielt, ihren eindeutig wenig freundlichen Gedanken, die sich ebenfalls nicht für höfliche Gesellschaft eigneten, Luft zu machen.

Zumindest hatte sich der Junge recht genau an ihre Worte erinnert, dachte Eryn mit einer seltsamen Mischung aus Unmut und Stolz. Sogar ihre Erklärung des Begriffs tollwütig war ihm im Gedächtnis geblieben. Das musste man ihm lassen. Nun mussten sie nur noch daran arbeiten, ihm ein feineres Gespür dafür zu vermitteln, welche Bemerkungen man vor welchem Publikum zum Besten geben konnte. Aber in diesem Fall war der Schaden bereits angerichtet.

“Aber Malriels Freunde sind höfliche Gesellschaft”, erklärte sie ihm milde.

Das Oberhaupt von Haus Aren bedachte sie mit einem vernichtenden Blick, bevor sie vor ihrem Enkel in die Hocke ging.

“Vedric, mein Herz, deine Mutter hat nur gescherzt, als sie das sagte. Sie würde sicher nicht wollen, dass du glaubst, dies sei eine angemessene Art und Weise, über die eigene Mutter zu sprechen.” Ihre Augen konzentrierten sich wieder auf ihre Tochter. “Das würde sie kaum zu einem guten Vorbild machen und könnte dich denken lassen, dass du sie ebenfalls eines Tages so behandeln kannst. Nun geh und spiel mit deiner Cousine. Da gibt es noch etwas, das ich mit deiner Mutter besprechen muss.”

Sie wartete, bis Vedric in Richtung Rolan und seiner Tochter davongestürzt war, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Eryn zuwandte.

Ihre braunen Augen glänzten gefährlich, als sie ihre Tochter tadelte: “Das ist nicht akzeptabel! Ich lasse nicht zu, dass du in Gegenwart des Jungen dermaßen abfällig über mich sprichst! Dazu hast du kein Recht. Nur weil du und ich in der Vergangenheit gewisse… Schwierigkeiten hatten, bedeutet das nicht, es stehe dir zu, ihn gegen mich aufzubringen.”

“Ich tue nichts dergleichen”, meinte Eryn achselzuckend, wusste jedoch genau, dass Malriel Recht hatte – ihren Sohn hineinzuziehen war alles andere als reif. “Der Klang von Königin der Dunkelheit gefällt ihm einfach. Es klingt stattlich für ihn. Betrachte es als Kompliment.”

“Ich würde es vorziehen, wären seine Komplimente weniger beleidigend, besonders da jede einzelne Person, die es mitangehört hat, sehr genau weiß, woher ein Ausdruck dieser Art gekommen sein muss”, zischte sie.

Das hob Eryns Laune beträchtlich. “Es waren also viele Leute in der Nähe, die es gehört haben?”

Malriel kniff die Augen zusammen. “Ich sehe schon, dass sich mit dir keine Unterhaltung führen lässt, die einer Erwachsenen würdig ist. Darüber werde ich ein Wörtchen mit deinem Vater reden.”

Die jüngere Frau stöhnte. Valrad würde ihr auf jeden Fall das eine oder andere darüber zu sagen haben, dass sein Enkel Eryns Beleidigungen über seine Gefährtin wiederholte, ganz egal, ob es öffentlich oder in privatem Umfeld geschah.

“Im Ernst? Das mächtige Oberhaupt von Haus Aren läuft zu ihrem Gefährten um Hilfe, wenn sie mit ihrer eigenen Tochter am Ende ihrer Weisheit angelangt ist? Ist das nicht ein wenig erbärmlich?”

Ihre Mutter lächelte dünn. “Ich weiß, was du hier versuchst, aber es wird nicht funktionieren. Es ist keine Schande, wenn ich auf die Hilfe meines Gefährten zurückgreife in einer Angelegenheit, bei der ich allein wenig Aussicht auf Erfolg habe. Ich werde etwas gegen deine Haltung unternehmen, und da ich nicht zu dir durchzudringen vermag, muss ich es an jemanden delegieren, dem du zuhören wirst. Vielleicht weise ich sogar das Oberhaupt deines eigenen Hauses darauf hin, dass es nicht eben dazu beiträgt, die Beziehung zwischen unseren Häusern so harmonisch wie in den letzten Jahren zu erhalten, wenn mich sein Erbe öffentlich beleidigt.”

“Vedric ist gerade einmal fünf Jahre alt!”, stöhnte Eryn. “Du übertreibst das alles maßlos!”

“Auf ihn mag das zutreffen, nicht aber auf dich. Und wir wissen beide, dass Vedric hier nicht das Problem ist”, betonte Malriel. Jetzt, wo sie die Oberhand in dem Gespräch gewonnen hatte, war auch ihre Gelassenheit zurückgekehrt. Sie drehte sich um, damit sie die paar Terrassenstufen hinabsteigen und sich wieder zu ihren Gästen gesellen konnte. Lächelnd warf sie über ihre Schulter zurück: “Geh nicht zu weit weg, Theá, Valrad wird bald mit dir reden wollen.”

Eryn mahlte mit den Zähnen. Verflucht.

* * *

Enric seufzte, als er zur Terrassentür blickte und Valrad von Haus Vel’kim aus dem Raum kommen sah, in dem sich Eryn seines Wissens die letzten zwanzig Minuten versteckt hatte. Ihr Vater wirkte ein klein wenig angespannt um den Mund herum, obwohl er es zu verbergen suchte um nicht zu zeigen, dass etwas nicht in Ordnung war. Bei einem Anlass wie diesem hier schickte sich das nicht. Nicht, dass irgendjemand unter den Gästen mit Frieden und Harmonie rechnete, solange Eryn und Malriel länger als ein paar Minuten auf einmal am gleichen Ort weilten.

Eryn folgte einige Schritte hinter Valrad. Anders als er, hielt sie sich nicht mit irgendwelchen Bemühungen auf, ihre eigene Unzufriedenheit zu verbergen. Ihre Lippen waren zu etwas verzogen, was ein wohlmeinender Beobachter wohl als ein Lächeln bezeichnen mochte, doch ihre Augen waren verengt und ließen keinen Zweifel an dessen Aufrichtigkeit.

Somit schien es also, als hätte Eryn soeben eine Standpauke über sich ergehen lassen müssen. Enric zweifelte nicht daran, dass es etwas mit Malriel zu tun hatte. Valrad hatte sich in den letzten fünf Jahren redlich bemüht, sich nicht in eine Position zwischen seiner neuen Gefährtin und seiner neu entdeckten Tochter drängen zu lassen. Ein Bestreben, das in seinem Fall zum Scheitern verurteilt war. Klug wäre gewesen, sich einfach von ihren Zankereien, Streitereien und spitzen Bemerkungen abzuwenden und sie allein damit fertig werden zu lassen. Doch Enric wusste, dass dies für Valrad ebenso unmöglich war, wie sich für eine Seite zu entscheiden. Er steckte in der Rolle als ewiger Vermittler fest.

Malriel war die Liebe seines Lebens, die er jahrzehntelang aus der Ferne bewundert hatte. Erst vor ein paar Jahren hatte er entdeckt, dass sie seine Gefühle erwiderte – nach ihrer Gefangenschaft in einem fremden Land, wo ihr die Angst um ihr Leben den Mut gegeben hatte, ihm ihre Liebe zu erklären.

Und auf der anderen Seite stand Eryn, bei der er erst ein paar Monate vor seinem Kommitment zu ihrer Mutter entdeckt hatte, dass sie seine leibliche Tochter und nicht seine Nichte war. Eine Tochter, um die er hart kämpfen musste, damit sie schlussendlich ihre Verbitterung darüber überwand, dass er seinen eigenen Bruder auf diese Weise betrogen hatte.

Sein Beruf als Heiler und seine Position als Leiter der Klinik gingen mit einer gewissen Neigung zum Helfen, Lösen von Problemen und zur Verbesserung von Situationen einher. Eine noble, allerdings nach Enrics Dafürhalten selbstzerstörerische Gesinnung, soweit es Malriel und Eryn betraf.

Die beiden Frauen waren an einem Punkt angelangt, wo sie einander nicht mehr offen bekriegen konnten. Die Zuneigung zu Valrad, die sie beide empfanden, und der Wunsch, ihn nicht zu verletzen, machten das unmöglich. Die Tatsache, dass ihnen der gleiche Mann am Herzen lag, hielt sie davon ab, einander an die Kehle zu gehen. Aber auch nicht mehr als das. Die Spannung war im Allgemeinen unter Kontrolle, brach aber gelegentlich hervor und wurde in ihrer Körpersprache oder sarkastischen und zuweilen verletzenden Bemerkungen offenbar.

Es gab so Vieles, das zu vergeben Eryn nicht über sich brachte. Wie Malriels fehlgeschlagenen Versuch, ihr den Tod des Mannes zur Last zu legen, den sie damals als ihren Vater betrachtet hatte. Und auch ihren erfolgreichen Vorstoß, mit dem sie Eryns Verhütungsmaßnahmen mit Hilfe eines höchst wirksamen – und höchst illegalen, sofern ohne Zustimmung der Empfängerin verabreichten – magischen Fruchtbarkeitstranks außer Kraft setzte.

Malriel war im Gegenzug noch immer etwas gekränkt darüber, dass Eryn dem Haus, in das sie geboren worden war, entsagt hatte. Und die Tatsache, dass Eryn sich ganz fabelhaft mit ihrer Großmutter Malhora verstand, mit der Malriel selbst seit Jahrzehnten immer wieder ihre Schwierigkeiten hatte, sorgte für zusätzliche Reibung.

Alles in allem war der Friede in dieser Familie in etwa so stabil wie ein Dach aus Pergament bei einem Gewitter. Enric schien es, als wären es nur die Männer – nämlich Valrad, sein Sohn Vran’el und er selbst – die eine Eskalation verhinderten, wenn schon Friede nicht immer möglich war.

“Was hat sie jetzt wieder angestellt?”, flüsterte Pe’tala, nachdem sie neben Enric getreten war. “Vater bringt sie irgendwohin. Siehst du, wie sein linker Nasenflügel zuckt? Ein sicheres Zeichen dafür, dass er unter diesem wenig überzeugenden Lächeln verärgert ist.”

“Malriel kam einige Minuten zuvor aus dem Haus, also gehe ich davon aus, dass die beiden wieder Streit hatten”, murmelte er zurück.

Pe’talas Gefährte Rolan kam hinzu. “Vedric sagte mir gerade, dass Malriel böse zu sein schien, weil er sie als Königin der Dunkelheit bezeichnet hat.”

Enric unterdrückte ein Stöhnen. “Ich habe Eryn gesagt, sie soll aufpassen, wenn sie das in seiner Anwesenheit sagt. Aber ich schätze, die Konsequenzen zu tragen ist wirksamer als alles, was ich ihr sagen könnte, um sie von dieser Gewohnheit zu kurieren.”

Sie sahen zu, wie Valrad Eryn zu der Gruppe um Malriel führte. Dabei handelte es sich wohl um diejenigen, die Vedrics Worte mitangehört hatten. Es schien, als bestünde Valrad auf gewissen Bestrebungen zur Schadenskontrolle von Eryns Seite.

Eryn lächelte die versammelte Gruppe an, sagte etwas, nickte und lachte dann. Ihre Handgesten deuteten darauf hin, dass sie versuchte, eine plausible Erklärung für den Ausrutscher ihres Sohnes zu liefern. Nach weniger als zwei Minuten entschuldigte sich Eryn und deutete auf Enric, den sie wahrscheinlich als Ausrede für ihr Weggehen benutzte.

“Malriel wirkt zufrieden”, grinste Pe’tala hämisch, sobald ihre Schwester zu ihnen gestoßen war. “Offensichtlich hast du deine Speichelleckerei dort überzeugend betrieben.”

Kurzerhand nahm Eryn Rolan sein Glas aus der Hand, legte den Kopf zurück und leerte es mit einem Schwung, bevor sie meinte: “Das habe ich. Und jetzt fühle ich mich schmutzig. Ich kann euch gar nicht sagen, wie froh ich morgen sein werde, diese Frau für sechs Monate los zu sein.” Sie sah sich um. “Mein Kind sollte mit eurem spielen. Wo sind sie? Es ist kein gutes Zeichen, wenn sie außer Sichtweite sind und es dermaßen ruhig ist.”

Rolan nickte zu den Bäumen in einer abgelegeneren Ecke des Gartens fernab von zerbrechlichen Gegenständen wie Gläsern und Tellern. “Vern spielt dort drüben mit ihnen Verstecken. Er sagte, er wollte uns noch einen letzten ruhigen Abend mit dir gönnen, bevor wir wieder ohne dich auskommen müssen.”

Eryn schnaubte. “Er findet diese Anlässe in etwa so erhebend wie ich selbst. Das war bloß eine Ausrede, um ein paar Minuten lang von diesen Leuten wegzukommen. Und noch dazu eine, die ihn rücksichtsvoll erscheinen lässt, während er tatsächlich egoistisch war.”

Pe’tala zog die Schultern hoch. “Ich weiß. Aber da dies bedeutet, dass ich hier ein paar Minuten lang ungestört mit anderen Erwachsenen stehen kann, bin ich mehr als willens, ihn damit durchkommen zu lassen. Ich könnte mir denken, dass er den ewig gleichen Fragen entgegen will: Freut er sich schon darauf, nach so langer Zeit wieder nach Hause zu kommen? Wird er Takhan sehr vermissen? Wie sehen seine Pläne aus, wenn er erst einmal wieder zurück ist?”

Eryn musste zugeben, dass genau diese Fragen im Laufe der letzten Wochen regelmäßig aufgetaucht waren. Kein Wunder, dass er es müde war, sie zu hören und zu beantworten. Aus mehr als einem Grund, wie sie vermutete. Ihre Versuche, mit ihm über seine Rückkehr zu reden, hatte er mit einem Lächeln abgetan und ihr erklärt, dass alles in Ordnung wäre und er sich auf die Rückkehr nach Anyueel freute. Eryn konnte nicht glauben, dass er ganz so entspannt war, wie er ihr weismachen wollte, doch mit zweiundzwanzig Jahren war er sicherlich alt genug, um selbst zu entscheiden, ob er über etwas reden wollte, das ihn belastete.

“Wie sehen eure Pläne für euren letzten Morgen hier aus?”, fragte Pe’tala.

“Ram’an hat uns in seine Residenz zu einem Frühstück mit ihm und Valcredy eingeladen”, antwortete Eryn mit klar erkennbarem Mangel an Freude. Valcredy war die zweite Person, die sie nur allzu gerne zurückließ. Damals in Anyueel war sie Enrics Geliebte gewesen, bevor Eryn aufgetaucht war, und nun war sie aus keinem anderen Grund mit Ram’an verbunden als in den Genuss des bequemen Lebens und des erhabenen Status zu kommen, den er bieten konnte. Dass Ram’an ihr genau das angeboten hatte im Austausch dafür, dass sie ihm zwei Kinder gebar, die Mitglieder seines Hauses waren und somit in der Lage, ihm nachzufolgen und eines Tages Haus Arbil zu übernehmen, machte für Eryn wenig Unterschied.

Rasch schnappte sie sich ein weiteres Glas Weißwein von einem Tablett, als ein Kellner vorbeikam.

“Es sieht so aus, als würde ich heute Vedric ins Bett bringen müssen”, stellte Enric resigniert fest. “Wenn du weiterhin in diesem Tempo Alkohol zu dir nimmst, stehen die Chancen gut, dass du vor ihm schläfst.”

“Ich bin zivilisiert und gesellig, obwohl die Königin der Dunkelheit anwesend ist”, knurrte Eryn. “Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich das weiterhin durchziehe und dabei auch noch nüchtern bleibe.”

“Auf so einen Gedanken wäre ich niemals gekommen”, lächelte ihr Gefährte und stieß mit seinem Glas gegen ihres. Was auch immer ihr half, Malriel einen letzten Abend lang auszuhalten, ohne dabei auszurasten.

* * *

“Hm?”, meinte Eryn und hob ihren Kopf von der Hand, auf der er gestützt war. Ein Kopf, der heute unglaublich schwer wog und nicht von allein aufrecht bleiben wollte.

“Ich habe gefragt, ob ihr gestern in der Aren Residenz einen netten Abend verbracht habt”, wiederholte Ram’an seine Frage.

Eryns Augen verengten sich, als sie Valcredys kaum wahrnehmbares abfälliges Lächeln über Eryns verkaterten Zustand bemerkte.

“Wunderbar. Reizend wie immer”, erwiderte sie ausdruckslos und griff nach ihrem Saftglas.

Enric beugte sich rasch vor, hob es vom Tisch auf und drückte es ihr in die Hand. Offensichtlich traute er ihrer Koordinationsfähigkeit im Moment nicht so ganz.

Vedric, der sein Frühstück bereits zuvor beendet und die Erlaubnis zum Verlassen des Tisches erhalten hatte, stürmte auf sie zu und warf sich in die Arme seiner Mutter. Dabei entging das Glas nur knapp einem scherbenreichen Schicksal.

“Mutter!”, beschwerte er sich lautstark, “Akalee hat mich gebeißt!”

Eryn zuckte zusammen ob der Lautstärke seiner Mitteilung und korrigierte ihn dann gedankenverloren: “Akalee hat mich gebissen.”

Die braunen Augen des Jungen weiteten sich vor Erstaunen. “Dich auch?”

Seine Mutter runzelte die Stirn, verwirrt von der Wendung des Gesprächs. “Was?”

“Was?”, erwiderte Vedric ebenso perplex.

Enrics Lippen krümmten sich leicht amüsiert. Er wandte sich an seinen Sohn, damit er seine Gefährtin davor bewahren konnte, sich an einer auch nur halbwegs vernünftigen Unterhaltung beteiligen zu müssen. “Nein, sie hat deine Mutter nicht gebissen. Du hast es nur falsch gesagt. Also, warum hat sie dich gebissen?”

Vedrics Blick huschte zu Valcredy und Ram’an, als wäre er unwillig, Details vorzubringen solange die Eltern der Missetäterin lauschten.

“Ich weiß es nicht”, murmelte er schlussendlich zurückhaltend.

Enric war nicht bereit, einfach so aufzugeben. “Was hast du getan oder gesagt, bevor sie dich gebissen hat?”, bohrte er nach.

Nach dem Gesichtsausdruck seines Sohnes zu urteilen, schien er nicht länger geneigt, seine Spielgefährtin zu verpetzen, wo dies nun unerwarteterweise dazu führte, dass er sich damit selbst Ärger einhandelte.

“Äh… nichts”, stammelte Vedric.

“Wirklich?”, fragte Enric mit gerunzelter Stirn nach. “Wenn das die Wahrheit ist, dann hast du gewiss nichts dagegen, das unter einem Lügenfilter zu wiederholen.”

Die entsetzte Miene des Jungen verriet ihn noch bevor er seinen Mund öffnen und seine vorhergehende Aussage ergänzen konnte. “Vielleicht habe ich zu ihr gesagt, dass sie ein hässlicher Stein ist.”

“Hast du das. Dann war es womöglich nicht ganz unverdient, dass sie dich gebissen hat, was meinst du?”, antwortete Enric vernünftig.

Vedric mied den Blick seines Vaters, als er wortlos nickte.

In diesem Moment kam Akalee, ein zierliches Mädchen von vier Jahren mit dem blonden Haar ihrer Mutter, um die Ecke. Sobald sie die Gruppe bemerkte, füllten sich ihre großen Augen mit Tränen, und einen Moment später entwich ihrem weit offenen Mund, der den Blick auf all ihre Zähne und ihr rosa Zahnfleisch gewährte, ein gepeinigtes Heulen.

Eine recht begabte kleine Schauspielerin, ging es Eryn durch den Kopf – trotz der Pein, die das Geräusch verursachte, als es in ihrem Kopf widerhallte. Entweder gab es unter Jungs kein Weinen auf Abruf, oder Vedric hatte aus Gründen männlichen Stolzes entschieden, nicht auf solche Methoden zurückzugreifen. Sein verblüffter Blick ließ sie allerdings eher vermuten, dass er das bislang lediglich noch nicht gemeistert hatte.

Ram’an und Valcredy standen beide gleichzeitig auf, dann sahen sie einander verlegen an, als wären sie unsicher, wer von ihnen nun ihre Tochter trösten sollte.

Lächerlich, dachte Eryn säuerlich. Diese beiden hatten zwei Kinder miteinander gemacht und mussten einander daher nackt gesehen haben. Wie war es also möglich, dass sie sich noch immer benahmen, als wären sie schüchtern miteinander? Wie geschäftsmäßig konnte ein Arrangement bleiben, wenn es erforderte, dass man seit mehreren Jahren unter dem gleichen Dach lebte und gemeinsam Kinder großzog? Nicht, dass es sie irgendetwas anging, gemahnte sie sich verdrossen.

Das war eine alte Diskussion, eine, die sie ein ums andere Mal mit Ram’an vom Zaun brach, nachdem er ihr vor ein paar Jahren mitgeteilt hatte, dass er Valcredy sozusagen eine Stelle als seine Gefährtin und Mutter seiner Kinder angeboten hatte. Die Diskussionen hatten nie irgendwohin geführt und meist in einem Streit geendet. Danach sprachen sie üblicherweise mindestens eine Woche lang kein Wort miteinander. Jedes Mal, wenn das passierte, nahm sich Eryn fest vor, es nie wieder zur Sprache zu bringen. Bislang hatte sie es mehr als ein Jahr lang geschafft, sich an diesen Vorsatz zu halten. Dabei zählte sie selbstverständlich auch die sechs Monate mit, die sie nicht in diesem Land verbrachte. Man musste sich an kleine Siege klammern, wo auch immer sie zu finden waren.

Valcredy war schließlich diejenige, die zu ihrer Tochter ging, das Mädchen hochhob und sie mit zu den Sitzkissen brachte.

“Ich bin kein hässlicher Busch!”, schniefte Akalee.

“Busch habe ich nicht gesagt!”, warf Vedric ein. Ganz eindeutig war er aufgebracht darüber, dass seine Worte ungenau wiedergegeben wurden. “Ich habe gesagt, dass du ein hässlicher Stein bist!”

Daraufhin heulte das Mädchen noch lauter auf, während sie ihre gebräunten Ärmchen um den Hals ihrer Mutter schlang.

Mit einer Hand bedeckte Eryn ihre Augen. Ihr Sohn, der Diplomat.

“Als wäre ein hässlicher Stein irgendwie besser als ein hässlicher Busch”, seufzte sie und ließ dann ihren Kopf zurücksinken. “Keines von beiden ist besonders hässlich. Beide sind für eine Beleidigung ungeeignet. Warum nennst du sie nicht einfach nur hässlich?”, murmelte sie lauter als es ihre Absicht gewesen war.

“Denkst du etwa, das hier sei witzig?” Valcredys Stimme war so tödlich wie ihr Blick.

Eryn schüttelte den Kopf und beobachtete, wie die blonde Sängerin ihr Kind an sich drückte, um ihm Trost zu spenden. “Nein, keineswegs. Die Beleidigung war einfallslos, und die Reaktion darauf ist für meinen Geschmack viel zu laut. Das alles ist mit nichts als Nachteilen verbunden.”

Ram’ans Gefährtin kniff die Augen zusammen. “So gehst du also mit dem rüden Benehmen deines Sohnes um?”

Eryn verdrehte die Augen. “Was soll ich denn deiner Ansicht nach tun? Ich meine, er bekam, was er verdient hat – deine Tochter hat ihn gebissen! Warum lassen wir sie das nicht unter sich ausmachen? Das ist eine wertvolle Gelegenheit für sie, Problemlösungsfähigkeit zu entwickeln.”

“Unfassbar”, murmelte Valcredy und schüttelte den Kopf, während sie weiterhin den Rücken ihrer schluchzenden Tochter streichelte. “Aber was hätte ich auch erwarten sollen von einer Frau, die ganz offensichtlich unter den Nachwirkungen von zu viel Alkohol leidet? Du bist vielleicht ein tolles Vorbild!”

“Nun, wir können uns nicht alle dadurch auszeichnen, dass wir mit unserem hübschen Aussehen und unserer Gebärmutter unseren Lebensunterhalt sichern. Welch ein Glück deine Töchter haben, dass es von dir so vieles zu lernen gibt”, erwiderte Eryn ausdruckslos. Sie war zu müde und verstimmt, um sich mit falschem Lächeln und verschleierten Beleidigungen aufzuhalten. Auch wenn es keinesfalls als höflich erachtet wurde, seine Gastgeberin zu beleidigen, so war sie doch zumindest weder ein Mitglied des Senats in Takhan, noch des Rats der Magier in Anyueel. Somit würde das hier abgesehen von ein wenig Missmut keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen.

Enric und Ram’an tauschten einen eindringlichen Blick, bevor beide wie auf’s Stichwort auf die Beine kamen.

“Es wird Zeit, dass wir uns auf den Weg machen”, verkündete Enric. “Unser Schiff legt in weniger als drei Stunden ab, und wir müssen sicherstellen, dass auch alles gepackt ist.”

“Keine Minute zu früh”, ätzte Valcredy beinahe unhörbar.

“Wie war das?” bellte Eryn.

Weit aufgerissene, blaue Augen sahen sie an. “Nichts.”

Eryn ergriff Enrics Hand und ließ sich von ihm von den Kissen auf dem Boden hochziehen. Mit einem boshaften Blick zu Valcredy trat sie auf Ram’an zu und zog ihn in eine Umarmung. Eine lange und feste Umarmung. Als Enric sich räusperte, küsste sie Ram’an auf beide Wangen und ignorierte die Gastgeberin vollkommen, als sie sich den Toren zuwandte.

Enric küsste Valcredy auf eine Wange, dann ergriff er mit entschuldigender Miene Ram’ans Arm.

Ram’an winkte ab, noch bevor er etwas von sich geben konnte. “Sorge dich nicht, mein Freund. Sie werden einander sechs Monate lang nicht sehen. Dann werden wir es erneut mit einer zivilisierten Zusammenkunft versuchen. Ich wünsche euch eine sichere Heimreise. Sei so gut und schicke mir eine Nachricht, sobald ihr wohlbehalten angekommen seid. So wie immer. Gehab dich wohl, werter Kollege.”

Enric lächelte und nickte, bevor er seinen Sohn hochhob und Eryn den Weg hinab zum nächstgelegenen Ausgang folgte. Unglücklicherweise hatte Eryn nicht gerade die vorteilhafteste Route auserwählt, um sich hocherhobenen Kopfes davonzumachen. Sie mussten das Grundstück umrunden und somit einen beträchtlichen Umweg in Kauf nehmen. Doch wer war er schon, um ihren entschlossenen Abgang zu ruinieren?

* * *

An die Reling des Schiffs gelehnt blickte Enric auf das Meer hinaus. Sonnenuntergänge versetzten ihn stets in einen entspannten, wenn auch nachdenklichen Gemütszustand. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, kam dem Meer gemächlich immer näher.

Ohne den Kopf zu drehen lächelte er, als Eryn neben ihn trat. Das bedeutete, dass Vedric endlich eingeschlafen sein musste, was seinen Eltern ein wenig Zeit allein miteinander ermöglichte.

Eryn und das Meer hatten im Laufe der letzten paar Jahre einen zerbrechlichen Waffenstillstand geschlossen. Die Wellen machten sie nicht länger seekrank, und im Gegenzug sah sie davon ab, ihren Mageninhalt in das Meer zu entleeren und alles Maritime farbenfroh zu verfluchen.

Wortlos schob sie ihren Arm durch seinen und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, während sie zusahen, wie die Sonne den Horizont berührte. Obwohl Schiffe nicht eben ihr liebstes Transportmittel waren, war dies die Tageszeit, wo sie die Vorzüge der Seefahrt nachvollziehen konnte.

Winzige Wellen reflektierten das schwächer werdende Licht der versinkenden Sonne in einer Säule aus tanzenden glitzernden Punkten, die mit Schatten durchsetzt waren. Über ihnen wurde ein Teil des dunkler werdenden Lichts von den Wolkenbändern reflektiert, während ein anderer Teil verschluckt wurde. Es wirkte wie ein besänftigendes Bild für die Welt, um sie schrittweise auf die Dunkelheit vorzubereiten, die sie bald einhüllen würde.

Nahezu geräuschlos glitt das Schiff durch das finstere Gewässer, keineswegs behindert durch den fehlenden Wind, der die Segel aufblähen und ihrem Fortkommen dienen sollte. Magie hatte seinen Platz eingenommen und stellte eine angemessene Vorwärtsbewegung sicher.

Eryn sah zu ihrem Gefährten auf, als sie seinen leichten Stoß in ihre Seite spürte. Er nickte mit dem Kinn in Richtung des Schiffsbugs, wo Vern einige Schritte von ihnen entfernt mit verschränkten Armen und grüblerischer Miene stand.

Sie nickte kurz und richtete sich auf, bevor sie auf den jungen Mann zuging.

“Es ist wunderschön, nicht wahr?”, bemerkte er, ohne seinen Blick von der untergehenden Sonne abzuwenden. “Ich habe gerade daran gedacht, als ich das Meer vor sechs Jahren zum ersten Mal überquerte.”

Eryn lächelte. Sie erinnerte sich ebenfalls daran. Er war ein Junge von sechzehn Jahren gewesen, aufgeregt ob des Abenteuers, bei dem er es geschafft hatte, sich anzuschließen. Damals hätte sich niemand auch nur entfernt vorstellen können, dass bis zu seiner Rückkehr nach Anyueel sechs Jahre vergehen würden. Sechs Jahre – im Zuge derer er sich gemäß den Standards der Westlichen Territorien zum Heiler hatte ausbilden lassen, sämtliche ihm offenstehende künstlerischen Richtungen erkundet und sich einen beachtlichen Ruf als Frauenheld erworben hatte.

Es war seltsam, ihm beim Erwachsenwerden zuzusehen. Da sie alle sechs Monate den Ort gewechselt hatten, war sie jedes Mal überrascht, wenn sie nach Takhan zurückgekehrt war und gesehen hatte, wie sehr Vern sich sowohl in seinem körperlichen Erscheinungsbild als auch seiner geistigen Reife verändert hatte. Er war gewachsen und nun sogar ein wenig größer als sein Vater. Aber das war so ziemlich die einzige Ähnlichkeit zwischen ihnen. Der Krieger hatte den muskulösen, sehnigen Körper eines Kämpfers. Vern, wenn auch weit entfernt von dürr, war eindeutig nicht von der athletischen Sorte. Er hatte lange, schlanke, sensible Finger, die sich sowohl auf das Heilen als auch das Schaffen meisterhafter Kunst verstanden. Sein blondes, leicht gewelltes Haar reichte ihm bis auf die Schultern und folgte damit dem Stil, den Künstler in Takhan bevorzugten.

Seine Augen blickten nicht mehr ganz so ernst wie früher. Die Gesellschaft in Takhan hatte ihn mit offenen Armen willkommen geheißen, ihn als Ausnahmetalent gefeiert, während er Zuhause in Anyueel ein Außenseiter war, ein seltsamer Junge mit ungewöhnlichen Interessen und Talenten, mit denen kaum jemand wirklich etwas anzufangen wusste.

Mit der Entscheidung, Valrads Angebot zur Verlängerung seines Aufenthalts in Takhan anzunehmen, hatte er sein Leben in Anyueel zurückgelassen, ohne auch nur eine Sekunde lang zu zögern.

Außer seiner Familie hatte es dort kaum etwas gegeben, um ihn zurückzuhalten. Dafür waren die Chancen und Gelegenheiten, die Takhan bot, einfach zu verführerisch.

Orrin hatte seinen Sohn zweimal jedes Jahr für ein paar Wochen besucht und jedes Mal seine Gefährtin Junar und seine Tochter Téa mitgebracht. Er hatte es so eingerichtet, dass er sich Eryn und Enric anschließen konnte, wenn sie Anyueel verließen und ein zweites Mal kurz vor ihrer Rückkehr aus Takhan hinreiste. Dieses Mal allerdings würde er stattdessen auf dem Landungssteg warten, um seinen Sohn zuhause willkommen zu heißen.

Eryn überlegte, ob der Krieger in den letzten Tagen oder sogar Wochen vor der sehnsüchtig erwarteten Rückkehr seines Sohnes wohl empfindlich und launisch gewesen war. Und wie Verns Wohnsituation aussehen mochte. Würde er wieder bei seinem Vater einziehen oder sich ein eigenes Quartier nehmen? Mit dem Geld, das er mit dem Verkauf seiner Gemälde in Takhan verdient hatte sowie mit dem Lohn, den er bei Wiederaufnahme seiner Tätigkeit als Heiler in Anyueel erhalten würde, konnte er sich auf jeden Fall eine eigene Unterkunft leisten.

“Wie kommst du dieser Tage mit Loft zurecht?”, fragte Vern nach ein paar Minuten des Schweigens in ihre Gedanken hinein.

Eryns Wangen blähten sich mit der Luft ihres Atemzugs, als sie an den administrativen Leiter der Klinik in Anyueel dachte. Loft. Vor einiger Zeit war er Berater des Königs gewesen, einer von zweien. König Folrin hatte sich entschlossen, eine andere Position für ihn zu finden, nachdem der Mann sich als weniger anpassungsfähig gegenüber Veränderungen erwiesen hatte als für seine Position ratsam war. Pe’tala hatte Rolan, den ersten administrativen Leiter, nach Takhan entführt, als sie selbst abreisen und in ihre Heimat zurückkehren musste. Daraufhin hatte der König nach einer Konsultation mit Rolan und Lord Poron, dem Oberhaupt der Klinik, seinen früheren Berater zum Nachfolger bestimmt.

Eryns eigene Geschichte mit Loft sprach nicht eben von großer Freundschaft. Er störte sich an Eryn seit dem Tag, an dem sie als Gefangene des Königs in die Stadt gebracht worden war. Er hatte sogar vorgeschlagen, der König möge sie benutzen, damit sie seine Kinder austrug und damit zu der verbotenen Praktik zurückkehren, magisch begabte Thronerben zu zeugen. Seine Übernahme von Rolans Position war keine erfreuliche Enthüllung für sie gewesen. Doch mit Lord Poron als Oberhaupt der Heiler hatte sie als einfache Heilerin kaum etwas mit dem administrativen Leiter zu tun.

