„Risse“ – Der Orden: Buch 4

Kapitel 1

Eine unangenehme Ankunft

Enric stand an Deck, versunken in die Betrachtung des Sonnenuntergangs. Staunend ließ er die farbenprächtigen Schichten aus Rot, Orange und Gelb, die Eindrücke von Licht und Schatten zwischen den Wolken und die Spiegelungen auf der ruhigen Meeresoberfläche auf sich wirken. Solche Sonnenuntergänge kannte er nicht von zuhause; er überlegte, weshalb sie hier wohl um so vieles spektakulärer erschienen. Vielleicht ließ sich zu diesem Thema irgendwo ein Buch auftreiben.
Es war schon eine Weile her, seit er sich das letzte Mal die Zeit genommen hatte, einen Sonnenuntergang zu beobachten. Sonnenaufgänge, ja. Er war Frühaufsteher, und seine Schlafzimmerfenster waren jahrelang in die entsprechende Richtung ausgerichtet. Aber er hatte kaum jemals Sonnenuntergänge beobachtet. Es gab immer Arbeit zu erledigen, auch wenn er, seit er mit Eryn zusammenlebte, weitgehend aufgehört hatte, bis spät in die Nacht zu arbeiten. Sie war ein besonderer Anreiz für ihn, seine Arbeit pünktlich niederzulegen, ein Grund, nach Hause zu kommen.
Jetzt gerade schlief sie in ihrer Kabine. Pe’tala hatte mehrmals dabei zugesehen, wie sie sich übergeben musste, und sie dann mit ein wenig Magie schlafen geschickt – und ihre Proteste dabei mitten im Satz zum Verstummen gebracht. Eryn war zu überrascht gewesen, um sich rechtzeitig zur Wehr zu setzen, und einfach schlaff in sich zusammengesunken. Zumindest würde er nicht derjenige sein, der später dafür bezahlen musste.
Die Aussicht darauf, zwei schwangere Frauen auf die lange Reise nach Takhan mitzunehmen, hatte ihm Sorgen bereitet, auch wenn bislang alles gut gelaufen war.
Das war eine Erleichterung, da die Reise nicht besonders vielversprechend begonnen hatte. Während Junar froh gewesen war, in der bereitgestellten Kutsche Platz nehmen zu können, hatte sich Eryn wenig erbaut darüber gezeigt, dass man von ihr erwartete, ebenfalls darin zu reisen. Sie hatte zu argumentieren versucht, dass die frische Luft gut für sie und das Kind sei, doch Pe’tala hatte erklärt, dass ein mehrstündiger Ritt durch eine fremde Umgebung auf einem Pferd, mit dem sie nicht vertraut war, in ihrem derzeitigen Zustand keine besonders schlaue Idee war. Ein unkonzentrierter Augenblick konnte zu einem kleinen Fehler führen oder das Pferd mochte aufschrecken – realistische Möglichkeiten, wenn eine Bergkatze daneben herlief – und einen Sturz und eine Verletzung zur Folge haben. Ein paar Minuten lang hatte er sich die Diskussion angehört, dann entschied er einzugreifen. Keine von den zwei Möglichkeiten, die er Eryn für ihre Reise nach Bonhet angeboten hatte, beinhaltete die Option von ihr auf einem Pferderücken: entweder wach oder schlafend.
Mit einem bösen Blick war sie schließlich wenig erfreut in die Kutsche gestiegen. Junar hatte sich irritiert gezeigt, weil Eryn nicht mit ihr in der Kutsche fahren wollte, und so hatte die Reise dann also begonnen: mit drei beunruhigten Männern, einer genervten Heilerin und zwei mürrischen schwangeren Frauen.
Vern hatte ursprünglich ebenfalls geplant, in der Kutsche zu reisen und die Zeit zum Lesen zu nutzen, hatte sich jedoch eines Besseren besonnen, als das Gezanke der beiden Frauen begann. Enric konnte ihm das kaum zum Vorwurf machen. Er selbst hätte sich dem ebenfalls nicht zwei Tage lang freiwillig ausgesetzt.
Irgendwann hatte Junar zu weinen begonnen, wozu sie in letzter Zeit verstärkt neigte, und Orrin hatte darum gebeten, die Abreise um ein paar Minuten zu verschieben, damit er sie trösten konnte. Eryn bedachte er währenddessen mit verärgerten Blicken.
Es war auch nicht eben hilfreich, dass Eryn es für nötig befand, den anderen zu erklären, genau dies sei der Grund, weshalb sie nicht zwei Tage lang mit dieser Frau auf begrenztem Raum festsitzen wollte.
An diesem Punkt hatte Vern Enric einen flehenden Blick zugeworfen und sich erkundigt, ob es noch zur Diskussion stand, Eryn schlafen zu schicken. Enric hatte ihm erklärt, dass er dies gerne jederzeit versuchen könnte. Er selbst war absolut nicht willens, nach ihrem Erwachen ihren Zorn zu erdulden.
Daraufhin war Eryn natürlich wütend auf Vern. Somit war die Gruppe recht verstimmt aus der Stadt abgereist.
Mehrere Male mussten sie anhalten, damit Junar sich immer wieder ihres Frühstücks entledigen konnte. Dies hatte ihre geplante Ankunft an ihrem Ziel am Abend um etwa eine Stunde verzögert.
Der zweite Tag war unkomplizierter verlaufen. Junar hatte entschieden, sich tagsüber mit ein paar Scheiben Brot zufriedenzugeben, um ihren Magen vom Rebellieren abzuhalten. Am Abend hatte sie dann drei Portionen des Eintopfs, den der Wirt in Bonhet serviert hatte, verschlungen, um die magere Kost während des Tages wieder wettzumachen.
Eryn hatte sich immens überrascht gezeigt, wie sehr sich Bonhet seit ihrem letzten Zwischenstopp während ihrer ersten Reise nach Takhan vor etwa neun Monaten verändert hatte. Mehr Menschen, mehr Gebäude und eine allgemeine Geschäftigkeit, die es vor einigen Monaten noch nicht gegeben hatte.
Enric hatte sie mit auf einen Spaziergang durch das Dorf genommen, ihr die Gebäude gezeigt, die er errichten hatte lassen, und war mit ihr zum Zählhaus sowie den Anlegestegen spaziert.
Sie war erfreut, wie die Arbeiter mit ihm umgegangen waren: mit Respekt, aber ohne die automatische Ehrerbietung und Bewunderung, die sein Rang bei den meisten Menschen zuhause in der Stadt Anyueel auszulösen pflegte. Dass sie nicht ständig an die Wichtigkeit und den Reichtum von Magiern erinnert wurden, hatte zur Folge, dass die Leute auf dem Land einen etwas nüchterneren Umgang mit ihnen pflegten. Es half womöglich auch, dass ihre Reisekleidung nicht so elegant und prächtig war wie ihre übliche Aufmachung. Das, was sie derzeit trugen, wirkte praktisch und war staubig nach einem langen Tag auf der Straße. Sie waren also nicht auf den ersten Blick als reiche Magier zu erkennen.
Nach dem Abendessen bestiegen sie das Schiff, da es wenig Sinn ergab, im Wirtshaus zu übernachten. Das würde sie nur eine ganze Nacht an Reisezeit kosten. Sie konnten sich ebenso gut in den Kabinen an Bord zur Ruhe begeben.
Eryn hatte bereits vor dem Betreten des Schiffes etwas blass gewirkt. Offensichtlich war ihr der letzte Aufenthalt auf einem Schiff noch gut in Erinnerung. Enric hatte ihr erklärt, dass es sich diesmal um ein größeres Exemplar handelte als beim letzten Mal. Das bedeutete, dass es nicht ganz so anfällig für leichten Wellengang war und somit weniger schaukeln würde.
Es dauerte weniger als eine Stunde, bis Eryn ihr Abendessen wieder hervorgewürgt hatte.
Junar schien erstaunlicherweise nicht einmal ansatzweise unter Seekrankheit zu leiden – eine eher unerwartete Entwicklung, da sich ihr Magen in den letzten paar Monaten nicht eben kooperativ gezeigt hatte. Vern schien ebenfalls immun zu sein gegen das Schaukeln und verbrachte den Großteil seiner Zeit damit, Bilder anzufertigen von allem, was er sah, die Besatzungsmitglieder zu ersuchen, ihm Dinge zu zeigen und zu erklären, und zu lesen.
Ganz anders war es um Orrin bestellt. Seine Haut hatte eine leicht grüne Färbung angenommen. Doch da weder Enric, Pe’tala, Vern, noch Junar irgendwelche Anzeichen von Unwohlsein ob des ständigen Auf und Ab des Schiffes zeigten, war er fest entschlossen, nicht als Einziger – abgesehen von Eryn – Schwäche zu zeigen. Wenn man ihn darauf ansprach, erwiderte er, alles sei prima. Pe’tala und Vern hatten beide angeboten, ihn bis zur Ankunft in Takhan schlafen zu schicken, doch davon wollte er nichts hören und bestand weiterhin darauf, dass alles in Ordnung sei.
Der Wind war günstig, also sollten sie die Stadt am nächsten Tag in den frühen Morgenstunden erreichen.
Enric drehte sich um, als er bemerkte, wie Pe’tala an Deck kletterte. Sie nickte ihm zu, als sie ihn erblickte und trat neben ihn, um sich an die Reling zu lehnen.
“Eryn schläft noch. Ich werde sie bis zum Morgen in diesem Zustand halten, dann haben wir das Meer hinter uns gelassen und sind auf dem Fluss.”
Er nickte. “Danke. Ich gebe zu, dass ich froh bin, dass du diejenige bist, die es tut. Sonst wäre ich derjenige, der ihren Ärger abbekommt.”
Sie lächelte. “Heiler sind daran gewöhnt, sich um solche unbeliebten Dinge zu kümmern. Anderen zu helfen ist nichts, das uns immer nur Dankbarkeit einbringt.”
“Nicht einmal von anderen Heilern?”
Sie schnaubte. “Besonders nicht von anderen Heilern. Heiler sind die schlimmsten Patienten, die du dir vorstellen kannst. Sie denken, sie wüssten alles besser und bräuchten keine Hilfe. Und wenn sie doch bereit sind zuzugeben, dass ein wenig Hilfe eine gute Idee wäre, versuchen sie dir zu erklären, was die richtige Herangehensweise ist.”
Er lachte leise. “Dann ist es ja gut, dass Heiler nicht so oft Hilfe benötigen.”
Sie nickte. “Das ist in der Tat ein Glück. Andernfalls müssten wir den Preis für ihre Behandlung erhöhen, da sie besonders anstrengend sind.”
“Gilt das auch für dich, oder bist du dir dieser Sache besser bewusst?”
Pe’tala grinste. “Natürlich gilt das auch für mich. Ich bin schlimmer als die meisten. Kannst du dir vorstellen, ich müsste zugeben, dass ich auf Hilfe in einem Bereich angewiesen bin, in dem ich als sehr fähig gelte? Ich habe Mitleid mit jedem Heiler, der mich behandeln muss.”
Enric betrachtete sie nachdenklich. “Es ist gut, dich lächeln zu sehen, Tala”, sagte er sanft. “Das ist schon seit einer Weile nicht mehr vorgekommen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass du besorgt und rastlos bist. Das ist aber nicht deine übliche Ungeduld mit der Welt im Allgemeinen, sondern etwas anderes. Und du hältst Abstand zu Eryn, obwohl du sie beobachtest, wenn du denkst, niemand bemerkt es. Was ist los?”
Sie biss sich auf die Lippe und ließ den Kopf hängen. “Es scheint, als müsste ich in deiner Nähe etwas vorsichtiger sein. Ich bin nicht daran gewöhnt, dass Menschen ihrem Umfeld so viel Aufmerksamkeit schenken.”
“Rede mit mir”, beharrte er. “Es hat mit Eryn zu tun, dessen bin ich mir fast sicher. Ist mit ihr und dem Kind alles in Ordnung?” Seine Stimme klang leicht besorgt.
Mit einem Kopfschütteln streckte sie ihre Hand aus und drückte seine, als er sie ergriff. “Nein, Enric, ich verspreche dir, dass mit den beiden alles in Ordnung ist. Und lass mich dir sagen, wie sehr es mich berührt, dass du und Lord Orrin so besorgt seid um das Wohlergehen eurer Gefährtinnen. Von Kriegern hätte ich das nicht wirklich erwartet. Es scheint, als wäre ich dem gängigen Vorurteil zum Opfer gefallen, dass Kämpfer nichts als unsensible Barbaren sind. Ich hätte es besser wissen müssen.”
Erleichtert atmete er aus. “Gut. Worum sorgst du dich denn nun?”
Pe’tala zog ihre Hand zurück und wandte sich von ihm ab, um ihren Blick in die Dunkelheit zu richten. “Es gibt da etwas, das Eryn nach unserer Ankunft in Takhan erfahren wird. Es wird eine Überraschung werden, aber keine angenehme, wie ich vermute. Bereite dich darauf vor, dass ihr diese Neuigkeiten, die sie erfahren wird, beträchtlichen Kummer bereiten werden.”
“Welche Neuigkeiten?”, verlangte er stirnrunzelnd zu wissen.
“Es steht mir nicht zu, dir das zu sagen. Ich kann sehen, dass du dich sorgst, aber bitte bedränge mich nicht. Du wirst es in weniger als einem Tag erfahren. Das verspreche ich.”
Enric nickte langsam. “In Ordnung, ich werde deinen Wunsch respektieren. Nur noch eine Frage, dann werde ich damit aufhören: Hat es etwas mit ihrem Vater zu tun?”
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. “Du bist gefährlich scharfsinnig, Enric. Es wäre wirklich beruhigend, wenn du hin und wieder einmal Unrecht hättest, weißt du.”
Er lächelte freudlos. “Das ist zuweilen eine Bürde. Aber ich danke dir für die Warnung. Und auch dafür, dass du dich um sie kümmerst. Ich werde nun versuchen, etwas zu schlafen; anscheinend sollte ich morgen gut ausgeruht und wachsam sein.”
“Gute Nacht, Enric. Schlaf gut.”
Er kletterte die Stufen hinab und öffnete die erste Tür rechts, hinter der Eryn friedlich, wenn auch nicht ganz freiwillig, schlummerte. Neuigkeiten über ihren Vater. Und keine, die sie schätzen würde. Wie bedauerlich, dass ihre zweite Ankunft in Takhan wohl nicht viel angenehmer verlaufen würde als ihre erste.

