„Schwierige Nachbarn“ – Der Orden: Buch 7

„Schwierige Nachbarn“ – Der Orden: Buch 7

Kapitel 1

Unterwegs

Enric bemerkte die Verwirrung und den Unmut auf dem Gesicht seiner Gefährtin, als der grüne Fleck, der schon vor einer Weile in Sichtweite gekommen war, nicht in dem Ausmaß wuchs, wie sie es erwartet hatte. Er erinnerte sich noch gut an seinen eigenen ersten Eindruck von vor ein paar Jahren, als er und Vran’el sich dieser speziellen Oase genähert hatten. Nach zwei Tagen des Reitens durch die Wüste hatte es ihn nach irgendeinem Stückchen Grün gedürstet, nach Bäumen, nach Schutz vor der erbarmungslosen Sonne – in der Stadt kaum mehr als ein Ärgernis, sofern man zur heißesten Tageszeit nach draußen musste, hier draußen jedoch eine echte Gefahr.

“Das ist es?”, stöhnte sie. “Warum hast du behauptet, das sei der Höhepunkt auf unserem Weg durch die Wüste? Ich sehe hier keine große Verbesserung zu den Lagern, in denen wir die letzten beiden Nächte verbracht haben! Das ist einfach nur grausam! Nie wieder werde ich dir irgendetwas glauben!”

Er erwiderte nichts auf ihr Gejammer. In ungefähr einer Stunde würden sie das Lager von Malriels Cousin erreichen, und dann würde sie sehen, dass er ihr keineswegs einen grausamen Streich gespielt hatte. Und er war in diesem Moment zu erschöpft, um mit ihr zu debattieren. Genau wie ihm selbst, so würde es auch ihr schwerfallen, aufgrund bloßer Worte zu glauben, dass dies eine ausgedehnte Oase war, ein kleines Paradies inmitten ausgedehnter Flächen nicht enden wollenden Sandes, Felsen und Luft, die vor Hitze flimmerte, wo auch immer man hinsah.

Zwei Tage des Reitens durch die Wüste mit ihr war alles andere als ein pures Vergnügen gewesen. Obgleich das nicht allein ihre Schuld war. Wenn es kaum etwas gab, mit dem sich das Auge ablenken ließ, dann hatten die Gedanken Zeit zu wandern. Was sich als wenig angenehm erwies, wenn man gerade seinen Sohn zurückgelassen und viel Zeit hatte, ihn zu vermissen und sich zu fragen, was er gerade tat, zu überlegen, ob er wohl in genau diesem Moment betrübt war.

Sie hatten damit begonnen, Erbáls Code für die Nachrichten nach und aus Kar auswendig zu lernen. Zum einen, um diese unbedingt erforderliche Aufgabe zu erledigen, und andererseits auch, um zumindest ein wenig der Zeit sinnvoll zu nutzen.

“Wie buchstabieren wir Worte, für die wir kein Codewort haben?” kehrte er zu diesem Thema zurück. Diese letzte Stunde konnten sie ebenso gut dafür heranziehen.

“Ich weiß es nicht.”

“Du hast nicht einmal überlegt. Komm schon. Das ist einfach.”

Sie seufzte und dachte einen Moment lang nach, dann gab sie ihm Recht indem sie antwortete: “Wenn der Satz mit dem Wort Ich beginnt, dann zeigt das, dass er etwas buchstabieren wird, indem er in den folgenden Worten des Satzes Buchstaben versteckt.”

“Welches Schema zieht er dafür heran?”

Sie schloss die Augen und versuchte, sich selbst in ihrem Arbeitszimmer in Anyueel zu sehen, wo alles in Holz eingebrannt war. “Letzter Buchstabe des ersten Wortes, erster Buchstabe des zweiten, vierter Buchstabe des dritten, dritter Buchstabe des fünften, und dann beginnt es wieder von vorne. Da steckt keinerlei Logik dahinter! Wie soll man sich das alles merken?”

“Das ist der Sinn dahinter, Liebste. Alles, was einer bestimmten Logik folgt, kann durch rationales Denken und genug Informationen über eine Person entschlüsselt werden. Er vermeidet es nach Möglichkeit, regelmäßige Muster einzusetzen. Ganz ohne sie kommt er nicht aus, doch er reduziert sie so stark, dass es keinesfalls reichen würde, nur die regelmäßigen Muster zu kennen, um irgendwelche nützlichen Informationen aus einer Nachricht zu ziehen. Sie zeigen lediglich an, dass noch mehr Informationen nachfolgen. Die tatsächliche Information zu erkennen ist die eigentliche Herausforderung. Also, welche Bedeutung hat das Wort Haus, wenn es nur ein einziges Mal in der Nachricht vorkommt?”

“Gefahr,” antwortete sie ohne Zögern. Daran erinnerte sie sich ohne Schwierigkeiten. Es war Teil seiner jüngsten Nachricht an sie gewesen, wo er sie über den anstehenden Anschlag auf Königin Del’na’bened informiert hatte.

“Und wenn es zweimal benutzt wird?”

“Geheimnis. Eine weitere Kombination für diese Bedeutung wäre auch Nachricht und lesen im gleichen Satz.”

“Sehr gut. Warum hat er mehrere Kombinationen für das gleiche Wort?”

“Weil es nicht offensichtlich werden soll, dass Informationen versteckt sind, indem die gleichen Worte zu häufig benutzt werden,” wiederholte sie gehorsam, was er ihr am ersten Tag ihrer Reise erklärt hatte.

“Welche Worte sind ein dringender Hilferuf?”

“Unglaublich müde oder vernachlässigbar.”

“Wie bezieht er sich auf die Regierung in Kar?”, fragte er weiter.

“Ich weiß es nicht mehr.”

“Familie. Wie nennt er die dortigen Magier?”

“Ich kann mich nicht erinnern! Die Sonne brät mein Gehirn, also lass mich zufrieden, sofern du es zumindest einen Augenblick lang aushalten kannst, untätig zu sein”, schnauzte sie ihn mit einer Mischung aus Frustration und Verdruss an.

Enric beugte sich ihrem Wunsch. Er hatte sie ein wenig ablenken wollen, doch das war offenkundig nicht zielführend.

Ein paar Minuten lang ritten sie schweigend weiter, bevor sie auf den Mann zu sprechen kam, der ihnen in ihrer letzten Nacht in der Wüste Unterschlupf gewähren würde. “Du hast gesagt, Ganel sei Malriels Cousin. Und dass er eine Menge Gefährtinnen und Kinder hat.”

“Das letzte Mal, als ich ihn sah, hatte er sechs Gefährtinnen und mehr als dreißig Kinder. Jetzt könnten es mehr sein.”

Voller Unverständnis schüttelte Eryn den Kopf. “Wie kann irgendeine Frau zustimmen, lediglich eine von mehreren Gefährtinnen zu sein? Wurden sie alle dazu gezwungen?”

“Das mag in manchen Stämmen noch der Fall sein, doch zum Glück ist das mittlerweile eher unüblich. In Ganels Fall habe ich mir sagen lassen, dass er niemals eine Frau an sich bindet, die nicht willens ist, mit ihm in der Oase zu leben und ihn mit einigen anderen Gefährtinnen zu teilen. Er ist kein grausamer Mann, der Frauen und Kinder wie Trophäen sammelt. Auch wenn man das nicht glaubt, wenn man zum ersten Mal hört, dass er von beiden so viele hat. Malriel sagte mir, dass drei von ihnen zuvor an andere Männer gebunden waren und schreckliche Misshandlungen erdulden mussten. Mit Ganel können sie sich vorwiegend mit anderen Frauen umgeben und müssen nicht öfter mit ihm schlafen, als ihnen lieb ist, da es genug andere Frauen gibt, die dieses Bedürfnis erfüllen. Ein seltsames Arrangement, wie ich zugebe. Sicher keines, das ich mir für mich selbst vorstellen könnte. Doch solange alle Beteiligten damit zufrieden sind, werde ich nicht urteilen.”

Eryn erwiderte nichts darauf, sondern versuchte sich vorzustellen, wie deren Leben aussehen mochte. Besonders in diesem kleinen grünen Fleck vor ihnen. Wie passten sie dort überhaupt alle hinein?

Enric hing seinen eigenen Gedanken nach und stellte sich vor, dass sein Sohn in diesem Moment wahrscheinlich sein Mittagsessen einnahm. Wohl mit Pe’tala und seiner Cousine Zahyn. Malriel würde zu dieser Tageszeit beschäftigt sein, wie auch Valrad und Rolan in der Klinik. Er dachte an Orrin. Ob er wohl verärgert darüber war, dass man ihn ohne seine Familie nach Takhan geschickt hatte und er sein eigenes Kind zurücklassen musste, um den Sohn seines Vorgesetzten zu beschützen?

“Was ist das? Noch eine?”, hörte er Eryn fragen und blickte auf.

Ah ja, sie hatten den Punkt erreicht, wo auch das andere Ende der Oase sichtbar wurde, nicht jedoch der Mittelteil, der sich von ihnen weg krümmte und somit noch nicht erkennbar war. Noch sah all das nach zwei nicht verbundenen Flecken mit kärglichem Bewuchs aus.

“Nein, das ist das andere Ende der Oase. Sie ist wie ein Halbmond geformt. Bald erreichen wir das eine Ende und können dann den Bäumen und Büschen bis zu ihrer Mitte folgen. So haben wir zumindest ein wenig Schatten.”

Wenig später erreichten sie die ersten paar mickrigen Palmen. Dazwischen bedeckten allem Anschein nach vertrocknete Büsche den Untergrund. Je weiter sie vordrangen, desto dichter und üppiger wurden die Palmen.

Eryn spielte damit, im Stillen die Sekunden von einem schattigen Punkt zum nächsten zu zählen. Sie bemerkte, wie ihr Pferd jedes Mal zu verweilen versuchte, wenn sie einen weiteren hohen Baum erreichten, der Schutz vor der Sonne bot.

Nach einer Weile offenbarte sich das gesamte Ausmaß der Oase. Sie näherten sich nun der breiten Mitte und konnten erkennen, wie sich die Baumlinie vom dem einen Ende, das sie als erstes gesehen hatten, zu dem anderen weit entfernten erstreckte.

“Sieh dir das an! Sie ist riesig!”, staunte Eryn und spürte, wie ihre gute Laune zurückkehrte. “Vielleicht war ich etwas voreilig damit, dass ich dir niemals wieder irgendetwas glaube”, fügte sie entschuldigend hinzu.

“Ich bin froh das zu hören”, erwiderte Enric großmütig und deutete nach vorne zu ein paar Bauten, die noch nicht im Detail erkennbar, aber jedenfalls von Menschenhand geschaffen waren. “Siehst du das? Wir sind schon fast da.” Er dachte an den Teich mit dem Wasserfall, in den er und Vran’el kurz nach ihrer Ankunft hier auf ihrem Rückweg eingetaucht waren. Eryn gegenüber hatte er nichts davon erwähnt. Er wollte ihr Gesicht sehen, wenn er sie dorthin brachte.

Die Umrisse der Zelte und wenigen Steinbauten, von denen Enric wusste, dass sie als Lagerplatz dienten, wurden immer deutlicher, je näher sie kamen.

Eryn pfiff durch die Zähne. “Das sieht fast wie ein Dorf aus!”

“Ja, ich denke, damit könnte man es vergleichen. Sie haben extra Zelte zum Kochen, Essen, für den Unterricht der Kinder, einige Schlafzelte für die Kinder, und das riesige dort drüben gehört Ganel. Dort empfängt er seine Gäste.”

“Die Gefährtinnen teilen sich auch ein großes Zelt, in dem sie alle schlafen? Oder wohnen sie in seinem?”, fragte sie und überlegte, wie angenehm es wohl sein konnte, den Geräuschen zuhören zu müssen, die während des Geschlechtsverkehrs mit der Frau entstanden, mit der er sich entschieden hatte die Nacht zu verbringen.

“Nein, keineswegs. Ganz im Gegenteil. Jede davon hat ihr eigenes Zelt. Ich kann dir nicht sagen, wie sie von innen aussehen. Vermutlich hätte es zu Missverständnissen geführt, wenn ich darum gebeten hätte, mir eines davon ansehen zu dürfen.”

“Ich bin froh zu hören, dass du dermaßen große Zurückhaltung an den Tag gelegt hast, wenn es darum ging, die Schlafquartiere anderer Frauen zu inspizieren”, erwiderte sie in einem Tonfall, der zu lieblich klang um echt zu sein.

Schließlich erreichten sie die Siedlung und wurden von zwei Frauen in fließenden Wüstengewändern begrüßt, von denen eine ein etwa dreijähriges Kind auf ihrer Hüfte trug. Eine von ihnen schien etwa Mitte zwanzig zu sein, die andere mit dem Kind sah etwa zwanzig Jahre älter aus. Ihre Kleidung wirkte schlicht, aber von guter Qualität und sauber, ebenso wie die des Kindes.

“Seid willkommen”, meinte die Ältere von beiden und lächelte zu ihnen empor. “Steigt ab und erlaubt mir, mich um eure Tiere zu kümmern. Nach diesem langen Ritt durch die Wüste müssen sie erschöpft sein. Ebenso wie auch ihr. Mein Name ist Mial, ich bin Ganels Gefährtin.” Sie berührte die andere Frau am Arm und stellte sie vor. “Das ist Rior, Ganels Gefährtin.” Dann verengten sich ihre Augen leicht, als sie Enric betrachtete, als würde sie überlegen, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte.

“Einen guten Tag, meine Damen. Wir danken euch für eure Gastfreundschaft. Das ist meine Gefährtin Maltheá, und ich bin Enric.”

“Eryn”, murmelte Eryn in seine Richtung.

“Nein, hier nicht”, antwortete er ebenso leise, bevor er abstieg.

Überrascht sah Eryn die Frau an, die sie begrüßt hatte, als diese in Gelächter ausbrach. “Aber natürlich! Enric! Das letzte Mal warst du mit Valrads Sohn hier! Ihr wart so unklug, mit Ganel zu trinken und saht am nächsten Morgen aus, als würdet ihr jeden Augenblick umfallen. Und du bist nackt durch das Lager gerannt! Niemand von uns hat jemals zuvor einen gelbhaarigen Mann gesehen, und dann gleich so viel von ihm auf einmal!”

Eryn starrte die Frau an, dann Enric, und sah zu ihrer unendlichen Überraschung, dass er tatsächlich – errötete! Es gab ein paar seltene Gelegenheiten, bei denen ihm die Zornesröte ins Gesicht gestiegen war, nie jedoch hatte sie bislang gesehen, dass ihm das Blut vor Verlegenheit in die Wangen stieg! Sie fand es großartig und begann ebenfalls zu lachen.

Nach einigen Sekunden, während derer sie sich an ihren Sattel klammerte, um nicht vor Belustigung zu Boden zu stürzen, schaffte sie es schließlich unbeschadet nach unten.

“Herrlich, davon hat er mir nie erzählt! Wir sollten uns zusammensetzen und reden, Mial.”

Mial lächelte und übergab Eryn den Jungen als wäre es das Natürlichste auf der Welt, vollkommen Fremden den Nachwuchs anzuvertrauen. Auch das Kind wirkte keineswegs beunruhigt darüber, dass es sich auf dem Arm einer Frau wiederfand, die es noch niemals zuvor gesehen hatte, sondern schenkte ihr ein Lächeln, das zwei Zahnlücken entblößte. Eryns Herz schmolz dahin.

“Es wird mir ein Vergnügen sein. Wenn du kurz auf unseren Kleinen achtest, kümmere ich mich um eure Pferde.” Ohne auf eine Antwort zu warten ergriff sie die Zügel aller drei Tiere und führte sie davon.

“Kommt”, lud Rior sie nun ein, “ich bringe euch zu Ganel. Ich weiß, dass er sich schon auf euch freut, seit Malriel ihm einen Vogel mit der Ankündigung eurer Ankunft geschickt hat.” Ihr Blick verweilte auf Eryn. “Du siehst ihr wirklich sehr ähnlich. Aber ich bin sicher, dass sagt man dir ständig.”

Eryn lächelte höflich. Das stimmte. Und sie hasste es.

Sie ließen sich zu dem großen Zelt führen, das sie bereits aus der Ferne erspäht hatten. Rior trat als Erste ein und schob die schweren Vorhänge beiseite.

“Ganel? Unsere Gäste sind hier.”

Eryn und Enric folgten ihr ins Innere, wo sie erst ein paar Augenblicke benötigten, um ihre Augen vom gleißenden Sonnenlicht auf das vergleichsweise dämmrige Licht im Zelt umzustellen.

Rior trat an einen Mann, der auf einem Haufen schon beinahe lächerlich prächtig bestickter Kissen leise schnarchend vor sich hindöste, und stieß ihn mit ihrem Fuß an. Nicht grob, doch auf eine Weise, die ihr zweifellos seine Aufmerksamkeit sichern würde.

“Ganel, steh auf und begrüße deine Gäste! Du wusstest, dass sie um Mittag herum eintreffen sollten, wie kannst du also einfach einschlafen?”

Eryn blinzelte bei dem Anblick eines Mannes, der wohl in seinen Sechzigern oder Siebzigern sein musste, und von seiner Gefährtin gescholten wurde, die jung genug war, um seine Tochter zu sein. Oder sogar seine Enkelin.

“Du hast absolut Recht, meine kleine Wüstenblume”, gab er etwas taumelig von sich und rappelte sich tollpatschig auf, bis er stand. Seine Miene erhellte sich. “Enric! Und die kleine Maltheá! Da seid ihr ja!” Er trat auf Eryn zu, nahm ihr den Jungen vom Arm und reichte ihn an Rior weiter, bevor er sie ohne Vorwarnung in eine herzliche Umarmung zog. “Ich habe so viel von dir gehört!” Er hielt sie auf Armeslänge und nahm ihren gesamten Anblick in sich auf, soweit dies in ihrer Kleidung möglich war. “Und sie haben Recht! Unter tausend Frauen könnte ich dich herauspicken, sogar unter zehntausend!” Er umfasste ihr Kinn und drehte es hin und her. “Erstaunlich! Malriels Gesicht, allerdings… Die Nase ist nicht ganz identisch. Darin steckt ein wenig Vel’kim.”

Sanft aber entschieden schloss Eryn ihre Finger um sein Handgelenk und senkte seine Hand. “Ganel, es ist mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen. Ich schätze deine Gastfreundschaft wirklich sehr, besonders, da ich erst kürzlich erkannt habe, dass ich nicht für die Wüste gemacht bin. Aber wenn du nicht aufhörst, mich wie eine Stute auf dem Pferdemarkt zu behandeln und deine Hand nicht von meinem Gesicht fernhältst, werde ich sie dir brechen. Nicht lange, wohlgemerkt. Ich würde sie wieder heilen. Aber wehtun würde es dennoch. Dir, versteht sich – ich würde gar nichts spüren.”

Ganel starrte sie an, dann stieß er ein bellendes Lachen aus. “Ah, es ist, als käme ich nach Hause! Ich fürchte den Tag, an dem ich einer zahmen Aren begegne! Das wird mein Tod sein! Furchteinflößender Haufen, aber so belebend!”

“Du bist doch ebenfalls Aren, oder nicht?”, fragte Eryn verwirrt. Bisher hatte sie nur Mitglieder anderer Häuser und ein paar unerschrockene Menschen ohne den Schutz eines Hauses, das ihr vorzeitiges gewaltsames Dahinscheiden zu rächen vermochte, auf diese Weise von Aren-Frauen sprechen gehört.

“Selbstverständlich. Deshalb kenne ich sie auch so gut.” Einen Augenblick lang wurde sein Gesichtsausdruck verträumt. “Du hast meine Tante, Malhora, kennengelernt, nicht wahr? Sie ist eine Legende. Ich höre, dass die Leute immer noch nervös werden, wenn sie die Stadt besucht. Aber du machst dich auch nicht übel, wenn man den Geschichten glauben darf. Zerstörung des Senatsgebäudes, was?”

“Nicht das gesamte Gebäude, bloß das Dach”, korrigierte sie ihn mit einem leicht mulmigen Gefühl. Dieser Vorfall war eine Warnung, eine Erinnerung daran, was passierte, wenn eine mächtige Magierin die Kontrolle über sich verlor. Sie betrachtete dies keineswegs als einen ihrer glorreicheren Momente. Somit hieß sie es auch nicht gut, wenn es als bewundernswerte Tat dargestellt wurde anstatt als die gefährliche Niederlage, die es tatsächlich war.

Er winkte ab. “Das tut nichts zur Sache. Du hast uns allen etwas gegeben, woran wir uns erinnern können, und Arens werden gerne mit mächtigen Taten in Verbindung gebracht.” Er wandte sich Enric zu und umarmte ihn ebenfalls. “Mein hellhaariger Freund! Ich bin entzückt, dich wieder einmal in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen!”

Enric grinste und antwortete in einer Weise, bei der er wusste, dass sie Ganel erfreuen würde. “An deinem Heim ist nichts bescheiden, mein Freund. Es ist eine schamlose Demonstration, wie unglaublich erfolgreich du bist, und erweckt den Neid eines jeden, der das Glück hat, hier willkommen zu sein.”

Der ältere Mann lachte. “Ich gebe zu, dass ich nicht von Armut geplagt bin, doch nachdem du zwei Tage lang nichts als Sand gesehen hast, würdest du sogar ein Stück Stoff, das zwischen zwei Bäume gespannt wurde, als Luxus betrachten. Lass uns später mehr reden. Ich kann sehen, dass ihr eine Erfrischung nötig habt. Wir haben ein Zelt für euch vorbereitet und werden euch Essen bringen, und auch frisches Wasser, das nicht stundenlang in einem Ledersack war. Hinterher könnt ihr ein Bad nehmen, und dann werden wir uns zusammensetzen und einen angenehmen Abend verbringen.”

Eryn blinzelte, als ihr Gehirn sich zu glauben weigerte worauf ihre Ohren bestanden, sie hätten es gehört. “Ein Bad? Mit… Wasser?”

Ganel warf ihr einen zweifelnden Blick zu. “Ja, Maltheá, so halten wir es in der Regel mit dem Baden in dieser Gegend. Was hast du denn erwartet? Eine Wanne voller Sand?” Er lachte laut über seinen eigenen Scherz, dann sah er Rior an. “Würdest du unsere Gäste bitte zu ihrem Zelt bringen und sichergehen, dass sie versorgt sind? Dafür wäre ich dir sehr verbunden.”

*  *  *

Eryn folgte Mial in Ganels großflächiges Zelt, das den Vergleich mit dem Hauptraum einer takhaner Residenz nicht zu scheuen brauchte, soweit es Komfort und Stil betraf. Jedenfalls war es ebenso geräumig – und sogar luxuriöser. Das ergab sich womöglich aus dem Bedürfnis, einen möglichst starken Kontrast zur trostlosen Wüste zu schaffen.

Bis auf die beiden Frauen war das Zelt leer. Ganel hatte Enric mit sich genommen um ihm zu zeigen, wo seine Gefährtinnen kunstfertige Stickereien anfertigten, die in der Regel einen guten Preis erzielten. Alwidinar, Stammeshäuptling und Vater der neuen Königin von Anyueel, hatte für das Kommitment-Kleid seiner Tochter ein kleines Vermögen ausgegeben und es mit komplexen Stickereien aus Goldfäden versehen lassen.

Mial bedeutete Eryn, sie solle auf den großen, üppigen Kissen Platz nehmen. Eryn tat wie ihr geheißen und seufzte zufrieden. Sie fühlte sich wie neu geboren. All der Sand, Staub und Schweiß, der an den unangenehmsten Stellen an ihr gehaftet hatte, war nun fort, und ihr Körper war soweit abgekühlt, dass sie sich zur Abwechslung einmal wohlfühlte.