“Ich gehe ihm aus dem Weg, und ich denke, dass er sich mir gegenüber der gleichen Taktik bedient”, meinte sie schulterzuckend. “Wenn ich denke, dass etwas zur Sprache gebracht werden sollte, dann gehe ich damit zu Lord Poron und überlasse es ihm, sich mit Loft abzugeben.”

“Soweit ich letztes Mal von Vater gehört habe, leistet er gute Arbeit.”

“Das stimmt wohl”, räumte sie widerwillig ein. “Aber er muss auch nur zusehen, dass er das am Laufen hält, was Rolan eingeführt hat.” Sie wusste, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Die Klinik wuchs immer weiter und war einem ständigen Wandel unterzogen, also wäre es kaum ausreichend gewesen, nur aufrecht zu erhalten, was ein paar Jahre zuvor festgelegt worden war. Doch bei dem Gedanken daran, irgendetwas auch nur entfernt Positives über diesen Mann zu sagen, anerkennen zu müssen, dass er tatsächlich nützlich oder fähig war, zog sich alles in ihr zusammen.

“Weißt du schon, wo du wohnen wirst? Wenn du möchtest, kannst du eine Weile in unserem Gästezimmer unterkommen, bis du dich für einen Ort entschieden hast”, meinte sie, um das Thema zu wechseln.

Er schüttelte den Kopf. “Das ist ein wirklich freundliches Angebot, aber Vater hat mir bereits eine Unterkunft besorgt. Dort kann ich sofort einziehen.” Ein Lächeln umspielte seine Lippen. “Vollkommen allein zu leben wird eine ganz neue Erfahrung für mich werden. Nun, zumindest so allein wie es geht, wenn jemand anderer das Kochen und Putzen für mich übernimmt. Nachdem dein Vater bei Malriel einzog und ich bei Vran’el blieb, nahm dein Bruder Valrads Versprechen meinem Vater gegenüber wirklich ernst, sogar nachdem ich volljährig war.”

“Typisch Juristen. Sie vermeiden es aus Prinzip, bindende Versprechen zu brechen. Vorwiegend, weil sie zu träge sind, um sich mit den Konsequenzen zu plagen, wie ich vermute”, scherzte sie.

Vern lächelte und blickte auf das Meer hinaus. Die Sonne war nun vollkommen verschwunden. Nur ein Hauch eines rötlichen Glühens, das in ein paar Minuten verblasst sein würde, war verblieben.

“Ich freue mich schon darauf, wieder nach Hause zu kommen. Der verlorene Sohn kehrt zurück, bereit, die ganze Weisheit zu teilen, die er aus der Ferne mitbringt”, verkündete er hochfliegend.

“Oh Mann”, seufzte sie und schüttelte den Kopf. “Was für ein Blödsinn.”

Kapitel 2

Wiedereingewöhnung

Enric stand an Deck gegen die Reling gelehnt und hob seinen Arm zum Gruß, sobald er die vier Leute erkannte, die auf dem Pier standen und sie erwarteten. Orrin hob seine Hand in gleichermaßen gelassener Manier, während Junar und ihre fünfjährige Tochter Téa mit erheblich größerer Aufregung winkten. Doch für zwei Ordensmagier geziemte sich solch eine ungerechtfertigte Zurschaustellung von Gefühlen nicht. Es war einfach nicht angemessen. Die Leute würden darüber genauso schwatzen wie sie sich über jeden anderen Unsinn ausließen, der ihnen eine kleine Abwechslung von ihrem tristen Alltagsleben bot.

Vern kniff die Augen zusammen, um die vierte Person zu identifizieren, die bei seiner Familie stand. Kurz darauf riss er sie erstaunt auf.

“Ist das Plia?”, fragte er nach Luft ringend.

Eryn sah ihn von der Seite an. “Natürlich ist das Plia. Sie erwartet uns jedes Mal hier, wenn wir aus den Westlichen Territorien zurückkehren.

Vern starrte noch immer geradewegs auf die kleine Gruppe, die mit jedem Moment ein wenig besser erkennbar wurde. “Sie ist auf jeden Fall erwachsen geworden”, bemerkte er.

Sie schmunzelte. “Nun, was hast du erwartet? Sie hat nicht einfach aufgehört zu altern, damit dir die Eingewöhnung leichter fällt, falls du mit so etwas gerechnet hattest.”

“Nein, ich habe nur…”, begann er, beendete den Satz aber nicht. Ihm fehlten die Worte.

Eryn grinste und zwang sich, seine Reaktion nicht zu kommentieren. Sie erinnerte sich, dass es damals eine gewisse… Anziehung zwischen Plia und Vern gegeben zu haben schien, bevor der Junge sich entschieden hatte, seine Heimat für so lange Zeit zu verlassen. Eine reizende, unschuldige Bewunderung zweier junger Menschen, die gerade erst damit begonnen hatten, die wundersamen Empfindungen zu entdecken, die mit dem Erwachsenwerden einhergingen.

Plia war damals gerade einmal vierzehn Jahre alt gewesen – zu jung, als dass er dieser Anziehung, die er ihr gegenüber empfunden haben mochte, Taten folgen ließ. Eryn hatte ihn gewarnt, er solle die Hände von ihr lassen, bis das Mädchen älter war.

Eryn hatte Plias Gesicht wiederhergestellt, das im Babyalter durch ein Feuer entstellt worden war, indem sie den Schaden wegheilte. So erlangte das Mädchen die ihr eigene Schönheit, mit der die Natur sie ursprünglich ausgestattet hatte, wieder. Erst vor kurzem war sie volljährig geworden und zu einer ernsthaften, etwas reservierten jungen Frau herangewachsen, die sehr stolz auf ihre Arbeit war. Dies war der einzige Bereich, wo sie tatsächlich für das einstand, woran sie glaubte und keinesfalls willens war, irgendetwas zu akzeptieren, das sie als nachteilig für die Qualität ihrer Medizin erachtete. Sogar Loft, der administrative Leiter der Klinik und ihr Vorgesetzter, hatte sich mehr als einmal ihrem unerbittlichen Starren in Verbindung mit ihren streng verschränkten Armen gegenübergesehen, als er etwas einzuführen versucht hatte, das die junge Frau als ihrer Arbeit abträglich einschätzte.

“Lebt sie noch immer bei Enrics Mutter?”, fragte Vern, seine Augen noch immer auf Plia gerichtet.

“Sicher. Obwohl ich nicht weiß, wie lange sie das noch tun wird”, erwiderte Eryn, bevor sie ihn erstaunt ansah. “Wie kommt es, dass du das nicht weißt? Hätte sie dir davon nicht geschrieben, falls sie ausgezogen wäre?”

Vern schluckte, seine Miene plötzlich gepeinigt. “Nun, wir sind nicht wirklich in Kontakt geblieben.”

Eryn blinzelte. Das kam unerwartet. “Du hast ihr in all der Zeit niemals geschrieben? Warum nicht? Hattet ihr einen Streit oder so etwas?”

Er schüttelte den Kopf. “Nein. Ich hatte einfach nur so viel zu tun, zu sehen, zu lernen…”

Sie presste ihre Lippen aufeinander, um den Vorwurf, der ihr auf der Zunge lag, für sich zu behalten. Somit hatte er sich also schlichtweg nicht die Mühe gemacht, Plia zu schreiben – sozusagen der einzigen Freundin seines Alters, die er im Königreich jemals gehabt hatte. Die Freude an seinem neuen Leben, sein Status als künstlerisches Genie, als Heilerlehrling, als Ziel der Aufmerksamkeiten zahlreicher Frauen waren ihm wichtiger gewesen als sich ein wenig Zeit dafür zu nehmen, um mit einem jungen Mädchen in Kontakt zu bleiben, von dem er stets nur Liebenswürdigkeit und Wertschätzung erfahren hatte.

In all diesen Jahren hatte Plia dies Eryn gegenüber kein einziges Mal erwähnt – weder hatte sie ein einziges Wort der Beschwerde ausgesprochen noch sich verstimmt gezeigt, wenn Eryn über ihn sprach. Obwohl solch eine Vernachlässigung schmerzhaft für sie gewesen sein musste. Und nun kehrte er zurück, einfach so, und entschied, dass sie jetzt, wo er sie nach mehr als fünf Jahren wieder zu Gesicht bekam, hübsch genug war, um sein Interesse zu wecken. Einfach famos.

Eryn schluckte ihren Ärger darüber, dass er Plia so gedankenlos fallengelassen hatte, fest entschlossen, ihren Unmut nicht zum Ausdruck zu bringen. Das war nicht ihr Problem, sondern Plias. Weder würde sie dem Mädchen raten, Vern nicht besser zu behandeln als er es verdiente, noch würde sie Vern für sein Verhalten tadeln – ganz egal, wie groß die Versuchung war. Beide waren volljährig und damit offiziell erwachsen.

Sie blickte nach unten, als sich zwei schmale Arme um ihre Oberschenkel schlangen. Vedric war zu kurz, um über die Reling zu spähen und zu sehen, was vor sich ging.

“Sind wir schon da?”, wollte er wissen.

“Beinahe”, antwortete sie, froh über die Ablenkung von ihrem Ärger auf Vern. Das hier war ein freudiger Anlass, und dafür wollte sie nicht übel gelaunt sein.

“Wie lange noch?”, beharrte Vedric.

“Nicht mehr lange.”

“Sind wir schon da?”

“Ja.”

Sein kleines Gesicht, das so viel Ähnlichkeit mit seinem Vater aufwies, hellte sich auf. “Wirklich?”

“Nein. Hör auf mich zu fragen, oder ich werde dich jetzt sofort schlafen schicken, und du kannst Téa nicht begrüßen”, drohte sie. Sie bemerkte, wie ihr einer der Seemänner einen missbilligenden Blick zuwarf. Dieser Austausch hatte wohl ein winziges Stück weit herzlos angemutet, doch sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass es auf endlose Diskussionen mit Wiederholung der gleichen Frage hinauslaufen würde, wenn sie Vedric nicht rechtzeitig Einhalt gebot.

Schließlich wurde der massive Anker mit einem lauten Rumpeln der Ketten hinuntergelassen, und fleißige Hände platzierten die Landungsbrücke, damit die Passagiere nach zweieinhalb Tagen auf See von Bord gehen konnten. Eryn war froh darüber, dass der Schiffsverkehr zwischen Bonhet und der Stadt eingerichtet worden war und ihnen damit die Reisezeit auf der Straße erspart blieb. Dank der magisch begabten Seefahrer stellte die Fahrt stromaufwärts kein Problem dar, auch ohne den Einsatz von Tieren, die das schwere Gefährt mit kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit zogen.

“Du darfst meine Hand halten und das Schiff mit mir als Erster verlassen”, bot sie an. Eifrig umschloss Vedric ihre Finger und setzte dazu an, zur Landungsbrücke zu laufen.

“Gemach, Vedric. Es besteht kein Grund zur Eile. Sei lieber achtsam, damit du nicht ausrutscht und in den Fluss fällst”, warnte sie ihn, wusste aber noch bevor sie fertig gesprochen hatte, dass er ihr nicht zuhörte. Er hatte Téa erblickt. Sie wurde von ihrem Vater auf ähnliche Weise unter Kontrolle gehalten, damit sie nicht einfach losrannte und die Neuankömmlinge begrüßte, ohne sich vorzusehen und Gefahr lief, so nahe am Wasser auszurutschen.

“Téa!”, rief Vedric und versuchte, seine Mutter an der Hand zu ziehen, damit sie ihre Schritte beschleunigte.

Junar lachte, als die Reisenden ihr kleines Begrüßungskommitee erreichten. “Euer Wirbelwind ist genauso ungeduldig wie unserer! Willkommen zurück, ihr alle!” Eryn umarmte zuerst die Schneiderin, dann Plia. Téa, ihre kleine Namensvetterin, schien sich in so etwas wie eine Schlacht der Wörter mit Vedric gestürzt zu haben. Beide schnatterten mit solch unglaublicher Geschwindigkeit, dass Eryn sich wunderte, ob irgendeiner von beiden verstand, was der andere von sich gab oder ob das Ziel darin lag, einfach nur die eigenen Neuigkeiten so rasch wie möglich loszuwerden.

Sie wandte sich Orrin zu, der seinem Sohn in einer herzhaften, mannhaften Begrüßung auf den Rücken klopfte, auf die gleiche Weise, wie er auch Enric begrüßte, nachdem sie einander ein paar Monate lang nicht gesehen hatten. Dies wirkte wie eine seltsam distanzierte Art für einen Mann, um seinen Sohn nach so langer Zeit zu begrüßen, doch Eryn wusste, dass es hier nur darum ging, den Anschein zu wahren. Der höchste Krieger des Ordens sollte sich in der Öffentlichkeit nicht allzu menschlich zeigen. Und einen anderen Mann zu umarmen hätte womöglich genau diesen Eindruck hinterlassen, auch wenn es sich dabei um seinen Sohn handelte. Doch sie wusste genau, dass Orrin genau das tun würde, sobald sie sich hinter geschlossenen Türen befanden.

Glücklicherweise kamen solche Einschränkungen im Umgang mit Frauen nicht zum Tragen. Somit was sie in der Lage, Orrin öffentlich zu umarmen, ohne seinen sorgsam kultivierten Ruf als furchteinflößender Kämpfer zu gefährden. Jeder wusste, dass das schwächere Geschlecht nahezu abhängig von Berührungen und Umarmungen war – wohingegen Männer sich selbstverständlich lieber die Augäpfel mit einem rostigen Rasierer behandeln würden als zuzugeben, dass sie solch einer enormen und peinlichen Schwäche wie einer Vorliebe für körperliche Nähe zum Opfer fielen.

Unauffällig beobachtete Eryn aus dem Augenwinkel, wie Plia Vern ein höfliches Lächeln schenkte und ihm ihre Hand entgegenstreckte.

“Willkommen zurück, Vern. Es ist lange her”, meinte sie freundlich.

Eryn applaudierte innerlich. Das hatte sie außergewöhnlich gut gemacht. Plia hatte ihm gezeigt, dass das völlige Fehlen von Kontakt zwischen ihnen in den letzten Jahren ihr nicht das Geringste ausmachte, dass sie nichts anderes als Bekannte waren, die einander eine Weile nicht getroffen hatten. Eryn bezweifelte, dass dies Plias wahren Gefühlen entsprach, dennoch hatte sie die Situation gut gemeistert.

Vern wirkte, als hätte ihn die Begrüßung vollkommen verwirrt. Eryn vermutete, dass er womöglich entweder einen tränenreichen oder aber einen kühlen Empfang als Ausdruck verletzter Gefühle erwartet hatte. Nun gut, wenn ihn das bereits aus der Bahn warf, dann würde er keineswegs angetan davon sein, wenn er erfuhr, dass Plia mit einem charmanten jungen Zimmermann liiert war.

“So, Orrin”, wandte sie sich an den Krieger und begrüßte ihn dann wie jedes Mal, wenn sie einander nach längerer Abwesenheit begegneten, immer mit der gleichen Frage: “Wurde dieser entsetzliche Orden nun endlich aufgelöst oder in etwas Nützliches verwandelt? Wie eine Gruppe reisender Musiker oder etwas in dieser Art?”

“Nein, er ist noch immer intakt”, erwiderte er gutmütig und fragte im Gegenzug: “Wie sieht es aus, nehmen wir unser Kampftraining morgen früh wieder auf? Ich wette, du hast es in der Fremde vernachlässigt, so wie du es jedes Mal tust.”

“Morgen?” Sie gab vor, darüber nachzudenken. “Ich glaube nicht, dass ich morgen verfügbar bin. Dieser fordernde Vorgesetzte, den wir haben, und die königliche Nervensäge werden uns gleich sehen wollen, darauf wette ich alles.”

Enric schüttelte leicht den Kopf, sparte sich aber die Mühe, ihr einmal mehr zu erklären, wie unklug es war, solche Bemerkungen zum Besten zu geben, solange sich ihr Sohn in Hörweite befand. Es schien, als hätte sie von dem kleinen Zusammenstoß mit Malriel erst vor wenigen Tagen nichts gelernt.

* * *

Sobald sie bei ihrem Haus eintrafen, öffnete Enric die Tür zum Innenhof, um die Bergkatze hinauszulassen. Erst vor ein paar Minuten hatte er Urban geweckt, nachdem sie die letzten vier Tage in einem magisch herbeigeführten Schlaf in einer Holzkiste verbracht hatte. Nun musste sie sich wieder an ein anderes Klima gewöhnen, an kühlere Temperaturen. Das dauerte in der Regel einen Tag oder zwei.

Anpassung war jedes Mal ein Thema, wenn sie den Ort wechselten, für alle von ihnen. Sechs Monate lang fort zu sein mochte nicht allzu lange erscheinen, doch es gab stets kleine Veränderungen sowohl in der jeweiligen Gesellschaft, in die sie zurückkehrten, als auch bei ihnen selbst.

Bei Vedric war das eindrucksvoll ersichtlich. Jedes Mal, wenn sie entweder in Takhan oder Anyueel ankamen, mussten sie seine gesamte Garderobe ersetzen, weil ihm nichts mehr passte, das für das lokale Klima angemessen war.

Er ging in sein Arbeitszimmer und nahm die Nachrichten zur Hand, die im Laufe der letzten paar Tage angekommen waren. Alles davor war an ihre Residenz in Takhan übermittelt worden. Eine Nachricht war von Tyront, eine weitere vom König, die ihn beide sehr höflich anwiesen, sie am Tag nach ihrer Ankunft aufzusuchen. Das war zu einer Routine geworden, eine, die er auch verfolgt hätte, wäre er nicht vorgeladen worden. Eryn würde die gleichen Nachrichten auf ihrem eigenen Schreibtisch vorfinden, vielleicht noch mit einer dritten von Lord Poron. Diese letzte jedoch würde tatsächlich eine freundliche Einladung sein, sich mit einer Tasse Tee zusammenzusetzen und zu besprechen, was sich in der Klinik tat.

Was das Heilen anbelangte, war Eryns Position ein klein wenig kompliziert. Schon die letzten sechs Jahre, seit Lord Poron zum Oberhaupt der Heiler bestellt wurde – die Position, die Eryn ursprünglich selbst bekleiden hatte wollen. Nach Stärke gemessen war Lord Poron die Nummer fünf, Eryn Nummer drei. In einer Institution, wo der Rang von der magischen Stärke abhing, war sie somit seine Vorgesetzte. Da Eryn allerdings auch in einer Eigenschaft als Heilerin in der Klinik Arbeit verrichtete, war sie damit Lord Poron unterstellt, der dieser Disziplin vorstand. Somit war sie die Untergebene ihres eigenen Untergebenen.

Nach ein paar anfänglichen Schwierigkeiten bezüglich Zuständigkeit hatten Eryn und Lord Poron zu einer bequemen, halb-offiziellen Routine gefunden. Lord Poron berichtete an Eryn – wozu er verpflichtet war. Und er fragte sie nach ihrer Meinung und ihrem Rat und teilte seine persönlichen Gedanken mit ihr – wozu er nicht verpflichtet war. Eryn behandelte ihn im Gegenzug nicht wie einen Untergebenen und akzeptierte seine Entscheidungen, auch wenn sie selbst womöglich anders gehandelt hätte. Sie schafften es, die Klinik in einer Gesinnung von Zusammenarbeit und Gleichheit am Laufen zu halten und sie ständig zu verbessern. Enric vermutete, dass es die Sache beträchtlich erleichterte, dass Eryn keine große Freundin von Hierarchien war. Auch wenn sich Lord Poron bislang kein einziges Mal in einer Weise geäußert hätte, die auf Unmut darüber schließen ließ, dass er einer Frau unterstellt war, die nicht einmal die Hälfte seiner Jahre zählte, machte Eryns Aversion gegen das Ausspielen ihres Rangs die Dinge zweifellos unkomplizierter.

“Die Üblichen?”

Er blickte auf, als Eryn in sein Arbeitszimmer schlenderte, in ihrer Hand ein paar Nachrichten.

“Ja, der König und Tyront.” Er nickte zu den Blättern in ihrer Hand. “Und du hattest zudem noch eine von Lord Poron, wie ich annehme?”

“Ja, so wie immer.” Sie ließ sich auf das Sofa neben seinem Schreibtisch sinken. “Für mich ist das zu einer Art Willkommensritual geworden – heimkommen und jedes Mal die gleichen drei Nachrichten in meinem Arbeitszimmer vorfinden. Ich schätze, ich wäre ernsthaft besorgt, sollten eines Tages nur zwei davon auf mich warten.” Sie hob eines der Blätter. “Der König will mich zweimal sehen. Einmal gemeinsam mit dir und einmal mit Vedric. Das ist neu. Hast du irgendeine Ahnung, was der Grund sein könnte?”

Enric dachte einen Moment lang nach. “Er ist Vedrics Pate. Und der Junge wird nun langsam alt genug, damit man eine halbwegs vernünftige Unterhaltung mit ihm führen kann.”

“Du denkst also, er will ab jetzt den netten Onkel spielen? Warum will er mich mit dem Jungen sehen, warum nicht uns beide?”

“Nun, seine Anziehung dir gegenüber war stets stärker ausgeprägt als zu mir”, erwiderte er, sein Tonfall etwas trocken.

Sie lachte. “Ich bezweifle, dass das sein primäres Motiv ist. Mich kann er einfach nur leichter manipulieren als dich.”

Er lächelte. Damit hatte sie Recht. Obwohl sich ihre eigenen Fähigkeiten in politischer Strategie, oder wie sie es zu nennen pflegte die Disziplin, andere zu manipulieren und zu belügen, damit sie taten, was man von ihnen wollte in den letzten paar Jahren ebenfalls verbessert hatten.

Er beobachtete, wie sie die Nachricht des Königs ein weiteres Mal durchlas. Eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau Mitte Dreißig, ihre Haut gebräunt von ihrem Aufenthalt in einem Wüstenland, deren braune Augen den Zeilen auf dem Papier vor ihr folgten. Mittlerweile waren sie seit sieben Jahren zusammen. Bislang die besten sieben Jahre seines Lebens. In der Vergangenheit hatte es ein paar beträchtliche Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden gegeben, doch soweit sie waren siegreich daraus hervorgegangen.

Sie hatte sein Leben weit über seine Vorstellungen hinaus bereichert. Zum einen hatte er natürlich eine Person an seiner Seite, die er mehr liebte als sein Leben. Das allein war bereits eine bemerkenswerte Verbesserung im Vergleich zu den ersten vierunddreißig seines Lebens. Doch die Verbindung mit Eryn beinhaltete noch einiges mehr. Dank ihres Bruders Vran’el, dem Oberhaupt des Hauses, in das sie sich hatte adoptieren lassen, mussten sie sechs Monate jeden Jahres in Takhan verbringen. Vran’el wollte engen Kontakt zu Vedric, dem aktuellen Erben seines Hauses, halten. Und auch zu seiner Schwester aus der Fremde. Wäre nicht der König, der ebenso starke Ansprüche auf Eryn und Enric geltend machte, hätte Vran’el womöglich sogar versucht, sie zu einem dauerhaften Umzug in die Westlichen Territorien zu zwingen.

Eryns Gefährte zu sein hatte ihm kurz gesagt eine vollkommen neue Familie, neue Freunde, eine neue Kultur, neue Geschäftsmöglichkeiten und auch eine neue Perspektive hinsichtlich verschiedener Dinge eingebracht. Sie war in bescheidenen Verhältnissen aufgezogen und von dem Mann, den sie für ihren Vater gehalten hatte, unterwiesen worden. Das bedeutete, dass die Anhäufung großer Geldsummen für sie kein Ziel war, das es Wert war, sein Leben danach auszurichten. Das hatte in der Vergangenheit zu zahlreichen Diskussionen zwischen Eryn und Enric geführt. Schließlich hatte er ihr Gewissen zu beruhigen vermocht, indem er ihr einen Teil ihrer beträchtlichen finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellte, damit sie sie für die Errichtung und den Betrieb eines Waisenhauses sowie jegliche anderen wohltätigen Zwecke, die sie für unterstützungswürdig befand, verwenden konnte.

Und dann hatte sie ihn noch mit einem Sohn beschenkt – wenn auch nicht unbedingt freiwillig. Eine Zeitlang hatte er gehofft, sie würden ein weiteres Kind bekommen, doch Eryn hatte ursprünglich nicht einmal ihr erstes gewollt und somit sichergestellt, dass es kein weiteres geben würde. Niemals. Sie hatte dauerhafte Maßnahmen ergriffen, die kein Fruchtbarkeitstrank, mochte er auch noch so mächtig sein, jemals überwinden würde können.

“Ich bin müde”, seufzte Eryn.

“Dann geh und leg dich hin, Liebste. Vedric wird noch eine Weile bei Orrin und Junar sein, und die Diener kümmern sich um unser Gepäck. Möchtest du zuerst ein Bad nehmen?”

Sie lächelte sehnsüchtig. Ein Bad. Sie liebte Bäder. Doch ein halbes Jahr in einer Gegend zu verbringen, wo Wasser recht rar war, bot ihr diese Gelegenheit nicht besonders oft. Zumindest nicht ohne ein schlechtes Gewissen, wenn sie an die Leute in der Stadt dachte, die es nötiger brauchten.

“Ja, ich denke, das werde ich. Ich suche mir nur noch ein Buch aus, über dem ich hinterher einschlafen kann.” Damit stand sie auf und verließ sein Arbeitszimmer. Ihre Nachrichten ließ sie gedankenverloren auf seinem Sofa zurück.

* * *

“Lady Eryn. So wie jedes Mal nach Eurem Aufenthalt in Takhan bin ich froh, Euch wieder hier zu haben. Das Leben in der Stadt mutet während der Zeit, die Ihr hier mit uns verbringt, abwechslungsreicher und unterhaltsamer an”, lächelte der König und ergriff ihre beiden Hände, um sie zu sich zu ziehen und ihre Wangen zu küssen.

Innerlich seufzte sie. Niemand anderem als sich selbst konnte sie die Schuld dafür zuschreiben. Vor fünf Jahren hatte sie ihm kühn demonstriert, dass sie seine Berührung nicht länger fürchtete. Daraufhin hatte er sich entschlossen, ihr gegenüber den traditionellen Gruß aus ihrem Heimatland anzuwenden, wenn er sie mehr oder weniger allein antraf. Hinsichtlich ihrer Beziehung als König und Untertanin fand sie dies ein wenig zu dreist, doch sie verstand, dass dieser Faktor – das Übertreten einer Grenze – genau das war, was für ihn den Reiz ausmachte.

“Eure Majestät”, erwiderte sie, “es ist auf jeden Fall gut, wieder zurück zu sein.”

Der Blick des Königs wanderte zu dem fünfjährigen Vedric, der sich daraufhin wieder erinnerte, dass es in Gegenwart des Mannes mit der goldenen Krone ein gewisses Protokoll zu befolgen gab und eine hastige, leicht ruckartig anmutende Verbeugung vollzog.

“Junger Mann.” Der Monarch nahm ihn mit einem Nicken zur Kenntnis. “Wie stehen die Dinge um Takhan?”

Der Junge dachte einen Moment lang nach, dann hellte sich sein Gesicht auf. “Da war ein großer Sandsturm! Der Sand war überall, sogar in meiner Unterwäsche und zwischen meinen Zehen! Und in meinen Ohren!” Dann verdüsterte sich seine Miene. “Aber dann haben die Magier ihn einfach aufhören lassen.”

“Wir haben ihn nicht wirklich aufgehalten, Liebling.” Eryn lächelte über seine Enttäuschung darüber, dass diese spezielle Naturgewalt entschärft worden war, noch bevor er Gelegenheit hatte, alle möglichen Schrecken auszukosten. “Wir haben lediglich einen Schild um die Stadt errichtet.”

Vedric zuckte mit den Schultern. Offensichtlich sah er wenig Sinn in der Betonung dieses Details, wo doch das Ergebnis aus seiner Sicht das gleiche war. Er blickte zurück zum König. “Und ich habe eine Nacht im Waisenhaus verbracht! Es war einfach toll – sie können dort im gleichen Zimmer mit anderen Kindern schlafen, und da ist immer jemand, der spielen will! Aber am nächsten Morgen nach dem Frühstück musste ich wieder nach Hause”, fügte er hinzu, erneut einer Gelegenheit für Spaß beraubt.

“Die Idee war nicht, dass du dich dort amüsierst”, betonte seine Mutter ihn mit einem leicht irritierten Unterton. “Du solltest dabei etwas lernen und erkennen, wie privilegiert dein eigenes Leben ist im Vergleich zu anderen Kindern.”

Der König lächelte. “Ich verstehe. Offensichtlich teilt Euer Sohn Eure eigene Gleichgültigkeit Luxus gegenüber, meine liebe Lady. Ich könnte mir denken, dass das Abenteuer, eine Nacht in einem Haus voller Kinder zu verbringen, die fehlende Pracht, die er von seinem Zuhause kennt, mehr als ausgleicht. Ein Einzelkind hat andere Prioritäten als eines mit Geschwistern – wie zum einen die ständige Verfügbarkeit von Spielgefährten.”

Eryn lächelte gekünstelt. Sie war es müde, dass dieses Thema einmal mehr zur Sprache gebracht wurde. Als wäre es nicht nervenaufreibend genug, dass Malriel sie dazu drängte, sich noch einmal fortzupflanzen und alle möglichen Leute sie mit gutgemeinten Hinweisen bedachten. Aber natürlich würde der König solch eine praktische Gelegenheit sie zu irritieren nicht vorüberziehen lassen. Es wäre untypisch für ihn.

“Oh, selbstverständlich”, nickte sie und fügte dann mit vor Sarkasmus triefender Stimme hinzu: “Dann sollte ich besser zusehen, dass er Geschwister bekommt, um diese schreckliche Leere in seinem Leben zu füllen.”

“Ein Bruder!” Vedric sprang auf und ab und klatschte in die Hände. “Ich will einen Bruder!”

Sie wandte sich in seine Richtung und sah auf ihn hinab. Wie nur schaffte er es, dass sich jede Unterhaltung, an der er teilnahm, in letzter Zeit so mühsam für sie gestaltete? “Erstens war das eine sarkastische Bemerkung. Über Sarkasmus haben wir gesprochen – das ist, wenn du nicht wirklich meinst, was du sagst, sondern genau das Gegenteil. Ich habe nicht die Absicht, noch ein Kind zu bekommen. Und zweitens bestünde selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich doch ein Kind bekomme, die Möglichkeit, dass es ein Mädchen wäre.”

“Aber wir haben doch schon so viele Mädchen!” protestierte er und ignorierte den Teil, wo man ihm erklärt hatte, dass es keine Geschwister mehr geben würde, vollkommen. Mit Hilfe seiner Finger erstellte er eine Liste der weiblichen Kinder seines Alters auf beiden Seiten des Meeres. “Da ist Téa, Ha’im, Akalee und Zahyn!” Es klang, als hätten Orrin, Pe’tala und Ram’an nur Mädchen gezeugt, um ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen.

“Ich gehe davon aus, dass es im Waisenhaus Jungs gab?”, erkundigte sich der König mit einem wissenden Lächeln.

“Ja, viele!”, bestätigte Vedric eifrig, seine Augen groß bei der erfreulichen Erinnerung. “Einer davon konnte meinen Namen rülpsen!”

Der König nickte, offenkundig nicht im Mindesten überrascht von Vedrics Bewunderung für diese spezielle Fertigkeit. “Tatsächlich ein eindrucksvolles Kunststück. Wie bedauerlich, dass deine Eltern nicht willens scheinen, dir entgegenzukommen, indem sie dir einen Bruder schenken, mein junger Freund.”

“Vater würde schon. Mutter sagt nein”, seufzte der Junge und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

“Wer sagt das?”, schnappte Eryn.

“Großmutter”, gab er triumphierend zurück, als hätte er den Wahrheitsgehalt der Aussage über alle Zweifel hinweg bewiesen, indem er diese besonders vertrauenswürdige Quelle zitierte.

“Wenn wir gerade von deiner Großmutter sprechen”, warf König Folrin ein, bevor Eryn etwas darauf erwidern konnte. “Wie ergeht es Malriel?”

Vedric seufzte. “Sie sagt, ich darf nicht Königin der Dunkelheit zu ihr sagen. Weil es nicht nett ist.”

Der Monarch nickte langsam. “Sie hat Recht, das ist es nicht. Ich könnte mir denken, dass deine Mutter auf jeden Fall daran arbeiten wird, von nun an ihre Zunge in deiner Gegenwart besser im Zaum zu halten. Aufmerksame junge Ohren und ein Mund, der wenig Zurückhaltung zeigt, wenn es um die Weitergabe von heiklen Kleinigkeiten geht, sind niemals eine unproblematische Kombination.” Er sah nachdenklich auf den Jungen hinab, bevor er fragte: “Welche Ausdrücke benutzt deine Mutter, wenn sie von mir spricht?”

Eryns Augen weiteten sich alarmiert. Sie schluckte, dann nahm sie rasch die Hand des Jungen in ihre und drückte sie warnend. Was war gar nicht gut.

“Eure Majestät, ich denke…”, begann sie, doch der Monarch hob lediglich – ohne auch nur einen Blick für sie zu erübrigen – eine Hand, die ihr zu schweigen gebot.

Seine Augen blieben auf den Jungen gerichtet, und er lächelte. “Bitte, Lady Eryn, unterbrecht nicht die Unterhaltung, die ich mit Eurem Sohn führe. Es ist nicht höflich.” Er deutete auf das dünne goldene Band auf seinem Kopf. “Nun, junger Mann, du bist dir im Klaren darüber, was das hier bedeutet?”

Vedric nickte und antwortete fröhlich: “Ihr seid der König, und alle müssen tun, was Ihr sagt.”

“Sehr gut. Eine Lektion, die ein junger Mensch meiner Ansicht nach nicht zu früh lernen kann. Natürlich musst du auch die Anweisungen deiner Mutter befolgen. Sollten jedoch meine Wünsche und ihre nicht die gleichen sein, müsstest du dich den meinen beugen. Verstehst du das?”

“Ja. Ihr seid wichtiger als sie”, verkündete der Junge feierlich.

“Ja, warum nicht?”, stimmte der König nach kurzer Überlegung zu. “Drücken wir es der Einfachheit halber so aus. Nun, wie nennt deine Mutter mich im Allgemeinen, wenn sie von mir spricht?”

Eine Plage wie sie im Buch steht”, antwortete Vedric wie der wohlerzogene kleine Junge, der er nicht war, den er jedoch zuweilen so überzeugend imitieren konnte, wenn es seinen Zwecken diente.