* * *

Langsam öffnete Eryn die Augen und starrte in zwei Gesichter, die auf sie hinabblickten. Enric und Pe’tala. Beide traten einen Schritt zurück, als sie sich langsam aufsetzte. Die Erinnerung kehrte zurück, und sie warf Pe’tala einen erzürnten Blick zu.
“Du hast mich schlafen geschickt, einfach so!”
Mit einem Schulterzucken lehnte sich die andere Frau gegen die Tür. “Ja, das habe ich. Du warst zu stolz, um dem zuzustimmen, und ich hatte nicht die Absicht, mir die ganze Nacht hindurch von deinem Würgen den Schlaf rauben zu lassen. Somit habe ich uns beiden einen Gefallen getan. Du brauchst mir nicht zu danken.”
“Ja, sicher. Dir zu danken war genau das, was mir durch den Kopf ging…”, murmelte sie und stand vorsichtig von der Pritsche auf, um sich zu strecken.
“Sieh zu, dass du dich anziehst und wäschst, Liebste”, warf Enric ein. “Wir sollten in kaum mehr als zwei Stunden in Takhan eintreffen, also möchtest du zuvor vielleicht noch etwas essen.”
“Zwei Stunden? Das bedeutet, dass wir nicht länger auf dem Meer sind”, sagte sie erleichtert.
Er nickte. “So ist es. Der letzte Teil der Reise sollte recht entspannt verlaufen.”
“Wie geht es den anderen?”
“Gut soweit. Orrin weigert sich noch immer zuzugeben, dass er seekrank war. Junar geht es nicht schlimmer als sonst, und ich glaube, Vern hat mittlerweile so ziemlich alles gezeichnet, was er an Bord gefunden hat.”
Eryn nickte und sah die beiden dann abwechselnd an. “Warum geht ihr nicht schon rauf an Deck? Hier drin ist es ein wenig eng, wenn ich mich waschen und anziehen soll, während ihr zwei mir im Weg steht. Hinaus mit euch.”
Sie sahen einander an, dann öffnete Enric die Tür und ließ Pe’tala als Erste hinausgehen.
Sobald sie allein war, setzte sich Eryn wieder auf das Bett und atmete langsam aus. Nur noch zwei Stunden, bis sie wieder zurück in Takhan war. Zwei Stunden, bis sie Malriel gegenübertreten musste. Der Frau, die dafür gesorgt hatte, dass Eryn gegen ihren Willen schwanger wurde. Der Frau, die vor neunundzwanzig Jahren ihren Gefährten betrogen hatte und unvorsichtig genug gewesen war, sich von einem anderen Mann schwängern zu lassen. Von einem Mann, wo Eryn nicht einmal wusste, ob sie mehr über ihn wissen wollte. Es zählte nur, dass sie ihr etwas genommen hatte, das für Eryn immens kostbar gewesen war: die Familie, die sie in Haus Vel’kim gefunden hatte. Rechtlich gesprochen war sie noch immer ein Mitglied des Hauses. Aber da Ved’al nun nicht ihr Vater war, entstammte sie nicht deren Linie und hatte damit nicht mehr das Recht, zur Familie zu gehören.
Der Gedanke an Malriel ließ ihr Herz schneller schlagen. Um sich wieder zu beruhigen, zwang sie sich, die Augen zu schließen und gleichmäßig zu atmen. Stress war nicht gut, weder für sie noch für das Kind.
Als sie wenige Minuten später an Deck ging, gekleidet in die dünnere Kleidung, die sie hier während ihres ersten Besuchs erstanden hatte, fand sie Vern vor, wie er auf den Stufen saß und etwas zeichnete.
“Laut Enric hat du bereits alles gezeichnet, was es auf dem Schiff gibt. Fängst du jetzt wieder von vorne an?”, scherzte sie.
Er blickte auf und grinste sie an. “Glücklicherweise muss ich das nicht. Anders als auf See, gibt es hier Landschaft, also bin ich nicht länger auf die Gegenstände an Bord beschränkt.”
“Hast du schon gefrühstückt?”
Er nickte. “Ja. Vor zwei Stunden. Nicht jeder verschläft den halben Tag.”
“Ich wurde von einer Magierin schlafen geschickt! Das war nicht meine Schuld!”, protestierte sie.
“Oh, ich verstehe – unter normalen Umständen stehst du ja so früh wie nur möglich auf”, schnaubte er und setzte seine Arbeit fort.
“Warum rede ich überhaupt mit dir?”, murmelte sie und ging weiter zu Enric und Orrin, die im Stehen die weiten, felsigen Kämme betrachteten. Das waren die Ausläufer der Berge, die sie vor kurzem passiert hatten. Es gab kaum Vegetation, da der langsame Übergang in die Wüste bereits begonnen hatte.
Orrin drehte sich um und nickte ihr zu, als sie neben ihn trat. Er hatte ebenfalls leichtere Gewänder angelegt. Junar hatte ihnen allen ein paar Garnituren angefertigt, damit sie etwas für die ersten Tage in Takhan hatten, bevor sie einen hiesigen Schneider aufsuchen konnten. Den Stil der Kleidung hatte sie nicht angepasst, nur die Dicke des Stoffs. Somit würde er also noch immer fremdartig erscheinen, selbst wenn man die blonden Haare außer Acht ließ.
“Wo ist Junar?”, fragte sie und sah sich um.
“Unter Deck”, antwortete der Krieger. “Sie ist erst vor ein paar Minuten aufgewacht und macht sich fertig.” Er betrachtete sie. “Du wirkst angespannt.”
Ihr Gesicht verdüsterte sich. “Ich bin nicht besonders angetan von der Aussicht, schon so bald wieder auf die Königin der Dunkelheit zu treffen.”
Orrin zog die Stirn in Falten. “Die was?”
“Königin der Dunkelheit. Malriel”, erklärte sie.
“Charmant”, murmelte er und schüttelte den Kopf über sie.
“Warum sollte ich auch? Sie ist es auch nicht. Ich hoffe nur, sie taucht nicht am Hafen auf”, knurrte sie.
Enric dachte, dass die Chancen dafür eher schlecht standen, sprach es aber nicht aus. Sie war sich dessen wahrscheinlich ohnehin ebenso bewusst wie er.
Vern trat neben sie. “Können wir die Sache mit der Begrüßung noch einmal durchgehen? Ich verwechsle das ständig.”
Enric nickte und streckte seine Hand aus, um es vorzuzeigen. “Zwei Männer, die einander formell grüßen, verschränken ihre Finger. Das gilt auch für Frauen.”
Vern verschränkte seine Finger wie angeleitet mit Enrics und nickte dann. “In Ordnung. Und dann gibt es da noch die informellen Begrüßungen. Männer haben keine spezielle Begrüßung vertrauter Art, sondern drücken ihre Zuneigung mit irgendwelchen Gesten aus, nach denen ihnen gerade der Sinn steht. Das kann ein Schulterdrücken, ein Schlag auf den Rücken oder was auch immer sein. Mit gemischten Geschlechtern ist es aber anders, nicht wahr?”
Enric stimmte zu. “Ja. Wenn Männer und Frauen einander formell grüßen, küsst der Mann die Hand der Frau, und zwar so.” Er ergriff Eryns linke Hand und drückte seine Lippen auf ihre Knöchel. “Pass aber auf, dass es nicht zu lange dauert, oder es könnte als zudringlich aufgefasst werden. Die informelle Begrüßung zwischen Männern und Frauen besteht in einem Kuss auf beide Wangen. Bei zwei Frauen wird es ebenso gemacht.”
Vern nickte. “Danke, Lord Enric.”
Er hob beide Augenbrauen. “Wie war das?”
Der Junge schloss für einen Moment die Augen, dann seufzte er. “Danke… Enric.”
Eryn grinste. “Ah ja, es scheint, als hättest du die Zeit, die ich mehr oder weniger im Winterschlaf verbracht habe, darauf verwendet, dich an den Umgang ohne Titel anzupassen.”
Enric seufzte. “Ja, allerdings scheint unser junger Freund hier das als beträchtliche Bürde zu empfinden. Er zuckt jedes Mal zusammen, wenn ich ihn auffordere, mich ohne den Titel anzusprechen.”
Sie sah den Jungen an. “Denk einfach daran, dass er nicht länger ein Mitglied des Ordens ist und es ihm somit nicht mehr zusteht, so angesprochen zu werden. Er ist nicht mehr dein Vorgesetzter, bloß ein Magier, den du zufällig kennst.”
Er schnaubte. “Ja, sicher. Ein Magier, in dessen Fall mir beigebracht wurde, ich solle ihm aus dem Weg gehen, ihm nicht direkt in die Augen sehen, ihn nicht ohne Aufforderung ansprechen und besonders darauf achten, ihm stets mit dem Respekt zu begegnen, der ihm zusteht.”
Enric wirkte bestürzt. “Das hat man dir beigebracht?” Er wandte sich zu Orrin um und zog eine Augenbraue hoch.
“Mich brauchst du nicht anzusehen”, meinte der Krieger und zuckte die Schultern. “Ich sage den Leuten nicht, sie sollen dir nicht in die Augen sehen oder ihren Mund halten, wenn sie etwas Sinnvolles zu sagen haben, egal, wie wichtig du bist. Das muss er wohl von seinen Lehrern haben.”
“Kindern wird beigebracht, sie sollen mir aus dem Weg gehen und den Augenkontakt mit mir vermeiden?”, fragte er mit einem verstörten Gesichtsausdruck. Das war wahrlich eine unangenehme Enthüllung. Verwirrt schüttelte er den Kopf. “Warum?”
Orrin dachte kurz nach, dann sagte er vorsichtig: “Es gibt Geschichten darüber, wie du deine Schulkollegen verprügelt und ihnen recht grausame Streiche gespielt hast.”
“Damals war ich jünger als Vern!”, protestierte er verärgert. “Die Kinder, denen man jetzt beibringt, sie sollen gefügig vor mir kauern, waren damals noch nicht einmal geboren!”
“Diese Art von Junge warst du? Wirklich?” Eryn runzelte die Stirn. “Warum habe ich von all den Geschichten, die ich bisher gehört habe, einen ganz anderen Eindruck gewonnen? Darin geht es um einen faulen, respektlosen, missverstandenen Jungen mit einer Tendenz, seine Frustration durch Poesie zum Ausdruck zu bringen, nicht mit seinen Fäusten. Wie ist es möglich, dass dieser zerstörerische Aspekt, dass du andere Kinder verprügelt hast, dabei verlorengegangen ist?”
Er sah sie verlegen an. “Das ist alles eine Frage der Präsentation, Liebste. Ich musste schon hart genug daran arbeiten, dass du mich magst und akzeptierst, auch ohne dass du über meine dunkle Vergangenheit Bescheid weißt.”
Orrin grinste. “Keine Sorge, Eryn, das war nur während der ersten ein oder zwei Jahre, nachdem er zum Orden kam. Lass es uns als Anpassungsprobleme betrachten.”
“Ja”, schnaubte Enric. “Nachdem du mich zwischen die Finger bekommen hast, hatte ich kaum noch Kraft übrig, um sie an meine Kollegen zu verschwenden. Du hast mich nach dem Unterricht so viele zusätzliche Trainingsstunden absolvieren lassen, dass ich am Ende des Tages mehr oder weniger ins Bett gefallen bin.”
“Das hat doch gut funktioniert, oder etwa nicht? Aus dir ist ein außerordentlich guter Kämpfer geworden, und du hast gelernt, deine Frustration mit Worten anstatt Gewalt auszudrücken”, grinste der Krieger.
Enric sah Vern an. “Wer hat dir gesagt, du sollst den Blick abwenden?”
Der Junge dachte einen Augenblick nach, bevor er sagte: “Mein Lehrer in Politischer Strategie, Avlin.”
“Avlin…” Enric überlegte, weshalb ihm dieser Name vertraut vorkam, dann verzog er das Gesicht. “Ah…”
Orrin nickte. “Ja, er. Als ihr Kinder wart, hast du ihn mehrere Stunden lang in einer Truhe eingeschlossen. Zweimal.”
Eryn schüttelte den Kopf über ihren Gefährten. “Während ich also im Alter von… was? – dreizehn? – zur Heilerin ausgebildet wurde, warst du die Geißel deiner Kollegen? Und die sinnvollste Idee, damit umzugehen, war, dir noch mehr Kampffertigkeiten beizubringen?” Sie seufzte und sah ihren vormaligen Kampftrainer an. “Warum hast du ihn nicht ein paar Stunden lang in eine Truhe gesperrt, um ihm eine Lektion zu erteilen?”
“Ich sehe, dass wir sehr unterschiedliche Ansätze bei der Kindererziehung verfolgen”, erwiderte der Krieger vorwurfsvoll. “Es einem Kind mit gleicher Münze heimzuzahlen, bringt nicht viel. Ihn auf diese Weise zu bestrafen hätte ihn nur noch mehr verärgert und außerdem das Problem mit seiner überschüssigen Energie nicht gelöst. Kämpfen erfordert Disziplin, also diente es mehr als einem Zweck, dass er viel Zeit dafür aufwenden musste. Damit blieb ihm kaum noch Zeit oder Energie, um andere zu quälen, und er war gezwungen, Kontrolle und Zurückhaltung zu erlernen.”
Eryn nickte und grinste Vern an. “Nun, du siehst, es ist also heutzutage sicher genug, ihm in die Augen zu sehen und ihn ohne Titel anzusprechen. Es scheint, dein Vater hat ihn für uns gezähmt.”
“Ich schätze es nicht, wie du das ausdrückst”, seufzte ihr Gefährte. “Sagen wir eher, er hat mir dabei geholfen, weniger destruktive Ventile für meine Energie und Frustration zu finden.”
Sie nickte. “Wenn dich diese Formulierung glücklicher macht, wer bin ich, um sie dir zu verwehren?”
“Schade nur, dass dieser Ansatz bei dir nicht funktioniert hat”, bemerkte Orrin. “Dich zum Kämpfen zu veranlassen hat deine Frustration nur verstärkt.”
“Ja”, knurrte sie. “Und es musste mir ein Kind einpflanzt werden, damit man mir gestattet, diese Zeitverschwendung zumindest für eine Weile zu unterbrechen.”
“Wir könnten hinterher immer noch ein weiteres bekommen. Daraufhin würde man dich sogar noch länger verschonen”, warf Enric beiläufig ein.
“Kaum”, schnappte sie. “Mir ein paar Monate ohne Kampftraining zu erkaufen würde mir ein paar weitere Jahre einer anderen Art von Belastung einbringen. Stell dir vor, wir stehen mit einem Unruhestifter wie Vern da, der Gefangenen magische Kampfkunst beibringt und antike Stadtpläne mit Zeichnungen von nackten Frauen verunstaltet!”
“Ich dachte, ich sei harmlos?”, lachte besagter Unruhestifter.
“Ich habe meine Meinung geändert. Du bist nun offiziell ein schlechter Einfluss. Sieh einfach nur zu, dass du nichts anstellst, für das ich als höchstrangige Ordensmagierin verantwortlich gemacht werde, solange wir in Takhan sind. Und du gewöhnst dich besser daran, Enric ohne seinen Titel anzusprechen. Das würde sonst wirklich seltsam wirken”, warnte sie ihn.
Pe’tala trat neben sie und deutete zum Horizont. “Seht, das dort ist meine Heimatstadt”, sagte sie mit einem Anflug von Stolz in der Stimme.
Vern warf einen kurzen Blick auf die Aussicht vor ihm, bevor er zurück zu den Stufen rannte, wo er seinen Zeichenblock samt Stift liegen hatte. Hektisch begann er zu zeichnen, während die anderen einfach nur in die Betrachtung der Silhouette der fernen Stadt versunken waren.
Enric bemerkte Pe’talas angespannte Haltung. Der bevorstehenden Ankunft blickte sie eindeutig nicht mit Freude entgegen.

* * *

Sie standen nebeneinander an der Reling und sahen zu, wie die Landungsstege vorbeidrifteten. Dieses Mal war ihnen aufgrund der Größe ihres Schiffs ein anderer Platz zugewiesen worden.
Ein langsames Lächeln breitete sich auf Eryns Gesicht aus, als sie die kleine Gruppe von Leuten an der Anlegestelle warten sah. Valrad, Vran’el und Kilan. Erleichtert sah sie, dass Malriel nicht unter ihnen weilte. Sie war erfreut, dass keine größere Menge an Menschen versammelt war, die zu begrüßen eine Ewigkeit gedauert hätte. Und doch verspürte sie einen kleinen Stich der Enttäuschung darüber, dass sich Ram’an nicht unter den Anwesenden befand.
Sie beobachtete ihre Reisegefährten und lächelte über deren Erstaunen, als sie die fremde Stadt zum ersten Mal erblickten, die ungewöhnlichen Eindrücke rundherum in sich aufnahmen.
Als das Schiff endlich vorn und achtern mit schweren Tauen gesichert war, wurde die Landungsbrücke angelegt, damit die Passagiere von Bord gehen konnten. Beinahe im Laufschritt ging sie voraus und zog beide Vel’kim-Männer gleichzeitig in eine stürmische Umarmung. Für einige Augenblicke hielt sie sie fest an sich gedrückt, bevor sie zur Seite trat. Sie war nicht die Einzige, die es eilig hatte, sie zu begrüßen.
Pe’tala näherte sich gemäßigteren Schrittes und lächelte ihre Familie an. Zuerst umarmte sie ihren Vater, dann ihren Bruder.
“Tala, mein Kind”, sagte Valrad zärtlich und strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. “Es ist gut, dich wieder hierzuhaben, wenn auch nur für kurze Zeit.”
“Es ist gut, zurück zu sein”, lächelte sie und lehnte sich in die Berührung. “Du würdest nicht glauben, wie kalt es dort ist.”
“Das kann ich durchaus, wenn ich mir ansehe, wie blass du geworden bist”, erwiderte ihr Vater mit einem Nicken. “Ganz eindeutig gibt es dort nicht genug Sonnenschein.”
“Die Vel’kim-Mädchen sind zurück in der Stadt”, grinste Vran’el und zwinkerte Eryn zu. “Die Leute sollten sich besser gut verstecken.”
Eryn wandte sich sodann Kilan zu und lachte, als er sie an sich zog, um ihre Wangen zu küssen. “Wie ich sehe, passt du dich den hiesigen Gebräuchen an, Botschafter.”
“Das sollte ich auch; man erwartet immerhin von mir, auf diese Weise meinen Respekt für mein Gastgeberland zu zeigen”, grinste er.
Enric, Orrin, Junar und Vern waren in der Zwischenzeit ebenfalls dazugestoßen, und nachdem Enric die drei Männer begrüßt hatte, stellte er ihre Reisegefährten vor.
“Orrin”, sinnierte Valrad und musterte den Kämpfer von oben bis unten. “Der Mann, der Eryn zum Kämpfen gezwungen hat – trotz ihrer Abneigung dagegen.”
Der Krieger, dem der kühle Ton eindeutig nicht entgangen war, nickte. “Ja, das wäre dann wohl ich”, antwortete er langsam. “Aber ich hoffe, dass du mich nicht allein darauf reduzieren wirst.”
Eryn schluckte und trat neben Orrin, um seinen Arm zu ergreifen und beschwichtigend zu drücken, während sie den Mann ansah, den sie bis vor kurzem für ihren Onkel gehalten hatte.
“Er ist seitdem zu einem engen Freund geworden, Valrad. Jemand, der mich nie im Stich gelassen hat, wenn ich einen Rückzugsort oder eine Stimme der Vernunft brauchte.” Sie grinste und gab ihm einen freundlichen Schubs. “Sozusagen der Vater, den ich nie wollte.”
Sie sah, wie sich Valrads Augen bei ihrer letzten Bemerkung verengten und fragte sich, weshalb diese Begrüßung so unerwartet angespannt verlief. Eilig konzentrierte sie sich nun anstatt auf Orrin auf seine Gefährtin und stellte Junar vor, die daraufhin mit mehr Wärme willkommen geheißen wurde.
Als Vern vortrat, grinste Valrad breit.
“Und das muss Vern sein, der junge Mann mit diesem unglaublichen Talent in Kombination mit einer Neigung zum Heilen. Ich habe das Buch gesehen, das du illustriert hast, und ich kann es kaum erwarten, dich meinen Kollegen vorzustellen. Sie waren begeistert, als sie erfuhren, dass du ebenfalls herkommen würdest.”
Vern war offensichtlich überwältigt von der herzlichen Begrüßung, die sich so maßgeblich von der unterschied, die seinem Vater gerade zuteilgeworden war. Er benötigte ein paar Augenblicke, um seine Stimme wiederzufinden.
“Danke, ich bin sehr froh, dass ich die Chance zu diesem Besuch habe. Und ich freue mich, dich kennenzulernen. Ich habe viel von dir gehört”, sagte er schließlich und hob seine Hand für die formelle Begrüßung.
Enric legte ihm eine Hand auf die Schulter. “Man wartet üblicherweise darauf, dass die andere Person ihre Hand zuerst anbietet, sofern er oder sie älter ist als du oder einen höheren Status bekleidet.”
Der Junge schluckte und lächelte den älteren Mann nervös an. “Es tut mir leid, es scheint, dass es noch einiges gibt, was ich zu lernen habe.”
Valrad lachte und verschränkte ihre Finger. “Keine Sorge, mein junger Freund. An Kleinigkeiten wie diesen stoße ich mich nicht.”
Eryn zog die Stirn in Falten, als sie sah, wie Vran’el einen Blick über ihre Schulter warf und plötzlich angespannt wirkte. Langsam drehte sie sich um und hielt an der unwirklichen Hoffnung fest, dass sie sich nicht gleich Malriel gegenüberfinden würde.
Das Glück war ihr nicht hold.
Das Oberhaupt von Haus Aren kam näher. Ihr Gesicht wirkte selbstsicher, obgleich ihre Bewegungen einen Hauch von Vorsicht verrieten. Enric war der Erste, den sie erreichte, und sie zog ihn an sich, um ihn mit einem Kuss auf jede Wange zu begrüßen.
“Enric, mein Lieber. Ich bin so froh, dass du hier bist. Ich schätze es wirklich sehr, was du tust”, lächelte sie.
Er nickte ihr kurz zu. “Das glaube ich gerne. Und doch sollst du wissen, dass ich mit deinen Methoden keineswegs einverstanden bin”, sagte er milde. “Aber das ist ein Gespräch für einen anderen Zeitpunkt.”
Malriels Gesichtsausdruck wirkte leicht angestrengt, und sie begrüßte nun Orrin, Junar und Vern. Schließlich wandte sie sich Eryn zu, die sich vollkommen versteift hatte.
“Theá”, sagte die ältere Frau sachte. “Willkommen zurück in Takhan.”
Eryn spürte, wie Zorn sie gleich einem heißen Speer durchzuckte. Das Lächeln, der Name, mit dem sie nicht angesprochen werden wollte, diese Beiläufigkeit trotz der Dinge, die sie getan hatte.
Als Malriel nähertrat, um ihre Wangen zu küssen, reagierte Eryn reflexartig auf diesen Annäherungsversuch. Ihre Faust schoss hervor und traf mit einem dumpfen Geräusch auf dem Kinn der älteren Frau auf. Malriels Kopf wurde von dem Aufprall gewaltsam zur Seite geschleudert. Sie stolperte mehrere Schritte rückwärts, und der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben.
“Du niederträchtige, hinterlistige, böswillige Kreatur!”, schrie sie.
Um sie herum war es still geworden. Alle Leute in Sichtweite schienen mitten in ihrer Tätigkeit innezuhalten, um zu der unglaublichen Szene hinzustarren, in der das mächtige Oberhaupt von Haus Aren von einer Frau geschlagen wurde, die wie eine etwas jüngere Version ihrer selbst aussah.
Eryn verspürte eine Welle aus Vergnügen, Erleichterung und Schwindel darüber, Malriel einmal ihrer Überlegenheit beraubt zu sehen. Diese Situation hatte sie nicht unter Kontrolle.
“Meine Güte”, seufzte Vran’el und sah zu Enric auf. “Du solltest wohl besser eingreifen, würde ich sagen.”
Der blonde Magier schüttelte langsam den Kopf und murmelte: “Nein. Malriel hat das herausgefordert. Ich habe keinerlei Absicht, ihr zu helfen. Sie hat das durchaus verdient.” Und es war eine prima Gelegenheit für Eryn, ihren Ärger herauszulassen anstatt ihn in ihrem Inneren einzusperren. Dass sie dabei auch ihre neu erworbenen Fertigkeiten in unbewaffnetem Kampf zum Einsatz bringen konnte, war ein willkommener Nebeneffekt.
Sie sahen zu, wie sich Eryn ihrer Mutter erneut näherte. Malriel hob abwehrend die Hände.
“Maltheá, das ist nicht die richtige Art und Weise, mit unseren Problemen umzugehen!”
“Für mich funktioniert das momentan ganz fantastisch”, zischte Eryn und verpasste ihr einen harten Tritt in den Magen, der sie über den Rand des Stegs und mit einem lauten Platschen in den Fluss beförderte.
Sie beobachtete, wie sich das Wasser Malriels Kopf schloss und sie verschluckte. Dann atmete sie aus und kehrte zu ihrem hingerissenen Publikum zurück, ohne sich umzublicken.
“Ich gehe davon aus, dass sie schwimmen kann? Nicht, dass ich die Absicht hätte, sie zu retten, falls sie es nicht kann”, kommentierte sie trocken.
Valrad schloss seine Augen und schüttelte langsam den Kopf. “Kein guter Start”, murmelte er.
Vran’el nickte. “Nein, aber nicht gänzlich unerwartet, würde ich sagen. Wenngleich ich diesen… körperlichen Aspekt nicht kommen sah, muss ich zugeben.” Dann wandte er sich an Kilan. “Würdest du wohl Orrin, Junar und den jungen Vern zu deiner Residenz begleiten, Kilan?”
“Was ist mit Eryn und Enric?”, fragte Junar und legte ihrer Freundin schützend den Arm um die Schultern.
“Sie werden mit uns nach Hause kommen. Es gibt da etwas, das wir besprechen müssen”, antwortete Valrad anstelle seines Sohnes. “Ich möchte euch alle gerne einladen, euren ersten Abend in Takhan mit uns zu verbringen und mit meiner Familie und mir zu Abend zu essen. Ich bin sicher, ich muss euch nicht sagen, dass ihr bis dahin bei Kilan in fähigen Händen seid”, schloss er mit einem unbehaglichen Lächeln.
Sie sahen zu, wie sich Malriel aus dem Wasser zog. Als sie stromabwärts des Schiffes eine eiserne Leiter emporkletterte, klebten ihre nassen Kleider an ihrem schlanken Körper, und ihr langes, dunkles Haar war an ihren Kopf geklatscht. Zurück an Land, schloss sie die Augen, und einen Moment später begann Dampf aufzusteigen, als sie sich mit Magie trocknete. Eine Minute später war kein Anzeichen mehr von ihrem Sturz in den Fluss sichtbar, und sie kehrte zurück, ihr warnender Blick auf ihrer Tochter.
Orrin ergriff Eryn’s Oberarm und knurrte: “Das ist kein verantwortungsbewusster Einsatz der Dinge, die ich dir beigebracht habe. Jemanden zu attackieren, der aufgrund deines Zustands Skrupel hat, zurückzuschlagen, ist keine besonders noble Herangehensweise an die Kunst des Kämpfens.”
Sie fletschte die Zähne, als sie zurückfauchte: “Dazu kann ich dir nur sagen, dass mir das vollkommen gleichgültig ist. So richtig gleichgültig.”
Sie sah, wie Valrad ob dieses Austauschs die Stirn runzelte und befreite ihren Arm aus Orrins Griff.
“Warum sollen wir mit euch kommen? Ich würde lieber ein kühles Bad nehmen und mich dann irgendwo hinsetzen und für eine Weile entspannen”, meinte sie dann, während sie Malriel im Blickfeld behielt, falls sich eine weitere Gelegenheit für einen gut gezielten Tritt ergab.
“Das werde ich euch sagen, wenn wir zuhause sind”, sprach Valrad ruhig und griff nach ihrer Hand. “Das ist nichts, was ich in der Öffentlichkeit besprechen möchte.”
“Wird diese scheußliche Person auch kommen? Falls ja, brauchst du mit mir nicht zu rechnen”, knurrte sie.
Er seufzte. “Ja, Malriel wird uns begleiten. Und nein, du kannst dich nicht weigern mitzukommen.” In seinem Ton schwang unmissverständlich eine Warnung mit. “Enric, ich würde deine Unterstützung schätzen.”
Enric nickte langsam. Es schien, als hätten sie nun gerade einmal den harmlosen Teil hinter sich und würden sich nun dem stellen müssen, wovor Pe’tala gegraut hatte.