Der Teich, in dem Enric und sie ihr Bad genommen hatten erschien wie aus einer anderen Welt. Das Wasser war so klar gewesen, dass sie bis zum Boden sehen konnten, die Farbe türkis an manchen Stellen, blau an anderen. Der Wasserfall an einem Ende, der das Becken mit kristallklarem, kaltem Wasser füllte, stammte aus dem nahegelegenen Gebirgszug, der die Grenze zu Pirinkar bildete. Das Wasser folgte den Ausläufern der Berge und floss teilweise unterirdisch und rasch genug, um nicht von der Sonne aufgeheizt zu werden.

Sie hatten darin geschwommen und wie ausgelassene Kinder herumgeplanscht. Sie hatte sich erzählen lassen, wie Vran’el Enrics Kleider gestohlen hatte, sodass ihr Gefährte gezwungen gewesen war, vollkommen nackt an all diesen Frauen und Kindern vorbeizulaufen.

Das Bedauern, dass sie diesen wundersamen Ort nicht mit Vedric teilen konnten, hatte einen Moment der Melancholie gebracht. Enric hatte ihr versprochen, mit ihrem Sohn dorthin zurückzukehren und ihm zu zeigen, was es wahrhaftig bedeutete, in der Wüste zu reisen. Und welch wunderschöne Belohnung den Reisenden erwartete, der willens war, den feindseligen, sandigen Weiten zu trotzen.

Ohne zu fragen reichte Mial ihr ein kühles, süßes Getränk. “Ich bin sicher, Ganel und Enric werden bald zurückkehren.”

“Danke. Kannst du dich ein wenig zu mir setzen oder musst du dich dringend um etwas kümmern?”

“Nichts, das nicht warten kann.” Die Frau holte sich selbst ebenfalls etwas zu trinken und nahm dann neben Eryn Platz, bevor sie ein paar Kissen herumschob, um es sich bequem zu machen.

“Kann ich dich etwas fragen? Du musst natürlich nicht antworten. Sag es einfach, falls ich unangemessen neugierig bin,” begann Eryn.

Mial nickte ermutigend.

“Wie gefällt dir das Leben in eurer kleinen Insel mitten in der Wüste? Ich schätze, es gibt nicht viel Gelegenheit für dich, unterwegs zu sein?”

Die ältere Frau lächelte nachsichtig. “Maltheá, wollte ich das Land bereisen, so hätte ich nicht zugestimmt, mich an einen Mann zu binden, der davon beseelt war, in der Mitte von Nirgendwo sein eigenes Reich zu errichten. Das mag nicht jedem zusagen, aber für mich ist es genau das Richtige.”

Eryn betrachtete die andere Frau und fragte sich, ob sie eine der drei Frauen war, die vor ihrem Kommitment mit Ganel misshandelt worden waren. Falls ja, so waren Umstände wie diese, ein stilles Paradies, sehr wahrscheinlich dem, was sie zuvor erdulden hatte müssen, unendlich vorzuziehen.

“Es ist wunderschön hier, das gebe ich zu. Ich wurde von manchen der Häuser auf ihre Plantagen unweit der Berge im Osten und Westen eingeladen, doch nichts, was ich dort gesehen habe, kommt dem nahe, was ihr hier habt. Als ich euren Wasserfall sah, wollte ich meinen Augen nicht trauen.”

“Dann musst du hierher zurückkehren. Mit deinem kleinen Sohn. Malriel besucht uns hin und wieder und erzählt uns immer, wie klug und hübsch er ist.”

Eryn blinzelte. “Das tut sie? Euch besuchen, meine ich.” Sie versuchte sich Malriel in ausgebeulter Wüstenkleidung vorzustellen, anstatt in dem teuren, fließenden Stil, den sie bevorzugte, wie sie freiwillig tagelang zu Pferde unterwegs war, nur um ihren Cousin und dessen zahlreiche Gefährtinnen so weit von der Stadt entfernt zu besuchen.

“Oh, ja. Seit ihrer Reise nach Pirinkar, als sie eine Nacht hier verbrachte, und eine weitere einige Monate später bei ihrer Rückkehr mit Enric und Vran’el, nimmt sie sich ein paar Tage Zeit von ihrem vollen Terminplan, um hierher zurückzukehren. Sie sagt, es sei ein Ort, wo sie sich nicht zu sorgen braucht, wo sie entspannen kann und für kurze Zeit kein Oberhaupt eines Hauses oder eine Triarchin sein muss. Normalerweise tut sie das, wenn ihr auf der anderen Seite des Meeres seid, da sie keine Zeit mit ihrer Familie opfern möchte.”

Eryn nahm einen weiteren Schluck. Malriel war kein Thema, an dem sie festhalten wollte. “Und es macht dir nichts aus, dass Ganel so viele andere Gefährtinnen hat? Ich habe immer nur mit Enric gelebt und fände den Gedanken, ihn teilen zu müssen, ungemein verstörend.”

Mial lächelte. “Es stört mich überhaupt nicht. Wir sind immerhin nicht die Einzigen, die teilen müssen. Er muss uns ebenfalls miteinander teilen.”

Eryn runzelte kurz die Stirn, bevor sie verstand. “Ihr tut also…? Miteinander?”

“Selbstverständlich. Ganel hat im Moment acht Gefährtinnen, also können wir kaum von dem armen Mann erwarten, dass er unser aller Bedürfnisse regelmäßig erfüllt. Er wird auch nicht jünger, und nach einer Weile könnte es ihn umbringen. Nicht alle von uns schlafen mit anderen Frauen, doch die meisten von uns tun es.”

Ach du liebe Güte. Dieses Gespräch ging nicht gerade in eine Richtung, mit der sie sich besonders wohl fühlte. Sie hätte die Frage nicht stellen sollen, wenn sie nicht willens war, sich darin zu vertiefen.

“Aber keine der Frauen hat einen zweiten Gefährten? Dieses Privileg ist Ganel vorbehalten?”

Mial lachte. “Nein, keine. Du denkst, du müsstest uns alle von etwas befreien, das du für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit hältst – ein Mann mit acht Frauen, die für ihn arbeiten müssen, seine Kinder großziehen, alles tun, was er sagt, und uns in seinem Bett abwechseln.”

“Nun, ich…”

“Lass mich dir versichern, dass wir alle dieses Leben freiwillig gewählt haben. Er hat keine Einzige von uns getäuscht hinsichtlich dem, was er von uns erwartet. Für jede Einzelne von uns ist das hier ein viel besseres Leben als das, was uns erwartet hätte, wären wir bei unseren Stämmen geblieben oder das, vor dem wir in manchen Fällen sogar geflohen sind. Ganel ist früher viel gereist und war bei einigen Stämmen zu Gast. Zwei von uns hat er unter beträchtlichem Risiko für ihn selbst befreit, andere suchten ihn auf, und eine von uns wurde von ihrem Vater zu ihm gebracht, der entschied, dass sie dem Stamm Schande gebracht hätte, den Gedanken aber nicht ertragen konnte, sie zu töten.” Sie lächelte. “So sind wir alle hier gelandet. Und deshalb sind wir auch alle dankbar dafür, hiersein zu dürfen. Nur wenige von uns sind in Ganel verliebt, so viel will ich zugeben. Doch wir lieben ihn auf eine andere Weise. Wir schätzen ihn für den Mann, der er ist, für das, was er für uns getan hat, für sein großes Herz. Unsere Kinder sind unser Geschenk an ihn, ebenso wie unsere Bemühungen für das, was er unser gemeinsames Unterfangen nennt und das uns allen den Luxus ermöglicht, den du sonst kaum irgendwo außerhalb der Stadt finden wirst.”

In diesem Augenblick wurden die schweren Vorhänge beiseitegeschoben, und Ganel und Enric traten ein. Eryn war dankbar für ihr Erscheinen und fühlte sich etwas töricht ob der Arroganz, mit der sie diese Frau zu überzeugen versucht hatte, man würde sie kaum besser als eine Dienerin behandeln.

“Ah, welch eine Augenweide”, schmeichelte Ganel, sobald er sie erblickte. “Hattet ihr eine angenehme Wartezeit? Nicht zu angenehm, so will ich hoffen, oder unsere Gesellschaft wäre unwillkommen.”

Mial lächelte. “Ich empfand sie als angenehm. Maltheá ist auf jeden Fall die Tochter ihrer Mutter.”

Eryn war kurz davor zu fragen, weshalb genau man sie auf diese Weise beleidigte, erinnerte sich aber rechtzeitig daran, dass Leute, die Malriel mochten, diesen Vergleich nicht als Beleidigung betrachten würden. Also hob sie nur ihre Augenbrauen und wartete darauf zu hören, was ihre Gesprächspartnerin zu so einem wenig schmeichelhaften Vergleich veranlasst hatte.

“Sie wollte mich überzeugen, dass eine Frau einen einzigen Mann nicht mit so vielen anderen teilen müssen sollte”, lächelte sie, dann ergriff sie Ganels Hand und drückte einen zärtlichen Kuss darauf.

Eryn hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Oder wäre vom Boden verschluckt worden. Beides hätte den Zweck erfüllt. Verlegenheit färbte ihre Wangen rot, und sie setzte dazu an, sich zu erklären.

Doch Ganel warf nur seinen Kopf zurück und lachte mit aufrichtiger Belustigung. “Natürlich! Eine Aren kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie irgendetwas teilen soll – doch ich würde alles, was ich besitze, darauf verwetten, dass sie keinen Einspruch erheben würden, wäre es umgekehrt – wäre ich einer von acht Gefährten einer Frau.”

Eryn wollte widersprechen, schloss aber ihren Mund wieder. Aus irgendeinem Grund, den sie nicht wirklich näher begründen und in Worte fassen konnte, hatte er Recht – irgendwie hätte es einen Unterschied gemacht, wäre es anders herum.

Ganel, der sie beobachtet hatte, tätschelte ihr gönnerhaft das Haupt. “Ich sehe, dass mein Vermögen sicher ist. Dein Gesicht sagt mir alles.”

Eine weitere von Ganels Gefährtinnen steckte ihren Kopf zum Vorhang herein und fragte: “Das Abendessen ist fertig. Wollt ihr hier drin essen oder draußen mit uns allen?”

“Mit euch”, antwortete Eryn rasch. Sie war froh, dass Ganel nicht böse mit ihr war aufgrund dessen, was Mial ihm erzählt hatte, doch ihr war auch nicht danach, sich für den Rest des Abends von ihm aufziehen zu lassen.

*  *  *

Enric ritt voran, als sie den Pass erreichten, der durch das Gebirge führte.

“Errichte einen Schild”, instruierte er seine Gefährtin und tat das Gleiche. “Sieh zu, dass er auch das Packpferd schützt.”

Sie gehorchte und sah sich dann um, ob irgendeine Gefahr in den Schatten des Nachmittags lauerte, die ihn zu dieser Vorsicht veranlasste. Dann erinnerte sie sich, dass er vor langer Zeit einmal einen Vorfall mit Räubern erwähnt hatte, als er und Vran’el durch dieses Gebiet gereist waren.

Enric war froh, dass sich die Hitze von drückend zu gerade einmal unangenehm wandelte. Als die Felsen auf beiden Seiten in die Höhe zu wachsen begannen und ihnen Schatten spendeten, nahm er seine Kopfbedeckung ab und erfreute sich an der Luft in seinem verschwitzten Nacken.

“Wissen wir, wie groß Pirinkar ist?”, fragte Eryn. “Ich glaube nicht, dass ich jemals irgendwo eine Karte des Landes gesehen habe. Haben wir überhaupt eine?”

“Nein zu beidem. Ich könnte mir denken, dass sie es als strategischen Vorteil erachten, den sie nicht an ein Land weitergeben wollen, bei dem sie stets klargestellt haben, dass sie einen gewissen Abstand wünschen. Und jetzt noch weniger. Das ist immerhin das zweite Mal innerhalb von ein paar Jahren, dass sie kurz vor einem Krieg mit den Westlichen Territorien stehen.”

“Aber Pirinkar besitzt Landkarten von den Westlichen Territorien, vermute ich?”

Enric zuckte mit den Schultern. “Davon gehe ich aus.”

“Und vom Königreich?”

“Das ist ebenfalls wahrscheinlich, würde ich sagen. Wir haben niemals ein großes Geheimnis daraus gemacht, und den Herstellern der Landkarten steht es frei, ihre Produkte an jeden zu verkaufen, der willens ist, ihre Preise zu bezahlen.”

Eryn kaute auf ihrer Unterlippe. “Ist das klug?”

“Das wird sich noch zeigen. Sollte das Schlimmste zum Tragen kommen und Takhan fallen, können wir nur hoffen, dass sie es nicht schaffen, die magische Barriere im Meer zu passieren.”

Diese Aussage beunruhigte sie. “Du denkst also, es bestünde eine realistische Chance, dass sie den Orden besiegen könnten? Zumindest gehe ich davon aus, dass der Orden den Westlichen Territorien in ihrer Stunde der Not beistehen würde?”

“Was Letzteres betrifft, so denke ich das auf jeden Fall. Besonders, nachdem der König das Band zwischen den beiden Ländern gerade mit seinem Kommitment mit Del’na’bened gestärkt hat. Was eine Niederlage betrifft… Es ist immer gefährlich, sich seines Sieges allzu gewiss zu sein. Wir wissen so gut wie nichts über sie, nur dass sie Magier verachten und gut mit mechanischen Geräten sind. Wir haben keine Informationen darüber, ob sie eine stehende Armee haben, wie groß sie ist, wie fähig, ob sie irgendeine Methode entdeckt haben, wie man Magier ohne Magie dingfest machen kann und so weiter. Vielleicht überdenken sie sogar ihre Beschränkungen für Magier und lassen sie nicht nur in den Tempeln heilen, sondern schicken sie in den Kampf, falls eine reale Gefahr besteht, dass sie eine Schlacht verlieren. Ich hoffe nur, es gibt keine Priester, die heimlich Kampfkunst trainiert haben. Das wäre in der Schlacht höchst unbequem. Für uns, meine ich.”

Eine Weile setzten sie ihren Weg schweigend fort, Enrics Augen stets auf die Umgebung gerichtet.

Eryn entschied sich, ein weiteres Thema anzusprechen. “Wegen dieser Besessenheit mit vollen Namen… Lam, Etor und Gistor sind ihre Titel, die mit akademischen Erfolgen zusammenhängen. Holm, Reig und Legen sind Familienpositionen. Und dann sind da noch zwei weitere für Priester, die ich aber vergessen habe. Das macht mich zu…” Sie nahm sich einen Moment Zeit, um die Teile zu kombinieren. “Lam Eryn, Reig von Haus Vel’kim.”

Enric lächelte, was Eryn nicht sehen konnte, da sie hinter ihm ritt. “Die Papiere, die die Triarchie für uns vorbereit hat, hast du dir nicht angesehen, oder?”

“Nein. Warum?”

“Darin steht, was man in Pirinkar als unsere vollständigen Namen betrachten wird.” Er wühlte in der ledernen Tasche, die er um seinen Brustkorb geschlungen trug, und zog die besagten Papiere hervor. Er hielt sein Pferd an, bedeutete Eryn so nahe heranzukommen wie der schmale Pfad es gestattete, und streckte seine Hand aus, um ihr die Dokumente zu reichen.

Sie faltete sie auseinander und überflog die erste Seite, bis sie die Namen fand. Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden. Lam, weil er seine Rechtsstudien in Takhan beendet hatte. Reig, weil er Malriels Erbe war. Dahinter seine Funktion. Genau so hätte sie selbst es auch kombiniert.

Sie las den Namen, der auf der nächsten Seite stand, und runzelte die Stirn. Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan.

“Was für ein Unsinn ist das denn? Ist der Titel Gistor nicht dermaßen abgehoben, dass man ihn nicht einmal durch bloße Studien, sondern nur durch irgendeine außergewöhnliche Leistung erlangen kann? Und warum Forscherin und nicht Heilerin?”

“Deine Studien im Bereich des Heilens waren umfangreich genug, um einen höheren Titel als Lam zu rechtfertigen, und deine eindrucksvollen Entdeckungen in verschiedenen Bereichen sollten ausreichen, um dich mit den höchsten Ehren zu versehen. Was deinen Beruf als Heilerin anbelangt – man hat uns gewarnt, die Leute nicht an den Makel unserer Magie zu erinnern. Und genau das würde dein Heilerberuf tun, und zwar jedes Mal, wenn dich jemand grüßt. Außerdem ist es ein bequemer Ausdruck, falls wir erklären müssen, wie du den Titel Gistor verdient hast. Eine Forscherin zu sein bedeutet, dass die Entdeckung neuer Dinge deine Berufung ist.”

“Sie nennen dich Stellvertreter im Orden”, entgegnete sie. “Weshalb soll das nicht ständig an deine Magie erinnern? Der Orden ist eine Organisation für Magier!”

“Doch keine, mit der viele von ihnen vertraut sind. Aus diesem Grund haben sie auch nicht Orden der Magier geschrieben. Wenn jemand fragt, was der Orden ist, kann ich immer noch antworten, dass es sich dabei um eine Institution handelt, die sich der militärischen Verteidigung des Landes verschrieben hat. Alles in allem wäre das keine Lüge. Und es würde sie daran erinnern, dass wir nicht ganz so nachlässig waren wie unsere Freunde in den Westlichen Territorien, wenn es darum geht, unsere Kampffertigkeiten zu trainieren.”

Eryn faltete die Papiere wieder und reichte sie Enric zurück. “Ich glaube noch immer, dass es anmaßend ist, wenn ich einfach davon ausgehe, dass ihr höchster Titel angemessen für mich ist.”

Er steckte die Dokumente zurück in seine Tasche und ritt weiter.

“Du bist nicht diejenige, die davon ausgeht, Liebste”, meinte er über seine Schulter. “Sondern die Triarchie. Das bedeutet, dass es nur zu Verwirrungen führen würde, wenn du versuchst bescheiden zu wirken und dich stattdessen Lam oder Etor nennst. So steht es immerhin nicht auf den Papieren. Und du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass man Regeln dort unterwürfigst folgt. Wenn deine Papiere nicht zu dem passen, wer du zu sein behauptest, mag es sein, dass sie dich nicht einmal nach Kar hineinlassen.”

“Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan”, murmelte sie mehrmals, um den Namen in ihrem Gedächtnis zu verankern. “Was ist mit uns beiden? Werden wir uns gegenseitig mit unseren vollen Namen ansprechen, wenn uns jemand hören kann, oder darf es etwas zwangloser sein, da wir miteinander verbunden sind?”

“Wir können uns der Kurzformen unserer Namen bedienen.”

“Wird das in meinem Fall Maltheá oder Eryn sein? Können wir von ihnen verlangen, dass sie das akzeptieren oder werden sie mich aus ihrer Stadt werfen, wenn ich sie zu sehr verwirre?”

“Zwischen uns beiden ist Eryn in Ordnung, würde ich meinen. Wir können immer noch behaupten, es wäre eine Art liebevoller Kosename, den ich für dich habe.”

Sie nickte, zufrieden mit dieser Lösung. Ohne ihren Sohn an einem fremden und womöglich feindseligen Ort verweilen zu müssen war schlimm genug, aber sich von Enric mit dem Namen ansprechen lassen zu müssen, der ihr verhasst war, weil er sie zu sehr an Malriel erinnerte, wäre zu viel.

“Wir werden ihnen erklären müssen, weshalb deine Gefährtin der Frau, die alle für deine Mutter halten, dermaßen ähnlich sieht”, erinnerte sie ihn. “Wir könnten ihnen erklären, dass wir Geschwister sind. Was rechtlich gesprochen nicht einmal so weit von der Wahrheit entfernt wäre.”

Enrics Schultern hoben und senkten sich mit einem Seufzen. “Wir versuchen sie dazu zu bringen, dass sie mit uns zusammenarbeiten, anstatt uns noch mehr abzulehnen. Es ist schon schlimm genug, dass wir Magier sind – wir können ihnen nicht den Eindruck vermitteln, wir kämen von einem Ort, wo es Bruder und Schwester gestattet ist – oder sie sogar dazu ermutigt werden – sich fortzupflanzen.”

“Ich war deine Gefährtin, bevor ich deine Schwester wurde”, grinste sie, wissend, dass er es nicht leiden konnte, wenn sie sich als seine Schwester bezeichnete.

“Bleiben wir einfach bei der Wahrheit, in Ordnung? Das ist in diesem Fall das geringere Übel. Und da viele von ihnen Malriel noch immer misstrauen, mag es dir ihren guten Willen einbringen, dass du ihre Familie offiziell verlassen hast. Eure Ähnlichkeit macht es schlussendlich unmöglich, jedwede Verbindung zwischen euch abzustreiten.”

“Weißt du, wenn diese Leute mich lieber mögen, weil ich mich von Malriel gelöst habe, dann können sie eigentlich so schlimm nicht sein.”

“Gewiss nicht alle von ihnen. Aber lass uns nicht vergessen, dass sich ein paar davon immer noch als Kriegstreiber versuchen.”

Eryn rümpfte die Nase. “Ach ja, da war diese Kleinigkeit.”

*  *  *

Auf dem Weg die Schotterstraße entlang knurrte Eryns Magen. Sie wusste, dass es nur mehr eine Frage von ein paar Stunden war, bis sie die Stadt Kar erreichten, doch in diesem Moment erschien ihr der Gedanke daran, noch dermaßen lange auf eine Mahlzeit warten zu müssen, beinahe unerträglich. Die Alternative war jedoch auch nicht besonders attraktiv.

Wüstenbewohner wussten, wie man Verpflegung für längere Reisen haltbar machte, und Haltbarkeit war in der Tat die hervorstechendste Eigenschaft. Ganz eindeutig war sie nicht dafür gedacht, kulinarische Befriedigung zu schaffen, sondern den Reisenden lediglich am Leben zu erhalten, bis er einen Ort erreichte, an dem ordentliches Essen verfügbar war.

Bislang hatten sie dreimal ihr Lager aufgeschlagen, doch da Eryn alles verweigerte, was Enric erjagte, ersparte er sich den dafür erforderlichen Aufwand. Stattdessen hatten sie versucht, die getrocknete Nahrung über dem Feuer zu rösten, um den Geschmack zu verbessern. Es hatte nicht funktioniert.

Die Landschaft war wahrscheinlich das Hauptproblem, sinnierte Eryn. Sie bot nicht ausreichend Abwechslung oder exotische Fremdartigkeit, um sie von ihrem Hunger abzulenken. In der Wüste war sie bestrebt gewesen, jede Körperstelle zu bedecken und ihr Innenleben ausreichend mit Wasser zu versorgen, ohne aber ihren Wasservorrat zu rasch zu verbrauchen. In den Bergen hatte sie sorgsam darauf geachtet, weder ihr Reittier, noch das Packpferd gegen eine harte Oberfläche stoßen oder ausrutschen zu lassen. Zusätzlich dazu hatte sie ihre Augen nach Banditen offengehalten. All das war nach der Wüste eine willkommene Abwechslung gewesen. Es war kühler, die Sonne schmerzte weniger in den Augen, alles war weniger sandig und monoton. Nachdem sie das Gebirge überquert und die Ausläufer erreicht hatten, fanden sie sich beinahe von einer Minute zur nächsten in einem opulenten Urwald wieder, der ein solch absurder Kontrast zu dem war, was auf der anderen Seite lag, dass Eryn dies alles zuerst einfach nur sprachlos angestarrt hatte. Vran’el hatte ihr vor einiger Zeit davon erzählt, doch sie hatte es lediglich seiner Neigung zur Übertreibung zugeschrieben.