“Ich verstehe. Sonst noch etwas?”

Königliche Nervensäge”, fügte Vedric nach einem Moment des Nachdenkens hinzu, dann zuckte er mit den Schultern.

Eryn schloss die Augen. Sie hätte seine Stimmbänder vorübergehend außer Gefecht setzen sollen, um ihn vom Antworten abzuhalten, sobald der König ihn ansprach. Warum fiel ihr das erst jetzt ein?

“Wie ungemein interessant. Vielen Dank, Vedric. Gut gemacht. Lass mich dir eine weitere Frage stellen: Wie spricht dein Vater von mir?”

“Seine Majestät. König Folrin. Oder der König”, antwortete der Junge ohne Zögern.

“In der Tat. Und wie verweist er auf deine Großmutter?”

“Malriel.”

“Immer? Da gibt es keinen anderen Namen, mit dem er sie bedenkt? Nicht einmal, wenn er verärgert ist?”

Vedric dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf.

“Bestens. Ich gestehe, dass mich Lord Enrics Voraussicht hinsichtlich seiner Ausdrucksweise sogar in privatem Umfeld nicht überrascht. Ich könnte mir denken, dass es hier eine Lektion zu lernen gibt, sowohl für dich als auch deine Mutter. Nämlich, dass man sich auf lange Sicht Ärger ersparen kann, wenn man von einer Person stets mit ihrem ordentlichen Namen oder ihrem Titel spricht, selbst wenn man verstimmt ist.”

“Jawohl, Eure Majestät”, murmelte Eryn und hielt ihren Blick zurückhaltend zu Boden gerichtet, um ihre Frustration darüber zu verbergen, dass sie gemeinsam mit einem Fünfjährigen belehrt wurde.

“Vedric”, fuhr König Folrin fort, “ich habe einen wichtigen Auftrag für dich. Ich brauche deine Unterstützung, damit wir deiner Mutter bei ihrem… Problem mit dem Zeigen von Respekt helfen können. Somit ersuche ich dich also, sie jedes Mal zu korrigieren, wenn sie einen Ausdruck benutzt, den man nicht als höflich oder respektvoll betrachten würde. Kann ich mich in dieser Sache auf dich verlassen?”

Der Junge straffte die Schultern und nickte, unverkennbar begeistert, dass man als wichtig genug erachtete für das Privileg, dem König persönlich zu Diensten sein zu dürfen.

“Ausgezeichnet.”

* * *

Tyront bedeutete Enric, im Salon Platz zu nehmen, während er selbst zwei Gläser mit dem Wein füllte, den Enric bekanntermaßen bevorzugte. Obwohl der Grund für diese Zusammenkunft Ordensangelegenheiten betraf, wollte er sie dennoch nicht in seinem Arbeitszimmer abhalten. Sein erstes Zusammentreffen allein mit Enric nach einigen Monaten der Trennung, im Laufe derer es lediglich schriftlichen Austausch gab, musste in einer freundlicheren Umgebung stattfinden. Seit ihrer ersten und bislang einzigen Auseinandersetzung vor einigen Jahren, als Enric den Befehl seines Vorgesetzten ignoriert und den König beinahe bis zur Leblosigkeit gewürgt hatte, war Tyront darauf bedacht, dass sie sich stets freundschaftlich trennten, wenn Enric das Land verlassen musste, und mit gleicher Wärme wieder aufeinandertrafen.

“So”, sagte Enric, nachdem er das Glas entgegengenommen hatte. “Heraus damit.”

Tyront hielt sich nicht damit auf vorzugeben, es gäbe nichts, das er ansprechen wollte. Etwas, das er nicht während ihres ersten Treffens am gleichen Tag in Eryns Gegenwart hatte erwähnen wollen.

“Ich muss dich nach Bonhet schicken, damit du einen Blick darauf wirfst, wie die Dinge in dem neu errichteten Ordensaußenposten laufen. Unsere Kollegen dort sollen nicht vergessen, dass sie uns weiterhin Rechenschaft schulden, auch wenn sie nun an einem anderen Ort als dem Hauptquartier stationiert sind.”

Enric nickte. Der Auftrag versetzte ihn nicht eben in Begeisterung, doch er war vernünftig. Und ganz unerwartet kam er zudem nicht. Dies war das erste Mal seit Jahrhunderten, dass Magiern gestattet wurde, die Hauptstadt zu verlassen und sich anderswo niederzulassen. Nun, nicht genau dort, wo sie wollten, sondern in einem designierten Ordensaußenposten, aber dennoch. Es musste von Beginn an klar sein, dass dieser neue Standort ihnen keinerlei Unabhängigkeit von den Richtlinien des Ordens oder den damit verbundenen Pflichten gewährte. Und wer war besser dazu geeignet, ihnen das ins Gedächtnis zu rufen als die Nummer zwei des Ordens? Tyront stand es nicht frei herumzureisen, er musste kurzfristig verfügbar sein und den Rat der Magier im Zaum halten.

“Du könntest Eryn und den Jungen mitnehmen”, schlug Tyront vor als wollte er den Befehl, mit dem er ihn so kurz nach seiner Ankunft aus den Westlichen Territorien schon wieder auf den Weg schickte, etwas abmildern. “Ein paar Heiler werden dort immerhin ebenfalls stationiert sein. Sie könnte sich bei deren Eingewöhnung als hilfreich erweisen.”

Der jüngere Mann lächelte in Anerkennung der Geste, schüttelte aber bedauernd den Kopf. “Es wäre nicht fair, sie schon so bald wieder von hier fortzubringen. Sie braucht etwas Zeit, um den Kontakt mit den Leuten, die ihr nahestehen, wieder zu festigen und sich über all die Veränderungen in unserer Abwesenheit zu informieren. Es gibt immer ein paar Schwierigkeiten, die es in keine der Nachrichten schaffen, die man uns schickt und die nach unserer Rückkehr hierher Stück für Stück aufgedeckt werden müssen. Und Vedric muss sich auch rasch hier an den Alltag gewöhnen. Immerhin soll er in ein paar Monaten seinen Unterricht hier beginnen.”

“Ich weiß, dass du es ebenfalls vorziehen würdest, nicht zu gehen”, meinte Tyront und lehnte sich mit seinem Glas zurück. “Und ich schätze es, dass du dich weder beschwerst noch versuchst, mich umzustimmen. Ich werde dich nicht lange fortschicken. Zwei oder drei Tage sollten ausreichen um sicherzustellen, dass dort alles in Ordnung ist.”

Für den Moment, dachte Enric. Der zweite neue Außenposten in Rokhstend sollte in ein paar Monaten eröffnet werden, und er hegte keinen Zweifel daran, dass man ihn auch dorthin entsenden würde. Und ihn immer auf die Reise schicken würde, wenn es Schwierigkeiten an einem Standort gab und seine Autorität oder Erfahrung erforderlich waren, um sich darum zu kümmern. Doch zumindest waren Vögel verfügbar, um zügig mit den Außenposten zu kommunizieren und kleinere Angelegenheiten rasch und ohne die Notwendigkeit einer Reise zu erledigen, wenn sich Schwierigkeiten ergaben.

“Dann würde ich vorschlagen, dass du dich in den nächsten paar Tagen auf den Weg machst, damit du bald wieder zurückkehren und dich endlich hier eingewöhnen kannst. Wie ich höre, hat Vern sein neues Quartier bereits bezogen”, bemerkte Tyront und lenkte das Thema damit von der unbequemen Entsendung weg.

“Ja, das hat er. Es ist nicht weit von der Klinik entfernt, also hat er einen kurzen Arbeitsweg. Das Geld, das er in Takhan mit seiner Kunst verdient hat, ermöglicht ihm, sich eine Unterkunft zu nehmen, die sich nicht viele in seinem Alter leisten könnten, ohne auf die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern zurückzugreifen.”

Der Anführer des Ordens nickte. “Ich weiß. Zumindest wird er es gemütlich haben. Das ist ein positiver Aspekt, da ich annehme, dass es nicht leicht für ihn sein wird, hierher zurückzukehren, wo sein künstlerisches Talent so wenig geschätzt wird.”

Genau das bereitete auch Enric Sorgen. Vern war seit dem Beginn seines Trainings in Takhan kein einziges Mal zurück in Anyueel gewesen. Außer den Gelegenheiten, wo ihn seine Familie in Takhan besuchte, hatte er keinerlei Kontakt mit seinem Heimatland gepflegt. Seinen Möglichkeiten hier in Anyueel waren Grenzen gesetzt, die es in Takhan einfach nicht gab. Er fragte sich, ob Vern dies frustrierend finden und ob der Junge, oder eher junge Mann, damit fertigwerden würde.

“Orrin ist enorm froh, seinen Jungen zurückzuhaben”, schmunzelte Tyront. “Ich kann nicht einmal mehr zählen, wie oft ich ihm versichern musste, dass Vern keine Möglichkeit hat, seinen Aufenthalt nach dem Ablegen seiner Zertifizierungsprüfungen noch zu verlängern, dass der Orden einer möglichen Anfrage dieser Art nicht zustimmen würde. Nicht, dass der Junge es versucht hätte, wohlgemerkt. Entweder hat er seine Heimat vermisst und wollte zurückkommen, er wollte seinem Vater nicht das Herz brechen, oder er wusste, dass es wenig Hoffnung gab, dass wir ihn noch länger dortbleiben lassen.”

“Wir werden ihm allerdings die Erlaubnis erteilen müssen, gelegentlich für kurze Besuche nach Takhan zurückkehren”, betonte Enric. “Er hat dort viele Freunde gewonnen und wird auch den Kontakt mit seinen Kollegen und den anderen Künstlern pflegen wollen.” Was ein weiterer Punkt war, der das Potential barg, Vern Kummer zu bescheren – er ließ wesentlich mehr Freunde in Takhan zurück als er in Anyueel vorfand. Doch zumindest Geliebte hatte er keine in Takhan zurücklassen müssen. Ein gebrochenes Herz zusätzlich zu seinem Neubeginn in Anyueel hätte ihm die Sache erheblich erschwert. Allerdings waren Verns Affären für ihre kurze Dauer und große Anzahl bekannt. Sie hatten niemals lange genug gedauert, als dass daraus eine ernsthafte Verbundenheit mit einer seiner Partnerinnen für vergnügliche Stunden entstehen hätte können.

“Das wird kein Problem sein. Wir werden darauf bestehen, dass er seine Besuche so ansetzt, dass er gemeinsam mit euch nach Anyueel zurückkehren kann.”

Enric schwenkte den Wein in seinem Glas und beobachtete, wie die dunkle Flüssigkeit das Licht schluckte. “Du fürchtest also, dass er nicht freiwillig zurückkehren würde, wenn niemand sicherstellt, dass er an Bord des Schiffes geht?”

“Ganz so drastisch würde ich es nicht ausdrücken, doch es schadet nicht, auf Nummer sicher zu gehen.”

Enric nickte. Dem stimmte er vollkommen zu.

* * *

Zum ersten Mal in sechs Monaten stieß Eryn die Türen der Klinik wieder auf. Dieser Akt vermittelte ihr das Gefühl, als käme sie zum zweiten Mal nach Hause. Ganz egal, dass Lord Poron zum Oberhaupt der Heiler bestellt worden war – sie betrachtete all das hier immer noch als ihres. Sie hatte es ins Rollen gebracht, aufgebaut, darüber gewacht und sein Wachstum unterstützt. Obgleich sie Bedauern verspürte, wenn sie daran dachte, dass ein beträchtlicher Teil dieses Wachstums und der Veränderungen nun in ihrer Abwesenheit geschahen. Natürlich hatte Lord Poron sie mit seinen Nachrichten über alles, was während ihrer Aufenthalte in Takhan passiert war, auf dem Laufenden gehalten, doch es war ein Unterschied, ob man aktiv daran teilnehmen konnte, einen Ort zu formen, oder ob man darüber informiert wurde, wie es andere taten.

Selbst jetzt nach ihrer Rückkehr war Eryn nicht wirklich in einer Position, Entscheidungen zu treffen. Sie konnte Lord Poron und den König lediglich beraten und abwarten, ob man ihre Ideen als brauchbar genug erachtete, um sie umzusetzen. Nicht, dass sie sich darüber beschweren konnte, dass man ihren Rat ignorierte. Ganz im Gegenteil – beide waren bestrebt, sie einzubinden und den Eindruck zu vermeiden, sie gehöre nicht länger hierher. Dennoch war dieser Tage alles so ungemein bürokratisch geworden. Sicher, eine wachsende Anzahl an Heilern aus zwei verschiedenen Ländern, die in der Klinik arbeiteten, sowie die erste Gruppe an nicht-magischen Heilern, die sie vor einem Jahr aufgenommen hatten, erforderte eine gewisse Struktur – das war ihr durchaus bewusst. Doch ihrer Ansicht nach war hier auch die Handschrift des Ordens unverkennbar. Wenn die Dinge ohnehin bereits kompliziert waren, dann vermochte es der Orden, sie beinahe undurchschaubar zu gestalten. Alles hatte auf ihre lange bewährte, staubige, bürokratische Art und Weise zu geschehen.

Sie setzte ihren Weg in die obere Küche, die sie vor zwei Jahren eingerichtet hatten, fort. Dank der wachsenden Zahl an Heilern sowohl aus Takhan als auch Anyueel war der kleine Raum unten der Herausforderung, allen Platz zu bieten, einfach nicht mehr gewachsen gewesen.

Neuankömmlinge gewöhnten sich rasch an die Routine, den Tag mit einer informellen Zusammenkunft in der Küche zu beginnen, ein warmes Getränk zu sich zu nehmen und über dieses und jenes zu tratschen. Es war ein wirksamer Weg, um unter den Heilern ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu stärken und half auch dabei, Neuzugänge der gesamten Belegschaft vorzustellen.

Jubel brach aus, als Eryn den Raum betrat, und Lebern – einer der ersten Heiler, die sie nach Eröffnung der Klinik vor sieben Jahren aufgenommen und ausgebildet hatte – rief aus: “Seht nur, wer von der anderen Seite des Meeres zurückgekehrt ist! Lady Maltheá von Haus Vel’kim!”

Eryn warf ihm einen bösen Blick zu. Er wusste genau, wie sehr sie es hasste, mit ihrem Titel und ihrem in Takhan offiziellen Namen angesprochen zu werden. Der Name, der sie noch immer mit Malriel von Haus Aren verband, da er zeigte, dass sie der gleichen Familie entstammten.

“Mach nur weiter so, und ich werde die Sachen, die ich aus Takhan mitgebracht habe, wieder zurückschicken.”

Lebern horchte auf. “Du hast Geschenke mitgebracht?”

“Natürlich habe ich das. Einige Instrumentengarnituren für Diagnose und Behandlung, zwei weitere Bücher über Heilkräuter, die mein Vater verfasst hat, und einige Fässer von diesem entsetzlichen Getränk, das ihr so toll findet, weil es euch wach und aufmerksam hält.”

Onil lachte. “Wenn du so weitermachst, werden wir dich jedes Mal mit einer Parade begrüßen müssen, wenn du aus Takhan zurückkommst.”

Eryn schüttelte den Kopf, froh darüber, dass sie trotz der zunehmenden Anzahl an Heilern und ihren eigenen immer wiederkehrenden langen Abwesenheit so mühelos ihren Platz unter ihnen fand. “Opportunistischer Haufen. Geht mir aus dem Weg, ich brauche etwas zu trinken.”

“Das Übliche?”, fragte ein anderer Heiler. Auf ihr Nicken hin nahm er einen Becher zur Hand, füllte ihn mit Wasser und schüttelte ein wenig ihres bevorzugten Kräuterpuders aus einem Vorratsglas hinein, bevor er das Getränk mit etwas Magie erhitzte und ihr reichte.

Eryn lächelte dankbar und genoss das wohlige Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, wo die Leute ihr das Gefühl gaben, dass sie dazugehörte, wo man wusste, was sie morgens gerne trank und wo man sie jedes Mal nach ihrer Ankunft willkommen hieß.

“Bist du auf dem Weg zu LP?”, fragte Lebern grinsend. Mit LP bezog man sich dieser Tage auf Lord Poron, zuweilen sogar in seiner Gegenwart. Ihn störte es allerdings nicht, sondern er betrachtete es als Kosenamen.”

“Ja, warum?”

“Dann mach dich auf eine winzig kleine Überraschung gefasst.”

Auf ihren fragenden Blick hin grinste er nur und hegte ganz offensichtlich keinerlei Absicht, sie wissen zu lassen, was sie erwartete.

“Also schön, dann gehe ich mal los und sehe mir an, was diese kryptische Bemerkung zu bedeuten hat. Die Sachen aus Takhan sollten heute irgendwann vom Hafen geliefert werden. Seht zu, dass jemand dafür unterschreibt und sie dann verstaut.”

Damit wandte sie sich ab und ging die paar Schritte zu Lord Porons Arbeitszimmer.

“Herein”, hörte sie ihn auf ihr Klopfen hin antworten und öffnete die Tür.

Loft mit seinem kahlen Haupt und ewigem Stirnrunzeln stand vor dem Schreibtisch, ohne mehr als einen flüchtigen Blick in ihre Richtung zu werfen. Augenscheinlich war er ebenso wenig begeistert über das Zusammentreffen mit ihr wie sie es war, ihn zu sehen. Sie tauschten ein knappes Nicken, dann machte sich Loft in Richtung der Verbindungstür davon und verschwand in sein eigenes Zimmer.

Lord Poron stand von seinem Stuhl auf und lächelte bei ihrem Anblick erfreut.

Eryn erwiderte das Lächeln, dann blinzelte sie. Ach du lieber Himmel! Er sah anders aus, und zwar radikal. Das war es offenkundig, worauf Lebern angespielt hatte. Lord Poron erschien nicht länger wie ein Mann in seinen Achtzigern, sondern hatte etwa zwanzig Jahre abgestreift.

“Ihr seht…” Sie hielt inne und überlegte, wie sich dieser unverkennbare Wandel höflich ansprechen ließ. Manche Leute reagierten etwas empfindlich, wenn jemand eine kosmetische Veränderung kommentierte.

“Jünger aus?”, schlug Lord Poron mit einem amüsierten Glänzen in seinen Augen vor.

Gut. Zumindest gab er sich nicht der Illusion hin, die Leute würden die dramatische Veränderung seines Erscheinungsbildes nicht sofort bemerken.

“Ja. Jünger.” Sie näherte sich seinem Schreibtisch und nahm davor Platz, als er auf einen Sessel deutete. “Wie kommt das? Ihr wart stets recht widerwillig, auch nur die Beschwerden wegzuheilen, die das Alter mit sich brachte. Ihr sagtet, Ihr fändet es frivol, Eure Magie und Euer Heilerwissen für so etwas einzusetzen. Was hat Eure Meinung geändert?”

Er lachte leise. “Mehrere Faktoren. Zum einen war da Aurna.”

Sie grinste. Wie es aussah, hatte seine Gefährtin also weniger Bedenken dabei, Magie für Zwecke außerhalb der medizinischen Notwendigkeit einzusetzen.

Er fuhr fort: “Vor ein paar Monaten überredete sie mich, sie ein wenig jünger erscheinen zu lassen. Nun, nicht nur ein wenig, wenn ich vollkommen ehrlich bin. Sie sieht jetzt so alt wie Vyril aus.”

Eryns Augenbrauen wölbten sich nach oben. So alt wie Tyronts Gefährtin? Das bedeutete, dass Aurna nun fünfundzwanzig Jahre jünger aussah!

“Aurnas Falten haben mich nie gestört”, seufzte er. “Zusammen alt zu werden ist ein Privileg, wenn man eine Person findet, an der man hängt. Sich dem Teil mit dem Altern zu verwehren und einfach nur das Zusammensein genießen fühlt sich noch immer ein wenig wie Schummeln an. Als wären wir unwillig, den Preis zu bezahlen. Doch nach einigen Monaten, in denen ich mich geweigert hatte, schaffte Aurna es schlussendlich, mich zu überreden. Sie ist meine Gefährtin, also wie könnte ich ihr auf Dauer verweigern, was sie sich so inniglich wünscht, wenn es in meiner Macht steht, ihr solch eine Veränderung zu gewähren?”

Sie nickte. “Natürlich konntet Ihr das nicht. Und das hat Euch dazu bewogen, auch Euer eigenes Erscheinungsbild zu verändern?”

“Nicht zu Beginn. Ich war durchaus zufrieden damit, meinem Alter entsprechend auszusehen. Doch eines Tages gingen wir zu einem der Geschäfte auf der anderen Seite der Stadt, wo wir uns sonst nicht aufhalten und man uns nicht kennt. Irgendeine Freundin von Aurna hatte ihr ein kleines Porzellangeschäft für besonders kunstvolle Schalen empfohlen. Ich war an diesem Tag ohne meine Robe unterwegs.” Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. “Der Betreiber des Geschäfts fragte mich, ob ich nicht ein reizendes Set an kunstvoll gefertigten und bemalten Vasen für meine zauberhafte Tochter erstehen wollte.”

Eryn lachte und sah die Entrüstung, die die Erinnerung daran noch immer auslöste, in sein Gesicht geschrieben.

“Nun, ich bin froh, dass Ihr Euch auf eine Lösung geeinigt habt, die Euch beide glücklich macht.”

“Mit glücklich bin ich mir in meinem Fall noch nicht ganz sicher. Ich betrachte es immer noch als frivol, doch meine Irritation darüber, für den Vater meiner eigenen Gefährtin gehalten zu werden, wog erheblich schwerer als mein Unwille, mich einer kosmetischen Veränderung zu unterziehen.”

Sie grinste. “Das kleinere Übel zu wählen mag nicht immer der Pfad zu wahrer Glückseligkeit sein, doch zuweilen müssen wir uns damit zufriedengeben, wenn wir das Unglücklichsein vermeiden können.”

Der alte Mann lächelte, wobei er nun erheblich weniger Falten zeigte. “Weise Worte, meine Liebe. So, erzähl mir von deinen Plänen für die Klinik, jetzt, wo du wieder zurück bist. Die Dinge bleiben kaum lange unverändert, sobald du aus den Westlichen Territorien zurückkehrst. Ich möchte lediglich wissen, worauf ich mich dieses Mal einstellen muss.”

Schulterzuckend nahm sie einen Schluck aus ihrem Becher. “Ob Ihr es nun glaubt oder nicht, langsam gehen mir die revolutionären neuen Konzepte aus. Ich glaube, dieses Mal können wir uns auf die Veränderungen konzentrieren, die Ihr in Euren Briefen als notwendig bezeichnet habt. Wie die Vergrößerung der Räumlichkeiten, jetzt wo wir weiterhin neue Heilerlehrlinge sowie Praktikanten und Heiler aus Takhan aufnehmen.”

“Das ist eine Erleichterung, muss ich gestehen. Ich bin nicht sicher, dass wir über die Ressourcen verfügen, um mehrere Innovationen gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Der König ließ mich wissen, dass es mir grundsätzlich freisteht zu tun was immer ich möchte, solange er nicht dafür bezahlen oder sich hinterher mit irgendwelchem Ärger herumplagen muss”, informierte Lord Poron sie. “Bedauerlicherweise ist der Platz um unser Gebäude herum beschränkt, weshalb es uns nicht freisteht, die Klinik nach Herzenslust umzubauen und zu vergrößern. Jedoch lässt sich wohl ein ähnlich brauchbares Resultat erzielen, wenn wir nahegelegene Gebäude erwerben. Damit würde einhergehen, dass wir Bereiche, die weitgehend unabhängig operieren, in die andere Örtlichkeit umsiedeln.”

“Wie kosmetische Veränderungen”, meinte Eryn nachdenklich. “Oder vorbeugende Schwangerschafts- und Gesundheitsuntersuchungen.”

Er nickte. “Genau daran dachte ich auch. Ich bin froh, dass wir hier übereinstimmen. Ich habe zudem überlegt, Plia und die Kräuter umzusiedeln, doch das würde wenig Sinn ergeben. Wir brauchen sie dort, wo der Bedarf an Medizin am größten ist. Auf lange Sicht könnten wir auch in Betracht ziehen, den Unterricht in ein anderes Gebäude zu verlegen. Der Unterrichtsbereich umfasst derzeit fünf ganze Räume, und wenn wir zusätzliche Nichtmagier als Heilerlehrlinge aufnehmen wollen, wird das nicht reichen.”

Eryn biss sich auf die Lippe. Eine Heilerschule… Das klang umwerfend.

Der ältere Heiler lächelte über ihren Gesichtsausdruck. “Ich kann sehen, dass dir die Idee zusagt. Nichts anderes hatte ich erwartet, gebe ich zu.”

“Da Ihr davon sprecht, weitere Nicht-Magier aufzunehmen, gehe ich davon aus, dass sich der erste Jahrgang an Schülern wacker schlägt? Das Konzept entwickelt sich vielversprechend?”

“Ich freue mich berichten zu können, dass dies auf jeden Fall zutrifft. Sarol von Haus Roal war dabei eine enorme Hilfe. Wir korrespondieren regelmäßig miteinander, und seit unserer Aufnahme von nichtmagischen Schülern hat er uns bereits zweimal besucht. Unter all diesem rauen Verhalten war erkennbar, dass er große Stück auf das hält, was wir hier tun – obwohl Magier diejenigen sind, die es tun.”

Eryn wusste, dass das stimmte. Er selbst hatte als Heiler ohne magische Fähigkeiten in einer Stadt, in der das Heilen vorwiegend von Magiern in Angriff genommen wurde, mehr als genug Hindernisse überwinden müssen. Die Konsequenz davon war, dass Nicht-Magier mit Diskriminierung zu kämpfen hatten. Natürlich nicht offiziell. Zumindest nicht in einer Klinik, wo Valrad von Haus Vel’kim an der Spitze stand.

“Ich habe dir geschrieben, dass ich überlegt habe, unsere Vereinbarung mit den Apothekern aufzukündigen, wenn du dich erinnerst”, fuhr er fort. Sie nickte, woraufhin er weitersprach: “Sie lassen nicht davon ab, Plia das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die meisten von ihnen fühlen sich ungerecht behandelt, wenn sie von einer Sorte Medizin mehr bestellt als von einer anderen. Sie unterstellen ihr, dass sie sich ihre Lieblinge herauspickt. Was vollkommener Unsinn ist. Ich bat Loft, die Ausgaben und die Anzahl der Verschreibungen zu überprüfen, und sie bestellt die Produkte in Übereinstimmung mit dem, was benötigt wird. Sie ist übrigens recht geschickt darin geworden, den Bedarf erstaunlich genau vorauszusehen. Eine sehr fähige junge Dame.”

Stolz und Vergnügen durchströmten Eryn bei dem Lob. Es tat gut zu hören, dass Plias harte Arbeit und Fertigkeiten geschätzt wurden. Später würde sie die Lobesworte an das Mädchen weitergeben.

“Hat sich die Situation seither verbessert?”, wollte sie wissen.

Mit einem traurigen Seufzen äußerte er sich gegenteilig. “Nein, überhaupt nicht. Ich habe entschieden, unsere Zusammenarbeit mit ihnen zu beenden und Plias Bereich zu erweitern. Sie vor einigen Jahren als medizinische Herbalistin aufzunehmen war ein schlauer Zug. Andernfalls wären wir nun stark von den Apothekern abhängig. Wie auch immer, mit einem der Apotheker würde ich gerne weiterhin arbeiten; ich werde ihm ein Angebot unterbreiten, in der Klinik anzufangen. Sofern er zustimmt, unter Plia zu arbeiten, versteht sich. Dann werde ich mit Plia besprechen, wie viel mehr Leute ihrer Ansicht nach benötigt werden, um die erforderlichen Mengen und die Bandbreite an Medizin herzustellen.”

“Das klingt fabelhaft. Ich denke, wir haben uns ihre ständigen Streitereien jetzt lange genug angesehen. Habt Ihr schon entschieden, welche Heiler Ihr zum neuen Ordensaußenposten nach Bonhet schicken werdet?”, fragte sie.

“Das habe ich tatsächlich. Felden bat mich, ihn zu entsenden, und ich denke, er ist eine gute Wahl. Als einer der Heiler der ersten Stunde hier hat er genug Erfahrung, um ohne ständige Beaufsichtigung außerhalb der Hauptstadt und mit recht beschränkten Ressourcen zu heilen. Zwei der drei Heiler aus Takhan haben sich ebenfalls freiwillig gemeldet. Ich vermute, dass sie einen Standort näher an ihrer Heimat vorziehen. Das würde ihre Reisezeit für einen Besuch in Takhan um ein Drittel reduzieren. Ich werde einen von ihnen mitschicken. Und zusätzlich noch einen der frisch ausgelernten Heiler. Drei Heiler sollten für den Moment ausreichen. Sollte es vorübergehend Bedarf für mehr geben, können wir ihn decken, wenn es schlagend wird.”

Eryn nickte langsam. Sie würde Felden auf jeden Fall vermissen, stimmte aber zu, dass er eine gute Wahl war. Jemand würde seinen Unterricht übernehmen müssen. Aber mit zwei qualifizierten Heilern aus Takhan mit weitreichender Erfahrung im Heilen, die hier verblieben, war das kein Problem. Die der ersten Klasse an frisch qualifizierten Heilern wollte sie noch nicht zum Unterrichten einsetzen. Sie sollten sich zuerst wahrhaftig in ihren neuen Beruf einfinden anstatt zu versuchen, Erfahrung an andere weiterzugeben, die sie selbst noch nicht gesammelt hatten.

Lord Poron hob die Hände. “Das war es so ziemlich von meiner Seite. Ich schätze, du wirst deine Arbeit hier bald wiederaufnehmen?”

“Morgen, wenn es Euch recht ist. Ich habe die meisten der ermüdenden Treffen, die mich nach meiner Rückkehr hier immer erwarten, hinter mir. Somit kann ich meine Zeit nun für etwas Nützliches verwenden.”

“Ich werde Loft instruieren, er möge dich ab morgen in den Dienstplan miteinbeziehen. Deine üblichen Präferenzen? Dreimal pro Woche, einmal davon Nachtschicht?”

“Ja, so wie immer”, bestätigte sie. “Werde ich Euch heute Abend bei Inads Veranstaltung sehen?”

“Aber auf jeden Fall. Wie du sehr wohl weißt, meine liebe Eryn, würde Aurna niemals eine Zusammenkunft versäumen, bei der du anwesend bist.”

Eryn schnalzte mit der Zunge. “Hofft sie etwa immer noch auf irgendwelche Skandale oder unterhaltsamen Ausrutscher?”

Hilflos hob er die Hände. “Was soll ich dazu sagen? Ganz egal, wie höflich und zurückhaltend du dich in diesen letzten paar Jahren gezeigt hast, so glaubt sie doch immer noch, dass es diesen ungezähmten Teil von dir gibt, der eines Tages wieder hervortreten wird. Und sie ist fest entschlossen dabei zu sein.”

Sie schnaubte. “Das ist keine besonders freundliche Gesinnung, muss ich sagen. Zumindest nicht, wenn es um Leute geht, die sie zu mögen behauptet.”

Lord Poron zog die Schultern hoch. “Ich widerspreche dir nicht. So ist Aurna eben, immer bereit, sich auf Kosten anderer zu amüsieren. Aber in deinem Fall zieht sie es vor, wenn du nicht diejenige bist, die einstecken muss, wie ich wohl hinzufügen sollte.”

Sie kam auf die Beine und seufzte. “Das macht keinen großen Unterschied. Wenn jemand anderer als ich Ärger abbekommt, bin ich für gewöhnlich trotzdem diejenige, die hinterher entweder mit Tyront oder dem König Schwierigkeiten hat. Eure Gefährtin wird es mir also verzeihen, wenn ich nach einem friedlichen, wenn auch wenig erinnerungswürdigen Abend strebe anstatt ihr die Abwechslung zu bescheren, nach der sie sich sehnt.”

Er lachte. “Ich werde das so an sie weitergeben – und eine Standpauke riskieren, weil ich dir überhaupt davon erzählt habe.”

Das entlockte ihr ein Grinsen. “Die Gefahren einer Beziehung, was?”

* * *

Eryns Schritte wurden langsamer, als sie Vern vor den Türen der Klinik erblickte. Er starrte darauf, während sich seine Fäuste öffneten und erneut ballten, als wäre er dabei, den Mut zum Betreten des Gebäudes zu sammeln. Das war seltsam. Das war nicht sein erstes Mal in der Klinik seit seiner Rückkehr aus Takhan; soweit sie wusste, hatte er bereits zwei oder drei Schichten hier gearbeitet. Warum zögerte er hineinzugehen? War etwas vorgefallen?

Sie beschleunigte wieder, näherte sich ihm und gab vor, seine offenkundige Scheu nicht bemerkt zu haben.

“Guten Morgen”, sagte sie fröhlich und lächelte ihn an.

Er erwiderte das Lächeln, doch es reichte nicht bis zu seinen Augen.

Sie ließ jegliche Verstellung fallen, griff nach seinem Ärmel und zog ihn mit sich fort vom Eingang und um die nächste Ecke.

“Was ist los?”

“Nichts!”, versicherte er ihr eilig, unverkennbar lügend.

“Vern, ich bin weder blind noch dumm. Heraus damit! Irgendetwas stimmt nicht, und ich will wissen, was. Hast du mit irgendeinem der Heiler Ärger? Oder mit einem Patienten?”