* * *

Eryn wartete, bis Malriel auf einem der Kissen im Vel’kim Hauptraum Platz genommen hatte und ließ sich dann dort nieder, wo sie am weitesten davon entfernt war, während sie ihr giftige Blick zuwarf. Enric glitt auf den Sitz neben ihr, und Valrad setzte sich auf das Kissen auf ihrer anderen Seite. Vran’el stellte auf dem niedrigen Tisch vor ihnen ein Tablett mit Gläsern, Wasser und Saft ab, dann ließ er sich zwischen seinem Vater und Malriel nieder. Pe’tala hatte sich dagegen entschieden, sich der Gruppe anzuschließen und lehnte stattdessen an einer Wand in der Nähe des Ausgangs.
Enric hob fragend eine Augenbraue, während er sie ansah. Fluchtgedanken? Sie warf ihm ein müdes Lächeln zu.
Valrad ergriff Eryns Hände und nahm sie zwischen seine eigenen, größeren. Er wartete, bis sie ihren Blick von Malriel abwandte und ihn ansah, bevor er das Wort an sie richtete.
“Eryn, mein Mädchen, Pe’tala hat mich informiert, dass du dir mittlerweile im Klaren bist über die Bedeutung der Krankheit, die dein Sohn geerbt hat.”
“Ja.” Sie schluckte hart und warf der Frau ihr gegenüber einen weiteren hasserfüllten Blick zu. “Es bedeutet, dass Malriel von Haus Aren in ihrem Lebensbund kaum mehr Rücksicht gezeigt hat als bei allem sonst, was sie tut. Sie war nicht nur untreu, sondern auch noch leichtsinnig genug, sich im Zuge dieser Affäre, betrunkenen Begegnung oder was immer es sonst war, schwängern zu lassen.”
Malriel öffnete ihren Mund, um etwas darauf zu entgegen, schloss ihn aber wieder, als Valrads Blick sie zum Umdenken veranlasste.
Eryn runzelte die Stirn. “Ich sehe nicht wirklich, warum du derjenige bist, der mit mir über ihren Fehltritt redet. Das an den Bruder des Mannes zu delegieren, dem sie das angetan hat, ist wirklich ein Tiefpunkt, sogar für sie. Aber ich schätze, das was sie tut, sollte mich nicht länger überraschen.”
“Eryn”, sagte Valrad eindringlich, “bitte hör mir einen Augenblick zu! Das ist wichtig. Du hast Recht. Es war nicht richtig, dass sie dies hinter Ved’als Rücken getan hat, aber sie war nicht die Einzige, die Schuld daran trägt.”
Sie versuchte ihre Hand zurückzuziehen, doch der ältere Mann hielt sie fest. “Wenn du mir jetzt den Namen ihres Bettpartners sagen willst, damit ich meinen Ärger gleichmäßiger verteile anstatt ihr allein die Schuld zu geben, dann bin ich sehr enttäuscht von dir. Es kümmert mich nicht, mit wem sie ins Bett gegangen ist. Er hat keinerlei Bedeutung für mich.”
Valrad schloss die Augen und drehte seinen Kopf für einen Moment zur Seite.
Der Gedanke traf Enric wie eine Faust in den Magen, und mit einem scharfen Atemzug sog er die Luft ein. Sein Blick sprang zu Pe’tala, die ihm einmal zunickte; sie hatte erraten, dass es ihm klargeworden war.
Eryn drehte sich zu ihm, als sie seinen Schock durch das Geistesband wahrnahm. “Was?”
Er schüttelte nur den Kopf und errichtete rasch eine Barriere, damit er sie nicht länger ablenkte und beunruhigte.
“Eryn”, sagte Valrad sodann, sein Gesicht ernst, seine Kiefer aufeinandergepresst. “Das ist von erheblicher Bedeutung für dich. Für uns alle. Ich war der Mann, mit dem sie ins Bett ging, als du gezeugt wurdest.”
Sie erstarrte, ihr Blick verständnislos auf ihn gerichtet. Da waren… Worte. Sie verstand die Bedeutung jedes einzelnen davon, aber zusammen ergaben sie keinerlei Sinn.
“Verzeihung?”, fragte sie höflich.
“Diese Knochenkrankheit, die dein Sohn geerbt hat”, erklärte er mit bekümmerter Miene, “wurde innerhalb unserer Familie schon seit vielen Generationen weitergegeben. Sie wird allerdings nicht an alle Männer vererbt – nur an einen von vier. Nicht an Ved’al. Aber an mich. Und ebenso an deinen Sohn.” Er suchte in ihrem Gesicht nach einem Zeichen, dass sie begriffen hatte, nach irgendeiner Gefühlsregung. “Eryn? Verstehst du, was ich dir sage? Ich bin dein Vater, und zwar nicht nur rechtlich gesprochen. Du bist von meinem Blut, meine Tochter.”
Ihr Kopf sank vorwärts, bis ihr Kinn auf ihrer Brust ruhte. Ihr Atem beschleunigte sich. “Nein. Das bist du nicht. Ich weigere mich zu glauben, dass du deinem eigenen Bruder so etwas angetan hättest. Nicht du. Du bist anständig. Das würdest du nicht tun.”
Sie sah auf seinem Gesicht den Schmerz, den ihre Worte ausgelöst hatten, und erst da wurde ihr eindeutig klar, dass er die Wahrheit gesprochen hatte. Die Pein, die diese Erkenntnis mit sich brachte, raubte ihr beinahe den Atem, und einen Moment lang bekam sie keine Luft. Enrics Arm um ihre Schultern presste sie an ihn, und sie spürte seine Lippen auf ihrer Schläfe. Sie benötigte einige Sekunden, um zu erkennen, dass seine Stimme Worte formulierte.
“Es tut mir so leid, Liebste.”
Sie schluchzte leise und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
Nach mehr als einer Minute flüsterte sie: “Ausgerechnet! Mir ist klar, wie sie so etwas tun konnte, aber du?” Ihre Stimme wurde schriller. “Er war dein Bruder, verdammt! Wie konntest du nur? Dabei hast du die Rolle des freundlichen Onkels so gut gespielt, als ich zum ersten Mal herkam”, rief sie aus, während eine Träne ihre Wange hinabrollte. “Ein Pech für dich, dass Malriel mir diesen Fruchtbarkeitstrank verabreicht hat, oder ich hätte das niemals erfahren!”
Valrads Kopf zuckte zu Malriel, und er starrte sie an. Seine Stimme donnerte durch das Haus, als er wütend knurrte: “Du hast was getan?”
Malriel zuckte zusammen, als wäre sie geschlagen worden und presste ihre Lippen aufeinander. Weder bestätigte, noch bestritt sie es.
Enric sah Pe’tala überrascht an. “Du hast ihm nichts davon erzählt?”
Sie schüttelte den Kopf. “Nein. Das ist nichts, was man mit einem Vogel schickt. Man weiß nie, wer diese Nachrichten abfängt und liest.”
“Ich schwöre dir, Eryn, dass ich davon nichts wusste. Und auch, dass ich keinen Verdacht hegte, ich könnte dein Vater sein. Es wurde mir erst klar, als Pe’tala mir die Ergebnisse ihrer Untersuchung übermittelte.”
Eryn schüttelte den Kopf und stand auf. “Ich muss hier raus”, murmelte sie und stolperte beinahe, als sie hastig über die großen Kissen kletterte, hin zu den Stufen, die zum Ausgang führten. Valrad versuchte ihr Halt zu geben, aber sie wich vor ihm zurück. “Fass mich nicht an!”, schnauzte sie ihn an und rannte auf die Treppe zu.
Enric sprang auf und versuchte ihr zu folgen, doch Pe’tala versperrte ihm den Weg und schüttelte den Kopf.
“Nein. Lass mich.”
Widerstreitende Gefühle huschten über sein Gesicht. Als sie hörten, wie die Tür unten geöffnet und kurz darauf zugeschlagen wurde, umfasste Pe’tala seinen Arm und fügte eindringlich hinzu, “Bitte?”
Schließlich nickte er und zwang sich dazu, zu bleiben wo er war.
“Vran’el?”, rief sie. “Bels Teehaus in einer halben Stunde.”
Als ihr Bruder wortlos nickte, rannte sie los, um Eryn einzuholen.