Nach der Überwindung ihres Schocks hatte sie voller Entzücken festgestellt, dass die Insekten, die die Schlafkrankheit übertrugen, von hier kommen mussten. Aufmerksam hatte sie die Augen offengehalten, enttäuscht, als sie keines entdeckt hatte, das den Bildern und der Beschreibung in dem Buch entsprachen, das Enric ihr vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Sie hatte das Enric gegenüber erwähnt, doch er hatte nur gelächelt und seine Erleichterung zum Ausdruck gebracht.

Es dauerte nur ein paar Stunden, um durch diese grünen aber dunstigen Gefilde mit Bäumen, die höher wuchsen als alle, die Eryn bisher gesehen hatte, zu reiten. Die Luft war mit so viel Wasser geschwängert, dass ihre Kleider bereits nach ein paar Minuten an ihren Körpern klebten. Es war eine andere Hitze als die, die sie von der Wüste her kannte. Als würde die Luft das Wasser aus ihren Poren saugen und sie damit rascher ermüden als es die trockene, gnadenlose Hitze in den Westlichen Territorien vermochte.

Enric, stets bereit und willig, diejenigen weiterzubilden, die weniger gut informiert waren als er selbst, erklärte ihr, wie die Berge die Wolken am Durchkommen hinderten und sie damit zwangen, all ihre Feuchtigkeit regelmäßig auf dieser Seite des Gebirges abzugeben.

Eryn sah bald, dass dieses überbordend üppige Wachstum lediglich auf ein vergleichsweise kleines Gebiet beschränkt war. Je weiter sie die Berge hinter sich zurückließen, desto mehr wandelte sich die Landschaft zu dem, was sie vom Königreich her kannte. Die Ränder der Wälder, an denen sie vorbeikamen, bestanden sogar aus den gleichen Baumarten, die Eryn von zuhause bekannt waren, und es gab weitläufige Wiesen, wo sie einige der Kräuter wiedererkannte.

Sie folgten der leichten Steigung auf einen Hügel, und Eryn erstarrte, als plötzlich die Stadt Kar vor ihr erschien, angeschmiegt an den Rand eines riesigen Sees, der eine Biegung machte als wollte er die Masse an farbenfrohen Häusern sanft umarmen und Schutz vor jeglichen destruktiven Elementen versprechen, die sich nähern mochten.

Enric lächelte über ihr Erstaunen. “Ein beachtlicher Anblick, nicht wahr?”

“Es ist so… farbenfroh. Das ist seltsam. Das ist überhaupt nicht das, was ich von einem Ort erwartet habe, der mir als nüchtern und in seinem blinden Regelgehorsam irgendwie trostlos beschrieben wurde.” Sie sah noch einmal hin. Genau wie in Takhan gab es keine Stadtmauer. Hielten sie den See wirklich für eine unüberwindbare Barriere für Eindringlinge? Dass sie in der Lage wären, auf Boote zu schießen – und zu treffen – die sich mitten in der Nacht über den See wagen mochten? Oder waren sie dermaßen zuversichtlich, dass es kein Feind weit genug schaffen würde, um ihre Stadt tatsächlich anzugreifen? Entweder verbargen sie eine mächtige Waffe in ihrer Stadt, oder sie setzten dermaßen großes Vertrauen in ihre Fähigkeiten, dass es schon an Vermessenheit grenzte.

“Ein Ort voller Kontraste”, nickte Enric. “Übrigens, ein wenig weiter vorn an der Kurve bei diesem breiten Baum bin ich damals vom Pferd gefallen, als du Vedric zur Welt gebracht hast.”

Sie lächelte, ohne auch nur eine Spur an Mitgefühl zu zeigen. “Nun, ich kann nur sagen, dass das hier jedenfalls ein wesentlich angenehmerer Ort war als das Zimmer in der Klinik, in das sie mich gesteckt haben.”

“Lass mich dir sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt kaum die Nerven hatte, die Landschaft zu bewundern”, erwiderte er etwas übellaunig, weil sein Leiden verharmlost wurde.

“Lustig, ich war mir meiner Umgebung damals sehr bewusst. Ich erinnere mich an die Bilder, die sie an der Wand hatten. Noch immer haben, sollte ich wohl sagen. Fröhliche kleine Skizzen von Kindern, die in den Straßen spielen und so etwas in der Art. Szenen, die zweifellos dazu gedacht waren, die armen, leidenden Mütter daran zu erinnern, warum sie sich das alles antaten. Bei mir hat das allerdings nicht funktioniert. Wäre ich in der Lage gewesen aufzustehen, hätte ich sie von den Wänden gerissen und zertrümmert.”

Er lachte. “Du bist wohl die einzige Frau, die ich kenne, die aggressiv wird, wenn man sie Dingen aussetzt, die im Allgemeinen als beruhigender Einfluss verstanden werden.”

Ihre Aufmerksamkeit kehrte zurück zu der Stadt vor ihnen, und sie staunte, wie das Wasser rundherum sie wie einen mehrfarbigen Edelstein in einer glänzenden, blauen Fassung erschienen ließ.

“Weißt du”, sinnierte Eryn, besänftigt durch den prächtigen Anblick, “jetzt, wo ich den Ort tatsächlich sehe, erscheint es mir nicht mehr so entsetzlich, dorthin zu gehen. Jetzt gerade habe ich das Gefühl, als gäbe es keine Herausforderung, die wir hier nicht meistern könnten.”

Enric erwiderte nichts darauf. Ihm war nicht ganz so zuversichtlich zumute.

Sie setzten ihren Weg fort, dann griff er nach ihren Zügeln, um ihr Pferd anzuhalten, als ihm ein plötzlicher Gedanke kam.

“Du hast gelernt, wie man Schilde errichtet und sie an die Lebenskraft einer Person bindet, nicht wahr? Genau wie der Schild, den Ved’al in deinem Inneren platziert hat, als du ein junges Mädchen warst? Nachdem er dich vor dieser Vergewaltigung bewahrt hat?”

Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. “Ja, das habe ich. Es war keine Fertigkeit, die ich für das Zertifikat in Takhan brauchte, aber Valrad hat mir vor ein paar Jahren gezeigt, wie es funktioniert. Bedeutet das, du möchtest, dass ich wieder so einen Schild in mir errichte? Bevor wir Kar betreten?”

“Mir wäre wohler, wenn du das tätest, ja.”

Kurz zog Eryn eine Diskussion in Betracht, entschied sich aber dagegen. Es war eine Kleinigkeit ohne irgendwelche unerwünschten Nebenwirkungen, die ihn beruhigen würde. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich darauf, einen Schild um ihre Fortpflanzungsorgane zu errichten, erweiterte ihn bis er den Zutritt sperrte wo Enric darauf beharrte, dass außer ihm niemand hindurfte. Das war der einfache Teil. Nun, einfach für jemanden, der sich mit den genauen Eigenschaften wie Durchlässigkeit und Stärke auskannte, die für einen Schild an diesem exakten Fleck und zu diesem Zweck erforderlich waren. Hier ging es nicht nur darum, eine Barriere zu errichten, die alles aufhielt, was aus irgendeiner Richtung auf sie zukam. Es gab Flüssigkeiten, die in unterschiedliche Richtungen durchfließen mussten. Und Enric musste weiterhin hindurch können.

Der zweite Teil bestand darin, die Barriere zweifach zu verknüpfen. Einerseits bedurfte es einer Energiequelle, die sich nicht einfach durch einen goldenen Gürtel oder Handschellen unterbrechen ließ, sondern die den Schild weiterhin versorgte, ganz egal, was auf der Außenseite geschah. Diese Energiequelle war nicht von der starken, bewusst eingesetzten Magie abhängig, sondern der tieferliegenden, die in jedem Tropfen Blut und jedem winzigen Stück Gewebe in ihrem Körper eingebettet war. Dieser beinahe nicht spürbare weil so niedrige Level an Magie würde erst dann aufhören zu existieren, wenn der Körper, dem sie innewohnte, verstarb.

Die zweite Verbindung war die zu ihren Gefühlen. Die waren der Auslöser dafür, wie durchdringbar der Schild war. Außer Lust gab es noch eine Reihe an positiven Gefühlen, die die Barriere deaktivieren und damit den Zutritt ermöglichten. Jedes Gefühl von Bedrohung, Ekel, Angst, Misstrauen oder Ärger von ihrer Seite würde sie jedoch unpassierbar und damit jeden Geschlechtsverkehr mit ihr unmöglich machen. Außerdem würde der Angreifer unerträgliche Schmerzen in seinen Genitalien erleiden, die ihn sehr wahrscheinlich davon abhalten würden, so etwas in absehbarer Zeit noch einmal zu versuchen.

Nachdem beide Verbindungen sachgemäß etabliert waren, öffnete sie die Augen wieder. “Erledigt.”

“Danke”, lächelte er und ergriff ihre Hand, um sie zu küssen. “Das ist mir wichtig. Ich schätze es auch, dass du das für mich tust, obwohl ich sehen kann, dass du es nicht für nötig befindest.”

“Wenn es nichts weiter als das braucht, um dir zumindest ein wenig Sorge zu ersparen, dann komme ich diesem Wunsch gerne nach.”

Erneut nahmen sie den letzten Teil ihrer Reise in Angriff.

“Vedric wäre begeistert gewesen von den farbenfrohen Häusern”, murmelte Enric. “Und von dem See. So etwas hat er noch nie gesehen.”

“Das musstest du jetzt unbedingt sagen, was?”, seufzte sie und verspürte einen Stich von Traurigkeit, obwohl ein kleiner Teil von ihr dankbar war, dass sie nicht die Einzige war, die ihren Sohn vermisste.

Er zuckte mit den Schultern, dann runzelte er die Stirn. “Wir sollten eine rasche Pause einlegen und etwas essen. Entweder bin ich wirklich hungrig, oder das Geistesband sagt mir, dass du es bist. Jedenfalls habe ich nicht vor, mit einem knurrenden Magen in der Stadt einzutreffen, egal, wessen Magen es ist.”

“Großartig”, brummte Eryn ohne jede Begeisterung, “noch mehr gepresste Hobelspäne.”

“Das ist jetzt aber nicht fair”, grinste er. “Woher willst du wissen, wie Hobelspäne schmecken? Ich gehe davon aus, dass du noch nie welche probiert hast.”

“Ich habe ein recht gutes Vorstellungsvermögen”, knurrte sie voller Unmut darüber, dass er ihren aus ihrer Sicht angemessenen Vergleich in Frage stellte.

“Gut. Dann kannst du einfach deine Augen schließen und dir vorstellen, es wäre etwas Wohlschmeckendes anstatt dich zu beklagen.” Er ließ unerwähnt, dass seine Erinnerung an die Küche in Pirinkar nicht gerade angenehm war. Wenn er ihre Hoffnung zerstörte, dass in der Stadt erheblich höherwertige Speisen auf sie warteten, würde sie das nur noch mehr deprimieren.

Kapitel 2

Kar

Enric brachte sein Pferd zum Stehen und stieg bedächtig und kontrolliert ab. Er wusste, dass die Stadtwachen, die auf der Brücke standen um ihnen den Zutritt in ihre Hauptstadt zu verwehren, ihn nicht einfach so angreifen würden, solange er sie nicht provozierte. Konnte er jedoch keine Dokumente vorweisen, die bestätigten, dass ihm die Erlaubnis zum Betreten der Stadt erteilt worden war und er sich weigerte sich zurückzuziehen, dann würden sie das allerdings sehr wohl tun.

Dennoch, es empfahl sich stets respektvolle Bedachtsamkeit, wenn man sich einer überlegenen Anzahl an potentiellen Angreifern gegenübersah. Obwohl diese sehr wahrscheinlich keinerlei Chance hatten gegen Eryn und ihn selbst zu bestehen, wenn es hart auf hart kam, so war es niemals klug, andere zu unterschätzen. Die fünf Männer in blauen und grauen Uniformen mit metallenen Helmen und Brustpanzern hielten ihre Waffen auf eine Art, die nicht wirklich bedrohlich wirkte, der aber das Versprechen innewohnte, dass sich das von einem Moment auf den nächsten ändern konnte.

“Ein Stock mit einem Stachel darauf”, flüsterte Eryn. Für sie mutete das nach einer seltsamen Kreuzung aus einem landwirtschaftlichen Werkzeug und einer Waffe an. Ihre Kompetenz im Kampf, die der Orden ihr entgegen ihren Wünschen vermittelt hatte, lenkte ihre Aufmerksamkeit – beinahe unbewusst – auf die Waffen.

In einer Hand hielt jeder von ihnen einen langen, hölzernen Stock, der einen erwachsenen Mann überragte und an dessen Ende ein spitzes, unregelmäßig geformtes Metallstück befestigt war. Keine elegante Waffe, auch keine, die für den Kampf gedacht war. Ihr Zweck bestand eher darin, Leute auf Distanz zu halten und den langen Griff als Barriere zu nutzen, um den Zutritt zu verwehren. Was nicht bedeutete, dass der Stachel an der Spitze nicht beträchtlichen Schaden anrichten konnte. Allerdings wohl kaum bei einem ausgebildeten und mit einem Schwert bewaffneten Kämpfer.

Doch eine eingehendere Untersuchung ihrer Uniformen zeigte ihr, dass dies ebenfalls zur Ausstattung gehörte. Ebenso wie ein Messer in Scheiden an ihren Gürteln. Sie wirkten gut vorbereitet auf körperliche Auseinandersetzungen, ganz egal, ob ihre Gegner lediglich auf Abstand, mit dem Schwert auf mittlere Distanz in Schach gehalten, oder aus der Nähe mit dem Messer verletzt werden mussten. Wenn man davon ausging, dass die Wachen darin ausgebildet waren, mit all den Waffen auch umgehen zu können, die sie bei sich trugen, so empfahl es sich wohl, sie nicht leichtfertig herauszufordern.

Dennoch bezweifelte Eryn, dass die Männer für sie selbst und Enric eine besondere Bedrohung darstellten. Zumindest solange sie und ihr Gefährte Magie zur Verfügung hatten, die Wachen jedoch nicht. Nach dem zu urteilen, was sie über Pirinkar gelesen und gehört hatte, würde man Männer mit magischen Fähigkeiten nicht zu Wachen ausbilden, sondern sie den Tempeln übergeben, wo Heilen der einzige Beruf war, zu dem sie Zugang hatten. Ähnlich wie alle Magier in Anyueel gezwungen waren, dem Orden beizutreten, obgleich dies als Privileg und keineswegs als Strafe betrachtet wurde.

Eine seltsame Vorstellung, dass das, was sie ihr Leben lang getan hatte, was sie trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten immer weiter verfolgt hatte, in diesem Land ein Brandmal darstellte. Es bedeutete, dass man auf eine bestimmte Weise geboren wurde. Die gleiche Weise, auf die auch sie zur Welt gekommen war.

Enric hatte in der Zwischenzeit ihre Papiere aus einem flachen Beutel im Inneren seiner Tunika hervorgezogen und übergab sie dem Mann, dessen Auftreten und eine Spur aufwändiger verzierte Uniform nahelegten, dass er einen höheren Rang bekleidete. Der Mann nahm die Papiere ohne irgendein Anzeichen von höflichem Interesse oder Freundlichkeit entgegen, dann trat er beiseite und gab damit den Blick frei auf eine adrette Frau in ihren mittleren Vierzigern. Ihr Gebaren war nicht wesentlich freundlicher als das der Wachen, doch ihr Blick wurde eine Spur weicher, als er auf Enric fiel. Genau wie bei ihrer ersten Begegnung vor einigen Jahren war ihr hellbraunes Haar im Nacken zu einem festen Knoten gebunden, und ihre Kleidung war nüchtern und förmlich. Ein paar zusätzliche graue Strähnen zeigten sich.

“Lam Ceiga, Reig der Moraugns, Ministerin für Äußere Angelegenheiten”, begrüßte er sie mit einem Lächeln. “Es ist ein Vergnügen, dich wiederzusehen. Es scheint, dass in Kar einzutreffen für mich für immer mit deinem Gesicht verbunden sein wird.”

Ein Mundwinkel der Frau zuckte kurz, als unterdrückte sie einen Anflug von Belustigung, während sie die Papiere in Empfang nahm, die der Wachmann ihr überreichte. Oder womöglich war sie lediglich erfreut darüber, dass er sich noch an ihren vollen Namen erinnerte, wollte es aber nicht zeigen.

Nachdem sie die erste Seite überflogen hatte, blickte sie mit einer beinahe unmerklich hochgezogenen Braue zu Enric auf.

“Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden. Lam. Du hast dich seit deinem letzten Aufenthalt hier also gebildet”, bemerkte sie ohne jedwede Begrüßung.

“Das habe ich. Ich habe Recht studiert”, erwiderte Enric freundlich.

Lam Ceiga kehrte zu den Dokumenten in ihrer Hand zurück. Nach einigen Sekunden blätterte sie zur zweiten Seite mit Eryns Details. Als sich sämtliche Informationen als deckungsgleich mit den Papieren, die sie vorab erhalten hatte, erwiesen, suchten und fanden ihre Augen die zweite Besucherin.

Enric beobachtete, wie sich ihre Augen vor Schock leicht weiteten, nachdem sie Eryns genauer in Augenschein genommen hatte. Ihre Augen sprangen zurück zu den Papieren in ihrer Hand, als wollte sie den Namen darauf noch einmal überprüfen.

“Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan?”, fragte sie dann, wie um sicherzugehen, dass trotz dieser unglaublichen Ähnlichkeit kein Fehler in ihren Schriftstücken vorlag.

“Ja, das wäre ich”, nickte Eryn, schwang sich von ihrem Pferd und trat neben ihren Gefährten. Sie unterdrückte ein Schaudern darüber, wie seltsam ihre Muttersprache aus dem Mund dieser Frau klang. Die Menschen in den Westlichen Territorien klangen ebenfalls anders als jene in Anyueel, doch ihre Aussprache war melodischer. Die Leute im Norden verzerrten sie mit den für die hiesige Sprache so typischen harten Lautäußerungen.

“Und ja, ich sehe Malriel von Haus Aren auf frappierende Weise ähnlich, was niemanden so sehr verstört wie mich selbst”, fügte sie hinzu, als Lam Ceiga sie weiterhin anstarrte.

Das veranlasste die andere Frau, sich zu räuspern und wieder am Riemen zu reißen.

“Vergib mir, Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan. Deine Papiere sind augenscheinlich in Ordnung.” Mit einer Handbewegung wies sie die Wachen an beiseite zu treten und den beiden, die nun offiziell Gäste anstatt Eindringlinge waren, Zutritt zu gewähren. Zumindest vorläufig.

Eryn und Enric folgten ihr in die Stadt, während sie ihre Pferde mit sich führten. Entweder hielt man es hier nicht für nötig, erschöpften Reisenden die Pferde abzunehmen, oder man wollte ihnen demonstrieren, dass sie alles andere als willkommen waren. Eryn kämpfte gegen ein leichtes Gefühl der Enttäuschung an, dass nicht Erbál derjenige war, der sie in Kar empfangen hatte. Ein ehrliches Lächeln wäre wesentlich ansprechender gewesen als das kühle Benehmen dieser Frau.

“Eure Pässe, damit ihr euch in der Stadt bewegen könnt, wurden bereits ausgestellt”, erklärte Lam Ceiga ohne sich umzudrehen, während sie flotten Schrittes vor ihnen hermarschierte. “Lam Erbál, Legen der Ferals, Botschafter in Kar, bestand darauf, euch diese Bürokratie bei eurer Ankunft zu ersparen und hat es auf sich genommen, alles selbst zu erledigen. Die Dokumente befinden sich zurzeit in seinem Gewahrsam.”

Eryns Aufmerksamkeit wanderte von ihrer Führerin zu ihrer Umgebung. Die Straßen bestanden aus großen, flachen, quadratischen Pflastersteinen, die ihr Muster veränderten, sobald kleinere Straßen und Gassen von dem abzweigten, was eindeutig die Hauptstraße sein musste. Sie war überrascht, wie sauber die Straßen wirkten, obwohl ihr Enric vor einigen Jahren davon berichtet hatte.

Und dann die Gebäude. Die meisten davon waren auf eine kuriose Weise konstruiert. Unten befand sich ein Steinfundament etwa so hoch wie sie selbst. Darüber befand sich eine seltsam geometrisch anmutende Anordnung von Holzbalken, deren Zwischenräume mit irgendeinem anderen Baumaterial aufgefüllt und dann mit einer Farbe im Spektrum von weiß bis dunkleren Erdfarben gestrichen waren. Sie ragten zwei bis vier Stockwerke empor.

Ganz so, als wollten sie dem seltsam korrekten und geordneten Gefühl dieses Ortes mit den ordentlichen Häusern und düster gekleideten Menschen entgegenwirken, hatten die meisten Fenster außen so etwas wie Kisten befestigt, aus denen eine Auswahl an Pflanzen mit hell leuchtenden Blüten wuchsen. Keine Kochkräuter oder Medizin; soweit Eryn das sehen konnte, dienten die Pflanzen rein dekorativen Zwecken.

Die äußere Erscheinung der Menschen erschien ebenfalls seltsam eintönig, als sie deren Kleidung studierte. Nicht jedoch ihre Haut- und Haarfarben. Eryn staunte über diese Vielfalt, die sich so unglaublich von den beiden Ländern unterschied, die sie kannte und in denen sie lebte. In Anyueel waren die Straßen von blonden Menschen dominiert, wenngleich sich dies in den kommenden Jahren ändern würde. Mit der Rückkehr der Magie in Frauen kehrten auch dunklere Haarfarben zurück. Und in den Westlichen Territorien waren die Leute dunkelhaarig und gebräunt von der unablässigen Wüstensonne.

Weder Enric mit seinem hellen Haar und seiner vergleichsweise blassen Haut, noch Eryn mit ihrem dunklen Haar und der nur leicht dunkleren Haut wirkten hier fehl am Platz. Sie war erleichtert, dass ihnen hier niemand besondere Aufmerksamkeit zu widmen schien. Enric hatte dafür gesorgt, dass sie Kleidung einpackten, die sie an einem Ort, wo Blumen das Einzige zu sein schienen, wo helle Farben gewünscht oder zumindest toleriert wurden, nicht hervorstechen würden.

“Komm weiter”, instruierte Enric sie leise. “Du kannst dich später umsehen, sobald wir untergebracht sind. Wenn wir sie verlieren, werden wir uns Ärger einhandeln ohne die Pässe, die uns gewisse Freiheiten dahingehend gewähren, dass wir uns unbeobachtet bewegen können. Oder so unbeobachtet, wie wir hier jemals sein werden.”

Eryn nickte und beschleunigte ihren Schritt ein wenig. Er hatte Recht. Lam Ceiga schien es nicht groß zu kümmern, ob man ihr folgen konnte oder nicht, und sie würde sich wohl nicht einmal die Umstände machen, nach ihren Gästen zu suchen, falls sie sich verirrten.

Einige Minuten später erreichten sie ein Gebäude, drei Stockwerke hoch, das zur Gänze aus hellbraunem Stein bestand. Es wirkte auf seltsame Weise elegant und wohlhabend.

Es gab drei unterschiedliche Fenstergrößen, obwohl alle davon unten eckig waren und sich nach oben zu einem Bogen krümmten, wie kleine Stadttore. Das Haus war asymmetrisch – eine Hälfte der Fassade stand weiter hervor als die andere. Etwas, das wie ein halber Zylinder aussah und sich nach oben über die Höhe eines Stockwerks entlang der Außenmauer erstreckte, ragte hervor. Es schien, als hätte jemand nachträglich entschieden, den im Inneren verfügbaren Platz zu erweitern, indem man dem Stockwerk noch einen Teil hinzufügte. Das seltsame Element war mit aufwändigen Steinschnitzereien und Säulen dekoriert, die die gleiche Art von halb-eckigen, halb-runden Fenstern umrahmte, die man auch rundherum fand.