“Nein, nichts dergleichen. Es ist nur…” Er gestikulierte hilflos. “Es liegt an mir. Oder an allem anderen, wie auch immer man es sehen will. Ich meine… ich bin hierher zurückgekommen in der Erwartung, ich würde zu Dingen zurückkehren, die ich kenne, zu einer Stadt, mit der ich vertraut bin. Aber nichts ist mehr so wie damals, als ich fortging! Ich fühle mich verloren und allein in meinem neuen Quartier. Ich habe noch nie zuvor allein gelebt. Und dann ist da die Klinik. Schau, es ist großartig, dass sich die Dinge auf diese Weise entwickelt haben, doch ich ging von hier weg als es gerade einmal eine Handvoll Heiler und Rolan gab und wir versucht haben, die Dinge irgendwie am Laufen zu halten. Es war nicht wichtig, dass keiner von uns irgendeine Ahnung davon hatte, wie man ein Heilzentrum führt, wir haben einfach herumexperimentiert und die Dinge währenddessen verbessert. Jetzt ist dieser Ort jeden Tag für das Heilen geöffnet und voll mit neuen Heilern und Lehrlingen. Da ist noch etwas – nicht einmal die Straßen sehen wie früher aus, wenn ich sie entlanggehe. Der Hafen, den Enric neu bauen hat lassen, sieht jetzt vollkommen anders aus. So riesig. Viele Magier, die ich sehe, tragen jetzt violette Roben anstatt der braunen Kriegerroben, die vor sechs Jahren fast die einzigen waren, die man sah. Und dann sind da die Leute aus den Westlichen Territorien mit ihrer dunkleren Haut und schwarzen Haaren… Versteh mich nicht falsch – ich liebe es, wie sich die Dinge entwickelt haben, diesen ganzen Austausch zwischen den beiden Ländern. Doch es ist einfach nur ein weiterer Faktor, der mich erkennen lässt, dass ich tatsächlich nicht mehr an den Ort zurückgekehrt bin, den ich vor einigen Jahren verlassen habe. Ich war ein Gast in Takhan, und nun fühle ich mich wie ein Eindringling in Anyueel.” Er schloss die Augen und lehnte seine Stirn gegen die kühle Steinwand der Klinik.

Eryn schluckte. Das war eine Menge gewesen. Und sie wusste, dass sie ihm damit nicht wirklich helfen konnte. Das war ein Prozess der Wiedereingewöhnung, den er irgendwie durchstehen musste.

“Ich weiß, dass es schwierig ist, Vern. Ich erinnere mich daran, wie es war, als ich nach sechs Monaten zum ersten Mal aus Takhan zurückkam. Das war eine wesentlich kürzere Zeitspanne als die, die du dort verbracht hast, also gab es nicht ganz so viele Veränderungen, doch ich kann mir vorstellen, dass das hier wirklich hart für dich sein muss. Du wirst Zeit brauchen um herauszufinden, wo dein neuer Platz in Anyueel ist, um wieder ein Teil davon zu werden. Du bist ebenfalls nicht die gleiche Person, die du warst, als du von hier fortgingst, also müssen sich die Leute auch erst wieder an dich gewöhnen.”

“Ich vermisse meine Freunde in Takhan bereits”, murmelte er. “Und ich habe keine Kleider, die sich für die Temperaturen hier eignen. Unter meiner Heilerrobe friere ich ständig.”

“Aber das kann kaum ein großes Problem darstellen, oder? Du erinnerst dich doch wohl, dass die Gefährtin deines Vaters eine Schneiderin ist?”

“Ich bin deprimiert, nicht hirntot, vielen Dank”, knurrte er. “Ich habe mich bereits von ihr vermessen lassen, aber sie wird noch zwei Tage brauchen, bis sie die ersten beiden Garnituren an Kleidung für mich fertig hat. Sie hat mir angeboten, in der Zwischenzeit ein paar Sachen von meinem Vater zu tragen, aber die sehen absolut lächerlich an mir aus. Ich meine, er ist ein Krieger mit breiten Schultern – in eines seiner Hemden passe ich fast zweimal!”

“Also hast du dich stattdessen entschieden zu frieren?”, fragte sie nach.

“Nun, ja. Das ist auf jeden Fall die würdevollere Option.”

Eryn nahm seinen Arm, um ihn zurück zum Eingang der Klinik zu ziehen. “Zumindest in dieser Sache kann ich dir helfen, denke ich. Nimm einfach zwei zusätzliche Garnituren an Heilerkleidung mit, wenn du heute heimgehst. Wenn du sie in Verbindung mit deiner Robe trägst, solltest du das Frieren auf ein Minimum begrenzen können.”

“In Ordnung. Danke. Das schätze ich wirklich.”

Sie betraten das Gebäude und sahen, wie Loft aus einem Behandlungszimmer herauskam und das nächste betrat, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

“Und wessen vollkommen irrsinnige Idee war es überhaupt, ihn zu Rolans Nachfolger zu machen?”, flüsterte Vern.

“Offiziell die von Rolan und Lord Poron. Aber ich verdächtige den König”, erwiderte Eryn ebenso leise. “Ich glaube, dass dies zwei Zwecken dienen sollte: Er wollte den Klotz loswerden und sich außerdem gut damit unterhalten, indem er in den kommenden Jahren zusieht, wie ich mich mit ihm herumplage.”

Loft tauchte wieder aus dem Zimmer auf und hielt kurz inne, um sie anzusehen, woraufhin sie augenblicklich zu sprechen aufhörten. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen. Er öffnete seinen Mund, schien seine Meinung aber dann zu ändern und entfernte sich wortlos in Richtung der Treppe, zweifellos auf dem Weg in sein Arbeitszimmer.

Sie setzten ihren Weg zur oberen Küche fort, wo bereits ein paar Heiler und Lehrlinge vor ihrer Schicht zusammensaßen oder standen. Eryn bemerkte, wie sich Vern versteifte, als er Plia mit Onil sprechen sah. Es schien also erhebliche Spannungen zwischen den beiden zu geben.

Als Plia die Neuankömmlinge erblickte, lächelte sie Eryn an und nickte Vern höflich zu, bevor sie sich damit entschuldigte, es warte viel Arbeit auf sie.

Vern nahm Eryns betont ausdruckslose Miene in sich auf. “Dir gefällt das, oder? Du denkst, dass ich genau das verdiene. Oder irre ich mich?”

In gespielter Überraschung erwiderte sie: “Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.”

“Ich werde das wieder in Ordnung bringen. Ich werde sie heute nach der Arbeit nach Hause begleiten und mich entschuldigen.”

Eryn nickte. “Ein guter Plan. Finde ich fabelhaft. Auf diese Weise wirst du den netten jungen Mann kennenlernen, mit dem sie sich seit zwei Jahren trifft. Er ist großartig. Jeden Abend nach der Arbeit holt er sie ab und bringt sie heim. Das befürworte ich sehr, weil es sie dazu motiviert, ihre Schichten zu einer zivilisierten Stunde zu beenden.”

Sie beobachtete, wie Verns Miene in sich zusammenfiel.

“Sie trifft sich mit jemandem? Schon seit zwei ganzen Jahren?” Er klang ungläubig.

Ein paar Gesichter drehten sich zu ihnen um, also zog Eryn ihn in eine Ecke und flüsterte: “Du bist in Takhan von einem Bett in das nächste gesprungen, also wie kann es dich überraschen, dass Plia eine Beziehung hat? Sie ist eine ungewöhnlich schöne und kluge junge Frau mit einem respektablen Beruf und einem guten Einkommen – wie kommst du auf die Idee, niemand könnte sich für sie interessieren? Die Leute drehen sich nach ihr um, wenn sie sie auf der Straße sehen, und wann immer sie etwas kauft, bieten ihr die Händler einen Preisnachlass an, nur damit sie lächelt! Was hast du erwartet?”

Vern errötete und stammelte: “Ich… nun… also… nichts. Ich habe nichts erwartet. Ich muss jetzt los. Und wegen zusätzlicher Kleidung nachsehen…”

Eryn rieb sich über das Gesicht. Armer, törichter junger Mann. Zusätzlich zu allem, mit dem er jetzt schon kämpfte, schien er nun auch noch entdeckt zu haben, dass er sich noch immer zu Plia hingezogen fühlte. Damit sollte er wohl besser achtgeben, dachte sie. Plias Galan war nicht gerade von der lesewütigen Sorte, sondern arbeitete täglich mit scharfen und schweren Werkzeugen. Und er war angetan von Plia und beschützte sie. Sie war absolut sicher, dass es Ärger bedeutete, wenn ein anderer Mann Interesse an ihr zeigte.

 

Kapitel 3

Gespräche von einem Erben

 

Enric klopfte bei Lord Remdels Haus. Ein Diener öffnete kurz darauf die Tür, verbeugte sich, gewährte ihnen Zutritt zum Eingangsbereich und nahm sich alsdann ihrer Umhänge an.

Ein Ausbruch schrillen Gelächters aus dem Salon zu ihrer Linken ließ Eryn resigniert ausatmen. “Das war es, was ich in diesen letzten Monaten vermisst habe – Inads gezierte Heiterkeitsbekundungen”, murmelte sie.

“Dann bin ich ja froh, dass du nicht länger ohne sie auskommen musst. Zumindest eine Zeitlang nicht”, erwiderte Enric.

Der Diener, der ihre Umhänge an sich genommen hatte, kehrte zurück und führte sie in den Salon.

“Lady Eryn! Lord Enric!”, rief Inad mit solch tiefempfundenem Entzücken, dass Eryn sich ob ihrer eigenen Gefühle ein klein wenig schuldig fühlte. Von jemandem gemocht zu werden, den sie selbst gerade so tolerierte, löste ein schlechtes Gewissen bei ihr aus. Soweit es Inad betraf, war ihr dieses Gefühl in den letzten sechs Jahren ein ständiger Begleiter gewesen.

“Inad”, lächelte Enric und ergriff die Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Wie stets erfreute er sie auch dieses Mal damit, dass er die formale Begrüßung aus den Westlichen Territorien vollführte und ihre Hand küsste.

Somit blieb Eryn kaum eine andere Wahl als es ihm gleichzutun und die Geste zu vollführen, mit der Frauen einander in ihrem Herkunftsland begrüßten, indem sie die Finger ihrer linken Hand mit Inads verschränkte. Es bescherte Inad die Gelegenheit, weltgewandt zu wirken.

“Ich bin so erfreut, Euch hier zu haben. Es ist schon zu einer Art Tradition geworden, dass Ihr Euren ersten geselligen Abend bei einer meiner Zusammenkünfte verbringt, ist es nicht so?”, schwatzte sie laut genug, um von allen gehört zu werden.

Sicher, dachte Eryn, das war auch der Grund, weshalb Inad erhebliche Mühen darauf verwendete herauszufinden, wann genau sie zurückkehrten, damit sie die Erste sein konnte, die exakt zwei Tage nach ihrer Rückkehr nach Anyueel Einladungen ausschicken konnte.

“Ja”, lächelte Eryn, “es ist wirklich ein charmanter Zufall, dass du diese Anlässe stets so kurz nach unserer Ankunft veranstaltest.”

Enric warf ihr einen warnenden Blick zu, doch ihre Gastgeberin lächelte nur mit vorgetäuschter Bescheidenheit, offenkundig zuversichtlich in der Illusion, dass ihr kleiner Plot unentdeckt blieb.

Sie gingen weiter in die Richtung, wo Enrics Mutter Gerit mit Vyril zusammenstand und sich zwanglos mit ihr unterhielt.

“Guten Abend, Mutter”, begrüßte ihr Sohn sie und beugte sich hinab, um ihre Wangen zu küssen, bevor er sich Vyril zuwandte. “Und auch dir einen guten Abend. Wo ist Tyront?”

“Er wird etwas später zu uns stoßen. Da gibt es irgendein Detail mit der Schatzkammer, um das er sich mit Lord Seagon kümmern muss, soweit ich das verstanden habe. Aber ich gehe davon aus, dass es nichts Wichtiges ist, sonst hätte man dich ebenfalls verständigt”, fügte sie hinzu, als sie seine Gedanken erriet.

Junar und Orrin betraten den Salon, erspähten sie und kamen sofort auf sie zu.

“Ich frage mich, wie gut Vern damit zurechtkommen wird, wenn er zwei Kinder zu hüten hat”, sorgte sich Junar, nachdem sie alle begrüßt hatte. “Ich weiß, dass er mehr als in der Lage ist, sich um Téa zu kümmern, aber Téa und Vedric gemeinsam…”

Eryn winkte ab. “Er bekommt das sicher ganz fabelhaft hin. Außerdem weiß er genau, wohin er sich wenden kann, sollte er sich nicht mehr zu helfen wissen. Ich habe Plia gebeten, sie möge zuhause bleiben, damit er ihr einen Boten schicken kann, falls er Hilfe benötigt.”

“Vielleicht hätten wir überhaupt besser Plia gefragt”, erwiderte die Schneiderin. “Sie hat früher schon auf die beiden aufgepasst und weiß somit, womit sie es zu tun hat.”

“Ich finde deinen Mangel an Vertrauen in meinen Sohn verstörend”, meinte Orrin, den ihre Zweifel an den Fähigkeiten seines Nachkommens ein wenig schmerzten. “Ich bin zuversichtlich, dass er alles im Griff hat. Es wird auf jeden Fall eine Herausforderung für ihn werden. Doch er ist mein Sohn, er wird sich durchsetzen.”

Das brachte Eryn zum Lachen. “Ich erinnere mich an das erste Mal, als du dich um beide gekümmert hast. Du warst nach ungefähr drei Stunden kurz davor, vor Verzweiflung in Tränen auszubrechen.”

“Das ist vollkommener Unsinn”, bestritt der Krieger steif. “Das kannst du nicht beweisen.”

“Das brauche ich auch nicht. Ich weiß, was ich gesehen habe. Und du weißt ebenfalls, dass ich Recht habe.”

Junar räusperte sich. “Themenwechsel. Gerit, wie ich höre, hast du dich entschieden, im Waisenhaus auszuhelfen? Ich finde, das ist eine ganz wunderbare Idee.”

Eryn blinzelte und wandte sich Enrics Mutter zu. “Tatsächlich?”

Gerit nickte. “Ja. Ich habe mehr Zeit zur Verfügung als ich füllen kann, wenn ihr drei in Takhan seid. Also entschied ich mich dazu, Vyril im Waisenhaus unter die Arme zu greifen. Es hilft mir auch dabei, die Zeit zu überbrücken, bis ich meinen Enkel wiedersehe”, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, das die Traurigkeit hinter ihren Worten nicht ganz zu überdecken vermochte.

Natürlich. Aus dem Haus ihres früheren Gefährten Anwin fortzugehen war nicht nur eine Befreiung von einem Leben als Dienerin sowohl ihres Gefährten als auch ihres Sohnes gewesen, sondern hatte sie auch den Kontakt zu ihren beiden dort lebenden Enkelkindern gekostet. Die beiden anderen Enkel, die Kinder ihrer Tochter Leris, lebten zu weit von der Stadt entfernt, um sie regelmäßig zu sehen. Somit überschüttete sie Vedric jedes Mal, wenn er ein halbes Jahr in Anyueel verbrachte, mit all ihrer großmütterlichen Zuwendung. Und solange er fort war, musste es da eine Lücke in ihrem Leben geben; eine, die sie offensichtlich zu füllen entschieden hatte, indem sie Kindern eine Großmutter ersetzte, die keine hatten.

Eryn befürwortete die Idee. Sowohl die Waisen als auch Gerit würden davon profitieren.

Lord Poron und Aurna gesellten sich als nächste zu ihnen, wodurch es erforderlich wurde, den Kreis ein wenig zu vergrößern.

Eryns Augen wanderten von Vyril zu Aurna. Sie wirkten in der Tat, als wären sie etwa gleich alt. Verblüffend. Natürlich hatte sie selbst ihren Anteil an kosmetischen Veränderungen durchgeführt, da dies dafür sorgte, dass Geld in die Schatzkammer der Klinik floss; doch kaum jemals so ausgiebige und nicht bei Leuten, die sie gut kannte.

Vyril schüttelte den Kopf. “Aurna, ich kann noch immer nicht glauben, wie fabelhaft du aussiehst. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass neben dir zu stehen jemals dazu führen könnte, dass ich mich alt fühle. Ich verspüre den Drang, Eryn ebenfalls um eine Verjüngung anzubetteln. Oder deinen Gefährten, was das betrifft. Offensichtlich hat er ein beachtliches Talent dafür.”

Lord Poron lachte. “Ich musste rasch eines entwickeln; das war nichts als reine Notwendigkeit, um unser Überleben zu sichern. Bevor Heiler aus Takhan zu uns stießen, war Eryn die Einzige, die in der Lage war, diese Prozeduren durchzuführen und so die finanzielle Unabhängigkeit der Klinik sicherzustellen. Das bedeutete, dass es mir als Oberhaupt der Heiler zufiel, diese Pflicht zu übernehmen. Da die Nachfrage nach kosmetischen Veränderungen seither immens gewachsen ist, hatte ich ausreichend Gelegenheit, meine Fertigkeiten in diesem Bereich zu praktizieren und zu verfeinern.” Er zwinkerte Vyril zu. “Meine Dienste stehen dir zur Verfügung, Vyril – im Austausch für ein kleines Vermögen, versteht sich.”

“Schande über dich, Poron”, rief Vyril in gespielter Verzweiflung aus, “du würdest mir tatsächlich den vollen Preis verrechnen? Nach all den Jahren, die wir uns nun schon kennen? Und auch wenn man bedenkt, dass die Veränderungen, die du an deiner Gefährtin durchgeführt hast, der Grund dafür sind, weshalb ich es selbst in Betracht ziehe?”

Lord Poron zuckte mit den Schultern. “Du kannst immer noch deine gute Freundin Eryn konsultieren. Ich habe keinerlei Zweifel, dass sie dir für ihre Dienste sehr wenig – wenn überhaupt etwas – verrechnen würde. Doch es ist bekannt, dass sie kaum Begeisterung dafür aufbringt. Wenn du willens bist, ihr verstimmtes Gesicht zu ertragen, um dir Geld zu ersparen…”

Enric grinste. “Wenn man die Preise für kosmetische Veränderungen bedenkt, würde ich meinen, dass eine Menge Leute bereit wären, Eryns schmollende Miene für eine Weile zu ertragen, wenn sie im Gegenzug eine kostenlose Behandlung erhielten.”

“Herzallerliebst”, kommentierte Eryn säuerlich. “Sprecht doch einfach weiterhin so über mich, als stünde ich nicht direkt neben euch.” Sie drehte erleichtert den Kopf, als Inad sich zu ihnen stellte, hinter ihr ein Diener mit einem Tablett mit Weingläsern.

“Bitte, nehmt ein Glas”, drängte die Gastgeberin. “Das Abendessen wird in ein paar Minuten serviert, also bleibt noch ein wenig Zeit, um uns entspannt zu unterhalten.”

Jeder der Gäste nahm gehorsam ein Glas entgegen.

Anstatt weiterzugehen zu ihren anderen Gästen, blieb Inad bei der Gruppe und schickte den Diener mit einer Geste fort. Trotz der Tatsache, dass Eryn Inads Gegenwart nicht eben genoss, war sie froh, dass dadurch die anderen davon abgehalten wurden, ihre Unterhaltung über Eryns Abneigung kosmetischen Veränderungen gegenüber fortzusetzen.

“Gerit”, rief die Gastgeberin aus, nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort auf eine Weise zu äußern, als wäre es nicht von allergrößter Wichtigkeit, “du musst ja ungemein glücklich sein, dass du deine Familie wieder aus der Fremde zurückhast! Der kleine Vedric muss enorm gewachsen sein – das tun sie in dem Alter doch immer, nicht wahr?” Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr sie fort: “Du musst kommen und mich besuchen, wenn du das nächste Mal auf ihn aufpasst! Mein eigener Enkel ist mit siebzehn Jahren nicht mehr wirklich ein Kind.” Sie wandte sich Eryn zu. “Übrigens wurde mir gesagt, dass er in Betracht zieht, in den Heilerberuf einzusteigen! Wie wunderbar – unser eigener Heiler in der Familie!”

Eryn zwang sich zu einem Lächeln, während sich in ihrem Inneren alles verkrampfte. “Einfach wunderbar.” Natürlich wäre Inad ungemein erfreut darüber, einen Heiler zu ihrer Verfügung zu haben – sie rechnete mit kostenlosen kosmetischen Veränderungen für sich selbst. Eryn erinnerte sich an Inads Enkel, als sie Orrin vor ein paar Jahren bei seinem Kampfunterricht assistieren hatte müssen. Ein frecher Junge, der seine Gedanken geradeheraus sagte und der ungemein überzeugt war von der Wichtigkeit sein Großvaters, der einen Sitz im Rat der Magier hatte. Es war ungerecht von ihr anzunehmen, dass er noch immer die gleiche Person war, dass das Älterwerden ihn nicht auf die eine oder andere Weise hatte reifen lassen. Und doch war sie froh, dass die Entscheidung, ob man ihn als Heilerlehrling aufnehmen sollte, nicht die ihre war, sondern Lord Poron zufiel.

“Ich hoffe doch, dass du keinerlei bevorzugte Behandlung für deinen Enkel erwartest, Inad”, warnte Lord Poron sie mit für ihn ungewohnter Strenge. Es schien, als wäre er ebenfalls darüber besorgt, Inads Wünschen nachkommen zu müssen. “Wir sind sehr gewissenhaft, wenn es um die Auswahl derer geht, die sich dem ausgiebigen Training unterziehen dürfen. Wir suchen uns jene Kandidaten aus, die uns überzeugen, dass sie über die Ausdauer, Disziplin und Fähigkeiten verfügen, um das mühsame und lange Training erfolgreich abzuschließen und dann hinterher Erfüllung in ihrem Beruf als Heiler finden.”

“Aber selbstverständlich nicht”, kam Inads hastiger Ausruf. Augenscheinlich war sie zutiefst betroffen von solch einer Unterstellung. Auch wenn ihr Gesichtsausdruck nur allzu deutlich zeigte, dass sie genau darauf gehofft hatte.

Eryn fragte sich, ob Inads Enkel wohl dahingehend beeinflusst worden war, das Heilen als eine wünschenswerte Berufswahl zu erachten, oder ob das tatsächlich seinen eigenen Neigungen entsprach. Nun, das herauszufinden war Lord Porons Aufgabe.

Ein Diener näherte sich seiner Herrin und flüsterte in ihr Ohr. Inad nickte einmal, dann wandte sie sich ihren Gästen zu und verkündete: “Das Mahl ist serviert! Bitte folgt mir in das Esszimmer.”

Orrin war der Mann, der der Gastgeberin am nächsten stand und zögerte keinen Augenblick, als es darum ging zu tun, was von ihm erwartet wurde – ihr seinen Arm anzubieten. Lord Poron geleitete Junar und Aurna, während Enric seine Mutter und Eryn zum Esstisch führte. Vyril akzeptierte huldreich Lord Woldarns Arm, da Tyront noch nicht aufgetaucht war.

Eryn beteiligte sich nicht an den Unterhaltungen während des Essens, schenkte ihnen nicht einmal Aufmerksamkeit, sondern erlaubte ihren Gedanken, zu ihrer bevorstehenden ersten Schicht am nächsten Tag zu schweifen. Obwohl sie in der Einrichtung alles andere als eine Fremde war, so war doch jeder erste Tag immer wieder anders. Jedes Mal, wenn sie zurückkehrte, waren da neue Leute und kleine Veränderungen, mit denen sie sich erst vertraut machen musste. Und auch ihr übliches Spiel, Loft so gut es ging aus dem Weg zu gehen.

“Wie geht es der guten Malriel?”, drängte sich Inads Stimme in ihre Gedanken. Die Frage war nicht an sie, sondern an Enric gerichtet, doch trotzdem weckte sie ihre Aufmerksamkeit. Anspannung – eine natürliche Reaktion auf alles Gefährliche, dachte sie ironisch und kehrte zu ihren Gedanken zurück, als Enric zu antworten begann.

Erst als die Nachspeise serviert wurde, wandte man sich einem Thema zu, das Eryns Aufmerksamkeit fesselte.

“…langsam Zeit für ihn, dass er zusieht, dass er dem Land einen Erben beschert, oder etwa nicht?”, äußerte sich Lord Woldarns Gefährtin und Inads enge Freundin Elset im Brustton der Überzeugung. “Wie alt ist er mittlerweile? Vierunddreißig? In dieser Sache hat er die Dinge wahrlich schleifen lassen, muss ich sagen.”

“Nun, in den letzten Jahren war er recht beschäftigt damit, einen stabilen, dauerhaften Kontakt mit einem Land zu etablieren, von dem wir über Jahrhunderte hinweg abgeschnitten waren”, warf Eryn zur Überraschung der Anwesenden ein. Sie konnte selbst kaum glauben, dass sie den König und was die Gesellschaft offensichtlich als eine Pflichtverletzung von seiner Seite erachtete, verteidigte.

“Das mag eine Ansicht sein”, kam Lord Woldarn seiner Gefährtin zu Hilfe, “doch ein Kind zu zeugen ist wohl kaum solch eine aufwändige Aufgabe, sollte man meinen.”

Diese geistlose Bemerkung brachte ihm ein paar leise Lacher ein. Eryn unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen.

“Das ist wohl wahr, doch ein Kind so großzuziehen, dass es in der Lage ist, die Führung eines ganzen Landes zu übernehmen, ist jedenfalls ein beträchtlicher Aufwand. Und ich sehe nicht wirklich, wie er diese Aufgabe an irgendjemanden sonst delegieren könnte. Immerhin ist er der Einzige, der in dieser Hinsicht über Erfahrung verfügt.” Im Interesse von Höflichkeit und Diplomatie schluckte sie den letzten Teil, den sie noch hinzufügen hatte wollen – dass es für den König nicht ganz so leicht war wie für die meisten anderen reichen Leute in diesem Land, die die Erziehung ihrer Kinder schlicht an Diener übertrugen.

Das Geistesband vermittelte ihr, dass sich Enric amüsierte. Immerhin war sie normalerweise nicht dafür bekannt, zur Verteidigung des Königs zu eilen. Ganz im Gegenteil.

“Elset hat nicht ganz Unrecht”, meldete sich nun Lord Poron zu Wort. “Der König muss langsam darüber nachdenken, Kinder in die Welt zu setzen. Anders als unsere Freunde in den Westlichen Territorien, die ihre Anführer wählen, sind wir hier auf einen Thronerben aus der Blutlinie des Königs angewiesen. Wie die Geschichte uns bereits mehr als einmal gezeigt hat, führt das Fehlen eines direkten Nachkommen tendenziell zu Spannungen und zuweilen sogar zu Erbfolgekriegen. Das würden wir doch nicht wollen.”

Eryn erwiderte nichts darauf. Es gab wenig, das sie sagen konnte, um sein Argument zu entkräften. Und doch war der Gedanke, sich zum Nutzen anderer Leute fortzupflanzen nichts, dem sie zustimmen konnte, ganz egal, ob König oder nicht. Sie selbst war gezwungen worden, ein Kind zu bekommen, weil Malriel auf einem Enkelkind aus ihrer direkten Abstammung bestand. Somit wäre sie also die Letzte, die Druck auf den König ausüben würde, damit er dem Königreich einen Erben schenkte. Es gab immer noch einen anderen Weg, um die Nachfolge zu sichern. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, einen fähigen Cousin dafür heranzuziehen. Wäre das Königreich weniger traditionell in seiner Herangehensweise an Adoptionen, hätte dies eine weitere Lösung dargestellt. Doch Adoption war nur so lange erlaubt, wie die zu adoptierende Person noch unmündig war. Eine Einschränkung, mit der man sich in den Westlichen Territorien nicht aufhielt; dort fand man die Ansichten im Königreich in dieser Hinsicht recht befremdlich und unpraktisch.

Später, als sie in ihrer Kutsche den Heimweg angetreten hatten, fragte Eryn: “Stimmst du dem zu? Denkst du ebenfalls, dass der König als Teil seiner Pflichten dem Königreich gegenüber ein Kind bekommen sollte? Das würde miteinschließen, dass er sich eine Gefährtin sucht, die weitgehend nur diesem Zweck dient, sofern Zeit wirklich solch ein wichtiger Faktor ist, wie die Leute zu denken scheinen.”

Enric spitzte die Lippen. Wenn er ihre eigene Erfahrung mit Malriels Fruchtbarkeitstrank bedachte und auch ihre Missbilligung von Ram’ans Entscheidung, sich eine Gefährtin nur für die Bereitstellung eines Erben zu nehmen, wusste er, dass er hier achtsam antworten musste.

“Ich glaube nicht, dass es darauf eine simple Antwort gibt, Liebste. In unserer Kultur ist es bedauerlicherweise recht klar, was von einem König erwartet wird. Idealerweise würde er sich in eine Frau mit passendem Hintergrund verlieben, zwei oder drei Kinder mit ihr bekommen und das Geschäftliche mit dem Vergnüglichen verbinden. Doch die einzige Frau, die er sich bislang an seiner Seite hätte vorstellen können, warst du. Die Frage ist nun, wie tolerant wir als seine Untertanen sein können oder wollen, wenn es darum geht, ihm ausreichend Zeit zuzugestehen, auf dass er seine Suche nach einer Frau fortsetzen kann, die er tatsächlich lieben anstatt nur an seiner Seite akzeptieren kann.”

Sie seufzte. “Du hast das Problem ungemein kurz und bündig zusammengefasst, gut gemacht. Allerdings hast du es versäumt, meine Frage zu beantworten.”

“Ich denke, dass er ziemlich rasch eine Lösung für diese Situation finden muss. Es kümmert mich nicht wirklich, ob er das tut, indem er ein Kind mit einer zufällig ausgewählten Frau zeugt oder die Adoptionsgesetze ändert. Aber du darfst dich darauf verlassen, dass er sich sehr wohl darüber im Klaren ist, dass er in dieser Sache handeln muss – mehr als jeder andere.”

Das konnte sie glauben. So etwas würde der Aufmerksamkeit des Königs wohl kaum entgehen.

*  *  *

Eryn pfiff leise durch die Zähne, als sie mit Enric um die Ecke zum Thronsaal bog und Ram’kel von Haus Arbil, Ram’ans jüngeren Bruder und Botschafter in Anyueel, vor der hohen Doppeltür erblickte.

“Sieh dir das an”, murmelte sie. “Wir sind offenbar nicht die Einzigen, die heute vorgeladen wurden. Ich werde immer neugieriger, was der König will.”

Enric teilte dieses Gefühl und nickte Ram’kel zu, als sie zu ihm stießen. Er war gerade von seinem kurzen Besuch in Bonhet zurückgekehrt, wohin Tyront ihn entsandt hatte. Nicht so sehr, um wirklich irgendetwas dort zu erledigen, sondern vorwiegend, um Präsenz zu zeigen und als Mahnung zu fungieren, dass die Anführer des Ordens niemals weit entfernt waren. Nach seiner Rückkehr hatte Eryn ihn informiert, dass er mit ihr zum König kommen sollte. Wie immer hatte seine Nachricht keinerlei Hinweis darauf enthalten, weshalb er sie zu sehen wünschte.

“Eryn. Enric. Eure Anwesenheit verspricht, dass die Sache interessant wird”, kommentierte der Botschafter, der offenbar ebenso wenig informiert war.

Erst jetzt öffneten die Wachen die Türen und verkündeten die Namen der drei.

“Lord Enric von Haus Aren. Lady Eryn von Haus Vel’kim. Botschafter Ram’kel von Haus Arbil.”

“Das klingt, als würde er doppelt so viele Leute ankündigen dank all dieses unnötigen Unsinns mit den Häusern”, murmelte Eryn, trat aber gehorsam mit den beiden Männern ein.

König Folrin und sein Berater Marrin standen auf dem Thronpodest und warteten geduldig darauf, dass sie sich näherten.

“Lady Eryn. Lord Enric. Botschafter”, begrüßte König Folrin sie mit einem knappen huldvollen Kopfnicken. “Es gibt da eine Angelegenheit, die viele als eine von beträchtlicher Bedeutsamkeit beurteilen würden, und in deren Zusammenhang ich Euch um Euren Rat bitten möchte”, begann er, ohne Zeit auf irgendwelche Höflichkeiten zu verschwenden. “Und um Eure Hilfe bei dem Unterfangen, das in Angriff zu nehmen ich im Begriff bin. Wie Ihr alle wisst, bin ich nicht nur bestrebt, unsere freundschaftliche Beziehung zu den Westlichen Territorien aufrechtzuerhalten, sondern ich will sie auch auf jede erdenkliche Weise fördern, die ich als klug erachte. Zusätzlich dazu gibt es da eine Pflicht, die zu erfüllen von mir erwartet wird. Eine, von der viele meinen, ich hätte sie bislang vernachlässigt. Bis zu einem gewissen Grad muss ich einräumen, dass dies nicht ganz unwahr ist. Somit möchte ich diese Gelegenheit ergreifen, um zwei Ziele auf einmal zu verfolgen.”

Eryns Gedanken sprangen zurück zu dem Abend vor ein paar Tagen – der, bei dem die recht dringliche Pflicht des Königs zur Bereitstellung eines Thronerben diskutiert wurde. Und nun sprach er von einer Pflicht, die er vernachlässigt hatte, und seinem Wunsch, die Verbindung zu den Westlichen Territorien zu stärken.

Sie lächelte. Davon ausgehend gab es nur eine einzige offensichtliche Schlussfolgerung, was seine Absichten betraf. Das war ein Thema, das ihm unangenehm war, weshalb er darum herumredete anstatt zum Punkt zu kommen, wie er es sonst typischerweise vorzog.

“Die Gelegenheit, eine Gefährtin aus den Westlichen Territorien zu nehmen”, äußerte sie gelassen.

Der König starrte sie an, unfähig, seine Überraschung und Fassungslosigkeit zu verbergen. Das dauerte allerdings nur eine Sekunde, dann hatte er sich wieder im Griff und lächelte sie an.

“Ein Kompliment an Eure Kombinationsgabe, Lady Eryn. Wie immens befriedigend, dass all der Unterricht und die praktische Erfahrung der letzten paar Jahre Eure Fähigkeit zur Anwendung von gesundem Menschenverstand zu schärfen vermochten.”

Darüber zog sie nur eine Augenbraue hoch und begegnete seinem Blick ohne zu blinzeln. Spiel nur herunter, dass ich dich durchschaut habe und dir das überhaupt nicht passt, dachte sie, zufrieden mit seiner Verstimmung. Dies war das allererste Mal, dass sie seine Absichten rascher erraten hatte, als ihm lieb war. Sie beabsichtigte, diesen Moment auszukosten, ihn in ihrem Gedächtnis zu verankern, damit sie ihn zu ihrer Aufmunterung hervorholen konnte, wenn sie ihn brauchte. Sein Versuch, sie zu entmutigen, damit er damit seine eigene Unzulänglichkeit überdenken konnte, machte es nur umso süßer.

König Folrin wandte sich wieder an die beiden Männer. “Wie Lady Eryn so scharfsinnig bemerkt hat, beabsichtige ich, eine Gefährtin zu nehmen. Idealerweise würde diese Dame aus den Westlichen Territorien stammen. Ich muss Euch nicht sagen, dass diese Auswahl keine Aufgabe ist, die leichtfertig in Angriff genommen werden kann. Meine Wahl wird sehr wahrscheinlich erheblichen Einfluss auf das politische Gleichgewicht in Takhan haben. Das Haus, zu dem meine zukünftige Gefährtin gehört, wird beträchtlichen Einfluss gewinnen, was dazu führen mag, dass sich existierende Allianzen auflösen und neue formen werden, die entweder von dieser neuen Entwicklung profitieren oder ihr entgegenwirken wollen.”