* * *

Plötzlich geblendet vom hellen Sonnenlicht taumelte sie kurz, bevor sie ihre Augen mit ihrer Hand beschattete und den Weg hinunterzulaufen begann, der von der Straße zum Gebäude hin anstieg.
Sie hielt kurz inne, als sie die Straße erreichte, die entlang des Vel’kim-Anwesens verlief. Dann entschied sie, sich keine Sorgen darüber zu machen, wohin sie ging, solange es nur weit genug fort war.
Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie aufschreien und herumwirbeln, bereit, einen weiteren Schlag auszuteilen, falls es sich um Malriel oder Valrad handelte. Aber es war Pe’tala, die vor ihr stand, ihr Gesicht grimmig und entschlossen.
“Komm”, befahl sie nur und umfasste Eryns Oberarm, um sie in eine Richtung zu drängen, die gemäß Eryns vager Erinnerung ins Stadtzentrum führte.
“Lass mich los”, befahl sie und versuchte ihren Arm zu befreien, doch die jüngere Frau hielt daran fest und zog sie mit sich.
“Nein. Du hörst jetzt damit auf und kommst mit mir. Ich kann dich wohl kaum allein, ohne einen einzigen Goldstreifen und mit kaum mehr als lückenhaftem Wissen über die Stadt herumlaufen lassen. Wer weiß, wo du landen würdest.”
Eryn lachte etwas zu laut, ihre Stimme bitter, als sie sagte: “Meine besorgte kleine Schwester, wie immens rücksichtsvoll von dir, dass du dich um mich sorgst.”
Pe’tala hielt an und drehte sich zu ihr, starrte ihr in die Augen und trat so nahe an sie heran, dass sich ihre Nasen beinahe berührten.
“Da hast du verdammt Recht, du Idiotin! Ein Monat war eine lange Zeit, um die Bürde dieses Wissens allein zu tragen. Ich sorge mich sehr wohl, und das habe ich getan, seit ich diese Erkrankung bei deinem Kind gefunden habe. Oder dachtest du, es wäre ein Zufall, dass ich gerade eben beim Ausgang Stellung bezogen habe, als du davon erfahren hast?” sagte sie streng. “Jetzt hör auf, Schwierigkeiten zu machen. Zumindest bis ich dich an einen Ort gebracht habe, wo wir reden können. Da du beträchtlich stärker bist als ich, bin ich auf deine Kooperation angewiesen. Hörst du?”
“Reden – mit dir?”
“Ja, mit mir. Glaub mir, jetzt gerade bin ich genau die Person, mit der du reden willst. Wie ich Vran’el kenne, ist er mit den jüngsten Entwicklungen sehr wahrscheinlich zufrieden, also würdest du ihn nur erwürgen wollen, wäre er hier. Dabei zählt es nicht, dass du ihn im Allgemeinen lieber magst als mich. Und Enric würde dich nur im Arm halten und sich dein Gejammer anhören, bevor er dir erklärt, wie sich die Situation auf eine Weise analysieren lässt, damit alles vorteilhaft erscheint.”
Eryn blinzelte und starrte sie nur an.
“Kommst du nun?”
Pe’tala wartete einen Moment lang, und als keine Antwort kam, setzte sie ihren Weg flotten Schrittes fort, ohne den Arm der anderen Frau loszulassen.
Eryn wusste nicht, wie lange sie so marschiert waren, bevor Pe’tala neben einem Teehaus anhielt, dessen weiße Zelte die Kissen auf dem Boden vor der Sonne schützten.
“Hinsetzen”, befahl sie und hob eine Hand, um einen Servierer herbeizurufen. Sie wies ihn an, die Tische um sie herum zwecks Privatsphäre freizuhalten und bestellte eine Kanne Tee mit dem Hinweis, sie so lange aufzufüllen, bis er das Gegenteil gesagt bekam. Dann sank sie neben Eryn nieder, streckte ihre Beine aus und seufzte erschöpft. “Es sieht so aus, als wäre deine Ankunft in Takhan nie eine erfreuliche Angelegenheit, was?”
Eryn atmete aus, lehnte sich zurück und schloss die Augen. “Nein, ich will mich nur irgendwo im Dunkeln verkriechen…” Ihre Stimme verstummte. Sie öffnete die Augen wieder, als sie Pe’talas Hand auf ihrer spürte.
“Deine Hand ist kalt, und dein Herz schlägt schneller als es unser kurzer Weg hierher rechtfertigen würde. Du stehst unter Schock. Ich werde etwas dagegen tun, da dies sonst für dich und das Kind gefährlich werden könnte. Hörst du?” Ihre Stimme klang ruhig, doch dahinter war Entschlossenheit.
“Warum fragst du mich das immer wieder?”
“Weil Verwirrung ein Schocksymptom ist. Entspann dich jetzt. Und errichte bloß keinen Schild oder etwas in der Art, oder ich werde den nächsten Magier, den ich des Weges kommen sehe, packen und ihn dazu veranlassen, dass er mir hilft, dich zu überwältigen, einfach nur, damit ich dir eins überbraten kann.”
Langsam schüttelte Eryn den Kopf und spürte, wie angenehme Wärme ihre Haut durchdrang, als Pe’tala Magie durch ihre Handfläche sandte. “Du hast wirklich ein Händchen für Patienten. Kein Wunder, dass sie sich ständig über dich beschweren.”
Pe’tala öffnete ihre Augen wieder und lächelte müde. “Unsinn. Sie beschweren sich zwar, doch in Wahrheit sind sie insgeheim entzückt. Wenn sie einander treffen, tauschen sie Schauergeschichten über meine Behandlungen aus. Ich leiste praktisch einen zusätzlichen Dienst an der Gemeinschaft, indem ich für Gesprächsthemen sorge.”
Eryn atmete aus und bemerkte, dass ihr das Denken nun wesentlich leichter fiel. “Was nun? Rede ich mir nun all meinen Gram und Kummer über meinen letzten Schicksalsschlag von der Seele, damit du meinen Schmerz mit dem Balsam schwesterlichen Mitgefühls lindern kannst, oder wie läuft das?”
“Ein interessantes Bild”, meinte die jüngere Frau mit einem schwachen Lächeln, “aber keines, das wirklich mit unseren Vorlieben übereinstimmt, nicht wahr? Lass uns stattdessen versuchen, gemeinsam verärgert zu sein.”
Eryn seufzte und nickte. “Sicher, warum nicht? Ich verstehe wohl, weshalb du verärgert bist.”
“Nein”, erwiderte Pe’tala scharf. “Das kannst du nicht. Noch nicht. Aber das wirst du vielleicht, wenn du einmal für eine Minute den Mund hältst und mich dir ein wenig über mich erzählen lässt.” Sie hielt inne, als der Diener eine Kanne aus Metall mit dampfend heißem Tee und zwei Gläsern brachte. Die Griffe wirkten so zerbrechlich, als würden sie jeden Moment abfallen, wenn man sie nur falsch ansah. Als er sich wieder zurückgezogen hatte, lehnte sie sich vor, um ihnen beiden Tee einzugießen und lehnte sich dann mit dem Glas in einer Hand wieder zurück, um fortzusetzen. “Ich war sehr jung, als meine Mutter mit einem Händler davonlief. Vier Jahre alt, um genau zu sein. Ich weiß, dass der Lebensbund zwischen ihr und meinem Vater kein besonders liebevoller war, aber ich habe ihr dennoch niemals verziehen, dass sie mich auf diese Weise zurückließ. Es gibt Möglichkeiten für eine Frau, sich von einem Mann zu trennen, ohne daraufhin jeglichen Kontakt zu ihren Kindern abzubrechen. Jedenfalls scheint es, als waren wir nichts anderes als eine Bürde für sie – es gab für uns keinen Platz in ihrem neuen Leben.” Sie legte eine kurze Pause ein und starrte in ihr Glas, bevor sie fortfuhr. “Im vergangenen Monat habe ich zu überlegen begonnen. Ich hätte meinen Vater niemals für den Typ Mann gehalten, der eine Affäre mit einer Frau beginnt, die mit einem anderen Mann verbunden ist. Besonders nicht mit der Gefährtin seines Bruders, und nicht während er selbst an eine Frau gebunden war. Aber nachdem ich hiervon erfahren habe… Ich habe begonnen, mich zu fragen, ob meine Mutter ebenfalls davon wusste und daraufhin beschloss, ihn zu verlassen.”
Eryn schluckte. Das also waren die Gedanken gewesen, die Pe’tala im letzten Monat beschäftigt hatten, während sie in einem fremden Land weit weg von ihrer Familie und ihren Freunden festgesessen hatte, ohne mit jemandem reden zu können.
“Ich wünschte, du hättest mir davon erzählt. Das war eine lange Zeit, in der du damit allein warst.”
Sie schüttelte den Kopf. “Nein. Es stand mir nicht zu, das mit dir zu teilen. Und ich war verärgert mit Vater und wollte, dass er mit eigenen Augen sieht, welchen Schmerz dir seine Taten vor so vielen Jahren bereiten würden.” Sie sah auf und in Eryns Augen. “Es war seine Strafe. Und Malriels. Obwohl ich erwähnen sollte, dass er mich darum gebeten hat, dir nichts davon zu sagen. Er hat niemals von mir erwartet, dass ich seine Drecksarbeit erledige.”
“Sag für den Augenblick besser nichts Nettes über ihn”, meinte Eryn und zog eine Grimasse.
Pe’tala lächelte. “Also gut, ich werde das für den Moment vermeiden. Es gibt noch ein paar andere Gründe für mich, um böse auf ihn zu sein, also lass uns zuerst darüber sprechen. Eine Sache ist die Wahl seiner Liebhaberin. Ich meine, wie konnte er sich jemals zu so einer Frau hingezogen fühlen?” Ihr Gesicht verzog sich missbilligend. “Sie ist selbstsüchtig, rücksichtslos und nicht gerade zimperlich, wenn es um die Methoden geht, derer sie sich bedient. Welche Art von Mann findet solche Qualitäten anziehend? Ich gebe zu, dass sie sehr hübsch ist. Aber ich hätte niemals gedacht, dass mein Vater oberflächliche Reize ansprechend genug fände, um über das hinwegzusehen, was darunterliegt. Ich möchte ihm gerne zugutehalten, dass er jung war, aber das fällt mir sehr schwer. Dann frage ich mich immer wieder, wie gut ich meinen Vater wirklich kenne. Wie du bereits sagtest, ist es kalt und herzlos, seinem Bruder so etwas anzutun. Niemals hätte ich ihn als diese Art von Mensch eingeschätzt. Und schlussendlich ist da der absolut lächerliche Gedanke, dass ein vollständig ausgebildeter Heiler es nicht zuwege bringt, einem ungeplanten Kind vorzubeugen. Also bitte. Wie dumm kann man sein? Das passiert Halbwüchsigen, die entweder zu sehr im Moment gefangen sind, um einen klaren Gedanken zu fassen, oder die nicht verstanden haben, wie man eine Schwangerschaft vermeidet. Aber doch keinem erwachsenen Mann. Immerhin hatte er sich zu dieser Zeit bereits einen Namen als Heiler gemacht!”
Eryn wartete auf einen weiteren Grund, den sie als maßgeblich betrachtet hätte, aber er war nicht unter den angeführten gewesen.
“Und dann bin da noch ich”, wagte sie sich vor.
Pe’tala rieb sich über das Gesicht und schüttelte den Kopf. “Nein, Eryn. Du wirst das womöglich nicht glauben, aber du warst keiner der Gründe für meinen Ärger. Du hast das ebenso wenig verschuldet wie ich. Und weißt du, nachdem ich dich besser kennenlernen und diesen Schlamassel mit Ram’an hinter mir lassen konnte, habe ich mich entschieden, dass du keine dermaßen große Plage bist. Ich war überrascht von der Arbeit, die du in deinem Königreich geleistet hast. Und wie du dem Orden weiterhin entgegentrittst und ihn drangsalierst anstatt einfach das zu tun, was sie wollen, dich zurücklehnst und an der Seite deines mächtigen und reichen Gefährten ein Leben ohne Sorgen führst. Und ich gebe zu, dass deine Probleme mit Malriel es mir wesentlich erleichtert haben, dir zu verzeihen, dass du wie sie aussiehst.”
“Wie ungemein großzügig von dir”, murmelte Eryn.
“Was soll ich sagen? Für diesen Charakterzug bin ich bekannt”, sagte sie, bevor sie wieder ernst wurde. “Es macht mir nichts aus, dich als meine Schwester zu haben. Ich hatte Spaß in Anyueel, und du hast dafür gesorgt, dass ich problemlos akzeptiert wurde. Obwohl es einiges an Entschlossenheit von meiner Seite erforderte, dass Rolan nicht mehr vor mir zurückscheute aufgrund meiner mächtigen Familienbande, nämlich du und Enric.” Sie lachte vor sich hin, als sie sich daran erinnerte. “Ich schwöre dir, er hat Blut geschwitzt, als wir zum ersten Mal bei euch zuhause zum Abendessen eingeladen waren.”
Eryn lächelte leicht bei der Erinnerung an den Abend. “Ja, er wirkte, als wäre ihm unbehaglich zumute.”
Beide leerten ihre Gläser, und Pe’tala füllte sie wieder auf.
“Die Zeit, die du mit Ved’al verbracht hast, deine Erinnerungen an ihn, das ist etwas, das dir keine unangenehme Enthüllung wegnehmen kann, weißt du”, sagte sie dann. “Er war ebenso sehr dein Vater wie… nun, wie es unser Vater nun ist. Er hat dich großgezogen und dich zu der Person gemacht, die du heute bist.”
“Ich weiß”, seufzte Eryn. “Aber der Gedanke, dass all das eine Lüge war… Das mag recht grausam klingen, aber ich bin froh, dass er all das nie herausgefunden hat, dass er diesen Tag nicht erleben musste. Wie soll ein Mann darauf reagieren, wenn er erfährt, dass sein einziges Kind nicht von ihm, sondern von seinem Bruder ist?” Ausdruckslos starrte sie in ihre Tasse.
Sie sahen auf, als eine Gestalt neben ihrem Tisch stehenblieb. Eryns Augen wurden schmal, als sie ihn nach ein paar Augenblicken erkannte. Ram’an. Er wirkte überrascht, sie zu sehen, fing sich aber rasch wieder.
“Eryn. Pe’tala”, sagte er langsam. “Das kommt… unerwartet.”
Eryn antwortete nicht, sondern starrte ihn nur an. Er sah verändert aus. Dünner, mit mehr Linien um seinen Mund und auf seiner Stirn. Es schien, als bliebe ihm in seiner Position als Oberhaupt eines Hauses nicht viel Zeit für sich selbst. Oder zum Schlafen.
“Ram’an”, antwortete Pe’tala höflich, ohne aufzustehen. “Auf die Gefahr hin, unfreundlich zu wirken – würde es dir etwas ausmachen, uns für den Moment alleinzulassen? Wir führen hier ein sehr persönliches Gespräch und würden etwas Ungestörtheit schätzen. Ich bin sicher, wir werden einander bald wiedersehen. Entweder Malriel oder mein Vater werden sehr wahrscheinlich ein Willkommensessen veranstalten.”
Er blinzelte, dann nickte er. “Aber natürlich. Und ja, die Einladungen wurden bereits verschickt. Dann sehe ich euch also in zwei Tagen.” Eryn bemerkte seinen raschen Blick auf ihren Bauch, bevor er sich abwandte und auf eine Gruppe aus Kissen am anderen Ende des Teehauses zuging. Also hatte er offensichtlich von ihrer Schwangerschaft gehört. Gut so.
“Und ich dachte schon, dieser Tag könnte nicht noch unangenehmer werden”, murmelte sie und versuchte zu ignorieren, dass er noch immer nahe genug war, dass eine Drehung ihres Kopfes reichte, um ihn zu sehen.
Pe’tala blickte gezielt auf das Armkettchen an ihrem Handgelenk. “Ich hatte den Eindruck, dass ihr als Freunde voneinander geschieden seid?”
Eryn nickte und spielte mit dem Schmuckstück. “Das hatte ich auch gedacht. Aber unsere Korrespondenz war am Anfang frostig und ist nach einer Weile vollkommen abgebrochen.” Sie zuckte mit den Schultern. “Allerdings bereitet mir das nach dem, was ich heute erfahren habe, keine großen Sorgen mehr.”
“Ladies”, erklang Vran’els Stimme hinter ihnen.
Pe’tala seufzte und drehte sich um. “Das war keine halbe Stunde, Vran.”
Er zuckte die Achseln und quetschte sich zwischen sie. “Das macht nichts. Ich dachte mir, dass es besser wäre, euch durch mein verfrühtes Auftauchen zu verstimmen als voller Sorge zuhause zu warten.” Er hob einen Finger, um dem Servierer zu signalisieren, er möge eine weitere Tasse bringen. Dann sah er sie beide abwechselnd an. “So. Tala, mein Schatz, ich weiß, dass du schon eine Weile davon gewusst haben musst. Und Eryn, meine Liebe, ich verstehe, weshalb das für dich nicht eben ein tröstlicher Beginn für deinen Aufenthalt hier war. Aber ich muss sagen, dass ich sehr erfreut bin, dass ihr beide es offenkundig geschafft habt, gut genug miteinander auszukommen, um füreinander da zu sein, wenn es Probleme gibt.” Er griff nach Pe’talas Glas und leerte es. “Und wenngleich diese Sache im Moment wie schlechte Nachrichten und ein Schock erscheinen mögen, so…”
“Vran?”, unterbrach ihn Pe’tala, “Halt einfach die Klappe, ja?”
Eryn verdrehte die Augen. “Du hattest Recht. Viel zu heiter. Entsetzlich.”
“Was?”, fragte er verdutzt.
“Wir sind noch immer beim schmerzhaften Teil, wo wir unsere Gedanken austauschen, weshalb wir über Valrad verärgert sind”, erklärte Eryn.
“Verärgert?” Seine Verwirrung verstärkte sich. “Weshalb solltet ihr verärgert über ihn sein? Was würde das ändern?”
“Meine Güte”, seufzte Pe’tala. “Kannst du nicht einfach wieder gehen? Dieses Gespräch verlief wesentlich sinnvoller vor deiner Ankunft.”
Vran’el nahm ein Glas vom Servierer entgegen und schüttelte den Kopf. “Sicher nicht! Mir scheint, als benötigt ihr hier dringend ein wenig positiven Einfluss.”
“Versuch jetzt bloß nicht, mir gegenüber positiv zu sein”, knurrte Eryn. “Wenn du mir etwas Nettes mitteilen willst, dann sag mir, dass niemand außer uns jemals von diesem jüngsten Familiendrama erfahren wird.” Sie beobachtete, wie Vran’els Miene plötzlich betont ausdruckslos wurde. “Vran’el? Warum habe ich das Gefühl, dass du mir gleich etwas sagst, das mir überhaupt nicht gefallen wird?”
Er räusperte sich, dann füllte er mit übertriebener Sorgfalt sein Glas aus der Kanne auf dem Tisch nach, eindeutig, um Zeit zu schinden.
“Vran’el!”, bellte sie. “Hör auf herumzuspielen und sprich mit mir! Wer außer uns weiß sonst noch davon?”
“Bislang niemand”, sagte er langsam. “Aber du erinnerst dich sicherlich, dass Männer, die in Haus Vel’kim hineingeboren werden, für ihre Hingabe und Zuneigung, was ihre Nachkommen betrifft, bekannt sind?”
Sie nickte und bedeutete ihm fortzufahren.
“Vater plant, dich bei der nächsten Senatsversammlung als seine leibliche Tochter anzuerkennen, zusätzlich zu seinem Status als dein rechtlicher Elternteil.”
“Was?” Eryn starrte ihn an, ihr Mund sperrangelweit offen. “Du musst ihn aufhalten! Das wird für keinen von uns gut aussehen!”
Vran’el bedachte sie mit einer Miene, die sie als sein Juristengesicht kennengelernt hatte: geringfügig nachsichtig mit einem Hauch von ehrwürdiger Überlegenheit. “Ich fürchte, ich kann deinem Wunsch in dieser Angelegenheit nicht entsprechen. Er nähme es nicht gut auf, würde ich mich in dieser Sache ungebeten einmischen. Und er hat Recht, es ist nur korrekt und angemessen, dass er für seine Taten öffentlich Verantwortung übernimmt.”
“Ihr seid beide irre geworden!”, rief sie aus. “Ich bin dagegen!”
“Siehst du, er ist das Oberhaupt deines Hauses. Wenn er also entschlossen ist, das zu tun, sind deine Einwände eher nutzlos, fürchte ich”, meinte er schulterzuckend.
“Was ist mit Malriel? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so einer Sache zustimmt”, wandte Eryn eindringlich ein. “Sie kann und wird ihn aufhalten, oder etwa nicht?”
“Nein, Herzblatt, sie wird es nicht einmal versuchen”, seufzte er. “Aren Frauen sind ein streitsüchtiger Haufen, aber sie sind nicht dumm und vermeiden es, sich auf einen Kampf einzulassen, wenn sie wissen, dass sie ihn nicht gewinnen können. Lehn dich also wieder zurück und trink noch ein Glas Tee; du kannst nicht verhindern, was in zwei Tagen passieren wird. Du kannst dir das Ganze allerdings ansehen. Senatsversammlungen sind die meiste Zeit über öffentlich zugänglich, wie du dich sicher erinnerst.”
“Ich will nicht, dass irgendjemand davon erfährt! Warum ist er so begierig darauf, seine Schande mit der Welt zu teilen? Welcher Mann tut so etwas?”, stöhnte sie.
“Einer, der es nicht als Schande, sondern als Privileg betrachtet, mit einer weiteren Tochter beschenkt zu werden, würde ich meinen”, erwiderte er milde. “Eine Haltung, die ich teile.” Er ergriff Pe’talas Hand und drückte sie. “Eine Schwester war bisher ein Segen, und eine zweite ist nun sogar ein noch größerer.” Er setzte dazu an, auch ihre Hand zu ergreifen, aber sie wich ihm aus.
“Nicht”, zischte sie, “hör auf! Du verstehst wirklich nicht, weshalb mich das aufregt, oder? Für dich sind wir einfach nur eine große, glückliche Familie, wo sich nichts verändert hat, da ich ohnehin in euer Haus adoptiert wurde?”
“Eryn”, beschwor er sie, “wir haben dich geliebt, bevor wir davon erfuhren, und das tun wir noch immer. Du hast einen Vater verloren, als du noch ein Kind warst – warum siehst du nicht, welch ein Wunder es ist, dass du einen anderen gefunden hast und akzeptierst es einfach?”
“Weil diese Situation das Ergebnis aus Untreue, Lügen und Betrug ist! Wie würdest du reagieren, wenn du herausfändest, dass Obal nicht deine Tochter ist? Sag mir bloß nicht, du würdest das für gut befinden, weil deine Tochter mit einem weiteren Vater gesegnet wäre!”
Er zog eine Braue hoch. “Das ist wohl kaum ein angemessener Vergleich. Ich bin immerhin noch am Leben. Natürlich wäre ich darüber nicht erfreut. Aber Ved’al ist bereits seit langer Zeit tot, und somit ist niemand mehr da, der darunter leiden könnte.”
“Ich leide darunter, verdammt!”, fauchte sie. “Ich will einfach nur etwas Zeit, um mich an diesen Alptraum zu gewöhnen, bevor jeder darüber redet.” Sie zwang sich, ruhig zu atmen und sich wieder zurückzulehnen. “Ich habe mich darauf gefreut, dich und deinen Vater wiederzusehen, das habe ich wirklich. Die Aussicht darauf war mehr oder weniger das einzig Positive daran, dass ich schon so bald wieder hierher herkommen musste. Und jetzt würde ich dich am liebsten erwürgen, weil du dermaßen starrköpfig in deinen Ansichten bist. Ich wünschte, ich könnte mich einen Monat lang vor Valrad verstecken! Beim bloßen Gedanken an das Abendessen, zu dem er uns heute Abend eingeladen hat, dreht sich mir der Magen um!”
“Eryn, bitte”, versuchte er es erneut, “das soll keine Bürde für dich sein. Alles, was er sich wünscht, ist die Chance, auch dir ein Vater zu sein.”
“Ich brauche keinen Vater”, schnappte sie. “Ist das so schwer zu verstehen? Ich hatte einen Vater, und der ist tot! Was ich brauche und was ich letztes Mal, als ich hier war, sehr geschätzt habe, ist ein Freund, ein Onkel, jemand, dem ich vertrauen kann! Aber das ist er nicht länger! Wie kann ich ihm jemals wieder vertrauen, nachdem ich herausgefunden habe, wie er nicht nur seinen Bruder, sondern auch seine eigene Gefährtin behandelt hat?” Sie stand auf und warf ihm einen finsteren Blick zu. “Ich habe nicht die Absicht, ihm als seine große Chance zur Wiedergutmachung seiner Taten von damals zu dienen. Ich brauche ihn nicht – ich will einfach nur meine Ruhe.”
Ihr Blick landete auf Ram’an, der sie von seiner entfernten Ecke des großen Zelts aus interessiert beobachtete. Ihre Augen verengten sich. Diese Gelegenheit war so gut wie jede andere. Sie nestelte an ihrem Armband herum, bis sie es geöffnet hatte, marschierte auf ihn zu und schleuderte es in seinen Schoß.
“Hier. Ich will es nicht mehr. Es sieht so aus, als hätten du und ich sehr unterschiedliche Vorstellungen von Freundschaft. Du hast deine Seite nicht erfüllt, und ich habe es satt, darauf zu warten, dass du zur Besinnung kommst. Hören wir doch damit auf, uns zu verstellen. Enric ist bestrebt, deinem Haus wieder auf die Beine zu helfen; du brauchst mich nicht dafür, um öffentlich zu demonstrieren, welch dicke Freunde unsere Häuser sind.”
Er blinzelte und schickte sich an aufzustehen, hielt aber inne, als sie herumwirbelte und davonstapfte.
Vran’el setzte ebenfalls dazu an, sich zu erheben und ihr zu folgen, aber Pe’tala seufzte und hielt seinen Ärmel fest, um ihn zurückzuziehen. “Lass sie gehen. Du hast gerade all meine Bemühungen zunichtegemacht, und zwar so richtig. Überdies muss ich sagen, dass ich manchen Dingen, die du von dir gegeben hast, nicht zustimme. Das ist kein Anlass zur Freude, sondern ein mächtiger Schock. Und anders als wir beide hatte sie noch keine Zeit, sich daran zu gewöhnen. Versuch beim nächsten Mal, etwas rücksichtsvoller zu sein.”
Er starrte seine Schwester an. Von ihr anlässlich eines Mangels an Mitgefühls gescholten zu werden passierte nicht oft. Üblicherweise war es umgekehrt. Er hob seine Hände und ließ sie dann hilflos wieder sinken.
“Ich wollte ihr nur zeigen, dass sie willkommen ist, dass sie bei uns ein Zuhause hat. Dass sie eine von uns ist”, sagte er, seine Miene verblüfft. “Es scheint, als hätte ich das ziemlich vermasselt.”
“Wenn man bedenkt, dass sie gerade aufgesprungen und davongelaufen ist, dann kann man das wohl behaupten, ja”, bemerkte sie mit scharfer Zunge.
“Wo bleibt die Rücksichtnahme, wegen der du mich gerade gemaßregelt hast?”, knurrte er.
Sie wollte soeben darauf antworten, schloss aber ihren Mund wieder, als sie sah, dass Ram’an langsam auf sie zukam. Sein Blick war auf das silberne Armband in seiner Hand, das Eryn ihm gerade entgegengeworfen hatte, gerichtet. Mit gerunzelter Stirn blieb er vor ihnen stehen.
“Was ist los?”, fragte er schlicht.
“Ich hatte nicht den Eindruck, dass ihr derzeit miteinander redet, also bin ich nicht der Ansicht, dass dir eine Antwort zusteht”, antwortete Pe’tala kühl, seufzte aber, als sie die Sorge auf seinem Gesicht sah. “Sieh einfach nur zu, dass du die nächste Senatsversammlung nicht versäumst. Das sollte deine Frage ausreichend beantworten.” Sie ließ ihren Blick an ihm auf- und abwandern. “Und du solltest hin und wieder auch einmal schlafen und deine Ernährungsgewohnheiten überdenken. Du siehst furchtbar aus. Das war ein professioneller, kostenloser Rat von deiner freundlichen Heilerin aus der Nachbarschaft.” Dann erhob sie sich und ließ einen halben Goldstreifen auf den Tisch fallen, um den Tee zu bezahlen. “Wenn ihr mich nun entschuldigt, ich muss sicherstellen, dass Eryn unbeschadet bei der Botschafterresidenz ankommt, oder Enric wird mir das Fell über die Ohren ziehen. Dass er nicht länger an die Einschränkungen gebunden ist, die der Orden seinen Magiern auferlegt, macht ihn nicht gerade weniger gefährlich.”
Ram’an blickte ihr nach, als sie davonging, dann sah er auf Vran’el hinab, der ebenfalls nicht besonders glücklich wirkte.
“Weißt du”, sagte er langsam, “die beiden friedlich beieinander sitzen zu sehen war kein Anblick, den ich in naher Zukunft erwartet hätte. Dass deine Ankunft zu irgendeiner Art von Eskalation führen könnte, war der nächste Schock. Aber dass Eryn wütend auf mich ist, während Pe’tala mich wie ein menschliches Wesen behandelt, wirft mich komplett aus der Bahn. Ich weiß nicht, was in Haus Vel’kim vor sich geht, aber ich bin fest entschlossen, die Senatsversammlung in zwei Tagen zu besuchen. Außer du verspürst den Wunsch, dich mir mitzuteilen?”, fügte er beiläufig hinzu.
Vran’el schüttelte den Kopf. “Nein. Ich kann nicht. Du wirst warten müssen, so wie auch alle anderen.”
Ram’an nickte langsam. “Also gut – das respektiere ich selbstverständlich. Solltest du deine Meinung ändern, wartet bei mir zuhause stets eine Flasche Wein.”
Vran’el lächelte dünn. “Du bist schamlos.”
“Und du bist besorgt, und das ist etwas, das ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Lass mir eine Nachricht zukommen, wenn ich etwas tun kann.”
“Danke. Ich schätze das Angebot, auch wenn ich es derzeit nicht annehmen kann.” Er stand auf. “Schönen Tag noch, Ram’an.”
Ram’an sah zu, wie der Erbe von Haus Vel’kim in Richtung seiner Residenz davonging. Das war interessant. Pe’tala war Eryn gefolgt, er aber nicht. In welchen Schwierigkeiten sie auch immer steckten, es schien sich dabei um etwas Gröberes zu handeln.