Lam Ceiga gewährte ihnen nicht viel Zeit, um ihren Bestimmungsort zu betrachten, sondern klopfte an die ausladend verzierte Holztür mit ihrem Mittelstück aus zu blumigen Elementen geschmiedetem Eisen, umrahmt mit teilweise vergoldeten und teilweise unbemalten Holzschnitzereien.

Das hier war offensichtlich ein gehobener Stadtteil mit wohlhabenderen Einwohnern, vermutete Eryn. Zumindest sofern sie das beurteilen konnte, wenn sie die Gebäude in dieser Gegend mit denen verglich, die sie beim Betreten der Stadt erblickt hatte. Und Erbál war wichtig genug, damit man ihm solch eine Unterkunft gewährte. Gut. Das würde sich für ihre Mission hier zweifelsohne als nützlich erweisen. Daraus ließ sich ableiten, dass er die Art von einflussreichen Kontakten pflegte, die hinsichtlich ihrer Umgebung an einen gewissen Luxus gewöhnt waren.

Die Tür wurde geöffnet, und Eryn musste zweimal hinsehen um sicherzugehen, dass dies wahrhaftig ihr Freund Erbál war, der vor ihr stand. Was hatte man ihm bloß angetan? Er sah genau wie einer von ihnen aus!

*  *  *

Sie folgten dem Botschafter eine Treppe mit einem umständlich verzierten Handlauf auf einer Seite hinauf.

Enric sah, wie Eryn Erbál’s Rücken anstarrte, noch immer fassungslos über sein massiv verändertes Aussehen. Er konnte ihre Bestürzung nachvollziehen, teilte sie sogar bis zu einem gewissen Grad, obwohl er wusste, dass es für einen Diplomaten nur logisch und empfehlenswert war, sich soweit an sein Gastland anzupassen, dass er nicht auffiel. Der Gedanke dahinter war, dass sich die Leute um ihn herum wohler fühlten. Und damit weniger vorsichtig waren.

Er hatte Erbál schon zuvor in weniger aufwändigen Gewändern gesehen, als diese an seinem Geburtsort üblich waren. Bereits vor einigen Jahren hatte er sich an die lokalen Gegebenheiten in Anyueel angepasst, doch das Gleiche auch hier zu tun erforderte offensichtlich, dass er sich noch ein wenig mehr zurücknahm. Sein Haar war in seinem Nacken zusammengebunden und zusätzlich dazu noch – anscheinend mit einer Art Öl – nach hinten gestrichen. So sah es glatt aus, jede einzelne dunkle Strähne, die sonst entweichen hätte können, gezähmt. Seine Beine steckten in engen Hosen, die die Konturen seiner Oberschenkel und Waden umrissen. Es war wohl lediglich der Länge des Hemds und seiner Jacke zu verdanken, dass der gesamte Aufzug nicht mehr preisgab als man als sittlich erachten mochte. Sowohl vorne als auch hinten.

Und selbstverständlich war jedes einzelne Kleidungsstück an ihm in der Farbpalette gehalten, die man tagsüber für Menschen angesehenen – oder auch jeden anderen – Ranges für angemessen hielt: schwarz, braun und weiß.

Sie erreichten den ersten Stock, wo sie ein Raum so überladen mit krausen Schnitzereien auf Möbelstücken, hell gemusterten Stoffen und einer schier unmöglichen Anzahl an zerbrechlich wirkenden Ornamenten auf fast jeder Oberfläche erwartete. Es war, als würde sich das Innere des Hauses nach Kräften bemühen, das düstere Gebaren der Einheimischen auszugleichen.

Eryn, die gerade etwas sagen wollte, sehr wahrscheinlich etwas Abfälliges über Erbáls Erscheinungsbild, stand mit offenem Mund da. Ihre Augen huschten von einem Fleck zum nächsten, als wären sie unschlüssig, was sie zuerst betrachten sollten.

Enric schluckte und trat unfreiwillig einen Schritt zurück, sodass er beinahe auf der obersten Stufe ausrutschte. Sein Geist suchte verzweifelt nach einem ruhigen, schnörkellosen Fleck, der seinen Augen einen Moment lang Ruhe gewähren würde, ohne sie mit dieser Lawine an Farben, Mustern und Formen zu quälen.

“Es ist schon ein Angriff auf die Sinne, wenn man es nicht gewohnt ist”, meinte der Botschafter mit einem entschuldigenden Lächeln. Er trat auf Eryn zu, um sie mit einer Umarmung so zu begrüßen, wie es außerhalb der Ungestörtheit seines Domizils unerwünscht gewesen wäre.

“Auf jeden Fall”, pflichtete Eryn bei und erwiderte die Umarmung fest.

Einige Sekunden später gab Erbál sie frei und nahm stattdessen ihre Hände in seine. Er drückte sie liebevoll und atmete aus. “Ich bin so froh, dass ihr hier seid.” Dann begrüßte er Enric in einer eher formellen Weise bevor er vorschlug: “Ich werde euch das Haus zeigen und euch dann eine halbe Stunde Zeit geben, um euch einzurichten. Dann möchte ich gerne einen Spaziergang mit euch unternehmen.”

“Einen Spaziergang?”, fragte Eryn ohne große Begeisterung nach. Herumzulaufen war irgendwie ein wesentlich unattraktiverer Gedanke, als sich nach der langen Reise einfach zurückzulehnen und ein Glas mit etwas Schmackhaftem zu genießen. Als sie Enric müde nicken sah, war ihr klar, dass er ihre Empfindung teilte. Die Tatsache, dass er keinen Einspruch erhob, hatte nichts mit bloßer Höflichkeit zu tun, wie sie wusste. Es musste bedeuten, dass Erbál einen guten Grund haben musste, um auf diesem Spaziergang zu bestehen.

“Du mit deiner schlichten Erscheinung bildest einen beachtlichen Kontrast zu dieser… reichlichen Fülle hier drin”, kommentierte Eryn. “Mir gefällt nicht, was du mit deinen Haaren gemacht hast.” Sie berührte ihre eigenen. “Von uns wird nicht erwartet, dass wir das auch tun, hoffe ich?” Kurz berührte sie seinen Kopf und verzog das Gesicht über ihre sodann schmierigen Finger.

“Nein, das wird nicht erforderlich sein. Besonders nicht für Frauen”, versicherte ihr Erbál. “Und selbst wenn du dein Haar glätten wolltest, so haben Magier dafür bequemere Methoden zur Verfügung, bei denen sie auf keinerlei Substanzen zurückzugreifen brauchen.”

“Ist das der übliche Stil eines Hauptraumes in Pirinkar?”, erkundigte sich Enric. “Das ist weit von dem entfernt, was ich hier vor einigen Jahren gesehen habe. Allerdings ist dein Wohnsitz auch wesentlich hochwertiger als der Ort, an dem Vran’el und ich untergebracht waren. Wir wurden damals nicht gerade wie willkommene Gäste, sondern wie Eindringlinge behandelt.” Behutsam berührte er eine blasse Porzellanfigur eines tanzenden jungen Mädchens, neugierig, wie glatt und kühl sie sich unter seinen Fingern anfühlen würde.

“In eher… reich begüterten Kreisen ist das der übliche Stil, ja. Hier geht es vor allem darum, deinen Ort der Ungestörtheit, dein Heim, auf eine Weise zu formen, die du selbst ansprechend findest, mit der du aber auch Gäste mit deinem exquisiten Geschmack – und natürlich deinem Reichtum – beeindrucken kannst. Da es hier nicht wirklich Orte wie Musik- und Teehäuser gibt, wie wir sie in Takhan haben, erfüllen sie ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten vorwiegend in ihrem Zuhause. Pirinkar ist in dieser Hinsicht Anyueel ähnlicher. Gaststätten werden als Orte für niedere Klassen und Trunkenbolde betrachtet, während sich die noble Gesellschaft in privaten Häusern trifft.”

Eryn kniff einen Moment lang die Augen zusammen, als sie versuchte, irgendeine Verurteilung oder Andeutung von Snobismus hinter dieser Aussage zu erkennen. Sie konnte nichts davon heraushören und begann sich zu fragen, ob sie hier ihre eigenen Gefühle projizierte. Immerhin hatte er Recht. Mit Freunden zusammenzusitzen, sich am Abend nach Sonnenuntergang über einem netten Glas Tee zu unterhalten oder in einem Musikhaus zu Abend zu essen waren Dinge, die sie jedes Mal schmerzlich vermisste, wenn sie sich im Königreich aufhielt.

Enric versuchte das recht beunruhigende Gefühl beiseite zu schieben, wie wohl ihr Schlafzimmer aussehen mochte. Ebenso vollgestopft mit nutzlosen, zerbrechlichen Staubfängern und so reich verziert mit Stoffen in farbenfrohen Mustern wie dieser Raum hier? Würde er an solch einem Ort überhaupt einschlafen können? Selbst ohne Licht würde er noch immer wissen, dass all dies in der Dunkelheit lauerte, als würde es den Sonnenaufgang abwarten, damit es seine Sinne erneut mit diesem Detailreichtum quälen konnte.

“Ich schlage vor, dass ich euch nun euer Zimmer zeige und ihr euch dann vor unserem Spaziergang ein wenig erfrischt”, schlug Erbál vor und hob eine Hand, um zu einer weiteren Treppe links derjenigen zu deuten, die sie gerade erklommen hatten. “Die Diener werden euer Gepäck im Laufe der nächsten paar Minuten bringen, damit ihr euch waschen und umziehen könnt. Danach hat der Koch eine leichte Mahlzeit für euch bereitet, damit ihr die Zeit bis zum Abendmahl überbrücken könnt.”

Enrics höfliches Lächeln verbarg seinen Mangel an Begeisterung gekonnt. Er hoffte lediglich, dass wohlhabende Leute hier nicht nur bedeutend komfortabler wohnten, sondern auch köstlichere Mahlzeiten einnahmen als die Speisen, an die er sich erinnerte.

*  *  *

Enric seufzte erleichtert, als Erbál die Tür zu ihrem Zimmer öffnete und dann zur Seite trat, damit sie eintreten konnten. Es war wesentlich weniger überladen mit unendlichen Ansammlungen von Gegenständen als er befürchtet hatte. Er bemerkte auf Eryns Gesicht eine ähnliche Gefühlsregung, als sie hineinging und sich umsah. Allerdings dauerte es nur einen Augenblick, bis die Erleichterung über die sparsame Dekoration Ernüchterung wich. Die einzigen Möglichkeiten hier schienen entweder hoffnungslos überladen, oder schlicht und sogar deprimierend kahl. Der Wechsel von einem zum anderen innerhalb von Sekunden war ein recht massiver Kontrast für einen Verstand, der immer noch versuchte, sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen.

Das Zimmer war alles andere als geräumig, als würde man es als frivol ansehen, zu viel Platz auf einen Ort zu verwenden, an dem man sich wohl nicht länger als nötig aufzuhalten hatte. Verglichen mit dem Prunk der anderen Räume, die sie gesehen hatten – diejenigen, die Gäste zu Gesicht bekamen – war diese Kammer nicht nur bescheiden, sondern beinahe asketisch.

“Lass mich raten”, bemerkte er trocken, “man betrachtet frühes Aufstehen hier als Tugend.”

Erbál lachte. “Das stimmt sogar. Die Möblierung der Schlafkammern soll das Aufstehen am Morgen weniger schwierig machen.”

Eryn nahm auf der Matratze Platz und hopste probeweise ein paarmal auf und ab. Oder zumindest versuchte sie es. Es gab keine besondere Federung. Das lud auf jeden Fall kaum dazu ein, länger darauf zu liegen als unbedingt nötig war.

Ihre Miene war wenig erfreut, als sie seufzte: “Das glaube ich sofort. Dieses Bett ist ungefähr so bequem wie der Boden eines Pferdestalls. Womöglich sogar unbequemer.”

“Jedenfalls sticht es nicht so sehr wie ein Heuhaufen”, konterte Erbál, als wäre er darauf bedacht, all das in einem weniger bedrückenden Licht erscheinen zu lassen. “Und es gibt hier drin keine Flöhe.”

“Kleine Freuden…”, murrte Eryn.

Sie fühlte sich ungefähr so erschöpft wie Enric aussah. Solange diese distanzierte und unfreundliche Frau bei ihnen war, hatte er sich die Mühe gemacht das zu verbergen, doch nun war die Maske abgefallen und ließ einen erschöpften Reisenden erkennen, der sich lieber hingelegt als mit ihrem Gastgeber einen Spaziergang durch die Stadt unternommen hätte.

“Ich werde im Salon warten, bis ihr fertig seid”, informierte Erbál sie, dann schloss er die Tür hinter sich.

Enric sank neben ihr auf das Bett. Ein unheilvolles, in die Länge gezogenes Knarren ertönte. Sie erstarrten und tauschten einen leicht beunruhigten Blick, als erwarteten sie, dass das Bett jeden Moment in seine Einzelteile zerfiele.

“Vielleicht geben sie uns ein besseres, wenn wir das hier kaputtmachen”, meinte Eryn in dem Versuch, die Situation mit Humor zu sehen.

“Oder sie flicken dieses hier einfach wieder zusammen”, erwiderte Enric und lehnte sich behutsam zurück, bis er flach dalag, seine Füße noch immer auf dem Boden. “Es ist ungefähr so bequem wie es aussieht.”

“Überhaupt nicht?”

“Genau.”

Eryn kuschelte sich an ihn und bettete ihren Kopf auf seine Schulter. “Bisher bin ich nicht besonders angetan von diesem Ort. Was ist mit dieser Frau nur los? Sind hier alle so, oder ist sie einfach nur verstimmt über unsere Anwesenheit hier?”

Sie spürte, wie sein Brustkorb mit einem Lachen erbebte.

“Tatsächlich war Lam Ceiga dieses Mal sogar freundlicher. Bedenke, dass es sich hier um eine Kultur handelt, in der die Leute selbst dann immens förmlich miteinander umgehen, wenn sie gut bekannt sind. Und zusätzlich ist man hier Fremden gegenüber misstrauisch.”

“Das bedeutet, wir werden eine erhöhte Dosis an Misstrauen zu spüren bekommen, und man wird uns rein aus Prinzip die kalte Schulter zeigen”, seufzte sie. “Ich dachte, das hier würde einfacher werden. Ich habe mich immerhin bereits einmal an eine neue Kultur angepasst.”

Enric zog sie näher an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. “Mach dir vorerst keine Sorgen. Das ist nur der erste Schock darüber, dass hier alles so anders ist, als du es kennst. In mancher Hinsicht sind die Leute hier denen in Anyueel recht ähnlich. Zum Beispiel gibt es hier kein Feilschen, wenn du etwas kaufen willst.”

Da Eryn keine großartigen Pläne hatte, sich in ausgiebigen Einkaufsorgien zu ergehen und deshalb wenig davon profitieren würde, zuckte sie nur mit den Schultern.

“Wir sollten uns fertigmachen”, murmelte sie und bemerkte, dass ihre Stimme nun schwerfälliger geworden war, wo ihr Körper sich in der Horizontalen entspannte. Wenn sie nicht bald aufstanden, würde sie hier einschlafen, ganz egal wie unbequem das Bett war.

“Das sollten wir wohl”, stimmte Enric zu ohne sich zu bewegen, als warte er darauf, dass sie zuerst aufstand.

Ein Klopfen an ihrer Tür veranlasste beide, sich zurück in eine aufrechte Position zu kämpfen und mühsam die Schwere in ihren Gliedern zu überwinden.

Eryn öffnete die Tür und gewährte zwei Dienern Zutritt, die, genau wie Erbál versprochen hatte, ihre Habseligkeiten brachten.

Sobald sie wieder fort waren, öffnete Eryn eine Tasche und zog für jeden von ihnen eine saubere Garnitur Kleidung hervor.

“Ich schätze, jetzt wo unsere Sachen hier sind, können wir uns umziehen und haben keine Ausrede mehr dafür, faul zu sein.” Sie warf ihm seine Kleider zu. “Ich zuerst.” Sie trat auf eine zweite Tür zu. “Was meinst du – ob das wohl ein Badezimmer ist?” Ohne auf seine Antwort zu warten, öffnete sie die Tür und pfiff durch die Zähne. Endlich eine nette Überraschung. “Sieh dir das an! Wir haben hier wahrhaftig ein Badezimmer – nur für uns allein, kein Teilen. Und ein großes noch dazu! Es ist sicher mindestens so groß wie das Schlafzimmer! Offensichtlich legt man hier größeren Wert auf Reinlichkeit als auf komfortable Nachtruhe.”

Gebannt konzentrierten sich Eryns Augen zuerst auf die riesige, weiß schimmernde Badewanne in der Mitte des Raumes, dann auf die Kupferrohre entlang der Wände. Da war eine recht zierlich anmutende Vorrichtung, aus der wohl das Wasser kommen sollte. Das sah vollkommen anders aus als die Wasserpumpe in ihrem eigenen Badezimmer in Anyueel, die ihr im Vergleich zu alldem hier plötzlich plump und altmodisch erschien.

Sie trat näher an die Wanne und sah genauer hin. Die kleine Apparatur war mit den Kupferrohren verbunden und würde sehr wahrscheinlich Wasser speien, sobald sie einen der beiden Porzellanknäufe auf jeder Seite der Öffnung drehte. Auf jeden davon war ein Wort in der hiesigen Sprache eingearbeitet. Eryn beugte sich vor, um sie zu entziffern. Es waren recht elementare Worte. Warm und kalt, erinnerte sie sich, begeistert, dass sie das Wissen um die Sprache, seit sie sie vor einigen Jahren zu lernen begonnen hatte, zum allerersten Mal außerhalb eines Buches anwenden konnte.

Sie runzelte die Stirn. Warm und kalt. Was sollte das denn bedeuten? Wasser war von Natur aus kalt. Es musste entweder mittels Magie oder Feuer erhitzt werden. Sie sah sich um. Weder im Schlafzimmer noch hier drin hatte sie eine Feuerstelle entdeckt, die es den Dienern erlauben würde, Wasser zu erhitzen, ohne dass sie es von wer weiß woher herbeischleppen mussten. War sie vielleicht irgendwo versteckt? Sie sah sich nach einer zusätzlichen Verkleidung oder einer Tür um, die irgendeine Aussparung verdecken mochte, fand jedoch auf den ersten Blick nichts. Achselzuckend wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Badewanne zu und entschied, nicht länger zu grübeln, wenn Experimentieren so viel reizvoller war.

Langsam drehte sie den Knauf, der mit “warm markiert war und vernahm ein leises Gurgeln, bevor Wasser aus der Öffnung hervorzuschießen begann. Eryn blinzelte. Ohne pumpen floss es einfach aus diesem metallenen Auslass und landete plätschernd in der glänzenden weißen Wanne. Und verschwand wieder durch ein rundes Loch. Auf einem Beistelltisch fand Eryn einen Stöpsel, dessen Größe und Form vermuten ließen, dass er zum Verschließen des Lochs gedacht war. Sie beugte sich vor um genau das zu tun und erstarrte, als das Wasser ihre Haut berührte. Es war warm! Und mit jedem Moment schien es ein wenig heißer zu werden! Wie war das nur möglich?

“Enric?”, rief sie, in ihrer Stimme von Müdigkeit keine Spur mehr. “Komm und sieh dir das an! Das ist phantastisch!”

*  *  *

“Ihr habt euch aber Zeit gelassen”, kommentierte Erbál, als sie der Straße folgten, die von seinem Heim und Arbeitsplatz wegführte. Es schwang ein Hauch eines Vorwurfs darin mit, als wäre er begierig darauf, diesen Spaziergang mit den Leuten zu unternehmen, die er im weitesten Sinn als seine Landsleute betrachten konnte.

“Eryn hat das Badezimmer entdeckt”, bemerkte Enric. “Sie war nicht mehr herauszukriegen.”

“Dann hast du also ein Bad genommen?”, fragte der Botschafter, seine Stimme nun amüsiert.

Bevor Eryn eine Chance hatte zu antworten, stieß Enric ein wenig gediegenes Schnauben aus. “Das hätte wesentlich weniger Zeit in Anspruch genommen, vermute ich. Nein, sie hat entdeckt, dass aus euren Rohren heißes Wasser herauskommt und musste sich auf Entdeckungsreise begeben. Entdecker und so.”

Erbál lächelte. “Ah, das war auch für mich eine beachtliche Entdeckung, als ich hier eintraf. Die erste Überraschung war, dass die Badezimmer direkt an den Schlafzimmern dranhängen, also hat jeder Bewohner ein eigenes. Sich ein Badezimmer teilen zu müssen wird als Zumutung erachtet. Zumindest in wohlhabenderen Wohnsitzen. Und dann war da noch das heiße Wasser, das ohne erkennbaren Aufwand der Diener bereitgestellt wird. Es erschien mir wie ein Wunder.”

“Also, wie funktioniert das?”, fragte Eryn ungeduldig. “Das Wasser muss irgendwo erhitzt werden. Vielleicht unterhalb des Daches? Das würde erklären, warum das Wasser dermaßen aus den Rohren herausschießt – weil es durch das Gewicht aus jeder verfügbaren Öffnung herausgedrückt wird. Aber das würde recht große Behälter für das Wasser erfordern, da ich vermute, dass sie mehr speichern sollten als man benötigt, um eine einzelne Badewanne zu füllen. Das würde eine beachtliche Belastung für das Gebäude bedeuten”, führte sie das, was sich mittlerweile von einer Unterhaltung in einen Monolog verwandelt hatte, fort. “Und man bräuchte auf jeden Fall mehr als einen Behälter, da das heiße Wasser separat aufbewahrt werden müsste. Allerdings kann man das nicht zu lange tun, sonst würde es wieder abkühlen. Was bedeutet, dass entweder jemand das Wasser ständig auf einer bestimmten Temperatur hält, sodass es auch ohne vorherige Ankündigung verfügbar ist, oder es wird auf eine Weise aufbewahrt, die die Hitze erhält – wie auch immer sich so etwas bewerkstelligen lässt. Damit bleibt noch…”

“Halt!”, unterbrach Erbál sie lachend. “Du machst mich schwindelig! Ich kann dir ein paar Grundlagen erklären, aber wenn du mehr darüber wissen willst, werde ich den Mann, der die Wartungsarbeiten durchführt, darum bitten, dass er dir das alles detaillierter erklärt, in Ordnung?”

Sie nickte eifrig.

Sie setzten ihren Weg dorthin fort, wo auch immer Erbál sie hinbrachte. Eryn schenkte den ungewohnten Straßen, Gebäuden, Geschäften und Leuten um sie herum keinerlei Beachtung, sondern konzentrierte sich auf das, was Erbál über dieses unglaubliche System wusste, das zu jeder Zeit heißes Wasser auf Abruf bereitstellte.

“Es gibt tatsächlich Wassertanks für heiß und kalt, jedoch nicht auf dem Dach, sondern im Keller. Du hast Recht – das Gewicht würde sonst die strukturelle Integrität des Gebäudes gefährden.”

“Aber wie kommt es mit solch einer Geschwindigkeit aus den Rohren, wenn es unten gespeichert wird?”, verlangte sie ungeduldig zu wissen. Wenn sie das Wasser von irgendwo heraufpumpen musste, dann bewegte es sich träge – selbst wenn sie Magie einsetzte, um ihre Kraft zu erhöhen.

“Das wird mit Druck bewerkstelligt. Anstatt sich auf das Gewicht des Wassers zu verlassen, indem man es weiter oben aufbewahrt, nutzen sie Pumpen, um im Inneren des Behälters Druck zu erzeugen. Wenn du einen Knauf in deinem Badezimmer drehst und damit ein Ventil öffnest, schaffst du einen Ausweg für das verdichtete Wasser, wodurch es herausschießt.”