Enric gefiel nicht, wohin das führte. “Das bedeutet, Ihr befehlt uns, Euch beim Treffen einer Wahl zu assistieren, die so wenig politische Unruhe wie möglich nach sich zieht?”

Der Monarch hob sein Kinn. “Nein, nicht befehlen, Lord Enric. Ich bitte um Eure Unterstützung.”

Unterstützung, dachte Enric verärgert. Er wollte die Verantwortung delegieren, falls sich seine Wahl als problematischer herausstellte, als irgendjemand voraussehen konnte.

Des Königs Lächeln reichte nicht bis zu seinen Augen. “Ich weiß, was Ihr denkt, Lord Enric. Es ist genau das, was ich an Eurer Stelle ebenfalls vermuten würde. Doch lasst mich Euch versichern, dass ich absolut willens und in der Lage bin, die Konsequenzen meiner Handlungen selbst zu tragen.” Er trat direkt vor Enric hin, dann hob er seine Hand und berührte seinen eigenen Hals; eine Erinnerung an damals, als es Enrics Hand gewesen war, nachdem der König Eryn diesen einen Kuss aufgezwungen hatte. “Das habe ich schon immer. Oder würdet Ihr dem nicht zustimmen?”, meinte der König mit gedämpfter Stimme. Er trat einen Schritt zurück und wandte sich wieder an alle drei. “Worum ich Euch ersuche, ist Eure Hilfe bei meiner Entscheidung. Das Wissen, die Einblicke und die Erfahrung mit Takhan, über die Ihr verfügt, sind allem überlegen, was meine Quellen bereitzustellen imstande waren. Ihr sollt jene Dinge mit mir teilen, nach denen zu fragen ich nicht auf den Gedanken käme. Die Entscheidung, ob Ihr Eure Mitwirkung in diesem Prozess öffentlich machen wollt oder nicht, obliegt Euch selbst.”

Ram’kel war der Erste, der sich verbeugte und erwiderte: “Es wäre mir eine Ehre, Euch in dieser Angelegenheit zu Diensten zu sein, Eure Majestät.”

Enric zögerte noch ein paar Sekunden, dann nickte er. “Sowie auch mir.”

Alle drei wandten sich Eryn zu, die ihre Stirn in Falten zog und die Arme verschränkte. “Ich verstehe, weshalb Ihr ihre Hilfe wollt. Aber warum meine? Ich bin nicht darauf bedacht, Kontakte zu wichtigen Leuten zu pflegen. In vielen Fällen vermeide ich es sogar bewusst. Welche Unterstützung könnte ich wohl bieten, die mein Gefährte und der Botschafter nicht bereitstellen könnten?”

König Folrin bedachte sie mit einem dünnen Lächeln. “Ihr unterschätzt Eure Nützlichkeit, meine liebe Lady. Euch mag weder die gute Meinung, noch die Gesellschaft wichtiger Leute interessieren, doch Euer Status ist ein recht erhabener, Dank der Tatsache, dass Ihr die Tochter einer Triarchin und die Schwester des Oberhaupts eines Hauses seid sowie den höchstrangigen Heiler der Westlichen Territorien zum Vater habt. Zu Eurer Familie allein gehören ein paar der mächtigsten Leute des Landes. Selbst wenn Ihr also nicht die Nähe der Hohen und Mächtigen sucht, so lässt sich das in Eurem Fall nicht vermeiden. Und außerdem schätze ich Eure Meinung, meine Lady. Ich zähle auf Eure Hilfe bei der Bewertung jedes Vorschlags, der mir unterbreitet wird. Darf ich also auch auf Eure Hilfe hoffen, Lady Eryn? Sie wäre höchst willkommen.”

Nun, sie hatte kaum eine große Wahl in der Sache. “Selbstverständlich, Eure Majestät.”

“Ausgezeichnet. Ich würde Euch alle ersuchen, mir eine allgemeine Bewertung der aktuellen politischen Situation in Takhan zukommen zu lassen. Dies mag einen ersten Einblick dahingehend gewähren, welche Häuser schon aus Prinzip ausgeschlossen werden müssen. Lady Eryn, aufgrund Eures Desinteresses in allem, was Politik betriff, erwarte ich nicht, dass Euer Bericht ebenso detailliert ausfallen wird. Dennoch ist es eine gute Übung für Euch, um einen besseren Einblick zu erlangen, was in einem Eurer Aufenthaltsländer vor sich geht. Ich erwarte Eure Berichte samt ersten Empfehlungen hinsichtlich vorteilhafter Häuser in zehn Tagen. Ich verlasse mich darauf, dass Ihr diese Angelegenheit vorläufig vertraulich behandelt. Ihr seid entlassen.”

Eryn verbeugte sich steif und wartete, bis die beiden Männer es ihr gleichtaten, bevor sie sich alle umdrehten und den Thronsaal verließen.

Marrin lächelte. “Lord Enric und der Botschafter schienen sich nicht besonders an dem Einsatz zu stören, nachdem Ihr klargestellt habt, dass man sie nicht zur Verantwortung ziehen würde, sollte sich die schlussendliche Wahl als problematisch erweisen. Doch Lady Eryn war alles andere als begeistert darüber, dass sie sich involvieren soll. Ich frage mich, ob sie sich als so nützlich erweisen wird, wie Ihr hofft.”

König Folrins Lippen zuckten. “Nicht, wenn es darum geht, politische Situationen zu analysieren, da stimme ich rückhaltlos zu. Doch ich möchte sie von Anfang an miteinbeziehen, da sie sich als nützlich erweisen wird, wenn ich nach Takhan gehe und die Kandidatinnen, die wir auswählen, persönlich treffe. Trotz all der Zurückhaltung, die sie in höfischer Gesellschaft zu zeigen gelernt hat, ist sie von den dreien noch immer diejenige, die mir ihre Meinung am ehesten unverfälscht kundtut. Ich will sie keinesfalls dazu ermutigen, dies frei nach ihren Launen zu praktizieren, doch zweifellos ist es von Vorteil, wenn eine wichtige Entscheidung wie die Auswahl einer zukünftigen Königin für mich und mein Königreich ansteht.”

*  *  *

“Ich kann einfach nicht glauben, dass er uns da hineinzieht”, seufzte Eryn, nachdem Enric die Tür zu seinem Arbeitszimmer hinter ihr und Ram’kel, der ihnen in stillschweigender Übereinkunft gefolgt war, geschlossen hatte. Sie ließ sich auf das Sofa fallen, während die beiden Männer stehenblieben.

“Offensichtlich will er sich dieser Herausforderung nicht allein stellen”, meinte Ram’an achselzuckend. “Und bei Menschen mit Verbindungen und Einfluss in den Westlichen Territorien sowie einer engen Bindung zu ihm selbst ist es naheliegend, dass sie miteinbezieht”, strich er hervor. “Lasst es uns als Vertrauensbeweis anstatt einer mühsamen Aufgabe betrachten.”

Eryn rollte mit den Augen. “Du genießt es unverkennbar, wenn du wichtig sein kannst.”

Des Botschafters Miene blieb unbeeindruckt, als er erwiderte: “Aber natürlich. Was denkst du, was mich in erster Linie dazu bewogen hat, ein Botschafter zu werden? Nun lasst uns lieber über die Aufgabe sprechen, mit der wir betraut wurden.” Er sah zu Enric, der ihm signalisierte, er solle weitersprechen. “Ich kann euch eine allgemeine Übersicht über die Nachkommen der führenden Familie jedes Hauses zukommen lassen, an wen die aktuellen Generationen versprochen wurden und bereits verbunden sind, und auch, wer noch immer verfügbar ist. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass in den Hauptzweigen der Familien nicht mehr viele Kandidaten zur Verfügung stehen.”

“Ja”, murmelte Eryn, “weil ihr Kommitment-Vereinbarungen für sie abschließt, sobald sie alt genug sind, um einen Löffel zu halten. Sofern ihr überhaupt so lange wartet.”

Enric warf ihr einen warnenden Blick zu, um sie zum Schweigen zu bringen. Das war im Moment keine besonders hilfreiche Einstellung.

Ram’kel ließ sich dadurch nicht aus der Bahn werfen. “Für detailliertere Informationen über andere Mitglieder der Häuser, die nicht der direkten Linie des Oberhaupts entstammen, werden wir jemanden in Takhan kontaktieren müssen, der Zugriff auf diese Informationen hat.” Er sah Eryn an. “Ich würde vorschlagen, dass du deinen Vater ersuchst, uns hier behilflich zu sein. Zum einen lagern in der Klinik sämtliche medizinischen Akten über jeden, der jemals in Takhan geboren und behandelt wurde, und zum anderen hat die Vel’kim Familie noch ihre eigenen Aufzeichnungen über Erkrankungen und vererbte Leiden. Du wirst einfach nur zusehen müssen, dass du den Grund, weshalb wir diese Informationen benötigen, unerwähnt lässt, damit wir die Anforderungen seiner Majestät hinsichtlich Vertraulichkeit erfüllen.”

Eryn nickte. Das klang nach einem vernünftigen Plan. Auf diese Weise konnten sie sehen, wer überhaupt noch zu haben war. Mit ein wenig Glück würde das die Auswahl einschränken.

“So”, meinte Ram’kel mit einem Lächeln, “was denkt ihr über die Entscheidung des Königs, sich endlich eine Gefährtin zu nehmen und sein Land mit einer Königin und einem Erben zu beglücken?”

“Wir sind selbstverständlich begeistert”, erwiderte Enric trocken.

Eryn enthob sich einer Antwort. Sie war nicht ganz sicher, wie sie dazu stand. Sie hatte ihre eigenen unangenehmen Erfahrungen mit dem König gemacht, und eine Frau an ihn auszuliefern fühlte sich irgendwie… abartig an. Welche Art Frau würde sowohl zum König als auch dem Land passen? Eine, die genauso skrupel- und bedenkenlos war wie er selbst, damit sie auf persönlicher Ebene miteinander harmonierten? Aber was würde das für das Königreich bedeuten? War eine solche Person an der Spitze nicht mehr als genug? Doch was war die Alternative? Eine gütige und einfühlsame Frau, die sich um das Wohlergehen der Menschen sorgte, und die womöglich unter dem politischen Druck und der Frustration darüber, dass sie einen Gefährten mit vollkommen gegenteiligen Prioritäten hatte, zugrunde gehen würde? War der Versuch, jemanden zu finden, der sowohl zum Charakter des Königs passte als auch eine taugliche Königin war, überhaupt realistisch?

Und darüber hinaus musste diese Frau auch noch der richtigen Familie entstammen, damit sich politische Spannungen vermeiden ließen, die jede Vernunft sprengten. Ihm eine Gefährtin zu finden war wahrscheinlich die unangenehmste Aufgabe, die sie bislang von ihm erhalten hatte. Welch pures Vergnügen!

Natürlich konnte sie Ram’kel gegenüber nichts davon verlauten lassen, auch wenn sie den Verdacht hegte, dass ihm klar war, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Selbst nach fünf Jahren war sie noch immer nicht sicher, ob es ein schlauer Zug gewesen war, ihm zu der Position als Botschafter in Anyueel zu verhelfen. Er leistete keine schlechte Arbeit, wie sie widerwillig gestehen musste. Auch wenn er ihr die zweifelhafte Ehre zuteilwerden ließ, dass er in ihrer Gegenwart sein glattes, diplomatisches Benehmen ablegte und sie neckte und provozierte. Nicht in einem Ausmaß, dass es erforderlich machte, ihm Grenzen zu setzen, dafür war er zu klug. Aber genug, um sie zuweilen zu irritieren und den Drang in ihr zu wecken, ihm einen ordentlichen Tritt zu verpassen.

Ram’kel blickte zu Enric, da er offenkundig von Eryn keine hilfreichen Wortmeldungen erwartete. “Gibt es sonst noch etwas, das ich tun kann, um euch bei der Vorbereitung der Analyse zu helfen, die wir in zehn Tagen präsentieren sollen? Obwohl ich weiß, dass ihr eure eigenen Quellen habt, würde ich vorschlagen, dass wir die gleichen Informationen nicht mehr als einmal einholen. Das könnte sonst Argwohn auslösen und Gerüchten zum Start verhelfen – genau das, was wir zu diesem Zeitpunkt zu vermeiden trachten. Wir wollen nicht, dass die Häuser uns mit Vorschlägen für passende Kandidatinnen überhäufen und mit Warnungen, wenn wir ein Haus dem anderen vorziehen.”

Enric nickte. “Ich stimme zu. Wir werden es dich wissen lassen, falls wir zusätzliche Informationen benötigen, damit wir unsere Bemühungen zu deren Beschaffung koordinieren können.”

Der Botschafter nickte und ergriff Eryns Hand für einen Kuss, stets erfreut über den Funken an Ärger, der in ihren Augen auch nach all diesen Jahren immer noch aufblitzte. Es war eine unnötige Geste, wenn sie unter sich waren, und sie wusste, dass er es nur tat, weil sie Formalitäten jeder Art hasste. Umso mehr, wenn sie so vollkommen überflüssig waren wie in genau diesem Moment. Wenn er besonders verschmitzter Stimmung war, sprach er sie sogar mit Lady Maltheá an. Allerdings nicht heute. So weit ging er nie, wenn Enric zugegen war.

Sobald Ram’kel ihr Haus verlassen hatte, stöhnte Eryn und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

“Kannst du das glauben? Dieser Mann hat mich dazu gezwungen, dass ich deine Gefährtin werde, indem er mich bedrohte, dass er die Nacht mit mir verbringt, drängte mir einen Kuss auf, um dich zur Reise in die Westlichen Territorien zu veranlassen und hatte eine Affäre mit meiner eigenen Mutter! Und jetzt soll ich ihn dabei unterstützen, dass er eine Gefährtin findet? Wie absurd ist das denn bitte? Wo finde ich eine Frau, die ich ausreichend hasse, um ihr so etwas anzutun? Besonders, seit Valcredy nicht mehr verfügbar ist?”

Enric ignorierte ihre abschließende Bemerkung über Ram’ans Gefährtin. “So schlimm ist das nicht, Eryn. Der König hat uns beträchtlichen Einfluss auf die Zukunft des Königreichs gewährt, in dem er uns bat, ihm in dieser Angelegenheit zu helfen. Vorausgesetzt, er handelt gemäß unseren Empfehlungen, versteht sich.”

“Ich will diesen Einfluss nicht! Das mag dazu führen, dass die Leute oder der König selbst uns die Schuld geben, falls es danebengeht. Was ist, wenn sich die Königin als eine Art machthungrige Irre erweist? Der Kreis der verfügbaren Frauen wird immerhin nicht besonders groß sein. Abgesehen davon, dass sie aus dem richtigen – oder zumindest nicht dem falschen – Haus stammen soll, muss sie auch noch eine Nicht-Magierin sein, damit unsere Gesetze hier diesbezüglich nicht verletzt werden. Was schätzt du, wie viele Nicht-Magierinnen wir in führenden Familien einer Gesellschaft finden werden, wo im Verlauf der letzten paar Jahrhunderte auf magische Stärke bei Nachkommen größter Wert gelegt wurde?”

Er nickte. “Ich weiß. Niemand sagte, dass es eine einfache Aufgabe werden würde.”

Sie knirschte mit den Zähnen, schluckte aber ihre Antwort, als sich die Eingangstür öffnete und Vedrics Stimme erklang, als er sich mit seiner Großmutter unterhielt. Die hatte während ihres Treffens mit dem König auf ihn aufgepasst.

Wenig später kam der Junge in das Arbeitszimmer seines Vaters gerannt und warf sich in die Arme seiner Mutter.

“Wir haben heute Inad besucht!”, strahlte Vedric. “Sie sagt, wir sind verwandt!”

Eryn zwang sich zu einem Lächeln. Zumindest irgendjemand war erbaut über diese Kleinigkeit. “Dann hat es dir also bei Inad gefallen? Das freut mich zu hören.”

Gerit kam kurz darauf nach – wahrscheinlich, nachdem sie ihren eigenen und Vedrics Umhang ordentlich aufgehängt hatte. Da der Junge die Haken noch nicht erreichen konnte, ließ er den seinen einfach auf den Boden fallen. Sie musste zusehen, dass ein weiterer, tiefer liegender Haken an der Wand befestigt wurde, damit sie ihm beibringen konnte, nicht überall, wo er gerade unterwegs war, eine Unordnung zu hinterlassen.

“Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast”, meinte Enric zu seiner Mutter. “Wie ich höre, hat ihm der Besuch bei Inad gefallen.”

Gerit schenkte dem Jungen auf Eryns Schoß ein warmes Lächeln. “Ja, das hat er. Und er war so artig.”

Eryn zog eine Augenbraue hoch. “War er das? Bist du sicher, du hattest das richtige Kind dabei?”

“Oh, Mutter!”, jaulte der Junge. “Das war gemein! Ich bin anbetungswürdig. Inad hat das gesagt.”

“Mein Fehler. Ich würde Inad doch wohl nicht widersprechen wollen.”

Zufrieden, dass seine Mutter ihren Fehler eingestanden hatte, wandte er sich einem weiteren wichtigen Thema zu. “Kann ich ein Brötchen haben?”

Eryn schüttelte den Kopf. “Nein. Wir essen in etwa einer Stunde. Du würdest dir nur den Appetit verderben.”

“Nur eines? Biiiiiitte?”

Seine Mutter schüttelte den Kopf. “Nein. Du kannst eines haben, wenn du aufgegessen hast.”

“Du bist so streng!”, heulte er. “Warum nicht?”

“Weil du die Nährstoffe brauchst, damit du zu einem kräftigen Burschen heranwächst, und Brötchen enthalten die einfach nicht.”

“Warum?”

“Weil der Bäcker sie nicht dafür gedacht hat, dass sie anstatt einer richtigen Mahlzeit vertilgt werden, sondern als Nachspeise oder kleinen Imbiss zwischendurch.”

“Warum?”

Eryn entschied, den Fragen nun einen Riegel vorzuschieben. Es war eine Sache, ihrem Sohn Dinge zu erklären, damit er die Welt um sich herum etwas besser verstand, aber eine ganz andere, sich von ihm auf ihren Nerven herumtrampeln zu lassen. “Du solltest gehen und ihn das fragen.”

Er blinzelte. Das war nicht die Antwort, die er erwartet hatte. Sie beraubte ihn der Möglichkeit, seine knapp formulierte Fragerei fortzusetzen. Doch er konnte immer noch zum Ausgangsthema zurückkehren.

“Ich will ein Brötchen!”

Nun trat Enric vor und warf ihm einen strengen Blick zu. “Deine Mutter hat nein gesagt. Und wenn du nicht damit aufhörst, sie zu quälen, wird es später keine Nachspeise für dich geben.”

Vedric schmollte und verschränkte die Arme, erwiderte dieses Mal aber nichts darauf.

Gerit meldete sich zu Wort und streckte dem Jungen ihre Hand entgegen. “Ich habe Vyril versprochen, sie heute im Waisenhaus zu besuchen. Du kannst mich begleiten, wenn du möchtest.”

“Das Waisenhaus?” Vedric spitzte die Ohren. Seine Frustration darüber, dass er seiner Vorliebe für süße Brötchen nicht frönen durfte, war bereits vergessen. “ Gibt es in dem hier viele Jungs? In dem in Takhan leben ganz viele Jungs!”

“Ich denke, es gibt dort einige von ihnen, ja”, erwähnte seine Großmutter leichthin. “Bedeutet das, du kommst mit mir?”

“Ja! Ja! Ja!” Vedric sprang auf und klatschte in die Hände, bevor er aus dem Zimmer stürmte.

Eryn seufzte ausgiebig und blickte zu ihrem Gefährten empor. “Warum hört dieser Junge bloß niemals auf mich? Warum braucht es immer ein strenges Wort von dir, damit er still ist? Bin ich zu nachsichtig mit ihm? Sicher nicht! Junar sagt sogar, ich wäre strenger als notwendig. Nicht, dass das viel aussagt. Sie und Orrin verwöhnen ihre Tochter nach Strich und Faden. Das passiert, wenn eine Frau, die dachte, sie wäre unfruchtbar, und ein Mann in seinen Fünfzigern ein Kind miteinander haben.”

“Ich glaube nicht, dass es an dir liegt, Liebste. Es ist womöglich meine imposanter körperliche Erscheinung. Vergiss nicht, dass er mich beim Schwertkampf gesehen hat. Das mag ausreichen, um ihn zweimal nachdenken zu lassen, bevor er sich mir widersetzt.”

Seine Gefährtin schnaubte. “Genau das ist es, was er nicht lernen soll – dass ein Schwert zu schwingen und groß zu sein alles ist, was im Leben zählt.”

“Er ist erst fünf Jahre alt. Es wird noch ausreichend Gelegenheit für uns geben, ihm ordentliche Werte zu vermitteln.” Er zog sie vom Sofa hoch. “Komm, bereiten wir das Abendessen vor, solange Mutter Vedric beschäftigt.”

*  *  *

Mürrisch zog Eryn das Schwert. Zeit, es hinter sich zu bringen. Die erste Trainingsstunde mit Orrin nach ihrer Rückkehr aus dem Westen war immer die schwierigste. Während ihr gelegentliches Training in Takhan mit Kilan, Pe’tala oder Enric dazu diente, ihre Fähigkeiten lediglich auf dem aktuellen Level zu halten, war Orrin noch immer entschlossen, sie zu verbessern. Ganz egal, für wie unnötig sie selbst das erachtete. Doch Tyront hatte Orrin freie Hand gegeben, so fortzufahren, wie er es als nützlich erachtete, also konnte sie kaum etwas dagegen tun.

“Du weißt, dass das nächste Spiel in zwei Wochen stattfindet, nehme ich an?”, fragte Orrin, während er sie langsam zu umkreisen begann.

“Ich habe nicht die Absicht, daran teilzunehmen, wenn es das ist, worauf du hinauswillst”, erwiderte sie.

Seit sie vor sechs Jahren in Takhan mit der Idee aufgewartet hatte, war das Spiel zu einer regelmäßigen Veranstaltung gewachsen. Orrin und Enric hatten ein Regelwerk dazu entwickelt und sofort das Potential erkannt, dass sich die Leute auf diese Weise freiwillig zum Training ihrer Kampffertigkeiten veranlassen ließen. Seither hatte sich das Spiel in einen Wettkampf verwandelt. Sowohl in Takhan als auch in Anyueel veranstaltete man zweimal pro Jahr ein Spiel für die eigenen Leute – und eine größere Veranstaltung, bei der die besten Spieler jedes Landes gegeneinander antraten. Der Gewinner des Vorjahres war sodann der Gastgeber für das nächste Spiel.

Orrin hatte vor ein paar Jahren damit aufgehört, Kinder zu trainieren und konzentrierte sich nun darauf, die ehrgeizigen Spieler auf beiden Seiten des Meeres in fortgeschrittener Schlachtstrategie zu unterweisen. Interessant war, dass ein paar der besten Spieler im Königreich tatsächlich als Heiler tätig waren. Etwas für Eryn vollkommen Unverständliches. Ihrer Vorstellung nach musste die Hinwendung zum Heilen für viele Magier die einzige Möglichkeit sein, um dem ständigen Streben nach der Verbesserung ihrer Kampffertigkeiten zu entkommen und stattdessen etwas Nützliches tun zu können. Dass sie das Heilen zu ihrem Beruf erkoren hatten und in ihrer Freizeit die Schlacht suchten, passte irgendwie nicht zu Eryns Bild von der Wirklichkeit.

Das anstehende Spiel war nicht das große, sondern eines der beiden kleineren. Jedes Jahr versuchte Orrin erneut, sie zur Teilnahme am Spiel zu bewegen. Er betonte, dass die Erfinderin nicht nur ein Teil davon sein, sondern auch danach trachten sollte, möglichst lange im Spiel zu verbleiben.

Jahr für Jahr erklärte Eryn ihm immer wieder das Gleiche – dass ihre Inspiration für diese Idee aus der Beobachtung von Kindern beim Versteckspiel erwachsen war, wo sie gesehen hatte, wie sehr diese das Spiel genossen, das sie selbst bereits in deren Alter gespielt hatte. In ihrer Vorstellung gab es da wesentlich weniger Schlachtstrategie, Formationskampf und Fallenstellen. Für sie war dies nicht länger ein Spiel, sondern ein Probedurchlauf für einen Krieg. Was auch der Grund war, weshalb Orrin in seiner Kapazität als Oberhaupt der Krieger von diesem Spiel so angetan war.

Wenngleich er ihre Einstellung kannte, versuchte er immer aufs Neue, sie miteinzubeziehen, zu starrköpfig, um einfach zu akzeptieren, dass Kriegsspiele allem zuwiderliefen, wofür sie stand.

Zu ihrer Überraschung verfolgte er das Thema nicht weiter, sondern wandte sich in eine vollkommen andere Richtung, als er meinte: “Ich sorge mich wegen…” – er griff an und zog sich wieder zurück, als sie seinen Hieb parierte – “…Vern.”

“Ach ja?”

“Ich habe den Eindruck, dass er mir aus dem Weg geht. Und wenn ich es endlich schaffe, dass er einmal mit uns zu Abend isst, wirkt er unaufmerksam und verdrossen. Sag mir nicht, dass du nichts bemerkt hast?”

Eryn nickte. “Das habe ich. Aber das war zu erwarten. Nach all dieser Zeit ist er nach Hause zurückgekehrt, an einen Ort, der so ganz anders ist als der, von dem er einst fortging.”

“Sollte er diese Veränderung nicht gutheißen? Dass dieser Ort so war wie er war, bewegte ihn immerhin, von hier wegzugehen”, argumentierte der Krieger.

“Das mag sein, trotzdem er hat damit gerechnet, zu etwas Vertrautem zurückzukehren. Aber die Stadt hat sich so stark verändert, dass er sich einmal mehr wie ein Fremder fühlt. Ein wenig inspirierendes wenngleich vertrautes Zuhause ist besser als ein fortschrittliches aber unbekanntes. In Takhan war er dieser leuchtende Stern, dieser junge, immens talentierte Künstler, der gleichzeitig ein Heiler ist – eine Kombination, die man dort nicht kannte und als höchst wünschenswert betrachtete. Doch hier, trotz all dieser Veränderungen, wird sein Talent für das Zeichnen und Malen noch immer zu wenig geschätzt. Und mit den Heilern aus Takhan, die nun hier stationiert sind, gehört er nun nicht einmal mehr in diesem Bereich zu den am weitesten fortgeschrittenen Fachleuten. Es ist schwierig für ihn, und er kämpft dagegen an, nicht in seine alte Rolle zurückzufallen – in die eines Außenseiters.”

Orrin ließ sein Schwert sinken, ein unverkennbares Anzeichen seiner Bestürzung. Er war ein großer Verfechter dessen, dass man seine Deckung niemals vernachlässigte, besonders, wenn man jemandem mit einer gezogenen Waffe gegenüberstand.

“Das ist alles andere als ermutigend. Solange er sich hier nicht zugehörig fühlt, mag er in Betracht ziehen, wieder in die Westlichen Territorien zurückzukehren. Ich habe ihn gerade erst zurückbekommen; ich will nicht, dass er wieder fortgeht.” Er seufzte schwer. “Kann ich irgendwas tun? Oder gibt es etwas, das du tun kannst?”

Eryn schüttelte den Kopf. “Mir fällt nichts ein. Sofern du nicht ein nettes junges Mädchen kennst, in das er sich womöglich verlieben könnte.”

Orrin schürzte die Lippen. “Er scheint recht angetan von Plia, jetzt wo du es erwähnst. Jedes Mal, wenn er uns besucht, fragt er Junar ganz beiläufig, wie es ihr in den letzten Jahren ergangen ist.”

Sie kniff die Augen zusammen. “Das schlägst du dir am besten gleich wieder aus dem Kopf, Orrin! Vern verdient Plia nicht, nach dem, wie er sie während seiner Abwesenheit behandelt hat. Wusstest du, dass er ihr nicht ein einziges Mal geschrieben hat? Sie hat für ihn geschwärmt, als er nach Takhan ging, und wenig später erfuhr sie und auch jeder andere, dass er eine Affäre nach der anderen hatte. Plia trifft sich jetzt schon seit mehr als zwei Jahren mit ihrem jungen Freund, einem soliden und zuverlässigen Kerl – genau das, was ein Mädchen braucht und verdient, das in seiner Kindheit nicht wusste, woher es seine nächste Mahlzeit bekommen sollte. Wage es bloß nicht, sie zu benutzen, um deinen Sohn an diesen Ort zu binden, ich warne dich! Du würdest auch nicht wollen, dass deine eigene Tochter auf solch eine Weise benutzt wird.”

Der Krieger blinzelte, überrascht über diesen Ausbruch. “Natürlich nicht”, versicherte er ihr eilig. “Ich wollte damit nicht andeuten, dass ich sie für meine eigenen Zwecke benutzen wollte.”

Gut, dachte sie. Nicht, dass sie es zugelassen hätte.

“Wie laufen die Dinge in der Klinik?”, erkundigte sich Orrin, unverkennbar bestrebt, zu einem Thema mit weniger Streitpotential zu wechseln.

“Soweit läuft alles gut. Wir sehen uns derzeit nach passenden Gebäuden in der Nähe der Klinik um. Uns geht langsam der Platz aus.”

Sie nahmen den Schwertkampf wieder auf und attackierten und parierten eine Weile, ohne zu sprechen.

“Er ist ein guter Junge, weißt du”, meinte Orrin schließlich. “Er mag etwas gedankenlos gehandelt haben in der Art und Weise, wie er Plia behandelt hat, doch dass ihm sein rauschender neuer Lebensstil zu Kopf stieg bedeutet nicht, dass er sie verletzen wollte.”

Eryn nickte. “Das weiß ich. Trotzdem muss er die Konsequenzen tragen und entscheiden, ob er versuchen will, sie als Freundin zurückzugewinnen. Ich hoffe aufrichtig, dass er nicht versuchen wird, ihre Beziehung für seine eigenen selbstsüchtigen Wünsche zu ruinieren.”

“Selbstverständlich wird er das nicht”, behauptete Orrin zuversichtlich.

Eryn erwiderte nichts darauf. Diese Überzeugung teilte sie nicht ganz so rückhaltlos.

 

»Ende der Leseprobe«

Neues Cover für „Der Orden“ – Buch 1

Genau zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung vom ersten Band der Reihe „Der Orden“ bekommt Buch 1 nun ein neues Gesicht. Der Gedanke dahinter war allerdings nicht, irgendwie meine überschüssige Freizeit totzuschlagen, sondern auf gehäufte Rückmeldungen bezüglich des wenig ansprechenden Covers zu reagieren.

Die Elemente auf dem Cover bleiben die gleichen, da jedes davon einen maßgeblichen inhaltlichen Aspekt repräsentiert. Aber nach einer weitere Fotosession und einer Weile vor dem Computer sieht das Buch nun etwas anders aus.

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„Familienbande“ – Der Orden: Buch 5

Kapitel 1

Ein Erbe für Haus Vel’kim

“Warum kann ich die Schmerzen nicht blockieren?”, zischte Eryn mit zusammengebissenen Zähnen, als sich ihre Eingeweide mit einer weiteren Wehe verkrampften.

Valrad stand in der Klinik neben ihrem Bett und ertrug männlich ihren schraubstockartigen Griff um seine Finger. Die Spitzen muteten anhand der reduzierten Durchblutung bereits leicht bläulich an.

“Das sollst du gar nicht, weil dieser Schmerz nicht blockiert werden darf”, erklärte er geduldig. “Er begleitet dich durch die Geburt, gibt dir Signale.”

“Die Signale können mich gernhaben! Diese Qual soll einfach nur aufhören!”, stöhnte sie und blinzelte, als eine junge Frau das Zimmer betrat. In ihren Händen hielt sie etwas Langes und Goldenes. Einen Gürtel.

“Was genau glaubst du, was du damit anstellen kannst?”, schrie Eryn. “Du wirst mir keinesfalls meine Magie nehmen! Fort mit dir! Hinaus!” Das letzte Wort war ein heftiges Blaffen gewesen, das die junge Heilerin überraschenderweise unbeeindruckt ließ. Recht offensichtlich unbeeindruckt, wenn man von ihrer Miene ausging. Das war eindeutig nicht die erste launische Frau kurz vor einer Geburt, mit der sie es zu tun hatte.

“Valrad”, meinte die Frau sanft, “entweder ich überwältige sie, oder du legst ihn ihr an.”

“Das kannst du gern versuchen, meine Liebe”, erwiderte Eryn mit einem finsteren Blick, “aber sofern du nicht immun gegen Magie oder mir an Stärke überlegen bist, würde ich es nicht empfehlen. Die Chancen stehen gut, dass ich stärker bin als ihr beiden zusammen, also würde ich nicht einmal daran denken!”

“Aber nicht stärker als ich”, kam eine bedächtige Stimme von der Tür her. Ram’an trat ein und stellte die Tasche zur Seite, die er von der Aren Residenz für sie mitgebracht hatte.

“Das würdest du nicht!”, schnauzte sie ihn an.

Er nahm den Gürtel an sich, den ihm die Heilerin widerstandslos überließ und trat neben sie. “Eryn, es gibt einen sehr guten Grund dafür, weshalb die Kräfte einer Magierin beschränkt werden, wenn sie kurz vor der Geburt steht. Und nach dem, was gerade in der Senatshalle geschehen ist, würde ich meinen, dass er recht offensichtlich ist.”

“Ihr nehmt mir meine Kräfte weg, damit ich niemandem Schaden zufügen kann? Das werde ich nicht, ich verspreche es! Ich werde mich benehmen!”, flehte sie.