Kapitel 2

Konfrontation mit Valrad

Enric kämpfte gegen den Drang an, im Hauptraum der Botschafterresidenz auf und ab zu schreiten. Stattdessen stand er vor einem der großen Fenster und sah hinaus. Unglücklicherweise gewährte es ihm keinen Ausblick auf die Straße, sondern auf den begrünten Innenhof mit seinen Obstbäumen und dekorativen Sträuchern. Der Anblick war erheblich angenehmer als die staubigen Straßen, besonders während des Tages, doch seine Bedenken waren im Augenblick kaum ästhetischer Natur.
Er wusste, dass Eryn bei Pe’tala und Vran’el war, also gab es keinen Grund zur Sorge. Theoretisch. Sie würde sich wohl kaum irgendwelchen Ärger einhandeln. Doch der Gedanke, sie so unglücklich ganz ohne ihn irgendwo dort draußen zu wissen, beunruhigte ihn.
Kilan und Orrin saßen beide auf den Kissen auf dem Boden in der Mitte des Raumes und beobachteten ihn. Er hatte ihnen allen die Nachricht nach seiner Ankunft vor weniger als einer halben Stunde mitgeteilt. Junar hatte sich sofort zu sorgen begonnen und war drauf und dran gewesen, sich auf die Suche nach Eryn zu machen, ungeachtet dessen, dass sie die Stadt nicht kannte und es die heißeste Zeit des Tages war. Vern hatte es geschafft, sie zu überzeugen, dass Eryn in guten Händen war und sie dann in ihr Schlafzimmer begleitet, damit sie sich ausruhen konnte. Womöglich mit einem sanften Magieschub, um ihre Anspannung zu lösen.
Enric sah auf sein Handgelenk hinab und bemerkte erleichtert, dass sich die Symbole darauf zu verdunkeln begannen. Das bedeutete, dass sie sich der Residenz näherte. Endlich.
Nur Minuten später hörte er, wie die Tür im unteren Stockwerk geöffnet. Er eilte zu den Stufen und sah Eryn und Pe’tala eintreten. Er ermahnte sich, dass es wenig hilfreich wäre, wenn er nervös und besorgt wirkte. Daher wartete er oben an der Treppe auf sie anstatt ihnen einem ersten Impuls folgend entgegenzustürmen.
Als beide Frauen bei ihm angekommen waren, zog er seine Gefährtin in eine zärtliche Umarmung, küsste sie auf die Schläfe und hielt sie fest, bis sie sich kurz darauf befreite.
“Wein”, murmelte sie. Enric sah Pe’tala fragend an, und sie nickte.
“Ein Glas. Nicht mehr”, stimmte sie zu, bevor sie sich zu den beiden Männern setzte. “Und etwas Gehaltvolleres für mich, wenn du so gut wärst.”
Kilan setzte dazu an aufzustehen, aber sie rollte mit den Augen. “Bleib sitzen, Kilan. Der große und mächtige Lord wird es sicher hinbekommen, mir ohne deine Hilfe etwas zu trinken zu servieren. Ich habe ihn schon dabei beobachtet. Er ist recht gut darin, wenn man bedenkt, dass er ein reicher Barbar ist, der es nicht einmal vermochte, sich selbst zu verköstigen, als er das erste Mal hierherkam.”
Enric schenkte ihr ein Glas ein und lächelte in sich hinein. Diese Frau hatte ein Talent dafür, angespannte Situationen aufzulockern, indem sie sich über jemanden lustig machte. Oder solche Situationen auszulösen, indem sie genau das tat – wie auch immer man es betrachten wollte.
Er drückte Eryn ein Glas süßen Weins in eine Hand und ergriff ihre andere, um sie mit sich zu den Sitzkissen zu ziehen. Jetzt, wo sie wieder an seiner Seite war, war ihm wesentlich wohler zumute.
“Hat er euch schon über das neueste Drama informiert?”, fragte Pe’tala die Männer, während sie das Glas von Enric entgegennahm.
Orrin nickte und klopfte auf den Platz neben sich, damit Eryn sich zu ihm setzte. Er legte ihr einen starken Arm um die Schultern und zog sie an sich, um ihr einen Kuss auf die Schläfe zu drücken, genau wie ihr Gefährte es davor getan hatte.
Pe’tala seufzte. “Weißt du, ich vermute stark, dass dies der Grund ist, weshalb mein Vater vorher etwas gefühllos mit dir umgegangen ist, Orrin.”
Der Krieger runzelte die Stirn. “Verzeihung?”
“Diese unkomplizierte Wärme zwischen euch, die mehr nach väterlicher Zuneigung als nach normaler Freundschaft aussieht. Du musst wissen, dass Gastfreundschaft in meiner Kultur ein ungeschriebenes Gesetz ist, eine Lebensweise. Die Art und Weise, wie er dich heute behandelt hat, war ein Bruch damit, und ich möchte dir verständlich machen, weshalb er sich so verhalten hat.”
“Das ist nicht nötig”, versicherte ihr Orrin.
Sie nahm einen großzügigen Schluck von der klaren Flüssigkeit und verzog einen Moment lang das Gesicht, während sich der Alkohol seinen Weg den Hals entlang brannte. “Oh, glaube mir, das ist es doch. Von einem Mann in seiner Stellung wird erwartet, dass er als Vorbild dient. Wenn diejenigen mit den entsprechenden Mitteln zu ihrer Verfügung keine Gastfreundlichkeit zeigen, von wem können wir es dann erwarten?”
“Was genau willst du mir damit sagen?”, erkundigte sich der Krieger mit missmutiger Miene. “Dass er eifersüchtig auf mich ist?”
“So etwas in der Art vermute ich, ja”, stimmte sie zu. “Siehst du, Kinder werden in meinem Haus als etwas ungemein Wertvolles erachtet. Vel’kim Männer sind gefragt als Väter, weil sie ihren Kindern sehr ergeben sind, auch wenn das nicht immer unbedingt auch für ihre Gefährtinnen gilt”, fügte sie düster hinzu. “Der Gedanke an eine Tochter, die ihm nicht nahe steht – die sich sogar weigert, ihn als ihren Vater anzunehmen – ist zweifellos eine immense Bürde für ihn. Und dann dich mit ihr zu sehen, wie du sie maßregelst, als ob es das Natürlichste der Welt wäre, und zu beobachten, wie sie genau wie eine starrköpfige Tochter darauf reagiert, war wahrscheinlich ein wenig zu viel für ihn.”
“Dann ersuchst du mich also darum, Abstand zu Eryn zu halten, solange dein Vater in der Nähe ist?”, fragte er ruhig, sein Blick ausdruckslos.
“Nein, das ist es nicht, worum ich dich ersuche. Ich würde es nicht wagen, so etwas Dämliches vorzuschlagen. Ich sehe nicht, weshalb auch nur einer von euch vorgeben sollte, dass ihr einander weniger wichtig seid als es der Fall ist. Und das nur, weil mein Vater eine unrealistische Vorstellung davon hat, dass seine lang verschollene Tochter sich ihm einfach so in seine Arme werfen würde.”
Orrin entspannte sich sichtlich. “Gut. Das hätte ich nämlich nicht gut aufgenommen.”
Pe’tala lachte leise. “Ja, den Eindruck hatte ich auch. Ich bin nicht in den Kampfkünsten ausgebildet, und ich denke, dass du mir an Stärke erheblich überlegen bist. Ich versuche möglichst, dich nicht zu verärgern, wenn es sich vermeiden lässt.”
Kilan grinste. “Kluges Mädchen.”
“Ich weiß”, grinste sie zurück.
“Solche Überlegungen haben dich aber nicht davon abgehalten, Lord Tyront zu provozieren”, betonte Orrin.
“Wie ich schon sagte, ich tue es nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. An diesem Tag bei der Ratsversammlung gab es keine Möglichkeit, es zu vermeiden. Ich bin ein Verfechter des Ansatzes, Dummheit mit Missbilligung zu begegnen. Wie sonst sollen sie von ihren Fehlern lernen?”, meinte sie achselzuckend.
Enric beobachtete Eryn, wie sie in ihr Glas starrte. Abgesehen von der Bestellung ihres Getränks hatte sie kein einziges Wort geäußert. Pe’tala folgte seinem Blick, dann räusperte sie sich.
“Nun, Eryn, ich schätze, du und ich werden uns nun daran gewöhnen müssen, einander als Schwestern zu bezeichnen, ohne es wie eine Farce oder eine Beleidigung klingen zu lassen. Obwohl ich natürlich sehen kann, warum dir das schwerfallen wird. Ich bin die Jüngere, Hübschere und sehr wahrscheinlich auch die Talentiertere von uns beiden.”
Eryn blinzelte und sah auf. “Eines von drei. Nicht schlecht für den Anfang”, murmelte sie. “Aber zumindest hast du jetzt ein weibliches Vorbild, zu dem du aufblicken kannst. Womöglich schaffen wir es sogar, gemeinsam an ein paar deiner charakterlichen Defizite zu arbeiten, die hängengeblieben sind.”
Enric bedachte Pe’tala mit einem dankbaren Blick dafür, dass sie Eryn neckte, um sie aus ihrer Lethargie herauszuholen. Sie zwinkerte ihm zu.
Vern betrat den Raum, in seinen Armen seine Katze.
“Ram’an ist aufgewacht”, presste er zwischen zusammengebissenen Lippen hervor. Sein Gesicht war eine Maske des Schmerzes dank der Katzenkrallen, die sich in seine Schulter gruben. “Er ist nicht glücklich.”
Kilan schüttelte den Kopf. “Noch eine Katze. Zumindest ist die von der Größe her etwas kompakter, obwohl sie nicht gerade von der anschmiegsamen Sorte zu sein scheint.”
“Ram’an ist normalerweise sehr wohlerzogen und manierlich”, betonte Vern empört und sog scharf den Atem ein, als die Katze ihren schmerzhaften Griff verstärkte. “Jetzt gerade ist er einfach nur desorientiert und verängstigt.”
“Er ist nicht desorientiert oder verängstigt, wenn er auf meine Schuhe pinkelt”, knurrte Orrin.
“Das hat er schon seit Wochen nicht mehr getan!”, protestierte Vern. Erst jetzt schien er die beiden Frauen zu bemerken. “Oh, ihr seid zurück.” Sein Blick fiel auf das Weinglas in Eryns Hand. Entschlossen setzte er die protestierende Katze ab und ging zu ihr, um es ihrem Griff zu entziehen.
“Bist du verrückt geworden? Das ist nicht gut für dein Kind!” Er wandte sich Pe’tala zu. “Und du siehst einfach nur zu anstatt einzugreifen!”, rief er vorwurfsvoll aus.
Eryns Blick wurde streng. “Gib das zurück! Und zwar auf der Stelle! Pe’tala hat mir ein Glas gestattet, und das brauche ich wirklich dringend. Bring mich nicht dazu, es mir zurückzuholen. Das würde dir nicht gefallen.”
Wortlos griff Vern nach einem Wasserkrug vom Tisch und verdünnte den Wein, bevor er ihn zurückreichte.
“Nervensäge”, murmelte sie, nahm das Glas aber entgegen.
Vern nahm neben Pe’tala Platz. “So, dann seid ihr zwei also wirklich Schwestern. Das ist keine besonders große Überraschung, wenn ihr mich fragt. Fieses Temperament, sarkastisch…” Er schwieg, als ihm beide Frauen böse Blicke zuwarfen.
Sie wandten sich um, als sie das plötzliche Fauchen der Katze vernahmen.
“Ah ja”, seufzte Enric und erhob sich. “Urban ist endlich erwacht. Jetzt werden wir also sehen, wie sich die beiden vertragen. “Versucht euch nicht zu viel zu bewegen, das könnte sie erschrecken. Ich werde Urban lähmen, falls sie zu dem Schluss gelangt, dass Ram’an gerade die richtige Größe für ein Häppchen zwischendurch hat.”
Die Bergkatze schlich in den Hauptraum, beschwerte sich lauthals und ignorierte den kleinen roten Kater vollständig, obwohl er weiterhin fauchte und knurrte.
“Deine Katze ist nicht besonders angetan davon, wieder zurück in Takhan zu sein, was?”, kommentierte Kilan.
Enric schüttelte den Kopf. “So scheint es wohl. Wahrscheinlich erinnert sie sich daran, wie heiß es hier ist. Ihr üblicher Lebensraum besteht immerhin aus schattigen Wäldern. Aber zumindest zeigt sie soweit keinerlei räuberische Absichten gegenüber Verns kleinem Freund. Noch nicht.”
Laut maulend zog Urban zwei Kreise um die Kissen, bevor sie hinter Pe’tala stehenblieb, um an ihren Haaren zu schnuppern.
“Ja, mein Mädchen”, gurrte die Frau und kraulte die haarige Wange, die sich ihr entgegenstreckte. “Ja, ich bin auch hier. Keine Sorge, Kätzchen, heute Abend kannst du durch die Gärten der Vel’kim-Residenz streichen. Und in einer Woche wirst du über die der Aren Residenz herrschen.”
“Kätzchen”, murmelte Kilan mit einem Seitenblick. “Ihre Schultern sind so hoch wie meine Knie, und sie sagt Kätzchen.”
“Du bist so schlimm wie mein Bruder Vran’el”, kicherte sie. “Seine vierjährige Tochter zeigt keinerlei Angst, während er auf Zehenspitzen herumgeht, solange die Katze in der Nähe ist.
“Das Abendessen heute”, sagte Eryn ruhig. “Ich würde lieber nicht hingehen.”
“Aber natürlich wirst du hingehen”, warf Pe’tala ein, bevor Enric antworten konnte. “Eine Aren zeigt keine Angst, und eine Vel’kim weicht keiner unangenehmen Pflicht aus. Dazwischen bleibt nicht viel Raum zum Verstecken. Besonders nicht vor meinem… unserem Vater. Er mag meist nicht danach aussehen, weil er so freundlich und harmlos wirkt, aber behalte im Hinterkopf, dass er immer noch zu den fünfzehn wichtigsten Männern in diesem Land gehört. Sollte er zu dem Schluss gelangen, dass die einzige Möglichkeit, dich zu sehen, darin besteht, dass du aus der Botschafterresidenz aus- und in sein Haus einziehst, dann liegt das durchaus in seiner Macht.”
Eryn starrte sie an. “Das würde er nicht tun!”
“Darauf würde ich mich nicht verlassen. Er ist bekannt dafür, dass er auf gewisse Maßnahmen zurückgreift, wenn er sie als angemessen erachtet. Einmal bestrafte er mich für Ungehorsam, indem er dafür sorgte, dass einen ganzen Monat lang jedes einzelne kränkliche Kind jünger als zwei Jahre, das einen Heiler benötigte, zu mir geschickt wurde. Hinterher wollte ich meinen Kopf nur noch in einem Loch im Boden vergraben und nie wieder herausziehen. Zu diesem Zeitpunkt war ich fünfzehn, und damals war es mit meiner Geduld noch nicht so weit her wie heute.”
“Ja, genau”, murmelte Vern. “Geduld ist auf jeden Fall deine am stärksten ausgeprägte Tugend…” Er zuckte zusammen, als sie ihn am Ohrläppchen zog.
“Keine Achtung für ältere Leute, mein Junge. Und das, obwohl du in diesem spießigen Orden aufgewachsen bist.”
Er hob die Schultern. “Das sei Eryns schlechter Einfluss, wurde mir gesagt.”
“Unsinn. Für diese Ausrede bist du etwas zu alt. Du bist dabei, ein Mann zu werden, also stehst du besser dazu, dass du frech und schwierig bist. Das ist besser als zu sagen, dass dein Charakter aus dem Einfluss einer älteren Frau resultiert. Zumindest, soweit es Mädchen betrifft.” Sie sah ihn nachdenklich an. “Du bist doch an Mädchen interessiert, oder?”
Schockiert starrte er sie an. “Was? Aber natürlich bin ich an Mädchen interessiert! Ich fühle mich definitiv nicht zu Jungs hingezogen!”, rief er entsetzt aus.
Ihre Augenbraue wanderte nach oben. “Du kannst dich wieder beruhigen. Ich wollte nichts in dieser Richtung andeuten, ich habe nur gefragt. Und mit deiner Reaktion auf diese Frage solltest du etwas sorgsamer sein. Mein Bruder fühlt sich zu Männern hingezogen, und im Gegensatz zu deinem Heimatland akzeptieren wir hier diese Art der persönlichen Vorliebe.”
Vern erstarrte. “Vran’el? Zu Männern?”
Enric atmete hörbar aus. “Ich sehe schon, dass wir uns mit dieser Sache etwas früher befassen hätten sollen, um dir Gelegenheit zu geben, dich an den Gedanken zu gewöhnen. Vern?” Er wartete, bis der Junge sich ihm zuwandte. “Ich betrachte Vran’el mittlerweile als Freund. Er war eine große Hilfe, als wir ihn brauchten und ist ein intelligenter und warmherziger Mann. Ich würde es nicht gut aufnehmen, wenn ich sähe, dass du ihn aufgrund seiner persönlichen Neigungen bezüglich seiner Partnerwahl respektlos behandelst. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?”
Vern nickte langsam und schluckte. “Ja, L…Enric.”
“Lenric?”, gluckste Kilan. “Es scheint, als hättest du Schwierigkeiten damit, seinen Titel wegzulassen, junger Mann.”
“Das scheinen nicht die einzigen Schwierigkeiten zu sein, in denen ich derzeit stecke”, seufzte er und beobachtete, wie seine Katze dem größeren Tier nachstellte, eindeutig verdrossen darüber, ignoriert zu werden.