Eryn nahm sich ein paar Augenblicke Zeit, um das in sich aufzunehmen. In ihrem Kopf ratterte es, als sie sich vorzustellen versuchte, wie all das aussehen musste.

“Wie groß sind diese Tanks? Wie oft werden sie nachgefüllt? Und wie? Wie wird das Wasser erhitzt? Und wie oft? Wie lange dauert das normalerweise? Wohin führt der Abfluss in der Badewanne? In wie vielen Räumen kann man die Ventile zur gleichen Zeit öffnen und noch immer Wasser bekommen? Kann ich gleichzeitig mit dir ein Bad nehmen? Wie genau wird der Druck in den Tanks erzeugt?”, bombardierte sie Erbál mit Fragen.

Beschwichtigend hob er seine Hände. “Langsam, meine Liebe. Ich fürchte, du stellst mehr Fragen als ich beantworten kann. Ich werde den Mann, den ich zuvor erwähnt habe, kontaktieren und ihn ersuchen, er möge ein wenig zusätzliche Zeit einplanen, wenn er das nächste Mal kommt. Das sollte etwa nächste Woche sein.”

Eryn nickte widerwillig. Geduld war noch niemals eine ihrer Stärken gewesen, und eine Woche lang auf Antworten warten zu müssen, nach denen sie in diesem Moment lechzte, war zermürbend.

Schließlich bemühte sie sich, die Umgebung in sich aufzunehmen, um sich von dem Rätsel des heißen Wassers abzulenken. Es schien, als durchquerten sie eine Art Handwerkerviertel – vorausgesetzt, die hatten ein eigenes Viertel und waren nicht überall in der Stadt verstreut.

Sie bewunderte die dekorativen schmiedeeisernen Ornamente, die über den Eingängen zu Werkstätten und Geschäften an den Fassaden der Gebäude befestigt waren.

“Das müssen Ladenschilder sein”, vermutete sie.

Erbál folgte ihrem Blick nach oben. “Ein wenig mehr als das. Das sind Gildensymbole. Sie zeigen an, welchem Beruf der Inhaber des Geschäfts nachgeht.” Er deutete nach vorne auf ein schwarzes Metallgebilde, das verdreht und nach oben gewunden war, bis es einer Kletterpflanze glich. Es war mit glänzenden, goldfarbenen Blättern verziert. “Siehst du das Symbol in der Mitte von alldem? Die Schere, um die sich eine Haarlocke ringelt? Das ist ein Friseur. Wann immer du solch ein Symbol siehst, weißt du sofort, um welche Art Geschäft es sich handelt.”

“Also haben alle von ihnen genau das gleiche Schild über ihrer Tür?”, fragte Eryn.

“Nicht genau das gleiche. Das Symbol selbst ist für jeden Beruf stets das gleiche, doch der dekorative Aspekt und die Größe hängen vom Geschmack des Inhabers ab – und davon, wie viel er willens oder in der Lage ist dafür auszugeben. Die Menge an Gold, die du siehst, zeigt in der Regel an, wie seine Ertragslage ist. Manche von ihnen verwenden nur das Symbol, andere fügen auch ihre Namen hinzu. Das betrifft vorwiegend Gasthäuser und auch alteingesessene Handwerker, deren Name weithin bekannt ist.”

“Wenn ich ein Gildensymbol mit einem Namen darunter sehe, kann ich also davon ausgehen, dass der Eigentümer einen sehr guten Ruf genießt und erstklassige Qualität liefert – was wahrscheinlich mit exorbitanten Preisen einhergeht?”, lächelte Eryn.

Erbál zuckte mit den Achseln. “Ja, das ist eine berechtigte Annahme. Was nicht bedeutet, dass Geschäfte ohne Namen auf ihrem Gildensymbol immer nur moderate Preise anbieten. Im Allgemeinen empfiehlt es sich, unterschiedliche Anbieter zu vergleichen, wenn du einen kostspieligen Artikel zu erwerben beabsichtigst.”

Enric hörte aufmerksam zu. Während seines letzten Besuchs hatte er nicht wirklich Zeit oder auch die Neigung gehabt, Genaueres über diesen Ort zu erfahren. Irgendwie war das bedauerlich. Doch damals waren seine Prioritäten ganz andere gewesen – Malriel vor einer möglichen Todesstrafe zu bewahren und nach Hause zu seiner Gefährtin und seinem neugeborenen Sohn zurückzukehren. Er und Vran’el hatten einige Tage hier verbracht und auf die Ausfertigung von Papieren und Bewilligungen von Anfragen gewartet, doch man hatte ihnen verboten, ihre wenig verlockende und karge Unterkunft zu verlassen.

“Noch ein Friseurbetrieb”, meinte Eryn, als sie ein ähnliches Schild entdeckte.

“Nein, nicht ganz. Dieses Mal befindet sich die Schere über einem Stoffballen, also ist das hier ein Schneider”, erklärte Erbál.

Sie setzten ihren Weg fort, und Erbál zeigte ihr die Symbole der unterschiedlichen Handwerker. Ein Büschel Trauben über einem Glas für eine Weinhandlung, zwei umeinander gewundene Blumen für jemanden, der mit Kräutern handelte, ein Baumstamm und Hammer für Tischler, zwei überkreuzte Schlüssel für Schlosser, ein paar Schuhe für Schuster und so weiter.

Nach einigen Minuten erreichten sie einen Landungssteg, der hinausführte in den See, der die Stadt halb umschloss. Sie hatten also den Stadtrand von Kar erreicht.

Eryn und Enric folgten dem Botschafter, der einige Schritte nach unten zum Wasser ging, wo ein paar kleine Boote an dem langen, hölzernen Pier vertäut lagen.

“Wir müssen doch wohl nicht in eines dieser… Dinger einsteigen?”, fragte Eryn ohne große Hoffnung. Sie hatte sich gerade einmal an Schiffe gewöhnt. In deren Fall gab es allerdings wesentlich mehr Substanz zwischen ihr und dem Wasser als bei diesen Nussschalen. Es brauchte wohl nicht viel, damit eine davon kenterte, sobald jemand eine falsche Bewegung vollführte.

“Ich fürchte schon”, erwiderte ihr Gefährte und ergriff ihre Hand um sicherzugehen, dass sie mitkam.

“Ich werde keinesfalls rudern, nur damit du es weißt”, knurrte sie und ließ zu, dass Erbál ihre Hand nahm, um ihr in das von ihm auserwählte Gefährt, das bedrohlich wackelte, zu helfen.

Sobald alle im Boot waren, löste Erbál das Tau und stieß das Boot mit einem Ruder vom Pier ab. Dann reichte er es an Enric weiter. Der Botschafter war der einzige anwesende Nicht-Magier und würde gewiss nicht die körperliche Anstrengung des Ruderns auf sich nehmen.

Ohne jeden Widerspruch akzeptierte Enric die Aufgabe und trieb das Boot mit jedem kräftigen Stoß vorwärts. Niemand sprach ein Wort, bis sie die Stadt weit hinter sich gelassen hatten. Erbál hob eine Hand um anzuzeigen, dass sie nun weit genug vom Ufer entfernt und damit wahrhaftig außerhalb der Reichweite aufdringlicher Augen oder Ohren waren.

*  *  *

“Unglücklicherweise ist die Fähigkeit des Lippenlesens hier recht gängig”, erklärte Erbál seine Entscheidung, sie an einen Ort zu bringen, wo es unmöglich war, sich ihnen ungesehen zu nähern, solange das Boot sanft in der Mitte des ausladenden Sees schaukelte. Er nickte Eryn zu. “Eine Fertigkeit, von der ich glaube, dass du sie ebenfalls beherrschst.”

“Das ist wohl wahr”, versetzte sie etwas verstimmt. “Aber ich habe dabei sicher nicht daran gedacht, dass es eine fabelhafte Möglichkeit ist, um andere auszuspionieren, sondern habe es für das Heilen erlernt.”

“Aber natürlich”, erwiderte Erbál und lächelte. “Nichts anderes hätte ich vermutet. Hier jedoch ist es nicht diese noble Gesinnung, die die Leute dazu veranlasst, sich diese Fähigkeit anzueignen. Da Magier als potentielle Gefahr betrachtet werden, wird das Lippenlesen als praktische Methode erachtet, um damit deren Fähigkeit zum Errichten schalldichter Barrieren zu begegnen. Vorausgesetzt, man kommt nahe genug an sie heran. Ihr würdet nicht glauben, wie übersät mit Gucklöchern die Gebäude hier sind.”

“Aber dass wir hier herausfahren wird den Leuten ebenfalls zu denken geben”, merkte Eryn an. “Es ist recht offensichtlich, dass du uns nicht für einen angenehmen, entspannenden Nachmittag hier herausgebracht hast.”

Er winkte ab. “Aber natürlich wird es das. Und sie erwarten es auch. Womöglich hätte es sie unendlich überrascht, hätte ich euch nicht an einen Ort gebracht, wo keine unwillkommenen Augen oder Ohren in der Nähe sind.”

“Wie weithin bekannt ist der Zweck unserer Reise hierher?”, wollte Enric wissen. “Gibt es irgendeinen Schein, den wir aufrechterhalten sollten?”

“Die höchsten Ränge wissen, dass es Pläne zur Ermordung der Königin von Anyueel gab, und dass die Spur nach Pirinkar führt. Ich kann nicht wirklich sagen, wie weit sich das verbreitet hat. In unserem Interesse hoffe ich, dass möglichst viele Leute bereits davon wissen. Sonst werden wir in den nächsten Tagen eine Menge Besucher empfangen. Die Leute hier sind sehr neugierig. Und dass man ihnen etwas nicht mitteilt, ist für sie kein Grund zu akzeptieren, dass dieses Wissen nicht für sie bestimmt ist.”

“Nun, das klingt ja vertraut…”, murmelte Eryn, die Spione leidenschaftlich hasste.

“Weiß hier jemand, dass du derjenige warst, der uns die Warnung über das anstehende Attentat auf das Leben der Königin zukommen hat lassen?”, fragte Enric.

“Ich hoffe inständig, dass dies nicht der Fall ist. Damit hätte ich eine Zielscheibe auf meinem Rücken.”

“Wie hast du davon erfahren?”, fragte er.

“Durch einen anonymen Brief, der an meine Residenz geliefert wurde.”

Eryn zog die Augenbrauen hoch. Sie hatte damit gerechnet, dass es sich dabei um das Ergebnis monatelanger detektivischer Bemühungen gehandelt hatte anstatt eines glücklichen Zufalls, solange Erbál in all seiner Sorgsamkeit und Gründlichkeit involviert war. Also war die rechtzeitige Warnung nichts als Glück gewesen. Irgendwie war das alles andere als tröstlich. Es bedeutete, dass die verantwortliche Person oder Personen es gut genug verheimlicht hatten, damit Erbál es aus eigenen Kräften nicht herauszufinden vermocht hatte.

“Das bedeutet, dass zumindest eine Person – der Absender des Briefes – weiß, dass unsere Anwesenheit das Resultat einer Warnung ist, die du uns zukommen hast lassen, und nicht unseres eigenen Spürsinns in Anyueel”, grübelte Enric.

“Sehr richtig”, bestätigte der Botschafter. “Bislang konnte ich die Identität meines wohlwollenden Informanten noch nicht lüften.”

“Gibt es hier irgendjemanden, dem du vertrauen kannst?”, fragte Eryn.

Erbál lachte. “Meine Güte, nein! Ich habe hier Freundschaften geschlossen, doch ich werde mich hüten, einem von ihnen zu vertrauen. In einer Position wie meiner gegenwärtigen kannst du niemals sicher sein, weshalb dir jemand näherkommen möchte.”

Eryn war es etwas peinlich, dass sie ihre Naivität auf diese Weise demonstriert hatte. Und doch würde sie Erbáls Raffinesse nicht besitzen und dazu gezwungen zu sein wollen, sie tagtäglich anwenden zu müssen, nur um ihr Überleben zu sichern. Für ihn waren Freundschaften keine Quelle der Freude, sondern eine Möglichkeit, um potentiellen Feinden nahe zu sein und Informationsquellen anzapfen zu können. Das klang unglaublich einsam, und sie würde keinesfalls tauschen wollen.

“Wie genau schätzen wir die bisherigen Vorkommnisse nun ein?”, fragte sie. “Ich gehe davon aus, dass irgendjemand in Pirinkar die gemeinsame Bedrohung loswerden will, die die Allianz zwischen Anyueel und den Westlichen Territorien im Falle eines Krieges darstellt. Die Ermordung der Königin hätte zwei Ziele erfüllt – erstens hätte sie das engere Band gekappt, das der König zwischen unseren Ländern schmieden will, und zweitens hätte man es so hingestellt, als wäre dies von den Westlichen Territorien ausgegangen. Und meinen Vater in seiner einflussreichen Position als Oberhaupt der Heiler und Gefährte einer Triarchin zu beschuldigen hätte den Zweck erfüllt. Selbst wenn der König persönlich nicht darauf hereingefallen wäre, so hätte es doch die Mehrheit seines Volkes geglaubt.”

“Ich würde sagen, das fasst es ganz gut zusammen”, nickte Erbál.

“Was also war die Absicht der Person, die dir die Nachricht zukommen ließ?”, setzte sie ihren Gedankengang fort. “Entweder will sie einen Krieg verhindern, indem sie die Position ihres eigenen Landes soweit schwächt, dass es zweimal überlegt, bevor es einen auslöst, oder man will den Krieg verlieren.”

“Es gibt eine dritte Möglichkeit”, ergänzte Enric. “Das Ergebnis von allem, was sich ereignet hat seit Erbál die Warnung erhielt, ist unsere Anwesenheit hier.”

Eryn zog die Augenbrauen zusammen. “Du meinst, all das könnte ein ausgeklügelter Plot sein, um uns hierher zu locken? Warum?”

“Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sich all das in Übereinstimmung mit jemandes Plan entwickelt. Vielleicht möchte jemand tatsächlich einen Krieg beginnen, und uns auf einer Friedensmission ums Leben zu bringen wäre ein zuverlässiger Auslöser.”

Sie schluckte und fühlte sich plötzlich noch angreifbarer als zuvor. “Hätte es zu diesem Zweck nicht gereicht, Erbál umzubringen? Ich meine, wie eindeutiger kann man einen Krieg anzetteln als den Diplomaten zu töten, den dir jemand gesendet hat? Und uns beide zu töten würde unsere Länder auf jeden Fall gegen Pirinkar vereinen und einen Sieg sogar noch unwahrscheinlicher machen.”

“Wie ich schon sagte, ich habe keine Ahnung, ob das der Fall ist oder nicht. Ich sage nur, wir sollten es nicht ausschließen.”

“Du hast Recht”, stimmte Erbál zu. “Es war nicht schwer zu erraten, wen man auswählen würde, sobald sich die Notwendigkeit ergab, jemanden nach Kar zu entsenden. Enric war bereits einmal hier und hat zumindest ein paar Eindrücke gesammelt, und Eryn, bei dir ist bekannt, dass du Material für Sprachstudien erhalten hast. Die Tatsache, dass ihr beide miteinander verbunden seid, macht euch zu den wahrscheinlichsten Kandidaten. Doch obwohl wir all das bedenken sollten auf unserer Suche nach dem, was hier wirklich vor sich geht, so ist es doch zu früh, um einer Option den Vorzug zu geben.”

Enric pflichtete bei, obwohl es ihm keineswegs lag, sich blind vorwärts zu tasten – und das an einem Ort, der ihm nicht vertraut war. “Was schlägst du vor, wo wir unsere Ermittlungen beginnen sollen?”

“Morgen Abend wird es eine offizielle Veranstaltung geben, um euch beide in Kar willkommen zu heißen. Dabei werde ich euch ein paar der einflussreicheren Leute vorstellen. Womöglich erwächst euch daraus eine Eingebung. Und dann würde ich vorschlagen, ihr wendet euch an die Magier – oder Priester, wie man sie hier nennt.”

“Wie erpicht werden die Hohen und Mächtigen hier sein, morgen unsere Bekanntschaft zu machen?”, fragte Eryn mit einem Gefühl des Unbehagens. “Abgesehen von der Tatsache, dass wir von einem Land hergeschickt wurden, dem viele von ihnen misstrauen, kommt noch hinzu, dass sie Magiern mit Verachtung begegnen oder sie zumindest ignorieren.”

“Das stimmt”, gestand Erbál ohne Zögern. “Andererseits begrüßen sie aber auch alles, was Abwechslung bringt. Ihr seid eine unbekannte Kombination von Umständen. Ihr seid einflussreiche Politiker und im Besitz von beträchtlichem Vermögen – etwas, das respektiert wird. Dennoch seid ihr auch Magier, was hier als eine niedere Klasse von Menschen betrachtet wird. In welche Richtung die Waage ausschlägt, wird sehr stark davon abhängen, wie ihr euch morgen präsentiert.”

“Keine offensichtlichen Hinweise auf unseren zutiefst verachtungswürdigen Makel”, wiederholte Eryn, was sie bereits mit Enric diskutiert hatte.

“Genau. Verhaltet euch auf eine Weise, die den Leuten die Entscheidung erleichtert, in welche Kategorie sie euch stecken sollen – in die der ausländischen Edelleute. Das wird auch erfordern, dass ihr in der Öffentlichkeit eure Erhabenheit über mich demonstriert.”

Eryn verzog das Gesicht. “Was?”

“Ihr seid wichtiger als ich, und unser Umgang miteinander muss das widerspiegeln”, erklärte er. “Magier werden normalerweise nicht mit Ehrerbietung behandelt. Zu sehen, dass ich euch als jemand Übergeordneten behandle, sollte die Botschaft transportieren helfen, dass man euch auf Augenhöhe begegnen muss.” Er lächelte Eryn an. “Ich weiß, dass dies allem widerspricht, woran du glaubst – etwas vorzugeben, das du nicht bist und andere Menschen als untergeordnet behandeln. Doch in diesem Fall wird es unserem Ziel dienen. Wenn die Leute eine Sache wissen, aber die andere immer wieder vor Augen gehalten bekommen, beginnen sie zu glauben, was sie sehen. Das ist ein Aspekt der menschlichen Natur. Einen, den wir zu unserem Vorteil nutzen können.”

“Im Lügen und Vortäuschen bin ich nicht gut”, entgegnete Eryn, ihre Haltung resigniert. “Besonders, wenn ich dafür meine Freunde herabwürdigen muss.”

“Ich weiß. Aber in diese Rolle musst du hineinwachsen, und zwar rasch.” Erbál nahm ihre Hand und drückte sie. “Die Einheimischen müssen euch großzügig verzeihen, dass ihr Magier seid, indem sie entscheiden, dass ihr mit ihnen viel mehr gemeinsam habt als mit den Priestern. Priester können niemals auf einen Nicht-Magier hinabschauen, also ist das ein wirksames Mittel, um hier einen Kontrast zu schaffen.”

“Was bedeutet, dass uns die Priester auch nicht akzeptieren werden, weil wir zwar theoretisch Magier sind, uns aber nicht so verhalten”, argumentierte Eryn.

“Das wird sich zeigen. Da Priester schon von klein auf lernen, dass sie weniger wert sind, mag es sein, dass euch manche von ihnen dafür bewundern, dass ihr in der Gesellschaft der Nicht-Magier akzeptiert werdet”, konterte der Botschafter. “Aber konzentrieren wir uns zu Beginn erst einmal nur auf eine Sache.”

Du hast leicht reden, dachte Eryn, du musstest kein Kind in einem anderen Land zurücklassen und vermisst es so sehr, dass es wehtut. Sich die Zeit zu nehmen, eines nach dem anderen zu überdenken, klang für sie nicht besonders ansprechend. Da war dieser innere Drang, der sie zur Eile antrieb und vollkommen außer Acht ließ, dass es galt, mit großer Bedachtsamkeit vorzugehen und nichts zu überstürzen. Dies mochte sonst für alle drei Länder verheerende Konsequenzen mit sich bringen. Trotzdem…

Kapitel 3

Seltsame Sitten

Enric spürte, wie Eryn neben ihm in der Kutsche von unruhiger Energie beseelt war. Ein Teil davon war sehr wahrscheinlich der Einweisung geschuldet, die Erbál ihnen angedeihen hatte lassen. Sie hatte aus einer Liste von Leuten bestanden, denen sie mit ziemlicher Sicherheit bei dieser formellen Zusammenkunft anlässlich ihrer Ankunft begegnen würden. Mit dem vollen Namen jeder einzelnen Person. Alles in allem hatte es einige Stunden erfordert, um die Details auswendig zu lernen. So hatten sie ihren ersten Tag nach ihrer Ankunft in Kar verbracht – mit dem Einprägen einer fortlaufenden Kaskade an Namen in einem so fremdartigen Stil, dass ihre Gehirne mit nur wenig aufwarten konnten, womit sich all dies verknüpfen ließ.

Dieser Abend war nun so etwas wie eine Abschlussprüfung und würde zeigen, wie zuverlässig ihr Erinnerungsvermögen war. Eine Person mit dem falschen Namen anzusprechen oder auch nur eine fehlerhafte Variation des korrekten zu gebrauchen stellte eine beträchtliche Beleidigung dar, die sie nach Möglichkeit vermeiden mussten. Sonst würde dies ihre Mission, die Einheimischen mit ihrer Eleganz, ihrem Flair und ihrer Wichtigkeit zu imponieren, maßgeblich erschweren.

Enric hätte die Zeit lieber darauf verwendet, Pläne zu schmieden, sich mit der Anordnung der Straßen oder der Kultur besser vertraut zu machen, doch Erbál hatte darauf bestanden, dass diese Namensliste wichtiger als alles andere war. Eryn war ebenfalls verdrossen darüber, dass sie den Tag ans Haus gefesselt war mit Listen aus Namen und Titeln, die für sie keinerlei Bedeutung hatten, solange sie sie nicht mit Gesichtern verknüpfen konnte.

Eryn zog ihr Kleid nach oben in dem vergeblichen Versuch, mehr von ihrem Dekolleté zu bedecken. Das Kleid. Der zweite Grund dafür, weshalb sie sich unwohl fühlte und herumzappelte. Es hatte zwei Dienerinnen gebraucht, die ihr hineinhelfen hatten müssen – eine Prozedur, die Enric nicht mitangesehen, sondern nur vom benachbarten Raum aus mitangehört hatte. Es hatte qualvoll geklungen. Wahrscheinlich war es gut, dass die Frauen die Flüche nicht verstanden hatten, die Eryn ausgestoßen hatte. Erbál neben ihm hatte ausgesehen, als würde ihm vor dem Moment grauen, an dem Eryn aus dem Zimmer herauskam nach den Torturen, die sie anscheinend erdulden hatte müssen.

Es hatte beinahe eine Stunde gedauert, sie zu überzeugen, dass sie es anziehen musste. Ursprünglich hatte sie darauf bestanden, eines von den formellen Abendkleidern zu tragen, die sie mitgebracht hatte, doch Erbál hatte ihr wiederholt erklärt, dass sie sich damit allzu sehr abheben würde. Sie mussten sich einfügen, und das schloss mit ein, sich wie die Einheimischen zu kleiden. Eryn hatte argumentiert, dass die Illusion, sie wäre eine von ihnen, sogleich zerstört werden würde, sobald sie ihren Mund öffnete – entweder weil sie sich einer für diese Leute fremden Sprache bediente, oder weil sie in deren Muttersprache vor sich hin stotterte. Erbál war standhaft geblieben und hatte erklärt, dass dies ein weiterer Grund war sicherzustellen, dass ihr körperliches Erscheinungsbild diesem Eindruck von Fremdheit entgegenwirkte, anstatt ihn zu verstärken. Er hatte sich bereits vor ihrer Ankunft erlaubt, Kleidung für sie und Enric zu bestellen, also mussten diese lediglich für den perfekten Sitz angepasst werden.