Er nahm ihre Hand in seine und drückte einen Kuss auf ihre Fingerknöchel. “Es tut mir leid, aber das lässt sich nicht vermeiden. Ich habe keinen Zweifel daran, dass du keinerlei Absicht hegst, jemanden zu verletzen oder etwas zu zerstören, doch die hattest du auch bei der Senatsversammlung nicht, wie ich annehme. Große Belastungen durch Gefühle oder Schmerzempfinden können dazu führen, dass Magier die Kontrolle verlieren. Und in deinem Fall, mein gutes Kind, mag das unversehens dazu führen, dass die gesamte Klinik über uns zusammenbricht”, erklärte er besorgt. “Und diesen Schmerz kannst du ohnehin nicht wegheilen. Deine Magie wäre nutzlos, und zusätzlich dazu würde sie für alle um dich herum eine enorme Gefahr darstellen.”

“Eryn”, beschwor Valrad sie, “sie werden dich nicht hierbehalten oder sich auch nur in deine Nähe wagen, solange du den Gürtel nicht trägst. Du bist stark genug, um sämtliche Heiler und Patienten hier zu gefährden. Und Ram’an hat Recht. Die Magie würde dir nicht einmal nützen. Das ist nicht die Art von Schmerz, die du einfach so fortheilen kannst – im nächsten Moment kehrt er erneut zurück, bis seine Ursache verschwindet. In deinem Fall das Kind.”

Eryns wütendes Starren wurde besorgt, als sie sich die Worte durch den Kopf gehen ließ. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass man sie ihrer Magie berauben würde. Das war eine grauenvolle Überraschung. Die Erinnerung daran, wie man sie in der Vergangenheit ihrer Kräfte beraubt hatte, war keine angenehme; sie hatte sich dabei stets entblößt und verwundbar gefühlt. Und doch waren die Argumente der beiden mehr als berechtigt, besonders, wenn man bedachte, dass sie vor wenig mehr als einer Stunde das Dach der Senatshalle zum Einsturz gebracht hatte…

Sie presste ihren Kopf in das Kissen, als eine weitere Wehe ihr den Atem raubte und sie zitternd und immens erleichtert zurückließ, nachdem die Flut an Schmerzen abgeebbt war.

Erschöpft hob sie den Kopf und bemerkte, dass sich Ram’an die momentane Ablenkung zunutze gemacht und den Gürtel um ihren Brustkorb befestigt hatte. Die innere Leere war gar nicht in ihr Bewusstsein vorgedrungen, dieses hohle Gefühl, das die Blockade ihrer Magie für gewöhnlich zurückließ. Offenbar war dieser Raum nun mit Schmerz gefüllt. Wie praktisch.

“Du!”, blitzte sie ihn an und wollte ihm ihren Ärger mit einem Hieb zu spüren geben, doch er wich aus. “Das war gemein! Du siehst besser zu, dass du in meiner Gegenwart nie hilflos bist, weil ich es verflucht noch einmal auf jeden Fall ausnutzen werde!”

“Du hast keine andere Wahl”, sagte er nur und zuckte mit den Schultern.

“Vielleicht nicht. Aber ich hätte es vorgezogen, selbst in ein oder zwei Minuten zu diesem Schluss zu gelangen”, schnappte sie.

“Machst du den Leuten das Leben schon wieder zur Qual?”, meinte Orrin, als er, Junar und Vern das Zimmer betraten. Hinter ihnen folgte Malhora, die eine friedlich schlafende Téa in ihren Armen hielt.

“Ach, halt einfach nur den Mund”, flüsterte sie ausgelaugt. Ihr blieb nicht einmal mehr genug Energie, um ihrer Frustration gehörig Ausdruck zu verleihen. Das verstimmte sie sogar noch mehr.

“Meine Güte”, ertönte eine weitere Stimme von der Türe her, “das ist aber eine beachtliche Versammlung hier drin.” Ein Heiler etwa in Valrads Alter bahnte sich seinen Weg zum Bett. “Ich grüße dich, Maltheá. Ich werde dir beim Entbinden deines Kindes zur Seite stehen. Ich sehe, dass du deinen Gürtel bereits angelegt hast. Gut.”

Sie blickte in sein viel zu heiteres Gesicht. Aber weshalb sollte er auch nicht guter Laune sein? Er war nicht derjenige, der die Krämpfe zu erdulden hatte, und soweit sie wusste, würde sich die Lage zuerst noch beträchtlich verschlimmern, bevor sie sich verbesserte.

Das Gesicht kam ihr bekannt vor – er war einer der vielen Heiler, die sie in der Mitarbeiterkantine gesehen hatte. Und falls ihre Erinnerung sie nicht trog, hatte dieser Mann eine fürstliche Summe für Verns Gemälde geboten.

“Noril”, nickte Valrad. “Ich wünsche dir einen guten Tag.”

“Und auch dir einen guten Tag, Valrad. Also, hier drin halten sich zu viele Leute auf. Das erhöht nur den Stress für Maltheá…”

“Eryn”, unterbrach sie ihn und warf ihm einen warnenden Blick zu. “Auf dieses für mich wichtige Detail solltest du achten, denn ich bin überzeugt, dass ich auch ohne Magie noch eine Menge Schaden anrichten kann.”

Noril nickte langsam. “Weißt du, ich bezweifle nicht, dass du das könntest. Die Drohung einer Aren zu ignorieren endet für gewöhnlich nicht gut für denjenigen, der sie missachtet. Dann also Eryn…”

“Sehr richtig”, lächelte Malhora, eindeutig zufrieden, dass ihr furchteinflößender Ruf sich scheinbar in alle Ecken erstreckte.

“Zurück zu dem, was vor uns liegt”, beharrte der Heiler. “Wer von euch wird an Stelle ihres Gefährten während der Geburt bei… ah… Eryn bleiben?”

Drei Variationen von “ich” kamen beinahe gleichzeitig von den drei Männern um sie herum.

Noril blinzelte. “Nun, das übersteigt die übliche Anzahl ein wenig”, erwiderte er, bedachtsam im Umgang mit zwei Oberhäuptern von Häusern und einem Krieger, der für seinen Mangel an Kontrolle bekannt war, wenn es um den Schutz seiner Lieben ging.

Sie drehten sich um, als sie ein entnervtes Seufzen vernahmen. Junar setzte ihre Ellbogen ein, um sich an Eryns Seite vorzukämpfen, dann zeigte sie auf Orrin.

“Unangemessen. Du bist der Gefährte einer anderen Frau, und auch wenn ich weiß, dass deine Gefühle für sie mehr väterlicher Natur sind, will ich nicht, dass es zwischen euch derart intim wird. Das ist mein Ernst.” Dann wandte sie sich an Valrad. “Ebenfalls unangemessen. Du bist ihr Vater, und das erst seit ein paar Monaten! Wie kommst du auf den Gedanken, ihr wäre wohl dabei, dich bei dieser Angelegenheit dabei zu haben?” Ihr düsterer Blick landete auf Ram’an.

“Unangemessen?”, wagte er sich vor, noch bevor sie den Mund öffnen konnte.

“Darauf kannst du wetten!”, nickte sie. “Du hast sie schonungslos verfolgt und wolltest sie dazu bringen, dass sie Enric für dich verlässt! Eine Geburt ist etwas sehr Intimes, wobei man sowohl innere als auch äußere Seiten von sich zeigen muss, die man normalerweise nur die Person sehen lässt, die einem am nächsten steht.” Sie sah den Heiler an. “Ich werde bei ihr bleiben. Den Rest kannst du rauswerfen.”

* * *

“Was meinst du damit, sie liegt in den Wehen?”, rief Vran’el aus. Er hatte Enric fort von der Straße unter einen Baum geschleift, wo er sich gegen den Stamm lehnen konnte. “Dafür ist es mehrere Wochen zu früh!”

“Danke, dass du mich auf diese Kleinigkeit hinweist”, keuchte Enric, froh darüber, dass der unmittelbare Schmerz für den Moment nachgelassen hatte.

“Bist du sicher?”

“Vran”, seufzte er und zuckte unter einem weiteren Angriff zusammen, “glaube mir – das sind Wehen. Darüber habe ich gelesen. Die Intervalle werden immer kürzer, der Schmerz ist fast unerträglich und ebbt nach ein paar Sekunden wieder ab, nur um dann ein wenig später wiederzukehren. Das ist recht eindeutig, würde ich meinen.”

“Schon gut, schon gut. Vorher sagtest du, sie war zornig, nicht wahr? Ich frage mich, ob das der Auslöser für die verfrühte Geburt sein könnte.”

Enric atmete schwer, während sich winzige Schweißperlen auf seiner Stirn formten. “Das werde ich herausfinden. Verlass dich darauf.”

“Warum errichtest du nicht einfach einen Schild? Sag mir nicht, dass dieses Teilhaben am Schmerz irgendein sentimentaler Liebesbeweis sein soll, den sie nicht einmal mitbekommt, oder eine romantische Idee, die Geburt gemeinsam mit ihr durchzustehen? Eines darfst du nämlich mir glauben – und zwar, dass dabei zu sein etwas vollkommen anderes ist als einfach nur von Wellen des Schmerzes in die Knie gezwungen zu werden”, bedrängte ihn Vran’el.

“Ich kann mich dagegen nicht abschirmen! Ich konnte nicht einmal ihren Ärger abblocken, als er auf seinem Höhepunkt war. Das ist zu intensiv, das übersteigt bei weitem, was die Barriere zurückhalten kann. Besonders, da sie keinen Schild errichtet hat und ihre Gefühle und Eindrücke mit voller Intensität ausschickt.”

Aufgebracht raufte sich der Jurist mit den Fingern beider Hände die Haare. “Du verdammter Narr! Siehst du nun, was dir dein Kontrollzwang eingebracht hat? Was soll ich denn jetzt mit dir tun?” Dann kam ihm ein Gedanke. “Ich kann dich ausschalten! Dann wirst du das alles verschlafen!”

“Du wirst nichts dergleichen tun”, keuchte Enric von Schmerzen gepeinigt und errichtete einen Schild zwischen ihnen. “Ich muss wissen, ob alles in Ordnung ist.”

“Du wirst das wirklich durchleben?” Hilflos rang Vran’el die Hände. “Idiot! Wirklich! Und ich sitze hier mit dir fest! Verdammt!”, fluchte er. Nach ein paar beruhigenden Atemzügen fügte er etwas entspannter hinzu: “In Ordnung, ich werde es nicht tun. Du kannst den Schild auflösen. Ich verspreche es!”, fügte er gereizt hinzu, als Enric ihm einen zweifelnden Blick zuwarf.

Der Rechtsgelehrte schüttelte den Kopf und beobachtete, wie der andere Mann unter einer weiteren Welle des Schmerzes aufstöhnte. “Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich eines Tages ohne die Anwesenheit einer Frau eine Geburt miterleben würde. Aber es ist auf jeden Fall eine saubere Angelegenheit.”

“Ich bin so froh, dass ich dir diesbezüglich entgegenkommen kann”, meinte Enric gequält. “Wie lange hat die Geburt deiner Tochter gedauert?”

“Sechs Stunden. Und das war rasch. Ich habe von Babys gehört, bei denen die Geburt einen ganzen Tag dauerte.”

“Das hilft mir jetzt gerade überhaupt nicht!”, rief der blonde Magier aus, während ihm der Horror ins Gesicht geschrieben stand. “Erzähl mir lieber, wie Intrea damals mit dieser ganzen Sache zurechtgekommen ist.”

“Bewundernswert. Sie ist der gelassene Typ; nichts kann sie aus der Bahn werfen. Sie war ungemein rücksichtsvoll und mehr um mich als um sich selbst besorgt, denke ich. Sie hat die Leute rundherum losgeschickt, um mir Wasser zu bringen, mir immer wieder gesagt, dass alles gut werden würde und dass ich mich wacker schlage.”

Einen Moment lang sahen sie einander an, dann meinte Enric langsam: “So wird Eryn mit den Leuten, die jetzt gerade in ihrer Nähe sind, ganz sicher nicht umgehen.”

Vran’el nickte. “Ich neige dazu, dir hier zuzustimmen.”

Als Enric tapfer die nächste Welle der Agonie ertrug, versuchte er sich vorzustellen, wer jetzt gerade bei ihr war. Er hätte das sein sollen. Er hoffte, Valrad, Junar oder Malhora würden ihr beistehen. Nicht Orrin. Und definitiv nicht Ram’an.

Ram’an mochte akzeptiert haben, dass er sie nicht haben konnte, doch wenn er sie ohne ihren Gefährten in seiner Stadt hatte und ihr durch so etwas Schmerzvolles und Intimes wie eine Geburt half, mochte ihn das auf Ideen bringen. Doch so etwas würden weder Valrad noch Orrin zulassen, hoffte er inständig.

Vran’el verbrachte die nächsten zehn Stunden damit, neben Enric im Gras zu sitzen und ihn mit Geschichten abzulenken – über seine Kindheit mit Pe’tala, die Jahre des Rechtsstudiums, dumme Streiche, die er als Junge gespielt hatte, und über den Tag, an dem er sich entschieden hatte, seiner Familie mitzuteilen, dass er Männer Frauen als Partner vorzog.

Enrics Haut war blass und klamm. Schweiß lief sein Gesicht und den Hals hinab. Vran’el drängte ihn dazu, Wasser zu trinken und vielleicht auch ein paar Bissen zu essen, um bei Kräften zu bleiben. Doch während Enric das Wasser dankbar annahm, lehnte er das Essen ab.

Als die Sonne hinter dem Horizont zu versinken begann, packte der Jurist ihre Habseligkeiten aus und bereitete einen Schlafplatz vor. Ursprünglich hatten sie geplant, diese Nacht bereits in der Stadt Kar zu verbringen, doch in Enrics aktuellem Zustand schafften sie es nicht mehr dorthin. Sie würden ihren Weg in die Stadt fortsetzen, sobald das hier überstanden und beide gut ausgeruht waren.

Gegen Mitternacht stieß Enric einen letzten gepeinigten Schrei aus, dann kippte er langsam nach vorne und zu Boden.

“Enric?”

“Es ist vorbei”, hauchte er, sein Gesicht beseelt von Erleichterung, Euphorie und Erschöpfung. Er konnte nicht einmal sagen, wie viel davon von Eryn ausging und wie viel von ihm selbst.

“Und? Wie fühlt sie sich?”

“Erleichtert. Und Glücklich. Also ist alles in Ordnung.” Damit ergab er sich der friedlichen Dunkelheit, die ihn wie eine warme, betäubende Umarmung umfing.

* * *

Eryn zwang sich, ihre bleiernen Augenlider zu öffnen, als jemand sachte an ihrer Schulter rüttelte. Es war Junar, die ein kleines Bündel in ihren Armen hielt. Es wimmerte leise.

“Dein Sohn ist hungrig”, lächelte sie. “Füttere ihn besser rasch. Bei seinem Duft und den Geräuschen, die er macht, haben meine eigenen Brüste schon auszulaufen begonnen.”

Unbeholfen versuchte sich Eryn das Hemd, das man ihr angelegt hatte, über den Kopf zu ziehen, doch ihre Freundin seufzte und schüttelte den Kopf. “Nein, Eryn, aus diesem Grund haben sie dir etwas zum Anziehen gegeben, das du nur auf einer Seite zu öffnen brauchst. Siehst du? Hier auf der Seite ist ein Knopf, und dann kannst du die Vorderseite aufklappen, ohne dich vollständig auszuziehen.”

Junar wartete geduldig, bis Eryn eine Brust ausgepackt und das Kissen in ihrem Rücken weiter nach oben gezogen hatte, damit sie sitzen konnte. Dann legte sie das Baby vorsichtig in die Arme seiner Mutter.

Eryn war plötzlich hellwach und starrte auf die winzige Kreatur hinab. Ihr Sohn. Nach der Geburt hatte sie ihn ein paar Augenblicke lang gesehen, doch zu diesem Zeitpunkt war er mit Blut und klebrigen Substanzen bedeckt gewesen. Als man ihn gewaschen hatte, war sie schon dabei, in den Schlaf abzudriften. Sie erinnerte sich noch an die letzten Eindrücke, bevor die Erschöpfung sie übermannte: ein warmes Bündel auf ihren Brustkorb und ein überwältigendes Gefühl von Erleichterung, Dankbarkeit und Zufriedenheit.

“Er hat mein dunkles Haar”, murmelte sie und ließ ihren Zeigefinger über die überraschend dichten, flaumigen Strähnen gleiten. Seine Augen waren blau, doch das besagte in den ersten paar Monaten nicht viel.

Sie veränderte ihren Griff, sodass der winzige Kopf in ihrer Armbeuge zum Liegen kam und sich somit in einer idealen Position für den Zugriff zu seiner Nahrungsquelle befand.

“Komm schon, Liebling, die Milchbar ist geöffnet.” Mit ihrer Brustwarze bog sie seine Lippen auf und sah zu, wie sie sich daraufhin um ihre Brustspitze legten. Als er nicht gleich zu saugen begann, runzelte sie die Stirn. “Die bequemen Tage, wo das Essen keinerlei Anstrengung von deiner Seite erfordert hat, sind jetzt vorbei, mein Junge. Mach schon.” Sie sah Junar an. “Und jetzt?”

“Versuch, einen oder zwei Tropfen herauszupressen und in seinen Mund fallen zu lassen. Ihm scheint noch nicht klar zu sein, dass es sich hierbei um sein Mahl und nicht nur um eine nette, bequeme Beruhigungsmethode handelt”, schlug Junar vor.

Eryn befolgte diesen Rat und beobachtete, wie der kleine Mund probierte und schluckte, als die neue Kost den Anforderungen zu genügen schien. Erst dann verspürte sie ein schwaches Saugen, das sich rasch zu etwas Entschlossenerem, Gierigerem wandelte.

Überrascht sah sie auf. “Auf jeden Fall lernt er schnell.” Dann kehrte ihre Aufmerksamkeit wieder zu ihm zurück, und sie nahm sich Zeit, ihn zum ersten Mal eingehend zu betrachten. Ihn mittels Magie im Inneren ihres Bauches anzusehen war etwas anderes als es wahrhaftig mit ihren Augen zu tun.

Seine Augen waren geschlossen, während er saugte, offenbar zufrieden mit der Welt. Er hatte ihr Haar, doch der Rest von ihm erinnerte eindeutig an seinen Vater.

Sie schluckte bei dem Gedanken an Enric, der davongeeilt war, um Malriel zu retten und dabei seine schwangere Gefährtin auf sich allein gestellt hier zurückgelassen hatte. Komisch, wie begierig er darauf gewesen war, in das große Unbekannte aufzubrechen und sogar ihr Kommitmentband dritten Grades aufzulösen, wo er doch vor kaum mehr als einem Jahr so darauf gedrängt hatte, es mit ihr einzugehen.

Junar drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. “Mach dir seinetwegen keine Sorgen, Eryn. Er wird schon bald wieder zurückkehren. Dessen bin ich mir sicher.”

“Das kümmert mich nicht”, erwiderte die Magierin ruhig. “Ich brauche ihn nicht. Ich habe das ohne ihn durchgestanden, oder etwa nicht? Zuerst die Enthüllung von Sanafs üblen Machenschaften, und dann die Geburt. Und das werde ich auch weiterhin schaffen.”

“Das meinst du nicht wirklich!” Junar schluckte schwer und zog besorgt die Stirn in Falten.

Eryns Augen verweilten bei dem Gesicht an ihrer Haut, der kleinen Faust, die auf ihrer Brust ruhte. “Er hat seine Wahl getroffen. Und sich für Malriel zu entscheiden bedeutete, unseren Sohn aufzugeben. Und mich.”

“Das kannst du nicht so meinen!”, rief die Schneiderin mit weit aufgerissenen Augen aus. “Er hat deine Mutter nicht dir vorgezogen – er versucht einen Krieg zu verhindern!”

“So hat sich das für mich nicht angefühlt, als er das Band zwangsweise entfernte.”

“Ich werde deswegen nicht mit dir streiten, aber ich sage dir, dass du dich absolut unbedacht verhältst. Ich verstehe deinen Ärger darüber, dass er dich auf diese Weise zurückgelassen hat, aber du verkennst seine Motive dahinter vollkommen. Und ich kann mir seine Reaktion vorstellen, wenn du ihm vorwirfst, er verzehre sich nach Malriel. Also wirklich!”

“Zankt ihr beiden etwa bereits?”, kam Orrins Stimme von der Tür. Einen Arm hatte er um Verns Schultern gelegt, den anderen auf das Tuch, mit dem er seine Tochter um seinen Brustkorb geschlungen hatte.

“Sie denkt, dass Enric Malriel nachgereist ist, weil er Gefallen an ihr gefunden hat”, erklärte Junar vorwurfsvoll.

Beide Männer starrten sie an, dann lächelte Orrin, und Vern verdrehte die Augen.

“Das ist wohl das Lächerlichste, was ich jemals gehört habe”, schmunzelte der Krieger. “Ich freue mich schon darauf zu hören, was Enric darauf antworten wird.”

“Genau das habe ich auch gesagt”, schnaubte Junar.

Vern hob einen Zeichenblock samt Stift hoch. “Macht es dir etwas aus, wenn ich das hier zeichne? Immerhin ist es das erste Mal, dass du ihn fütterst.”

Eryn verzog das Gesicht. “Wenn es sein muss. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass ich im Moment kein allzu reizendes Bild abgebe.”

“Eitles Weibervolk”, seufzte der Junge in gespielter Verzweiflung und lehnte den Block gegen einen Stuhl, vor dem er sich dann hinkniete.

Orrin trat näher an das Bett und sah auf das Baby hinab. “Er ist über seinem Frühstück eingeschlafen. Ich schätze, du wirst dir beim nächsten Mal mehr Mühe geben müssen”, scherzte er.

“Ungemein amüsant”, erwiderte sie trocken und hob ihren Sohn hoch, um ihn Junar zu übergeben, damit sie sich wieder bedecken konnte. Ihre Finger berührten den goldenen Gürtel, der noch immer um ihren Oberkörper befestigt war. “Sie haben vergessen, das verflixte Ding zu entfernen. Orrin, sei so gut und nimm ihn mir ab, ja?”

“Ich fürchte, das kann ich nicht tun”, meinte er und verzog das Gesicht. “Mir wurde erklärt, dass du ihn für die nächsten sechs Wochen tragen musst.”

“Was?”, bellte sie ärgerlich und zuckte zusammen, als beide Babys zu weinen begannen.

“Großartig”, stöhnte Junar und rollte mit den Augen. Entschlossen drückte sie den Jungen in die Arme seiner Mutter und hob ihre Tochter aus dem um Orrins Brust geschlungenen Tuch, um sie sanft zu wiegen.

“Welch eine lautstarke Begrüßung”, bemerkte Valrad, als er den Raum betrat und auf sie zuging. “Wie ergeht es meinem Enkel? Abgesehen davon, dass er seine Lungenkapazität zum Einsatz bringt. Hat er schon etwas getrunken?”

“Es geht ihm fabelhaft. Und mir ebenfalls, danke der Nachfrage”, seufzte sie.

“Das weiß ich, mein Kind. Ich habe dich nach der Geburt selbst untersucht.”

“Ich dachte, wir hatten uns darauf geeinigt, dass du ohne meine Zustimmung keine Magie mehr bei mir einsetzt, nachdem du mich damals bei meiner ersten Reise hierher mit künstlicher Glückseligkeit überflutet hast? Wir müssen gewisse Grenzen setzen. Wieder einmal.”

Valrad zuckte unbekümmert mit den Schultern, als er das gurgelnde kleine Bündel aus ihrem Arm hob. “Deine Erlaubnis war aus meiner Sicht stillschweigend erteilt. Wenn du nicht untersucht werden möchtest, solltest du wohl besser von nun an nicht mehr in meiner Gegenwart ohnmächtig werden.”

“Was für ein netter Besuch”, grollte sie. “Und jetzt rede. Orrin erklärte mir gerade, ich müsste diesen Gürtel sechs Wochen lang tragen. Sag mir, dass er hier etwas missverstanden hat und dass wir hier eher von sechs Stunden reden?”

“Ich fürchte, er hat Recht. Das Problem, musst du wissen, liegt darin, dass Magier generell – und Heiler ganz besonders – einer gewissen Versuchung unterliegen, den Heilungsprozess ihres Körpers voranzutreiben, was nicht ratsam ist. Aber es mag auch schon früher vorbei sein. Manche Frauen benötigen nur vier Wochen, ganz wenige sogar nur zwei. Sechs Wochen ist die obere Grenze.”

“Aber dabei geht es doch bloß darum, die offenen inneren Wunden und anfälligen Punkte zu heilen! Ich wage zu behaupten, dass eine Beschleunigung dessen wohl kaum…”

Ihr Vater unterbrach sie. “Du weißt sehr genau, dass magische Heilung unabhängig davon, ob du sie selbst durchführst oder ob das jemand anderer tut, die Ressourcen deines Körpers erheblich rascher abbaut als du sie in deinem gegenwärtigen Zustand wiederaufbauen kannst – selbst wenn du den ganzen Tag mit nichts anderem als schlafen und essen verbrächtest. Was passiert, wenn der menschliche Körper innerhalb kurzer Zeit eine Menge Blut verliert?”

“Schwäche, Schwindel, Kältegefühl und in manchen Fällen sogar Bewusstlosigkeit”, listete Vern hinter seinem Zeichenblock munter auf.

“Warum wollen wir das speziell bei Frauen nach der Geburt vermeiden?”, fuhr Valrad fort.

Vern war erneut bereit. “Weil sie ihre Stärke benötigen, um sich von der Geburt zu erholen. Zusätzlich dazu unterliegt ihr Körper noch der Anstrengung, Milch zu produzieren. Hinzu kommt, dass sie sich aufgrund des Schlafmangels – ausgelöst durch die anfänglichen häufigen Stillzeiten – langsamer erholt. Das bedeutet, dass ihre Fähigkeit, sich um ihr Kind zu kümmern, darunter leiden könnte. Sollte diese Aufgabe daraufhin an eine andere Person übertragen werden, erschwert dies das Formen einer Bindung zwischen Mutter und Kind. Sollte sich die Mutter trotz ihrer verringerten körperlichen Kräfte um das Kind kümmern müssen, könnte dies zu Unfällen führen und somit das Wohlbefinden des Kindes aus medizinischer Sicht gefährden.”

Vier Augenpaare starrten auf ihn hinab. Zuerst bemerkte er es nicht, da er noch immer mit seiner Zeichnung beschäftigt war. Als sich die Stille in die Länge zog, blickte er auf und blinzelte.

“Was?”, fragte er verwirrt. “Das war doch richtig, oder? Wenn ich mich gerade zum Narren gemacht habe, dann gebe ich diesem Buch in der medizinischen Bibliothek die Schuld.”

Valrad, der noch immer seinen Enkel in den Armen wiegte, kam langsam näher, ohne seinen nachdenklichen Blick von Vern zu nehmen.

“Das war eine eindrucksvolle Demonstration von Wissen, besonders während du dich mit deinen Händen auf eine gänzlich andere Aufgabe konzentriert hast”, meinte der Heiler langsam. “Du wärst nicht etwa interessiert daran, hier bei uns zu bleiben und deine Ausbildung in Takhan zu vollenden, oder?”

“Einen Moment mal!”, knurrte Orrin ärgerlich, bevor Vern etwas erwidern konnte. “Er ist noch nicht einmal alt genug, um solch einer Sache zuzustimmen; und selbst wenn er es für eine gute Idee hielte, so tue ich das keineswegs! Du hast kein Recht, ihm so ein Angebot zu unterbreiten. Er ist nicht in der Lage, es anzunehmen, und ich werde es nicht erlauben.”

Eryn entließ einen Stoßseufzer ob des Dramas, das sich vor ihr abspielte. Verns Augen, zuerst groß vor Überraschung, wurden dann schmal vor Ärger und Verbitterung darüber, dass ihm diese Tür geöffnet und einen Moment später wieder vor der Nase zugeschlagen wurde.

“Ich denke”, sagte Junar mit missbilligender Miene und einem tadelnden Blick für beide Männer, “dass ihr diese Diskussion anderswo führen solltet. Das hier ist wohl kaum der richtige Zeitpunkt oder Ort.”

“Ich entschuldige mich”, sprach Valrad steif. “Es stand mir nicht zu, es anzubieten, du hast Recht. Ich habe mich ein wenig hinreißen lassen. Ich habe vollstes Verständnis für dein Widerstreben, deinen Sohn für so lange Zeit in einem anderen Land zurückzulassen.”

Orrin nickte knapp, blieb aber stumm.

“Ich bin müde. Bitte seid nicht böse, doch ich würde jetzt gerne ein paar Stunden schlafen, wenn es euch nichts ausmacht”, meldete sich Eryn zu Wort. Sie hatte genug von dieser Anspannung und sehnte sich nach ein wenig Ruhe und Frieden.

“Natürlich nicht”, versicherte ihr Junar.

Sie warteten, bis Valrad seiner Tochter das Baby gereicht hatte, dann verabschiedeten sie sich. Orrins verkrampfte Haltung zeugte von seinem schwelenden Ärger, Vern wirkte elend und eingeschnappt, und Valrad erschien ein wenig verdrossen und enttäuscht.

Eryn atmete erleichtert aus, als sie fort waren und ließ sich in ihrem Bett zurücksinken. Das Baby platzierte sie so, dass es zwischen ihrem Arm und ihrem Körper lag. Nun war sie zum ersten Mal allein mit ihrem Sohn.

Ihr Sohn. Damit war sie endgültig und unumkehrbar eine Mutter. Sie hatte einige Monate Zeit gehabt, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, doch erst jetzt, wo sie ihn berühren, riechen und sehen konnte, begann das Verständnis dieser ungeheuren Veränderung auf einer tieferen, elementareren Ebene als der oberflächlichen intellektuellen. Sie hatte ein neues Leben erschaffen. Er würde immer ein Teil von ihr sein, sein ganzes Leben lang. Und er war auf sie angewiesen. Wie er sich entwickelte, würde von den Werten abhängen, die sie ihm vermittelte, von dem Vorbild, das sie ihm war.

Welch eine enorme Verantwortung, eine gigantische Herausforderung. Aber Arens scheuten keine Herausforderung, und das war eines der Dinge, die er von ihr lernen würde.

Vedric von Haus Vel’kim, dachte sie. Willkommen in der anstrengenden Familie, in die du geboren wurdest.

 

Kapitel 2

Ankunft in Kar

Enric regte sich, als sein Unterbewusstsein auf den Duft von Essen reagierte. Helles Tageslicht fiel ihm in die Augen. Er öffnete sie und erspähte nicht weit entfernt Vran’el, der vor einer improvisierten Feuerstelle hockte.

“Fisch?”, murmelte er angenehm überrascht.

In den letzten beiden Tagen hatten sie ausschließlich von ihrem getrockneten Reiseproviant gelebt. Der mochte nahrhaft sein und sich unkompliziert aufbewahren lassen, doch aus kulinarischer Sicht war er alles andere als zufriedenstellend. Er war zum Überleben gedacht, und Überleben erforderte nicht, dass man sich für die Kost begeisterte, sondern nur das Wissen darum, dass die Alternative ein leerer Magen war.

“Sieh einer an. Willkommen zurück von deiner kleinen Auszeit. Wie fühlst du dich?”

Enric führte eine rasche Bestandsaufnahme durch, so wie Eryn es ihm gezeigt hatte. Der schwache Magieimpuls, den er durch seinen Körper sandte, informierte ihn über alles, was er wissen musste.

“Etwas ausgetrocknet, hungrig, mein Nacken und die Schultern schmerzen, aber abgesehen davon geht es mir gut.”

“Gegen die ersten beiden kann ich Abhilfe schaffen, und die anderen kannst du heilen. Somit gibt es aus meiner Sicht keine großen Probleme”, schmunzelte Vran’el und drehte vorsichtig den Fisch über dem Feuer. “Das Mittagessen ist in ein paar Minuten fertig, also hast du Zeit, dich zu waschen. In der Nähe ist ein Bach. Dort habe ich die Fische gefangen. Nun, wenn ich gefangen sage, dann meine ich, dass ich sie mit Magie betäubt und dann eingesammelt habe.”

Enric schloss die Augen, heilte den Schmerz weg und lächelte dann. “Davon bin ich ausgegangen. Ich würde meinen, das ist effizienter als sie mit einem Speer zu jagen oder ein Netz für einen einzigen Fang zu knüpfen.” Er kam auf die Beine und streckte sich mit einem lauten Gähnen. “Wie lange habe ich geschlafen?”

“Eine ganze Weile. Etwa zwölf Stunden. Aber eine Geburt ist auch eine ungeheure Anstrengung, könnte ich mir denken, selbst wenn man sie auf die Weise miterlebt, wie es bei dir der Fall war. Kein Wunder, dass du Ruhe gebraucht hast.”

Die Geburt seines Sohnes. Enric schluckte und versuchte, irgendetwas durch das Geistesband zu spüren. Aber da war nichts. Was einerseits gut war, da es bedeutete, dass sie nicht unter Schmerzen, Ängsten oder großen Sorgen litt. Und doch erinnerte er sich an seine letzten Eindrücke vor dem Abdriften. Die waren positiv und mächtig gewesen. Er hätte nichts dagegen gehabt, davon noch ein wenig mehr zu empfangen, um das Bedauern darüber fortzuspülen, dass er nicht bei seiner Gefährtin und ihrem neugeborenen Sohn sein konnte.

Doch der Grund für seinen Aufenthalt weit fort in einem anderen Land, rief er sich in Erinnerung, war der, es den nun zwei wichtigsten Menschen in seinem Leben zu ermöglichen, dass sie ihr Leben in Frieden und Freiheit leben konnten.

Enric fand den Bach ohne Probleme. Er war knietief und frei von Sedimenten und Schlamm, sodass er einen ungetrübten Blick auf die Steine im Bachbett und die Fische hatte, die in vorsichtigem Abstand an ihm vorbeiflitzten.

Er nahm sich Zeit zum Waschen und watete ein wenig im kalten Wasser herum. Die niedrigen Temperaturen regten seinen Kreislauf an, und er fühlte, wie seine Energie zurückkehrte.

Als er wieder zu Vran’el stieß, war der Großteil ihrer Habseligkeiten bereits sorgsam verpackt. Ihm wurde ein metallener Reiseteller mit zwei Fischen darauf, die zum rascheren Auskühlen aufgeschnitten waren, in die Hand gedrückt.

“Danke, Vran. Genau das brauche ich jetzt. Das getrocknete Zeug hätte im Moment einfach nicht gereicht.”