* * *

Eryn atmete tief ein, als Enric an die Tür der Vel’kim Residenz klopfte. Die Sonne war am Untergehen und badete die helle Fassade in warmes, oranges Licht. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis Valrad die Tür öffnete.
Seine Augen wanderten über die Gruppe, und seine Schultern schienen sich zu entspannen, sobald er Eryn erblickte. Offensichtlich hatte er befürchtet, sie würde nicht kommen.
Sein Lächeln wuchs in die Breite, und er trat beiseite, um seine Gäste eintreten zu lassen. Fröhlich bot er ihnen eine große Schüssel mit kühlen, feuchten Handtüchern an und erkundigte sich, ob Kilan ihnen den Brauch erklärt hatte, nachdem sie in der Botschafterresidenz eingetroffen waren. Junar bestätigte es und nahm das feuchte Tuch dankbar entgegen, um sich damit über Stirn und Hals zu wischen.
Als Valrad sich Eryn zuwandte, um ihr das nächste anzubieten, wurde seine Miene besorgt.
“Guten Abend, Kind”, sagte er sanft. “Ich hatte gehofft, dass du kommen würdest. Trotz des aufreibenden Tages, den du hattest.”
“Ja, sicher”, sagte sie ruhig und rieb über ihr eigenes Gesicht, ohne ihn anzusehen. Sie hielt inne, als sie seine Finger an ihrem Kinn spürte, die ihr Gesicht zu ihm anhoben.
“Du siehst blass aus, mein Mädchen”, sagte er, nachdem seine Augen über ihr Gesicht gewandert waren. “Pe’tala sagte mir, dass sie heute eine Schockreaktion bei dir heilen musste. Du wirkst noch immer nicht, als hättest du dich vollständig erholt. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich einen Blick auf dich werfe?”
Eryn zwang sich dazu, nicht vor seiner Berührung zurückzuweichen. “Ja, um ehrlich zu sein, würde es das. Da du der Grund für meine derzeitige Stimmung bist, wäre es mir lieber, wenn du nichts tätest, dass irgendeine körperliche Nähe erfordert, wenn es dir nichts ausmacht.”
Valrad presste die Lippen aufeinander und ließ seine Hand von ihrem Gesicht sinken. “Ich verstehe, dass du kaum Zeit hattest, um mit dieser neuen Situation zurechtzukommen. Ich kann warten.”
Er bot Enric, Orrin und Vern jeweils ein Handtuch und sah dann auf Urban hinab, die begonnen hatte, seine Beine zu beschnuppern.
“Sieh an, sieh an, euer Biest ist noch beträchtlich gewachsen, seit ich sie das letzte Mal sah”, bemerkte er. “Vran’el wird darüber nicht besonders erfreut sein.”
Als sich alle erfrischt hatten, erklomm er ihnen voran die Treppe und begann eine zwanglose Unterhaltung. “Das ist die typische Anordnung einer Residenz in Takhan”, erklärte er den Neuankömmlingen. “Der Eingangsbereich und die Lagerräume sind alle unten, da es dort während des Tages kühler ist. Wir sind sehr darauf bedacht, unsere Wände zu isolieren, um so viel Hitze wie nur möglich abzuhalten. Der Hauptraum befindet sich im ersten Stock, ein großes, mittig gelegenes Zimmer, das als Zentrum des Familienlebens und für soziale Zusammenkünfte dient. Die Anzahl der Korridore und Zimmer hängt vom Reichtum und den Vorlieben des Hauses ab. Unsere sind etwas weitläufiger als die meisten, da mein Großvater vor zwei Generationen einen ganzen Flügel hinzugefügt hat. Zu dieser Zeit war es noch immer üblich, dass der Großteil der Familie unter einem Dach lebt. Vom Hauptraum aus kann man die Terrasse betreten. Aufgrund der Lage im ersten Stock ist sie üblicherweise höher ausgerichtet, sodass man über Stufen in die Gärten gelangt.”
Sie erreichten die oberste Stufe, und Vern bemerkte: “Dieser kleine Tisch zwischen den Kissen ist der einzige?”
Valrad nickte. “Das ist er in der Tat. Der in Kilans Gebäude wurde speziell angefertigt gemäß Ram’ans Anweisungen, als Eryn und Enric das erste Mal hier waren. Allerdings wurde mir gesagt, dass der aktuelle Botschafter ihn heutzutage kaum noch nutzt.”
Enric nickte. “Das sagte er mir ebenfalls. Er überlegt sogar, ihn irgendwo einlagern zu lassen.”
Vran’el kam aus der Küche, in seinen Händen eine große, dampfende Schüssel. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen, als er sie erblickte, verwandelte sich aber rasch zu einem schockierten Ausdruck.
“Eure Katze! Bitte sag mir, dass sie jetzt vollständig ausgewachsen ist?” Seine Stimme war am Rande der Panik. Urban stellte die Ohren auf und trottete auf ihn zu, woraufhin er einen Schritt nach hinten wich.
“Bleib, wo du bist, du Monster!”, befahl er und schloss die Augen, als sie seine Anweisung ignorierte und ihn stattdessen zweimal umrundete, um zuerst an seinen Beinen zu schnüffeln und dann liebevoll ihre Seite an ihm zu reiben.
Pe’tala lachte, als sie das Zimmer von der angrenzenden Küche her betrat und nahm ihm die Schüssel aus den Händen. “Gib mir das, du armseliges Exemplar von einem Mann, bevor du unser Essen auf den Boden fallen lässt und wir uns mit kalter Verpflegung zufriedengeben müssen. Geh besser und hol Eryns Gericht.”
Eryn blinzelte bei dieser Szene, die so viele vertraute Elemente enthielt, die aber in der aktuellen Kombination so seltsam erschienen. Vran’el, der sich vor Urban fürchtete, Vern, der Fragen stellte, Valrad, der die Rolle des gutmütigen Führers übernahm, Pe’talas amüsante Sticheleien. Pe’tala und Vran’el hatte sie in der Vergangenheit nicht oft gemeinsam gesehen, besonders nicht in solch entspannter Stimmung. Solange Eryn hier war, hatte sich Pe’tala von ihrem Heim ferngehalten. Sie erkannte, dass die beiden miteinander auf die gleiche Weise umgingen, wie jeder von ihnen mit ihr selbst. Wie mit Geschwistern. Sie schob den Gedanken zur Seite und sah in Valrads Richtung. Es schien, als hätte er sie gerade angesprochen.
“Ich habe gefragt, ob ich dir etwas zu trinken bringen kann, Eryn.”
“Saft, danke”, antwortete sie und folgte Enric zu den Kissen, um sich hinzusetzen.
Orrin half Junar, sich neben ihr niederzulassen.
“Also, das ist ja alles recht gemütlich und so”, seufzte Junar, “aber das Hinsetzen und Aufstehen ist mit meinem Umfang doch eine Herausforderung.”
Eryn lächelte, fest entschlossen, den anderen den Abend nicht zu verderben. “Aber zumindest sieht es drollig aus, falls dich das tröstet.”
“Das tut es nicht, und ich freue mich schon darauf, dich in ein paar Monaten auszulachen”, erwiderte ihre Freundin.
Vran’el kehrte mit einer kleineren Schüssel aus der Küche zurück und platzierte sie in der Mitte des Tisches neben der größeren. Dann bedeutete er Enric, zur Seite zu rutschen, damit er neben Eryn sitzen konnte.
“Herzblatt, ich möchte mich für heute entschuldigen. Ich scheine es fertiggebracht zu haben, dir eine schwierige Situation noch weiter zu verschlimmern. Es tut mir leid. Wirst du einem Narren verzeihen, der zu sehr in seiner eigenen Welt gefangen war, um Rücksicht auf deine Gefühle zu nehmen?”
Sie lächelte, als er seine Stirn gegen ihre lehnte. “Das werde ich. Vorausgesetzt, dass du uns ein halbwegs anständiges Mal bereitet hast, versteht sich. Essen ist bei mir in letzter Zeit ein großes Thema.”
Er lachte. “Dann habe ich nichts zu befürchten. Du weißt, wie selbstbewusst ich bin, wenn es um das Kochen geht. Ich war besonders vorsichtig beim Würzen der Gerichte. Ich erinnere mich noch von Intreas Schwangerschaft her, dass ihr Magen empfindlicher war als vorher.”
Als sich Vran’el wieder zurücklehnte, um ihre Schüssel zu füllen, bemerkte sie, wie Vern sie mit einem ungehaltenen Stirnrunzeln betrachtete. Fragend zog sie eine Augenbraue hoch und seufzte, als er rasch wegsah. Sie war nicht in der Stimmung, sich mit irgendwelchen anderen Sorgen als ihren eigenen zu befassen. Das musste bis später warten.
Sie lehnte sich vor, um die Wasserschüssel zum Händewaschen zu benutzen, dann schob sie sie weiter zu Junar.
Sobald alle bereit waren, ihr Mal zu beginnen, beobachtete Vran’el, wie sie ihre Schüsseln aufhoben und wartete, bis der letzte von ihnen den ersten Bissen geschluckt hatte, so wie es von einem guten Gastgeber erwartet wurde. Dann begann er ebenfalls zu essen.
“Was sagst du, kleine Schwester? Habe ich zu viel versprochen?”, erkundigte er sich dann und seufzte, als sie bei der Anrede zusammenzuckte. “Daran solltest du dich besser rasch gewöhnen, Eryn. Ich habe die Absicht, dich regelmäßig so anzusprechen.”
Ihr Lächeln wirkte etwas angestrengt, als sie antwortete: “Ich würde Pe’tala nicht ihres Kosenamens berauben wollen, also warum benutzt du nicht einfach meinen Namen?”
Pe’tala schnaubte. “Keine Sorge meinetwegen. Er hat damit begonnen, mich Baby-Schwester zu nennen. Ist das zu fassen? Ich musste fünfundzwanzig Jahre alt werden um herauszufinden, dass ich nicht nur die Jüngere von zwei, sondern die Jüngste von drei bin, und das erste, was diesem Unmenschen von einem Bruder einfällt, ist, mich als Baby zu bezeichnen.”
“Weshalb beschwerst du dich?”, grinste Vran’el. “Immerhin passt es endlich zu deinem Benehmen.”
“Großartig”, seufzte Eryn und verspürte Unbehagen ob dieser natürlichen Akzeptanz der Tatsache, dass sie einfach so ein weiteres Familienmitglied dazubekommen hatten. “Wie nett von euch, euren Gästen eine Vorstellung der Vel’kim Geschwister des Verderbens angedeihen zu lassen.”
Die Bezeichnung brachte Pe’tala zum Lachen, und Vran’el grinste. “Vel’kim Geschwister des Verderbens. Gefällt mir. Du weißt aber, dass dich das ebenfalls miteinschließt?”
“Kinder”, schalt Valrad, “versucht euch zu benehmen. Wir haben Gäste, und ich fürchte, ihr vermittelt ihnen keinen besonders guten Eindruck.”
Enric lächelte. “Keine Sorge, sie kennen Eryn nun schon seit einer Weile und sind einiges gewohnt.”
Orrin nickte. “Ja. Vor nicht allzu langer Zeit verspeiste sie ihr Frühstück in meinem Bett und verteilte überall Krümel.”
Enric sah, wie sich Valrads Lippen leicht verspannten. Das war das einzige äußerliche Anzeichen seiner Betroffenheit über dieses weitere Beispiel darüber, wie nahe dieser Mann seiner Tochter stand.
“Nun, dann iss doch einfach als Gegenleistung dein Frühstück in ihrem Bett”, meinte Pe’tala mit einem Schulterzucken.
“Das gestaltet sich etwas schwierig”, scherzte er. “Ihr Bett ist immerhin auch das Bett meines Vorgesetzten.”
Eryn lächelte. “So ein Pech aber auch, was, Orrin?”
“Du warte nur. Wenn deine Schonzeit in ein paar Monaten vorbei ist, bist du mir wieder für dein Kampftraining ausgeliefert”, erwiderte er.
Pe’tala kaute nachdenklich, dann sagte sie: “Ich habe überlegt, ebenfalls Kampfstunden zu nehmen.”
Mehrere erstaunte Augenpaare konzentrierten sich auf sie.
“Was ist? An einem Ort, wo jeder sonst mit dem Schwert umgehen kann, bin ich die einzige Magierin, die es nicht kann”, erklärte sie und grinste, als sie hinzufügte: “Und mir hat sehr gut gefallen, wie Eryn heute mit der Königin der Dunkelheit verfahren ist. Ich habe es genossen, als sie in den Fluss getreten wurde. Das war sozusagen ein künstlerischer Akt. Das hat mich sehr beeindruckt.”
“Ein künstlerischer Akt?”, meinte Valrad mit einem missbilligenden Stirnrunzeln. “Ich denke nicht, dass eine derartige Glorifizierung von Gewalt eine angemessene Haltung für eine Heilerin ist, Tala. Und ich bin nicht damit einverstanden, dass du dies erlernen möchtest.” Sein Blick ruhte kurz auf Eryn, um eindeutig zu vermitteln, dass er alles andere als glücklich damit war, dass ihr dies aufgebürdet wurde und sie ihr Training fortsetzen würde müssen.
Orrin wechselte einen wissenden Blick mit Enric und setzte sein Mahl fort.
Pe’tala stellte ihre leere Schüssel sorgsam auf dem Tisch ab und sagte sanft: “Ich bin eine erwachsene Frau, Vater. Wenn ich mich entschließe, mir eine Fertigkeit anzueignen, die mir ermöglicht, mich besser an die Gebräuche des Ortes anzupassen, an dem ich mich eine Zeit lang aufhalte, dann werde ich genau das tun. Unabhängig davon, ob du zustimmst. Ich würde Orrin fragen, ob er willens wäre, mich zu unterrichten, doch da du ihn bislang nicht besonders freundlich behandelt hast, werde ich das wohl nicht in deiner Gegenwart tun.” Zum Ende hin war ihre Stimme merklich abgekühlt.
Valrad schloss einen Moment lang die Augen. Als er sie wieder öffnete, war seine Miene zu der üblichen Ruhe und Gelassenheit zurückgekehrt.
“Lass uns dies zu einem anderen Zeitpunkt besprechen, Tala”, sagte er milde. Er wandte sich Vern zu. “Möchtest du mich morgen in die Klinik begleiten, junger Mann? Es gibt da ein paar Leute, denen ich dich gerne vorstellen würde, darunter auch der Mann, der dich ersucht hat, die Illustrationen für sein Buch anzufertigen.”
Vern lächelte und nickte eifrig. “Das wäre fabelhaft, gerne!”
Dann sah er Eryn an. “Und du, Eryn? Wirst du uns begleiten? Iklan und Sarol fragen mich immer wieder, wann du vorbeikommen wirst”, fragte er vorsichtig.
Eryn schüttelte den Kopf. “Nicht morgen, nein. Es gibt da die eine oder andere Sache, um die ich mich morgen kümmern möchte.” Sich zum Beispiel an einem ruhigen Ort einzuschließen, ohne irgendjemanden von ihnen sehen zu müssen. “Ich werde später vorbeikommen. Ich kenne mich dort ja aus. Aber danke der Nachfrage”, fügte sie höflich hinzu. In seinen Augen konnte sie sehen, dass dies den Stich nicht linderte, dass sie ihm gesagt hatte, sie würde die Klinik bald genug aufsuchen, aber nicht mit ihm.
Vern stellte seine Schüssel sorgsam auf dem Tisch ab, sein Gebaren seltsam unbeholfen.
Enric sah ihn an und musste ein Grinsen unterdrücken. Er wartete darauf, dass man ihn fragte, ob er noch einen Nachschlag wollte, bestrebt allerdings, genau diesen Eindruck zu vermeiden.
Glücklicherweise war Vran’el ein rücksichtsvoller Gastgeber. “Darf ich dir noch eine Portion anbieten, Vern?”
Der Junge gab vor, über die Frage nachzudenken, bevor er langsam nickte. “Danke, das wäre nett.”
Vran’el füllte die Schüssel erneut und reichte sie Vern. Leichte Falten bildeten sich zwischen seinen Augen, als der Junge den Blickkontakt mit ihm vermied.
Als Vern fertig war, richtete sich Eryn auf. Jetzt, wo das Essen vorbei war, konnte sie weniger angenehme Angelegenheiten zur Sprache bringen. Nun, noch weniger angenehme. Der Abend war schon bislang nicht eben glatt verlaufen.
“Ich habe von deiner Absicht erfahren, in zwei Tagen vor dem Senat eine offizielle Erklärung abzugeben”, wandte sie sich an Valrad.
Er wappnete sich sichtlich und nickte. “Ja?”
Sie ermahnte sich zur Achtsamkeit. Es wie eine Forderung zu formulieren würde ihn kaum dazu bewegen, in ihrem Sinne zu reagieren. Es musste eine Bitte sein.
“Ich fühle mich damit nicht wohl. Ich würde dich ersuchen, diese Sache vorläufig für dich zu behalten.”
Valrads Augen wanderten über ihr Gesicht, dann schüttelte er langsam den Kopf. “Nein, Eryn. Ich fürchte, das kann ich nicht tun. Ich werde diese Angelegenheit bei der nächsten Senatsversammlung öffentlich bekannt machen. Von da an wirst du nicht nur im rechtlichen Sinn, sondern auch als meine leibliche Tochter anerkannt werden. Das ist die richtige Vorgehensweise.”
Eryn atmete aus. Sie hatte wirklich gehofft, dass er ihrer Bitte Folge leisten würde, also lösten seine Worte Ärger und Frustration in ihr aus. Sie fing Enrics warnenden Blick auf. Offenbar spürte er dies durch das Geistesband.
“Valrad”, sprach sie in ihrem vernünftigsten Tonfall. “Ich schätze deine sehr verantwortungsbewusste und ehrliche Herangehensweise im Umgang mit dem, was sich ergeben hat, doch es gibt ein paar Erwägungen, die Haus Vel’kim zum Schaden gereichen könnten.”
“Und welche wären das?”, fragte er sanft.
“Das würde ein schlechtes Licht auf dich als gegenwärtiges Oberhaupt des Hauses werfen, auf deinen Bruder, der damit als nichtsahnender, betrogener Gefährte dasteht, und schlussendlich auch auf mich als meines eigenen Onkels…” Sie brach rechtzeitig ab, bevor sie etwas von sich gegeben hätte, das auf jeden Fall als Beleidigung aufgefasst worden wäre.
“Deines eigenen Onkels was?”, fragte Valrad leise, aber sein Blick war stechend geworden.
Sie starrte in seine braunen Augen. Braun. Wie die von Ved’al. Der Bruder, den er so kaltherzig betrogen hatte, indem er sich einer körperlichen Beziehung mit seiner Gefährtin hingegeben hatte.
“Bastard”, sagte sie langsam und verspürte dunkle Genugtuung über den aufflackernden Schmerz in seinen Augen. “Meines eigenen Onkels Bastard. Ist es das, was du der Welt mitteilen willst, Valrad? Dass du nicht nur ein fürchterlicher Bruder und untreuer Gefährte warst, sondern auch ein nachlässiger Heiler, der es nicht geschafft hat, eine ungeplante Schwangerschaft zu verhindern?” Sie sah, wie Pe’tala kurz ihre Augen schloss und sie dann wieder öffnete, um ihr einen finsteren Blick zuzuwerfen. Ganz eindeutig schätzte sie es überhaupt nicht, dass ihre eigenen Worte dazu verwendet wurden, ihrem Vater auf diese Weise Schmerz zuzufügen.
“Achte auf deine Worte, mein Mädchen”, knurrte Valrad.
Eryn sprang von ihrem Platz auf, ihre Hände zu Fäusten geballt. “Ich bin nicht dein Mädchen! Von dir brauche ich mir nichts vorschreiben zu lassen!”
Valrad stand ebenfalls auf. “Damit liegst du falsch”, erwiderte er streng. “Ich bin das Oberhaupt deines Hauses, das allein verpflichtet dich, auf mich zu hören. Und ich bin dein Vater, ganz egal, wie ungehalten du darüber momentan sein magst.”
“Du bist nicht mein Vater”, zischte sie. “Ved’al war mein Vater! Dein Abenteuer zwischen den Laken mit Malriel macht keinerlei Unterschied für mich! Deine Schuldgefühle und fehlgeleiteten Wiedergutmachungsversuche kümmern mich nicht! Wenn du etwas Gutes tun willst, behalte diese ganze Sache für dich, anstatt uns alle der Lächerlichkeit preiszugeben!”
“Wenn das Bekanntwerden der Tatsache, dass du meine Tochter bist, für dich eine Frage der Lächerlichkeit ist, dann fürchte ich, wirst du lernen müssen, damit zu leben”, entgegnete Valrad verärgert. Seine Stimme war ruhig, doch das pulsierende Blutgefäß an seinem Hals zeugte von dem Aufruhr in seinem Inneren.
Pe’tala und Enric sprangen gleichzeitig auf.
“Eryn und ich werden einen Spaziergang im Garten unternehmen”, verkündete Enric und zog sie mit sich, zerrte sie halb zur Terrassentür hinaus und weit genug fort, damit sie außer Hörweite waren.
Er wollte sie zurechtweisen, doch als sie schwer atmend vor ihm stand und aussah, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen, seufzte er einfach nur resigniert und zog sie an sich.
Ihr Gesicht in seiner Schulter vergraben, atmete sie seinen Duft ein, spürte, wie die Nähe zu ihm sie tröstete und beruhigte.
“Ich will nach Hause”, flüsterte sie.
“Ich weiß”, antwortete er, während er Malriel und den König im Stillen verfluchte, weil er ihrem Wunsch nicht nachkommen konnte.
“Ich will dort nicht wieder hinein”, sagte sie daraufhin und sah zu ihm auf.
Er seufzte. “Ich fürchte, wir müssen. Wir können jetzt schlecht gehen. Das alles ist schon unangenehm genug für Junar, Orrin und Vern. Wir sollten sie an ihrem ersten Abend in einem fremden Land nicht einfach sitzenlassen.”
Müde nickte sie. “Also gut. Dann bringen wir das hinter uns. Lass uns nicht länger als nötig bleiben, in Ordnung?”
Er schüttelte den Kopf. “Nein, nur noch eine Stunde, dann können wir uns verabschieden, ohne Anlass zur Verärgerung zu geben.”
Sie lachte, ihr Ton leicht hysterisch, als sie erwiderte: “Ja, verärgern wollen wir definitiv niemanden, nicht wahr?”
Als sie zum Hauptraum zurückkehrten, waren Valrad und Vern verschwunden.
“Vater zeigt Vern gerade seine Bibliothek”, erklärte Vran’el.
“Ja”, fügte Pe’tala hinzu, “um euch beiden Gelegenheit zu geben, euch zu beruhigen.”
“Ich bin ruhig”, sagte Eryn kalt.
“Sicher, das kann ich sehen”, bemerkte ihre Schwester säuerlich. “Ruhe geht in sanften, beruhigenden Wogen von dir aus.”
“Ach, halt die Klappe.”
Enric drängte sie dazu, sich wieder hinzusetzen und ein paar Schlucke von ihrem Saft zu nehmen.
“Vran’el?”, fragte sie dann.
“Ja, Herzblatt?”, fragte er vorsichtig.
“Ich habe eine Frage bezüglich einer rechtlichen Angelegenheit.”
“In Ordnung. Heraus damit. Aber ich muss dich warnen: Falls du meine Hilfe in Anspruch zu nehmen gedenkst, um Vater einsperren zu lassen, muss ich ablehnen”, lächelte er nur halb im Scherz.
“Jemandem einen Schwangerschafts- oder Fruchtbarkeitstrank, oder wie auch immer sonst sich das nennt, zu verabreichen, ist illegal, nehme ich an?”
Er nickte langsam. “Ja, das ist es.”
“Welche Bestrafung zieht das im Allgemeinen nach sich?”
Zweifelnd sah er sie an, während er langsam den Atem entweichen ließ. “Zum einen müssen die Kosten ersetzt werden, die das Aufziehen des Kindes mit sich bringt, sofern es jemand anderer als dein Gefährte war, der diese ohnehin tragen müsste. Dann muss üblicherweise noch eine zusätzliche Schadenersatzzahlung an die Mutter des ungeplanten Kindes geleistet werden.”
“Nur monetäre Strafen?” Eryn zog die Stirn in Falten. “Das kann sie sich problemlos leisten. Und Enric ist reich genug, somit würde es keinerlei Unterschied für uns machen, egal, wie viel sie zahlen müsste. Wie sieht es mit persönlichen Einschränkungen wie Arrest, Ausgangssperre oder Blockade ihrer Magie für eine gewisse Zeit aus?”
“Eryn”, seufzte Vran’el, “du hast so gut wie keine Chance, dass sie verurteilt wird. Du würdest beweisen müssen, dass sie es getan hat. Nach all der Zeit, die vergangen ist, ist das unmöglich.”
Sie schüttelte den Kopf. “Na gut, dann wird die Anschuldigung einfach nur dazu dienen, ihren Ruf zu schädigen. Auch wenn ich es nicht fertigbringe, dass sie verurteilt wird, werden die Leute doch sehr wohl wissen, dass sie es getan hat. Sie werden in Zukunft wahrscheinlich zweimal überlegen, ob sie mit ihr irgendwelche Geschäfte abschließen. Mein Entschluss, keine Kinder zu haben, war immerhin bekannt. Und dass ich so kurz nach ihrer Abreise aus Takhan schwanger geworden bin, ist ein recht offensichtlicher Hinweis auf ihre Schuld.”
Sie drehte ihren Kopf, als sie Enrics Stimme vernahm.
“Nein.”
“Nein? Es ist nicht offensichtlich?”, fragte sie nach, ihre Brauen verwirrt zusammengezogen.
“Nein, du wirst das nicht tun. Du wirst Malriel nicht beschuldigen, dass sie dir ein Kind eingepflanzt hat”, stellte er klar.
Sie blinzelte. “Warum nicht?” Dann verfinsterte sich ihr Blick. “Sag mir nicht, dass du dein Haus beschützt?”
“Das nicht.” Seine Miene war ernst. “Nicht mein Haus, sondern meinen Sohn. Ich will nicht, dass er mit dem Eindruck heranwächst, dass er uns von seiner Großmutter aufgezwungen wurde.” Er sah ihr in die Augen, und sie konnte die Entschlossenheit dahinter erkennen. “Du magst noch immer nicht besonders glücklich darüber sein, aber ich bin es schon. Und ich werde nicht zulassen, dass er glaubt, er wäre für uns irgendetwas anderes als ein Geschenk, ein Segen. Das steht nicht zur Diskussion.”
“Ich stimme zu, Herzblatt”, fügte Vran’el leise hinzu. “Er hat Recht. Deinen Sohn damit aufwachsen zu lassen, ist die Rache an Malriel nicht wert. Nicht auf diese Weise. Finde einen anderen Weg, es ihr heimzuzahlen.”
Sie sah zu Junar hin, die schützend eine Hand auf ihren Bauch gelegt hatte. Ihr Gesichtsausdruck war besorgt und eindringlich. Somit stand sie also ebenfalls auf Enrics Seite.
Orrin seufzte. “Das Kind kommt zuerst, Eryn. Das muss es. Wirklich, du würdest das bereuen.”
Eryn rieb sich mit beiden Handflächen über ihr Gesicht und ließ sich besiegt in die Kissen sinken. “Irgendwelche anderen Vorschläge, wie ich mich an ihr rächen kann?”
Junar lächelte. “Wie wäre es, wenn du sie noch einmal in den Fluss beförderst? Oder in etwas, wo sie nicht nur nass, sondern auch schmutzig wird? Wie einen Misthaufen oder so etwas in der Art?”
Eryn starrte sie kurz an, dann grinste sie. “Netter Anfang, aber nicht widerwärtig genug. Allerdings könnte ich mich mit einer Grube voll mit giftigen, stechenden Kreaturen anfreunden.” Dann wurde sie wieder ernst und sah Pe’tala an.
“Wie halte ich mir Valrad vom Leib?”
Pe’tala betrachtete sie nachsichtig. “Gar nicht. Er wird dich mürbe machen. Ein Grund, weshalb Vel’kim Männer gute Väter sind, ist ihre Entschlossenheit in Kombination mit ihrer Geduld. Er wird dir ein wenig Zeit gewähren, um dich an die neue Situation zu gewöhnen und dir die Chance geben, zu ihm zu kommen. Solltest du das nicht tun, wird er an dich herantreten.”
Eryn starrte sie an. “Dann sitze ich also in der Falle? Willst du mir damit etwa sagen, es gibt keinen Ausweg?”
“Doch, Schwester, den gibt es: Gib auf und lass zu, dass er dir ein Vater ist. Nichts weniger als das wird er akzeptieren.”
Sie schluckte hart und schüttelte den Kopf. “Es kümmert mich nicht, was er akzeptiert. Ich werde mich von ihm zu nichts drängen lassen.” Sie warf Pe’tala und Vran’el einen skeptischen Blick zu. “Warum akzeptiert ihr all das einfach so? Warum seid ihr nicht verärgert? Warum seid ihr nicht auf meiner Seite?”
“Das sind wir, Herzblatt”, sagte Vran’el traurig. “Bedauerlicherweise bist du es nicht.”
Eryn knirschte mit den Zähnen und sah Pe’tala an. “Also gut, er ist sentimental und nicht ganz klar im Kopf. Was ist mit dir? Warum diese Bereitwilligkeit, mich als deine Schwester zu akzeptieren? Du warst immerhin kurz davor, dieses Haus dem Erdboden gleichzumachen, als mich dein Vater damals adoptiert hat. Und damals dachtest du noch, ich wäre bloß deine Cousine.”
Pe’tala zuckte mit den Schultern. “Nun, was kann ich sagen? Vielleicht wollte ich ja tief in meinem Inneren immer eine Schwester, wer weiß? Und vielleicht, aber nur vielleicht, denke ich, dass du nach deinem Ärger mit der Königin der Dunkelheit einen richtigen Elternteil verdienst, einen, dem du wichtiger bist als seine eigenen Interessen. Habe ich erwähnt, dass ich die Bezeichnung wirklich toll finde? Es ist eine so zielgenaue Beschreibung.”
Eryn schüttelte den Kopf. “Es ist also kein Einziger von euch bereit, in dieser Sache meine Wünsche zu respektieren? Wirklich?”
Vran’els Augen wurden eng. “Du wirst dich doch jetzt nicht von uns ebenfalls zurückziehen?”
Sie sah ihn an. Hier sprach der Jurist, bemerkte sie, nicht der Cousin oder Bruder.
“Nein, selbstverständlich nicht”, lächelte sie und spürte, wie ihr Herz ein wenig brach bei dem Gedanken, dass sie zu ihm von nun an ebenfalls eine gewisse Distanz würde aufrechterhalten müssen.
Er studierte sie. “Tu das nicht, Eryn”, beschwor er sie, sein Blick stechend. “Das ist keine Fehde.”
Sie wandte den Blick ab. Nein, das war es nicht. Aber es würde Diplomatie daraus werden, die Kunst, Dinge anders erscheinen zu lassen, um alle Beteiligten ausreichend hinters Licht zu führen, damit ein Krieg verhindert werden konnte.
“Natürlich nicht, Vran”, murmelte sie, “Was für ein Gedanke.”
Ihr Blick fiel auf Junar, und das stille Verständnis in den Augen ihrer Freundin veranlasste sie, wieder wegzusehen. Das erschwerte ihr sonst nur, sich zu verstellen.