“Wie schaffen es die Frauen hier, in diesen Kleidern zu atmen?”, presste Eryn hervor. “Mir ist schwindelig. Das ist so eng, dass ich nicht genug Luft in meine Lungen bekomme! Wenn ich mich zu viel bewege, laufe ich Gefahr ohnmächtig zu werden!”

Erbál nickte voller Anteilnahme. “Ich weiß – ich beneide dich keineswegs. Es ist eine grausige Mode. Sie wurde eingeführt, um Frauen davon abzuhalten, dass sie sich allzu viel bewegen und sie in die Art hilflose Kreatur zu verwandeln, mit der sich weniger selbstbewusste Männer gerne umgeben. So fühlen sie sich in ihrer Vorstellung von Männlichkeit nicht bedroht. Du magst das nicht glauben, doch die Kleider sind nicht einmal mehr annähernd so einengend wie noch vor einhundert Jahren.”

Eryn starrte ihn vollkommen entsetzt an. Diese Folterkleidung, die sie gerade trug, war eine gemäßigte Version?

“Sie haben aber noch immer einiges an Arbeit vor sich. Wenn du mich fragst, sind sie immer noch nicht soweit, Frauen als gleichberechtigt anzuerkennen”, knurrte sie.

“In Anyueel ebenso wenig, was das angeht”, warf Enric ein. “Frauen können in der Gesellschaft ausschließlich über den Einfluss ihres Gefährten Bedeutsamkeit erlangen. Und es gibt so gut wie keine Möglichkeit für sie, eine Position politischer Macht zu erlangen. Du bist die einzige Ausnahme, und das liegt allein an deiner beachtlichen magischen Stärke. Die Westlichen Territorien sind uns in dieser Hinsicht weit voraus.”

“Ja, weil sie schon immer magisch begabte Frauen hatten”, murmelte Eryn. “Doch sie haben ihre eigenen Probleme – wie zum Beispiel, dass sie Nicht-Magier als Menschen zweiter Klasse betrachten.”

Erbál lächelte vage. “Ich gebe zu, das ist wahr. Doch zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass wir zumindest nicht auf die Weise mit ihnen verfahren, wie es Pirinkar mit Magiern tut – als wären sie abscheuliche Geschöpfe, die mehr oder weniger hinter Tempelmauern eingesperrt werden müssen.”

“Dann sind wir uns also einig, dass Pirinkar von allen drei Ländern dasjenige ist, das Leuten fernab des wahrgenommenen Idealzustands am wenigsten Rücksicht entgegenbringt”, seufzte Eryn. “Das würde mich zumindest ein wenig trösten, wäre ich nicht die Einzige von uns, die in diesem grässlichen Kleidungsstück festsitzt. Oder eher Kleidungsstücken. Habt ihr eine Ahnung, aus wie vielen Einzelteilen sich diese grauenhafte Komposition zusammensetzt? Ich glaube, ich habe irgendwann den Überblick verloren. Einer der Teile war nur dazu da, um meine Taille zusammenzuschnüren! Zwei Leute waren nötig, um ihn zu schließen! Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie sehr meine inneren Organe gequetscht werden? Das ist überhaupt nicht gesund! Ich kann kaum sitzen! Was für einer Art von Schönheitsideal soll das überhaupt dienen? Der Illusion, dass Frauen auf eine Weise gebaut sind, die zwei Männerhänden erlaubt, ihre Mitte zu umfassen?”

Erbál überlegte kurz, dann zuckte er mit den Schultern. “Ich weiß, dass diese Aussage deinem Ärger entspringt, doch sie mag tatsächlich nicht so weit von der Wahrheit entfernt sein. Eine schmale Taille lässt eine Frau zerbrechlicher wirken, und genau so sollen sie sich selbst wahrnehmen.”

“Ich habe noch nicht viel von diesem Ort gesehen oder irgendjemanden kennengelernt, aber ich mag ihn schon jetzt nicht”, knurrte sie. “Wie lange soll diese oberflächliche Veranstaltung heute Abend dauern? Werden wir dort in einer Stunde oder zwei wieder fort sein oder ist es so eine endlose Angelegenheit wie ein königlicher Ball zuhause?”

“Es wird als Beleidigung empfunden, wenn du dort bereits nach zwei oder drei Stunden wieder gehst, ohne dass du einen echten Notfall zu deiner Entschuldigung vorweisen kannst”, informierte sie der Botschafter.

Eryn unterdrückte ein gequältes Stöhnen. Genau das hatte sie befürchtet. “Das ist ein Alptraum! Wie soll ich mir all diese Namen merken, freundlich zu den Leuten sein und jedes meiner Worte abwägen, damit ich keine Andeutung darauf fallenlasse, dass wir Magier sind, wenn mein Gehirn mit dringend benötigtem Sauerstoff unterversorgt ist?”

Erbál ließ den Atem entweichen und sah Enric an. “Besteht eine realistische Chance, dass sie sich benehmen wird?”

Enrics Gesichtsausdruck zeugte von seinen Zweifeln, als seine Augen über das Kleid wanderten. “Einige Stunden lang, während sie in diesem Ding feststeckt? Ehrlich gesagt, würde mich das überraschen.”

Einige Sekunden des Schweigens folgten, in denen das Rattern der Kutschenräder auf den Pflastersteinen und das Klappern von Hufeisen die einzigen hörbaren Geräusche waren.

Erbál nickte langsam und schürzte die Lippen. “Also schön, ich werde an die Gastgeberin herantreten und sie ersuchen, sie möge zwei ihrer Zofen schicken, damit sie die Schnürung in deinem Rücken ein wenig lockern, damit du leichter atmen kannst.”

Die Erleichterung hinter Eryns Lächeln kam aus tiefstem Herzen. Sie wollte sich nach vorne beugen und seine Hand drücken, bemerkte aber, dass sie ihren Oberkörper dafür nicht weit genug neigen konnte. In ihren Augen glänzte es entschlossen.

“Nie wieder werde ich zulassen, dass du mich in so etwas steckst! Ich werde deinem Schneider einen Besuch abstatten und mich mit ihm darüber unterhalten, wie man ein formelles Kleid im hiesigen Stil anfertigen kann, in dem ich nicht ersticke.”

Erbál nickte besiegt. “Ich schätze, mit diesem Kompromiss muss ich mich zufriedengeben. Ich werde dich begleiten. Seine Fremdsprachenkenntnisse mögen sonst nicht ausreichen, um deine Wünsche umzusetzen.”

Eryn lächelte grimmig. “Weißt du, was mir in meinen Sprachunterweisungen gefehlt hat? Flüche. Du solltest mir ein paar beibringen. Ich habe das Gefühl, dass ich sie brauchen werde. Tatsächlich hätte ich bereits Verwendung dafür gehabt.”

Er schnaubte. “Darauf greife ich womöglich zurück, sollte ich jemals einen todsicheren Weg brauchen, damit eine Krise zu einem Krieg eskaliert. Aber sicher nicht vorher.” Er blickte aus dem Kutschenfenster, als das Gefährt zum Stillstand kam. “Wir sind da.”

*  *  *

Prüfend zog Eryn den Atem ein und ließ ihn wieder entweichen. Dann lächelte sie. Das war schon besser. Nun stand sie nicht länger an der Schwelle einer Ohnmacht, nachdem die zwei schweigsamen Zofen, die Erbál für sie organisiert hatte, die Schnürung dieser unsäglichen Vorrichtung, in die ihr Oberkörper hineingestopft war, eine Spur gelockert hatten.

Sie trat hinaus in einen kleinen Garderobenraum und ergriff Enrics dargebotenen Arm. Erbál ging voraus und reichte einem bedrohlich wirkenden Mann mit erheblich mehr Rüschen als irgendjemand tragen sollte, eine gefaltete Karte mit kunstvoll geschnittenen Kanten. Sehr wahrscheinlich die offizielle Einladung um zu belegen, dass es ihnen gestattet war, diesen verschwenderisch anmutenden Bereich zu betreten, der sich direkt hinter dem Diener auftat. Es war so etwas wie ein Vorraum: zwei Stockwerke hoch mit zwei luxuriösen, breiten, perfekt symmetrisch geschwungenen Treppen mit kompliziert geformten, schwarzen Handläufen auf einer Seite. Sie nahmen auf je einer Seite des Raumes ihren Anfang und trafen einen Stock höher auf der gleichen Plattform aufeinander, von der aus sich eine reich verzierte Doppeltür öffnete in den Raum, wo wohl die Gäste empfangen wurden. Die Plattform wurde von einer Anzahl kunstvoll ausgestalteter Säulen getragen, die offenkundig aus dem gleichen hellen Stein durchzogen mit subtilen dunkleren Adern gefertigt waren wie die Stufen. Zwischen den Säulen unter der Plattform waren mehrere geschlossene Türen sichtbar.

Während der Diener zuerst die Einladung und dann die drei Gäste gewissenhaft überprüfte, beobachtete Eryn drei Frauen, die von Männern die Treppe hinaufgeleitet wurden. Sie waren in ähnlich lächerliche Monstrositäten gekleidet wie sie selbst. Junar vermochte womöglich aus dem Stoff, der für ein einziges verwendet wurde, drei Kleider zu schneidern. Die Männer ähnelten einander in ihrem Erscheinungsbild sogar noch stärker als die Frauen. Jeder Einzelne von ihnen trug eine dunkle, kragenlose Jacke aus irgendeinem schweren Stoff, in den krause Muster eingewebt waren. Sie reichte bis zu den Knien. Darunter kam eine Art von zugeknöpfter Weste in einer nicht ganz so strengen Farbe zum Vorschein, und unter der trug man ein weißes Hemd mit langen, hauchdünnen Rüschen am Hals und an den Handgelenken. Viel zu überladen und weiblich für Eryns Geschmack. Die Hosen wirkten im Vergleich dazu einfach, gingen jedoch aus irgendeinem Grund nur bis zu den Knien, genau wie der Überrock. Die Waden steckten gut sichtbar in irgendeinem hellen, anschmiegsamen Material.

Und um das Bild zu vervollständigen, hatten sie alle ihre Haare mit dem gleichen Öl zurückgestrichen, das sie schon an Erbál gesehen hatte. Außer Enric, der es mit Hilfe von Magie tat.

Sie sah zu ihrem Gefährten auf. Sie hatte ihn immer schon für einen gutaussehenden Kerl gehalten – nun, zumindest nachdem ihr Hass sie nicht länger für seine körperlichen Vorzüge blind gemacht hatte. Doch sogar er sah in diesen Kleidern lächerlich aus. Einerseits verspürte sie Schadenfreude darüber, dass es nicht einmal der sagenhafte, eindrucksvolle Lord Enric vermochte, Rüschen gut aussehen zu lassen, andererseits jedoch wurde ihr das Herz bei seinem Anblick schwer.

Vedric würde in Gelächter ausbrechen, könnte er seinen Vater in seiner aktuellen Aufmachung sehen. Der Gedanke ließ sie lächeln, löste aber auch einen Stich der Sehnsucht aus.

Erbál bedeutete ihnen, vor ihm die Stufen zu der Plattform emporzusteigen um zu zeigen, dass ihr Rang seinen eigenen übertraf. Eryn hob das Kinn, legte ihre Hand auf Enrics Arm und nahm die Mühe in Angriff, sich selbst und das beträchtliche Gewicht all dieser Stoffe nach oben zu schaffen.

Oben angelangt, eröffnete sich ihnen der ausladende Saal geschmückt mit verzierten Säulen, Spiegeln, goldenen Besätzen und einem Boden in einem schwindelerregenden, mehrfarbigen Muster. Neben der Tür standen drei Personen, ein Mann und eine Frau, die vielleicht, vielleicht auch nicht in ihren frühen Fünfzigern sein mochten, und ein jüngerer Mann, dessen Lächeln eher einer Maske als einem Ausdruck ehrlicher Freude entsprach.

“Die Gastgeberin und der Gastgeber”, flüsterte Erbál hinter ihnen, wobei sich seine Lippen kaum bewegten. “Und ihr ältester Sohn.”

Enric hätte dieser Erinnerung nicht bedurft. Er hatte den Namen der Gastgeberin von der Gästeliste, die sie von Erbál erhalten hatten, wiedererkannt. Sie war eine der drei Richterinnen, die vor sechs Jahren den Vorsitz über Malriels Verhandlung geführt hatten. Das Einzige, woran er sich bei ihr deutlich erinnerte, war ihre monotone Stimme, die geklungen hatte, als hätte ihr der Beruf über ein paar Jahrzehnte hinweg jede Regung aus der Stimme gesaugt.

Er hielt vor ihr an und nickte zum Gruß, bevor er sprach: “Gistor Noraske, Legen der Weisens, Richterin erster Ebene von Pirinkar, es ist mir eine Ehre, dir erneut zu begegnen.”

Die Richterin betrachtete ihn eine Weile, ihre Braue leicht hochgezogen, während ihre Augen seinen Anblick aufnahmen, kombiniert mit dem sehr vertrauten Stil der Eleganz seiner Kleidung, wie sie unter den Vertretern der örtlichen höheren Klasse gängig war.

“Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden”, erwiderte die Richterin freundlich mit leichtem Akzent – mit einer Stimme, die weniger bar jeder Modulation war, als Enric sich erinnerte. Vielleicht war ihre Ausdruckslosigkeit nur für berufliche Zwecke reserviert.

Dann bewegte sich ihr Blick zu Eryn, und einen Moment lang stockte ihr Atem. Eryn wartete geduldig, bis die Frau ihren Schock über die überraschende Ähnlichkeit mit derjenigen, die in ihrem Gerichtssaal angeklagt gewesen war, überwunden hatte.

“Ich darf dir meine Gefährtin vorstellen, Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan”, meinte Enric, als hätte er nichts bemerkt. “Maltheá, das ist Gistor Noraske, Legen der Weisens, Richterin erster Ebene von Pirinkar.”

“Ich… ja… natürlich. Sei willkommen bei unserer bescheidenen Zusammenkunft zu euren Ehren, Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan”, schaffte es Gistor Noraske schließlich auszusprechen. Dann stellte sie ihren eigenen Gefährten und ihren Sohn vor, deren Namen Eryn bereits von der Liste kannte.

Gleich darauf wurde Erbál begrüßt, bevor sie alle den Raum betraten, der aus wenig mehr zu bestehen schien als glänzenden Oberflächen unterschiedlicher Art und delikaten Ornamenten in unterschiedlichen Größen, die sämtliche architektonischen Strukturen wie Türen, Fenster, Säulen, Spiegel, Nischen und sogar die beiden gigantischen Feuerstellen umgaben und schmückten.

Am fernen Ende des Saals sahen sie eine Gruppe von mindestens zehn Künstlern, allesamt in Schwarz und Weiß gekleidet, die gerade dabei waren, sich soweit bequem niederzulassen, dass sie mehrere Stunden lang für Zerstreuung in Form von Musik sorgen konnten.

“Ich vermute, es wird getanzt?”, flüsterte Eryn in Erbáls Richtung. “Zumindest würde der große, freie Platz ohne Tische und Stühle sowie die Anwesenheit mehrerer Musiker das nahelegen. Ich gehe davon aus, dass die Leute rücksichtsvoll genug sind, um nicht von uns zu erwarten, dass wir mitmachen?”

Erbál bestätigte das. “Du hast Recht. Es wird getanzt werden, und nein, niemand erwartet von euch, dass ihr euch in der Kunst der lokalen Tänze als bewandert erweist. Ihr könnt euch auf die Seite stellen und einfach zusehen. Ihr werdet die Tänze als recht unterschiedlich zu denen erleben, die ihr kennt. Der Grundgedanke ist, dass eine Frau mit einem Mann teilnimmt, doch die Tänze selbst erfordern häufige Interaktionen mit unterschiedlichen Paaren. Alles ist sehr gut aufeinander abgestimmt und präzise und angenehm mitanzusehen, doch jeder falsche Schritt wird sofort offensichtlich.”

“Klingt ja reizend”, meinte Eryn ausdruckslos, froh darüber, dass sie außen vor bleiben konnte.

Ihre Aufgabe für diesen Abend war es, gesehen zu werden, mit so vielen Leuten wie nur möglich zu reden und alles in allem einen positiven Eindruck zu hinterlassen, damit man geneigt war, mit ihnen zu kooperieren und zu helfen oder ihre Untersuchungen zumindest nicht zu behindern.

Gemäß der Gästeliste, die Erbál sie hatte auswendig lernen lassen, würden fünf Richter und sechs Regierungsmitglieder an diesem bescheidenen Anlass teilnehmen. Das waren diejenigen, die Eryn und Enric als ihre Priorität betrachten mussten. Obgleich sie auf Erbál angewiesen waren, damit er sie in die richtige Richtung wies und sie vorstellte. Andernfalls waren diese Leute nicht mehr als eine anonyme Masse an pompösen Kleidern, farbenfrohen Gesichtern und seltsamen Frisuren.

Erbál hatte ihnen erklärt, dass es keine große allgemeine Vorstellung der Ehrengäste geben würde. Die Leute würden stattdessen von sich aus mit ihnen reden und ihre Bekanntschaft suchen. Und denjenigen, die dies absolut nicht wünschten, sondern einfach nur einen angenehmen Abend auswärts verbringen wollten, stand dies ebenfalls frei.

Eryn erschauderte, als sie sah, wie eng die Kleider mancher Frauen um die Taille geschnürt waren. Wie konnten die sich überhaupt bewegen? Konnten sie so ein gefahrvolles Unterfangen wie einen Tanz in Angriff nehmen, ohne nach ein paar Minuten als Folge der Anstrengung ohnmächtig zu werden? Nun, das würde sie wohl bald genug zu sehen bekommen.

Der Botschafter stellte sie einer Anzahl an Leuten von der Liste vor, die ein Interesse daran geäußert hatten, sie kennenzulernen. Er vollführte die Vorstellung in der hiesigen Sprache, und Eryn bemerkte, dass sie den Worten mit jedem Mal, wo sie wiederholt wurden, leichter folgen konnte.

Dennoch entschied sie sich dagegen, ihre Fremdsprachenkenntnisse im Moment einem Test zu unterziehen. Man wusste nie, ob es sich nicht einmal als nützlich erweisen mochte, dass die Leute vergaßen, dass sie eine Menge von dem verstand, was um sie herum gesprochen wurde.

Etwa eine Stunde musste vergangen sein, bevor die Musiker sich mit einem sanften Akkord Gehör verschafften, als wollten sie die Anwesenden vorsichtig an ihre Anwesenheit erinnern.

“Das ist die Einladung für jene Gäste, die zu tanzen wünschen, sich in der Mitte des Saals zu versammeln”, erklärte ihnen Erbál. “Es ist immer die gleiche Melodie zu Beginn, um zu signalisieren, dass der Abschnitt des Abends, wo getanzt wird, gleich beginnt. Kommt, lasst uns ein wenig zurücktreten.” Er führte sie an einen Fleck, von dem aus sie die Vorgänge beobachten konnten, ohne im Weg zu stehen.

Sie sahen zu, wie zwölf Paare vortraten und sich teilten, um zwei gegenüberliegende Reihen zu formen, von denen eine ausschließlich aus Frauen, und die andere aus ihren männlichen Gegenstücken bestand. Als alle so arrangiert waren, dass der Tanz beginnen konnte, beendeten die Musiker ihre vorhergehende Melodie und begannen mit einer neuen.

“Sind es immer genau zwölf Paare?”, wollte Enric von Erbál wissen.

“Im Allgemeinen ja. Obwohl es auch ein paar Tänze für kleinere Zusammenkünfte gibt, die nur sechs erfordern. Und zwei, glaube ich, wo sich sechzehn Paare gegenüberstehen.”

Die Reihe der Männer neigte wie in einer einzigen Bewegung ihr Haupt vor den Damen, die die Geste daraufhin erwiderten. Dies erwies sich als die Eröffnung eines Musters an Bewegungen, die von jeder einzelnen Person erforderten, dass sie genau wusste, was sie zu tun hatte. Jedes zweite Paar trat vorwärts aufeinander zu, doch anstatt nach ihren Partnern zu greifen, drehten sie sich auf die Seite und näherten sich stattdessen dem Nachbarn ihres Partners, ergriffen dessen Hände und vollführten einen Kreis, bevor sie an ihren vorherigen Platz zurückkehrten.

Enric beobachtete die Bewegungsabläufe, fasziniert von den unvorhersehbaren Mustern, die sich alle paar Sekunden veränderten.

“Das ist… eindrucksvoll”, murmelte er Erbál zu. “Sehen all die Tänze so aus?”

“Ja, in der Regel schon. Tanzen wird hier nicht als Akt zweier Menschen betrachtet, sondern als einer für die gesamte anwesende Gesellschaft. Es erfordert Interaktion, Präzision, Eleganz und eine Menge Erfahrung. Ein Fehler eines einzigen Tänzers kann die Ordnung der gesamten Gruppe zerstören.”

Plötzlich erschienen die Bälle in Anyueel nicht mehr ganz so düster. Zumindest beinhaltete das Tanzen nicht das ständige Risiko, sich als unfähig bloßzustellen, weil ein Moment der Unaufmerksamkeit zu einem falschen Schritt oder verpassten Einsatz führte.

“Die Geschwindigkeit scheint mir recht langsam”, merkte Enric an. “Tanzen scheint mir kein besonders dynamischer Zeitvertreib. Oder trifft das lediglich auf dieses besondere Lied zu?”

Der Botschafter lächelte leise. “Sieh dir die Kleider an, Enric. Was denkst du, was geschehen würde, wenn du diese Frauen irgendwelchen strapaziösen Aktivitäten aussetzt? Sie würden umkippen.”

“Wie lange üben die Leute diese Tänze in der Regel, bevor man sie als tauglich erachtet, um sie in der Öffentlichkeit zu vollführen, ohne dass sie sich blamieren?”, fragte Eryn als nächstes.

“Einige Jahre. Es ist Teil der klassischen Ausbildung wohlhabender Bürger. Die Kinder lernen das Tanzen ab dem Alter von zehn Jahren. Es gibt besondere Anlässe nur für junge Menschen, wo sie ihren Fortschritt zeigen und für das tatsächliche Tanzen bei wichtigen Zusammenkünften mit einflussreichen Gästen üben können.”

Eryn presste ihre Lippen aufeinander. Somit war diese Art des Tanzens ein besonderes Merkmal der Reichen und Mächtigen. Ein weiterer Aspekt, den sie hier ablehnte. Bislang war ihr erster Eindruck von Kar kein besonders positiver. Lächerliche Kleidung, eine übertriebene Vorliebe für Titel und eine recht klare Vorstellung von Privilegien stand einem erstaunlichen System gegenüber, das auf Abruf heißes Wasser lieferte, wenn man einen Knauf drehte.

Sie wollte sich diese eklatante Demonstration von kostspieliger Bildung nicht länger ansehen. Es musste hier irgendwo einen Ort geben, wo sie ein paar Minuten lang Ruhe und Frieden genießen konnte.

*  *  *

Eryn stieß den Atem aus und starrte ihr Spiegelbild vor dem Hintergrund des geräumigen Badezimmers an, in das sie für ein paar wertvolle Minuten vor den höflichen Unterhaltungen und prahlerischen Demonstrationen einer privilegierten Erziehung geflohen war.