“Das dachte ich mir. Iss auf! Wir sollten bald aufbrechen; ich wage zu behaupten, dass du jetzt sogar noch eifriger darauf bedacht bist, diese Angelegenheit zu erledigen und zurückzukehren.” Der Jurist aß die letzten paar Bissen seines eigenen Mahls, dann stellte er den Teller beiseite. “Hast du schon darüber nachgedacht, wie wir die Sache mit Malriel in Angriff nehmen sollen? Ich weiß, dass Malhora denkt, man hat sie hereingelegt, aber sie würde auch kaum schlecht von ihrer eigenen Tochter denken wollen. Die Anschuldigungen könnten sich als gerechtfertigt erweisen.”

Enric schüttelte den Kopf. “Ich kenne Malriel noch nicht so lange wie du, doch sie scheint mir nicht der Typ, der Männer ins Bett zwingen muss. Soweit ich es beurteilen kann, hat sie es einfach nicht nötig. Oder gab es in all diesen Jahren in Takhan jemals irgendwelche Anschuldigungen dieser Art?”

“Nein, niemals”, gab Vran’el zu. “Doch ich bin lieber auf das Schlimmste vorbereitet. Und wenn sie unschuldig ist, hätte ein Lügenfilter das sehr rasch offenbart, würde ich meinen.”

“Das stimmt. Vorausgesetzt, sie wissen, wie man ihn anwendet. Du sagtest, dass Magier bei denen kein besonders hohes Ansehen genießen. Somit mag es sein, dass sie ihn nicht anwenden dürfen, selbst wenn sie wissen, wie es geht. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Magier die Verhandlungen aufhalten wollen. In diesem Fall wären sie nicht willens, Malriel zu helfen, da die Chance besteht, dass sie diejenigen sind, die sie hereinlegen wollen.”

“Somit wird man uns auch nicht glauben, wenn wir den Filter einsetzen und ihnen sagen, dass sie unschuldig ist. Sie werden uns Befangenheit vorwerfen. Und mit Recht”, fügte der Rechtsgelehrte mit einer Grimasse hinzu. “Worauf wir also grundsätzlich hoffen, ist, dass sie nicht wissen, wie der Filter funktioniert, aber zustimmen, dass wir ihnen zeigen, wie man ihn anwendet. Und natürlich, dass diejenigen, die ihn anwenden können – nämlich die Magier, oder Priester – nicht diejenigen sind, die sie sabotieren.”

“Genau.”

Vran’el runzelte die Stirn. “Was ist, wenn wir es schaffen, dass man sie freilässt? Werden wir sie mit uns zurück nach Takhan nehmen oder sie hierlassen, damit sie versucht, die Verhandlungen fortzusetzen?”

Enric hatte eine recht klare Vorstellung, was sein Ziel betraf – nämlich Malriel zurück nach Takhan zu bringen, damit sie ihr Haus wieder übernehmen konnte und es damit ihm und seiner Familie ermöglichte, nach Anyueel zurückzukehren.

Trotz seiner Motivation, seine Gefährtin vor den Zudringlichkeiten des Königs zu beschützen, zog es ihn doch zurück nach Hause und weckte eine gewisse Wehmut in ihm, wenn er an sein Heimatland dachte. Und sollte der Monarch es jemals wieder wagen, sich ihr erneut auf unangemessene Weise zu nähern, würde er nicht wie beim letzten Mal mit ein klein wenig Würgen davonkommen.

“Wir werden sehen”, meinte er unverbindlich. “Das kommt darauf an, ob man ihr nach dieser ganzen Misere hier noch immer genug Vertrauen oder Respekt entgegenbringt, um mit ihr zu verhandeln – selbst wenn sie freigesprochen werden sollte. Oder ob sie noch bleiben würde wollen.” Er stand auf, nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte. “Ich wasche nur rasch unsere Teller, dann können wir los.”

Enric spürte, wie sein ganzer Körper von einem Drang zum Handeln ergriffen wurde. Er wollte aufbrechen, weiterziehen, erledigen, was zur möglichst raschen Auflösung dieser Situation erforderlich war und dann nach Takhan zurückkehren.

Sie folgten der Straße, die zur Stadt führte und nutzten die zwei Stunden, um noch einmal durchzugehen, welche Informationen ihnen vorlagen, auf welches Vorgehen sie sich geeinigt hatten und zu üben, wie sie sich vorstellen würden. Außerdem kamen sie überein, eine Liste all der Leute anzulegen, denen sie begegneten – mit sämtlichen Namen und Titeln. Auf diese Art konnten sie diese am Abend in der Abgeschiedenheit ihrer Zimmer wiederholen. So wollten sie vermeiden, diese Leute, die solch großen Wert darauf zu legen schienen, dass man ihre Wichtigkeit anerkannte, durch eine achtlose inkorrekte Anrede vor den Kopf zu stoßen.

Sie hatten die Brücke beinahe erreicht, die es ihnen ermöglichen würde, den breiten Fluss zu überqueren und die Stadt zu betreten. Die in blaugraue Uniformen gekleideten Wachen – Soldaten oder was auch immer sonst sie waren – die zur Blockade des Weges stramm in einer Reihe standen, waren bereits erkennbar.

Man erwartete sie also. Mit einem bis an die Zähne bewaffneten Empfangskomitee. Wenn das kein Vertrauen erweckte.

* * *

Eryn blickte auf ihren friedlich schlafenden Sohn in seiner Wiege hinab. Er ruhte in dem Zimmer, das sie selbst als Kind bewohnt hatte. Das Tageslicht schwand langsam dahin, und der Raum wurde mit jeder Minute ein wenig dämmriger.

Heute hatte man sie aus der Klinik entlassen, und darüber war sie immens froh. Normalerweise ließ man neue Mütter nicht dermaßen früh nach Hause gehen, doch Valrad hatte ihnen versichert, dass er ihr und ihrem Sohn seine persönliche Betreuung angedeihen lassen würde. Üblicherweise riet man Heilern davon ab, ihre eigenen Familienmitglieder zu behandeln, wenn es sich vermeiden ließ; doch seine Kollegen in der Klinik hatten davon Abstand genommen, diese Tatsache zur Sprache zu bringen. Mit großer Entschiedenheit.

Valrad war zu einflussreich, als dass man sich ihm auf diese Weise entgegenstellte; und zusätzlich dazu war man dort womöglich erleichtert darüber, die anstrengende Aren in ihrer Mitte loszuwerden. Eryn war durchaus bewusst, dass weder Geduld noch das Leiden in Stille und Würde zu ihren Stärken zählten. Doch das kümmerte sie nicht im Mindesten.

Sie drehte sich um, als Malhora in der Tür erschien und ein gefaltetes Stück Papier für sie hochhielt. Es sah so aus, als wäre es Zeit, wieder zu ihrer Funktion als Oberhaupt des Hauses zurückzukehren. Mit einem letzten Blick auf das schlafende Baby wandte sie sich ab und folgte ihrer Großmutter in den Hauptraum.

“Das ist von der Triarchie. Ich schätze, dass man dich womöglich an das Dach erinnern möchte, für das du zahlen sollst”, grinste Malhora.

Eryn nahm die Nachricht entgegen und studierte die alte Frau. “Über diesen Vorfall hast du dich noch nicht geäußert. Aber wenn ich von deinem Lächeln damals und deiner Reaktion gerade eben ausgehe, bist du wohl zufrieden damit.”

“Ich sagte dir schon, dass ich es als nützliche Erinnerung für die Allgemeinheit betrachte, wie wohlverdient unser Ruf ist, wenn wir gelegentlich ein Gebäude einstürzen lassen. Das Dach der Senatshalle war eine interessante Wahl. Ein wenig theatralisch, aber auf jeden Fall effektiv. Darüber werden die Leute noch in Generationen reden. Das kannst du mir glauben.”

“Du weißt, dass ich das nicht vorsätzlich getan habe, um irgendein Familienansehen aufrecht zu erhalten, oder? Ich hatte an diesem Tag nicht die Absicht, irgendjemanden zu beeindrucken. Es ist einfach passiert. Ich habe wirklich die Kontrolle verloren. Und dabei eine Menge Leute in Gefahr gebracht”, schloss sie verdrießlich.

Malhora schnaubte. “Bei dermaßen vielen anwesenden Magiern, die die Leute vor fallenden Dachstücken beschützen konnten? Wohl kaum.”

Die jüngere Frau öffnete das Siegel und zog überrascht beide Augenbrauen nach oben. “So viel kostet die Reparatur dieser verdammten Konstruktion? Das soll wohl ein Scherz sein!”

Ihre Großmutter lehnte sich vor, um einen Blick auf den Betrag zu werfen, dann zuckte sie mit den Schultern. “Das war zu erwarten. Es war eine recht große Kuppel, die du einstürzen hast lassen. Nicht einfach zu reparieren. Und dann müssen auch noch die Malereien wiederhergestellt werden. Aber das ist kein Anlass zur Sorge, Mädchen. Haus Aren kann sich das spielend leisten. Betrachte es als nützliche Investition. Das wird unsere Verhandlungspartner und politischen Gegner gewiss dazu veranlassen, im Umgang mit uns mehr Vorsicht an den Tag zu legen, was bedeutet, dass es dem Haus langfristig gesehen nützt.”

“Dann sollte ich die Nachricht wohl beantworten und mich demütig bereiterklären, die Kosten zu übernehmen, so wie es korrekt und angemessen ist”, meinte Eryn und verzog das Gesicht.

“Keine Demut!”, beharrte Malhora. “Du sollst dich deswegen nicht zerknirscht zeigen, sondern die Begleichung des Schadens als Preis für deinen Stolz akzeptieren. Zeige keinerlei Bedauern; das würde die Wirkung abschwächen. Schreibe ihnen lediglich, dass du ihre Forderung anerkennst und die Rechnungen für sämtliche Reparaturen begleichen wirst.”

Von der Eingangstür kam ein Klopfen.

“Würdest du dich darum kümmern, Großmutter? Dann schreibe ich die Nachricht an die Triarchie.”

“Das wird ein Besucher für dich sein, Kind. Also bleibst du besser hier und kümmerst dich später um die Antwort. Du willst ohnehin nicht den Eindruck besonderer Beflissenheit erwecken.”

Malhora stieg die Treppe zum Eingang hinab und kehrte kurz darauf mit Ram’an zurück.

“Eryn, meine Liebe”, begrüßte er sie und küsste sie auf die Stirn. “Ich war in der Klinik, doch man sagte mir, dass du bereits entlassen wurdest.” Er grinste. “Ich gehe davon aus, dass dein Vater seinen Einfluss geltend gemacht hat.”

“Ja, ich gebe zu, das hat er. Seine Kollegen waren darüber nicht besonders glücklich, fanden es aber klüger, sich ihm nicht zu widersetzen. Und darüber bin ich froh – ich wäre irre geworden, hätte ich den ganzen Tag in diesem Bett herumliegen müssen. Das Einzige, was mir jetzt noch so richtig auf die Nerven geht, ist dieser verfluchte Gürtel. Ich schätze, es besteht keine Chance…?” Mit einem flehenden Gesichtsausdruck sah sie zu ihm auf.

“Nein, meine Liebe, überhaupt keine”, erwiderte er schlicht.

Malhora rollte mit den Augen. “Ständig versucht sie die Leute mit Bestechung oder Drohungen dazu zu bewegen, ihn ihr abzunehmen. Vor ein paar Stunden hat sie Orrin befohlen, es zu tun. Zum Glück ist seine Herangehensweise an Autorität recht vernünftig, und er hat sie einfach ignoriert.”

Eryn warf ihr einen frostigen Blick zu. “Ich wage zu behaupten, dass du es kaum als vernünftige Herangehensweise bezeichnen würdest, wenn die Leute auf deinem Anwesen deine Befehle ignorierten.”

“Nein, selbstverständlich nicht. Aber ich erteile auch keine törichten Befehle, die mir selbst zum Schaden gereichen würden.”

“Ich bin eine Heilerin! Ich würde mir nicht schaden! Ich weiß, was ich tue.”

“Eryn”, seufzte Ram’an und legte seine beiden Hände an ihre Wangen, “ohne Valrads Einverständnis wird dir niemand von uns den Gürtel abnehmen. Also hör auf damit, die Leute zu schikanieren, in Ordnung? Zeig mir lieber deinen Sohn.”

“Er schläft.”

“Dann sollten wir wohl besser leise sein”, lächelte er, offensichtlich nicht willens, auf den Hinweis zu reagieren, dass nun keine gute Zeit war, um sich das Baby anzusehen.

Besiegt seufzte Eryn und drückte Malhora den Brief der Triarchie in die Hand. “Warum bereitest du nicht die Antwort darauf vor? So kannst du zumindest sicherstellen, dass der Ton passt. Ich werde ihn später unterzeichnen.”

Ram’an folgte ihr und betrat das Zimmer nach ihr. Sie traten an die Wiege und sahen hinab.

Sie wandte sich ihm zu, als sie sein bedauerndes Seufzen vernahm. “Was?”, fragte sie leise murmelnd.

“Er sieht aus wie Enric.”

“Warum klingst du deswegen traurig?”

“Weil, Theá, ich daran denken muss, dass er unser Sohn – deiner und meiner – gewesen wäre, hätten sich die Dinge nur ein wenig anders entwickelt.

Sie schluckte und versuchte, sich einen Schritt von ihm zu entfernen, doch sie spürte, wie er seinen Arm um ihre Schultern legte und sie bei sich behielt.

“Nein, bitte. Ich wollte dir kein Unbehagen bereiten. Von nun an werde ich solche Gedanken für mich behalten.”

Nun fühlte sie sich schuldig. “Es tut mir leid, dass dich diese Situation noch immer belastet. Und ich will nicht, dass du deine Gedanken zurückhältst. Auch wenn ich nicht immer glücklich mit ihnen bin.”

Seite an Seite standen sie dort und sahen eine Weile schweigend auf das schlafende Kind hinab.

“Theá, Enric bat mich darum, mich um dich zu kümmern, für den Fall, dass er nicht zurückkehrt.”

Langsam drehte Eryn ihren Kopf und sah ihn an. “Hat er das? Darf ich fragen, was dich um mich kümmern beinhaltet?”, fragte sie kühl und spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. Hatte Enric ihn etwa zum Nachfolger in ihrem Lebensbund oder etwas in der Art ernannt?

“Er ersuchte mich darum, seinen Sohn wie meinen eigenen aufzuziehen.”

Mit schmalen Augen starrte sie ihn an. “Und was hat er dir im Bezug auf mich aufgetragen? Dass du mich zu deiner Gefährtin machen sollst?”

“Er sprach die Worte nicht aus, doch ich denke, dass er das meinte, ja”, antwortete er vorsichtig.

Eryn drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zimmer, alles andere als erbaut darüber, dass sich ihr Verdacht bestätigt hatte. Sie hörte, wie Ram’an die Tür leise schloss und ihr dann durch den Hauptraum in den Garten hinaus folgte.

“Warum erzählst du mir das?”, schnappte sie. “Hast du eine Nachricht erhalten, dass er nicht zurückkehren wird? Dass er…”

“Nein!”, unterbrach er sie rasch und nahm sie bei den Schultern. “Nichts dergleichen, das verspreche ich. Damit wollte ich dir nur sagen, dass du niemals allein sein wirst, selbst wenn das Schlimmste eintritt. Ich werde für dich da sein. Du wirkst nicht glücklich, Theá, oder nicht so glücklich, wie du sein solltest. Und natürlich verstehe ich, weshalb. Ich möchte dir zumindest eine Last von den Schultern nehmen.”

Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. “Du solltest das nicht tun, Ram’an. Dem hättest du nicht zustimmen dürfen. Was ist, wenn er wer weiß wie lange dort feststeckt? Das könnte dich davon abhalten, das alles hinter dir zu lassen und eine Frau zu finden, mit der du glücklich werden könntest, anstatt auf mich zu warten. Wieder einmal. Es war nicht fair von ihm, dich um so etwas zu bitten.”

Sie spürte, wie sich Ram’ans Arme um sie legten und er sie an sich zog.

“Auch wenn er mich nicht darum gebeten hätte, hätte ich dich nicht dir selbst überlassen.”

Kopfschüttelnd sah Eryn zu ihm auf. “Du würdest mich zu deiner Gefährtin nehmen und meinen Sohn mit mir aufziehen, trotz der Tatsache, dass ich einen anderen Mann dir vorgezogen habe? Und dass ich womöglich nur aus Angst vor dem Alleinsein zustimmen würde?”

“Ja, das würde ich.” Dann lächelte er. “Und ich würde dich bald schon zu der Einsicht bekehren, dass ich ohnehin die bessere Wahl bin. Meine Fertigkeiten im Kochen sind Enrics weit überlegen, und auch mein Wein ist besser als seiner.”

Sie lachte, erleichtert, dass dank seines Scherzes die Anspannung fort war. “Es fällt mir schwer, nicht beleidigt zu sein, weil du denkst, ich ließe mich dermaßen einfach herumkriegen.”

“Man sagte mir, dass Selbstvertrauen immer nützlich ist, wenn man es mit einer Aren zu tun hat.” Dann entließ er sie aus seiner Umarmung und ergriff stattdessen ihre Hand, um sie mit sich zu einer niedrigen Steinbank zu ziehen. “Bezüglich deiner kleinen… Demonstration von Ärger vor zwei Tagen im Senat.”

“Ja?” Sie zog eine Grimasse und fragte sich erst jetzt, wie das wohl ihre Pläne für die Eröffnung eines Waisenhauses beeinträchtigten mochte. Der Senat war wohl eher nicht geneigt, sie dabei zu unterstützen, nachdem sie das Dach über ihnen zum Einsturz gebracht hatte.

“Es hat auf jeden Fall einen Eindruck hinterlassen. Golir kam auf mich zu und bat mich, dir bei der Erstellung eines detaillierten Vorschlags mit einer Kostenschätzung, rechtlichen Erwägungen und einem Zeitplan für dein Projekt behilflich zu sein. Er meinte, er hätte keinerlei Zweifel, dass die Idee mit der Steuererleichterung, die du erwähntest, von mir käme, also ging er davon aus, dass ich der ganzen Sache wohlwollend gegenüberstehe.”

Eryn ließ den Atem entweichen. Das war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte. “Was ist mit den anderen Senatoren?”

“Ein paar sind verärgert und vielleicht auch ein wenig eingeschüchtert, aber die meisten haben den Wunsch geäußert, dein Vorhaben zu unterstützen. Vielleicht aus Angst davor, dass andernfalls ihre Residenzen über ihnen zusammenfallen könnten”, fügte er trocken hinzu.

“Diese letzte Bemerkung würde ich dir sehr gerne übelnehmen, aber ich habe keine Ahnung, ob es ein Scherz war oder nicht.”

Ram’an schürzte die Lippen. “Sagen wir, es war eine Übertreibung, aber sicher nicht allzu weit hergeholt.”

“Dann wirst du wirklich mit mir daran arbeiten?” Gerührt ergriff sie seine Hand und drückte sie. “Immer wieder gibst du mir das Gefühl, dass ich dich gar nicht verdiene. Wie kann ich mich jemals revanchieren?”

Er lächelte. “Wir werden einen Weg finden. Zum Beispiel in Form von Unterstützung im Senat und Kooperation mit Arbil-Unternehmen bei der Errichtung und beim Betrieb des Waisenhauses.”

Eryn lachte. “Es ist gut zu sehen, dass du nicht in einem Ausmaß Selbstaufopferung betreibst, die an Dummheit grenzt. Können wir morgen damit beginnen? Ich bin immer noch recht erschöpft von der Geburt, und sitzen ist nicht besonders angenehm. Außer, du wärst bereit, mir bei dieser Kleinigkeit zu helfen…”

Er seufzte, stand auf und zog sie ebenfalls auf die Beine. “Nein, ich werde deinen Gürtel nicht entfernen.” Er lauschte für einen Augenblick, dann nickte er zur Terrassentür. “Ich denke, dein Sohn ist soeben erwacht und möchte gestillt werden. Geh schon!”

Sie ging hinein und sah, wie Malhora mit Vedric auf dem Arm auf sie zukam.

Eryn zog die Stirn in Falten, als sie sah, wie Ram’an auf den Sitzkissen Platz nahm. “Du willst bleiben? Ich meine, das ist eher…” Ihre Worte verklangen, nicht wissend, wie sie fortfahren sollte. Sie hatte es schon zuvor getan, während andere zugesehen hatten; erst gestern, als Orrin, Valrad, Junar und Vern im gleichen Zimmer gewesen waren. Aber ihre Brüste vor Ram’an zu entblößen schien irgendwie… falsch. Seltsam. Unangemessen.

“Schüchtern, Theá?”, grinste er und klopfte auf den Platz neben sich. “Ich versichere dir, dass dazu kein Anlass besteht. Eine Mutter beim Stillen ihres Kindes zu beobachten ist ein sehr ansprechendes Bild, doch kaum eines, das unangemessene Gefühle in einem Mann erweckt. Tatsächlich ist es sogar umgekehrt. Es erinnert uns daran, dass eure Brüste sich ursprünglich nicht zu unserem Vergnügen entwickelten, sondern zur Versorgung unseres Nachwuchses gedacht sind.”

Eryn biss sich auf die Lippe, noch immer unsicher, ob sie darauf bestehen sollte, dass er ging oder nicht. Sie erinnerte sich dunkel daran, dass Enric etwas Ähnliches von sich gab, als er vor einigen Wochen Junar beim Stillen ihrer Tochter zugesehen hatte. Dennoch…

“Setz dich, Eryn”, befahl Malhora. “Er hat Recht. Mit der Zeit wirst du ruhige Orte zum Stillen deines Kindes schätzen lernen, wenn du unterwegs bist. Den Luxus vollkommener Ungestörtheit wirst du dabei nicht allzu oft haben.”

Mit einem tiefen Atemzug nahm sie Platz. “Also gut, dann tun wir es.” Vor den Augen ihres ehemaligen Verehrers, der ihr gerade erklärt hatte, er würde sie zu seiner Gefährtin machen, falls Enric nicht wiederkehrte.

Vern spazierte herein und lächelte, als er sie sah. Er nahm seinen Zeichenblock und Stift, dieser Tage stets einsatzbereit, zur Hand und ließ sich ihr gegenüber nieder.

“Hast du so eine Szene nicht gestern schon gemalt? Wie viele davon brauchst du denn?” Sie kniff die Augen zusammen. “Die wirst du doch wohl nicht verkaufen? Wenn ich irgendwo eingeladen bin und mich dann dort halbnackt an einer Wand wiederfinde, werde ich dir den Kopf abreißen.”

Vern lachte nur und fuhr mit dem Zeichnen fort, zuversichtlich in dem Wissen, dass er in den nächsten Wochen der stärkere Magier war, solange sie den Gürtel trug.

* * *

Enric stieg ab. Nur noch ein paar Schritte trennten ihn von den Wachen. Er ging auf sie zu, in seiner Hand die Nachricht an die Triarchie, mit der sie eingeladen wurden, einen Repräsentanten zu schicken, der Malriel beistand.

Da stand eine Person, eine Frau in ihren späten Dreißigern, gekleidet in etwas, das entweder ein kurzes Kleid oder eine lange Tunika war und das ihr bis zu den Knien reichte, mit hellbraunem Haar, das sie in ihrem Nacken zu einem Knoten gedreht trug.

“Wir grüßen euch”, ergriff sie als Erste das Wort. Sie zeigte ebenfalls die Tendenz, Worte weitgehend mit ihren Zähnen und der Zungenspitze zu formen. Beim Reden schien sie den Mund kaum zu öffnen. “Mein Name ist Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten.”

Sie sah Enric an, den sie offensichtlich als höherrangig identifiziert hatte.

“Und auch wir grüßen dich, Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten. Mein Name ist Lord Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden und Senator in Takhan. Das hier”, er zeigte auf den anderen Mann, “ist Lam Vran’el, Reig von Haus Vel’kim, Jurist und Senator in Takhan.”

“Seid beide willkommen”, erwiderte Lam Ceiga höflich. “Es gibt ein paar Formalitäten, die es zu erledigen gilt, bevor wir euch Zugang zu der Gefangenen Malriel, Holm von Haus Aren, Senatorin in Takhan gewähren können. Wir werden eure Pferde in den Stallungen unterbringen, und eure Habe wird zu eurer Unterkunft gebracht. Wenn ihr mir nun folgen wollt.”

Sie drehte sich um und ging davon, ohne auf irgendeine Zustimmung zu warten. Rasch griffen sie nach den Taschen, in denen sie Dokumente und Gold aufbewahrten, übergaben die Zügel zwei uniformierten Männern, die vorgetreten waren, und eilten dann der Frau hinterher, die sich kein einziges Mal umgedreht hatte um zu sehen, ob die Männer Schritt hielten.

“Das ist nicht gerade ein recht herzlicher Empfang”, flüsterte Vran’el.

“Nicht wirklich, aber in Anbetracht der Umstände hätte ich auch keinen besonderen Enthusiasmus erwartet.”

Sie nahmen die großen, ungewöhnlich gleichmäßigen Pflastersteine auf den Straßen in sich auf, die Häuser mit ihren steil geneigten Dächern und farbenfrohen Fassaden, die sich aus Holz und Verputz zusammensetzten. Vor einigen Fenstern waren Kisten angebracht, in denen Blumen wie in einem winzigen Garten wuchsen. Die farbenfrohen Blüten verstärkten die seltsam heitere Wirkung von bunter Nüchternheit.

Die Leute auf den Straßen jedoch waren weit davon entfernt, solch einen Überfluss an Farben in ihrer Kleidung zur Schau zu stellen. Deren Schattierungen reichten von gebrochenem Weiß zu Braun und hellem Grau zu Schwarz. Nur gelegentliche Schals oder kleine Verzierungen wie Gürtel oder Hüte in fröhlichen Tönen lockerten den Gesamteindruck auf.

Vran’els Aufmachung zog einige Blicke auf sich, einige neugierig, andere kühl und sogar feindselig. Enric selbst war froh über seine eigene Vorliebe für Schwarz.

Interessanterweise schienen Haarfarben und Hauttöne hier ein breites Spektrum abzudecken, das sowohl Enrics blasseres Hautbild und blondes Haar, als auch Vran’els gebräunte Haut und dunkles Haar miteinschloss.

Es gab rothaarige Leute mit Sommersprossen, schwarzhaarige sowohl mit heller als auch dunkler Haut, blondes und braunes Haar in allen möglichen Schattierungen.

Im Allgemeinen schienen hier sowohl Männer als auch Frauen eine Tendenz zum Tragen von Hüten, Kappen oder Schals zu zeigen.

Enric störte es nicht besonders hervorzustechen; das war nun schon seit einigen Monaten Teil seines Alltags. Nach Vran’els angespannter Haltung und verkrampftem Kiefer zu urteilen, war er es allerdings nicht gewohnt, andersartig zu erscheinen.

Nach kaum mehr als ein paar Minuten hielt ihre Führerin vor einem hohen Haus mit mindestens vier Stockwerken. Ein breites steinernes Schild war an der Wand neben der ausladenden Eingangstür angebracht.

Enric betrachtete die Buchstaben, die nur teilweise vertraut erschienen. Er konnte ihre Bedeutung nicht entziffern. Dies mochte ebenso gut ein freundlich wirkendes Gefängnis als auch ein eher trist wirkendes Gästehaus sein. Alles war möglich.

“Hier werden wir eure Daten zwecks Registrierung und Archivierung aufnehmen. Hernach werde ich euch zu eurer Unterkunft geleiten. Sie ist nicht weit von hier, nur ein paar Minuten in Richtung des Stadtzentrums”, erklärte sie, ohne auch nur einen Anflug einer Emotion zu zeigen.

“Wann ist es uns möglich, Malriel, Holm von Haus Aren, Senatorin in Takhan zu besuchen?”, erkundigte sich Enric höflich.

“Sobald eure Pässe ausgestellt wurden. Das wird geschehen, sobald eure Informationen bezüglich Vollständigkeit überprüft und von den zuständigen Beamten genehmigt wurden.”

“Wie lange dauert das in der Regel?”

“Es kann bis zu einer Woche dauern, doch uns ist klar, dass in eurem Fall eine besonders rasche Durchführung angeraten ist”, gestand Lam Ceiga großzügig zu, bevor sie das Gebäude betrat, ohne vorher irgendeinen Hinweis dahingehend anzubieten, wie lange solch eine besonders rasche Handhabung dauern würde.

Enric wechselte einen unbehaglichen Blick mit Vran’el, dann folgte er der Frau durch die Doppeltür.

 

Kapitel 3

Besuch bei Malriel

Eryns Grinsen wuchs in die Breite, als Kilan den Aren Hauptraum betrat. “Ich traue meinen Augen kaum! Sieh an, wer es schließlich doch noch geschafft hat, mich nach all der Zeit zu besuchen! Und alles, was nötig war, um dich zu mir zu locken, war ein Baby zu bekommen!”

Er schmunzelte. “Ich erinnere mich an das letzte Mal, als ich dich besuchte. Es endete damit, dass ich mich um deine Korrespondenz kümmern musste. Mir hat schlicht vor dem gegraut, was du mir sonst noch aufbürden könntest. Somit hielt ich es für weise, einen Sicherheitsabstand zu dir zu wahren.”

“Feigling”, lachte sie und massierte weiterhin Vedrics Bauch.

“Was machst du da?”

“Seinen Bauch zu reiben ist eine gute Stimulation für seine inneren Organe und soll ihm bei der Verdauung seiner Mahlzeiten helfen”, erklärte sie. “Übrigens trafen heute Morgen einige Kuriervögel aus Anyueel mit Gratulationen ein. Darunter auch vom König. Er schrieb etwas darüber, dass ich bei der Formulierung meiner Ablehnung etwas respektvoller vorgehen soll. Ich schätze, du solltest dich besser für das entschuldigen, von dem er denkt, ich hätte es beim letzten Mal geschrieben. Sieh bloß zu, dass du mir keinen Ärger einhandelst, hörst du?”

Kilan atmete aus und schloss die Augen. “Eryn, ich habe ihm nichts dergleichen in deinem Namen geschrieben. Zu keiner Zeit.”

Sie fluchte. “Das bedeutet, er hat herausgefunden, dass ich nicht diejenige bin, die diese verdammten Nachrichten schreibt.” Sie warf Kilan einen missbilligenden Blick zu. “Das bedeutet dann wohl, dass du viel zu freundlich, höflich und entgegenkommend warst. Womöglich hatte er keine andere Wahl, als entweder die Herkunft der Nachrichten oder meine Geistesverfassung anzuzweifeln.”

“Gut für dich, dass er sich für Ersteres entschieden hat, eh? Jetzt gib mir das Kind, ja? Ich muss sehen, wem er ähnlich sieht.” Er nahm Platz und ließ sich von Eryn sanft das Baby in die Arme legen. “Das ist Enrics Gesicht, daran lässt sich nicht rütteln. Sollten jemals Zweifel daran bestehen, wer seine Eltern sind, wird er wahrscheinlich nach seiner Mutter suchen. Wer sein Vater ist, steht bei dieser Ähnlichkeit außer Frage.”

“Sehr nett”, knurrte Eryn. “Genau das will eine Frau hören, nachdem sie ein menschliches Wesen aus sich herausgepresst hat: wie wenig ähnlich ihr das Kind sieht.”

“Seine Haarfarbe ist die gleiche wie deine, also sind da auch Spuren von dir vorhanden”, räumte er großmütig ein.

“Weißt du was? Ich beginne mich zu fragen, warum ich betrübt darüber war, dass ich dich nicht öfter sehe. Ich habe versäumt, es als den Segen zu betrachten, der es eigentlich ist”, schnaubte sie.

Er grinste und untersuchte eine winzige Hand. “Stets zu Diensten.”

* * *

Enric sah aus dem Fenster in Vran’els Zimmer und beobachtete die Pferdewägen auf der überfüllten Straße und die Menschen, die sich scheinbar ohne jegliche Sorge um ihre eigene Sicherheit zwischen den Gefährten hindurchdrängten.

Die Zimmer, die ihnen vor zwei Tagen kurz nach ihrer Ankunft zugewiesen worden waren, reichten nicht einmal annähernd an die Unterkünfte heran, die man ihm in Takhan bei seiner ersten Reise als Botschafter zur Verfügung stellte. Und zuhause in Anyueel hätte man niemals gewagt, Gäste mit dermaßen bescheidenen Quartiere zu beleidigen. Es war womöglich ein alles andere als subtiler Hinweis darauf, dass sie hier nicht gerade willkommen waren. Oder aber es spiegelte eine Kultur wider, die an einen etwas genügsameren Lebensstil gewohnt war.

Aber zumindest war die Unterkunft sauber und warm, wenn auch nicht besonders bequem. Oder geräumig. Oder hell.

Die letzten beiden Tage hatten sie mehr oder weniger wartend verbracht. Mit dem Warten darauf, dass ihre Dokumente und Informationen genehmigt, an eine Person weiter oben auf der Leiter der Macht zur weiteren Genehmigung übergeben und dann erneut weitergereicht wurden. Lam Ceiga hatte sie angewiesen, im Haus zu bleiben und nicht durch die Stadt zu wandern, da die Papiere, die ihnen diese Erlaubnis gewährten, noch nicht ausgestellt waren. Aber heute waren ihnen die Pässe zugestellt worden, die das Ende ihres rastlosen Hausarrests bedeuteten.

Enric wandte sich vom Fenster ab und sah Vran’el zu, der damit beschäftigt war, all die unterschiedlichen Papiere zusammenzusuchen, die sie benötigen würden, um Zutritt zu dem Gefängnis zu erhalten, in dem Malriel weilte. Dort würden sie sie nun zum ersten Mal sehen.

Sie mussten eine Anzahl an unterschiedlichen Formularen für weiß welchen Zweck ausfüllen und erhielten einen Tag darauf eine Notiz, die auf Verlangen vorgezeigt werden musste. Darauf waren Identität, Zweck der Anwesenheit in der Stadt, die Erlaubnis für den Aufenthalt in der Stadt und die Bereiche vermerkt, in denen es ihnen gestattet war, sich zu bewegen.

Vran’el war von der Menge an Papierkram genervt und hatte dieses ermüdende und seiner Ansicht nach lächerliche Maß an Bürokratie wiederholt verflucht. Doch Enric hatte die Formulare studiert und bewunderte den Grad an Organisation.

Zumindest, bis er bemerkte, dass er die gleiche Information in vier verschiedene Formulare eintrug. Das war nicht organisiert, sondern einfach nur überflüssig und eine Zeitverschwendung. Andererseits war es nicht so, als hätten sie außer zu warten sonst noch etwas zu tun.