 

Kapitel 3

Schulden begleichen

Enric überprüfte ein weiteres Mal die Transportpapiere für die Güter, die mit ihnen auf dem Schiff eingetroffen waren, um sicherzugehen, dass die Listen alles enthielten, was er bestellt hatte. Ein Ballen violetter Seide war bislang das Einzige, was verlorengegangen war.
Kilan hatte ihm für den Morgen sein Arbeitszimmer angeboten, da es eine Sache gab, um die sich Enric kümmern wollte. Eine, die aufgrund ihrer eher delikaten Natur etwas Ungestörtheit erforderte.
Er hatte von dem kurzen Zusammentreffen am Vortag zwischen Eryn, Pe’tala und Ram’an im Teehaus erfahren, und auch von Eryns spontaner Entscheidung, ihm sein Armband zurückzuwerfen. Eine harsche Geste, und wohl keine, über die er besonders erfreut war, sinnierte Enric.
Ram’an war der Besucher, den er nun jeden Moment erwartete. Enric hatte ihm gestern Nachmittag eine kurze Nachricht zukommen lassen und kurz darauf eine Bestätigung für das Treffen heute erhalten. Die Residenz war im Moment still, wenn man bedachte, wie viele Menschen derzeit darin wohnten. Junar und Orrin waren bei einem Schneider, Vern war mit Valrad in der Klinik, und Kilan war mit jemandem in einem Teehaus verabredet. Außer ihm selbst befand sich nur Eryn in der Residenz.
Nach dem aufreibenden Tag, den sie hinter sich hatte, war Eryns Nacht ebenfalls nicht gerade friedvoll verlaufen. Stundenlang hatte sie wachgelegen, und die kurze Zeit, in der sie in einen unruhigen Schlaf abgedriftet war, hatte sie sich hin und her gewälzt. Erst in den frühen Morgenstunden, als sich der Tag bereits ankündigte, war sie schließlich von etwas übermannt worden, das eher einer Ohnmacht als Schlaf nahekam.
Er vernahm das Klopfen und bewegte sich rasch in Richtung der Eingangstür, um Ram’an Zutritt zu gewähren. Er wollte nicht, dass Eryn aufwachte und sich nur wenige Augenblicke nach dem Aufstehen unvermutet seinem Besucher gegenüberfand. Kurz hatte er überlegt, das Treffen in die Arbil Residenz zu verlegen, die Idee dann aber wieder verworfen, da er Eryn derzeit nicht alleinlassen wollte.
Nach dem Öffnen der Tür benötigte er einen Augenblick, um den Mann wiederzuerkennen, den er eingeladen hatte. Ram’an sah verändert aus, und nicht zu seinem Vorteil. Er hatte an Gewicht verloren, und in seinem Gesicht zeigten sich Furchen, die vor ein paar Monaten noch nicht vorhanden gewesen waren. Es schien, als hätten der Tod seines Vaters und die Anstrengung, die die Übernahme seines Hauses mit sich brachte, ihren Tribut gefordert.
“Ram’an”, nickte er und streckte seine Hand für die formelle Begrüßung aus. “Danke, dass du gekommen bist. Bitte tritt ein.”
“Enric”, nickte der andere Mann. “Deine Nachricht war ziemlich kurz gefasst, aber ich gehe davon aus, dass du mich nicht so kurz nach eurer Ankunft hier treffen würdest wollen, wenn es nicht wichtig wäre.”
Enric reichte seinem Gast ein feuchtes Handtuch und wartete, bis er Gesicht und Hände abgewischt hatte, bevor er ihm voran die Stufen emporstieg.
Nachdem Ram’an das Arbeitszimmer betreten hatte, schloss er die Tür und bedeutete ihm, sich zu setzen.
“Was kann ich dir zu trinken anbieten, Ram’an?”
“Wasser wäre angenehm, danke.”
Enric schenkte ihnen beiden ein Glas ein und stellte eines davon vor seinem Besucher ab, bevor er hinter Kilans Schreibtisch Platz nahm.
“Bevor wir zu dem kommen, weswegen du mich sehen wolltest, lass mich dir zu dem Kind gratulieren, dass ihr erwartet. Ich gebe zu, dass ich etwas überrascht war, dass du es fertiggebracht hast, ihre Meinung über das Kinderkriegen so rasch zu ändern.” Sein Blick enthielt eine Spur von Argwohn. “Zumindest gehe ich davon aus, dass du in der Lage warst, ihre Meinung zu ändern?”
“Der Gegensatz dazu wäre, dass ich sie gezwungen habe, schwanger zu werden?”, fragte Enric geradeheraus.
“Ich gebe zu, dass mir dieser Gedanke kam, ja”, gab Ram’an ruhig zu.
“Ich bin nicht so tief gesunken, nein.”
“Bedeutet das, sie wollte Kinder haben?”, erkundigte sich der Rechtsgelehrte erneut.
Enric spitzte die Lippen. Ein Mann des Gesetzes war also offenkundig nicht willens, sich mit ausweichenden Antworten zufriedenzugeben. Zumindest dieser hier nicht.
“Diese Behauptung ginge wohl ein wenig zu weit”, sagte er achtsam.
“Ach ja?” Ram’an verengte seine Augen. “Sagst du mir damit, dass sie dieses Kind nicht wollte, aber dass du nicht derjenige bist, der für seine Empfängnis verantwortlich ist?” Er dachte kurz nach, dann versteifte er sich und atmete tief ein. “Malriel.”
“Ich würde gerne betonen, dass ich keinerlei Anschuldigung dieser Art ausgesprochen habe”, stellte Enric teilnahmslos klar.
“Aber natürlich nicht. Sag mir, weshalb ich hier bin.”
Enric schob die Transportpapiere in seine Richtung.
Ram’an sah darauf hinab und runzelte die Stirn über die Liste, die verschiedene Arten von Wein, Stoffen, Gewürzen, Kräutern, Holz und Erz beinhaltete.
“Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen.”
“Eine Schuld zwischen uns, die noch nicht beglichen wurde. Das erledige ich hiermit.”
Er beobachtete, wie sich auf dem Gesicht des anderen Mannes zuerst Verständnis und dann Schock ausbreiteten. “Eine Schiffsladung von Gütern… Oh nein. Das ist doch wohl nicht dein Ernst?”
“Doch. Eine Ladung meiner Güter im Austausch für eine Umarmung”, bestätigte Enric und zog seine Brauen hoch, als die Liste zu ihm zurückgeschoben wurde.
“Ich sagte dir schon, dass ich nicht erwarte, dass du diese Bedingung erfüllst. Ich wollte nur sehen, wie verzweifelt du damals wirklich warst und hoffte, dich als knauserig hinzustellen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du diese Bedingung tatsächlich ehrst.” Er kam auf die Beine und wandte sich zur Tür. “Und ich werde diese Waren nicht von dir annehmen. Ich verlange von einem Mann keine unanständig hohe Summe, damit er der Frau, die er liebt, beistehen kann. Guten Tag, Enric. Ich gehe davon aus, dass ich dich morgen im Senat sehen werde”, sagte er kühl.
“Ram’an, warte bitte”, seufzte Enric.
Der dunkelhaarige Mann atmete geduldig aus und drehte sich sichtlich widerwillig um.
“Wir wissen beide, dass du derzeit nicht in einer Position bist, wo du dir leisten kannst, eine Warenladung Güter von dir zu weisen, die einen sehr guten Preis erzielen wird. Mir wurde gestattet, sie zusätzlich zu dem bereits ausgeschöpften Handelskontingent zwischen unseren Ländern herzubringen, da die Waren nicht dafür gedacht sind, Gewinn für mich zu lukrieren. Ich könnte sie hier nicht einmal verkaufen, selbst wenn ich wollte. Damit würde ich die Bedingungen verletzen, unter denen ich sie hergebracht habe. Du nimmst sie also entweder an, oder ich kann sie ebenso gut auf der Straße verschenken.”
“Ich kann sie nicht annehmen. Deine Geste mag nobel sein, aber es wäre eine Schmach für mich, sie zu akzeptieren”, sagte Ram’an leise. “Du hast Recht, momentan bleibt mir nicht viel, mein Haus steht am Rande des Ruins. Aber ich habe immer noch meinen Stolz. Ich werde einen anderen Weg finden, um mein Haus wieder auf Kurs zu bringen.”
Enric seufzte. Stolz. Natürlich. Das war kaum eine große Überraschung. Er selbst hätte sehr wahrscheinlich ähnlich reagiert.
“Dann lass mich dir stattdessen ein Angebot unterbreiten. Du wirst die Waren von mir annehmen und sie als Darlehen betrachten, das dir ermöglichen wird, deinen derzeitigen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.” Mit einem dünnen Lächeln fuhr er dann fort mit etwas, wovon er wusste, dass er dem Mann ihm gegenüber damit ermöglichte zuzustimmen. “Ich tue das nicht aus reiner Herzensgüte. Ich werde Haus Aren für einige Zeit übernehmen, und Haus Vel’kim ist im Moment der einzige Verbündete, bei dem ich sicher sein kann, dass er mir erhalten bleibt. Deinem Haus dabei zu helfen, dass es sich wieder erholt, wird mir deine Gunst einbringen. Und für Haus Aren ist ein starker Verbündeter wesentlich nützlicher als ein schwacher. Sehen wir zu, dass du zu beiderseitigem Nutzen wieder auf die Beine kommst.”
Ram’an starrte ihn an, eindeutig hin- und hergerissen. Enric wartete geduldig, bis er zustimmend nickte.
“Gut. Dann wirst du die Rückzahlung in Angriff nehmen, sobald du es dir leisten kannst. Lass dir damit ruhig Zeit. Wie ich schon sagte, meine Interessen sind in deinem Fall nicht finanzieller Natur.”
“Ich werde eine formelle Vereinbarung vorbereiten, damit wir die Bedingungen unserer Abmachung in schriftlicher Form haben”, seufzte das Oberhaupt von Haus Arbil. “Ich werde einen Boten schicken, sobald ich fertig bin, damit du den Inhalt genehmigen kannst.”
“Nicht nötig. Da ich willens war, dir die Waren unentgeltlich zu überlassen, werde ich mit jeglichen Bedingungen zufrieden sein, die du als angemessen erachtest.”
“Dann schätze ich, dass alles, was für mich noch zu tun bleibt, ist, dir zu danken.”
Enric schüttelte den Kopf. “Dazu besteht kein Anlass. Ich denke, ich habe klargestellt, dass ich es nicht aus reiner Wohltätigkeit tue.”
Ram’an brachte schließlich ein Lächeln zustande. “Natürlich nicht. Einen Moment lang entfiel mir, dass du ein harter, nüchterner Geschäftsmann bist, auf nichts anderes als seinen eigenen Vorteil bedacht.”
“Gib dich nicht dem Irrtum hin, ich wäre nachgiebig, weil ich dich nicht trete, während du auf dem Boden liegst”, erwiderte Enric milde. “Auch ich habe meinen Stolz.”
“Diesen Fehler würde ich nicht machen. Eryn hätte keinen schwachen Mann akzeptiert.”
Gut, dachte Enric. Er hatte schon überlegt, wie er dieses Thema zur Sprache bringen konnte.
“Wegen Eryn. Ich gehe davon aus, dass du keine Hoffnungen mehr hegst, sie für dich zu gewinnen, jetzt wo wir nicht nur in ein Band dritten Grades eingetreten sind, sondern auch ein gemeinsames Kind haben werden.”
Ram’an funkelte ihn an. “Nein, Ich bin kein Narr. Ich weiß, wann ich besiegt bin.”
“Vortrefflich. Dann kann ich dich ja bedenkenlos darum ersuchen, die Dinge zwischen euch wieder in Ordnung zu bringen. Nach dem gestrigen Tag könnte sie einen weiteren Freund hier gut gebrauchen.”
“Gestern, ja…” Ram’an nickte langsam. “Ein ziemliches Chaos, wie es scheint. Ein heikles Thema für Haus Vel’kim, das ihnen erhebliche Sorgen bereitet. Ich kann mir vorstellen, dass Eryn mit dieser ganzen Sache alles andere als glücklich ist. Besonders, da die gesamte Angelegenheit morgen im Senat enthüllt werden wird.”
Enric kniff die Augen zusammen. “Du weißt darüber Bescheid?”
“Aber natürlich. Diese Art von Neuigkeit lässt sich in einer Stadt wie dieser kaum geheim halten.”
Beide Männer betrachteten einander einige Augenblicke lang, bevor Enric langsam den Kopf schüttelte. “Moment mal; ich denke, du versuchst mich dahingehend auszutricksen, dass ich dir davon erzähle! Pe’tala sagte mir, dass sie gestern im Teehaus auf dich getroffen sind. Clever.”
“Nicht clever genug, wie es aussieht”, seufzte Ram’an. “Dann werde ich wohl doch bis morgen warten müssen. Kannst du mir zumindest sagen, ob es schlechte Neuigkeiten sind? Die drei erschienen gestern im Teehaus reichlich aufgewühlt.”
Enric verzog das Gesicht. “Die Schwierigkeit dabei ist, dass es davon abhängt, wen du fragst, ob die Antwort darauf ja oder nein lautet.”
Ram’an öffnete die Tür des Arbeitszimmers und trat hinaus in den Korridor, der zum Hauptraum führte. “Nun gut, dann werde ich bis zur Senatsversammlung warten.”
Enric verspürte eine Welle von Verdruss und Panik durch das Geistesband. Das konnte nur bedeuten, dass Eryn aufgestanden war und Ram’ans Stimme vernommen hatte. Sie wusste nichts davon, dass er das Oberhaupt von Haus Arbil gebeten hatte, heute herzukommen. Und soweit er das beurteilen konnte, war sie nicht eben angetan davon.
Langsam ging er auf den Hauptraum zu und gab ihr so genug Zeit, dass sie sich zurückziehen konnte, falls das ihr Wunsch war.
Im Hauptraum angekommen, war er überrascht, sie ruhig auf den Kissen sitzen zu sehen, in ihrer Hand ein Glas mit Tee. Ihre äußere Erscheinung verriet nichts von dem Aufruhr, den er in ihrem Inneren wahrnahm. Er war beeindruckt.
Sie gab vor, die beiden erst jetzt zu bemerken und stellte ihren Tee auf dem niedrigen Tisch ab, bevor sie sich mit einem höflichen Lächeln erhob. Enric kam nicht umhin zu bemerken, um wie vieles eleganter die Aufwärtsbewegung von den Kissen nun aussah verglichen mit vor ein paar Monaten. Er fragte sich, ob sie heimlich geübt hatte.
“Ram’an”, nickte sie und ging auf ihn zu, während sie ihm ihre Hand für die formelle Begrüßung entgegenstreckte.
Sein Gast wirkte etwas verwirrt, erholte sich aber rasch, lächelte sie an und ergriff ihre Hand, um einen Kuss darauf zu drücken.
“Eryn. Es freut mich zu sehen, dass deine Stimmung heute besser ist”, sagte er mit einem beiläufigen Lächeln.
Sie nickte. “Das ist die Schwangerschaft, weißt du. Ich bin deswegen noch anfälliger für extreme Stimmungsschwankungen als zuvor. Zumindest wurde mir das gesagt”, erwiderte sie leichthin.
Enric beobachtete sie eingehend. Sie hielt Ram’an mit kühler Höflichkeit und belanglosem Geschwätz auf Distanz. Ungewöhnlich. Das war nicht ihre bevorzugte Vorgehensweise, um ihr Missfallen zum Ausdruck zu bringen, wenngleich kaum weniger effektiv, wenn man nach Ram’ans unbehaglichem Stirnrunzeln urteilte.
“Dann wird es ein noch größeres Abenteuer als bisher werden, dich um mich zu haben, meine Liebe”, lächelte er und zwinkerte ihr zu.
Sie ignorierte die vertrauliche Geste vollkommen und wirkte einen Moment lang nachdenklich, bevor sie antwortete: “Das hoffe ich wohl nicht. Ich versuche, die Leute um mich herum dem so wenig wie möglich auszusetzen. Wenn du mich jetzt entschuldigst, Ram’an, ich muss mich für eine Verabredung fertigmachen. Es war nett, dich zu sehen.”
“Ja”, sagte er, leicht verdutzt, “das war es. Ich freue mich darauf, dich morgen zu treffen. Ich bin sicher, dass wir uns vor dem Dinner noch im Senat sehen.”
Ihr Lächeln war kühl. “Natürlich.” Damit drehte sich sie um und ging zurück zum Tisch, um ihre Teetasse aufzuheben, bevor sie sich in den Korridor zurückzog, der zu ihrem Schlafzimmer führte.
Ram’an starrte ihr nach, dann wandte er sich langsam zu Enric um. “Entweder ist sie wesentlich geschickter im Täuschen geworden, oder sie hat es irgendwie geschafft, ihren gestrigen Ärger auf mich innerhalb eines einzigen Tages in Gleichgültigkeit umzuwandeln.” Er schüttelte den Kopf. “Ich hoffe sehr, dass ersteres zutrifft. Die andere Möglichkeit würde mich wahrhaft verstören.”
Enric nickte. Er wusste sehr wohl, dass sie alles andere als ungerührt war. Aber vielleicht würde dieser Eindruck Ram’an dazu bewegen, sich mehr Mühe zu geben, die Dinge mit ihr wieder ins Lot zu bringen. Er begleitete seinen Gast nach unten zur Tür, um ihn zu verabschieden und kehrte dann ins Schlafzimmer zurück.
Er lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. Sie stand mit ihrem Tee vor dem Fenster und starrte blicklos in den kleinen Garten hinaus.
“Das war interessant. Deine kleine Darbietung hat Ram’an ziemlich beeindruckt und verunsichert. Ohne das Geistesband wäre womöglich sogar ich darauf hereingefallen”, kommentierte er.
Sie drehte sich um und seufzte, als die kühle Fassade von ihr abfiel. “Ich habe beschlossen, dass ich nicht mehr länger ständig all die Leute anschnauzen und mit Gift bespucken kann, auf die ich gerade schlecht zu sprechen bin. Davon gibt es hier einfach zu viele, und alle von ihnen sind zufällig Oberhäupter von Häusern.”
Er lachte vor sich hin. “Ja, du tendierst dazu, eine Abneigung gegen wichtige Leute zu hegen. Deine neue Herangehensweise besteht also in kühler und unnahbarer Höflichkeit? Ich gebe zu, dass dies gerade eben recht wirksam war, doch ich frage mich, ob das für dich der richtige Weg ist. Es erscheint mir nicht charakteristisch.” Und zwar auf verstörende Weise, fügte er in Gedanken hinzu. Es fühlte sich falsch an, und er überlegte, wie verletzt sie wohl sein musste, um die Impulse, die die Interaktionen mit ihr so stimulierend, wenn auch nicht ganz gefahrlos machten, in ihrem Inneren einzuschließen.
Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas und setzte sich auf die niedrige Fensterbank. “Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Malriel am Abend vor ihrer Abreise, als sie mir den Trank eingeflößt haben muss. Ich sagte ihr, dass ich keine Absicht mehr hätte, sie weiterhin zu hassen, weil ich mir damit nur selbst Schmerzen zufüge, und dass ich daran arbeiten würde, ihr gegenüber gleichgültig zu werden. Sie sagte, das sei sogar noch schlimmer als Hass, und ich beginne zu glauben, dass sie Recht hat. Nicht schlimmer, wohlgemerkt, das ist nur ihr Standpunkt. Ich denke, es ist endgültiger, mächtiger. Und es wird mir Frieden bringen.”
Er schluckte. “Und diese Strategie beabsichtigst du nun sowohl bei Valrad und Ram’an, als auch bei ihr zu verfolgen?”
“Ja, das tue ich”, bestätigte sie. “Vielleicht wird es Zeit, sich von dem legendären Aren Temperament zu verabschieden. Es ist nichts weiter als eine Bürde, eine Charakterschwäche.” Sie ging auf ihn zu und lehnte ihre Stirn gegen seine Schulter. Als seine Arme sie umfingen, lächelte sie. “Es wird Zeit, erwachsen zu werden.”
Seinen beunruhigten Gesichtsausdruck sah sie nicht. Das fühlte sich falsch an – als hätte sie sich entschieden, nicht länger sie selbst zu sein.
“Schade”, murmelte er, “das war es, was mich zuerst an dir fasziniert hat. Ich würde es sehr vermissen.”
Sie lachte leise. “Dann werde ich dir hin und wieder eine private Vorführung angedeihen lassen, wenn du den Eindruck hast, dass dein Leben sonst zu eintönig oder zu friedlich wird.”
“Darauf werde ich zurückkommen”, bemerkte er leichthin und fragte sich, wie gut es ihr wohl gelingen mochte, ihren Vorsatz umzusetzen. Nicht in dem Ausmaß, wie sie es erst vor wenigen Minuten demonstriert hatte, hoffte er.