Die dunklen, raffiniert gezeichneten Linien an den Rändern ihrer Augenlieder sahen mittlerweile etwas verschmiert aus. Der Grund dafür war wohl der Schweiß, der ihre gesamte Haut zu befeuchten schien. Sie fragte sich, wie gefleckt der Stoff unter ihren Armen wohl sein würde, wenn sie später aus dem Kleid herausstieg. Sie griff nach einem kleinen Handtuch, füllte die Keramikschüssel vor sich mit Wasser aus einer dieser wundersamen Rohrkonstruktionen und tauchte das Handtuch hinein. Dann tupfte sie vorsichtig um ihre Augen herum, um einen Gutteil der schwarzen Farbe zu entfernen, der ihre Augen größer wirken lassen sollte. Als Nächstes wusch sie sich die Schweißperlen von der Stirn und setzte dann damit fort, das kühle, feuchte Tuch auf jedes Stück unbedeckte Haut zu pressen, dass sie erreichen konnte. Das würde ihr zumindest für eine kurze Weile Abkühlung verschaffen.

Mit einem letzten leidgeprüften Blick auf ihr zweidimensionales Gegenstück öffnete sie die Tür und trat hinaus in den angenehm ruhigen Korridor, dessen Lichter gerade hell genug waren, damit die Besucher den Weg fanden. In der Ferne konnte sie die behäbige und leicht melancholische Musik vernehmen, die maßgeschneidert war für die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Frauen. Es wäre rücksichtsvoller, sie aus dem Gefängnis dieser Fallen zu befreien, die man hier Kleider nannte, anstatt ihnen zu erlauben, ohne rasche Bewegungen zu tanzen, dachte Eryn verdrießlich und zwang sich dazu, weiter auf die lebhafte Versammlung zuzugehen. Nun, zumindest der männliche Teil davon konnte sich eine gewisse Lebhaftigkeit erlauben – die Frauen mochten ohnmächtig werden, falls sie es versuchten.

Alle paar Schritte auf dem Weg zurück kam sie an einer weiteren geschlossenen Tür mit einem Türrahmen doppelt so groß wie sie selbst mit aufwändig geschnitzten Verzierungen vorbei. Ihre Schritte verlangsamten sich, als sie eine Tür bemerkte, die einen Spaltbreit offenstand. Das war nicht der Fall gewesen, als sie vor einigen Minuten hier vorbeigekommen war. Es gab kein Licht darin, also bot sich wohl die Schlussfolgerung an, dass sich niemand darin aufhielt. Sie sah sich kurz um und überprüfte, ob sie unbeobachtet war, bevor sie sich der Tür näherte. Ihr Unwille, zu den anderen zurückzukehren und die Neugier, wie wohl ein regulärer Raum in dieser Villa aussah, ließen sie die Tür ein wenig weiter aufschieben. Sie verharrte regungslos, als sie ein seltsames, regelmäßiges Geräusch hörte, das sie an das Aufsperren eines Schlosses erinnerte. Vielleicht war es ein weiteres Gerät wie ihre Klangmaschine oder das mechanische Spielzeug?

Dankbar, dass die Türangeln gut gepflegt waren und nicht knarrten, schlüpfte sie in das Zimmer. Auch nach ein paar Sekunden, während derer sie ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte sie noch immer nicht mehr erkennen als verschwommene Umrisse der Möbel. Lediglich das Licht, das hinter ihr vom Korridor hereinfiel, leuchtete ihre unmittelbare Umgebung so weit aus, dass sie zumindest nirgendwo dagegen stoßen würde.

Sie folgte dem eigentümlichen Geräusch ein paar Schritte weit und stand direkt vor einer runden Scheibe, unter der irgendwelche klobigen, länglichen Objekte baumelten. Die waren allein deshalb erkennbar, weil das dunkle Material einen starken Kontrast zu der hellen Wand dahinter bot.

“Was haben wir denn hier”, murmelte sie zu sich selbst und versuchte, im Halbdunkel weitere Details zu erkennen.

Die runde Scheibe schien in regelmäßigen Abständen über Markierungen zu verfügen, doch sie konnte nicht sagen, ob diese lediglich dekorativer Natur waren oder irgendeinem bestimmten Zweck dienten. Dahinter saß irgendeine Art von Mechanismus, der das Geräusch produzierte, das sie hereingelockt hatte. Sie konnte nichts erkennen, als sie einen Blick dahinter warf. Die Scheibe schluckte sogar noch das letzte Quäntchen an Licht, das durch die offene Tür hereinfiel. Sie wollte nichts anfassen und beschädigen, also trat sie einen Schritt zurück und seufzte.

“Keine Chance ohne Licht”, murmelte sie und wollte sich umdrehen, als eine freundliche männliche Stimme aus der Dunkelheit sie erstarrten ließ.

“Erlaube mir, dir zu Diensten zu sein”, bot sie hilfsbereit an in dem typischen Akzent der Einheimischen, wenn sie sich Eryns Sprache bedienten.

Oh nein – das würde ihr eine Standpauke von Enric einbringen, dachte sie, bevor ein leises, kratzendes Geräusch ertönte, dem eine kleine Flamme folgte, die zuerst eine, dann eine weitere Lampe erhellte.

Eryn blinzelte ob der plötzlichen Helligkeit, dann fand sie einen Mann vor, der auf einem geschmackvollen Sofa saß, das aussah, als diente es mehr der Dekoration denn als bequemes Sitzmöbel. Sie hatte also falsch gelegen mit ihrer Annahme, dieses Zimmer sei unbesetzt. Wer schlich sich denn einfach so davon und versteckte sich in einem dunklen Raum? Nun, wohl jemand genau wie sie selbst, kam es ihr in den Sinn.

“Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan, wie ich annehme”, fuhr die fremdländische, doch angenehme Stimme fort. Es klang nicht nach einer Frage. Doch da sie sehr wahrscheinlich die einzige weibliche Besucherin aus dem Süden war, die gegenwärtig in der Stadt verweilte, war es keine allzu eindrucksvolle Leistung, dass er ihre Identität korrekt erraten hatte.

“Ja, das bin ich.”

Ihre Augen passten sich nun an das Licht an und erlaubten ihr, ihre unerwartete Gesellschaft genauer zu betrachten. Er mochte etwa in ihrem Alter sein, von adretter Erscheinung und eine Spur weniger farbenfroh gekleidet als die anderen Männer, die sie an diesem Abend erblickt hatte. Das allein sprach schon für ihn. Sein hellbraunes Haar war zurückgestrichen, so wie es hier offensichtlich Mode war. Das ermöglichte einen uneingeschränkten Blick auf intelligente graue Augen, eine fein geschnittene Nase und den dünnen Streifen eines Bartes, der der Linie seines Kinns und der Oberlippe folgte. Ein ansehnliches, einnehmendes Gesicht. Das im Augenblick Belustigung ausdrückte.

“Ich wollte hier nicht eindringen. Wirklich nicht”, versicherte sie ihm eilig. “Ich entschuldige mich für die Unterbrechung von… was auch immer du hier drin getan hast. Ich werde nicht länger stören und mich verabschieden.”

“Ich hatte den Eindruck, du würdest die Uhr gerne untersuchen”, erwiderte er höflich. “Du hast mich keineswegs gestört. Ich nehme mir lediglich die Freiheit, ein paar Minuten in einsamer Erwägung zu verbringen, wenn ich die Anstrengung sozialer Interaktionen als allzu ermüdend empfinde.”

Während sie noch überlegte, wie sie auf diese Aussage reagieren sollte, erhob er sich. Er war merklich größer als sie selbst und bewegte sich mit beinahe makelloser Eleganz.

In einer Entfernung, die angenehm war ohne ihr zu nahe zu treten und sie nicht einschüchterte, blieb er stehen.

“Ich gehe davon aus, dass dir mechanische Methoden zur Zeitmessung nicht vertraut sind?”, erkundigte er sich höflich.

“Ich… nein. In Anyueel haben wir andere Methoden wie Wasseruhren oder Öllampen mit Markierungen, und die Westlichen Territorien benutzen dafür Sanduhren und Sonnenuhren”, antwortete sie.

“Dann gewähre mir das Vergnügen, dir den Mechanismus zu erklären, den wir zu diesem Zweck verwenden”, bot der hilfsbereite Fremde an.

Eryn nickte, froh darüber, dass ihrem Eindringen nicht mit Verärgerung, sondern mit unverhoffter Zuvorkommenheit begegnet wurde. Auf seine Einladung hin trat sie wieder näher auf die Uhr zu. Die Scheibe war mit zwölf Symbolen markiert, die sie als Zahlen erkannte. Als sie dahinter blickte, sah sie nun, dass der Mechanismus ausschließlich aus einigen Zahnrädern in unterschiedlichen Größen und einer Spirale mit kleinen Gewichten daran zu bestehen schien.

“Das hier ist ein recht altes Exemplar”, erklärte ihr der Mann. “Ich würde vermuten, dass es sich seit mindestens zwei Jahrhunderten im Besitz der Familie Weisen befinden muss. Ein Erbstück, sofern das der korrekte Begriff ist.”

Zwei Jahrhunderte, dachte Eryn, während ihr Hals trocken wurde. Dieses erstaunliche Gerät war hier veraltet, während es in ihrem Zuhause eine spektakuläre Neuheit wäre.

Ganz ohne Aufforderung begann er ihr den Mechanismus zu erklären.

“Diese Art von Uhr besteht aus sehr grundlegenden Komponenten. Das hier” – er deutete auf ein mittelgroßes Rad mit besonders feinen Zacken – “ist das Zahnrad, das als Hauptrad bezeichnet wird. Dahinter befindet sich ein langer, dünner Metallstreifen, der als die Hauptfeder bekannt ist. Dieser Teil speichert Energie. Wieviel gespeichert werden kann, hängt stark von der Elastizität des Materials und seiner tatsächlichen Länge ab.” Dann deutete er auf eine Ansammlung von vier Zahnrädern. “Die ersten drei dort bilden das Räderwerk. Das erste Rad davon zeigt die Minuten an, das dritte die Sekunden. Angetrieben wird es von den Gewichten, die du dort hängen siehst. Doch da wir nicht wollen, dass die gesamte Kraft zu schnell freigesetzt wird, benötigen wir etwas, das die Freigabe kontrolliert. Diese Kombination von Teilen nennt sich Anker und besteht aus einer Unruh, die vor und zurück schwingt und so die Abgabe der Energie kontrolliert, immer ein Zahn auf einmal.”

Eryn starrte die Zahnräder unterschiedlichen Durchmessers und mit einer Variation von Zähnen unterschiedlicher Größe und Form an. Sie versuchte zu kombinieren, was sie gerade gehört hatte, indem sie auf die wenigen Grundlagen der Mechanik zurückgriff, die sie sich zuhause durch das Zerlegen der Geräte erarbeitet hatte.

“Die Gewichte üben Druck auf das hier aus, das diesen dann weitergibt, nur eben nicht zu schnell. Was uns zu diesen Komponenten hier bringt, die dafür zuständig sind, alles langsam und regelmäßig zu halten. Die Bewegung wird dann auf diese Zahnräder hier übertragen, die diese Stäbchen auf der Scheibe bewegen”, versuchte sie es in eigene Worte zu fassen und hoffte, dass sie sich nicht vollkommen zum Narren machte.

Der Mann überlegte einen Moment lang, während sich seine elegant geformten Augenbrauen zusammenzogen, als er versuchte, eine Verbindung herzustellen zwischen ihrer amateurhaften Erklärung und seinen vorangegangenen Worten. Dann nickte er.

“Ja, so kann man das sagen. Gut gemacht.”

Eryn trat einen Schritt zurück und betrachtete die andere Seite der Scheibe mit all den Zahlen und den drei kurzen Stäben.

“Wie wird das dritte Stäbchen bewegt? Du hast Zahnräder für zwei davon erwähnt.”

“Wir bezeichnen die Stäbchen als Zeiger. Und du hast Recht, ich habe nur zwei davon erwähnt. Sehr aufmerksam von dir. Es gibt ein eigenes Rad für den langsamsten der Zeiger, der nur nach einer gewissen Anzahl von Umdrehungen des Minutenrads bewegt wird.”

“Wie lese ich das?”, fragte sie weiter. “Ihr unterteilt eure Tage in nur zwölf Einheiten? Das ist ein vollkommen neues Konzept für mich. Ich bin an vierundzwanzig Stunden gewohnt.”

“Ebenso wie wir. Der Stundenzeiger bewegt sich an einem Tag zweimal um das Ziffernblatt.”

“Welcher ist das? Der pummelige dort?”

Er blinzelte und lächelte dann. “Ja, jener, der weniger athletisch wirkt. Der schlankere ist für die Minuten, und der lange, dünne Zeiger für Sekunden. Jede Umdrehung des Sekundenzeigers führt dazu, dass sich der Minutenzeiger um eine kleine Markierung weiterbewegt. Und nachdem sechzig kleine Markierungen überwunden wurden, bewegt sich der Stundenzeiger vorwärts.”

Eryn starrte das Ziffernblatt eine halbe Minute lang an, dann versuchte sie: “Damit ist es jetzt gerade neunzehn Stunden, achtundzwanzig Minuten und ungefähr vierzig Sekunden spät.”

“Das stimmt. Wenngleich wir eher sagen würden, dass es sieben Uhr achtundzwanzig am Abend ist.”

“Was passiert, wenn die Gewichte das Ende der Schnur erreichen?”

“Dann muss die Uhr aufgezogen werden, damit sie weiterhin ihre Dienste leisten kann.”

Sie nickte langsam, eingenommen von dieser faszinierenden neuen Methode, die Zeit unter Verwendung von Zahnrädern zu messen.

“Doch wie ich schon sagte, handelt es sich hier um einen überholten Mechanismus. Wir haben in der Zwischenzeit ausgeklügeltere entwickelt, die keiner Gewichte oder Pendel mehr bedürfen.” Er legte den Kopf schief. “Du wärst nicht etwa daran interessiert, mehr darüber zu erfahren?”

Eryn sah zu ihm auf und schluckte. Sie wusste, wie unnachgiebig dieses Land seine Technologie und sein Wissen bewachte. Dieser Mann mochte sich bereits jetzt Ärger eingehandelt haben, sofern irgendjemand von dieser kleinen Unterrichtsstunde soeben erfuhr.

“Ich fürchte, das wäre keine besonders vernünftige Idee. Ich schätze das Angebot, möchte dir aber keine Schwierigkeiten einbringen”, zwang sie sich zu sagen.

Sein Lachen war ein Ausdruck aufrichtigen Amüsements. “Hat dir dein Botschafter eine Liste mit namhaften Personen von öffentlichem Interesse erstellt? Oder zumindest eine Gästeliste für diesen Abend?”

Leicht verwirrt fasste sie ihn ins Auge. Was für eine Frage war das als Reaktion auf ihre Sorge um sein Wohlbefinden?

“Ja, eine Gästeliste. Weshalb?”

“Ich gehe davon aus, dass er betont hat, wie wichtig es ist, sie auswendig zu lernen, damit du die Leute korrekt ansprechen kannst?”

“Ja! Warum fragst du?”, rief sie ungeduldig.

“Dann bin ich zuversichtlich, dass dir mein Name bekannt sein wird.” Er stellte sich eine Spur aufrechter hin. “Ich bin Etor Gart, Legen der Durachts, Konsul erster Ebene von Pirinkar. Es ist mir ein Vergnügen, deine Bekanntschaft zu machen.”

Eryn runzelte kurz die Stirn, als sie sich zu erinnern versuchte, unter welcher Kategorie dieser Name gestanden hatte. Er hatte Recht, er klang vertraut.

Sie riss die Augen auf, als die Erinnerung zurückkehrte. “Etor Gart! Vertreter der höchsten Regierungsebene!” Verdammt, er war wichtig, und zwar so richtig! Und ihm unter solchen Umständen zu begegnen!

“Das ist richtig. Du siehst also, dass es in meinem Ermessen liegt, dir dieses Angebot zu machen, ohne damit eine Inhaftierung oder sonstige Sanktion zu riskieren,” lächelte er. “Wenngleich mich deine Sorge rührt.” Er hob seinen rechten Arm, um ihn ihr anzubieten. “Sollen wir zu den anderen Gästen zurückkehren?”

*  *  *

So subtil er es vermochte, stieß Erbál Enric an und nickte in die Richtung, wo Eryn den Saal betrat, ihre Hand auf dem Arm eines Mannes.

“Den kenne ich”, murmelte Enric und schloss seine Augen, um sich das Bild des Gerichtssaals vor sechs Jahren ins Gedächtnis zu rufen. Dieser Mann hatte einen Sitz am obersten Tisch gehabt. Somit war er einer der Regierungsvertreter. “Regierung”, fügte er hinzu.

Der Botschafter nickte. “Ja. Etor Gart. Ein Mann, der aus solchen Anlässen wie diesem hier wenig Vergnügen zieht. Diese Eigenschaft hat er mit deiner Gefährtin gemeinsam – hin und wieder macht er sich davon und versteckt sich ein paar Minuten lang. Kein Wunder, dass er und Eryn einander begegnet sind. Womöglich haben sie versucht, sich in der gleichen Nische zu verstecken.”

“Allerdings ein Mann, den es nützlich ist zu treffen”, flüsterte Enric zurück, mehr als willens, Eryn ihre verdächtig lange Toilettenpause zu verzeihen, wenn solch ein Ergebnis dabei herauskam. Besonders, da der Mann recht zufrieden wirkte. Das war eine unübliche Reaktion darauf, wenn man Eryn bei solch einer Veranstaltung begegnete. Leute, die den Versuch starteten oder dazu gezwungen waren, mit ihr zu interagieren, reagierten im Allgemeinen irritiert und verärgert anstatt erfreut.

“Das ist wohl wahr”, stimmte Erbál zu und lächelte, als die beiden in ihre Richtung kamen.

“Lam Enric, Reig von Haus Aren, Stellvertreter im Orden. Ich bin erfreut, dich wiederzusehen, wenngleich unter solch gravierenden Umständen”, grüßte Etor Gart und nickte ihm zu.

Enric reagierte in gleicher Weise. “So wie ich, Etor Gart, Legen der Durachts, Konsul erster Ebene von Pirinkar. Wir hoffen, dass sich all dies auf zufriedenstellende Weise lösen lässt.”

Dann begrüßte Etor Gart Erbál, indem er in seine Muttersprache wechselte. “Lam Erbál, Legen der Ferals, Botschafter in Kar. Es ist ein Vergnügen, dich hier zu sehen.”

“Das Vergnügen ist ganz das meine, Etor Gart, Legen der Durachts, Konsul erster Ebene von Pirinkar. Wie ich sehe, hast du Gistor Maltheá, Reig von Haus Vel’kim, Forscherin in Takhan bereits getroffen.”

Eryn strengte sich an, um dem Austausch zu folgen – besonders, nachdem ihr Name erwähnt worden war.

“Das habe ich.” Er lächelte ihr zu. “Ich fand ihr Interesse an mechanischen Geräten und ihre rasche Auffassungsgabe höchst stimulierend.”

Dann entschuldigte er sich und schlenderte davon, wobei er hin und wieder stehenblieb, um mit anderen Leuten zu sprechen.

“Was hat er gesagt? Das zum Schluss habe ich nicht ganz verstanden”, meinte sie stirnrunzelnd. “Hat er gesagt, ich hätte ihn stimuliert? Ich schwöre, ich habe nichts dergleichen getan! Er hat mir lediglich eine Uhr erklärt, und das einzige Mal, wo ich ihn angefasst habe, war, als ich seinen Arm auf dem Weg hierher ergriff.”

“Nein, es war nichts in dieser Art”, versicherte Erbál ihr rasch. “Er war von deiner Intelligenz beeindruckt. Es scheint, als würde er dich mögen.”

Eryn war erfreut über diese Beurteilung. Nachdem sie Lam Ceiga begegnet war, hatte sie schon befürchtet, alle Leute hier würden sie mit solcher Gleichgültigkeit behandeln.

“Lasst uns hier nicht herumstehen, sondern lieber versuchen, euch so vielen Leuten wie nur möglich vorzustellen”, legte der Botschafter ihnen nahe. “Wir sind immerhin zum Arbeiten hier.”

Also arbeiteten sie. Eryn fand heraus, dass bloßes Reden nicht ganz so schlimm war wie mit den Leuten tanzen zu müssen. Sie war auch froh, dass keine Notwendigkeit zur Demonstration übermäßiger Freude bestand, wenn man jemanden kennenlernte; nichts als eine höfliche Zusicherung, welches Vergnügen es war, reichte vollkommen. Das bedeutete, ihre Wangen würden am Ende dieses Abends nicht entkräftet sein von der Anstrengung des erzwungenen Lächelns.

Obwohl sie ihre Runden gemeinsam begonnen hatten, fanden sie sich in Gesprächen mit unterschiedlichen Personen wieder und setzten diese in ihrem eigenen Tempo in unterschiedlichen Richtungen fort. Diese Person wollte sie jener Person vorstellen, und dann mussten sie unbedingt noch einen guten Freund, ein Familienmitglied oder einen Bekannten treffen.

Pflichtbewusst beantwortete Enric Fragen über sein Heimatland, was genau der Orden war und weshalb er die Reise nach Kar auf sich genommen hatte, obwohl die Antworten auf alle drei selbstverständlich in einem Ausmaß modifiziert werden mussten, um für die Zuhörer angemessen zu sein. Erbál blieb eine Weile an seiner Seite, dann machte er sich auf die Suche nach Eryn, um sie eine Zeitlang zu begleiten, bevor er wieder zu ihrem Gefährten zurückkehrte.

“Ich hatte bereits das Vergnügen, deine ungemein bezaubernde und reizvolle Gefährtin kennenzulernen”, meinte Enrics aktueller Gesprächspartner. Reizvoll. Was für eine seltsame Art sich auszudrücken, wenn man sich auf die Gefährtin eines anderen Mannes bezog. Womöglich eine ungeschickte Formulierung in einer fremden Sprache, dachte er. Doch die folgenden Worte des Mannes zeigten ganz klar, dass dies keineswegs der Fall war.

“Ich habe mich gefragt, ob du wohl mein Angebot für ihre Gesellschaft für heute Nacht annehmen würdest?”

Damit wurde ein Stück stabiles, kostspielig aussehendes Papier in Enrics Hand gedrückt. Er starrte den Mann an, während er sich zwang, seinen Zorn über solch eine impertinente Anfrage unter Kontrolle zu bringen, und zwar rasch.

Erbál neben ihm hustete und lächelte den Mann an, der sich – ohne sich dessen im Klaren zu sein – in tödliche Gefahr manövriert hatte.

“Wirst du uns für einen kurzen Augenblick entschuldigen? Lam Enric, Reig of Haus Aren, Stellvertreter im Orden ist gleich wieder bei dir.” Er ergriff Enrics Arm und zog ihn beiseite und hinter eine Säule, die ihnen zumindest ein Quäntchen Privatsphäre gewährte.

Enrics Augen waren zusammengekniffen. Erzürnt zischte er: “Was hatte das zu bedeuten? Ist das eine Art Test, oder war es diesem Schwachkopf ernst damit? Das muss eine Art Beleidigung sein, wo man sehen will, wie ich darauf reagiere, wie sehr ich mich provozieren lasse!”

“Du musst dich augenblicklich beruhigen, Enric!”, beschwor ihn der Botschafter eindringlich. “Sein Begehr zum Ausdruck zu bringen, dass man die Nacht mit jemandes Gefährtin verbringen möchte im Austausch für monetäre Entschädigung, ist hier eine akzeptierte Vorgehensweise. Die Anfrage selbst ist keine Beleidigung. Dir eine niedrige Summe anzubieten allerdings schon. Lass uns das Papier ansehen, das er dir gegeben hat. Dann können wir sagen, ob das hier ein Test oder ein ehrliches Angebot ist.”