Dann endlich, nach zwei Tagen des Herumschiebens von Papier und Wartens, wurde ihnen die Erlaubnis erteilt, Malriel zu besuchen und mit ihr zu reden.

Sobald Vran’el alle nötigen Papiere beisammen hatte, richtete er sich auf.

“In Ordnung – ich bin soweit. Lass uns gehen und Malriel in ihrem Gefängnis besuchen. Ich muss zusehen, dass ich mir jedes Detail einpräge. Es wird Eryn aufheitern, wenn ich ihr davon erzähle”, meinte der Jurist und lächelte. “Ich frage mich, ob wir sie mit dem Titel ansprechen sollen, den Eryn für sie verwendet? Königin der Dunkelheit klingt immerhin recht eindrucksvoll. Vielleicht findet man hier Gefallen daran?”

Enric verdrehte die Augen. “Ich hätte von Anfang an erkennen müssen, dass ihr beiden unmöglich nur Cousins sein könnt. Der gleiche verstörende Sinn für Humor, der so viel tiefer reicht als das, was bloße Erziehung verschulden könnte. Komm. Es wird Zeit, mit unserer Arbeit zu beginnen.”

* * *

Intrea grinste, als Eryn ihr das Baby in die Arme legte. “Sieh dir das an! Er sieht aus wie sein Vater!”

Eryn rollte mit den Augen. “Ja, vielen Dank für diese Anmerkung.”

Die andere Frau ignorierte sie und bedeutete ihrer Tochter näherzukommen. “Obal, ich darf dir deinen Cousin Vedric von Haus Vel’kim vorstellen.”

Das Mädchen kam näher, allerdings vorsichtig, als würde es irgendeine widerliche Attacke befürchten.

“Er beißt nicht, weißt du”, meinte Eryn sanft und fügte hinzu, “Noch nicht.”

Obal warf ihr einen dieser genervten Blicke zu, die ein fünfjähriges Mädchen noch nicht perfektioniert haben sollte, und inspizierte das Kind in den Armen ihrer Mutter eingehend.

“Er ist sehr klein. Mein anderer Cousin war größer”, bemerkte sie sachlich.

“Ja, er wurde um einiges zu früh geboren”, nickte Eryn.

Daraufhin wurde sie mit einem weiteren vernichtenden Blick bedacht.

“Es ist nicht so, als hätte ich das mit Absicht getan”, verteidigte sich Eryn und fragte sie, warum ihr dieses Kind dermaßen an die Nieren ging.

Obal erwiderte nichts darauf und starrte den Jungen noch eine weitere Minute lang an.

“Er macht überhaupt nichts. Langweilig. Wo ist Urban?”

“Im Garten”, informierte Eryn sie rasch, froh über die Aussicht, das Mädchen für eine Weile loszuwerden.

Intrea lächelte wissend. “Sie hat diese Wirkung auf Leute. Ich hoffe, dass sie diese generelle Geringschätzung für ihre Umwelt irgendwann hinter sich lassen wird. Bei den anderen Kindern ihres Alters macht sie sich damit nicht besonders beliebt. Und ebenso wenig bei den Erwachsenen. Mein Vater meint, ich wäre als Kind genauso gewesen, also gibt es noch immer Hoffnung. Das kleine Paket auf dem Tisch ist übrigens für dich. Es ist ein Badeöl, das seine Haut vor der trockenen Hitze schützt. Du kannst es auch verwenden, wenn du auf deiner Haut irgendwelche trockenen Stellen hast.”

Eryn bedankte sich und öffnete die Verpackung aus dünnem Stoff, bevor sie den Korken aus der Glasflasche zog und daran schnupperte. Die klare, gelbe Flüssigkeit roch nach irgendwelchen Blumen und Gewürzen.

Intrea lehnte sich vor um nachzusehen, wohin ihre Tochter entschwunden war und sah dann die frischgebackene Mutter an.

“Wie geht es dir, meine Liebe? Es tut mir leid, dass du die Geburt ohne Enric durchstehen musstest. Aber deine Freundin Junar war bei dir, wie ich hörte. Ich schätze, da sie selbst erst vor wenigen Monaten ein Kind zur Welt brachte, war sie dir eine große Hilfe.”

Eryn zwang sich zu einem Lächeln. “Mir geht es gut. Und ja, Junar war großartig. Obwohl ihre Hand hinterher geheilt werden musste. Es scheint, als hätte ich auch ohne Magie einen recht beachtlichen Griff.”

Intrea lachte. “Ich muss sagen, dass es jedenfalls von Nerven aus Stahl zeugt, einer Aren freiwillig bei einer Geburt beizustehen.” Sie wurde wieder ernst und sah auf das Baby in ihrem Arm hinab. “Ich bin sicher, dass es keinen Grund gibt, sich um die beiden zu sorgen, weißt du”, meinte sie leise. “Vran mag sorglos, immer zu Scherzen aufgelegt und leichtlebig wirken, doch er ist ein sehr guter Jurist. Seine scheinbar mühelose Wandlung hin zu seinem professionellen Selbst fand ich schon immer befremdlich, als wäre er eine gänzlich andere Person. Plötzlich ist er so ernst, fordernd und analytisch. Und Enric ist so eindrucksvoll, sowohl in seiner Erscheinung als auch in Bezug auf seinen Verstand. Wie könnten diese beiden nicht erfolgreich sein?”

Eryn antwortete nicht darauf, sondern fragte sich nur im Stillen, weshalb Intrea so besorgt klang, wenn es doch so wenig Grund dafür gab.

“Allerdings muss ich dir sagen, dass Neval recht beunruhigt ist”, fuhr sie mit einem Lächeln fort. “Er sagte mir, er sei keineswegs glücklich darüber, dass sein Liebhaber so lange Zeit mit einem Mann wie Enric allein verbringt. Offensichtlich befürchtet er, Vran könnte eine Vorliebe für den blonden, exotischen Typ entwickeln, wenn man kein Auge auf ihn hat.”

Die beiden Frauen sahen einander einen Moment lang an, dann begannen sie zu kichern, froh darüber, dass Obal zu weit weg war, um ihre Augen auf diese abschätzige Weise zu verdrehen, die so typisch für sie war.

* * *

Die beiden Männer folgten der breiten Straße, die sie von ihren Fenstern aus überblicken konnten, sorgsam darauf bedacht, Zusammenstöße mit sich bewegenden Pferdewägen zu vermeiden.

“Ich fühle mich in meiner Aufmachung hier etwas fehl am Platz”, murmelte Vran’el und ließ seinen Blick über die einfärbigen, schnörkellosen Kleidungsstücke der Leute um sie herum wandern.

“Ich hoffe, dass wir nicht lange genug hier sind, damit sich der Besuch eines Schneiders für uns lohnt”, bemerkte Enric und sah sich um. “Siehst du, wie sauber hier alles ist?”

Der Jurist nickte. “Das ist mir aufgefallen, ja. Ich frage mich, wie oft die Straßen hier gekehrt werden. Wahrscheinlich jede Nacht.”

Enric beobachtete die Menschen, die an ihnen vorbeigingen und staunte einmal mehr darüber, dass weder sein eigenes helles, noch Vran’els dunkles Haar hier einzigartig waren. Weder sein derzeitiger Hautton, der aufgrund der allgegenwärtigen Sonne in den Westlichen Territorien dunkler war als sonst, noch sein üblicher blasser Teint fielen hier auf.

Er dachte an Orrins Tochter und deren braunes Haar. Würde Anyueel in ein paar Jahrzehnten so ähnlich aussehen, sobald die Rückkehr der Magie bei Frauen zu mehr Abwechslung im Erscheinungsbild der Leute führte?

“Wie lautete der Name dieser anmutslosen Frau doch gleich noch einmal?”, fragte Vran’el.

Enric zog sein kleines Notizbuch aus einer Innentasche und öffnete die erste Seite. “Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten”, las er vor.

Sie würden die Frau gleich vor dem Gefängnis treffen, das laut der Erklärung, die man ihnen gegeben hatte, am Ende dieser Straße lag. Es konnte freilich nicht schaden, wenn sie es möglichst vermieden, die einzige Person, der sie bislang offiziell vorgestellt worden waren, mit einer gedankenlosen Anrede zu verärgern.

Ihr Weg führte sie an Geschäften mit großflächigen Schaufenstern vorbei, in denen Waren präsentiert wurden. Die Schilder der Geschäfte konnten sie nicht verstehen, doch wenn man die ausgestellten Güter betrachtete, musste es sich um unterschiedliche Arten von Handwerksleuten handeln. Schneider, Schmuckhändler, Glashersteller, Töpfer, Papierhersteller und so fort.

Enric hielt vor einem Fenster und starrte auf das kleine Spielzeug hinab, das irgendeinem vierbeinigen Tier nachempfunden war und sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen schien.

“Wie ist das möglich?”, murmelte er, während er die ruckartigen Bewegungen des bunt bemalten Holzgegenstandes beobachtete.

“Magie?”, schlug Vran’el gleichermaßen fasziniert vor.

“Das bezweifle ich doch sehr, wenn die Informationen darüber, wie gering Magie hier geachtet wird, zutreffen.” Er fragte sich, ob die Möglichkeit bestand, dieses Stück zu erwerben. Würden sie ihm, dem Ausländer aus einem Land, mit dem man vielleicht bald im Krieg lag, etwas verkaufen? Würde man seine Goldstreifen hier überhaupt annehmen?

Ein Mann trat durch die Tür des Geschäfts nach draußen und brachte damit eine kleine Glocke über ihm zum Klingeln, als die Tür daran streifte. In seinem Gesicht prangte ein enormer, gekrümmter Schnurrbart, dessen helles Braun von gelegentlichem Grau durchsetzt war, genau wie seine Schläfen. Um seine recht imposante Leibesmitte trug er eine Schürze mit zwei großen Taschen, und die aufgerollten Ärmel seines Hemds entblößten stämmige, haarige Unterarme.

Ein unverständlicher Strom der einheimischen Sprache mit ihren vielen Zischlauten wurde auf sie losgelassen. Es klang nicht unfreundlich, doch bei dieser Sprache und den betont ausdruckslosen Mienen, die die Leute hier in der Öffentlichkeit aufsetzten, ließ sich das schwer einschätzen.

“Ich fürchte, wir verstehen dich nicht”, sagte Enric langsam.

Der Mann schürzte die Lippen und kniff die Augen zusammen, eindeutig unsicher, wie er mit ihnen verfahren sollte.

Enric wartete geduldig und hegte die Hoffnung, dass ihre unmittelbare Zukunft nicht davon geprägt war, dass der Mann sie davonjagte, sondern sie stattdessen in sein Geschäft einlud.

“Kommt”, forderte er sie schließlich auf, als würde er ihnen ein Privileg gewähren, und führte sie hinein.

Enric fügte sich mit Freude, neugierig darauf, mehr zu sehen. Vran’el war weniger angetan davon, einem Fremden, der nicht allzu enthusiastisch auf ihre Anwesenheit reagiert hatte, in ein Gebäude zu folgen.

Der Mann nahm ein weiteres Spielzeug von der gleichen Machart, das jedoch einem anderen Tier nachempfunden war, von einem Regal und drehte mit einem seltsamen metallischen Schnurren ein kleines Rad, das aus dem hinteren Teil herausragte. Als er das Rädchen losließ und das Spielzeug auf seinem hölzernen Tresen abstellte, begann es sich mit den gleichen abgehackten Bewegungen wie sein Gegenpart im Schaufenster zu bewegen.

Enric betrachtete die fremdartige Vorrichtung wie gebannt. Er verspürte das Verlangen, sie aufzuheben, herumzudrehen und ihre Geheimnisse aufzudecken.

“Wie viel?”

Der Mann deutete auf eine kleine Schiefertafel auf dem Regal, die offenbar den Preis anzeigte. Enric konnte sie nicht lesen und hob fragend eine Braue.

Seufzend hob der Mann drei Finger.

“Hilf mir, Vran”, murmelte Enric. “Wie viele eurer Goldstreifen ergeben eine Einheit der lokalen Währung hier?”

“Etwa zweieinhalb.”

Das bedeutete ungefähr siebeneinhalb Goldstreifen oder beinahe vier Goldstücke aus Anyueel. Das erschien ihm recht kostspielig. Andererseits hatte er keine Ahnung, wie teuer oder aufwändig die Herstellung dieses Spielzeugs war. Er zog in Betracht, einen niedrigeren Preis auszuhandeln, entschied sich dann aber dagegen. Das mochte ihnen mehr schaden als nutzen. Stattdessen griff er in seinen Beutel und zog acht Goldstreifen hervor, die er dem Mann zeigte.

Das löste nicht die Reaktion aus, auf die er gehofft hatte. Mit einem verächtlichen Blick, als würde er etwas ungemein Ekelerregendes betrachten, begann der Ladenbesitzer mit seinen Händen zu wedeln, womit er ihnen signalisierte, dass sie sich entfernen sollten.

Wieder draußen auf der Straße, schüttelte Vran’el verwundert den Kopf. “Meine Güte, das war aber eine recht heftige Reaktion.”

“Soweit ich das gesehen habe, ist man hier sehr auf Regeln bedacht. Nach allem, was wir wissen, könnte es ihm Ärger einbringen, wenn er Geld annimmt, das nicht zugelassen ist. Wir sollten herausfinden, wie wir unser Geld in die hiesige Währung umtauschen können”, sinnierte Enric.

Sie setzten ihren Weg fort in Richtung des mächtigen, grauen Gebäudes am Ende der Straße, das sehr wahrscheinlich ihr Ziel war.

“Du hast noch nicht einmal versucht zu feilschen”, meinte Vran’el mit einem missbilligenden Kopfschütteln.

“Das liegt daran, dass wir nicht wissen, wie man hier auf so etwas reagieren würde. Wenn du den veranschlagten Preis nicht bezahlen willst, solltest du nach Ansicht meiner eigenen Landsleute besser den Leuten aus dem Weg gehen, die dazu bereit sind”, erklärte Enric. “Mich daran anzupassen war zu Beginn eine beträchtliche Herausforderung für mich. Ich kann hier gewisse Parallelen zu meinem Land erkennen. Nun, bis zu einem gewissen Grad. Wir mögen unsere Listen und Berichte ebenfalls recht gern, doch hier hat man das offensichtlich zu einer Kunstform erhoben. Auch, was das Essen betrifft. Es ist weniger stark gewürzt, besteht aber aus mehr Fleisch und Gemüsesorten, die einen für längere Zeit sättigen und warm halten.”

“Also gut, kein Feilschen hier”, seufzte Vran’el.

“Genau. Es ist besser, wenn man uns für ein wenig naiv und leicht auszutricksen hält als dass wir gierig und verschlagen erscheinen. Das verleitet die Leute dazu, uns zu unterschätzen.”

Mittlerweile waren sie nahe genug, um eine vertraute Gestalt zu erkennen. Der Knoten im Nacken war der gleiche, ebenso wie auch der Stil ihrer Aufmachung.

“Grüße, Lord Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden und Senator in Takhan, und Lam Vran’el, Reig von Haus Vel’kim, Jurist und Senator in Takhan”, sprach sie und ließ dabei den Buchstaben S wie ein Zischen und jedes T wie einen rasanten Hammerschlag klingen.

“Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten”, rezitierten Enric und Vran’el gemeinsam und wechselten einen erleichterten Blick, als die Frau zufrieden nickte und sich dann umdrehte um vorauszugehen. Es war, als wären sie vor einer besonders strengen Lehrerin zum Appell angetreten.

Ihr Weg führte sie durch hohe Korridore mit einer Anzahl an großen, halbkreisförmigen Fenstern, die einen Blick über die Straße gewährten, von der sie gerade gekommen waren.

Sie näherten sich einer Doppeltür, die von vier Männern in dunkelgrauen Uniformen bewacht wurde.

Mit einem Nicken nahmen sie wortlos den Ausweis der Frau entgegen, lasen ihn gewissenhaft durch und reichten ihn wieder zurück. Dann hielten sie den beiden Männern in ihrer Begleitung die Hände entgegen.

Vran’el übergab ihre Dokumente, die daraufhin eingehend geprüft, gegen das Licht gehalten und schließlich nach mehreren Minuten wieder freigegeben wurden. Die Wachen waren in der Tat gründlich.

Man winkte sie durch die Tür, und sie setzten ihren Weg fort, nur um nach kaum einer Minute wieder aufgehalten zu werden. Vier weitere Wachen, die gleiche Vorgangsweise.

Im Weitergehen unterdrückte Enric ein Seufzen. Vor sich erblickte er noch eine Tür mit vier Männern in Dunkelgrau. Er fragte sich, wie viele Türen dieser Art sie noch zu passieren hatten und ob sie Malriel wohl noch vor dem Sonnenuntergang in ein paar Stunden zu Gesicht bekommen würden. Vran’els Miene verriet ihm, dass er ebenso wenig angetan war von dem Ausmaß an Sicherheit, das man hier für erforderlich hielt.

Nachdem man sie schließlich durch die vierte entsprechende Tür treten hatte lassen, wurden sie in einen weiteren Gang geführt, von dem vier wesentlich kleinere Türen ausgingen. Die wirkten massiv und hatten kleine, vergitterte Fenster in Augenhöhe. Es schien sich dabei um die Gefängniszellen zu handeln. Verglichen mit den Kerkern und Gefängnissen in Anyueel wirkte die Umgebung hier wesentlich freundlicher, heller und sauberer.

Eine der Wachen ging an ihnen vorbei, um eine der Türen aufzusperren und nickte daraufhin Lam Ceiga zu, die wiederum den zwei Besuchern bedeutete, sie sollten vorangehen.

Enric betrat etwas, das nach einem kleinen, jedoch sehr ordentlich und keineswegs spärlich eingerichteten Zimmer aussah. Eine Ecke war für persönliche Hygiene gedacht, dann gab es ein Bett mit zwei Decken und zwei Kissen darauf, einen großen Ohrensessel und einen kleinen Tisch mit vier hölzernen Stühlen.

“Enric!”, rief eine vertraute weibliche Stimme überrascht aus. Einen Moment später fand er sich in einer ungestümen Umarmung, noch bevor er Gelegenheit hatte, einen näheren Blick auf Malriel zu werfen. “Ich kann dir nicht sagen, wie immens gut es tut, dich zu sehen! Sie sagten mir, dass jemand eingetroffen wäre, teilten mir aber keine Namen mit.”

Es musste eine volle Minute vergangen sein, in der sie sich an Enric klammerte, bevor sie ihn wieder freigab und dann Vran’el an sich zog, um seine Wangen zu küssen.

“Vran, mein Lieber”, lachte sie, und Enric sah, wie ihre Augenwinkel einen Hauch von Feuchtigkeit zeigten, “mit euch beiden auf meiner Seite weiß ich, dass dieser Fehler bald aufgeklärt sein wird.”

“Ich werde euch nun vorerst allein lassen. Klopft an die Tür, wenn ihr aufzubrechen wünscht”, verkündete Lam Ceiga vom Türrahmen aus, wo sie stehengeblieben war und das herzliche Willkommen ausdruckslos beobachtete.

Enric nickte. “Ich danke dir, Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten.”

Dann ließ er seinen Blick an Malriel hinauf und hinunter wandern, nahm ihr Erscheinungsbild und generell ihren Zustand in sich auf. Sie hatte sich an den hiesigen Kleidungsstil angepasst, und das Fehlen von kräftigen Farben fand er besonders deprimierend, ebenso wie ihr Haar, das sie nicht länger in dunklen, welligen Kaskaden ihren Rücken hinabhängen ließ, sondern zu einem Knoten gebunden hatte. Sie wirkte weder abgezehrt noch ausgelaugt, dennoch vermisste er ein gewisses Strahlen an ihr. Das war nicht ganz unerwartet, wenn man bedachte, dass sie hier im Gefängnis festsaß. Sie wirkte gesund, wenn auch nach den Monaten ohne Wüstensonne etwas blasser als gewohnt.

Sie ergriff die Hände beider Männer und zog sie mit sich zu dem kleinen Tisch, damit sie sich hinsetzen konnten. Sie unterbrach den Kontakt auch nicht, nachdem sie sich so bequem niedergelassen hatten, wie es die harten Holzstühle erlaubten.

“Bevor wir in diese ganze Misere hier eintauchen, möchte ich wissen, wie es meiner Tochter geht”, verlangte sie.

“Es fiel ihr recht schwer, Valrad als ihren Vater zu akzeptieren, doch nach einer Weile hat sie es fertiggebracht. In der Zwischenzeit hat sie ihr Abzeichen erlangt und ist nun eine voll ausgebildete und anerkannte Heilerin”, erklärte Enric in so wenigen Sätzen, wie er es vermochte. Es ließ sich nicht sagen, wie viel Zeit man ihnen hier drin zugestehen würde.

“Was ist mit ihrer Schwangerschaft, verläuft soweit alles gut?”

“Unser Sohn kam gestern zur Welt.”

Malriel blinzelte, dann schüttelte sie den Kopf. “Aber… das ist zu früh!” Sie hielt kurz inne, offensichtlich, um kurz im Kopf nachzurechnen. “Es hätte erst in sechs oder sieben Wochen soweit sein sollen!”

Enric drückte ihre Hand. “Ja. Aber soweit ich das sagen kann, scheint alles in Ordnung zu sein.”

Einen Augenblick lang sah Malriel ihn mit gerunzelter Stirn an, dann wurden ihre Augen groß. “Das Geistesband! Sag mir nicht, dass du das Kommitmentband intakt gelassen hast, obwohl du Maltheá für so lange Zeit allein lässt?” Aufgebracht stand sie auf und starrte wütend auf ihn hinab. “Wie konntest du sie dem aussetzen? Sie wird unter deiner Abwesenheit wesentlich stärker leiden, als es nötig wäre, und jetzt muss sie sich auch noch um ein Kind kümmern! Solch eine Rücksichtslosigkeit hätte ich nicht von dir erwartet!”

“Beruhige dich, Malriel. Ich habe nur meine Seite des Bandes intakt gelassen. Eryns Band wurde entfernt.”

Malriel atmete erleichtert aus und sank wieder auf ihren Stuhl. “Oh, ich verstehe. Verzeih mir. Ich hätte wissen sollen, dass du sie keiner unnötigen Qual aussetzen würdest. Allerdings scheint es, als würdest du dir selbst nicht die gleiche Rücksichtnahme angedeihen lassen.” Sie schnappte nach Luft, als ihr ein Gedanke kam. “Bedeutet das etwa, dass du den Schmerz der Geburt miterlebt hast?”

“Ja, das habe ich”, bestätigte er gelassen, während die Erinnerung daran ihn innerlich erschaudern ließ.

“Somit hast du also deine schwangere Gefährtin zurückgelassen, um herzukommen und mir aus meinen Schwierigkeiten herauszuhelfen, weshalb du nun auch noch die Geburt deines Sohnes versäumt hast”, seufzte sie und schloss einen Moment lang die Augen. “Ich weiß nicht, wie ich dir das jemals vergelten kann, Enric.” Dann kam ihr noch ein Gedanke. “Wem untersteht Haus Aren derzeit?”

“Eryn ist momentan das Oberhaupt von Haus Aren.”

Malriel sog den Atem ein und wirkte besorgt. “Maltheá trägt die Verantwortung für Haus Aren?”

“Damit wird sie bestimmt fertig. Malhora ist bei ihr und wird ihr bei der Erfüllung dieser Pflicht unter die Arme greifen.”

Erleichtert ließ sie die Anspannung von sich abfallen. “Meine Mutter ist in der Stadt?”

“Ja, Malhora ist in Takhan. Allerdings weigerte sie sich, das Haus in meiner Abwesenheit zu übernehmen und zieht es vor, eine beratende anstatt einer aktiven Rolle auszuüben.”

“Ich war nicht sicher, ob sie kommen würde”, murmelte Malriel. “Es ist die Pflicht einer Mutter, ihrer Tochter beizustehen, wenn sie ihre Kinder bekommt, und nachdem sie einander unter solch ungünstigen Umständen kennenlernten, wusste ich nicht, ob meine Mutter für mich einspringen würde.” Sie atmete zittrig aus. “Ich bin so erleichtert. Und dankbar. Euch allen.”

Interessiert betrachtete Enric seine Adoptivmutter. Das war nicht die starke, unbesiegbare, gnadenlose Malriel, sondern eine Frau, die einige Zeit allein in einem fremden Land verbracht und in ihrer Einsamkeit begonnen hatte, gütige Taten zu schätzen. Ihre Hände lagen noch immer auf seiner eigenen und Vran’els, um den Körperkontakt mit Menschen aufrechtzuhalten, die sie kannte und mit denen sie vertraut war. Die ersten Menschen, die sie nach längerer Zeit traf, bei denen sie sich nicht darum zu sorgen brauchte, was ihre Absichten waren, sondern denen sie bedingungslos vertrauen konnte.

“Vran, wie ergeht es Valrad? Hatte er es sehr schwer damit, Maltheá dazu zu bewegen, dass sie ihn als ihren Vater annimmt?”

Lächelnd nickte er. “Ja, durchaus. Mit dem starrköpfigen Trotz einer wahren Aren ist sie jedem seiner Versuche mit Widerstand begegnet und hat ihn dazu gezwungen, all seinen Einfallsreichtum und seine Geduld aufzuwenden, derer er fähig ist.” Er drückte ihre Hand. “Doch er war unnachgiebig, und sie hatte niemals wirklich eine realistische Chance gegen ihn. Nicht solange sie als Heilerin an einem Ort arbeiten wollte, den die Leute noch immer als seine Klinik betrachten.”

“Und deine eigene Tochter, wie geht es der kleinen Obal?”

“Sie wächst wie Unkraut und hat, wie so viele Kinder, einen unbeirrbaren Instinkt dafür, genau das falsche Wort auszuwählen, um es dann in Situationen zu wiederholen, die ihren armen Eltern ein möglichst großes Maß an Peinlichkeit bescheren.”

Enric lächelte, als Malriel lachte. Es klang ein wenig eingerostet, als hätte sie es schon seit einer Weile nicht mehr benutzt.

Liebend gerne hätte er sie noch weiter aufgeheitert, doch das konnte er sich nicht leisten. Sie wussten nicht, wie lange man ihnen zu bleiben gestattete oder wann man ihnen einen weiteren Besuch ermöglichte.

Er griff in sein Hemd und zog sein Notizbuch hervor. “Malriel, wir müssen dich hier rasch herausholen. Also gehen wir nun besser durch, was genau bisher vorgefallen ist.”

“Ich weiß. Und ich danke euch, dass ihr mir für eine kurze Weile Nachsicht gezeigt habt. Das hat Wunder für meine Seele bewirkt, soviel dürft ihr mir glauben.” Sie straffte ihre Schultern und ließ die Hände der beiden Männer los, bevor sie mit ihrem Bericht begann.

* * *

Eine halbe Stunde später spitzte Vran’el die Lippen und sah auf das kleine Buch hinab, das er Enric vor einer Weile weggenommen hatte, um darin seine eigenen Notizen und Anmerkungen für später festzuhalten.

“Gut, Malriel – nun lass mich das in meinen eigenen Worten wiederholen, damit wir sehen, ob ich alles richtig verstanden habe.” Er räusperte sich. “In Ordnung. Kurz nachdem du es geschafft hast, dass sie mit Gesprächen über vorteilhaftere Handelsvereinbarungen im Austausch für eine Verzichtserklärung für einen Großteil der Schürfrechte beginnen, hast du auf einem dieser gesellschaftlichen Anlässe, zu dem du eingeladen warst, einen jungen Mann kennengelernt. Im Laufe der darauffolgenden zwei Wochen bist du mehrmals mit ihm zusammengetroffen, scheinbar zufällig. Zum Beispiel, als du in ein Restaurant gingst, um dort zu essen, bei anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen oder sogar, als du einfach nur durch die Straßen spaziertest. Habe ich das soweit korrekt wiedergegeben?”

“Ja”, bestätigte sie und wartete darauf, dass er fortfuhr.

“Sein Name ist…” Vran’el blätterte eine Seite um und überflog sie, bevor er fortsetzte, “…Geloin Urnen, Legen der Nords, Aspirant dritter Ebene des Inneren Zirkels. Geloin ist der niedrigere der beiden religiösen Titel, die es hier gibt, und der Innere Zirkel ist die mächtigste der fünf existierenden religiösen Vereinigungen oder Glaubensgruppen. Bei jeder Gelegenheit hat er sich zu dir gesellt und nach und nach Informationen mit dir geteilt. Er erzählte dir von der Diskriminierung, die Magier hier zu erdulden hätten, und wie sehr er dich um die Freiheit beneidete, alles tun zu können, was du willst und sogar eine Position ziviler Macht auszuüben.” Er sah zu Malriel hin, damit sie seine Ausführungen bestätigte. “Noch immer richtig?”

“Ja, Vran”, seufzte sie. “Sprich einfach weiter, und ich unterbreche dich, falls du etwas falsch verstanden hast.”

“Wie du wünschst.” Er blätterte eine Seite um und sprach weiter. “Nach einer weiteren geselligen Zusammenkunft, zu der ihr beide geladen wart, unternahm er einen Spaziergang mit dir und bot dann an, dir den Ausblick über die Stadt von der Spitze des Tempels zu zeigen, in dem er lebte. Du hast ihm gestattet, dich dort hinzubringen. Nachdem du dich von ihm auf der Plattform hast küssen lassen, erklärtest du dich dazu bereit, die Nacht mit ihm in seinem Zimmer im Tempel zu verbringen. Du nahmst ein Getränk zu dir, woraufhin laut deiner Aussage deine Erinnerung verschwimmt. Du erinnerst dich daran, dass du seine Hand genommen und zu seinem Bett gegangen bist. Dann hast du dich hingelegt und kannst dich von da an kaum noch an etwas erinnern. Als du deine Augen wieder aufschlugst, schrie jemand. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um deinen jungen Mann handelte. Er war mit goldenen Ketten an das Bettgestell gefesselt worden und rief um Hilfe. Später behauptete er, dass er von dir ins Bett gezwungen wurde und du über ihn hergefallen wärst, was dazu führte, dass du der Vergewaltigung angeklagt wurdest.”

Sie nickte.

“Du vermutest, dass er dir etwas in das Getränk mischte, dass er dir gab, damit du das Bewusstsein verlierst, wenn ich das richtig verstanden habe. Und des Weiteren folgerst du, dass es sich dabei um einen Versuch handelt, der den erfolgreichen Abschluss der Handelsgespräche verhindern sollte. Du denkst, dass es eine Gruppierung geben mag, die einen Krieg zwischen unserem Land und Pirinkar ausbrechen sehen oder zumindest den derzeitigen Annäherungsprozess aufhalten möchte.”

“Wie weit ist der Prozess bislang fortgeschritten?”, erkundigte sich Enric, nachdem sie die grundlegenden Fakten im Zusammenhang mit der Anschuldigung dargelegt hatten.

“Sie hörten sich seine Vorwürfe an, schrieben sie nieder und präsentierten Leute, die seinen guten Charakter und sein beispielhaftes Gebaren bei der Ausübung seiner Tempelpflichten bezeugten”, schnaubte sie verärgert. “Dann befragten sie mich. Bedauerlicherweise hatte ich keine ernst wirkenden, aufrechten, grauhaarigen Mitglieder der Gesellschaft zur Verfügung, die darauf schworen, dass mein untadeliger Charakter solch eine Tat vollkommen unmöglich macht.”

Die Andeutung eines Lächelns umspielte Enrics Lippen, als er dachte, dass es wohl weniger ihr untadeliger Charakter war, der ihr solch eine Tat unmöglich machte, sondern eher ihr immenser Stolz.

“Nun zu einer sehr wichtigen Frage, Malriel.” Er beugte sich vor. “Ist man hier mit dem Konzept eines Lügenfilters vertraut?”

“Nein. Ich habe versucht, es ihnen zu zeigen, doch sie weigerten sich schlichtweg aus Angst, ich könnte irgendeinen fremdländischen Gedankenkontrollzauber oder was auch immer auf sie anwenden, um sie dahingehend zu beeinflussen, dass sie mich gehen lassen.” Sie verdrehte die Augen. “Idioten. Wollte ich von hier fort, ohne die Konsequenzen zu berücksichtigen, hätte ich das schon vor mehr als einer Woche getan.” Sie nickte zu dem vergitterten Fenster. “Das ist ein Witz. Jeder Magier könnte hier problemlos hinausspazieren.”

“Was ihnen entweder nicht klar ist”, warf Vran’el ein, “oder sie hoffen, dass du darauf zurückgreifst und ihnen damit sozusagen ein Schuldeingeständnis lieferst.”

“Ich weiß. Aus diesem Grund habe ich mehr oder weniger geduldig auf die Verstärkung gewartet, von der ich wusste, dass die Triarchie sie schicken würde.” Sie lehnte sich vor und legte jedem von ihnen eine Hand auf die Schulter. “Und wen sie mir schickten übertraf meine kühnsten Erwartungen.”

Enric ergriff ihre Hand und hielt sie zwischen seinen beiden. “Malriel, da gibt es noch etwas, das ich tun muss und das dir womöglich überhaupt nicht gefallen wird.”

Sie lächelte verständnisvoll. “Mach nur, Enric. Selbstverständlich musst du sichergehen. Ich bin bereit, wenn du es bist.”

Er drückte ihre Hand, dann ließ er Magie von seiner Hand in ihre fließen.

“Malriel von Haus Aren, hast du einen Priester gezwungen, mit dir ins Bett zu gehen?”

“Nein, das habe ich nicht.”

“Hast du ihm auf irgendeine andere Weise deinen Willen aufgezwungen?”

“Nein.”

“Gibt es irgendeinen Aspekt dieser Geschichte, die du uns erzählt hast, der sich nicht so zugetragen hat, wie du behauptet hast?”

“Nein.”

Er nickte und gab ihre Hand frei. Ein anderes Ergebnis hatte er nicht wirklich erwartet, doch es war wichtig, es ohne jeden Zweifel bestätigt zu haben.

Sie sahen auf, als die Tür geöffnet wurde und sich Lam Ceiga demonstrativ räusperte.

Malriel erhob sich mit den zwei Männern und umarmte beide. Mit einem Gesichtsausdruck, der unschwer erkennen ließ, wie ungern sie sich von ihnen trennte, der aber auch von vorsichtigem Optimismus zeugte, sah sie ihnen nach.

»Ende der Leseprobe«

 

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