* * *

Vern stürmte in den Hauptraum und ließ sich direkt neben Eryn auf die Kissen fallen. Er war gerade von seinem Besuch in der Klinik zurückgekehrt. Einem ausgedehnten Besuch; er war am Morgen aufgebrochen, und nun war die Sonne gerade am Untergehen.
“Du scheinst auf Wolken zu schweben”, kommentierte sie und konnte nicht anders als zu lächeln, als er sie mit einem breiten Grinsen bedachte. “Ich gehe davon aus, dass du einen zufriedenstellenden Tag hattest?”
“Es war unglaublich”, seufzte er, eindeutig müde, aber selig. “Das Gebäude ist so riesig! So viele Heiler! Und sie waren erfreut, ausgerechnet mich kennenzulernen! Kannst du dir das vorstellen? Sie alle haben das Buch gesehen, das ich Ram’an damals gab, und betonten, was für eine außergewöhnliche Arbeit es sei. Dann haben sie mir Fragen über das Heilen zuhause in Anyueel gestellt und mir eine Führung durch die gesamte Klinik gegeben! Sie haben dort so viele verschiedene Fachbereiche, dass ich mich gar nicht an alle erinnern kann! Ich habe sogar den Leiter der Klinik getroffen, habe aber seinen Namen vergessen. Er sagte, es wäre ihm ein Vergnügen, mich für die Dauer meines Aufenthalts hier dort arbeiten und lernen zu lassen! Ist das zu glauben? Ich werde dort arbeiten!”
Eryn lächelte ihn zustimmend an.
“Was ist das für ein Tumult hier draußen?” fragte Orrin, als er den Raum betrat. “Junar hat sich hingelegt, also seht besser zu, dass ihr etwas leiser seid.”
“Entschuldige, Vater”, meinte Vern mit einer Grimasse. “Ich habe mich wohl etwas hinreißen lassen.”
Der Krieger lächelte und kam näher, um sich zu ihnen zu gesellen. “Ich schätze, du hattest einen erfolgreichen Tag mit Valrad?”
Das Gesicht des Jungen leuchtete erneut auf, und er setzte seine Schwärmerei fort. “Absolut! Ich schwöre dir, sie haben mich wie einen König behandelt! Dort gibt es eine enorme Bibliothek, und sie sagten, ich könne dort hingehen und sie nutzen, so oft ich will. Und sie haben dort ein Gasthaus, direkt in der Klinik, wo alle Leute, die in der Klinik arbeiten, kostenlos essen können, wenn sie dieses kleine, silberne Abzeichen haben. Sie nennen das Kantine, glaube ich. Das Gasthaus, nicht das Abzeichen. Und sie haben nach dir gefragt, Eryn”, fuhr er fort. “Besonders ein recht unfreundlicher Heiler, dieser eine ohne Magie.”
“Sarol”, ergänzte sie mit einem Grinsen.
“Ja, genau, der. Und noch einer, eher jung, aber recht bedeutend. Ein Experte für Kopf-Sachen, glaube ich.”
“Iklan womöglich?”
Er dachte kurz nach, dann nickte er. “Ja, das klingt vertraut. Sie wollten wissen, wann du vorbeikommst und warum du heute nicht dabei warst und was du gerade machst und…”
“Vern? Vergiss nicht, hin und wieder auch mal zu atmen”, lachte sie.
“Pe’tala war auch dort”, redete er weiter, nachdem er nach Luft geschnappt hatte. “Der unfreundliche Heiler war erfreut, sie zu sehen, glaube ich, wollte es aber nicht zugeben. Ram’ans Cousin, der Heiler, der die Zeichnungen wollte, war auch dort. Ich habe ihm meine Bilder gezeigt, und ich schwöre euch, er war beinahe eine ganze Minute lang sprachlos! Dann hat er die Bilder herumgezeigt, und alle waren mächtig beeindruckt und sagten immer wieder, sie hätten noch nie etwas Vergleichbares gesehen!”
Eryn lachte. “Gut, dass du Ohren hast, mein Junge, oder dein Grinsen würde rund um deinen ganzen Kopf verlaufen und die obere Hälfte einfach abfallen lassen.” Seine gute Laune war ansteckend.
“Sie denken, ich sei brillant und ein Genie!”, kicherte er, schwindelig vor Freude.
Sie zerzauste sein Haar. “Das bist du, Vern. Und es scheint, als wärst du genau an den richtigen Ort gekommen, wo die Leute das schätzen.”
“Das haben sie! Und dein Vat… Valrad”, korrigierte er sich hastig, “musste die Leute fortschicken und ihnen versprechen, dass er mich ein anderes Mal zu ihnen bringt, weil sie alle mit mir reden wollten! Wusstest du, dass er dort wirklich wichtig ist? Er hat den Laden früher geführt, ist aber freiwillig zurückgetreten, damit er sich mehr auf die Führung seines Hauses und die Arbeit mit Patienten konzentrieren konnte.”
“Ja, davon habe ich gehört”, erwiderte Eryn trocken. “Ich war schon einmal hier, wenn du dich erinnerst.”
“Ja, genau. Natürlich”, nickte er und schüttelte den Kopf über sich selbst. “Weißt du was? Sie haben mir einen Platz im Unterricht mit den Heilerlehrlingen angeboten!” Er fummelte ein Blatt Papier hervor. “Das ist eine Liste der Themen, die die Studenten im zweiten Jahr in den nächsten zehn Tagen durchnehmen, und ich kann einfach hingehen und mir anhören, was ihnen beigebracht wird! Wie erstaunlich ist das denn bitte?”
“Ziemlich erstaunlich”, nickte sie. “Ich schwöre dir, wenn du es schaffst, hier vor mir als Heiler zertifiziert zu werden, werde ich dich erwürgen. Und du kannst dich nicht einmal verteidigen, weil die schwangere Lady nicht geschlagen werden darf”, seufzte sie.
Er sprang auf. “Das erinnert mich an etwas!” Er rannte nach unten und kehrte kurz darauf mit einem schweren Buch unter dem Arm zurück. “Dieser Sarol-Typ hat das für dich mitgeschickt. Er sagte, da du jetzt ja zurück bist und Zeit hast, kannst du genauso gut etwas Nützliches damit anfangen. Er will, dass du das hier liest. Es geht um nicht-magische Diagnosen, glaube ich.”
Eryn griff eifrig nach dem Buch. “Danke! Das ist großartig; es bedeutet, er will, dass ich mit den Vorbereitungen für die letzte fehlende Prüfung beginne!” Das würde ihr eine Beschäftigung verschaffen, endlich!
“Er ist wirklich unfreundlich, weißt du”, kommentierte der Junge. “Ich frage mich, warum sich das alle gefallen lassen, sogar dein… Valrad.”
Sie schluckte ihre Verärgerung über seinen erneuten Versprecher hinunter. “Weil er wirklich, wirklich, wirklich gut in dem ist, was er tut. Er hat nicht-magisches Heilen revolutioniert, hat es hier in eine echte Disziplin verwandelt, die mittlerweile so weit anerkannt ist, dass sogar Magier-Heiler darüber lernen müssen”, erklärte sie. “Er ist auch ein Genie.” Sie sah von ihrem Buch auf in sein skeptisches Gesicht. “Und genau wie dir werden deshalb auch ihm gewisse Eigenheiten zugestanden. Wenn er unfreundlich zu dir ist, bedeutet das, dass er dich mag. Wenn er dich nicht mag, macht er sich nicht einmal die Mühe, dich zu beachten.”
Das brachte ihn zum Nachdenken. “Ich verstehe.” Dann grinste er. “Das bedeutet dann womöglich, dass er mich mag. Er hat mich zweimal angeschnauzt!”
Sie kicherte. “Ein untrügliches Zeichen.”
“Du siehst staubig, verschwitzt und erschöpft aus”, meldete sich Orrin zu Wort. “Ich denke, du solltest ein Bad nehmen und dich dann für das Abendessen umziehen. Enric ist gerade in der Küche und bereitet es zu, also wird es bald fertig sein. Fort mit dir.”
Vern gehorchte widerwillig und schlurfte davon.
“Wie geht es dir, mein Mädchen?”, fragte er, als sie allein waren. “Du siehst noch immer nicht wie du selbst aus, obwohl ich sehen kann, dass dich Verns Enthusiasmus gerade eben aufleben hat lassen.”
“Mir geht es soweit gut, Orrin. Danke der Nachfrage”, lächelte sie. “Ich bin nur müde. Ich habe letzte Nacht weder besonders gut noch lange geschlafen. Vielleicht bitte ich Vern, dass er mir dieses Mal einen kleinen magischen Schubs gibt. Ich will morgen gut ausgeruht sein für diese verdammte Senatsversammlung.” Ihre Miene verdüsterte sich.
“Bist du sicher, dass du dort hingehen willst? Ich hatte nicht den Eindruck, dass er sich von dir davon abhalten lassen wird, dem Senat seine Neuigkeiten mitzuteilen.”
Sie schüttelte den Kopf. “Nein, das wird er nicht. Dessen bin ich mir bewusst. Aber es gibt das eine oder andere, das ich dort sagen möchte.”
“Ach ja?”, meinte er stirnrunzelnd.
“Ja.” Erleichtert blickte sie auf, als Kilan den Hauptraum betrat. “Wo warst du den ganzen Tag über? Ich dachte, du wolltest nur jemanden zum Tee treffen?”
“Ursprünglich wollte ich das. Aber dann bin ich bei ihm zuhause gelandet und habe jede Menge Fragen beantwortet über die Neuankömmlinge, die bei mir wohnen.”
Sie grinste. “Das hast du davon, wenn du Gäste aufnimmst. Nächstes Mal überlegst du besser zweimal, bevor du einwilligst.”
“Ich konnte euch armen, gestrandeten Reisenden doch wohl kaum zumuten, auf der Straße zu schlafen, oder?”, grinste er. “Stell dir nur die politischen Konsequenzen vor, hätte eines eurer beiden Monster einen Bürger aus Takhan als Imbiss verspeist.”
“Dann lass mich dir zu deiner weisen Voraussicht gratulieren. Ich hätte gedacht, dass deine Gastfreundschaft eher etwas mit der Tatsache zu tun hat, dass Orrin und ich zufällig deine Vorgesetzten sind und du aus diesem Grund nicht gewagt hättest, unsere Anfrage abzulehnen. Aber offensichtlich lag ich damit falsch.”
Kilan griff nach einem sauberen Glas und schenkte sich dunklen Fruchtsaft ein. “Zumindest bist du dir deines Fehlers bewusst. Enric kocht das Abendessen, nehme ich an?”
“Ja, das tut er”, bestätigte sie. “Wie sieht es mit deinen eigenen Kochkünsten aus? Hast du die in den letzten Monaten verbessert?”
Er nickte. “Ich hatte keine andere Wahl. Erwachsene, die kein ordentliches Mahl bereiten können, werden hier ausgelacht. Frag mich, wie viel Spaß es macht, ganz allein ein formelles Dinner für dreißig oder vierzig Leute zuzubereiten. Ich habe beinahe den ganzen Tag in der Küche verbracht. Zusätzlich dazu, dass ich vorher jagen gehen musste, versteht sich.” Dann lächelte er. “Aber zumindest wird das morgen kein Problem sein, da ich eine Anzahl an Helfern hier habe.”
“Morgen?” Sie zog die Stirn in Falten. “Aber morgen ist doch das Willkommens… Oh nein. Nein! Bitte nicht.”
“Nein was?”, erkundigte sich Orrin.
“Das verfluchte Willkommensdinner”, seufzte sie. “Es wird hier in der Botschafterresidenz stattfinden, so ist es doch?”
Der Botschafter nickte. “Ja. Sowohl Malriel als auch Valrad haben darum gebeten.” Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. “Sehr wahrscheinlich, weil sie sichergehen wollten, dass du keine andere Möglichkeit hast, als daran teilzunehmen, weil es an dem Ort stattfindet, an dem du wohnst.”
Sie stöhnte. “Aber das bedeutet, dass ich bis zum Ende dabeibleiben muss! Komm schon, warum hast du dich nicht geweigert?”
Er sah sie nachsichtig an. “Eine höfliche Anfrage von den mächtigen Oberhäuptern zweier Häuser verweigern? Ist das eine ernstgemeinte Frage?”
“Ich werde dir nicht beim Kochen helfen!”
“Das geht schon in Ordnung. Nach deiner Reaktion gerade eben hätte ich eher Angst, dass du den ganzen Haufen vergiftest”, schnaubte er. “Aber da ich hier immer noch drei Männer zur Verfügung habe, zusätzlich zu Vran’el, der seine Hilfe angeboten hat, werden wir es irgendwie ohne dich schaffen.”
Ihre Miene wurde bitter, und sie seufzte. All diese Leute hier an diesem Ort, ohne dass sie die Möglichkeit hatte, früh zu gehen. Es war ihr nicht einmal möglich, eine Unpässlichkeit als Anlass für einen frühen Rückzug vorzuschieben. Es waren einfach zu viele Heiler hier, die sich um alles kümmern würden, was auch immer sie als Vorwand benutzte. Und die würden natürlich sehr rasch herausfinden, dass es eine Ausrede war und sie vor den anderen bloßstellen. Wer hätte jemals gedacht, dass sich der Aufenthalt an einem Ort mit so vielen gut ausgebildeten, sachkundigen Heilern als dermaßen lästig erweisen würde?

 

»Ende der Leseprobe«

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2 Kommentare:

  1. Wenn das 4. Buch genau so gut wird wie die drei Vorgänger – die Leseprobe lässt keinen anderen Schluß zu – dann kann ich es kaum erwarten.

    An Leser ohne Vorkenntnisse der ersten 3 Bücher: sie sollten in Reihe gelesen werden. Aber keine Angst – es ist ein reines Vergnügen, den feinsinnigen (und leicht hinterhältigen 😉) Humor der Autorin in diesem großartig gewebten Werk zu geniessen …

  2. Kann es kaum erwarten bis ich endlich den vierten Band lesen kann
    Bin von den anderen Bänden begeistert

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