Enric öffnete das Papier und starrte auf eine dreistellige Zahl. Nach einer raschen Umrechnung verglich er den Betrag mit Goldstücken aus Anyueel. “Das wäre er bereit für eine Nacht mit Eryn zu bezahlen?”

Erbál nickte erleichtert. “So ist es. Das ist ein großzügiges Angebot, und ich kann dir sagen, dass du nicht beleidigt wurdest, sondern stattdessen ein großes Kompliment erhalten hast.”

Enric stieß den Atem aus und schloss die Augen. “Warum hast du uns auf so etwas nicht vorbereitet? Denkst du nicht, dass es uns einiges an Anspannung erspart hätte, wenn du das erwähnt hättest?”

“Ich entschuldige mich. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht wirklich damit gerechnet, dass man mit einem Angebot dieser Art an euch herantreten würde. Ihr seid Fremde hier, und im Allgemeinen würde man euch mehr Zeit zugestehen, um euch an die Gebräuche hier anzupassen anstatt zu erwarten, dass ihr ab dem ersten Tag mit allen davon vertraut seid.” Erbál drehte Enric herum. “Nun wirst du zu dem netten Mann zurückkehren, ihm für sein großzügiges Angebot danken und es höflich ablehnen. Dabei wirst du weder ihm, noch dem Brauch, oder auch der Gesellschaft, der er entstammt, mit Verachtung begegnen. Hinfort mit dir.”

Enric warf ihm über die Schulter einen finsteren Blick zu, tat aber, wie ihm geheißen. Das war absurd. Er musste einem Mann dafür danken, dass er ein Interesse an einer Nacht wilder Vergnügungen mit Eryn geäußert hatte! Zuhause hätte er ihm mittlerweile die Nase gebrochen. Und vielleicht die eine oder andere Rippe.

Er kam bei dem Mann an, der höflich lächelte, als er seiner Antwort harrte.

“Ich danke dir für dein Interesse und deine Großzügigkeit, doch ich fürchte, ich kann dein Angebot nicht annehmen”, erklärte Enric höflich und nickte kurz, bevor er sich abwandte. Es war an der Zeit, Eryn zu finden und sie zu warnen.

*  *  *

“Er hat was getan?”, keuchte Eryn und starrte ihren Gefährten entsetzt an. Das konnte nicht wahr sein! Keinesfalls konnte ein Mann, der kaum mehr als ein paar Sätze mit ihr gewechselt hatte, töricht genug sein, um an ihren Gefährten heranzutreten in der Absicht, eine Nacht mit ihr zu erwerben?

“Ein wenig leiser, wenn du so gut wärst”, zischte Erbál. “So etwas ist hier üblich. Wenn jemand Gefallen an dem Gefährten einer anderen Person findet, dann unternimmt man sehr höfliche Schritte in dem Versuch, eine vergnügliche Nacht für sich zu arrangieren. Das bedeutet, dass man eine Ausgleichszahlung anbietet, und sofern diese akzeptiert wird, tritt man an die fragliche Person heran und lädt sie ein.”

“Das ist geisteskrank!”, beklagte sich Eryn flüsternd und spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg. Der hatte Nerven einfach anzunehmen, ihr Körper stünde zum Verkauf! Wirkte sie dermaßen verzweifelt und mittellos, dass jemand dächte, sie würde auch nur daran denken, solch ein dreistes Angebot anzunehmen? Welche Art von Botschaft schickte die Kleidung, in die Erbál sie gesteckt hatte?

“Es ist hier gang und gäbe, und ich würde dich dringend ersuchen, diese Diskussion zu verschieben, bis wir hier fort sind. In der Zwischenzeit rate ich dir, es als Kompliment zu betrachten und solche Angebote schlicht und einfach höflich abzulehnen, sollten dir noch weitere gemacht werden”, beharrte Erbál mit einem leisen Murmeln.

Eryn knirschte mit den Zähnen, dann verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. Ein Kompliment, was? Nun, das würde sich noch zeigen.

“Wer war es?”, verlangte sie zu wissen.

“Du meinst, wer ein Interesse an deiner Gesellschaft geäußert hat?”, fragte Enric, nicht besonders angetan von ihrem Interesse.

“Ja. Zeig ihn mir.”

Ihr Gefährte seufzte und drehte sich um und zurück zu den Gästen. Einige von ihnen tanzten, während andere herumstanden und sich über dem einen oder anderen Getränk unterhielten.

“Siehst du den Mann mit dem grünen Rock mit der dunkelgelben Weste darunter?”

“Den großen mit den roten Haaren und dem Schnurrbart?”

“Nein, weiter rechts. Dunkle Haare mit grauen Schläfen.”

Eryn betrachtete ihn eine Weile, dann zuckte sie mit den Schultern. Er war nicht eben von umwerfender Erscheinung, aber dennoch ansprechend genug, dass sie nicht damit gerechnet hätte, dass er für Geschlechtsverkehr bezahlen musste. Oder willens wäre. Nun, das bedeutete womöglich, dass sie es tatsächlich als Kompliment erachten konnte.

Erbál nahm Enric das kleine Stück dicken Papiers aus der Hand und reichte es Eryn. “Hier. Das hat er Enric für das Vergnügen deiner Gesellschaft geboten.”

Eryn faltete es auseinander und runzelte die Stirn über die Zahl. Rasch berechnete sie, welchem Betrag dies in Anyueel in Goldstücken entsprach. Eine Münze aus Pirinkar war ungefähr ein ein-dreiviertel Goldstück wert… Sie riss die Augen auf.

“Das sind mehr als fünfhundert Goldstücke!”, hauchte sie. “Für eine einzige Nacht mit mir?”

“Fünfhundert fünfundzwanzig”, fügte Enric trocken hinzu. “Kann ich davon ausgehen, dass du das Angebot nun als Kompliment anstatt als Beleidigung erachtest?”

“Nun…” Sie schluckte. “Ich schätze schon.” Sie wandte sich an Erbál. “Obwohl das davon abhinge, was der gängige Preis für solche Arrangements ist.”

“Lass mich dir versichern, dass er großzügiger war als ich erwartet hätte. Es scheint, als gefiele ihm der Gedanke daran, er könnte sich als Erster damit brüsten, eine Nacht mit dir verbracht zu haben.”

“Du sagst also, dass du nicht denkst, ich wäre diese Summe wert und dass du überrascht bist, dass jemand anderer in dieser Hinsicht nicht mit dir übereinstimmt?”, knurrte sie, aus irgendeinem unerfindlichen Grund von seinen Worten gekränkt.

“Ihm wärst du es jedenfalls wert, und das ist alles, was zählt”, erwiderte der Botschafter mit einem Grinsen. “Ich fürchte, ich habe deinen Stolz soeben ein wenig verletzt. Bitte verzeih mir – ich wollte nicht ungalant sein. Ich bin sicher, du wärst eine wundervolle Ablenkung für jeden Mann, der das Glück hat, sich deine Gesellschaft für eine Nacht zu sichern.”

Ich bin der einzige Mann, der sich ihre Gesellschaft für sämtliche Nächte sichert”, wandte Enric mit einer gewissen Schärfe ein und signalisierte damit wenig subtil, dass er keinesfalls willens war, dieses Thema noch weiter zu erörtern. Zuvor war sie darüber entsetzt gewesen, dass man sie wie eine Ware behandelte, und nun diskutierte sie, wie angemessen der angebotene Betrag war. Er hatte Ersteres vorgezogen. “Wie viel länger müssen wir noch bleiben?”, fragte er dann zur Überraschung seiner Gefährtin. Dies war das erste Mal, dass er derjenige war, der diese Frage an ihrer statt stellte.

Erbál hütete sich, sich in diesem Moment über ihn lustig zu machen. “Die Gäste werden bald für ein spätes Abendessen in den benachbarten Raum gerufen werden. Das ist der Zeitpunkt, wo es akzeptiert wird, wenn sich die ersten Gäste verabschieden, ohne dass daraus ein Anlass zum Ärgernis erwächst.”

“Gut. Dann werden wir genau das tun. Oder zumindest Eryn und ich. Dir steht es natürlich frei, ohne uns zu bleiben.”

Der Botschafter schüttelte den Kopf und lächelte. “Ich würde euch lieber begleiten und mir anhören, was eure Eindrücke von diesem Abend waren.”

*  *  *

Erbál reichte Eryn eine dampfende Tasse mit dem cremigen, süßen Getränk, das die Leute – besonders Kinder – hier am Beginn und am Ende des Tages bevorzugten. Behutsam nahm sie sie entgegen, sorgsam darauf bedacht, nur den Henkel zu berühren und sich nicht die Finger zu verbrennen.

Es war kurz vor Mitternacht, und sie hatte soeben dieses schreckliche Kleid abgelegt und sich ihr Nachthemd angezogen. Es war nicht wirklich angemessen, sich irgendjemandem außerhalb der Familie im Schlafgewand zu präsentieren, doch die Schicklichkeitsregeln konnten ihr gestohlen bleiben. Sie enthüllte nichts in unanständiger Weise und hätte es absolut lächerlich gefunden, sich etwas anderes überzuziehen, wenn sie ohnehin bald zu Bett gehen würden. Und das hier war Erbál, ein alter Freund, der kein einziges Mal irgendein unangemessenes Interesse an ihr gezeigt und noch nicht einmal mit ihr geflirtet hatte um sie zu necken, so wie es sein Nachfolger Ram’kel zuweilen zu seiner eigenen Belustigung tat. Und dass Enric trotz seiner Tendenz zur Eifersucht entspannt wirkte, musste bedeuten, dass dies hier eine akzeptable Ausnahme war.

Sobald sie sich gesetzt hatte, wandte sich Enric an ihren Gastgeber. “Also. Erzähl mir mehr über diesen seltsamen Brauch, sich ein paar Stunden mit der Gefährtin einer anderen Person zu kaufen. Das kommt mir etwas merkwürdig vor in einer Kultur, die emotionale Distanz schätzt, übermäßig korrekt dabei vorgeht, alle möglichen Dinge zu dokumentieren und darauf achtet, dass die Grenzen zu anderen gewahrt bleiben.”

Erbál lächelte. “Ich weiß, dass man in Anyueel mit dem Prinzip der Prostitution vertraut ist. Und auch in Takhan. Sexuelle Gefälligkeiten gegen Bezahlung sollen angeblich eines der ältesten Gewerbe sein. Neu ist hier lediglich die Tatsache, dass ein Lebensbund nicht mit dem gleichen Ausmaß an Exklusivität einhergeht, wenn es darum geht, die Vorzüge seines Partners zu genießen.”

Eryn zog die Stirn in Falten. “War das nicht ursprünglich der einzige Sinn hinter der Einführung eines Lebensbundes? Um eine rechtliche Basis für genau diese Exklusivität zu schaffen?”

“Ja, vor vielen Jahrhunderten”, stimmte der Botschafter zu. “Doch wenn du die Gründe dafür betrachtest, dann kannst du sehen, weshalb man das heutzutage nicht mehr als ganz so notwendig erachtet. Erstens gab es damals noch keine magische Heilung, was bedeutet, dass Krankheiten, die durch geschlechtlichen Verkehr übertragen wurden, ein beträchtliches Problem waren. Dass dein Partner nicht mit anderen Leuten schlief war ein Weg, um Ansteckung zu vermeiden. Und dann wollte man noch sichergehen, dass die eigenen Nachkommen auch wirklich von einem selbst abstammten. Zumindest soweit es Männer betraf. Aus diesem Grund waren Männer in der Regel auch strenger, wenn es um die Treue der Frauen ging. Sie erkannten nicht, dass ihre Gefährtinnen Verführungsversuchen durch andere Männer weniger häufig ausgesetzt gewesen wären, hätte man diese Männer ebenso hart bestraft.”

Nachdenklich blickte Enric zur Decke empor. “Du sagst also, dass die praktischen Überlegungen, die Monogamie wünschenswert gemacht haben, nicht länger erforderlich sind, um körperliche Gesundheit zu gewährleisten und sicherzustellen, dass man nicht die Kinder eines anderen aufzieht? Das würde bedeuten, dass hier die emotionale Komponente keine übergeordnete Rolle spielt für ein Kommitment. Mein Hauptgrund dafür, dass ich nicht will, dass Eryn mit anderen Männern schläft, ist sicherlich nicht meine Angst, sie könnte schwanger werden oder eine Krankheit an mich weitergeben, sondern weil ich jemanden, den ich liebe und als zu mir gehörig betrachte, nicht teilen will.”

Erbál nickte zustimmend. “In der Tat. Doch wir müssen in diesem Fall zwischen den Klassen unterscheiden. Die meisten Kommitments hier sind nicht das Ergebnis daraus, dass sich zwei Menschen ineinander verlieben und einander immerwährende Liebe schwören. Meist geht es dabei um finanzielle und politische Überlegungen – und auch um den Wunsch, Nachkommen mit dem Makel der Magie zu vermeiden.”

“Also genau wie in den Westlichen Territorien”, murmelte Eryn. “Nur dass man dort das magische Potential erhöhen anstatt ausrotten will.”

“Aber, aber”, erwiderte Erbál mit einem leichten Vorwurf in der Stimme, “da muss ich widersprechen. Zuhause ist uns lediglich daran gelegen, junge Menschen zu vorteilhaften Verbindungen zu ermutigen – ganz sicher zwingen wir sie nicht dazu, wenn sie anderweitig geneigt sind. Denk an deine Schwester Pe’tala – sie ist ein gutes Beispiel. Sie entschied, sich nicht an ihren Verehrer zu binden, und das wurde ohne jeden Überredungsversuch akzeptiert. Nun, zumindest von Seiten ihres Vaters und den Eltern des Jungen. Wir schätzen eine emotionale Bindung, da wir nicht wollen, dass unsere Kinder bitter und unglücklich werden. Denn sobald Emotionen eine Rolle spielen, wird der Gedanke, den Partner mit anderen zu teilen, inakzeptabel.”

Enric wirkte nachdenklich. “Du hast erwähnt, man müsse zwischen den sozialen Klassen unterscheiden. Ich schätze, das bedeutet, dass arrangierte Kommitments vorwiegend eine Strategie der höheren Klassen sind? Alle anderen folgen dem Prinzip, sich aus Liebe an eine andere Person zu binden?”

Erbál lächelte. “Nun, sagen wir stattdessen lieber, dass sie es zumindest als Ideal betrachten, dem Herzen zu folgen. Genau wie wahrscheinlich auch an jedem anderen Ort der Welt, haben Kommitments eine Auswirkung auf die finanzielle Situation. Die Kinder eines reichen Händlers oder Handwerkers werden stets mehr Anwärter auf ihre Hand haben als die eines armen Straßenfegers. Das ist hier nicht anders als in jedem unserer Länder.”

“Nach Herzenslust die Partner untereinander zu tauschen ist also lediglich eine dekadente Sitte unter den Reichen, weil sie in lieblose Kommitments gezwungen wurden. Wie reizend”, knurrte Eryn. “Können die Frauen zumindest mitreden, mit wem sie die Nacht verbringen, oder werden sie lediglich informiert, bei welcher Adresse sie auftauchen sollen?”

“Du missverstehst mich”, korrigierte Erbál sie. “Das betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Solltest du einen anziehenden Mann treffen, mit dem du die Nacht verbringen willst, steht es dir ebenso frei, an seine Gefährtin heranzutreten und ihr ein Angebot für das Vergnügen seiner Gesellschaft zu unterbreiten. Sollte sie akzeptieren, ist das noch kein Versprechen, dass es auch passieren wird. Es ist nichts anderes als ihr Einverständnis, dass du ihn einladen kannst. Er hat noch immer jedes Recht abzulehnen, solltest du nicht nach seinem Geschmack sein. Das Gleiche gilt für Frauen. Hätte Enric dem Angebot heute Abend zugestimmt, so wärst du noch immer in einer Position gewesen, es abzulehnen.”

“Wenn ich darüber nachdenke”, sinnierte Enric, “dann schätze ich, dass es doch zu der Kultur passt. Es ist ein recht kalter und distanzierter Weg, um seine körperlichen Bedürfnisse zu stillen.”

“Es ist Prostitution, nichts weiter”, knurrte Eryn.

Erbál zuckte mit den Schultern. “Das ist ein Standpunkt. Keiner, den ich teile, wohlgemerkt. Prostitution ist meiner Ansicht nach kein Handel zwischen Gleichgestellten, sondern einer, wo die Bedürfnisse einer Person Vorrang haben. Das ist hier nicht der Fall. Beide Parteien müssen zustimmen, und da wir hier über eine soziale Klasse sprechen, die in der Regel nicht dringend auf Geld angewiesen ist, spielen finanzielle Anreize kaum jemals eine große Rolle.” Er hielt kurz inne, dann korrigierte er: “Obwohl ich zugeben muss, dass Personen mit sehr hohem Ansehen erheblich seltener – wenn überhaupt – eine Abfuhr erhalten.”

“Was bedeutet, dass es eine Beleidigung wäre, und dass die Leute vermeiden wollen, wichtige Leute gegen sich einzunehmen?”, vermutete Eryn. “Was bedeutet das für uns? Wie wichtig war der Mann, der heute Abend dieses Angebot für mich gemacht hat?”

Der Botschafter winkte ab. “Wie sein Angebot zeigt, hat er beträchtliche Mittel zu seiner Verfügung, doch er hält kein Amt, das es ihm ermöglichen würde, uns das Leben zu erschweren, wenn er uns die Kooperation verweigert. Obwohl sich niemals sagen lässt, wer seine Freunde sind und ob diese willens wären, dich für eine empfundene Beleidigung zu bestrafen.”

“Das bedeutet, wir sollten hoffen, dass niemand wie Etor Gart ein Angebot macht”, knurrte Enric. “Ich habe nicht die Absicht, dieses Ausmaß an Nachgiebigkeit an den Tag zu legen, um uns eine Chance auf Fortschritt zu sichern.”

“Ich bin zuversichtlich, dass das nicht nötig sein wird”, versuchte Erbál ihn zu beruhigen. “Leute in seiner Position sind mit so etwas in der Regel vorsichtiger. Ohne Zweifel sind sich die meisten von ihnen im Klaren darüber, dass eure Länder es nicht mit dieser Art Brauch halten.”

“Du könntest auch dieses Mal wieder falsch liegen”, erwiderte Enric gnadenlos. “Du dachtest auch, niemand wäre so kühn, wenig mehr als einen Tag nach unserer Ankunft hier mit solch einem Angebot an uns heranzutreten.”

Erbál presste als Reaktion auf diesen Vorwurf einen Moment lang die Lippen aufeinander, blieb aber ruhig. “Du hast Recht, ich habe die Situation falsch eingeschätzt”, gab er mit einer gewissen Steifheit zu. Er war bekannt dafür, dass er bei seinen Annahmen größte Vorsicht walten ließ. Pe’tala hatte vor einigen Jahren ihre Schwester sogar ausgelacht, weil sie Erbáls Worte in Zweifel gezogen hatte. Immerhin war bekannt, dass er immer richtig lag. Es musste an ihm nagen, dass er sich geirrt hatte. Und dass Enric so unverblümt den Finger darauf legte, musste es noch unangenehmer machen.

“Nun, es war nur eine Kleinigkeit. Und es ist kein Schaden daraus entstanden”, warf Eryn ein, ihr Ton versöhnlich. Mit einem Seitenblick auf Enric fügte sie hinzu: “Die Person, deren Voraussagen ohne Fehl zutreffen, muss ich erst noch kennenlernen.”

Enric verstand den Hinweis und seufzte, dann drehte er sich zu Erbál. “Ich entschuldige mich. Dieser Vorfall hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Und der Gedanke, meine Weigerung dahingehend, dass andere Männer mit meiner Gefährtin intim werden können, könnte zu Komplikationen führen, macht mich nervös. Und dass die Männer in dieser Stadt glauben, sie hätten die Freiheit, über Eryn als mögliche Bettpartnerin auch nur zu denken, verstört mich noch mehr.”

“Ich verstehe”, erwiderte Erbál großzügig. “Keine Sorge. Ich fühle mich nicht angegriffen. Ich kann dir nur sagen, dass das Gesetz Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung untersagt, also liegt es in deiner Macht, ihn abzulehnen. Jeder Versuch, Eryn dazu zu zwingen, würde der Person, die es versucht, nicht nur öffentliche Schande einbringen, sondern hätte auch ernsthafte juristische Konsequenzen. Aber lasst uns nicht länger bei diesem unangenehmen Thema verweilen und lieber besprechen, wie wir weiter vorgehen sollen.”

Eryn zog fragend eine Augenbraue hoch und beschrieb mit ihrem Zeigefinger einen Halbkreis in der Luft. Das war die Geste, die der König bei seinem Besuch in der Klinik vor ein paar Jahren benutzt hatte, um ihr zu signalisieren, dass sie eine schalldichte Barriere errichten sollte. Doch anders als sie selbst damals, schien Erbál sofort zu verstehen, was sie damit meinte. Fast unmerklich schüttelte er den Kopf und gab ihr damit zu verstehen, dass potentielle versteckte Zuhörer keinerlei wertvolle Einblicke von der nachfolgenden Unterhaltung gewinnen würden. Es war ein Thema, von dem erwartet wurde, dass sie es besprachen.

“Wir sollten mit den Priestern in Kontakt treten”, schlug Enric vor.

Der Botschafter nickte. “Daran habe ich ebenfalls gedacht. Ich würde empfehlen, dass ihr nicht sofort mit euren Recherchen beginnt, sondern erst daran arbeitet, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Nur ungern teilen die Leute hier Informationen mit Fremden oder arbeiten mit ihnen zusammen. Was bedeutet, ihr solltet daran arbeiten, nicht als Fremde wahrgenommen zu werden.”

Eryn seufzte. Das klang nach einem zeitintensiven Unterfangen – besonders, da sie hier über fünf Tempel sprachen. Vedric würde wohl schon mitten in der Pubertät sein, bevor seine Eltern zurückkehrten, grübelte sie säuerlich.

“Ich schlage vor, ihr beginnt mit dem Tempel des Inneren Zirkels”, legte Erbál ihnen nahe.

Ihre Augenbrauen wanderten nach oben. “Das ist derjenige, dem Malriels Ankläger entstammt.”

“Genau der”, bestätigte Erbál. “Meine Hoffnung ist, dass sie noch immer angemessen beschämt sind und es daher als eine Art Wiedergutmachung betrachten, mit euch zu kooperieren.”

“Dann werden wir dort beginnen”, pflichtete Enric bei, bestrebt zu zeigen, dass er Erbáls Einschätzung vertraute, obwohl er ihn zuvor beleidigt hatte. “Ich erinnere mich an die Notizen zu den Tempeln, die du während deiner jährlichen Besuche in Takhan angefertigt hast. Vor unserer eiligen Abreise habe ich sie mir noch einmal durchgesehen, doch ich könnte deine Hilfe dabei gebrauchen, mir die Details noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Und Eryn hat sie überhaupt nicht gesehen.”

Erbál nickte und setzte sich etwas bequemer in seinen massiven Stuhl, um sich für ein längeres Gespräch einzurichten. Eryn erhitzte ihr cremiges Getränk noch einmal und hörte sich an, wie die Magier in dieser Stadt lebten.

»Ende der Leseprobe«

A.C. Donaubauer

2 Kommentare

Ferdinand Bracke Veröffentlicht am7:40 am - Aug 5, 2020

Hallo
alles tolle umd spannende Bücher.
ich warte schon auf Buch 8.
Wann wird es kommen.
Mfg

Jela Engstler Veröffentlicht am9:01 am - Aug 30, 2020

Verregnete Herbsttage verlangen dringend nach Buch 8. Wie lange müssen wir uns denn noch gedulden?
Liebe Grüße und vielen Dank für diese tolle Buchreihe!

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